S.
I
DIE WISSENSCHAFTLICHE LITERATUR
DER TRAUMPROBLEMEAuf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen,
daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume
zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum
sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an
angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen
ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von
denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes her-
rührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psy-
chischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinander-
wirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Dar-
stellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo
das Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet,
deren Lösung an anderem Material in Angriff genommen werden
muß.Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie
über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen-
schaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht
häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissen-
schaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend-
jähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von denS.
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Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, ein
zelne Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis
ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele an-
regende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu
unserem Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des
Traumes träfe oder eines seiner Rätsel endgültig löste. Noch
weniger ist natürlich in das Wissen der gebildeten Laien über-
gegangen. [E 1]Die erste Schrift, in welcher der Traum als ein Objekt der
Psychologie abgehandelt wird, scheint die des Aristoteles (Über-
Träume und Traumdeutung) zu sein. Aristoteles erklärt, der
Traum sei zwar dämonischer Natur, aber nicht göttlicher, was
wohl einen tiefen Sinn enthüllt, wenn man davon die richtige
Übersetzung trifft. [E 2] Er kennt einige der Charaktere des Traum-
lebens, z. B. daß der Traum kleine, während des Schlafes ein-
tretende Reize ins Große umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer
zu gehen und heiß zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende
Erwärmung dieses oder jenes Gliedes stattfindet1)), und zieht aus
diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume sehr wohl die
ersten bei Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden
Veränderung im Körper dem Arzt verraten könnten. Zu einem
tieferen Verständnis der aristotelischen Abhandlung vorzudringen,
ist mir, bei nicht ausreichender Vorbildung und ohne kundige
Hilfe, nicht möglich geworden.Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich nicht
für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für
eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen
Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jeder-
zeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen
geltend. Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem
Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu ver-
künden, von eiteln, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es
war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen. [E 3]1)Vgl. Aristoteles, Über Träume, Kap. 3.
S.
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Diese vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicher
lich im vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung,
welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was
nur innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies
dem Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die
am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traum empfängt,
denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Frem-
des, das gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen
psychischen Inhalte entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen,
daß die Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in
unseren Tagen der Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und
mystischen Schriftstellern abgesehen, – die ja recht daran tun,
die Reste des ehemals ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen
besetzt zu halten, solange sie nicht durch naturwissenschaftliche
Erklärung erobert sind, – trifft man doch auch auf scharf-
sinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren
religiösen Glauben an die Existenz und an das Eingreifen über-
menschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklärbarkeit der
Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner). Die Wert-
schätzung des Traumlebens von seiten mancher Philosophen
schulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach-
klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes,
und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft
des Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die
psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des ange-
sammelten Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die
Sympathien eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungs-
art ergeben hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hin-
neigen mögen.Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traum-
probleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser Er-
kenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag,
ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist.S.
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Es ist nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resul-
taten gekommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher
weitergebaut hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen
Probleme von neuem und wie vom Ursprung her wieder an.
Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von
jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die
Traumprobleme er geäußert, so müßte ich darauf verzichten,
ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der
Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen,
die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren an-
zuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme anführen,
was an Material zur Lösung desselben in der Literatur nieder-
gelegt ist.Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr
verstreute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegen-
standes zu bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu
bescheiden, wenn nur keine grundlegende Tatsache und kein
bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner Darstellung verloren ge-
gangen ist.Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt ge-
sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange ab-
zuhandeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände,
welche in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vor-
kommnisse (wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen.
Dagegen zeigt sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das
Thema eingeschränkt zu halten und etwa eine einzelne Frage aus
dem Gebiet des Traumlebens zum Gegenstande zu nehmen. In
dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck der Überzeugung
sehen, daß in so dunkeln Dingen Aufklärung und Übereinstim-
mung nur durch eine Reihe von Detailuntersuchungen zu erzielen
sein dürften. Nichts anderes als eine solche Detailuntersuchung,
und zwar speziell psychologischer Natur, kann ich hier bieten.
Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem des Schlafes zuS.
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befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches Problem,
wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustandes die Verände-
rung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat mit
enthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafes
hier außer Betracht.Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an
sich führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden
Fragestellungen:A
Beziehung des Traumes zum Wachleben
Das naive Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum –
wenn er schon nicht aus einer anderen Welt stammt – doch
den Schläfer in eine andere Welt entrückt hatte. Der alte Phy-
siologe Burdach, dem wir eine sorgfältige und feinsinnige Be-
schreibung der Traumphänomene verdanken, hat dieser Überzeu-
gung in einem viel bemerkten Satze Ausdruck gegeben (S. 474):
„… nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen An-
strengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, viel-
mehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst
wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstande erfüllt war,
wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen, oder eine Aufgabe
unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns
der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt
aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombi-
nationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein
und symbolisiert die Wirklichkeit.“ [E 4]In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell in der
mit Recht von allen Seiten hoch gehaltenen Studie über die
Natur und Entstehung der Träume (S. 16): „Wer träumt, ist
der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt“ … (S. 17): „Im
Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachenS.
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Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz ver-
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loren1). (S. 19): „Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit
der Seele im Traum von dem regelmäßigen Inhalte und Verlaufe
des wachen Lebens2).“Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be-
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auf-
fassung vertreten. So Haffner (S. 19): „Zunächst setzt der Traum
das Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die
kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine ge-
naue Beobachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in
welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages
anknüpfte.“ Weygandt (S. 6) widerspricht direkt der oben
zitierten Behauptung Burdachs, „denn es läßt sich oft, anschei-
nend in der überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten,
daß dieselben uns gerade ins gewöhnliche Leben zurückführen,
statt uns davon zu befreien.“ Maury (Le sommeil et les rêves,
p. 56) sagt in einer knappen Formel: „nous rêvons de ce que nous
avons vu, dit, desiré ou fait“; Jessen in seiner 1855 erschienenen
Psychologie (S. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder weniger
wird der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle
Persönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungs-
stufe, gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Er-
fahrungen des ganzen bisherigen Lebens.“ [E 5]Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des
Trauminhaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (S. 139):
Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem
seinen Entschluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber
immer wieder dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte ratio-
nelle Traumdeuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß
die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon im
Wachen denke.Im Lehrgedicht des Lucretius, De rerum natura, findet sich
(IV, v. 959) die Stelle:S.
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Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret,
aut quibus in rebus multum sumus ante morati
atque in ea ratione fuit contenta magis mens,
in somnis eadem plerumque videmur obire;
causidici causas agere et componere leges,
induperatores pugnare ac proelia obire, … etc. etc.Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später
Maury: „Maximeque reliquiae earum rerum moventur
et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.“Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung
von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar.
Es ist darum am Platze, der Darstellung von F. W. Hildebrandt
(1875) zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des
Traumes ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch
eine „Reihe von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen
sich zuspitzen“ (S. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden
einerseits die strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossen-
heit des Traumes von dem wirklichen und wahren Leben, und
anderseits das stete Hinübergreifen des einen in das andere,
die stete Abhängigkeit des einen von dem andern. – Der Traum
ist etwas von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Ge-
sondertes, man möchte sagen ein in sich selbst hermetisch abge-
schlossenes Dasein, von dem wirklichen Leben getrennt durch
eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von der Wirklichkeit
los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in uns aus und
stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz andere Lebens-
geschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu schaffen
hat. . . .“ Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Einschlafen
unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter einer
unsichtbaren Falltür“ verschwindet. Man macht dann etwa im
Traum eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen
Napoleon etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man
wird von dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen undS.
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bedauert fast, die interessante Illusion durch das Erwachen gestört
zu sehen. Nun aber vergleicht man die Traumsituation mit der
Wirklichkeit. Man war nie Weinhändler und hat’s auch nie
werden wollen. Man hat nie eine Seereise gemacht und würde
St. Helena am wenigsten zum Ziel einer solchen nehmen. Gegen
Napoleon hegt man durchaus keine sympathische Gesinnung,
sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und zu alledem war
der Träumer überhaupt noch nicht unter den Lebenden, als
Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung zu ihm
zu knüpfen, lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So er-
scheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes
zwischen zwei vollkommen zueinander passenden und einander
fortsetzenden Lebensabschnitten.„Und dennoch,“ setzt Hildebrandt fort, „ebenso wahr und
richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab-
geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste
Beziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu
sagen: Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material
dazu aus der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an
dieser Wirklichkeit sich abwickelt. . . . Wie wunderlich er’s
damit treibe, er kann doch eigentlich niemals von der realen
Welt los und seine sublimsten wie possenhaftesten Gebilde müssen
immer ihren Grundstoff entlehnen von dem, was entweder in
der Sinnenwelt uns vor Augen getreten ist, oder in unserem
wachen Gedankengange irgendwie bereits Platz gefunden hat, mit
anderen Worten, von dem, was wir äußerlich oder innerlich
bereits erlebt haben.“B
Das Traummaterial – Das Gedächtnis im Traum
Daß alles Material, das den Trauminhalt zusammensetzt, auf
irgend eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traum re-
produziert, erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbe-S.
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strittene Erkenntnis gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzu-
nehmen, daß ein solcher Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wach-
leben sich mühelos als augenfälliges Ergebnis der angestellten
Vergleichung ergeben muß. Derselbe muß vielmehr aufmerksam
gesucht werden und weiß sich in einer ganzen Reihe von Fällen
für lange Zeit zu verbergen. Der Grund hiefür liegt in einer
Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche die Erinnerungsfähigkeit
im Traume zeigt und die, obwohl allgemein bemerkt, sich doch
bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird der Mühe lohnen,
diese Charaktere eingehend zu würdigen.Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material
auftritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem
Wissen und Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß
man das Betreffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann
man es erlebt hat. Man bleibt dann im Unklaren darüber, aus
welcher Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht,
an eine selbständig produzierende Tätigkeit des Traumes zu
glauben, bis oft nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren
gegebene Erinnerung an das frühere Erlebnis wiederbringt und
damit die Traumquelle aufdeckt. Man muß dann zugestehen,
daß man im Traum etwas gewußt und erinnert hatte, was der
Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war. [E 6]Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt
Delboeuf aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traum
den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine
Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er
als Tierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte
kleine Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er
ihnen einige Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der
Mauer wuchs, und das sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traum
kannte er den Namen der Pflanze: Asplenium ruta muralis. –
Der Traum ging dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu
den Eidechsen zurück und zeigte Delboeuf zu seinem ErstaunenS.
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zwei neue Tierchen, die sich über die Reste des Farn her-
gemacht hatten. Dann wandte er den Blick aufs freie Feld, sah
eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu dem Loch in der
Mauer nehmen, und endlich war die ganze Straße bedeckt von
einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben Richtung
wanderten usw.Delboeufs Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische
Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht
ein. Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen,
daß ein Farn dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta
muraria war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig
entstellt hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man
wohl nicht denken; es blieb aber für Delboeuf rätselhaft, woher
er im Traume die Kenntnis des Namens Asplenium genommen
hatte.Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre
später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er
besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als
Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die
Fremden verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er
öffnet das Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines
Traumes und erkennt seine eigene Handschrift in den beigefügten
lateinischen Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen.
Eine Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei
Jahre vor dem Eidechsentraum – auf der Hochzeitsreise Delboeuf
besucht. Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte
Album bei sich, und Delboeuf unterzog sich der Mühe, unter
dem Diktat eines Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen
den lateinischen Namen hinzuzuschreiben.Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens-
wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem
Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen.
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustriertenS.
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Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsen-
zug abgebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band
trug die Jahreszahl 1861, und Delboeuf wußte sich zu erinnern,
daß er von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten
gehört hatte.Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem
Wachen unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch
bedeutsame Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer
„hypermnestischer“ Träume die Aufmerksamkeit für sie ver-
stärken möchte. Maury erzählt, daß ihm eine Zeitlang das
Wort Mussidan bei Tag in den Sinn zu kommen pflegte. Er
wußte, daß es der Name einer französischen Stadt sei, aber weiter
nichts. Eines Nachts träumte ihm von einer Unterhaltung mit
einer gewissen Person, die ihm sagte, sie käme aus Mussidan,
und auf seine Frage, wo die Stadt liege, zur Antwort gab:
Mussidan sei eine Kreisstadt im Département de la Dordogne.
Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen Auskunft
keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte ihn aber,
daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das Mehr-
wissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses Wissens
aber nicht aufgespürt worden.Jessen erzählt (S. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis
aus älteren Zeiten: „Dahin gehört u. a. der Traum des älteren
Scaliger (Hennings, l. c. S. 300), welcher ein Gedicht zum
Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb, und dem ein
Mann, welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und
sich beklagte, daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht
erinnerte, je etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch
Verse auf ihn, und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß
ehemals ein solcher Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt
gewesen sei.“ [E 7]An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of
the Society for Psychical Research) soll Myers eine ganzeS.
16
Sammlung solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben.
Ich meine, jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als
ein sehr gewöhnliches Phänomen anerkennen müssen, daß der
Traum Zeugnis für Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche
der Wachende nicht zu besitzen vermeint. In den psychoanalytischen
Arbeiten mit Nervösen, von denen ich später berichten werde,
komme ich jede Woche mehrmals in die Lage, den Patienten aus
ihren Träumen zu beweisen, daß sie Zitate, obszöne Worte u. dgl.
eigentlich sehr gut kennen, und daß sie sich ihrer im Traume
bedienen, obwohl sie sie im wachen Leben vergessen haben.
Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie will ich hier noch
mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus welcher die nur dem
Traum zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht auffinden ließ.Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß
er sich in einem Kaffeehaus eine „Kontuszówka“ geben lasse,
fragte aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den
Namen nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszówka sei ein
polnischer Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben
könne, da mir der Name von Plakaten her schon lange bekannt
sei. Der Mann wollte mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige
Tage später, nachdem er seinen Traum im Kaffeehaus hatte zur
Wirklichkeit werden lassen, bemerkte er den Namen auf einem
Plakate, und zwar an einer Straßenecke, welche er seit Monaten
wenigstens zweimal im Tage hatte passieren müssen. [E 8]Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Repro-
duktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des
Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kind-
heitsleben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies
bemerkt und betont haben:Hildebrandt (S. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben worden,
daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktionskraft uns
ganz abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit
treu vor die Seele zurückführt.“S.
Kindheitsmaterial im Traum 17
Strümpell (S. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten
und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf
die frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner
Lokalitäten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprüng-
licher Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß
auf solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußt-
sein gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten ver-
bunden haben, und nun später im Traum als eigentliche Erinne-
rungen wiederkehren, an denen das erwachte Bewußtsein sich
erfreut. Die Tiefe des Traumgedächtnisses umfaßt vielmehr auch
solche Bilder von Personen, Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen
der frühesten Zeit, die entweder nur ein geringes Bewußtsein
oder keinen psychischen Wert besaßen oder längst das eine wie
das andere verloren hatten und deshalb auch sowohl im Traum
wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und unbekannt er-
scheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.“Volkelt (S. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtig-
keit verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich.“Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches
bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten Er-
innerungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von inter-
essanten hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum
einige Beispiele mitteilen will.Maury erzählt (Le sommeil, p. 92), daß er von seiner Vater-
stadt Meaux als Kind häufig nach dem nahegelegenen Trilport
gekommen war, wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In
einer Nacht versetzt ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn
wieder in den Straßen der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich
ihm, der eine Art Uniform trägt. Maury fragt ihn nach seinem
Namen; er stellt sich vor, er heiße C . . . und sei Brückenwächter.Freud, II.
2S.
18
Nach dem Erwachen fragt der an der Wirklichkeit der Erinne-
rung noch zweifelnde Maury eine alte Dienerin, die seit der
Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an einen Mann dieses Namens
erinnern kann. „Gewiß,“ lautet die Antwort, „er war der Wächter
der Brücke, die Ihr Vater damals gebaut hat.“Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von
einem Herrn F…, der als Kind in Montbrison aufgewachsen
war. Dieser Mann beschloß, fünfundzwanzig Jahre nach seinem
Weggang, die Heimat und alte, seither nicht gesehene Freunde
der Familie wieder zu besuchen. In der Nacht vor seiner Abreise
träumt er, daß er am Ziele ist und in der Nähe von Mont-
brison einen ihm vom Ansehen unbekannten Herrn begegnet,
der ihm sagt, er sei der Herr T., ein Freund seines Vaters. Der
Träumer wußte, daß er einen Herrn dieses Namens als Kind
gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen nicht mehr an sein
Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in Montbrison an-
gelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lokalität des
Traumes wieder und begegnet einen Herrn, den er sofort als
den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker
gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte.Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in
einem Traum eine Person, von der ich im Traum wußte, es sei
der Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deut-
lich, sie vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner
Gymnasiallehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche
Beziehung die beiden Personen verknüpfte, konnte ich dann im
Wachen nicht ausfindig machen. Als ich aber meine Mutter nach
dem Arzt dieser meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß
er einäugig gewesen war, und einäugig ist auch der Gymnasial-
lehrer, dessen Person die des Arztes im Traum gedeckt hatte. Es
waren achtunddreißig Jahre her, daß ich den Arzt nicht mehrS.
19
gesehen, und ich habe meines Wissens im wachen Leben nie
mals an ihn gedacht.Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße
Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden,
wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen
sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert
(S. 46) äußert sogar: Im allgemeinen beschäftigt sich der normale
Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage. Wir
werden allerdings erfahren, daß die von Robert aufgebaute Theorie
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vor-
schiebung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Tat-
sache aber, der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach
eigenen Untersuchungen versichern kann, zu Recht. Ein ameri-
kanischer Autor, Nelson, meint, am häufigsten fänden sich im
Traum Eindrücke vom Tage vor dem Traumtag oder vom dritten
Tag vorher verwertet, als ob die Eindrücke des dem Traum un-
mittelbar vorhergehenden Tages nicht abgeschwächt – nicht ab-
gelegen – genug wären.Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten,
aufgefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv
beschäftigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der
Tagesgedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind.
So träumt man in der Regel von einem lieben Toten nicht die
erste Zeit, so lange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt
(Delage). Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hallam,
auch Beispiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und ver-
tritt für diesen Punkt das Recht der psychologischen Individualität.Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich-
keit des Gedächtnisses im Traum zeigt sich in der Auswahl des
reproduzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das
Bedeutsamste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Un-
scheinbarste der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hier-S.
20
über jene Autoren zum Worte kommen, welche ihrer Verwunde-
rung den kräftigsten Ausdruck gegeben haben.Hildebrandt (S. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, daß
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen
und tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und
treibenden Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den
nebensächlichen Zugaben, sozusagen aus den wertlosen Brocken
der jüngst verlebten oder weiter rückwärts liegenden Vergangen-
heit nimmt. Der erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter
dessen Eindrücken wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus
unserem Gedächtnisse, bis ihn der erste wache Augenblick mit
betrübender Gewalt in dieselbe zurückkehren läßt. Dagegen die
Warze auf der Stirn eines Fremden, der uns begegnete, und
an den wir keinen Augenblick mehr dachten, nachdem wir
an ihm vorübergegangen waren, die spielt eine Rolle in unserem
Traume“...Strümpell (S. 39): „... solche Fälle, wo die Zerlegung eines
Traumes Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb-
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so
unbedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß
sie kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Der
gleichen Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder
oberflächlich bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorüber-
gegangene Wahrnehmungen von Dingen oder Personen, einzelne
kleine Stücke aus einer Lektüre u. dgl.“Havelock Ellis (p. 727): The profound emotions of waking
life, the questions and problems on which we spread our chief
voluntary mental energy, are not those which usually present them-
selves at once to dream consciousness. It is so far as the imme-
diate past is concerned, mostly the trifling, the incidental, the „for-
gotten“ impressions of daily life which reappear in our dreams.
The psychic activities that are awake most intensely are those that
sleep most profoundly.S.
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Binz (S. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentüm-
lichkeiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbe-
friedigung mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des
Traumes auszusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns
ähnliche Fragen. Warum träumen wir nicht immer die Gedächtnis-
eindrücke der letztverlebten Tage, sondern tauchen oft ein, ohne
irgend erkennbares Motiv, in weit hinter uns liegende, fast er-
loschene Vergangenheit? Warum empfängt im Traum das Bewußt-
sein so oft den Eindruck gleichgültiger Erinnerungsbilder,
während die Gehirnzellen da, wo sie die reizbarsten Aufzeich-
nungen des Erlebten in sich tragen, meist stumm und starr liegen,
es sei denn, daß eine akute Auffrischung während des Wachens
sie kurz vorher erregt hatte?“Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum-
gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann
wenigstens den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu
erschweren. So war es möglich, daß Miß Whiton Calkins bei
der statistischen Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume
doch elf Prozent der Anzahl übrig behielt, in denen eine Be-
ziehung zum Tagesleben nicht ersichtlich war. Sicherlich hat
Hildebrandt mit der Behauptung Recht, daß sich alle Traum-
bilder uns genetisch erklären würden, wenn wir jedesmal Zeit
und Sammlung genug darauf verwendeten, ihrer Herkunft nach-
zuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst mühseliges und un-
dankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens darauf hinaus, allerlei
psychisch ganz wertlose Dinge in den abgelegensten Winkeln der
Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig indifferente Momente
längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, die ihnen vielleicht
schon die nächste Stunde brachte, wieder zutage zu fördern.“ Ich
muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige Autor sich von
der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges abhaltenS.
22
ließ; er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traumerklärung
geleitet.Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be-
deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt,
daß „Nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar ver-
loren gehen kann“ (Scholz, S. 34). Oder, wie Delboeuf es aus-
drückt, „que toute impression même la plus insignifiante, laisse une
trace inaltérable, indéfiniment susceptible de reparaître au jour“,
ein Schluß, zu welchem so viele andere, pathologische Erschei-
nungen des Seelenlebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun
diese außerordentliche Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im
Traum vor Augen, um den Widerspruch lebhaft zu empfinden,
den gewisse später zu erwähnende Traumtheorien aufstellen müssen,
welche die Absurdität und Inkohärenz der Träume durch ein
partielles Vergessen des uns bei Tag Bekannten erklären wollen.Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des
Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im
Traum die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden Repro-
duktionstätigkeit sehen, die sich Selbstzweck ist. Mitteilungen wie
die von Pilcz würden hierzu stimmen, denen zufolge feste Be-
ziehungen zwischen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der
Träume nachweisbar sind in der Weise, daß im tiefen Schlaf Ein-
drücke aus den ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Ein-
drücke vom Traum reproduziert werden. Es wird aber eine solche
Auffassung von vornherein unwahrscheinlich durch die Art, wie
der Traum mit dem zu erinnernden Material verfährt. Strümpell
macht mit Recht darauf aufmerksam, daß Wiederholungen von
Erlebnissen im Traume nicht vorkommen. Der Traum macht wohl
einen Ansatz dazu, aber das folgende Glied bleibt aus; es tritt
verändert auf oder an seiner Stelle erscheint ein ganz fremdes.
Der Traum bringt nur Bruchstücke von Reproduktionen. Dies ist
sicherlich so weit die Regel, daß es eine theoretische Verwertung
gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, in denen ein Traum einS.
23
Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie unsere Erinnerung im
Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von einem seiner Universitäts-
kollegen (der gegenwärtig in Wien lehrt [E 9]), daß er im Traume
eine gefährliche Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfall nur
wie durch ein Wunder entging, mit all ihren Einzelheiten wieder
durchgemacht habe. Miß Calkins erwähnt zweier Träume, welche
die genaue Reproduktion eines Erlebnisses vom Vortag zum Inhalt
hatten, und ich selbst werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir
bekannt gewordenes Beispiel von unveränderter Traumwiederkehr
eines Kindererlebnisses mitzuteilen. [E 10]C
Traumreize und Traumquellen
Was man unter Traumreizen und Traumquellen verstehen soll,
das kann durch eine Berufung auf die Volksrede „Träume kommen
vom Magen“ verdeutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser
Begriffe verbirgt sich eine Theorie, die den Traum als Folge einer
Störung des Schlafes erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht
irgend etwas Störendes im Schlaf sich geregt hätte, und der Traum
ist die Reaktion auf diese Störung.Die Erörterung über die erregenden Ursachen der Träume
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum
ein. Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der
Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden war,
ist selbstverständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche
Sendung galt, brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu
suchen; aus dem Willen der göttlichen oder dämonischen Macht
erfloß der Traum, aus deren Wissen oder Absicht sein Inhalt.
Für die Wissenschaft erhob sich alsbald die Frage, ob der Anreiz
zum Träumen stets der nämliche sei oder ein vielfacher sein
könne, und damit die Erwägung, ob die ursächliche Erklärung
des Traumes der Psychologie oder vielmehr der Physiologie an-
S.
24
heimfalle. Die meisten Autoren scheinen anzunehmen, daß die
Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen des Träumens, mannig-
faltiger Art sein können, und daß Leibreize ebenso wie seelische
Erregungen zur Rolle von Traumerregern gelangen. In der Bevor-
zugung der einen oder der anderen unter den Traumquellen, in
der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach ihrer
Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die An-
sichten weit auseinander.Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er-
geben sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Ein-
teilung der Träume verwendet worden sind: 1) Äußere (objek-
tive) Sinneserregung. 2) Innere (subjektive) Sinneserre-
gung. 3) Innerer (organischer) Leibreiz. 4) Rein psychische
Reizquellen.Ad 1) Die äußeren Sinnesreize
Der jüngere Strümpell, der Sohn des Philosophen, dessen Werk
über den Traum uns bereits mehrmals als Wegweiser in die
Traumprobleme diente, hat bekanntlich die Beobachtung eines
Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner Anästhesie der Körper-
decken und Lähmung mehrerer der höheren Sinnesorgane be-
haftet war. Wenn man bei diesem Manne die wenigen noch
offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel er in
Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle eine Situa-
tion anzustreben, die jener im Strümpellschen Experimente ähn-
lich ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die Augen,
und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede Ver-
änderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen
dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir
können weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fern-
halten noch die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben.
Daß wir durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf
uns beweisen, „daß die Seele auch im Schlaf in fortdauernderS.
25
Verbindung mit der außer-
leiblichen Welt“ geblieben ist. Die
Sinnesreize, die uns während des Schlafes zukommen, können sehr
wohl zu Traumquellen werden.Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den
unvermeidlichen an, die der Schlafzu-
stand mit sich bringt oder
nur gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weck-
reiz,
welcher geeignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende
zu machen. Es kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein
Geräusch sich vernehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasen-
schleimhaut erregen. Wir können im Schlaf durch ungewollte Be-
wegungen einzelne Körperteile entblößen und so der Abkühlungs-
empfindung aussetzen, oder durch Lageveränderung uns selbst
Druck- und Berührungs-
empfindungen erzeugen. Es kann uns eine
Fliege stechen oder ein kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere
Sinne zugleich bestürmen. Die Aufmerksamkeit der Beobachter
hat eine ganze Reihe von Träumen gesammelt, in welchen der
beim Erwachen konstatierte Reiz und ein Stück des Traumin-
haltes
so weit übereinstimmten, daß der Reiz als Traumquelle erkannt
werden konnte.Eine Sammlung solcher auf objektive – mehr oder minder
akzidentelle – Sinnesreizung zurück-
gehender Träume führe ich
hier nach Jessen, S. 527, an: Jedes undeutlich wahrgenom-
mene
Geräusch erweckt entsprechende Traum-
bilder, das Rollen des
Donners versetzt uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines
Hahnes kann sich in das Angstge-
schrei eines Menschen verwan-
deln, das Knarren einer Tür Träume von räuberischen Ein-
brüchen
hervorrufen. Wenn wir des Nachts unsere Bett-
decke verlieren, so
träumen wir vielleicht, daß wir nackt umher-
gehen oder daß wir
ins Wasser gefallen sind. Wenn wir schräg im Bett liegen und
die Füße über den Rand desselben herauskommen, so träumt uns
vielleicht, daß wir am Rande eines schreck-
lichen Abgrundes stehen,
oder daß wir von einer steilen Höhe hinab-
stürzen. Kommt unser
Kopf zufällig unter das Kopf-
kissen, so hängt ein großer FelsenS.
26
über uns, und steht im Begriff, uns unter seiner Last zu begraben.
Anhäufungen des Samens erzeugen wollüstige Träume, örtliche
Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen, feindlicher Angriffe
oder geschehender Körperverletzungen . . .„Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle
1758, S. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen über-
fallen würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf
die Erde hinlegten, und ihm zwischen die große und die nächste
Zehe einen Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im
Traum vorstellte, erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm
zwischen den Zehen stecke. Demselben soll nach Hennings (Von
den Träumen und Nachtwandlern. Weimar 1784, S. 258) ein
anderes Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest zusammen-
gesteckt hatte, geträumt haben, daß er gehenkt würde. Hoffbauer
träumte in seiner Jugend, von einer hohen Mauer hinabzufallen,
und bemerkte beim Erwachen, daß die Bettstelle auseinander ge-
gangen und daß er wirklich gefallen war . . . Gregory berichtet,
er habe einmal beim Zubettgehen eine Flasche mit heißem
Wasser an die Füße gelegt und darauf im Traum eine Reise auf
die Spitze des Ätna gemacht, wo er die Hitze des Erdbodens fast
unerträglich gefunden. Ein anderer träumte nach einem auf den
Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er von einem Haufen von
Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in einem feuchten
Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden.
Ein im Schlaf eintretender Anfall von Podagra ließ einen Kranken
glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde die
Qualen der Folter (Macnish).“Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge-
gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt,
bei einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnes-
reizen dem Reiz entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Ver-
suche hat nach Macnish schon Giron de Buzareingues ange-
stellt. „Er ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in derS.
27
Nacht auf einem Postwagen reise. Er bemerkt dabei, daß Reisende
wohl wissen würden, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts
kalt würden. Ein anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt
und träumte, daß er einer religiösen Zeremonie in freier Luft
beiwohne. Es war nämlich in dem Lande, in welchem er lebte,
Sitte, den Kopf stets bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen
Veranlassungen, wie die eben genannte.“Maury teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen
Erfolg.)1) Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge-
kitzelt. – Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve
wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut
mitgeht.2) Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. – Er hört Glocken
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848
versetzt.3) Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. – Er ist in Kairo im
Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben-
teuer, die er nicht reproduzieren kann.4) Man kneipt ihn leicht in den Nacken. – Er träumt, daß
man ihm ein Blasenpflaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der
ihn als Kind behandelt hat.5) Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. Er träumt
von den „Heizern“1), die sich ins Haus eingeschlichen haben und
die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen
die Füße ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von
Abrantés auf, deren Sekretär er im Traume ist.8) Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirne. –
Er ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein
von Orvieto.
1)Chauffeurs hießen Banden von Räubern in der Vendée, die sich dieser Tortur
bedienten.S.
28
9) Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer
Kerze auf ihn fallen. – Er träumt vom Wetter, von Hitze und
befindet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem
Kanal La Manche mitgemacht.Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren
von d’Hervey, Weygandt u. a. her.Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinnenwelt der
gestalt in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine all-
mählich schon vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden“
(Hildebrandt). „In jüngeren Jahren“, erzählt dieser Autor, „be-
diente ich mich zu Zeiten, um regelmäßig in bestimmter Morgen-
stunde aufzustehen, des bekannten, meist an Uhrwerken ange-
brachten Weckers. Wohl zu hundertmalen ist mirs begegnet, daß
der Ton dieses Instrumentes in einen vermeintlich sehr langen
und zusammenhängenden Traum dergestalt hineinpaßte, als ob
dieser ganze Traum eben nur auf ihn angelegt sei, und in ihm
seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, sein natürlich ge-
wiesenes Endziel fände.“Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht
zitieren.Volkelt (S. 68) erzählt: „Einem Komponisten träumte einmal,
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen.
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben
mit der Frage: ‚Hast du mich verstanden?‘ Dieser schreit wie ein
Besessener: ‚Oh ja.‘ Ungehalten hierüber verweist er ihm das
Schreien. Doch schon schreit die ganze Klasse: ‚Orja‘. Hierauf:
‚Eurjo‘. Und endlich: ‚Feuerjo!‘ Und nun erwacht er von wirk-
lichem Feuerjogeschrei auf der Straße.“Garnier (Traité des facultés de l’âme, 1865) bei Radestock
berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine
aus einem Traum geweckt wurde, den er im Wagen schlafend
hatte, und der ihm den Übergang über den Tagliamento und dieS.
29
Kanonade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem
Ausruf aufschreckte: „Wir sind unterminiert.“Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat
(Le sommeil, p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer
zu Bett; seine Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der
Schreckensherrschaft zur Zeit der Revolution, machte greuliche
Mordszenen mit und wurde dann endlich selbst vor den Gerichts-
hof zitiert. Dort sah er Robespierre, Marat, Fouquier-Tinville und
alle die traurigen Helden jener gräßlichen Epoche, stand ihnen
Rede, wurde nach allerlei Zwischenfällen, die sich in seiner Er-
innerung nicht fixierten, verurteilt und dann, von einer unüber-
sehbaren Menge begleitet, auf den Richtplatz geführt. Er steigt
aufs Schafott, der Scharfrichter bindet ihn aufs Brett; es kippt
um; das Messer der Guillotine fällt herab; er fühlt, wie sein
Haupt vom Rumpf getrennt wird, wacht in der entsetzlichsten
Angst auf – und findet, daß der Bettaufsatz herabgefallen war
und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer der Guillo-
tine, getroffen hatte.An diesen Traum knüpft sich eine interessante, von Le Lorrain
und Egger in der „Revue philosophique“ eingeleitete Diskussion,
ob und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen
Zeitraum, der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und
dem Erwachen verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche
Fülle von Trauminhalt zusammenzudrängen.Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen wäh-
rend des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den
Traumquellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des
Laien einzig und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Ge-
bildeten, der sonst der Traumliteratur fremd geblieben ist, wie
die Träume zustande kommen, so wird er zweifellos mit der
Berufung auf einen ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in
dem ein Traum durch einen nach dem Erwachen erkannten ob-
jektiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. Die wissenschaftliche Betrach-
tungS.
30
tung kann dabei nicht Halt machen; sie schöpft den Anlaß zu
weiteren Fragen aus der Beobachtung, daß der während des
Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume ja nicht in
seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgend eine andere
Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher Beziehung zu
ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und den
Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys une affinité
quelconque, mais qui n’est pas unique et exclusive (Analogies,
p. 72). Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts;
man wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum der-
selbe Reiz so verschiedene, und warum er gerade diese Traum-
erfolge hervorrief:(S. 37.) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren
und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem
benachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern,
das Gesangbuch unter dem Arm, zahlreich der Kirche zuwandern.
Richtig! Es ist ja Sonntag, und der Frühgottesdienst wird bald
beginnen. Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber,
weil ich etwas echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden
Friedhofe mich abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grab-
schriften lese, höre ich den Glöckner den Turm hinansteigen, und
sehe nun in der Höhe des letzteren die kleine Dorfglocke, die
das Zeichen zum Beginn der Andacht geben wird. Noch eine
ganze Weile hängt sie bewegungslos da, dann fängt sie an zu
schwingen – und plötzlich ertönen ihre Schläge hell und
durchdringend – so hell und durchdringend, daß sie meinem
Schlaf ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen von
dem Wecker.“„Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an
einer Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Mel-
dung erfolgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die
Vorbereitungen zum Einsteigen – der Pelz wird angelegt, derS.
31
Fußsack hervorgeholt – und endlich sitze ich auf meinem Platze.
Aber noch verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden
Rossen das fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die
kräftig geschüttelten Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janit-
scharenmusik mit einer Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinn-
gewebe des Traumes zerreißt. Wieder ist’s nichts anderes, als der
schrille Ton der Weckerglocke.“„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit
einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum
Speisezimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint
mir in Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. „Nimm dich in
acht‘, warne ich, „die ganze Ladung wird zur Erde fallen.‘ Na-
türlich bleibt der obligate Widerspruch nicht aus: man sei der
gleichen schon gewohnt usw., während dessen ich noch immer
mit Blicken der Besorgnis die Wandelnde begleite. Richtig, an der
Türschwelle erfolgt ein Straucheln, – das zerbrechliche Geschirr
fällt und rasselt und prasselt in hundert Scherben auf dem Fuß-
boden umher. Aber – das endlos sich fortsetzende Getön ist doch,
wie ich bald merke, kein eigentliches Rasseln, sondern ein rich-
tiges Klingeln; – und mit diesem Klingeln hat, wie nunmehr
der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine Schuldigkeit
getan.“Die Frage, warum die Seele im Traum die Natur des objek-
tiven Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell – und fast ebenso
von Wundt – dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen
solche im Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der
Illusionsbildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt,
richtig gedeutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht,
in die er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn
der Eindruck stark, deutlich, dauerhaft genug ist, und wenn uns
die für diese Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind
diese Bedingungen nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von
dem der Eindruck herrührt; wir bilden auf Grund desselben eineS.
32
Illusion. „Wenn jemand auf freiem Felde spazieren geht und einen
entfernten Gegenstand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen,
daß er denselben zuerst für ein Pferd hält.“ Bei näherem Zusehen
kann die Deutung einer ruhenden Kuh sich aufdrängen, und end-
lich kann sich die Vorstellung mit Bestimmtheit in die einer
Gruppe von sitzenden Menschen auflösen. Ähnlich unbestimmter
Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele im Schlafe durch
äußere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben Illusionen,
indem durch den Eindruck eine größere oder kleinere Anzahl
von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der Ein-
druck seinen psychischen Wert bekommt. Aus welchem der vielen
in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder
geweckt werden, und welche der möglichen Assoziationsbeziehun-
gen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell un-
bestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens über-
lassen.Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben,
daß die Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht
weiter zu verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die
Deutung der durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion
nicht noch anderen Bedingungen unterliegt. Oder wir können
auf die Vermutung geraten, daß die im Schlaf angreifende ob-
jektive Sinnesreizung als Traumquelle nur eine bescheidene Rolle
spielt, und daß andere Momente die Auswahl der wachzurufenden
Erinnerungsbilder determinieren. In der Tat, wenn man die ex-
perimentell erzeugten Träume Maurys prüft, die ich in dieser
Absicht so ausführlich mitgeteilt habe, so ist man versucht zu
sagen, der angestellte Versuch deckt eigentlich nur eines der
Traumelemente nach seiner Herkunft, und der übrige Trauminhalt
erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im einzelnen bestimmt,
als daß er durch die eine Anforderung, er müsse sich mit dem
experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt werden
könnte. Ja, man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an derS.
33
Macht des objektiven Eindrucks, den Traum zu gestalten, zu
zweifeln, wenn man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die
allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So
erzählt z. B. M. Simon einen Traum, in dem er riesenhafte Per-
sonen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper
hörte, das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen er-
zeugten. Als er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem
Fenster vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der
Pferdehufe gerade Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von
Gullivers Reisen, Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag
und bei den tugendhaften Pferdewesen wachgerufen hat, – wie
ich ohne alle Unterstützung von Seite des Autors etwa deuten
möchte – sollte die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhn-
lichen Erinnerungskreises nicht außerdem durch andere Motive
erleichtert gewesen sein? [E 11]Ad 2) Innere (subjektive) Sinneserregung
Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen,
daß die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes
als Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer
Natur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um
alle Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen,
nach anderen, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu
suchen. Ich weiß nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht
ist, neben den äußeren Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Er-
regungen in den Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist
aber Tatsache, daß dies in allen neueren Darstellungen der Traum-
ätiologie mehr oder minder nachdrücklich geschieht. „Eine wesent-
liche Rolle spielen ferner, wie ich glaube“, sagt Wundt (S. 363),
„bei den Traumillusionen jene subjektiven Gesichts- und Gehörs-
empfindungen, die uns aus dem wachen Zustande als Lichtchaos
des dunkeln Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw.
bekannt sind, unter ihnen namentlich die subjektiven Netzhaut-
S.
34
erregungen. So erklärt sich die merkwürdige Neigung des Traumes,
ähnliche oder ganz übereinstimmende Objekte in der Mehrzahl
dem Auge vorzuzaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische,
bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet.
Hier hat der Lichtstaub des dunkeln Gesichtsfeldes phantastische
Gestalt angenommen, und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen
derselbe besteht, werden von dem Traum in ebenso vielen Einzel-
bildern verkörpert, die wegen der Beweglichkeit des Lichtchaos
als bewegte Gegenstände angeschaut werden. – Hierin wurzelt
wohl auch die große Neigung des Traumes zu den mannigfachsten
Tiergestalten, deren Formenreichtum sich der besonderen Form
der subjektiven Lichtbilder leicht anschmiegt.“Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum-
bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom
äußeren Zufall abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den
objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung
ihrer Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment
bei den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich
sind. Den Haupterweis für die traumerregende Macht subjektiver
Sinneserregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen
Halluzinationen, die von Joh. Müller als „phantastische Gesichts-
erscheinungen“ beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr
lebhafte, wechselvolle Bilder, die sich in der Periode des Ein-
schlafens, bei vielen Menschen ganz regelmäßig, einzustellen
pflegen, und auch nach dem Öffnen der Augen eine Weile be-
stehen können. Maury, der ihnen im hohen Grade
unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung zuge-
wendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität
mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh. Müller) behauptet.
Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische
Passivität, ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich.
(S. 59 u. f.) Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde inS.
35
solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine
hypnagogische Halluzination zu sehen, nach der man vielleicht
wieder aufwacht, bis das sich mehrmals wiederholende Spiel mit
dem Einschlafen endigt. Erwacht man dann nach nicht zu langer
Zeit, so gelingt es nach Maury häufig, im Traum dieselben
Bilder nachzuweisen, die einem als hypnagogische Halluzinationen
vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben. (S. 134.) So erging es
Maury einmal mit einer Reihe von grotesken Gestalten mit
verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn mit un-
glaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens
belästigten, und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte
geträumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl
litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagogisch
eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die
sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume
befand er sich an einer reichgedeckten Tafel und hörte das
Geräusch, das die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein
andermal, als er mit gereizten und schmerzenden Augen einschlief,
hatte er die hypnagogische Halluzination von mikroskopisch kleinen
Zeichen, die er mit großer Anstrengung einzeln entziffern mußte;
nach einer Stunde aus dem Schlafe geweckt, erinnerte er sich an
einen Traum, in dem ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen
Lettern gedruckt, vorkam, welches er mühselig hatte durch-
lesen müssen.Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzi-
nationen von Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und
dann im Traum sich wiederholen, als Ouverture gleichsam,
welche die Leitmotive der mit ihr beginnenden Oper an-
kündigt.Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury
wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen,
G. Trumbull Ladd. Er brachte es durch Übung dahin, daß er
sich zwei bis fünf Minuten nach dem allmählichen EinschlafenS.
36
jäh aus dem Schlaf reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen,
und hatte dann die Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhaut-
empfindungen mit den in der Erinnerung überlebenden Traum-
bildern zu vergleichen. Er versichert, daß sich jedesmal eine
innige Beziehung zwischen beiden erkennen ließ in der Weise,
daß die leuchtenden Punkte und Linien des Eigenlichtes der
Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung, das Schema für die
psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brachten. Einen Traum
z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen vor sich sah, die
er las und studierte, entsprach eine Anordnung der leuchtenden
Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit seinen
Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er im Traum
gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen Wahr-
nehmung erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes,
das man aus allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszu-
nehmen, durch ein Löchelchen in einem Stück Papier ansieht.
Ladd meint, ohne übrigens den zentralen Anteil des Phänomens
zu unterschätzen, daß kaum ein visueller Traum in uns abläuft,
der sich nicht an das Material der inneren Erregungszustände
der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für die Träume kurz
nach dem Einschlafen im dunkeln Zimmer, während für die
Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objektive, im er-
hellten Zimmer ins Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe.
Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der
Eigenlichterregung entspricht genau der unruhigen Bilderflucht,
die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den Beobachtungen
von Ladd Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebigkeit dieser
subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering anschlagen
können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den Haupt-
bestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen
Sinnesgebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und
inkonstant.S.
37
ad 3) Innerer, organischer Leibreiz
Wenn wir auf dem Wege sind, die Traumquellen nicht außer-
halb, sondern innerhalb des Organismus zu suchen, so müssen
wir uns daran erinnern, daß fast alle unsere inneren Organe, die
im Zustande der Gesundheit uns kaum Kunde von ihrem Bestand
geben, in Zuständen von Reizung – die wir so heißen – oder
in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen Empfindungen
für uns werden, welche den Erregern der von außen anlangenden
Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden muß. Es
sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell zu der
Aussage veranlassen (S. 107): „Die Seele gelangt im Schlaf zu
einem viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von
ihrer Leiblichkeit als im Wachen, und ist genötigt, gewisse
Reizeindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die
aus Teilen und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von
denen sie im Wachen nichts wußte.“ Schon Aristoteles erklärt
es für sehr wohl möglich, daß man im Traum auf beginnende
Krankheitszustände aufmerksam gemacht würde, von denen man
im Wachen noch nichts merkt (kraft der Vergrößerung, die der
Traum den Eindrücken angedeihen läßt, siehe oben S. 8), und
ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich ferne lag, an
eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben wenigstens
für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes gelten
lassen. (Vgl. M. Simon, S. 31, und viele ältere Autoren.) [E 12]Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen.
So z. B. berichtet Tissié nach Artigues (Essai sur la valeur
séméiologique des rêves) die Geschichte einer dreiundvierzigjährigen
Frau, die durch einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von
Angstträumen heimgesucht wurde und bei der ärztliche Unter-
suchung dann eine beginnende Herzaffektion aufwies, welcher sie
alsbald erlag.S.
38
Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar
bei einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. All-
gemein wird auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und
Lungenkranken hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens
wird von vielen Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt,
daß ich mich hier mit der bloßen Verweisung auf die Literatur
(Radestock, Spitta, Maury, M. Simon, Tissié) genügen kann.
Tissié meint sogar, daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt
das charakteristische Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herz-
kranken sind gewöhnlich sehr kurz und enden mit schreckhaftem
Erwachen; fast immer spielt im Inhalt derselben die Situation
des Todes unter gräßlichen Umständen eine Rolle. Die Lungen-
kranken träumen vom Ersticken, Gedränge, Flucht und sind in
auffälliger Zahl dem bekannten Alptraum unterworfen, den
übrigens Börner durch Lagerung aufs Gesicht, durch Verdeckung
der Respirationsöffnungen experimentell hat hervorrufen können.
Bei Digestionsstörungen enthält der Traum Vorstellungen aus dem
Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß sexueller Er-
regung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die Erfahrung
eines jeden Einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre
von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.
Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durch-
arbeitet, ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury,
Weygandt) durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände
auf den Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traum-
problemen geführt worden sind.
Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest-
gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man
meinen möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei
Gesunden – vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich – ein-
stellt, und das Organerkrankung offenbar nicht zu seinen unent-
behrlichen Bedingungen zählt. Es handelt sich für uns aber
nicht darum, woher besondere Träume rühren, sondern was fürS.
39
die gewöhnlichen Träume normaler Menschen die Reizquelle
sein mag.Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine
Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere
und eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es
sichergestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustande zur
Quelle der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die
Seele im Schlafzustande, von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern
des Leibes größere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es
nahe anzunehmen, daß die Organe nicht erst zu erkranken
brauchen, um Erregungen, die irgendwie zu Traumbildern werden,
an die schlafende Seele gelangen zu lassen. Was wir im Wachen
dumpf als Gemeingefühl nur seiner Qualität nach wahrnehmen,
und wozu nach der Meinung der Ärzte alle Organsysteme ihre
Beiträge leisten, das würde nachts, zur kräftigen Einwirkung
gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten tätig, die mäch-
tigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für die Er-
weckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann
noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize
in Traumvorstellungen umsetzen.Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt,
welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist.
Das Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „moi
splanchnique“ wie Tissié es nennt, für unsere Kenntnisse gehüllt
ist, und das Dunkel der Traumentstehung entsprechen einander
zu gut, um nicht in Beziehung zueinander gebracht zu werden.
Der Ideengang, welcher die vegetative Organempfindung zum
Traumbildner macht, hat überdies für den Arzt den anderen
Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, die soviel Überein-
stimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch ätiologisch
vereinigen läßt, denn Alterationen des Gemeingefühls und Reize,
die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer weit-
reichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen be-S.
40
zichtigt. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leib-
reiz
theorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig an-
gegeben, zurückführen läßt.Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maß-
gebend, den der Philosoph Schopenhauer im Jahre 1851 ent-
wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser
Intellekt die ihn von außen treffenden Eindrücke in die Formen
der Zeit, des Raumes und der Kausalität umgießt. Die Reize aus
dem Inneren des Organismus, vom sympathischen Nervensystem
her, äußern bei Tag höchstens einen unbewußten Einfluß auf
unsere Stimmung. Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung
der Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern
heraufdringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen –
ähnlich wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der
Lärm des Tages unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der
Intellekt auf diese Reize reagieren, als indem er seine ihm eigen-
tümliche Funktion vollzieht? Er wird also die Reize zu raum-
und zeiterfüllenden Gestalten, die sich am Leitfaden der Kausalität
bewegen, umformen, und so entsteht der Traum. In die nähere
Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern versuchten
dann Scherner und nach ihm Volkelt einzudringen, deren
Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die Traumtheorien
aufsparen.In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung
hat der Psychiater Krauß die Entstehung des Traumes wie der
Delirien und Wahnideen von dem nämlichen Element, der
organisch bedingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum
eine Stelle des Organismus denken, welche nicht der Ausgangs-
punkt eines Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die
organisch bedingte Empfindung „läßt sich aber in zwei Reihen
trennen: 1) in die der Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2) in
die spezifischen, den Hauptsystemen des vegetativen Organismus
immanenten Sensationen, wovon wir fünf Gruppen unterschiedenS.
41
haben, a) die Muskelempfindungen, b) die pneumatischen, c) die
gastrischen, d) die sexuellen und e) die peripherischen“. (S. 33
des zweiten Artikels.)Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib-
reize nimmt Krauß folgendermaßen an: Die geweckte Empfin-
dung ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte
Vorstellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen
Gebilde, gegen welches sich aber das Bewußtsein anders verhält
als normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Auf-
merksamkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vor-
stellungen zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser Sach-
verhalt so lange verkannt werden konnte. (S. 11 u. f.) Krauß
findet für den Vorgang auch den besonderen Ausdruck der
Transsubstantiation der Empfindungen in Traumbilder. (S. 24.)Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach
dem Gesetz der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig,
oftmals mit dunkeln Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun
auf dem Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der
Traumdeutung, den Inhalt eines Traumes auf die ihn verur-
sachenden organischen Reize zurückzuführen, und wenn man
nicht die von Scherner aufgefundenen Deutungsregeln anerkennt,
steht man oft vor der mißlichen Tatsache, daß die organische
Reizquelle sich eben durch nichts anderes als durch den Inhalt
des Traumes verrät.Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung ver-
schiedener Traumformen gestaltet, die man als „typische“ be-
zeichnet hat, weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem
Inhalt wiederkehren. Es sind dies die bekannten Träume vom
Herabfallen von einer Höhe, vom Zahnausfallen, vom Fliegen
und von der Verlegenheit, daß man nackt oder schlecht bekleidet
ist. Letzterer Traum soll einfach von der im Schlaf gemachten
Wahrnehmung herrühren, daß man die Bettdecke abgeworfenS.
42
hat und nun entblößt daliegt. Der Traum vom Zahnausfallen
wird auf „Zahnreiz“ zurückgeführt, womit aber nicht ein krank-
hafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht. Der
Traum zu fliegen ist nach Strümpell das von der Seele ge-
brauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und nieder-
steigenden Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn
gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewußt-
losigkeit herabgesunken ist. Durch den letzteren Umstand wird
die an die Vorstellungsform des Schwebens gebundene Empfindung
vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll darin seinen Anlaß
haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Hautdruck-
gefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein ein-
gezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des
Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußt-
werden aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch ver-
körpert (Strümpell, S. 118). Die Schwäche dieser plausibeln
Erklärungsversuche liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren
Anhalt die oder jene Gruppe von Organempfindungen aus der
seelischen Wahrnehmung verschwinden oder sich ihr aufdrängen
lassen, bis die für die Erklärung günstige Konstellation hergestellt
ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die typischen
Träume und ihre Entstehung zurückzukommen.M. Simon hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe
von ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der
Organreize auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten.
Er sagt (S. 34): Wenn im Schlaf irgend ein Organapparat, der
normaler Weise am Ausdruck eines Affektes beteiligt ist, durch
irgend einen anderen Anlaß sich in dem Erregungszustande be-
findet, in den er sonst bei jenem Affekt versetzt wird, so wird
der dabei entstehende Traum Vorstellungen enthalten, die dem
Affekt angepaßt sind.Eine andere Regel lautet (S. 35): Wenn ein Organapparat sich
im Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wirdS.
43
der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung
der organischen Funktion beziehen, die jener Apparat versieht.
Mourly Vold hat es unternommen, den von der Leibreiz-
theorie supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein
einzelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche
gemacht, die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern
und die Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er
teilt folgende Sätze als Ergebnis mit.
1) Die Stellung eines Gliedes im Traum entspricht ungefähr
der in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen
Zustand des Gliedes, welcher dem realen entspricht.
2) Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist
diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden
Stellungen der wirklichen entspricht.
3) Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traum
auch einer fremden Person zuschieben.
4) Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung
gehindert ist.
5) Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traum als
Tier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie
beider hergestellt wird.
6) Die Stellung eines Gliedes kann im Traum Gedanken an-
regen, die zu diesem Glied irgend eine Beziehung haben, so z. B.
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die
Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszuschlöschen vermag. [E 13]ad 4) Psychische Reizquellen
Als wir die Beziehungen des Traumes zum Wachleben und
die Herkunft des Traummaterials behandelten, erfuhren wir, es
sei die Ansicht der ältesten wie der neuesten Traumforscher, daß
die Menschen von dem träumen, was sie bei Tag treiben undS.
44
was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem Wachleben in
den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur ein psy-
chisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern ergibt
uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben
dem im Schlaf interessant Gewordenen – den während des
Schlafes einwirkenden Reizen, – ausreichen sollte, die Herkunft
aller Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Wider-
spruch gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum
den Schläfer von den Interessen des Tages abzieht, und daß wir
– meistens – von den Dingen, die uns bei Tag am meisten er-
griffen haben, erst dann träumen, wenn sie für das Wachleben
den Reiz der Aktualität verloren haben. So erhalten wir in der
Analyse des Traumlebens bei jedem Schritt den Eindruck, daß
es unstatthaft ist, allgemeine Regeln aufzustellen, ohne durch ein
„oft“, „in der Regel“, „meistens“ Einschränkungen vorzusehen
und auf die Gültigkeit der Ausnahmen vorzubereiten.Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren
Schlafreizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so
müßten wir imstande sein, von der Herkunft aller Elemente
eines Traumes befriedigende Rechenschaft zu geben; das Rätsel
der Traumquellen wäre gelöst, und es bliebe noch die Aufgabe,
den Anteil der psychischen und der somatischen Traumreize in
den einzelnen Träumen abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese
vollständige Auflösung eines Traumes noch in keinem Falle
gelungen, und jedem, der dies versucht hat, sind – meist sehr
reichlich – Traumbestandteile übrig geblieben, über deren Her-
kunft er keine Aussage machen konnte. Das Tagesinteresse als
psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als man
nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traum
sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen
also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen – mit
Ausnahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner –S.
45
eine große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für
den Traum am meisten charakteristischen Materials an Vor-
stellungsbildern handelt. In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl
der Autoren die Neigung entwickelt, den psychischen Anteil an
der Traumerregung, dem so schwer beizukommen ist, möglichst
zu verkleinern. Sie unterscheiden zwar als Haupteinteilung den
Nervenreiz-
und den Assoziationstraum, welch letzterer aus-
schließlich in der Reproduktion seine Quelle findet (Wundt,
S. 365), aber sie können den Zweifel nicht los werden, „ob sie
sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen“ (Volkelt, S. 127).
Auch die Charakteristik des reinen Assoziationstraumes versagt:
„In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von einem
solchen festen Kern nicht mehr die Rede sein. Hier dringt
die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes
ein. Das ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vor-
stellungsleben ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib-
und
Seelenerregungen nicht mehr zusammengehalten und so seinem
eigenen bunten Schieben und Treiben, seinem eigenen lockeren
Durcheinandertaumeln überlassen“ (Volkelt, S. 118). Eine Ver-
kleinerung des psychischen Anteils an der Traumerregung ver-
sucht dann Wundt, indem er ausführt, daß man die „Phan-
tasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine Halluzi-
nationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvor-
stellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen
Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen“
(S. 359 u. f.). Weygandt hat sich diese Ansicht angeeignet und
sie verallgemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen,
daß „ihre nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen
sich reproduktive Assoziationen“ (S. 17). Noch weiter in der Ver-
drängung der psychischen Reizquellen geht Tissié (p. 183):
Les rêves d’origine absolument psychique n’existent pas, und
anderswo (p. 6): les pensées de nos rêves nous viennent du
dehors…S.
46
Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph
Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzu-
merken, daß in den meisten Träumen somatische Reize und die
unbekannten oder als Tagesinteresse erkannten psychischen An-
reger des Traumes zusammenwirken.
Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung
durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle
gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Über-
schätzung der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur
Traumbildung nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht
aufzufinden und selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es
entspricht auch die somatische Auffassung der Traumentstehung
durchwegs der heute in der Psychiatrie herrschenden Denkrich-
tung. Die Herrschaft des Gehirns über den Organismus wird
zwar nachdrücklichst betont, aber alles, was eine Unabhängigkeit
des Seelenlebens von nachweisbaren organischen Veränderungen
oder eine Spontaneität in dessen Äußerungen erweisen könnte,
schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen Anerkennung die
Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen Seelenwesens
wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters hat die
Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, daß
keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate. Doch
zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen
Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich zwischen
Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische
sich bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phänomens
erkennen läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des
Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu
finden wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Er-
kenntnis die Endstation bedeuten müßte, da braucht es darum
nicht geleugnet zu werden.S.
47
D
Warum man den Traum nach dem Erwachen
vergißt?Daß der Traum am Morgen „zerrinnt“, ist sprichwörtlich.
Freilich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den
Traum ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen;
aber wir glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollständig erinnern,
während in der Nacht mehr von ihm da war; wir können be-
obachten, wie eine des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung
im Laufe des Tages bis auf kleine Brocken dahinschwindet; wir
wissen oft, daß wir geträumt haben, aber nicht, was wir ge-
träumt haben, und wir sind an die Erfahrung, daß der Traum
dem Vergessen unterworfen ist, so gewöhnt, daß wir die Möglich-
keit nicht als absurd verwerfen, daß auch der bei Nacht geträumt
haben könnte, der am Morgen weder vom Inhalt noch von der
Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits kommt es vor,
daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im Gedächtnisse
zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analysiert, die
sich ihnen vor fünfundzwanzig und mehr Jahren ereignet hatten,
und kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch
mindestens siebenunddreißig Jahre vom heutigen Tage getrennt
ist und doch an seiner Gedächtnisfrische nichts eingebüßt hat.
Dies alles ist sehr merkwürdig und zunächst nicht verständlich.Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten
Strümpell. Dieses Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen,
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf
eine ganze Reihe von Gründen zurück.Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir
pflegen als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahr-
nehmungen alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil
die an sie geknüpfte Seelenerregung einen zu geringen GradS.
48
hatte. Dasselbe ist rücksicht-
lich vieler Traumbilder der Fall; sie
werden vergessen, weil sie zu schwach waren, während stärkere
Bilder aus ihrer Nähe erinnert werden. Übrigens ist das Moment
der Intensität für sich allein sicher nicht entscheidend für die
Erhaltung der Traumbilder; Strümpell gesteht wie auch andere
Autoren (Calkins) zu, daß man häufig Traumbilder rasch ver-
gißt, von denen man weiß, daß sie sehr lebhaft waren, während
unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr viele schattenhafte,
sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt man im Wachen
leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat, und besser
zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die meisten
Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse;1) diese Eigentümlich-
keit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume beitragen.
Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens.
Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse
Erinnerungsgröße erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht ver-
einzelt bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen
passender Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine
Worte auf und schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr
schwer, ihn zu merken. „Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge
hilft ein Wort dem anderen und das Ganze steht sinnvoll in der
Erinnerung leicht und lange fest. Widersinniges behalten wir im
allgemeinen ebenso schwer und ebenso selten wie das Verworrene
und Ordnungslose.“ Nun fehlt den Träumen in den meisten
Fällen Verständigung und Ordnung. Die Traumkompositionen ent-
behren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Gedächtnisses und
werden vergessen, weil sie meistens schon in den nächsten Zeit-
momenten auseinanderfallen. – Zu diesen Ausführungen stimmt
allerdings nicht ganz, was Radestock (S. 168) bemerkt haben
will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten
behalten.1)Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden, vgl. die
Sammlung von Chabaneix.S.
49
Das Vergessen der Träume
Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von
Traum und Wachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume
für das wache Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegen-
stück zu der früher erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast)
nie geordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur
Einzelheiten aus demselben übernimmt, die er aus ihren ge-
wohnten psychischen Verbindungen reißt, in denen sie im Wachen
erinnert werden. Die Traumkomposition hat somit keinen Platz
in der Gesellschaft der psychischen Reihen, mit denen die Seele
erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungshilfen. „Auf diese
Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von dem Boden
unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen Raum wie
eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch ver-
weht“ (S. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß
mit dem Erwachen sofort die herandrägende Sinnenwelt die
Aufmerksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht
die wenigsten Traumbilder standhalten können. Diese weichen
vor den Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Ge-
stirne vor dem Licht der Sonne.An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der
Träume der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen
ihren Träumen überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer
sich z. B. als Forscher eine Zeit lang für den Traum interessiert,
träumt währenddessen auch mehr als sonst, das heißt wohl: er
erinnert seine Träume leichter und häufiger.Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli
(bei Benini) zu den Strümpellschen hinzugefügt, sind wohl
bereits in diesen enthalten, nämlich: 1) daß die Veränderung des
Gemeingefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen
Reproduktion ungünstig ist, und 2) daß die andere Anordnung
des Vorstellungsmateriales im Traume diesen sozusagen unüber-
setzbar fürs Wachbewußtsein macht.Freud, II.
S.
50
Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strümpell
selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den Träumen
doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Bemühungen
der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu fassen, kommen
einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas rätselhaft und un
gelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigentümlichkeiten der
Erinnerung an den Traum neuerdings besonders bemerkt worden,
z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen für vergessen
hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahrnehmung erinnern
kann, die zufällig an den – doch vergessenen – Inhalt des Traumes
anrührt (Radestock, Tissié). Die gesamte Erinnerung an den
Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet ist, ihren
Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man
kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traum weg
läßt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht.Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes
spricht auch Strümpell aus:„Dann geschieht es eben leicht,
daß das wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Er
innerung des Traumes einfügt: man bildet sich ein, allerlei ge
träumt zu haben, was der gewesene Traum nicht enthielt.“Besonders entschieden äußert sich Jessen (S. 547):
„Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint,
bisher wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß
es dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir
einen gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es
zu bemerken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder aus
füllen und ergänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zu
sammenhängender Traum so zusammenhängend gewesen, wie er
uns in der Erinnerung erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten
Menschen ist es kaum möglich, einen gehabten merkwürdigen
Traum ohne allen Zusatz und ohne alle Ausschmückung zu er
zählen: das Bestreben des menschlichen Geistes, alles im Zu-
“S.
51
sammenhange zu erblicken, ist so groß, daß er bei der Erinnerung
eines einigermaßen unzusammenhängenden Traumes die Mängel
des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.“Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die doch
gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. Egger: „… l’ob-
servation des rêves a ses difficultés spéciales et le seul moyen d’éviter
toute erreur en pareille matière est de confier au papier sans le moindre
retard ce que l’on vient d’éprouver et de remarquer; sinon, l’oubli
vient vite ou total ou partiel; l’oubli total est sans gravité; mais l’oubli
partiel est perfide; car si l’on se met ensuite à raconter ce que l’on
n’a pas oublié, on est exposé à compléter par imagination les fragments
incohérents et disjoints fourni par la mémoire…; on devient artiste
à son insu, et le récit periodiquement répété s’impose à la créance
de son auteur, qui, de bonne foi, le présente comme un fait authen-
tique, dûment établi selon les bonnes méthodes…“Ganz ähnlich Spitta (S. 338), der anzunehmen scheint, daß
wir überhaupt erst bei dem Versuch, den Traum zu reproduzieren,
die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente
einführen – „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander,
Auseinander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung,
der im Traum fehlt, hinzufügen“.Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traum,
der unser eigenes Erlebnis ist, und für den wir nur die Er-
innerung als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Wert
bleibt da unserer Erinnerung an den Traum noch übrig?E
Die psychologischen Besonderheiten des Traumes
Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes
von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer
eigenen Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige TraumS.
52
als etwas Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns
so wenig drängt, daß wir ebenso gerne sagen: „Mir hat geträumt“
wie: „Ich habe geträumt.“ Woher rührt diese „Seelenfremdheit“
des Traumes? Nach unseren Erörterungen über die Traumquellen
sollten wir meinen, sie sei nicht durch das Material bedingt, das
in den Trauminhalt gelangt; dies ist ja zum größten Teile dem
Traumleben wie dem Wachleben gemeinsam. Man kann sich
fragen, ob es nicht Abänderungen der psychischen Vorgänge im
Traume sind, welche diesen Eindruck hervorrufen, und kann so
eine psychologische Charakteristik des Traumes versuchen.Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum und Wach-
leben stärker betont und zu weitgehenderen Schlüssen verwendet
als G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner Elemente
der Psychophysik. (S. 520, II. T.) Er meint, „weder die ein-
fache Herabdrückung des bewußten Seelenlebens unter die Haupt-
schwelle“, noch die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Ein-
flüssen der Außenwelt genüge, um die Eigentümlichkeiten des
Traumlebens dem wachen Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet
vielmehr, daß auch der Schauplatz der Träume ein anderer
ist als der des wachen Vorstellunglebens. „Sollte der Schau-
platz der psychophysischen Tätigkeit während des Schlafens und
des Wachens derselbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens
bloß eine, auf einem niederen Grade der Intensität sich haltende
Fortsetzung des wachen Vorstellunglebens sein, und müßte
übrigens dessen Stoff und dessen Form teilen. Aber es verhält
sich ganz anders.“Was Fechner mit einer solchen Umsiedlung der Seelen-
tätigkeit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein
anderer, soviel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur
er in jener Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im
Sinne der physiologischen Gehirnlokalisation oder selbst mit Be-
zug auf die histologische Schichtung der Hirnrinde wird man
wohl auszuschließen haben. Vielleicht aber erweist sich der Ge-S.
53
danke einmal als sinnreich und fruchtbar, wenn man ihn auf
einen seelischen Apparat bezieht, der aus mehreren hinterein-
ander eingeschalteten Instanzen aufgebaut ist.Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die
andere der greifbaren psychologischen Besonderheiten des Traum-
lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkt weiter rei-
chender Erklärungsversuche zu machen.Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigen-
tümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens
auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen
ist. Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleiermacher (S. 351), daß die Denktätigkeit in Begriffen und nicht
in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich
in Bildern, und man kann beobachten, daß mit der Annäherung
an den Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten Tätig-
keiten sich erschwert zeigen, ungewollte Vorstellungen her-
vortreten, die alle in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähig-
keit zu solcher Vorstellung-arbeit, die wir als absichtlich gewollte
empfinden, und das mit dieser Zerstreuung regelmäßig ver-
knüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die
dem Traum verbleiben, und die wir bei der psychologischen
Analyse desselben als wesentliche Charaktere des Traumlebens
anerkennen müssen. Von den Bildern – den hypnagogischen
Halluzinationen – haben wir erfahren, daß sie selbst dem Inhalt
nach mit den Traumbildern identisch sind. [E 14]Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber
doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und
in geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne.
Vieles wird auch im Traum einfach gedacht oder vorgestellt
(wahrscheinlich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz
wie sonst im Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber
doch nur jene Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten,
d. h. den Wahrnehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungs-S.
54
vorstellungen. Mit Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater
wohlbekannten Diskussionen über das Wesen der Halluzination
können wir mit allen sachkundigen Autoren aussagen, daß der
Traum halluziniert, daß er Gedanken durch Halluzinationen
ersetzt. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen
visuellen und akustischen Vorstellungen; es ist bemerkt worden,
daß die Erinnerung an eine Tonfolge, mit der man einschläft,
sich beim Versinken in den Schlaf in die Halluzination der-
selben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen, das mit
dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren
und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu
machen.Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht
die einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm ent-
sprechenden Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der
Traum eine Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er
dramatisiert eine Idee, wie Spitta (S. 145) sich ausdrückt. Die
Charakteristik dieser Seite des Traumlebens wird aber erst voll-
ständig, wenn man hinzunimmt, daß man beim Träumen – in
der Regel; die Ausnahmen fordern eine besondere Aufklärung –
nicht zu denken, sondern zu erleben vermeint, die Halluzinationen
also mit vollem Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe nichts
erlebt, sondern nur in eigentümlicher Form gedacht – geträumt
– regt sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter scheidet den
echten Schlaftraum von der Tagträumerei, die niemals mit der
Realität verwechselt wird.Burdach hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum-
lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (S. 476): „Zu den
wesentlichen Merkmalen des Traumes gehört: a) daß die sub-
jektive Tätigkeit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das
Wahrnehmungsvermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt,
als ob es sinnliche Rührungen wären; … b) der Schlaf ist eine
Aufhebung der Eigenmächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passi-S.
55
vität zum Einschlafen. . . . Die Schlummerbilder werden durch
den Nachlaß der Eigenmächtigkeit bedingt.“
Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele
gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer
gewissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären.
Strümpell führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem
Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keines-
wegs bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche
Erlebnisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung
der Sinne auftreten (S. 34). Während die Seele wachend in Wort-
bildern und in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und
denkt im Traum in wirklichen Empfindungsbildern (S. 35). Über-
dies kommt im Traum ein Raumbewußtsein hinzu, indem, wie
im Wachen, Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum
versetzt werden (S. 36). Man muß also zugestehen, daß sich
die Seele im Traume ihren Bildern und Wahrnehmungen gegen-
über in derselben Lage befindet wie im Wachen (S. 43). Wenn
sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies daher, daß ihr im
Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein zwischen von
außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen unter-
scheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterziehen,
welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt
außerdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren
Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil
sie das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes
anwenden kann (S. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der Außen-
welt enthält auch den Grund für ihren Glauben an die subjek-
tive Traumwelt.
Zum selben Schlusse gelangt nach teilweise abweichenden
psychologischen Entwicklungen Delboeuf. Wir schenken den
Traumbildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine
anderen Eindrücke zum Vergleiche haben, weil wir von der
Außenwelt abgelöst sind. Aber nicht etwa darum glauben wir anS.
56
die Wahrheit unserer Halluzinationen, weil uns im Schlafe die
Möglichkeit entzogen ist, Proben anzustellen. Der Traum kann
uns alle diese Prüfungen vorspiegeln, uns etwa zeigen, daß wir
die gesehene Rose berühren, und wir träumen dabei doch. Es
gibt nach Delboeuf kein stichhältiges Kriterium dafür, ob etwas
ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, außer – und dies nur
in praktischer Allgemeinheit – der Tatsache des Erwachens. Ich
erkläre alles für Täuschung, was zwischen Einschlafen und Er-
wachen erlebt worden ist, wenn ich durch das Erwachen merke,
daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (S. 84). Während
des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten
infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine
Außenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz
bringe.1)
1)Einen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu erklären durch
die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der sonst korrekten
Funktion des intakten seelischen Apparates zur Folge haben muß, hat Haffner unter-
nommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten beschrieben. Das erste
Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i. die Eman-
zipation der Vorstellung von der dem Individuum zukommenden Stelle in der örtlichen
und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich der zweite Grundcharakter des
Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen, Imaginationen und Phantasiekom-
binationen mit äußeren Wahrnehmungen. „Da die Gesamtheit der höheren Seelen-
kräfte insbesondere Begriffsbildung, Urteil und Schlußfolgerung einerseits und die
freie Selbstbestimmung anderseits an die sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen
und diese jederzeit zur Unterlage haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der
Regellosigkeit der Traumvorstellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an
und für sich ist unsere Urteilskraft, wie unsere Willenskraft, im Schlafe in keiner
Weise alteriert. Wir sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso frei wie
im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denk-
gesetze an sich verstoßen, d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende
identisch setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein
Gutes sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des
Denkens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch die
Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir im Traum
die größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits die scharf-
sinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen vollziehen,
die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können. Mangel an
Orientierung ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit welchem unsere Phantasie
im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Reflexion, sowie an Ver-
ständigung mit anderen, ist die Hauptquelle der maßlosen Extravaganzen unserer
Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traum“ (S. 18).S.
57
Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestim-
menden Momente für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere
des Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige
Bemerkungen des alten Burdach anzuführen, welche auf die Be-
ziehung der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und
dazu angetan sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ab-
leitungen zurückzuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Be-
dingung,“ sagt Burdach, „daß die Seele nicht von Sinnes-
reizen angeregt wird, . . . aber es ist nicht sowohl der Mangel an
Sinnesreizen die Bedingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel
an Interesse dafür [E 15]; mancher sinnliche Eindruck ist selbst not-
wendig, insofern er zur Beruhigung der Seele dient, wie denn
der Müller nur dann schläft, wenn er das Klappern seiner Mühle
hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen
für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann.“ (S. 457.)„Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und
zieht sich von der Peripherie . . . zurück . . . Indes ist der Zu-
sammenhang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe
selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so
könnte man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird
die Fortdauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht
immer durch die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern
durch die psychische Beziehung desselben geweckt wird; ein gleich-
gültiges Wort weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber
beim Namen, so erwacht er . . . , die Seele unterscheidet also im
Schlafe zwischen den Sensationen. . . . Daher kann man denn auch
durch den Mangel eines Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine
für die Vorstellung wichtige Sache bezieht, geweckt werden; so
erwacht man vom Auslöschen eines Nachtlichtes und der Müller
vom Stillstande seiner Mühle, also vom Aufhören der Sinnes-
tätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese perzipiert worden ist,
aber als gleichgültig, oder vielmehr befriedigend, die Seele nicht
aufgestört hat.“ (S. 460 u. ff.)S.
58
Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein-
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß
die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außen-
welt abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartig-
keit desselben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen
Falle müßte es möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in
Vorstellungen, die Situationen des Traumes in Gedanken zurück-
zuwandeln, und damit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen.
Nun verfahren wir nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen
den Traum aus der Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese
Rückübersetzung ganz oder nur teilweise gelingt, der Traum be-
hält seine Rätselhaftigkeit unverringert bei.Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume
noch andere und tiefer greifende Veränderungen mit dem Vor-
stellungsmateriale des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben
sucht Strümpell in folgender Erörterung herauszugreifen (S. 17):
„Die Seele verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen An-
schauung und des normalen Lebensbewußtseins auch den Grund,
in welchem ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen und Hand-
lungen wurzeln. Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle,
Interessen, Wertschätzungen, welche im Wachen den Erinnerungs-
bildern anhaften, unterliegen … einem verdunkelnden Drucke,
infolgedessen sich ihre Verbindung mit den Bildern auflöst, die
Wahrnehmungsbilder von Dingen, Personen, Lokalitäten, Begeben-
heiten und Handlungen des wachen Lebens werden einzeln sehr
zahlreich reproduziert, aber keines derselben bringt seinen psy-
chischen Wert mit. Dieser ist von ihnen abgelöst und sie
schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln umher …“Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Wert, die
selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurück-
geführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem
Eindruck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in
unserer Erinnerung dem Leben gegenüberstellt.S.
59
Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf
eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche
Leitung des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns
so die ohnedies naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der
Schlafzustand sich auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken
möge. Die eine oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz
aufgehoben; ob die übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob
sie unter solchen Umständen normale Arbeit leisten können,
kommt jetzt in Frage. Der Gesichtspunkt taucht auf, daß man
die Eigentümlichkeiten des Traumes erklären könne durch die
psychische Minderleistung im Schlafzustande, und nun kommt der
Eindruck, den der Traum unserem wachen Urteil macht, einer
solchen Auffassung entgegen. Der Traum ist unzusammenhängend,
vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Widersprüche, läßt Unmöglich-
keiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches Wissen beiseite,
zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer sich im
Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen Situ-
ationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer
im Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie
sie im Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck
eines Verworrenen oder eines Schwachsinnigen machen. Somit
glauben wir nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die
psychische Tätigkeit im Traum nur sehr gering anschlagen und
insbesondere die höheren intellektuellen Leistungen als im Traum
aufgehoben oder wenigstens schwer geschädigt erklären.Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit – von den Ausnahmen
wird an anderer Stelle die Rede sein – haben die Autoren solche
Urteile über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer
bestimmten Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten.
Es ist an der Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Resumé
durch eine Sammlung von Aussprüchen verschiedener Autoren –
Philosophen und Ärzte – über die psychologischen Charaktere
des Traumes ersetze:S.
60
Nach Lemoine ist die Inkohärenz der Traumbilder der einzig
wesentliche Charakter des Traumes.Maury pflichtet dem bei; er sagt (Le sommeil, p. 163): „Il
n’y a pas des rêves absolument raisonnables et qui ne contiennent
quelque incohérence, quelque anachronisme, quelque absurdité.“
Nach Hegel bei Spitta fehlt dem Traum aller objektive ver-
ständige Zusammenhang.Dugas sagt: „Le rêve, c’est l’anarchie psychique, affective et
mentale, c’est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s’exer-
çant sans contrôle et sans but; dans le rêve l’esprit est un automate
spirituel.“„Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des
im Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zu-
sammengehaltenen Vorstellungslebens“ räumt selbst Volkelt ein
(S. 14), nach dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des
Schlafes keineswegs zwecklos erscheint.Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs-
verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon
Cicero (De divin. II) tat: Nihil tam praepostere, tam incondite,
tam monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.Fechner sagt (S. 522): Es ist, als ob die psychologische Tätig-
keit aus dem Gehirne eines Vernünftigen in das eines Narren
übersiedelte.Radestock (S. 145): „In der Tat scheint es unmöglich, in
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen
Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden
Willens und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der
Traum in tollem Spiel alles kaleidoskopartig durcheinander.“Hildebrand (S. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit
welcher Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze
geradezu auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche
kann er in den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft ver-
S.
61
tragen, bevor ihm, wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und
die Überspannung des Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir
multiplizieren gelegentlich ganz harmlos: Drei mal drei macht
zwanzig; es wundert uns gar nicht, daß ein Hund uns einen
Vers hersagt, daß ein Toter auf eigenen Füßen nach seinem
Grabe geht, daß ein Felsstück auf dem Wasser schwimmt; wir
gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach dem Herzogtum
Bernburg oder dem Fürstentum Liechtenstein, um die Kriegs-
marine des Landes zu beobachten, oder lassen uns von Karl dem
Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige an-
werben.“Binz (S. 33) mit dem Hinweis auf die aus diesen Eindrücken
sich ergebende Traumtheorie: „Unter zehn Träumen sind min-
destens neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen
und Dinge zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen
zueinander haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem
Kaleidoskop, ist die Gruppierung eine andere geworden, womöglich
noch unsinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so
geht das wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns
weiter, bis wir erwachen, mit der Hand nach der Stirne greifen
und uns fragen, ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des ver-
nünftigen Vorstellens und Denkens besitzen.“Maury (Le sommeil, p. 50) findet für das Verhältnis der
Traumbilder zu den Gedanken des Wachens einen für den Arzt
sehr eindrucksvollen Vergleich: „La production de ces images que
chez l’homme éveillé fait le plus souvent naître la volonté, correspond,
pour l’intelligence, à ce que sont pour la motilité certains mouve-
ments que nous offrent la chorée et les affections paralytiques…“
Im übrigen ist ihm der Traum „toute une série de dégradations
de la faculté pensante et raisonnante“ (p. 27).Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen,
welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen-
leistungen wiederholen.S.
62
Nach Strümpell treten im Traum – selbstverständlich auch
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist – sämtliche logischen,
auf Verhältnissen und Beziehungen beruhenden Operationen der
Seele zurück (S. 26). Nach Spitta (S. 148) scheinen im Traum
die Vorstellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein.
Radestock u. a. betonen die dem Traum eigene Schwäche des
Urteils und des Schlusses. Nach Jodl (S. 123) gibt es im Traum
keine Kritik, keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch
den Inhalt des Gesamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle
Arten der Bewußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber un-
vollständig, gehemmt, gegeneinander isoliert.“ Die Widersprüche,
in welche sich der Traum gegen unser waches Wissen setzt,
erklärt Stricker (mit vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im
Traum vergessen oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen
verloren gegangen sind (S. 98) usw., usw.Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die
psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben,
daß ein gewisser Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume ver-
bleibt. Wundt, dessen Lehren für so viele andere Bearbeiter der
Traumprobleme maßgebend geworden sind, gesteht dies aus-
drücklich zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des
im Traume sich äußernden Restes von normaler Seelentätigkeit
fragen. Es wird nun ziemlich allgemein zugegeben, daß die
Reproduktionsfähigkeit, das Gedächtnis im Traum am wenig-
sten gelitten zu haben scheint, ja eine gewisse Überlegenheit
gegen die gleiche Funktion des Wachens (vgl. oben S. 12) auf-
weisen kann, obwohl ein Teil der Absurditäten des Traumes
durch die Vergeblichkeit eben dieses Traumlebens erklärt werden
soll. Nach Spitta ist es das Gemütsleben der Seele, was vom
Schlaf nicht befallen wird und dann den Traum dirigiert. Als
„Gemüt“ bezeichnet er „die konstante Zusammenfassung der
Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen“
(S. 84).S.
63
Scholz (S. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden
Seelentätigkeiten in der „allegorisierenden Umdeutung“,
welcher das Traummaterial unterzogen wird. Siebeck konstatiert
auch im Traum die „ergänzende Deutungstätigkeit“ der
Seele (S. 11), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und An-
schauen geübt wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den
Traum mit der Beurteilung der angeblich höchsten psychischen
Funktion, der des Bewußtseins. Da wir vom Traum nur durchs
Bewußtsein etwas wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel
sein; doch meint Spitta, es sei im Traum nur das Bewußtsein
erhalten, nicht auch das Selbstbewußtsein. Delboeuf gesteht ein,
daß er diese Unterscheidung nicht zu begreifen vermag.
Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver-
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herrschaft
kommt im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell
(S. 70): „Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es
scheint, nach den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer
Reize mit solchen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Reflexion
und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas
dabei vermögen.“ Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere,
stellen sich die Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die
Summe der im Schlaf einwirkenden Sensationsreize aus den ver-
schiedenen, an anderer Stelle angeführten Quellen wecken in der
Seele zunächst eine Anzahl von Vorstellungen, die sich als Hal-
luzinationen (nach Wundt richtiger Illusionen wegen ihrer Ab-
kunft von den äußeren und inneren Reizen) darstellen. Diese
verknüpfen sich untereinander nach den bekannten Assoziations-
gesetzen und rufen ihrerseits nach denselben Regeln eine neue
Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze Material wird
dann vom noch tätigen Rest der ordnenden und denkenden
Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet (vgl. etwa
Wundt und Weygandt). Es ist bloß noch nicht gelungen, die
Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß die ErweckungS.
64
der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem oder nach
jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe.Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen,
welche die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von
ganz besonderer Art und verschieden von den im wachen
Denken tätigen sind. So sagt Volkelt (S. 15): „Im Traume jagen
und haschen sich die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten
und kaum wahrnehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind
von solchen nachlässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen.“
Maury legt auf diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der
ihm gestattet, das Traumleben in engere Analogie mit gewissen
Geistesstörungen zu bringen, den größten Wert. Er anerkennt
zwei Hauptcharaktere des „délire“: 1) une action spontanée et
comme automatique de l’esprit; 2) une association vicieuse et
irrégulière des idées (Le sommeil, p. 126). Von Maury selbst
rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her, in denen der
bloße Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traumvor-
stellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt
(pélerinage) nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand
er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser
gab ihm nach einem Gespräch eine Schaufel (pelle) von Zink,
und diese wurde in einem darauffolgenden Traumstück sein
großes Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal ging er im Traum
auf der Landstraße und las auf den Meilensteinen die Kilometer
ab, darauf befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der eine große
Wage hatte, und ein Mann legte Kilogewichte auf die Wag-
schale, um Maury abzuwägen; dann sagte ihm der Gewürzkrämer:
„Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel Gilolo.“ Es folgten
darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume Lobelia sah, dann
den General Lopez, von dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte;
endlich erwachte er, eine Partie Lotto spielend. [E 16]Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne WiderspruchS.
65
von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch
hier schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der
Herabsetzer des Traumlebens versichert (Spitta, S. 118), daß
dieselben psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen,
auch den Traum regieren, oder wenn ein anderer (Dugas) aus-
spricht „le rêve n’est pas déraison ni même irraison pure“, solange
beide sich nicht die Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von
ihnen beschriebenen psychischen Anarchie und Auflösung aller
Funktionen im Traum in Einklang zu bringen. Aber anderen
scheint die Möglichkeit gedämmert zu haben, daß der Wahnsinn
des Traumes vielleicht doch nicht ohne Methode sei, vielleicht
nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf dessen Wahnsinn
sich das hier zitierte, einsichtsvolle Urteil bezieht. Diese Autoren
müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu urteilen, oder
der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein anderer.So würdigt Havelock Ellis den Traum, ohne bei seiner
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaic world
of vast emotions and imperfect thoughts“, deren Studium uns
primitive Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren
könnte [E 17]. Ein Denker wie Delboeuf behauptet – freilich ohne
den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und
darum eigentlich mit Unrecht:„Dans le sommeil, hormis la per-
ception, toutes les facultés de l’esprit intelligence, imagination,
mémoire, volonté, moralité, restent intactes dans leur essence;
seulement, elles s’appliquent à des objets imaginaires et mobiles.
Le songeur est un acteur qui joue à volonté les fous et les
sages, les bourreaux et les victimes, les nains et les géants, les
démons et les anges.“ (p. 222).Am energischesten scheint die
Herabsetzung der psychischen Leistung im Traum der Marquis
d’Hervey bestritten zu haben, gegen den Maury lebhaft polemi-
siert, und dessen Schrift ich mir trotz aller Bemühung nicht ver-
schaffen konnte. Maury sagt über ihn (Le sommeil, p. 19):
„M. le Marquis d’Hervey prête à l’intelligence durant le sommeil,S.
66
toute sa liberté d’action et d’attention et il ne semble faire con-
sister le sommeil que dans l’occlusion des sens, dans leur ferme-
ture au Monde extérieur; en sorte que l’homme qui dort ne se
distingue guère, selon sa manière de voir, de l’homme qui laisse
vaguer sa pensée en se bouchant les sens; toute la différence qui
sépare alors la pensée ordinaire de celle du dormeur c’est que,
chez celui-ci, l’idée prend une forme visible, objective et ressemble,
à s’y méprendre, à la sensation déterminée par les objets extérieurs;
le souvenir revet l’apparence du fait présent.“Maury fügt aber hinzu: „qu’il y a une différence de plus et
capitale à savoir que les facultés intellectuelles de l’homme endormi
n’offrent pas l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme éveillé.“ [E 18]Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt
hat in der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der
tiefsten Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt
haben, durch die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes
bis zur Überschätzung, die den Traum weit über die Leistungen
des Wachlebens stellt. Hildebrandt, der, wie wir wissen, in
drei Antinomien die psychologische Charakteristik des Traumlebens
entwirft, faßt im dritten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser
Reihe zusammen (S. 19): „Es ist der zwischen einer Steigerung,
einer nicht selten bis zur Virtuosität sich erhebenden Poten-
zierung, und anderseits einer entschiedenen, oft bis unter das
Niveau des Menschlichen führenden Herabminderung und
Schwächung des Seelenlebens.“„Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Er-
fahrung bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traum-
genius bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine
Zartheit der Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Fein-
heit der Beobachtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zutage
tritt, wie wir solches alles als konstantes Eigentum während des
wachen Lebens zu besitzen bescheidenlich in Abrede stellen
würden? Der Traum hat eine wunderbare Poesie, eine trefflicheS.
67
Allegorie, einen unvergleichlichen Humor, eine köstliche Ironie.
Er schauet die Welt in einem eigentümlich idealisierenden Lichte,
und potenziert den Effekt ihrer Erscheinungen oft im sinnigsten
Verständnisse des ihnen zum Grunde liegenden Wesens. Er stellt
uns das irdisch Schöne in wahrhaft himmlischem Glanze, das
Erhabene in höchster Majestät, das erfahrungsgemäß Furchtbare
in der grauenvollsten Gestalt, das Lächerliche mit unbeschreiblich
drastischer Komik vor Augen; und bisweilen sind wir nach dem
Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so voll, daß es uns
vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche Welt uns noch
nie und niemals geboten.“Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte An-
preisung gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die
anderen die tiefsinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn
beiderlei vorkommt, Träume, die solche und die jene Beurteilung
verdienen, scheint es da nicht müßig, nach einer psychologi-
schen Charakteristik des Traumes zu suchen, genügt es nicht zu
sagen, im Traume sei alles möglich, von der tiefsten Herab-
setzung des Seelenlebens bis zu einer im Wachen ungewohnten
Steigerung desselben? So bequem diese Lösung wäre, sie hat
dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen aller Traumforscher
die Voraussetzung zugrunde zu liegen scheint, es gäbe eine
solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakte-
ristik des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen
müßte.Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener,
jetzt hinter uns liegenden, intellektuellen Periode, da die Philo-
sophie und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister be-
herrschte. Aussprüche, wie die von Schubert, daß der Traum
eine Befreiung des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur
sei, eine Loslösung der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit,S.
68
und ähnliche Urteile von dem jüngeren Fichte1) u. a., welche
sämtlich den Traum als einen Aufschwung des Seelenlebens zu
einer höheren Stufe darstellen, erscheinen uns heute kaum be-
greiflich; sie werden in der Gegenwart auch nur bei Mystikern
und Frömmlern wiederholt. [E 19] Mit dem Eindringen naturwissen-
schaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der Würdigung des
Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Autoren sind am
ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume für gering-
fügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und nicht
zünftige Beobachter – Amateurpsychologen, – deren Beiträge
gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im
besseren Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an
dem psychischen Wert der Träume festgehalten haben. Wer zur
Geringschätzung der psychischen Leistung im Traume neigt, der
bevorzugt begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen
Reizquellen; für den, welcher der träumenden Seele den größeren
Teil ihrer Fähigkeiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich
jedes Motiv, ihr nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen
zuzugestehen.Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben,
ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be-
weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt.
Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des
Traumlebens, daß es sich souverän über Zeit- und Ortsent-
fernungen hinwegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine
Illusion zu erkennen. Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt be-
merkt, eben ein illusorischer Vorzug; das Träumen setzt sich über
Zeit und Raum nicht anders hinweg als das wache Denken, und
eben weil es nur eine Form des Denkens ist. Der Traum sollte
sich in bezug auf die Zeitlichkeit noch eines anderen Vorzuges
erfreuen, noch in anderem Sinne vom Ablauf der Zeit unabhängig
1)Vgl. Haffner und Spitta.
S.
69
sein. Träume, wie der oben S. 29 mitgeteilte Maurys von seiner
Hinrichtung durch die Guillotine, scheinen zu beweisen, daß der
Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit mehr Wahrnehmungs-
inhalt zu drängen vermag, als unsere psychische Tätigkeit im
Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung ist indes
mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den Auf-
sätzen von Le Lorrain und Egger „über die scheinbare Dauer
der Träume“ hat sich hierüber eine interessante Diskussion an-
gesponnen, welche in dieser heikeln und tiefreichenden Frage
wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat. [E 20]Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzu-
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu
bringen vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern
und Komponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann,
scheint nach vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix
angestellten Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch
nicht die Tatsache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen,
ans Prinzipielle streifenden Zweifeln. [E 21]Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes
ein Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit
hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man
vermeidet es – und wohl mit Recht, – alles Tatsächliche an
diesem Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die
Möglichkeit einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht
nahe bevorsteht.F
Die ethischen Gefühle im Traume
Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können,
habe ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teil-
problem abgesondert, ob und inwieweit die moralischen Dis-
positionen und Empfindungen des Wachens sich ins TraumlebenS.
70
erstrecken. Der nämliche Widerspruch in der Darstellung der
Autoren, den wir für alle anderen seelischen Leistungen mit
Befremden bemerken mußten, macht uns auch hier betroffen.
Die einen versichern mit ebensolcher Entschiedenheit, daß der
Traum von den sittlichen Anforderungen nichts weiß, wie die
andern, daß die moralische Natur des Menschen auch fürs Traum-
leben erhalten bleibt.Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu er-
heben. Jessen sagt (S. 553): „Auch besser und tugendhafter wird
man nicht im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den
Träumen zu schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und
die schwersten Verbrechen, Diebstahl, Mord und Totschlag mit
völliger Gleichgültigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben
kann.“Radestock (S. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die Asso-
ziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden,
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sitt-
liches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach
und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor.“Volkelt (S. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder
weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der
Träumende selbst aufs äußerste schamlos und jedes sittlichen
Gefühls und Urteils verlustig ist, so sieht er auch alle anderen
und selbst die verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die
er im Wachen auch nur in Gedanken mit ihnen zusammen-
zubringen sich scheuen würde.“Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die
von Schopenhauer, daß jeder im Traum in vollster Gemäßheit
seines Charakters handelt und redet. R. Ph. Fischer1 behauptet,
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen, oder Affekte und
1)Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach Spitta.)
S.
71
Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren,
daß die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren
Träumen sich spiegeln.Haffner (S. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, . . . wird
ein tugendhafter Mensch auch im Traum tugendhaft sein; er
wird den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem
Zorn und allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde
aber wird auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder
finden, die er im Wachen vor sich hatte.“Scholz (S. 36): „Im Traum ist Wahrheit, trotz aller Mas-
kierung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes
Selbst wieder . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume
kein entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der
Fall ist, so entsetzt er sich darüber, als über etwas seiner Natur
Fremdes. Der römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hin-
richten ließ, weil diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser
den Kopf abschlagen lassen, hatte darum so Unrecht nicht, wenn
er dies damit rechtfertigte, daß, wer so träume, auch ähnliche
Gedanken im Wachen haben müsse. Von etwas, das in unserem
Innern keinen Raum haben kann, sagen wir deshalb auch be-
zeichnenderweise: Es fällt mir auch im Traum nicht ein.“ [E 22]Paff1) sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich-
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume, und ich will
dir sagen, wie es um dein Inneres steht.“Die kleine Schrift von Hildebrandt, der ich bereits so zahl-
reiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und ge-
dankenreichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den
ich in der Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der
Sittlichkeit im Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch
für Hildebrandt steht es als Regel fest: Je reiner das Leben,
desto reiner der Traum; je unreiner jenes, desto unreiner dieser.
1)Das Traumleben und seine Deutung. 1868 (bei Spitta, S. 192).
S.
72
Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be-
stehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungs-
fehler, keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein
noch so scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch
nur verdächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen
Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend
und Laster nie verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage
mit uns geht, in den Schlummerstunden weichen mag –
Kants kategorischer Imperativ hat sich als untrennbarer Be-
gleiter so an unsere Fersen geheftet, daß wir ihn auch schlafend
nicht los werden ... Erklären aber läßt sich (diese Tatsache)
eben nur daraus, daß das Fundamentale der Menschennatur, das
sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an der Wirkung der
kaleidoskopischen Durchschüttelung Teil zu nehmen, welcher
Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten gleichen
Ranges im Traume unterliegen.“ (S. 45 u. ff.)In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk-
würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen
von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die-
jenigen, welche meinen, im Traum zerfalle die sittliche Per-
sönlichkeit des Menschen, das Interesse an den unmoralischen
Träumen mit dieser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Ver-
such, den Träumer für seine Träume verantwortlich zu machen,
aus der Schlechtigkeit seiner Träume auf eine böse Regung in seiner
Natur zu schließen, mit derselben Ruhe ablehnen wie den an-
scheinend gleichwertigen Versuch, aus der Absurdität seiner Träume
die Wertlosigkeit seiner intellektuellen Leistungen im Wachen zu
erweisen. Die anderen, für die sich „der kategorische Imperativ“
auch in den Traum erstreckt, hätten die Verantwortlichkeit für un-
moralische Träume ohne Einschränkung anzunehmen; es wäre
ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume von solch verwerf-
licher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen Wertschätzung
der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten.S.
73
Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht
sicher weiß, inwieweit er gut oder böse ist, und daß niemand
die Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann.
Denn über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traum-
moralität hinweg zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen
Bemühungen, die Herkunft der unsittlichen Träume aufzuklären,
und es entwickelt sich ein neuer Gegensatz, je nachdem deren
Ursprung in den Funktionen des psychischen Lebens oder in
somatisch bedingten Beeinträchtigungen desselben gesucht wird.
Die zwingende Gewalt der Tatsächlichkeit läßt dann Vertreter
der Verantwortlichkeit wie der Unverantwortlichkeit des Traum-
lebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen Quelle
für die Immoralität der Träume zusammentreffen.Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen,
hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre
Träume zu übernehmen. Haffner sagt (S. 24): „Wir sind für
Träume nicht verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen
die Basis entrückt ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit
und Wirklichkeit hat1). Es kann eben darum kein Traum-
wollen und Traumhandeln Tugend oder Sünde sein.“ Doch ist
der Mensch für den sündhaften Traum verantwortlich, sofern er
ihn indirekt verursacht. Es erwächst für ihn die Pflicht, wie im
Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafengehen seine Seele
sittlich zu reinigen.Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung
und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen
Inhalt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt,
daß die dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zu-
sammendrängung der kompliziertesten Überlegungsvorgänge in
das kleinste Zeiträumchen, und die auch von ihm zugestandene
Entwertung und Vermengung der Vorstellungselemente im Traume
gegen den unsittlichen Anschein der Träume in Abzug gebracht
werden muß, gesteht er, daß es doch den ernstesten Bedenken
S.
74
unterliege, alle Verantwortung für Traumsünden und Schulden
schlechthin zu leugnen.(S. 49): „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, nament-
lich eine solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen
bezieht, recht entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen
wir wohl die Redensart: Das sei uns nicht im Traume einge-
fallen. Damit sprechen wir allerdings einerseits aus, daß wir das
Traumgebiet für das fernste und letzte halten, auf welchem wir
für unsere Gedanken einzustehen hätten, weil dort diese Ge-
danken mit unserem wirklichen Wesen nur so lose und locker
zusammenhängen, daß sie kaum noch als die unsrigen betrachtet
werden dürfen; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiete
das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich zu leugnen uns
veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit zugleich zu,
daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde, wenn
sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden hier,
wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit.“(S. 52) „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren
erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher
durch die Seele des Wachenden gezogen wäre.“ Von dieser ersten
Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht – er
bildete es nur nach und spann’s nur aus, er bearbeitete nur ein
Quentlein historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte,
in dramatischer Form; er setzte das Wort des Apostels in Szene:
Wer seinen Bruder haßt, der ist ein Totschläger. Und während
man das ganze, breit ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes
nach dem Erwachen, seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln
kann, so will jener ursprüngliche Bildungsstoff sich doch keine
lächerliche Seite abgewinnen lassen. Man fühlt sich für die Ver-
irrungen des Träumenden verantwortlich, nicht für die ganze
Summe, aber doch für einen gewissen Prozentsatz. „Kurz, ver-
stehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne das Wort
Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken – dannS.
75
können wir auch kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede
im Traum begangene Sünde ein dunkles Minimum wenigstens
von Schuld mit sich führe.“In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als
Versuchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet
also Hildebrandt die Quelle für die Immoralität der Träume,
und er steht nicht an, diese immoralischen Elemente bei der
sittlichen Wertschätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind
dieselben Gedanken und die nämliche Schätzung derselben, welche,
wie wir wissen, die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten
klagen ließ, sie seien arge Sünder. [E 23]An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastierenden
Vorstellungen – bei den meisten Menschen und auch auf
anderem als ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel.
Die Beurteilung derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte
gewesen. Bei Spitta findet sich folgende hieher gehörige Äußerung
von A. Zeller (Artikel „Irre“ in der allgemeinen Enzyklopädie
der Wissenschaften von Ersch und Gruber) zitiert (S. 144): „So
glücklich ist selten ein Geist organisiert, daß er zu allen Zeiten
volle Macht besäße und nicht immer wieder nicht allein un-
wesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte und widersinnige
Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Gedanken unter-
brächen, ja die größten Denker haben sich über dieses traum-
artige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu
beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre
heiligste und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.“Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt,
daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres
Wesens blicken lasse, die uns im Zustande des Wachens meist
verschlossen bleiben (S. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an
einer Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei
wohl dazu da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdeckenS.
76
und uns zu offenbaren, nicht was wir sind,
sondern was wir hätten werden können, wenn wir eine andere Erziehung gehabt
hätten; Radestock (S. 84) mit den Worten, daß der Traum
uns oft nur offenbart, was wir uns nicht gestehen wollen, und
daß wir ihn darum mit Unrecht einen Lügner und Betrüger
schelten. [E 24] Wir werden aufmerksam gemacht, daß das Auftauchen
dieser, unserem sittlichen Bewußtsein fremden Antriebe nur analog
ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des Traumes über
anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen fehlt oder
darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen, wie die
von Benini: „Certe nostre inclinazioni che si credevano soffocate
e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte
rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono
dinanzi“ (p. 149), und von Volkelt: „Auch Vorstellungen, die
in das wache Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und
von ihm vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden,
pflegen sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele
kund zu tun“ (S. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu
erinnern, daß nach Schleiermacher schon das Einschlafen vom
Hervortreten ungewollter Vorstellungen (Bilder) begleitet war.Als „ungewollte Vorstellungen“ dürfen wir nun dies ganze
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den
unmoralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden
erregt. Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die unge-
wollten Vorstellungen auf sittlichem Gebiet den Gegensatz zu
unserem sonstigen Empfinden erkennen lassen, während die
anderen uns bloß fremdartig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt
geschehen, der uns ermöglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer
gehende Erkenntnis aufzuheben.Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor-
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der
wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem
nächtlichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ab-S.
77
leiten? Hier ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine aber-
mals verschiedene Gruppierung der Autoren zu verzeichnen. Den
Gedankengang von Hildebrandt und anderen Vertretern seiner
Grundansicht kann man wohl nicht anderswohin fortsetzen, als
daß den unmoralischen Regungen auch im Wachen eine gewisse
Macht innewohne, die zwar gehemmt ist, bis zur Tat vorzu-
dringen, und daß im Schlaf etwas wegfalle, was, gleichfalls wie
eine Hemmung wirksam, uns gehindert habe, die Existenz dieser
Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so das wirkliche, wenn
auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und gehörte zu den
Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kenntnis zu-
gänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her kann
Hildebrandt dem Traum die Rolle eines Warners zuweisen,
der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerk-
sam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher
unbemerkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann.
Und auch Spitta kann von keiner anderen Auffassung geleitet
sein, wenn er auf die Erregungsquellen hinweist, die z. B. zur
Zeit der Pubertät der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet,
er habe alles getan, was in seinen Kräften steht, wenn er im
Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel geführt und
sich bemüht, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen, zu
unterdrücken, sie nicht reifen und zur Tat werden zu lassen.
Nach dieser Auffassung könnten wir die „ungewollten“ Vor-
stellungen als die während des Tages „unterdrückten“ be-
zeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes psychisches
Phänomen erblicken.Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer
Folgerung. Für Jessen stellen die ungewollten Vorstellungen im
Traume wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien
„den Charakter einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkeit und
eines gewissermaßen mechanischen Prozesses von Bildern
und Vorstellungen durch innere Bewegungen dar“ (S. 360). EinS.
78
unmoralischer Traum beweise weiter nichts für das Seelen-
leben des Träumers, als daß dieser von dem betreffenden Vorstellungs-
inhalt irgendwie einmal Kenntnis gewonnen habe, gewiß nicht
eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem anderen Autor, Maury,
könnte man in Zweifel geraten, ob auch nicht er dem Traum-
zustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische Tätigkeit nach ihren
Komponenten zu zerlegen, anstatt sie planlos zu zerstören. Er
sagt von den Träumen, in denen man sich über die Schranken
der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants qui parlent et qui
nous font agir, sans que la conscience nous retienne, bien que
parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants
vicieux; à l’état de veille, je tâche de lutter contre eux, et il
m’arrive assez souvent de n’y pas succomber. Mais dans mes
songes j’y succombe toujours ou pour mieux dire j’agis par leur
impulsion, sans crainte et sans remords ... Evidemment les visions
qui se déroulent devant ma pensée et qui constituent le rêve, me
sont suggérées par les incitations que je ressens et que ma volonté
absente ne cherche pas à refouler.“ (Le sommeil, p. 113.)Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich
vorhandene aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Dis-
position des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser
Meinung schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten
Maurys (p. 115): „En rêve l’homme se révèle donc tout entier
à soi-même dans sa nudité et sa misère natives. Dès qu’il suspend
l’exercice de sa volonté, il devient le jouet de toutes les passions
contre lesquelles, à l’état de veille la conscience, le sentiment
d’honneur, la crainte nous défendent.“ An anderer Stelle findet er
das treffende Wort: (p. 462) „Dans le rêve, c’est surtout l’homme
instinctif qui se révèle ... L’homme revient pour ainsi dire à
l’état de nature quand il rêve; mais moins les idées acquises ont
pénétré dans son esprit, plus les penchants en désaccord avec
elles conservent encore sur lui d’influence dans le rêve.“ Er führt
dann als Beispiel an, daß seine Träume ihn nicht selten alsS.
79
Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen Schriften
am heftigsten bekämpft hat.Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine
psychologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury
dadurch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beob-
achteten Phänomenen nichts als Beweise für den automatisme
psychologique sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht.
Diesen Automatismus faßt er als vollen Gegensatz zur psychischen
Tätigkeit.Eine Stelle in den „Studien über das Bewußtsein“ von Stricker
lautet: „Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen;
wenn man sich z. B. im Traum vor Räubern fürchtet, so sind
die Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real.“ So wird man
darauf aufmerksam gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume
die Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Traum-
inhalt schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was
an den psychischen Vorgängen im Traum real sein mag, das
heißt einen Anspruch auf Einreihung unter die psychischen Vor-
gänge des Wachens beanspruchen darf?G
Traumtheorien und Funktion des Traumes
Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der
beobachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus
zu erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes
zu einem umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man
eine Traumtheorie heißen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien
werden sich darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter
des Traumes zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Be-
ziehungen an ihn anknüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein
Nutzen oder eine sonstige Leistung des Traumes, wird nicht
notwendig aus der Theorie ableitbar sein müssen, aber unsereS.
80
auf die Teleologie gewohnheitsgemäß gerichtete Erwartung wird
doch jenen Theorien entgegenkommen, die mit der Einsicht in
eine Funktion des Traumes verbunden sind.Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen
gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne
mehr oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der
Traum eine Sendung der Götter sei, um die Handlungen der
Menschen zu lenken, war eine vollständige Theorie des Traumes,
die über alles am Traum Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem
der Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden
ist, kennen wir eine größere Anzahl von Traumtheorien, aber
darunter auch manche recht unvollständige.Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa fol-
gende lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach
der zugrunde gelegten Annahme über Maß und Art der psy-
chischen Tätigkeit im Traum:1) Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des
Wachens sich in den Traum fortsetzen lassen, wie die von
Delboeuf. Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt,
aber unter die vom Wachen abweichenden Bedingungen des
Schlafzustandes gebracht, muß sie bei normalem Funktionieren
andere Ergebnisse liefern als im Wachen. Bei diesen Theorien
fragt es sich, ob sie imstande sind, die Unterschiede des Traumes
von dem Wachdenken sämtlich aus den Bedingungen des Schlaf-
zustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen ein möglicher Zugang
zu einer Funktion des Traumes; man sieht nicht ein, wozu man
träumt, warum der komplizierte Mechanismus des seelischen Appa-
rates weiter spielt, auch wenn er in Verhältnisse versetzt wird,
für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen oder, wenn
störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig zweck-
mäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des Träumens.2) Solche Theorien, welche im Gegenteile für den Traum eine
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung derS.
81
Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material
annehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere
psychologische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als
etwa nach Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die
Seele, er besteht nicht bloß in einer Absperrung der Seele von
der Außenwelt, er dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein
und macht ihn zeitweilig unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich
mit psychiatrischem Material heranziehen darf, so möchte ich
sagen, die ersteren Theorien konstruieren den Traum wie eine
Paranoia, die zweiterwähnten machen ihn zum Vorbilde des
Schwachsinns oder einer Amentia.Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch
den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme,
ist die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen
Welt überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse
für Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die
herrschende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzu-
heben, mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste
Klippe jeder Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einemS.
82
stoffe und immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem
rastlos treibenden Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten
schon einzelne Zellenhaufen wach geworden hervor, während
ringsumher noch alles in Erstarrung ruht. Es tritt nun die
isolierte Arbeit der Einzelgruppen vor unser umnebeltes
Bewußtsein, und zu ihr fehlt die Kontrolle anderer, der Assozia-
tion vorstehender Gehirnteile. Darum fügen die geschaffenen Bilder,
welche meist den materiellen Eindrücken naheliegender Ver-
gangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander. Immer
größer wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer
geringer die Unvernunft des Traumes.“Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen,
partiellen Wachens, oder Spuren von ihrem Einflusse, sicherlich
bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am
ausführlichsten ist sie bei Maury dargestellt. Dort hat es oft den
Anschein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Einge-
schlafensein nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei
ihm allerdings eine anatomische Provinz und eine bestimmte
psychische Funktion aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte
hier aber nur andeuten, daß, wenn die Theorie des partiellen
Wachens sich bestätigte, über den feineren Ausbau derselben sehr
viel zu verhandeln wäre.Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung
des Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird
das Urteil über die Stellung und Bedeutung des Traumes
konsequenterweise durch die Äußerung von Binz gegeben (S. 357):
„Alle Tatsachen, wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als
einen körperlichen, in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen
geradezu krankhaften Vorgang zu kennzeichnen . . .“Der Ausdruck „körperlich“ mit Beziehung auf den Traum,
der seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl
nach mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die
Traumätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er dieS.
83
experimentelle Erzeugung von Träumen durch Darreichung von
Giften studierte. Es liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art
von Traumtheorien, die Anregung zum Träumen womöglich aus-
schließlich von somatischer Seite ausgehen zu lassen. In extremster
Form dargestellt, lautete es so: Nachdem wir durch Entfernung
der Reize uns in Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen
kein Bedürfnis und kein Anlaß bis zum Morgen, wo das all-
mähliche Erwachen durch die neu anlangenden Reize sich in dem
Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun gelingt es aber
nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es kommen, ähnlich wie
Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her Reize an
den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den
Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie ge-
kümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem,
bald an jenem Zipfelchen wach gerüttelt und funktioniert dann
ein Weilchen mit dem geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen.
Der Traum ist die Reaktion auf die durch den Reiz verursachte
Schlafstörung, übrigens eine rein überflüssige Reaktion.Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelen-
organs bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat
aber auch noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines
psychischen Vorganges, die damit dem Traume abgesprochen
werden soll. Das in seiner Anwendung auf den Traum bereits
sehr alte Gleichnis von den „zehn Fingern eines der Musik ganz
unkundigen Menschen, die über die Tasten des Instrumentes hin-
laufen“ veranschaulicht vielleicht am besten, welche Würdigung
die Traumleistung bei den Vertretern der exakten Wissenschaft
zumeist gefunden hat. Der Traum wird in dieser Auffassung
etwas ganz und gar Undeutbares; denn wie sollten die zehn Finger
des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik produzieren können?Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzei-
tig nicht an Einwänden gefehlt. Burdach meinte 1830: „Wenn man
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlichS.
84
weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts
anderes gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig
sind, während andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet
während des ganzen Lebens statt ...“ (S. 483.)An die herrschende Traumtheorie, welche im Traum einen
„körperlichen“ Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante
Auffassung des Traumes an, die erst 1886 von Robert ausge-
sprochen wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das
Träumen eine Funktion, einen nützlichen Erfolg, anzugeben weiß.
Robert nimmt zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen
der Beobachtung, bei denen wir bereits in der Würdigung des
Traummaterials verweilt haben (vgl. S. 11), nämlich daß man
so häufig von den nebensächlichsten Eindrücken des Tages träumt,
und daß man so selten die großen Interessen des Tages mit
hinübernimmt. Robert behauptet als ausschließlich richtig: Es
werden nie Dinge, die man voll ausgedacht hat, zu Traum-
erregern, immer nur solche, die einem unfertig im Sinne liegen,
oder den Geist flüchtig streifen (S. 10). – „Darum kann man
meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen des
selben eben die nicht zum genügenden Erkennen des
Träumenden gekommenen Sinneseindrücke des ver-
flossenen Tages sind.“ Die Bedingung, daß ein Eindruck in den
Traum gelange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner
Verarbeitung gestört wurde, oder daß er als allzu unbedeutend
auf solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte.Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung
zum Erkennen gelangt“. Träume sind Ausscheidungen von
im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit
geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse un-
fertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke an-
sammeln würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte,S.
85
was dem Gedächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.“
Der Traum leistet dem überbürdetem Gehirn die Dienste eines
Sicherheitsventils. Die Träume haben heilende, entlastende
Kraft. (S. 32.)Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu
richten, wie denn durch das Vorstellen im Traum eine Entlastung der
Seele herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar
aus jenen beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterales, daß
während des Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Ein-
drücken irgendwie als somatischer Vorgang vollzogen werde,
und das Träumen sei kein besonderer psychischer Prozeß, sondern
nur die Kunde, die wir von jener Aussonderung erhalten. Übrigens
ist eine Ausscheidung nicht das einzige, was nachts in der Seele
vorgeht. Robert fügt selbst hinzu, daß überdies die Anregungen
des Tages ausgearbeitet werden und, „was sich von dem unver-
daut im Geiste liegenden Gedankenstoff nicht ausscheiden läßt,
wird durch der Phantasie entlehnte Gedankenfäden zu
einem abgerundeten Ganzen verbunden und so dem Ge-
dächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht“. (S. 23.)In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt
die Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während
dort überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren
und inneren Sensationsreize die Seele immer wieder weckten,
liegt der Antrieb zum Träumen nach der Theorie Roberts in
der Seele selbst, in ihrer Überladung, die nach Entlastung verlangt,
und Robert urteilt vollkommen konsequent, daß die im körper-
lichen Befinden liegenden traumbedingenden Ursachen einen unter-
geordneten Raum einnehmen, und einen Geist, in dem kein dem
wachen Bewußtsein entnommener Stoff zur Traumbildung wäre,
keinesfalls zum Träumen veranlassen könnten. Zugegeben sei bloß,
daß die im Traume aus den Tiefen der Seele heraus sich ent-
wickelnden Phantasiebilder durch die Nervenreize beeinflußt
werden können. (S. 48.) So ist der Traum nach Robert dochS.
86
nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar kein
psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen
Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer
Vorgang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine Funktion
zu erfüllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten, oder
wenn man das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus-
wahl des Traummateriales deutlich werden, stützt ein anderer
Autor, Yves Delage, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich
zu beobachten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung
derselben Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite
gewonnen wird.Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person
durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von
dem nicht träumt, was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat,
oder erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen
beginnt. Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten
ihm die Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemer-
kung dieser Art, wenn sie sich als allgemein richtig heraus-
stellte, macht Delage über das Träumen junger Eheleute: „S’ils
ont été fortement épris, presque jamais ils n’ont rêvé l’un de
l’autre avant le mariage ou pendant la lune de miel; et s’ils ont
rêvé d’amour c’est pour être infidèles avec quelque personne in-
différente ou odieuse.“ Wovon träumt man nun aber? Delage
erkennt das in unseren Träumen vorkommende Material als
bestehend aus Bruchstücken und Resten von Eindrücken der
letzten Tage und früherer Zeiten. Alles, was in unseren Träumen
auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als Schöpfung des Traum-
lebens anzusehen, erweist sich bei genauerer Prüfung als uner-
kannte Reproduktion, als „souvenir inconscient“. Aber dieses
Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt
von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker be-
troffen haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerk-S.
87
samkeit sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde.
Je weniger bewußt und dabei je stärker ein Eindruck gewesen
ist, desto mehr Aussicht hat er, im nächsten Traum eine Rolle
zu spielen.Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein-
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders,
indem er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleich-
gültig sind, traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch
die nebensächlichen Eindrücke sind gewissermaßen nicht voll
erledigt worden, auch sie sind ihrer Natur nach als neue Ein-
drücke „autaut de ressorts tendus“, die sich während des Schlafes
entspannen werden. Noch mehr Anrecht auf eine Rolle im Traum
als der schwache und fast unbeachtete Eindruck wird ein starker
Eindruck haben, der zufällig in seiner Verarbeitung aufgehalten
wurde oder mit Absicht zurückgedrängt worden ist. Die tagsüber
durch Hemmung und Unterdrückung aufgespeicherte psychische
Energie wird nachts die Triebfeder des Traumes. Im Traum
kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein. [E 25]Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle
ab; er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traum
nur die geringste Rolle einräumen, und so schließt er sich mit
seiner Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre
vom partiellen Schlafen des Gehirns an:„En somme le rêve est
le produit de la pensée errante, sans but et sans direction, se fixant
successivement sur les souvenirs, qui ont gardé assez d’intensité
pour se placer sur sa route et l’arrêter au passage, établissant
entre eux un lien tantôt faible et indécis, tantôt plus fort et plus
serré, selon que l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins
abolie par le sommeil.“3.) Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und
Neigung zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, dieS.
88
sie im Wachen entweder gar nicht oder nur in unvollkommener
Weise ausführen kann. Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten
ergibt sich zumeist eine nützliche Funktion des Traumes. Die
Wertschätzungen, welche der Traum bei älteren psychologischen
Autoren gefunden hat, gehören meist in diese Reihe. Ich will
mich aber damit begnügen, an deren Statt die Äußerung von
Burdach anzuführen, derzufolge der Traum „die Naturtätigkeit
der Seele ist, welche nicht durch die Macht der Individualität
beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört, nicht durch
Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem Spiele
sich ergehende Lebendigkeit der sensibeln Zentralpunkte ist“
(S. 486).Dieses Schwelgen im freien Gebrauch der eigenen Kräfte stellen
sich Burdach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem
die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sam-
melt, also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach zitiert
und akzeptiert darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen
der Dichter Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum
ist eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlich-
keit des Lebens, eine freie Erholung der gebundenen Phantasie,
wo sie alle Bilder des Lebens durcheinander wirft, und die be-
ständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein
fröhliches Kinderspiel unterbricht; ohne die Träume würden wir
gewiß früher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht
als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine köstliche Auf-
gabe, als einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum
Grabe betrachten.“Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert
noch eindringlicher Purkinje (S. 456): „Besonders würden die
produktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte
Spiele der Imagination, die mit den Tagesgegebenheiten keinen
Zusammenhang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen
Lebens nicht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen er-
lösen.“S.
89
holen. Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens entge-
gesetzte Zustände. Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoff-
nungen und heitere zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und
Freundlichkeit, Furcht durch Mut und Zuversicht; den Zweifel
beschwichtigt sie durch Überzeugung und festen Glauben, ver-
gebliche Erwartung durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des
Gemütes, die der Tag immerwährend offen erhalten würde, heilt
der Schlaf, indem er sie zudeckt und vor neuer Aufregung be-
wahrt. Darauf beruht zum Teil die schmerzenheilende Wirkung
der Zeit.“ Wir empfinden es alle, daß der Schlaf eine Wohltat
für das Seelenleben ist, und die dunkle Ahnung des Volksbe-
wußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht rauben, daß der
Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf seine Wohl-
taten spendet.Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus
einer besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlaf-
zustande frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner
1861 unternommene. Das Buch Scherners, in einem schwülen
und schwülstigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen
Begeisterung für den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken
muß, wenn sie nicht mit sich fortzureißen vermag, setzt einer
Analyse solche Schwierigkeiten entgegen, daß wir bereitwillig nach
der klareren und kürzeren Darstellung greifen, in welcher der
Philosoph Volkelt die Lehren Scherners uns vorführt. „Es
blitzt und leuchtet wohl aus den mystischen Zusammenballungen,
aus all dem Pracht- und Glanzgewoge ein ahnungsvoller Schein
von Sinn heraus, allein hell werden hiedurch des Philosophen
Pfade nicht.“ Solche Beurteilung findet die Darstellung Scherners
selbst bei seinem Anhänger.Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele
gestatten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzu-
nehmen. Er führt selbst aus, wie im Traum die Zentralität, die
Spontanenergie des Ich entnervt wird, wie infolge dieser De-S.
90
zentralisation Erkennen, Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert
werden, und wie den Überbleibseln dieser Seelenkräfte kein
wahrer Geistcharakter, sondern nur noch die Natur eines Mecha-
nismus zukommt. Aber dafür schwingt sich im Traum die als
Phantasie zu benennende Tätigkeit der Seele, frei von aller Ver-
standesherrschaft und damit der strengen Maße ledig, zur unbe-
schränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar die letzten Bausteine
aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt aus ihnen Gebäude
auf, die von den Gebilden des Wachens himmelweit verschieden
sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, sondern
auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem Traum-
leben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für
das Ungemessene, Übertriebene, Ungeheuerliche. Zugleich
aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen Denk-
kategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungs-
lust; sie ist auf’s feinste empfindsam für die zarten Stimmungs-
reize des Gemüts, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort
das innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein.
Der Traumphantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen
will, muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht
schwächend einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der
Anschauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich
sie ist, weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert
wird die Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abnei-
gung hat, ein Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken
und lieber ein fremdes Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige
Moment des Objekts, an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich
auszudrücken imstande ist. Das ist die symbolisierende Tätig-
keit der Phantasie... Sehr wichtig ist ferner, daß die Traum-
phantasie die Gegenstände nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem
Umriß und diesen in freiester Weise, nachbildet. Ihre Malereien
erscheinen daher wie genial hingehaucht. Die Traumphantasie
bleibt aber nicht bei der bloßen Hinstellung des GegenstandesS.
91
stehen, sondern sie ist innerlich genötigt, das Traum-Ich mehr
oder weniger mit ihm zu verwickeln und so eine Handlung
zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt Goldstücke auf
die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt sie davon.Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künst-
lerische Tätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das
der, bei Tag so dunkeln, organischen Leibreize (vgl. S. 22), so
daß in der Annahme der Traumquellen und Traumerreger die
allzu phantastische Theorie Scherners und die vielleicht über-
nüchterne Lehre Wundts und anderer Physiologen, die sich
sonst wie Antipoden zueinander verhalten, sich hier völlig decken.
Aber während nach der physiologischen Theorie die seelische Re-
aktion auf die inneren Leibreize mit der Erweckung von irgend
zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, die dann einige
andere Vorstellungen auf dem Wege der Assoziation sich zu
Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die Verfolgung der psy-
chischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, geben die Leib-
reize nach Scherner der Seele nur ein Material, das sie ihren
phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die Traum-
bildung fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den Blick
der anderen versiegt.Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein
neckendes Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der
die Reize im betreffenden Traum stammen, in irgendeiner
plastischen Symbolik vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt
und andere ihm nicht folgen, daß die Traumphantasie eine be-
stimmte Lieblingsdarstellung für den ganzen Organismus habe;
diese wäre das Haus. Sie scheint sich aber zum Glück für ihre
Darstellungen nicht an diesen Stoff zu binden; sie kann auch
umgekehrt ganze Reihen von Häusern benützen, um ein einzelnes
Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange Häuserstraßen für den
Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Teile des HausesS.
92
wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im Kopfschmerz-
traum
die Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit ekelhaf-
ten
krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere
Gegenstände zur Darstellung der Traumreiz ausschickenden
Körperteile verwendet. „So findet die atmende Lunge in dem
flammenerfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol,
das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden,
beutelförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen.
Der männliche Geschlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen
Teil einer Klarinette, daneben den gleichen Teil einer Tabaks-
pfeife, daneben wieder einen Pelz auf der Straße finden. Klarinette
und Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen
Gliedes, der Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechts-
traum kann sich die Schrittenge der zusammenschließen-
den
Schenkel durch einen schmalen, von Häusern unschlossenen Hof,
die weibliche Scheide durch einen mitten durch den Hofraum
führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad symbolisieren,
den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen Brief zu einem
Herrn zu tragen.“ (Volkelt, S. 39.) Besonders wichtig ist es, daß
am Schlusse eines solchen Leibreiztraumes die Traumphantasie
sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ oder
dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der „Zahnreiz-
traum“ gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus
dem Munde nimmt.Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl
die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung
nehmen. So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kotige
Straßen, der Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der
Reiz als solcher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er be-
gehrt, werden symbolisch dargestellt, oder das Traum-Ich tritt
in konkrete Verbindung mit den Symbolisierungen des eigenenS.
93
Zustandes, z. B. wenn wir bei Schmerzreizen uns mit beißen-
den Hunden oder tobenden Stieren verzweifelt balgen, oder die
Träumerin sich im Geschlechtstraum von einem nackten Manne
verfolgt sieht. Von all dem möglichen Reichtum in der Aus-
führung abgesehen, bleibt eine symbolisierende Phantasietätigkeit
als die Zentralkraft eines jeden Traumes bestehen. In den Cha-
rakter dieser Phantasie näher einzudringen, der so erkannten
psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System philo-
sophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt in
seinem schön und warm geschriebenen Buch, das aber allzu
schwer verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe
Schulung für das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffs-
schemen vorbereitet ist.Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli-
sierenden Phantasie Scherners in den Träumen nicht verbunden.
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen.
Man könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt.
Man könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere ein-
gehende Beschäftigung mit der Schernerschen Theorie des Traumes
zu irgend etwas Nützlichen führen kann, deren Willkürlichkeit
und Losgebundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu
augenfällig scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Ver-
werfung der Lehre Scherners vor aller Prüfung als allzu hoch-
mütig ein Veto einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Ein-
druck auf, den jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen
große Aufmerksamkeit schenkte, und der persönlich sehr wohl
veranlagt scheint, dunkeln seelischen Dingen nachzuspüren. Sie
handelt ferner von einem Gegenstand, der den Menschen durch
Jahrtausende rätselhaft wohl, aber zugleich inhalts- und beziehungs-
reich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die gestrenge Wissen-
schaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes beigetragen hat,
als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Empfindung dem
Objekte Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen versuchte. End-S.
94
lich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den Anschein hat, wir
könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der Phan-
tastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellenphantastik;
die S. 81 zitierte Stelle eines nüchternen und exakten Forschers
wie Binz, welche schildert, wie die Aurora des Erwachens über
die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht an
Phantastik und an – Unwahrscheinlichkeit hinter den Scher-
nerschen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe zeigen zu
können, daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das aller-
dings nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den
Charakter der Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des
Traumes Anspruch erheben kann. Vorläufig kann uns die
Schernersche Theorie des Traumes in ihrem Gegensatz zur
medizinischen etwa vor Augen führen, zwischen welchen Extremen
die Erklärung des Traumlebens heute noch unsicher schwankt.H
Beziehungen zwischen Traum und Geistes-
krankheitenWer von der Beziehung des Traumes zu den Geistesstörungen
spricht, kann dreierlei meinen: 1) ätiologische und klinische Be-
ziehungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand
vertritt, einleitet, oder nach ihm erübrigt, 2) Veränderungen, die
das Traumleben im Falle der Geisteskrankheit erleidet, 3) Innere
Beziehungen zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf
Wesensverwandtschaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen
zwischen den beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren
Zeiten der Medizin – und in der Gegenwart von neuem wieder
– ein Lieblingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei
Spitta, Radestock, Maury und Tissié gesammelte Literatur des
Gegenstandes lehrt. Jüngst hat Sante de Sanctis diesem Zusammen-
hange seine Aufmerksamkeit zugewendet. [E 26] Dem InteresseS.
95
unserer Darstellung wird es genügen, den bedeutsamen Gegen-
stand bloß zu streifen.Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen
Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Para-
digmata mitteilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauß), daß der
erste Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen,
schreckhaften Traum herschrieb, und daß die vorherrschende Idee
mit diesem Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis
bringt ähnliche Beobachtungen von Paranoischen und erklärt
den Traum in einzelnen derselben für die „vraie cause déterminante
de la folie“. Die Psychose kann mit dem wirksamen, die wahn-
hafte Aufklärung enthaltenden Traum mit einem Schlag ins
Leben treten, oder sich durch weitere Träume, die noch gegen
Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In einem Falle
von de Sanctis schlossen sich an den ergreifenden Traum leichte
hysterische Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängstlich-melan-
cholischer Zustand. Féré (bei Tissié) berichtet von einem Traum,
der eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns
der Traum als Ätiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl
wir dem Tatbestand ebenso Rechnung tragen, wenn wir aussagen,
die geistige Störung habe ihre erste Äußerung am Traumleben
gezeigt, sei im Traum zuerst durchgebrochen. In anderen Bei-
spielen enthält das Traumleben die krankhaften Symptome, oder
die Psychose bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht
Thomayer auf Angstträume aufmerksam, die als Äquivalente
von epileptischen Anfällen aufgefaßt werden müssen. Allison hat
nächtliche Geisteskrankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach
Radestock), bei der die Individuen tagsüber anscheinend voll-
kommen gesund sind, während bei Nacht regelmäßig Halluzina-
tionen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten. Ähnliche Beobachtungen
bei de Sanctis (paranoisches Traumäquivalent bei einem Alko-
holiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue beschuldigen); bei
Tissié. Tissié bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl vonS.
96
Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen Charakters
(aus Wahnvoraussetzungen, Zwangs-
impulse) sich aus Träumen
ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch
ein intermittierendes Irresein ersetzt war.Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psycho-
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte
beschäftigen wird.Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung
nach Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das
Traumleben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll
auf dieses Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach
Krauß). Macario (bei Tissié) erzählt von einem Maniacus, der
eine Woche nach seiner völligen Herstellung in Träumen die
Ideenflucht und die leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit
wieder erlebte.Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Unter-
suchungen angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandt-
schaft zwischen Traum und Geistesstörung, die sich in so weit-
gehender Übereinstimmung der Erscheinungen beider äußert,
frühzeitig Beachtung gefunden. Nach Maury hat zuerst Cabanis
in seinen „Rapports du physique et du moral“ auf sie hingewiesen,
nach ihm Lélut, J. Moreau und ganz besonders der Philosoph
Maine de Biran. Sicherlich ist die Vergleichung noch älter.
Radestock leitet das Kapitel, in dem er sie behandelt, mit einer
Sammlung von Aussprüchen ein, welche Traum und Wahnsinn
in Analogie bringen. Kant sagt an einer Stelle: „Der Verrückte
ist ein Träumer im Wachen.“ Krauß: „Der Wahnsinn ist ein
Traum innerhalb des Sinnenwachseins.“ Schopenhauer nennt
den Traum einen kurzen Wahnsinn und den Wahnsinn einen
langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als Traumleben,
welches nicht durch Schlaf sondern durch Krankheiten herbei-
geführt ist. Wundt äußert in der „Physiologischen Psychologie“:S.
97
„In der Tat können wir im Traum fast alle Erscheinungen, die
uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.“Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta (übrigens
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1) Aufhebung
oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Un-
kenntnis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des
Erstaunens, Mangel des moralischen Bewußtseins. 2) Modifizierte
Perzeption der Sinnesorgane, und zwar im Traum verminderte,
im Wahnsinn im allgemeinen sehr gesteigerte. 3) Verbindung
der Vorstellungen untereinander lediglich nach den Gesetzen der
Assoziation und Reproduktion, also automatische Reihenbildung,
daher Unproportionalität der Verhältnisse zwischen den Vor-
stellungen (Übertreibungen, Phantasmen) und aus alledem resul-
tierend: 4) Veränderung, beziehungsweise Umkehrung der Per-
sönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten des Charakters
(Perversitäten).“Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma-
terial: „Im Gebiet des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein-
gefühls findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen.
Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traum der Geruch-
und Geschmackssinn. – Dem Fieberkranken steigen in den
Delirien wie dem Träumenden Erinnerungen aus langer Ver-
gangenheit auf; was der Wachende und Gesunde vergessen zu
haben schien, dessen erinnert sich der Schlafende und Kranke.“ –
Die Analogie von Traum und Psychose erhält erst dadurch ihren
vollen Wert, daß sie sich wie eine Familienähnlichkeit in die
feinere Mimik und bis auf einzelne Auffälligkeiten des Gesichts-
ausdruckes erstreckt.„Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten ge-
währt der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und
Glück; so heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten
Bilder von Glück, Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der ver-
Freud, II.S.
98
meintliche Besitz von Gütern und die imaginäre Erfüllung von
Wünschen, deren Verweigerung oder Vernichtung eben einen
psychischen Grund des Irreseins abgaben, machen häufig den
Hauptinhalt des Deliriums aus. Die Frau, die ein teueres Kind
verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer Vermögensverluste er-
litten, hält sich für außerordentlich reich, das betrogene Mädchen
sieht sich zärtlich geliebt.“(Diese Stelle Radestocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen
Ausführung von Griesinger [S. 111], die mit aller Klarheit die
Wunscherfüllung als einen dem Traum und der Psychose
gemeinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen
Untersuchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu
einer psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen
zu finden ist.)„Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteils
sind es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich
charakterisieren.“ Die Überschätzung der eigenen geistigen
Leistungen, die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen,
findet sich hier wie dort; dem rapiden Vorstellungverlauf
des Traumes entspricht die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden
fehlt jedes Zeitmaß. Die Spaltung der Persönlichkeit im
Traume, welche z. B. das eigene Wissen auf zwei Personen ver-
teilt, von denen die fremde das eigene Ich im Traume korrigiert,
ist völlig gleichwertig der bekannten Persönlichkeitsteilung bei
halluzinatorischer Paranoia; auch der Träumer hört die eigenen
Gedanken von fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die kon-
stanten Wahnideen findet sich eine Analogie in den stereotyp wieder-
kehrenden pathologischen Träumen (rêve obsédant). – Nach der
Genesung von einem Delirium sagen die Kranken nicht selten, daß
ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie ein oft nicht unbehag-
licher Traum erscheint, ja sie teilen uns mit, daß sie gelegentlich
noch während der Krankheit geahnt haben, sie seien nur in einem
Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraum vorkommt.S.
99
Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock
seine wie vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt,
daß „der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als
eine Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traum-
zustandes zu betrachten ist“. (S. 228.)Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich
äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauß die Verwandtschaft
von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den
Erregungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche
Grundelement ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch
bedingte Empfindung, die Leibreizsens-
sation, das durch Beiträge
von allen Organen her zustande gekommene Gemeingefühl (vgl.
Peisse bei Maury, p. 52).Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten
reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört
zu den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traum-
lebens, nach welcher sich der Traum als unnützer und störender
Vorgang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit
darstellt. Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige
Aufklärung über den Traum von den Seelenstörungen her zu
empfangen, wo es allgemein bekannt ist, in welch unbefriedi-
gendem Zustand unsere Einsicht in den Hergang der letzteren
sich befindet. Wohl aber ist es wahrscheinlich, daß eine veränderte
Auffassung des Traumes unsere Meinungen über den inneren
Mechanismus der Geistesstörungen mitbeeinflussen muß, und so
dürfen wir sagen, daß wir an der Aufklärung der Psychosen
arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Geheimnis des Traumes
aufzuhellen. [E 27]
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Die Traumdeutung1900-001/1925.2
1900-001/1925