Die Traumdeutung1900-001/1925.2
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    I

    DIE WISSENSCHAFTLICHE LITERATUR
    DER TRAUMPROBLEME

    Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen,
    daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume
    zu deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum
    sich als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an
    angebbarer Stelle in das seelische Treiben des Wachens einzureihen
    ist. Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von
    denen die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes her-
    rührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psy-
    chischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegeneinander-
    wirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Dar-
    stellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo
    das Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet,
    deren Lösung an anderem Material in Angriff genommen werden
    muß.

    Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie
    über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen-
    schaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht
    häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissen-
    schaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend-
    jähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den

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    Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, ein
    zelne Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis
    ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele an-
    regende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu
    unserem Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des
    Traumes träfe oder eines seiner Rätsel endgültig löste. Noch
    weniger ist natürlich in das Wissen der gebildeten Laien über-
    gegangen. [E 1]

    Die erste Schrift, in welcher der Traum als ein Objekt der
    Psychologie abgehandelt wird, scheint die des Aristoteles (Über-
    Träume und Traumdeutung) zu sein. Aristoteles erklärt, der
    Traum sei zwar dämonischer Natur, aber nicht göttlicher, was
    wohl einen tiefen Sinn enthüllt, wenn man davon die richtige
    Übersetzung trifft. [E 2] Er kennt einige der Charaktere des Traum-
    lebens, z. B. daß der Traum kleine, während des Schlafes ein-
    tretende Reize ins Große umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer
    zu gehen und heiß zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende
    Erwärmung dieses oder jenes Gliedes stattfindet1)), und zieht aus
    diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume sehr wohl die
    ersten bei Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden
    Veränderung im Körper dem Arzt verraten könnten. Zu einem
    tieferen Verständnis der aristotelischen Abhandlung vorzudringen,
    ist mir, bei nicht ausreichender Vorbildung und ohne kundige
    Hilfe, nicht möglich geworden.

    Die Alten vor Aristoteles haben den Traum bekanntlich nicht
    für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für
    eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen
    Strömungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jeder-
    zeit vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen
    geltend. Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem
    Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu ver-
    künden, von eiteln, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es
    war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen. [E 3]

    1)Vgl. Aristoteles, Über Träume, Kap. 3.

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    Diese vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicher
    lich im vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung,
    welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was
    nur innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies
    dem Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die
    am Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traum empfängt,
    denn in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Frem-
    des, das gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen
    psychischen Inhalte entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen,
    daß die Lehre von der übernatürlichen Herkunft der Träume in
    unseren Tagen der Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und
    mystischen Schriftstellern abgesehen, – die ja recht daran tun,
    die Reste des ehemals ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen
    besetzt zu halten, solange sie nicht durch naturwissenschaftliche
    Erklärung erobert sind, – trifft man doch auch auf scharf-
    sinnige und allem Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren
    religiösen Glauben an die Existenz und an das Eingreifen über-
    menschlicher Geisteskräfte gerade auf die Unerklärbarkeit der
    Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haffner). Die Wert-
    schätzung des Traumlebens von seiten mancher Philosophen
    schulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach-
    klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes,
    und auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft
    des Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die
    psychologischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des ange-
    sammelten Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die
    Sympathien eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungs-
    art ergeben hat, zur Abweisung einer solchen Behauptung hin-
    neigen mögen.

    Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traum-
    probleme zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser Er-
    kenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag,
    ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist.

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    Es ist nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resul-
    taten gekommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher
    weitergebaut hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen
    Probleme von neuem und wie vom Ursprung her wieder an.
    Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von
    jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die
    Traumprobleme er geäußert, so müßte ich darauf verzichten,
    ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der
    Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen,
    die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren an-
    zuknüpfen, und werde bei jedem der Traumprobleme anführen,
    was an Material zur Lösung desselben in der Literatur nieder-
    gelegt ist.

    Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr
    verstreute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegen-
    standes zu bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu
    bescheiden, wenn nur keine grundlegende Tatsache und kein
    bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner Darstellung verloren ge-
    gangen ist.

    Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt ge-
    sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange ab-
    zuhandeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände,
    welche in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vor-
    kommnisse (wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen.
    Dagegen zeigt sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das
    Thema eingeschränkt zu halten und etwa eine einzelne Frage aus
    dem Gebiet des Traumlebens zum Gegenstande zu nehmen. In
    dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck der Überzeugung
    sehen, daß in so dunkeln Dingen Aufklärung und Übereinstim-
    mung nur durch eine Reihe von Detailuntersuchungen zu erzielen
    sein dürften. Nichts anderes als eine solche Detailuntersuchung,
    und zwar speziell psychologischer Natur, kann ich hier bieten.
    Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem des Schlafes zu

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    befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches Problem,
    wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustandes die Verände-
    rung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat mit
    enthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafes
    hier außer Betracht.

    Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an
    sich führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden
    Fragestellungen:

    A

    Beziehung des Traumes zum Wachleben

    Das naive Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum –
    wenn er schon nicht aus einer anderen Welt stammt – doch
    den Schläfer in eine andere Welt entrückt hatte. Der alte Phy-
    siologe Burdach, dem wir eine sorgfältige und feinsinnige Be-
    schreibung der Traumphänomene verdanken, hat dieser Überzeu-
    gung in einem viel bemerkten Satze Ausdruck gegeben (S. 474):
    „… nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen An-
    strengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, viel-
    mehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst
    wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstande erfüllt war,
    wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen, oder eine Aufgabe
    unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns
    der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges, oder er nimmt
    aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombi-
    nationen, oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein
    und symbolisiert die Wirklichkeit.“ [E 4]

    In ähnlichem Sinne äußert sich noch L. Strümpell in der
    mit Recht von allen Seiten hoch gehaltenen Studie über die
    Natur und Entstehung der Träume (S. 16): „Wer träumt, ist
    der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt“ … (S. 17): „Im
    Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des wachen

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    Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz ver-
    -
    loren1). (S. 19): „Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit
    der Seele im Traum von dem regelmäßigen Inhalte und Verlaufe
    des wachen Lebens2).“

    Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be-
    ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auf-
    fassung vertreten. So Haffner (S. 19): „Zunächst setzt der Traum
    das Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die
    kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine ge-
    naue Beobachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in
    welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages
    anknüpfte.“ Weygandt (S. 6) widerspricht direkt der oben
    zitierten Behauptung Burdachs, „denn es läßt sich oft, anschei-
    nend in der überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten,
    daß dieselben uns gerade ins gewöhnliche Leben zurückführen,
    statt uns davon zu befreien.“ Maury (Le sommeil et les rêves,
    p. 56) sagt in einer knappen Formel: „nous rêvons de ce que nous
    avons vu, dit, desiré ou fait“; Jessen in seiner 1855 erschienenen
    Psychologie (S. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder weniger
    wird der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle
    Persönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungs-
    stufe, gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Er-
    fahrungen des ganzen bisherigen Lebens.“ [E 5]

    Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des
    Trauminhaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (S. 139):
    Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem
    seinen Entschluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber
    immer wieder dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte ratio-
    nelle Traumdeuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß
    die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon im
    Wachen denke.

    Im Lehrgedicht des Lucretius, De rerum natura, findet sich
    (IV, v. 959) die Stelle:

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    Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret,
    aut quibus in rebus multum sumus ante morati
    atque in ea ratione fuit contenta magis mens,
    in somnis eadem plerumque videmur obire;
    causidici causas agere et componere leges,
    induperatores pugnare ac proelia obire, … etc. etc.

    Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später
    Maury: „Maximeque reliquiae earum rerum moventur
    et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.“

    Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung
    von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar.
    Es ist darum am Platze, der Darstellung von F. W. Hildebrandt
    (1875) zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des
    Traumes ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch
    eine „Reihe von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen
    sich zuspitzen“ (S. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden
    einerseits die strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossen-
    heit des Traumes von dem wirklichen und wahren Leben, und
    anderseits das stete Hinübergreifen des einen in das andere,
    die stete Abhängigkeit des einen von dem andern. – Der Traum
    ist etwas von der wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Ge-
    sondertes, man möchte sagen ein in sich selbst hermetisch abge-
    schlossenes Dasein, von dem wirklichen Leben getrennt durch
    eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von der Wirklichkeit
    los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in uns aus und
    stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz andere Lebens-
    geschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu schaffen
    hat. . . .“ Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Einschlafen
    unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter einer
    unsichtbaren Falltür“ verschwindet. Man macht dann etwa im
    Traum eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen
    Napoleon etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man
    wird von dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und

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    bedauert fast, die interessante Illusion durch das Erwachen gestört
    zu sehen. Nun aber vergleicht man die Traumsituation mit der
    Wirklichkeit. Man war nie Weinhändler und hat’s auch nie
    werden wollen. Man hat nie eine Seereise gemacht und würde
    St. Helena am wenigsten zum Ziel einer solchen nehmen. Gegen
    Napoleon hegt man durchaus keine sympathische Gesinnung,
    sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und zu alledem war
    der Träumer überhaupt noch nicht unter den Lebenden, als
    Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung zu ihm
    zu knüpfen, lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So er-
    scheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes
    zwischen zwei vollkommen zueinander passenden und einander
    fortsetzenden Lebensabschnitten.

    „Und dennoch,“ setzt Hildebrandt fort, „ebenso wahr und
    richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab-
    geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste
    Beziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu
    sagen: Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material
    dazu aus der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an
    dieser Wirklichkeit sich abwickelt. . . . Wie wunderlich er’s
    damit treibe, er kann doch eigentlich niemals von der realen
    Welt los und seine sublimsten wie possenhaftesten Gebilde müssen
    immer ihren Grundstoff entlehnen von dem, was entweder in
    der Sinnenwelt uns vor Augen getreten ist, oder in unserem
    wachen Gedankengange irgendwie bereits Platz gefunden hat, mit
    anderen Worten, von dem, was wir äußerlich oder innerlich
    bereits erlebt haben.“

    B

    Das Traummaterial – Das Gedächtnis im Traum

    Daß alles Material, das den Trauminhalt zusammensetzt, auf
    irgend eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traum re-
    produziert, erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbe-

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    strittene Erkenntnis gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzu-
    nehmen, daß ein solcher Zusammenhang des Trauminhaltes mit dem Wach-
    leben sich mühelos als augenfälliges Ergebnis der angestellten
    Vergleichung ergeben muß. Derselbe muß vielmehr aufmerksam
    gesucht werden und weiß sich in einer ganzen Reihe von Fällen
    für lange Zeit zu verbergen. Der Grund hiefür liegt in einer
    Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche die Erinnerungsfähigkeit
    im Traume zeigt und die, obwohl allgemein bemerkt, sich doch
    bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird der Mühe lohnen,
    diese Charaktere eingehend zu würdigen.

    Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material
    auftritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem
    Wissen und Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß
    man das Betreffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann
    man es erlebt hat. Man bleibt dann im Unklaren darüber, aus
    welcher Quelle der Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht,
    an eine selbständig produzierende Tätigkeit des Traumes zu
    glauben, bis oft nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren
    gegebene Erinnerung an das frühere Erlebnis wiederbringt und
    damit die Traumquelle aufdeckt. Man muß dann zugestehen,
    daß man im Traum etwas gewußt und erinnert hatte, was der
    Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war. [E 6]

    Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt
    Delboeuf aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traum
    den Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine
    Eidechsen halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er
    als Tierfreund aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte
    kleine Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er
    ihnen einige Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der
    Mauer wuchs, und das sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traum
    kannte er den Namen der Pflanze: Asplenium ruta muralis. –
    Der Traum ging dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu
    den Eidechsen zurück und zeigte Delboeuf zu seinem Erstaunen

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    zwei neue Tierchen, die sich über die Reste des Farn her-
    gemacht hatten. Dann wandte er den Blick aufs freie Feld, sah
    eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu dem Loch in der
    Mauer nehmen, und endlich war die ganze Straße bedeckt von
    einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben Richtung
    wanderten usw.

    Delboeufs Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische
    Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht
    ein. Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen,
    daß ein Farn dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta
    muraria war seine richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig
    entstellt hatte. An ein zufälliges Zusammentreffen konnte man
    wohl nicht denken; es blieb aber für Delboeuf rätselhaft, woher
    er im Traume die Kenntnis des Namens Asplenium genommen
    hatte.

    Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre
    später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er
    besucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als
    Erinnerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die
    Fremden verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er
    öffnet das Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines
    Traumes und erkennt seine eigene Handschrift in den beigefügten
    lateinischen Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen.
    Eine Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei
    Jahre vor dem Eidechsentraum – auf der Hochzeitsreise Delboeuf
    besucht. Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte
    Album bei sich, und Delboeuf unterzog sich der Mühe, unter
    dem Diktat eines Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen
    den lateinischen Namen hinzuzuschreiben.

    Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens-
    wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem
    Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen.
    Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten

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    15

    Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsen-
    zug abgebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band
    trug die Jahreszahl 1861, und Delboeuf wußte sich zu erinnern,
    daß er von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten
    gehört hatte.

    Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem
    Wachen unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch
    bedeutsame Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer
    „hypermnestischer“ Träume die Aufmerksamkeit für sie ver-
    stärken möchte. Maury erzählt, daß ihm eine Zeitlang das
    Wort Mussidan bei Tag in den Sinn zu kommen pflegte. Er
    wußte, daß es der Name einer französischen Stadt sei, aber weiter
    nichts. Eines Nachts träumte ihm von einer Unterhaltung mit
    einer gewissen Person, die ihm sagte, sie käme aus Mussidan,
    und auf seine Frage, wo die Stadt liege, zur Antwort gab:
    Mussidan sei eine Kreisstadt im Département de la Dordogne.
    Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen Auskunft
    keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte ihn aber,
    daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das Mehr-
    wissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses Wissens
    aber nicht aufgespürt worden.

    Jessen erzählt (S. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis
    aus älteren Zeiten: „Dahin gehört u. a. der Traum des älteren
    Scaliger (Hennings, l. c. S. 300), welcher ein Gedicht zum
    Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb, und dem ein
    Mann, welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und
    sich beklagte, daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht
    erinnerte, je etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch
    Verse auf ihn, und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß
    ehemals ein solcher Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt
    gewesen sei.“ [E 7]

    An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of
    the Society for Psychical Research) soll Myers eine ganze

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    16

    Sammlung solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben.
    Ich meine, jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als
    ein sehr gewöhnliches Phänomen anerkennen müssen, daß der
    Traum Zeugnis für Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche
    der Wachende nicht zu besitzen vermeint. In den psychoanalytischen
    Arbeiten mit Nervösen, von denen ich später berichten werde,
    komme ich jede Woche mehrmals in die Lage, den Patienten aus
    ihren Träumen zu beweisen, daß sie Zitate, obszöne Worte u. dgl.
    eigentlich sehr gut kennen, und daß sie sich ihrer im Traume
    bedienen, obwohl sie sie im wachen Leben vergessen haben.
    Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie will ich hier noch
    mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus welcher die nur dem
    Traum zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht auffinden ließ.

    Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß
    er sich in einem Kaffeehaus eine „Kontuszówka“ geben lasse,
    fragte aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den
    Namen nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszówka sei ein
    polnischer Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben
    könne, da mir der Name von Plakaten her schon lange bekannt
    sei. Der Mann wollte mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige
    Tage später, nachdem er seinen Traum im Kaffeehaus hatte zur
    Wirklichkeit werden lassen, bemerkte er den Namen auf einem
    Plakate, und zwar an einer Straßenecke, welche er seit Monaten
    wenigstens zweimal im Tage hatte passieren müssen. [E 8]

    Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Repro-
    duktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des
    Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kind-
    heitsleben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies
    bemerkt und betont haben:

    Hildebrandt (S. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben worden,
    daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktionskraft uns
    ganz abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit
    treu vor die Seele zurückführt.“

  • S.
    Kindheitsmaterial im Traum 17

        Strümpell (S. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn
    man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten
    und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf
    die frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner
    Lokalitäten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprüng-
    licher Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß
    auf solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußt-
    sein gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten ver-
    bunden haben, und nun später im Traum als eigentliche Erinne-
    rungen wiederkehren, an denen das erwachte Bewußtsein sich
    erfreut. Die Tiefe des Traumgedächtnisses umfaßt vielmehr auch
    solche Bilder von Personen, Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen
    der frühesten Zeit, die entweder nur ein geringes Bewußtsein
    oder keinen psychischen Wert besaßen oder längst das eine wie
    das andere verloren hatten und deshalb auch sowohl im Traum
    wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und unbekannt er-
    scheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.“

        Volkelt (S. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern
    Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran
    wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtig-
    keit verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich.“

        Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches
    bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten Er-
    innerungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von inter-
    essanten hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum
    einige Beispiele mitteilen will.

        Maury erzählt (Le sommeil, p. 92), daß er von seiner Vater-
    stadt Meaux als Kind häufig nach dem nahegelegenen Trilport
    gekommen war, wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In
    einer Nacht versetzt ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn
    wieder in den Straßen der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich
    ihm, der eine Art Uniform trägt. Maury fragt ihn nach seinem
    Namen; er stellt sich vor, er heiße C . . . und sei Brückenwächter.

    Freud, II.
    2

  • S.

    18

    Nach dem Erwachen fragt der an der Wirklichkeit der Erinne-
    rung noch zweifelnde Maury eine alte Dienerin, die seit der
    Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an einen Mann dieses Namens
    erinnern kann. „Gewiß,“ lautet die Antwort, „er war der Wächter
    der Brücke, die Ihr Vater damals gebaut hat.“

    Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im
    Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von
    einem Herrn F…, der als Kind in Montbrison aufgewachsen
    war. Dieser Mann beschloß, fünfundzwanzig Jahre nach seinem
    Weggang, die Heimat und alte, seither nicht gesehene Freunde
    der Familie wieder zu besuchen. In der Nacht vor seiner Abreise
    träumt er, daß er am Ziele ist und in der Nähe von Mont-
    brison einen ihm vom Ansehen unbekannten Herrn begegnet,
    der ihm sagt, er sei der Herr T., ein Freund seines Vaters. Der
    Träumer wußte, daß er einen Herrn dieses Namens als Kind
    gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen nicht mehr an sein
    Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in Montbrison an-
    gelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lokalität des
    Traumes wieder und begegnet einen Herrn, den er sofort als
    den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker
    gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte.

    Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu
    erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in
    einem Traum eine Person, von der ich im Traum wußte, es sei
    der Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deut-
    lich, sie vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner
    Gymnasiallehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche
    Beziehung die beiden Personen verknüpfte, konnte ich dann im
    Wachen nicht ausfindig machen. Als ich aber meine Mutter nach
    dem Arzt dieser meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß
    er einäugig gewesen war, und einäugig ist auch der Gymnasial-
    lehrer, dessen Person die des Arztes im Traum gedeckt hatte. Es
    waren achtunddreißig Jahre her, daß ich den Arzt nicht mehr

  • S.

    19

    gesehen, und ich habe meines Wissens im wachen Leben nie
    mals an ihn gedacht.

    Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße
    Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden,
    wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen
    sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert
    (S. 46) äußert sogar: Im allgemeinen beschäftigt sich der normale
    Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage. Wir
    werden allerdings erfahren, daß die von Robert aufgebaute Theorie
    des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vor-
    schiebung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Tat-
    sache aber, der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach
    eigenen Untersuchungen versichern kann, zu Recht. Ein ameri-
    kanischer Autor, Nelson, meint, am häufigsten fänden sich im
    Traum Eindrücke vom Tage vor dem Traumtag oder vom dritten
    Tag vorher verwertet, als ob die Eindrücke des dem Traum un-
    mittelbar vorhergehenden Tages nicht abgeschwächt – nicht ab-
    gelegen – genug wären.

    Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des
    Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten,
    aufgefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv
    beschäftigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der
    Tagesgedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind.
    So träumt man in der Regel von einem lieben Toten nicht die
    erste Zeit, so lange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt
    (Delage). Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hallam,
    auch Beispiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und ver-
    tritt für diesen Punkt das Recht der psychologischen Individualität.

    Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich-
    keit des Gedächtnisses im Traum zeigt sich in der Auswahl des
    reproduzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das
    Bedeutsamste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Un-
    scheinbarste der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hier-

  • S.

    20

    über jene Autoren zum Worte kommen, welche ihrer Verwunde-
    rung den kräftigsten Ausdruck gegeben haben.

    Hildebrandt (S. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, daß
    der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen
    und tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und
    treibenden Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den
    nebensächlichen Zugaben, sozusagen aus den wertlosen Brocken
    der jüngst verlebten oder weiter rückwärts liegenden Vergangen-
    heit nimmt. Der erschütternde Todesfall in unserer Familie, unter
    dessen Eindrücken wir spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus
    unserem Gedächtnisse, bis ihn der erste wache Augenblick mit
    betrübender Gewalt in dieselbe zurückkehren läßt. Dagegen die
    Warze auf der Stirn eines Fremden, der uns begegnete, und
    an den wir keinen Augenblick mehr dachten, nachdem wir
    an ihm vorübergegangen waren, die spielt eine Rolle in unserem
    Traume“...

    Strümpell (S. 39): „... solche Fälle, wo die Zerlegung eines
    Traumes Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb-
    nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so
    unbedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß
    sie kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Der
    gleichen Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder
    oberflächlich bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorüber-
    gegangene Wahrnehmungen von Dingen oder Personen, einzelne
    kleine Stücke aus einer Lektüre u. dgl.“

    Havelock Ellis (p. 727): The profound emotions of waking
    life, the questions and problems on which we spread our chief
    voluntary mental energy, are not those which usually present them-
    selves at once to dream consciousness. It is so far as the imme-
    diate past is concerned, mostly the trifling, the incidental, the „for-
    gotten“ impressions of daily life which reappear in our dreams.
    The psychic activities that are awake most intensely are those that
    sleep most profoundly.

  • S.

    21

    Binz (S. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentüm-
    lichkeiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbe-
    friedigung mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des
    Traumes auszusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns
    ähnliche Fragen. Warum träumen wir nicht immer die Gedächtnis-
    eindrücke der letztverlebten Tage, sondern tauchen oft ein, ohne
    irgend erkennbares Motiv, in weit hinter uns liegende, fast er-
    loschene Vergangenheit? Warum empfängt im Traum das Bewußt-
    sein so oft den Eindruck gleichgültiger Erinnerungsbilder,
    während die Gehirnzellen da, wo sie die reizbarsten Aufzeich-
    nungen des Erlebten in sich tragen, meist stumm und starr liegen,
    es sei denn, daß eine akute Auffrischung während des Wachens
    sie kurz vorher erregt hatte?“

    Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum-
    gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den
    Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des
    Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann
    wenigstens den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu
    erschweren. So war es möglich, daß Miß Whiton Calkins bei
    der statistischen Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume
    doch elf Prozent der Anzahl übrig behielt, in denen eine Be-
    ziehung zum Tagesleben nicht ersichtlich war. Sicherlich hat
    Hildebrandt mit der Behauptung Recht, daß sich alle Traum-
    bilder uns genetisch erklären würden, wenn wir jedesmal Zeit
    und Sammlung genug darauf verwendeten, ihrer Herkunft nach-
    zuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst mühseliges und un-
    dankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens darauf hinaus, allerlei
    psychisch ganz wertlose Dinge in den abgelegensten Winkeln der
    Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig indifferente Momente
    längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, die ihnen vielleicht
    schon die nächste Stunde brachte, wieder zutage zu fördern.“ Ich
    muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige Autor sich von
    der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges abhalten

  • S.

    22

    ließ; er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traumerklärung
    geleitet.

    Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be-
    deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt,
    daß „Nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar ver-
    loren gehen kann“ (Scholz, S. 34). Oder, wie Delboeuf es aus-
    drückt, „que toute impression même la plus insignifiante, laisse une
    trace inaltérable, indéfiniment susceptible de reparaître au jour“,
    ein Schluß, zu welchem so viele andere, pathologische Erschei-
    nungen des Seelenlebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun
    diese außerordentliche Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im
    Traum vor Augen, um den Widerspruch lebhaft zu empfinden,
    den gewisse später zu erwähnende Traumtheorien aufstellen müssen,
    welche die Absurdität und Inkohärenz der Träume durch ein
    partielles Vergessen des uns bei Tag Bekannten erklären wollen.

    Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des
    Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im
    Traum die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden Repro-
    duktionstätigkeit sehen, die sich Selbstzweck ist. Mitteilungen wie
    die von Pilcz würden hierzu stimmen, denen zufolge feste Be-
    ziehungen zwischen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der
    Träume nachweisbar sind in der Weise, daß im tiefen Schlaf Ein-
    drücke aus den ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Ein-
    drücke vom Traum reproduziert werden. Es wird aber eine solche
    Auffassung von vornherein unwahrscheinlich durch die Art, wie
    der Traum mit dem zu erinnernden Material verfährt. Strümpell
    macht mit Recht darauf aufmerksam, daß Wiederholungen von
    Erlebnissen im Traume nicht vorkommen. Der Traum macht wohl
    einen Ansatz dazu, aber das folgende Glied bleibt aus; es tritt
    verändert auf oder an seiner Stelle erscheint ein ganz fremdes.
    Der Traum bringt nur Bruchstücke von Reproduktionen. Dies ist
    sicherlich so weit die Regel, daß es eine theoretische Verwertung
    gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, in denen ein Traum ein

  • S.

    23


    Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie unsere Erinnerung im
    Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von einem seiner Universitäts-
    kollegen (der gegenwärtig in Wien lehrt [E 9]), daß er im Traume
    eine gefährliche Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfall nur
    wie durch ein Wunder entging, mit all ihren Einzelheiten wieder
    durchgemacht habe. Miß Calkins erwähnt zweier Träume, welche
    die genaue Reproduktion eines Erlebnisses vom Vortag zum Inhalt
    hatten, und ich selbst werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir
    bekannt gewordenes Beispiel von unveränderter Traumwiederkehr
    eines Kindererlebnisses mitzuteilen. [E 10]

    C

    Traumreize und Traumquellen

    Was man unter Traumreizen und Traumquellen verstehen soll,
    das kann durch eine Berufung auf die Volksrede „Träume kommen
    vom Magen“ verdeutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser
    Begriffe verbirgt sich eine Theorie, die den Traum als Folge einer
    Störung des Schlafes erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht
    irgend etwas Störendes im Schlaf sich geregt hätte, und der Traum
    ist die Reaktion auf diese Störung.

    Die Erörterung über die erregenden Ursachen der Träume
    nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum
    ein. Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der
    Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden war,
    ist selbstverständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche
    Sendung galt, brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu
    suchen; aus dem Willen der göttlichen oder dämonischen Macht
    erfloß der Traum, aus deren Wissen oder Absicht sein Inhalt.
    Für die Wissenschaft erhob sich alsbald die Frage, ob der Anreiz
    zum Träumen stets der nämliche sei oder ein vielfacher sein
    könne, und damit die Erwägung, ob die ursächliche Erklärung
    des Traumes der Psychologie oder vielmehr der Physiologie an-
     

  • S.

    24

    heimfalle. Die meisten Autoren scheinen anzunehmen, daß die
    Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen des Träumens, mannig-
    faltiger Art sein können, und daß Leibreize ebenso wie seelische
    Erregungen zur Rolle von Traumerregern gelangen. In der Bevor-
    zugung der einen oder der anderen unter den Traumquellen, in
    der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach ihrer
    Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die An-
    sichten weit auseinander.

    Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er-
    geben sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Ein-
    teilung der Träume verwendet worden sind: 1) Äußere (objek-
    tive) Sinneserregung. 2) Innere (subjektive) Sinneserre-
    gung. 3) Innerer (organischer) Leibreiz. 4) Rein psychische
    Reizquellen.

    Ad 1) Die äußeren Sinnesreize

    Der jüngere Strümpell, der Sohn des Philosophen, dessen Werk
    über den Traum uns bereits mehrmals als Wegweiser in die
    Traumprobleme diente, hat bekanntlich die Beobachtung eines
    Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner Anästhesie der Körper-
    decken und Lähmung mehrerer der höheren Sinnesorgane be-
    haftet war. Wenn man bei diesem Manne die wenigen noch
    offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel er in
    Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle eine Situa-
    tion anzustreben, die jener im Strümpellschen Experimente ähn-
    lich ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die Augen,
    und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede Ver-
    änderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen
    dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir
    können weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fern-
    halten noch die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben.
    Daß wir durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf
    uns beweisen, „daß die Seele auch im Schlaf in fortdauernder

  • S.

    25


    Verbindung mit der außer-
    leiblichen Welt“ geblieben ist. Die
    Sinnesreize, die uns während des Schlafes zukommen, können sehr
    wohl zu Traumquellen werden.

    Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den
    unvermeidlichen an, die der Schlafzu-
    stand mit sich bringt oder
    nur gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weck-
    reiz,
    welcher geeignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende
    zu machen. Es kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein
    Geräusch sich vernehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasen-
    schleimhaut erregen. Wir können im Schlaf durch ungewollte Be-
    wegungen einzelne Körperteile entblößen und so der Abkühlungs-
    empfindung aussetzen, oder durch Lageveränderung uns selbst
    Druck- und Berührungs-
    empfindungen erzeugen. Es kann uns eine
    Fliege stechen oder ein kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere
    Sinne zugleich bestürmen. Die Aufmerksamkeit der Beobachter
    hat eine ganze Reihe von Träumen gesammelt, in welchen der
    beim Erwachen konstatierte Reiz und ein Stück des Traumin-
    haltes
    so weit übereinstimmten, daß der Reiz als Traumquelle erkannt
    werden konnte.

    Eine Sammlung solcher auf objektive – mehr oder minder
    akzidentelle – Sinnesreizung zurück-
    gehender Träume führe ich
    hier nach Jessen, S. 527, an: Jedes undeutlich wahrgenom-
    mene
    Geräusch erweckt entsprechende Traum-
    bilder, das Rollen des
    Donners versetzt uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines
    Hahnes kann sich in das Angstge-
    schrei eines Menschen verwan-
    deln, das Knarren einer Tür Träume von räuberischen Ein-
    brüchen
    hervorrufen. Wenn wir des Nachts unsere Bett-
    decke verlieren, so
    träumen wir vielleicht, daß wir nackt umher-
    gehen oder daß wir
    ins Wasser gefallen sind. Wenn wir schräg im Bett liegen und
    die Füße über den Rand desselben herauskommen, so träumt uns
    vielleicht, daß wir am Rande eines schreck-
    lichen Abgrundes stehen,
    oder daß wir von einer steilen Höhe hinab-
    stürzen. Kommt unser
    Kopf zufällig unter das Kopf-
    kissen, so hängt ein großer Felsen

  • S.

    26

    über uns, und steht im Begriff, uns unter seiner Last zu begraben.
    Anhäufungen des Samens erzeugen wollüstige Träume, örtliche
    Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen, feindlicher Angriffe
    oder geschehender Körperverletzungen . . .

    „Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle
    1758, S. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen über-
    fallen würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf
    die Erde hinlegten, und ihm zwischen die große und die nächste
    Zehe einen Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im
    Traum vorstellte, erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm
    zwischen den Zehen stecke. Demselben soll nach Hennings (Von
    den Träumen und Nachtwandlern. Weimar 1784, S. 258) ein
    anderes Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest zusammen-
    gesteckt hatte, geträumt haben, daß er gehenkt würde. Hoffbauer
    träumte in seiner Jugend, von einer hohen Mauer hinabzufallen,
    und bemerkte beim Erwachen, daß die Bettstelle auseinander ge-
    gangen und daß er wirklich gefallen war . . . Gregory berichtet,
    er habe einmal beim Zubettgehen eine Flasche mit heißem
    Wasser an die Füße gelegt und darauf im Traum eine Reise auf
    die Spitze des Ätna gemacht, wo er die Hitze des Erdbodens fast
    unerträglich gefunden. Ein anderer träumte nach einem auf den
    Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er von einem Haufen von
    Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in einem feuchten
    Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu werden.
    Ein im Schlaf eintretender Anfall von Podagra ließ einen Kranken
    glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde die
    Qualen der Folter (Macnish).“

    Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge-
    gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt,
    bei einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnes-
    reizen dem Reiz entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Ver-
    suche hat nach Macnish schon Giron de Buzareingues ange-
    stellt. „Er ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der

  • S.

    27

    Nacht auf einem Postwagen reise. Er bemerkt dabei, daß Reisende
    wohl wissen würden, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts
    kalt würden. Ein anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt
    und träumte, daß er einer religiösen Zeremonie in freier Luft
    beiwohne. Es war nämlich in dem Lande, in welchem er lebte,
    Sitte, den Kopf stets bedeckt zu tragen, ausgenommen bei solchen
    Veranlassungen, wie die eben genannte.“

    Maury teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten
    Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen
    Erfolg.)

    1) Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge-
    kitzelt. – Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve
    wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut
    mitgeht.

    2) Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. – Er hört Glocken
    läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848
    versetzt.

    3) Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. – Er ist in Kairo im
    Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben-
    teuer, die er nicht reproduzieren kann.

    4) Man kneipt ihn leicht in den Nacken. – Er träumt, daß
    man ihm ein Blasenpflaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der
    ihn als Kind behandelt hat.

    5) Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. Er träumt
    von den „Heizern“1), die sich ins Haus eingeschlichen haben und
    die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen
    die Füße ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von
    Abrantés auf, deren Sekretär er im Traume ist.

    8) Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirne. –
    Er ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein
    von Orvieto.


    1)Chauffeurs hießen Banden von Räubern in der Vendée, die sich dieser Tortur
    bedienten.

  • S.

    28

    9) Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer
    Kerze auf ihn fallen. – Er träumt vom Wetter, von Hitze und
    befindet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem
    Kanal La Manche mitgemacht.

    Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren
    von d’Hervey, Weygandt u. a. her.

    Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes
    bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinnenwelt der
    gestalt in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine all-
    mählich schon vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden“
    (Hildebrandt). „In jüngeren Jahren“, erzählt dieser Autor, „be-
    diente ich mich zu Zeiten, um regelmäßig in bestimmter Morgen-
    stunde aufzustehen, des bekannten, meist an Uhrwerken ange-
    brachten Weckers. Wohl zu hundertmalen ist mirs begegnet, daß
    der Ton dieses Instrumentes in einen vermeintlich sehr langen
    und zusammenhängenden Traum dergestalt hineinpaßte, als ob
    dieser ganze Traum eben nur auf ihn angelegt sei, und in ihm
    seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, sein natürlich ge-
    wiesenes Endziel fände.“

    Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht
    zitieren.

    Volkelt (S. 68) erzählt: „Einem Komponisten träumte einmal,
    er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen.
    Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben
    mit der Frage: ‚Hast du mich verstanden?‘ Dieser schreit wie ein
    Besessener: ‚Oh ja.‘ Ungehalten hierüber verweist er ihm das
    Schreien. Doch schon schreit die ganze Klasse: ‚Orja‘. Hierauf:
    ‚Eurjo‘. Und endlich: ‚Feuerjo!‘ Und nun erwacht er von wirk-
    lichem Feuerjogeschrei auf der Straße.“

    Garnier (Traité des facultés de l’âme, 1865) bei Radestock
    berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine
    aus einem Traum geweckt wurde, den er im Wagen schlafend
    hatte, und der ihm den Übergang über den Tagliamento und die

  • S.

    29

    Kanonade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem
    Ausruf aufschreckte: „Wir sind unterminiert.“

    Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat
    (Le sommeil, p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer
    zu Bett; seine Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der
    Schreckensherrschaft zur Zeit der Revolution, machte greuliche
    Mordszenen mit und wurde dann endlich selbst vor den Gerichts-
    hof zitiert. Dort sah er Robespierre, Marat, Fouquier-Tinville und
    alle die traurigen Helden jener gräßlichen Epoche, stand ihnen
    Rede, wurde nach allerlei Zwischenfällen, die sich in seiner Er-
    innerung nicht fixierten, verurteilt und dann, von einer unüber-
    sehbaren Menge begleitet, auf den Richtplatz geführt. Er steigt
    aufs Schafott, der Scharfrichter bindet ihn aufs Brett; es kippt
    um; das Messer der Guillotine fällt herab; er fühlt, wie sein
    Haupt vom Rumpf getrennt wird, wacht in der entsetzlichsten
    Angst auf – und findet, daß der Bettaufsatz herabgefallen war
    und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer der Guillo-
    tine, getroffen hatte.

    An diesen Traum knüpft sich eine interessante, von Le Lorrain
    und Egger in der „Revue philosophique“ eingeleitete Diskussion,
    ob und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen
    Zeitraum, der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und
    dem Erwachen verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche
    Fülle von Trauminhalt zusammenzudrängen.

    Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen wäh-
    rend des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den
    Traumquellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des
    Laien einzig und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Ge-
    bildeten, der sonst der Traumliteratur fremd geblieben ist, wie
    die Träume zustande kommen, so wird er zweifellos mit der
    Berufung auf einen ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in
    dem ein Traum durch einen nach dem Erwachen erkannten ob-
    jektiven Sinnesreiz aufgeklärt wurde. Die wissenschaftliche Betrach-
    tung

  • S.

    30

    tung kann dabei nicht Halt machen; sie schöpft den Anlaß zu
    weiteren Fragen aus der Beobachtung, daß der während des
    Schlafes auf die Sinne einwirkende Reiz im Traume ja nicht in
    seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern durch irgend eine andere
    Vorstellung vertreten wird, die in irgend welcher Beziehung zu
    ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traumreiz und den
    Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys une affinité
    quelconque, mais qui n’est pas unique et exclusive (Analogies,
    p. 72). Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts;
    man wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum der-
    selbe Reiz so verschiedene, und warum er gerade diese Traum-
    erfolge hervorrief:

    (S. 37.) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren
    und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem
    benachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern,
    das Gesangbuch unter dem Arm, zahlreich der Kirche zuwandern.
    Richtig! Es ist ja Sonntag, und der Frühgottesdienst wird bald
    beginnen. Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber,
    weil ich etwas echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden
    Friedhofe mich abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grab-
    schriften lese, höre ich den Glöckner den Turm hinansteigen, und
    sehe nun in der Höhe des letzteren die kleine Dorfglocke, die
    das Zeichen zum Beginn der Andacht geben wird. Noch eine
    ganze Weile hängt sie bewegungslos da, dann fängt sie an zu
    schwingen – und plötzlich ertönen ihre Schläge hell und
    durchdringend – so hell und durchdringend, daß sie meinem
    Schlaf ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen von
    dem Wecker.“

    „Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen
    sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an
    einer Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Mel-
    dung erfolgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die
    Vorbereitungen zum Einsteigen – der Pelz wird angelegt, der

  • S.

    31

    Fußsack hervorgeholt – und endlich sitze ich auf meinem Platze.
    Aber noch verzögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden
    Rossen das fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die
    kräftig geschüttelten Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janit-
    scharenmusik mit einer Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinn-
    gewebe des Traumes zerreißt. Wieder ist’s nichts anderes, als der
    schrille Ton der Weckerglocke.“

    „Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit
    einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum
    Speisezimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint
    mir in Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. „Nimm dich in
    acht‘, warne ich, „die ganze Ladung wird zur Erde fallen.‘ Na-
    türlich bleibt der obligate Widerspruch nicht aus: man sei der
    gleichen schon gewohnt usw., während dessen ich noch immer
    mit Blicken der Besorgnis die Wandelnde begleite. Richtig, an der
    Türschwelle erfolgt ein Straucheln, – das zerbrechliche Geschirr
    fällt und rasselt und prasselt in hundert Scherben auf dem Fuß-
    boden umher. Aber – das endlos sich fortsetzende Getön ist doch,
    wie ich bald merke, kein eigentliches Rasseln, sondern ein rich-
    tiges Klingeln; – und mit diesem Klingeln hat, wie nunmehr
    der Erwachende erkennt, nur der Wecker seine Schuldigkeit
    getan.“

    Die Frage, warum die Seele im Traum die Natur des objek-
    tiven Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell – und fast ebenso
    von Wundt – dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen
    solche im Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der
    Illusionsbildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt,
    richtig gedeutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht,
    in die er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn
    der Eindruck stark, deutlich, dauerhaft genug ist, und wenn uns
    die für diese Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind
    diese Bedingungen nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von
    dem der Eindruck herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine

  • S.

    32

    Illusion. „Wenn jemand auf freiem Felde spazieren geht und einen
    entfernten Gegenstand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen,
    daß er denselben zuerst für ein Pferd hält.“ Bei näherem Zusehen
    kann die Deutung einer ruhenden Kuh sich aufdrängen, und end-
    lich kann sich die Vorstellung mit Bestimmtheit in die einer
    Gruppe von sitzenden Menschen auflösen. Ähnlich unbestimmter
    Natur sind nun die Eindrücke, welche die Seele im Schlafe durch
    äußere Reize empfängt; sie bildet auf Grund derselben Illusionen,
    indem durch den Eindruck eine größere oder kleinere Anzahl
    von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch welche der Ein-
    druck seinen psychischen Wert bekommt. Aus welchem der vielen
    in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zugehörigen Bilder
    geweckt werden, und welche der möglichen Assoziationsbeziehun-
    gen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach Strümpell un-
    bestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelenlebens über-
    lassen.

    Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben,
    daß die Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht
    weiter zu verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die
    Deutung der durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion
    nicht noch anderen Bedingungen unterliegt. Oder wir können
    auf die Vermutung geraten, daß die im Schlaf angreifende ob-
    jektive Sinnesreizung als Traumquelle nur eine bescheidene Rolle
    spielt, und daß andere Momente die Auswahl der wachzurufenden
    Erinnerungsbilder determinieren. In der Tat, wenn man die ex-
    perimentell erzeugten Träume Maurys prüft, die ich in dieser
    Absicht so ausführlich mitgeteilt habe, so ist man versucht zu
    sagen, der angestellte Versuch deckt eigentlich nur eines der
    Traumelemente nach seiner Herkunft, und der übrige Trauminhalt
    erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im einzelnen bestimmt,
    als daß er durch die eine Anforderung, er müsse sich mit dem
    experimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt werden
    könnte. Ja, man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an der

  • S.

    33


    Macht des objektiven Eindrucks, den Traum zu gestalten, zu
    zweifeln, wenn man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die
    allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traume erfährt. So
    erzählt z. B. M. Simon einen Traum, in dem er riesenhafte Per-
    sonen bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper
    hörte, das ihre aufeinander schlagenden Kiefer beim Kauen er-
    zeugten. Als er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem
    Fenster vorbeigaloppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der
    Pferdehufe gerade Vorstellungen aus dem Erinnerungskreis von
    Gullivers Reisen, Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag
    und bei den tugendhaften Pferdewesen wachgerufen hat, – wie
    ich ohne alle Unterstützung von Seite des Autors etwa deuten
    möchte – sollte die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhn-
    lichen Erinnerungskreises nicht außerdem durch andere Motive
    erleichtert gewesen sein? [E 11]

    Ad 2) Innere (subjektive) Sinneserregung

    Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen,
    daß die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes
    als Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer
    Natur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um
    alle Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen,
    nach anderen, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu
    suchen. Ich weiß nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht
    ist, neben den äußeren Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Er-
    regungen in den Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist
    aber Tatsache, daß dies in allen neueren Darstellungen der Traum-
    ätiologie mehr oder minder nachdrücklich geschieht. „Eine wesent-
    liche Rolle spielen ferner, wie ich glaube“, sagt Wundt (S. 363),
    „bei den Traumillusionen jene subjektiven Gesichts- und Gehörs-
    empfindungen, die uns aus dem wachen Zustande als Lichtchaos
    des dunkeln Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw.
    bekannt sind, unter ihnen namentlich die subjektiven Netzhaut-
     

  • S.

    34

    erregungen. So erklärt sich die merkwürdige Neigung des Traumes,
    ähnliche oder ganz übereinstimmende Objekte in der Mehrzahl
    dem Auge vorzuzaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, Fische,
    bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet.
    Hier hat der Lichtstaub des dunkeln Gesichtsfeldes phantastische
    Gestalt angenommen, und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen
    derselbe besteht, werden von dem Traum in ebenso vielen Einzel-
    bildern verkörpert, die wegen der Beweglichkeit des Lichtchaos
    als bewegte Gegenstände angeschaut werden. – Hierin wurzelt
    wohl auch die große Neigung des Traumes zu den mannigfachsten
    Tiergestalten, deren Formenreichtum sich der besonderen Form
    der subjektiven Lichtbilder leicht anschmiegt.“

    Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum-
    bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom
    äußeren Zufall abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung
    zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den
    objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung
    ihrer Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment
    bei den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich
    sind. Den Haupterweis für die traumerregende Macht subjektiver
    Sinneserregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen
    Halluzinationen, die von Joh. Müller als „phantastische Gesichts-
    erscheinungen“ beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr
    lebhafte, wechselvolle Bilder, die sich in der Periode des Ein-
    schlafens, bei vielen Menschen ganz regelmäßig, einzustellen
    pflegen, und auch nach dem Öffnen der Augen eine Weile be-
    stehen können. Maury, der ihnen im hohen Grade
    unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung zuge-
    wendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität
    mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh. Müller) behauptet.
    Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische
    Passivität, ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich.
    (S. 59 u. f.) Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in

  • S.

    35

    solche Lethargie verfalle, um bei sonstiger Disposition eine
    hypnagogische Halluzination zu sehen, nach der man vielleicht
    wieder aufwacht, bis das sich mehrmals wiederholende Spiel mit
    dem Einschlafen endigt. Erwacht man dann nach nicht zu langer
    Zeit, so gelingt es nach Maury häufig, im Traum dieselben
    Bilder nachzuweisen, die einem als hypnagogische Halluzinationen
    vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben. (S. 134.) So erging es
    Maury einmal mit einer Reihe von grotesken Gestalten mit
    verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn mit un-
    glaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens
    belästigten, und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte
    geträumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl
    litt, weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagogisch
    eine Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die
    sich etwas von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume
    befand er sich an einer reichgedeckten Tafel und hörte das
    Geräusch, das die Speisenden mit ihren Gabeln machten. Ein
    andermal, als er mit gereizten und schmerzenden Augen einschlief,
    hatte er die hypnagogische Halluzination von mikroskopisch kleinen
    Zeichen, die er mit großer Anstrengung einzeln entziffern mußte;
    nach einer Stunde aus dem Schlafe geweckt, erinnerte er sich an
    einen Traum, in dem ein aufgeschlagenes Buch, mit sehr kleinen
    Lettern gedruckt, vorkam, welches er mühselig hatte durch-
    lesen müssen.

    Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzi-
    nationen von Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und
    dann im Traum sich wiederholen, als Ouverture gleichsam,
    welche die Leitmotive der mit ihr beginnenden Oper an-
    kündigt.

    Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury
    wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen,
    G. Trumbull Ladd. Er brachte es durch Übung dahin, daß er
    sich zwei bis fünf Minuten nach dem allmählichen Einschlafen

  • S.

    36

    jäh aus dem Schlaf reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen,
    und hatte dann die Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhaut-
    empfindungen mit den in der Erinnerung überlebenden Traum-
    bildern zu vergleichen. Er versichert, daß sich jedesmal eine
    innige Beziehung zwischen beiden erkennen ließ in der Weise,
    daß die leuchtenden Punkte und Linien des Eigenlichtes der
    Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung, das Schema für die
    psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brachten. Einen Traum
    z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen vor sich sah, die
    er las und studierte, entsprach eine Anordnung der leuchtenden
    Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit seinen
    Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er im Traum
    gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen Wahr-
    nehmung erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes,
    das man aus allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszu-
    nehmen, durch ein Löchelchen in einem Stück Papier ansieht.
    Ladd meint, ohne übrigens den zentralen Anteil des Phänomens
    zu unterschätzen, daß kaum ein visueller Traum in uns abläuft,
    der sich nicht an das Material der inneren Erregungszustände
    der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies für die Träume kurz
    nach dem Einschlafen im dunkeln Zimmer, während für die
    Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objektive, im er-
    hellten Zimmer ins Auge dringende Licht die Reizquelle abgebe.
    Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der
    Eigenlichterregung entspricht genau der unruhigen Bilderflucht,
    die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den Beobachtungen
    von Ladd Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebigkeit dieser
    subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering anschlagen
    können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den Haupt-
    bestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen
    Sinnesgebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und
    inkonstant.

  • S.

    37

    ad 3) Innerer, organischer Leibreiz

    Wenn wir auf dem Wege sind, die Traumquellen nicht außer-
    halb, sondern innerhalb des Organismus zu suchen, so müssen
    wir uns daran erinnern, daß fast alle unsere inneren Organe, die
    im Zustande der Gesundheit uns kaum Kunde von ihrem Bestand
    geben, in Zuständen von Reizung – die wir so heißen – oder
    in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen Empfindungen
    für uns werden, welche den Erregern der von außen anlangenden
    Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden muß. Es
    sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell zu der
    Aussage veranlassen (S. 107): „Die Seele gelangt im Schlaf zu
    einem viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von
    ihrer Leiblichkeit als im Wachen, und ist genötigt, gewisse
    Reizeindrücke zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die
    aus Teilen und Veränderungen ihres Körpers herstammen, von
    denen sie im Wachen nichts wußte.“ Schon Aristoteles erklärt
    es für sehr wohl möglich, daß man im Traum auf beginnende
    Krankheitszustände aufmerksam gemacht würde, von denen man
    im Wachen noch nichts merkt (kraft der Vergrößerung, die der
    Traum den Eindrücken angedeihen läßt, siehe oben S. 8), und
    ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich ferne lag, an
    eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben wenigstens
    für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Traumes gelten
    lassen. (Vgl. M. Simon, S. 31, und viele ältere Autoren.) [E 12]

    Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische
    Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen.
    So z. B. berichtet Tissié nach Artigues (Essai sur la valeur
    séméiologique des rêves) die Geschichte einer dreiundvierzigjährigen
    Frau, die durch einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von
    Angstträumen heimgesucht wurde und bei der ärztliche Unter-
    suchung dann eine beginnende Herzaffektion aufwies, welcher sie
    alsbald erlag.

  • S.

    38

    Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar
    bei einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. All-
    gemein wird auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und
    Lungenkranken hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens
    wird von vielen Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt,
    daß ich mich hier mit der bloßen Verweisung auf die Literatur
    (Radestock, Spitta, Maury, M. Simon, Tissié) genügen kann.
    Tissié meint sogar, daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt
    das charakteristische Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herz-
    kranken sind gewöhnlich sehr kurz und enden mit schreckhaftem
    Erwachen; fast immer spielt im Inhalt derselben die Situation
    des Todes unter gräßlichen Umständen eine Rolle. Die Lungen-
    kranken träumen vom Ersticken, Gedränge, Flucht und sind in
    auffälliger Zahl dem bekannten Alptraum unterworfen, den
    übrigens Börner durch Lagerung aufs Gesicht, durch Verdeckung
    der Respirationsöffnungen experimentell hat hervorrufen können.
    Bei Digestionsstörungen enthält der Traum Vorstellungen aus dem
    Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß sexueller Er-
    regung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die Erfahrung
    eines jeden Einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen Lehre
    von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.
    Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durch-
    arbeitet, ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury,
    Weygandt) durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände
    auf den Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traum-
    problemen geführt worden sind.
    Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest-
    gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man
    meinen möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei
    Gesunden – vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich – ein-
    stellt, und das Organerkrankung offenbar nicht zu seinen unent-
    behrlichen Bedingungen zählt. Es handelt sich für uns aber
    nicht darum, woher besondere Träume rühren, sondern was für

  • S.

    39

    die gewöhnlichen Träume normaler Menschen die Reizquelle
    sein mag.

    Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine
    Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere
    und eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es
    sichergestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustande zur
    Quelle der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die
    Seele im Schlafzustande, von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern
    des Leibes größere Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es
    nahe anzunehmen, daß die Organe nicht erst zu erkranken
    brauchen, um Erregungen, die irgendwie zu Traumbildern werden,
    an die schlafende Seele gelangen zu lassen. Was wir im Wachen
    dumpf als Gemeingefühl nur seiner Qualität nach wahrnehmen,
    und wozu nach der Meinung der Ärzte alle Organsysteme ihre
    Beiträge leisten, das würde nachts, zur kräftigen Einwirkung
    gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten tätig, die mäch-
    tigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für die Er-
    weckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann
    noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize
    in Traumvorstellungen umsetzen.

    Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt,
    welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist.
    Das Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „moi
    splanchnique“ wie Tissié es nennt, für unsere Kenntnisse gehüllt
    ist, und das Dunkel der Traumentstehung entsprechen einander
    zu gut, um nicht in Beziehung zueinander gebracht zu werden.
    Der Ideengang, welcher die vegetative Organempfindung zum
    Traumbildner macht, hat überdies für den Arzt den anderen
    Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, die soviel Überein-
    stimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch ätiologisch
    vereinigen läßt, denn Alterationen des Gemeingefühls und Reize,
    die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer weit-
    reichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen be-

  • S.

    40

    zichtigt. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leib-
    reiz
    theorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig an-
    gegeben, zurückführen läßt.

    Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maß-
    gebend, den der Philosoph Schopenhauer im Jahre 1851 ent-
    wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser
    Intellekt die ihn von außen treffenden Eindrücke in die Formen
    der Zeit, des Raumes und der Kausalität umgießt. Die Reize aus
    dem Inneren des Organismus, vom sympathischen Nervensystem
    her, äußern bei Tag höchstens einen unbewußten Einfluß auf
    unsere Stimmung. Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung
    der Tageseindrücke aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern
    heraufdringenden Eindrücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen –
    ähnlich wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der
    Lärm des Tages unvernehmbar machte. Wie anders aber soll der
    Intellekt auf diese Reize reagieren, als indem er seine ihm eigen-
    tümliche Funktion vollzieht? Er wird also die Reize zu raum-
    und zeiterfüllenden Gestalten, die sich am Leitfaden der Kausalität
    bewegen, umformen, und so entsteht der Traum. In die nähere
    Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern versuchten
    dann Scherner und nach ihm Volkelt einzudringen, deren
    Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die Traumtheorien
    aufsparen.

    In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung
    hat der Psychiater Krauß die Entstehung des Traumes wie der
    Delirien und Wahnideen von dem nämlichen Element, der
    organisch bedingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum
    eine Stelle des Organismus denken, welche nicht der Ausgangs-
    punkt eines Traumes oder Wahnbildes werden könne. Die
    organisch bedingte Empfindung „läßt sich aber in zwei Reihen
    trennen: 1) in die der Totalstimmungen (Gemeingefühle), 2) in
    die spezifischen, den Hauptsystemen des vegetativen Organismus
    immanenten Sensationen, wovon wir fünf Gruppen unterschieden

  • S.

    41

    haben, a) die Muskelempfindungen, b) die pneumatischen, c) die
    gastrischen, d) die sexuellen und e) die peripherischen“. (S. 33
    des zweiten Artikels.)

    Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib-
    reize nimmt Krauß folgendermaßen an: Die geweckte Empfin-
    dung ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte
    Vorstellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen
    Gebilde, gegen welches sich aber das Bewußtsein anders verhält
    als normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Auf-
    merksamkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vor-
    stellungen zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser Sach-
    verhalt so lange verkannt werden konnte. (S. 11 u. f.) Krauß
    findet für den Vorgang auch den besonderen Ausdruck der
    Transsubstantiation der Empfindungen in Traumbilder. (S. 24.)

    Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung
    wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach
    dem Gesetz der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig,
    oftmals mit dunkeln Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun
    auf dem Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der
    Traumdeutung, den Inhalt eines Traumes auf die ihn verur-
    sachenden organischen Reize zurückzuführen, und wenn man
    nicht die von Scherner aufgefundenen Deutungsregeln anerkennt,
    steht man oft vor der mißlichen Tatsache, daß die organische
    Reizquelle sich eben durch nichts anderes als durch den Inhalt
    des Traumes verrät.

    Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung ver-
    schiedener Traumformen gestaltet, die man als „typische“ be-
    zeichnet hat, weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem
    Inhalt wiederkehren. Es sind dies die bekannten Träume vom
    Herabfallen von einer Höhe, vom Zahnausfallen, vom Fliegen
    und von der Verlegenheit, daß man nackt oder schlecht bekleidet
    ist. Letzterer Traum soll einfach von der im Schlaf gemachten
    Wahrnehmung herrühren, daß man die Bettdecke abgeworfen

  • S.

    42

    hat und nun entblößt daliegt. Der Traum vom Zahnausfallen
    wird auf „Zahnreiz“ zurückgeführt, womit aber nicht ein krank-
    hafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein braucht. Der
    Traum zu fliegen ist nach Strümpell das von der Seele ge-
    brauchte adäquate Bild, womit sie das von den auf- und nieder-
    steigenden Lungenflügeln ausgehende Reizquantum deutet, wenn
    gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax schon bis zur Bewußt-
    losigkeit herabgesunken ist. Durch den letzteren Umstand wird
    die an die Vorstellungsform des Schwebens gebundene Empfindung
    vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll darin seinen Anlaß
    haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Hautdruck-
    gefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein ein-
    gezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des
    Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußt-
    werden aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch ver-
    körpert (Strümpell, S. 118). Die Schwäche dieser plausibeln
    Erklärungsversuche liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren
    Anhalt die oder jene Gruppe von Organempfindungen aus der
    seelischen Wahrnehmung verschwinden oder sich ihr aufdrängen
    lassen, bis die für die Erklärung günstige Konstellation hergestellt
    ist. Ich werde übrigens später Gelegenheit haben, auf die typischen
    Träume und ihre Entstehung zurückzukommen.

    M. Simon hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe
    von ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der
    Organreize auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten.
    Er sagt (S. 34): Wenn im Schlaf irgend ein Organapparat, der
    normaler Weise am Ausdruck eines Affektes beteiligt ist, durch
    irgend einen anderen Anlaß sich in dem Erregungszustande be-
    findet, in den er sonst bei jenem Affekt versetzt wird, so wird
    der dabei entstehende Traum Vorstellungen enthalten, die dem
    Affekt angepaßt sind.

    Eine andere Regel lautet (S. 35): Wenn ein Organapparat sich
    im Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird

  • S.

    43

    der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung
    der organischen Funktion beziehen, die jener Apparat versieht.
    Mourly Vold hat es unternommen, den von der Leibreiz-
    theorie supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein
    einzelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche
    gemacht, die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern
    und die Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er
    teilt folgende Sätze als Ergebnis mit.
    1) Die Stellung eines Gliedes im Traum entspricht ungefähr
    der in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen
    Zustand des Gliedes, welcher dem realen entspricht.
    2) Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist
    diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden
    Stellungen der wirklichen entspricht.
    3) Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traum
    auch einer fremden Person zuschieben.
    4) Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung
    gehindert ist.
    5) Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traum als
    Tier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie
    beider hergestellt wird.
    6) Die Stellung eines Gliedes kann im Traum Gedanken an-
    regen, die zu diesem Glied irgend eine Beziehung haben, so z. B.
    träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
    Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die
    Leibreiztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu
    erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszuschlöschen vermag. [E 13]

    ad 4) Psychische Reizquellen

    Als wir die Beziehungen des Traumes zum Wachleben und
    die Herkunft des Traummaterials behandelten, erfuhren wir, es
    sei die Ansicht der ältesten wie der neuesten Traumforscher, daß
    die Menschen von dem träumen, was sie bei Tag treiben und

  • S.

    44

    was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem Wachleben in
    den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur ein psy-
    chisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern ergibt
    uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben
    dem im Schlaf interessant Gewordenen – den während des
    Schlafes einwirkenden Reizen, – ausreichen sollte, die Herkunft
    aller Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Wider-
    spruch gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum
    den Schläfer von den Interessen des Tages abzieht, und daß wir
    – meistens – von den Dingen, die uns bei Tag am meisten er-
    griffen haben, erst dann träumen, wenn sie für das Wachleben
    den Reiz der Aktualität verloren haben. So erhalten wir in der
    Analyse des Traumlebens bei jedem Schritt den Eindruck, daß
    es unstatthaft ist, allgemeine Regeln aufzustellen, ohne durch ein
    „oft“, „in der Regel“, „meistens“ Einschränkungen vorzusehen
    und auf die Gültigkeit der Ausnahmen vorzubereiten.

    Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren
    Schlafreizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so
    müßten wir imstande sein, von der Herkunft aller Elemente
    eines Traumes befriedigende Rechenschaft zu geben; das Rätsel
    der Traumquellen wäre gelöst, und es bliebe noch die Aufgabe,
    den Anteil der psychischen und der somatischen Traumreize in
    den einzelnen Träumen abzugrenzen. In Wirklichkeit ist diese
    vollständige Auflösung eines Traumes noch in keinem Falle
    gelungen, und jedem, der dies versucht hat, sind – meist sehr
    reichlich – Traumbestandteile übrig geblieben, über deren Her-
    kunft er keine Aussage machen konnte. Das Tagesinteresse als
    psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als man
    nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traum
    sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.

    Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen
    also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen – mit
    Ausnahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner –

  • S.

    45

    eine große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für
    den Traum am meisten charakteristischen Materials an Vor-
    stellungsbildern handelt. In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl
    der Autoren die Neigung entwickelt, den psychischen Anteil an
    der Traumerregung, dem so schwer beizukommen ist, möglichst
    zu verkleinern. Sie unterscheiden zwar als Haupteinteilung den
    Nervenreiz-
    und den Assoziationstraum, welch letzterer aus-
    schließlich in der Reproduktion seine Quelle findet (Wundt,
    S. 365), aber sie können den Zweifel nicht los werden, „ob sie
    sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen“ (Volkelt, S. 127).
    Auch die Charakteristik des reinen Assoziationstraumes versagt:
    „In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von einem
    solchen festen Kern nicht mehr die Rede sein. Hier dringt
    die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes
    ein. Das ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vor-
    stellungsleben ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib-
    und
    Seelenerregungen nicht mehr zusammengehalten und so seinem
    eigenen bunten Schieben und Treiben, seinem eigenen lockeren
    Durcheinandertaumeln überlassen“ (Volkelt, S. 118). Eine Ver-
    kleinerung des psychischen Anteils an der Traumerregung ver-
    sucht dann Wundt, indem er ausführt, daß man die „Phan-
    tasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine Halluzi-
    nationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traumvor-
    stellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen
    Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen“
    (S. 359 u. f.). Weygandt hat sich diese Ansicht angeeignet und
    sie verallgemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen,
    daß „ihre nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen
    sich reproduktive Assoziationen“ (S. 17). Noch weiter in der Ver-
    drängung der psychischen Reizquellen geht Tissié (p. 183):
    Les rêves d’origine absolument psychique n’existent pas, und
    anderswo (p. 6): les pensées de nos rêves nous viennent du
    dehors…

  • S.

    46

    Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph
    Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzu-
    merken, daß in den meisten Träumen somatische Reize und die
    unbekannten oder als Tagesinteresse erkannten psychischen An-
    reger des Traumes zusammenwirken.
    Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung
    durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle
    gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Über-
    schätzung der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur
    Traumbildung nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht
    aufzufinden und selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es
    entspricht auch die somatische Auffassung der Traumentstehung
    durchwegs der heute in der Psychiatrie herrschenden Denkrich-
    tung. Die Herrschaft des Gehirns über den Organismus wird
    zwar nachdrücklichst betont, aber alles, was eine Unabhängigkeit
    des Seelenlebens von nachweisbaren organischen Veränderungen
    oder eine Spontaneität in dessen Äußerungen erweisen könnte,
    schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen Anerkennung die
    Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen Seelenwesens
    wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters hat die
    Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, daß
    keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate. Doch
    zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen
    Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich zwischen
    Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische
    sich bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phänomens
    erkennen läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des
    Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu
    finden wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Er-
    kenntnis die Endstation bedeuten müßte, da braucht es darum
    nicht geleugnet zu werden.

  • S.

    47


    D

    Warum man den Traum nach dem Erwachen
    vergißt?

    Daß der Traum am Morgen „zerrinnt“, ist sprichwörtlich.
    Freilich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den
    Traum ja nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen;
    aber wir glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollständig erinnern,
    während in der Nacht mehr von ihm da war; wir können be-
    obachten, wie eine des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung
    im Laufe des Tages bis auf kleine Brocken dahinschwindet; wir
    wissen oft, daß wir geträumt haben, aber nicht, was wir ge-
    träumt haben, und wir sind an die Erfahrung, daß der Traum
    dem Vergessen unterworfen ist, so gewöhnt, daß wir die Möglich-
    keit nicht als absurd verwerfen, daß auch der bei Nacht geträumt
    haben könnte, der am Morgen weder vom Inhalt noch von der
    Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits kommt es vor,
    daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im Gedächtnisse
    zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analysiert, die
    sich ihnen vor fünfundzwanzig und mehr Jahren ereignet hatten,
    und kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch
    mindestens siebenunddreißig Jahre vom heutigen Tage getrennt
    ist und doch an seiner Gedächtnisfrische nichts eingebüßt hat.
    Dies alles ist sehr merkwürdig und zunächst nicht verständlich.

    Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten
    Strümpell. Dieses Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen,
    denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf
    eine ganze Reihe von Gründen zurück.

    Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe
    wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir
    pflegen als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahr-
    nehmungen alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil
    die an sie geknüpfte Seelenerregung einen zu geringen Grad

  • S.

    48

    hatte. Dasselbe ist rücksicht-
    lich vieler Traumbilder der Fall; sie
    werden vergessen, weil sie zu schwach waren, während stärkere
    Bilder aus ihrer Nähe erinnert werden. Übrigens ist das Moment
    der Intensität für sich allein sicher nicht entscheidend für die
    Erhaltung der Traumbilder; Strümpell gesteht wie auch andere
    Autoren (Calkins) zu, daß man häufig Traumbilder rasch ver-
    gißt, von denen man weiß, daß sie sehr lebhaft waren, während
    unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr viele schattenhafte,
    sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt man im Wachen
    leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat, und besser
    zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die meisten
    Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse;1) diese Eigentümlich-
    keit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume beitragen.
    Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens.
    Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse
    Erinnerungsgröße erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht ver-
    einzelt bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen
    passender Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine
    Worte auf und schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr
    schwer, ihn zu merken. „Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge
    hilft ein Wort dem anderen und das Ganze steht sinnvoll in der
    Erinnerung leicht und lange fest. Widersinniges behalten wir im
    allgemeinen ebenso schwer und ebenso selten wie das Verworrene
    und Ordnungslose.“ Nun fehlt den Träumen in den meisten
    Fällen Verständigung und Ordnung. Die Traumkompositionen ent-
    behren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Gedächtnisses und
    werden vergessen, weil sie meistens schon in den nächsten Zeit-
    momenten auseinanderfallen. – Zu diesen Ausführungen stimmt
    allerdings nicht ganz, was Radestock (S. 168) bemerkt haben
    will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten
    behalten.

    1)Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden, vgl. die
    Sammlung von Chabaneix.

  • S.

    49

    Das Vergessen der Träume


    Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen
    Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von
    Traum und Wachleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume
    für das wache Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegen-
    stück zu der früher erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast)
    nie geordnete Erinnerungen aus dem Wachleben, sondern nur
    Einzelheiten aus demselben übernimmt, die er aus ihren ge-
    wohnten psychischen Verbindungen reißt, in denen sie im Wachen
    erinnert werden. Die Traumkomposition hat somit keinen Platz
    in der Gesellschaft der psychischen Reihen, mit denen die Seele
    erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungshilfen. „Auf diese
    Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von dem Boden
    unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen Raum wie
    eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch ver-
    weht“ (S. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß
    mit dem Erwachen sofort die herandrägende Sinnenwelt die
    Aufmerksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht
    die wenigsten Traumbilder standhalten können. Diese weichen
    vor den Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Ge-
    stirne vor dem Licht der Sonne.

    An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der
    Träume der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen
    ihren Träumen überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer
    sich z. B. als Forscher eine Zeit lang für den Traum interessiert,
    träumt währenddessen auch mehr als sonst, das heißt wohl: er
    erinnert seine Träume leichter und häufiger.

    Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli
    (bei Benini) zu den Strümpellschen hinzugefügt, sind wohl
    bereits in diesen enthalten, nämlich: 1) daß die Veränderung des
    Gemeingefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen
    Reproduktion ungünstig ist, und 2) daß die andere Anordnung
    des Vorstellungsmateriales im Traume diesen sozusagen unüber-
    setzbar fürs Wachbewußtsein macht.

    Freud, II.

  • S.

    50

    Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strümpell
    selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den Träumen
    doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Bemühungen
    der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu fassen, kommen
    einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas rätselhaft und un
    gelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigentümlichkeiten der
    Erinnerung an den Traum neuerdings besonders bemerkt worden,
    z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen für vergessen
    hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahrnehmung erinnern
    kann, die zufällig an den – doch vergessenen – Inhalt des Traumes
    anrührt (Radestock, Tissié). Die gesamte Erinnerung an den
    Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet ist, ihren
    Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man
    kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traum weg
    läßt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht.

    Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes
    spricht auch Strümpell aus:

    „Dann geschieht es eben leicht,
    daß das wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Er
    innerung des Traumes einfügt: man bildet sich ein, allerlei ge
    träumt zu haben, was der gewesene Traum nicht enthielt.“

    Besonders entschieden äußert sich Jessen (S. 547):

    „Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu
    sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint,
    bisher wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß
    es dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir
    einen gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es
    zu bemerken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder aus
    füllen und ergänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zu
    sammenhängender Traum so zusammenhängend gewesen, wie er
    uns in der Erinnerung erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten
    Menschen ist es kaum möglich, einen gehabten merkwürdigen
    Traum ohne allen Zusatz und ohne alle Ausschmückung zu er
    zählen: das Bestreben des menschlichen Geistes, alles im Zu-
    “

  • S.

    51

    sammenhange zu erblicken, ist so groß, daß er bei der Erinnerung
    eines einigermaßen unzusammenhängenden Traumes die Mängel
    des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.“

    Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die doch
    gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. Egger: „… l’ob-
    servation des rêves a ses difficultés spéciales et le seul moyen d’éviter
    toute erreur en pareille matière est de confier au papier sans le moindre
    retard ce que l’on vient d’éprouver et de remarquer; sinon, l’oubli
    vient vite ou total ou partiel; l’oubli total est sans gravité; mais l’oubli
    partiel est perfide; car si l’on se met ensuite à raconter ce que l’on
    n’a pas oublié, on est exposé à compléter par imagination les fragments
    incohérents et disjoints fourni par la mémoire…; on devient artiste
    à son insu, et le récit periodiquement répété s’impose à la créance
    de son auteur, qui, de bonne foi, le présente comme un fait authen-
    tique, dûment établi selon les bonnes méthodes…“

    Ganz ähnlich Spitta (S. 338), der anzunehmen scheint, daß
    wir überhaupt erst bei dem Versuch, den Traum zu reproduzieren,
    die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente
    einführen – „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander,
    Auseinander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung,
    der im Traum fehlt, hinzufügen“.

    Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die
    Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traum,
    der unser eigenes Erlebnis ist, und für den wir nur die Er-
    innerung als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Wert
    bleibt da unserer Erinnerung an den Traum noch übrig?

    E

    Die psychologischen Besonderheiten des Traumes

    Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes
    von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer
    eigenen Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum

  • S.

    52

    als etwas Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns
    so wenig drängt, daß wir ebenso gerne sagen: „Mir hat geträumt“
    wie: „Ich habe geträumt.“ Woher rührt diese „Seelenfremdheit“
    des Traumes? Nach unseren Erörterungen über die Traumquellen
    sollten wir meinen, sie sei nicht durch das Material bedingt, das
    in den Trauminhalt gelangt; dies ist ja zum größten Teile dem
    Traumleben wie dem Wachleben gemeinsam. Man kann sich
    fragen, ob es nicht Abänderungen der psychischen Vorgänge im
    Traume sind, welche diesen Eindruck hervorrufen, und kann so
    eine psychologische Charakteristik des Traumes versuchen.

    Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum und Wach-
    leben stärker betont und zu weitgehenderen Schlüssen verwendet
    als G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner Elemente
    der Psychophysik. (S. 520, II. T.) Er meint, „weder die ein-
    fache Herabdrückung des bewußten Seelenlebens unter die Haupt-
    schwelle“, noch die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Ein-
    flüssen der Außenwelt genüge, um die Eigentümlichkeiten des
    Traumlebens dem wachen Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet
    vielmehr, daß auch der Schauplatz der Träume ein anderer
    ist als der des wachen Vorstellunglebens. „Sollte der Schau-
    platz der psychophysischen Tätigkeit während des Schlafens und
    des Wachens derselbe sein, so könnte der Traum meines Erachtens
    bloß eine, auf einem niederen Grade der Intensität sich haltende
    Fortsetzung des wachen Vorstellunglebens sein, und müßte
    übrigens dessen Stoff und dessen Form teilen. Aber es verhält
    sich ganz anders.“

    Was Fechner mit einer solchen Umsiedlung der Seelen-
    tätigkeit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein
    anderer, soviel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur
    er in jener Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im
    Sinne der physiologischen Gehirnlokalisation oder selbst mit Be-
    zug auf die histologische Schichtung der Hirnrinde wird man
    wohl auszuschließen haben. Vielleicht aber erweist sich der Ge-

  • S.

    53

    danke einmal als sinnreich und fruchtbar, wenn man ihn auf
    einen seelischen Apparat bezieht, der aus mehreren hinterein-
    ander eingeschalteten Instanzen aufgebaut ist.

    Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die
    andere der greifbaren psychologischen Besonderheiten des Traum-
    lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkt weiter rei-
    chender Erklärungsversuche zu machen.

    Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigen-
    tümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens
    auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen
    ist. Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleiermacher (S. 351), daß die Denktätigkeit in Begriffen und nicht
    in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich
    in Bildern, und man kann beobachten, daß mit der Annäherung
    an den Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten Tätig-
    keiten sich erschwert zeigen, ungewollte Vorstellungen her-
    vortreten, die alle in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähig-
    keit zu solcher Vorstellung-arbeit, die wir als absichtlich gewollte
    empfinden, und das mit dieser Zerstreuung regelmäßig ver-
    knüpfte Hervortreten von Bildern, dies sind zwei Charaktere, die
    dem Traum verbleiben, und die wir bei der psychologischen
    Analyse desselben als wesentliche Charaktere des Traumlebens
    anerkennen müssen. Von den Bildern – den hypnagogischen
    Halluzinationen – haben wir erfahren, daß sie selbst dem Inhalt
    nach mit den Traumbildern identisch sind. [E 14]

    Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber
    doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und
    in geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne.
    Vieles wird auch im Traum einfach gedacht oder vorgestellt
    (wahrscheinlich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz
    wie sonst im Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber
    doch nur jene Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten,
    d. h. den Wahrnehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungs-

  • S.

    54

    vorstellungen. Mit Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater
    wohlbekannten Diskussionen über das Wesen der Halluzination
    können wir mit allen sachkundigen Autoren aussagen, daß der
    Traum halluziniert, daß er Gedanken durch Halluzinationen
    ersetzt. In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen
    visuellen und akustischen Vorstellungen; es ist bemerkt worden,
    daß die Erinnerung an eine Tonfolge, mit der man einschläft,
    sich beim Versinken in den Schlaf in die Halluzination der-
    selben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen, das mit
    dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren
    und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu
    machen.

    Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht
    die einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm ent-
    sprechenden Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der
    Traum eine Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er
    dramatisiert eine Idee, wie Spitta (S. 145) sich ausdrückt. Die
    Charakteristik dieser Seite des Traumlebens wird aber erst voll-
    ständig, wenn man hinzunimmt, daß man beim Träumen – in
    der Regel; die Ausnahmen fordern eine besondere Aufklärung –
    nicht zu denken, sondern zu erleben vermeint, die Halluzinationen
    also mit vollem Glauben aufnimmt. Die Kritik, man habe nichts
    erlebt, sondern nur in eigentümlicher Form gedacht – geträumt
    – regt sich erst beim Erwachen. Dieser Charakter scheidet den
    echten Schlaftraum von der Tagträumerei, die niemals mit der
    Realität verwechselt wird.

    Burdach hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum-
    lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (S. 476): „Zu den
    wesentlichen Merkmalen des Traumes gehört: a) daß die sub-
    jektive Tätigkeit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das
    Wahrnehmungsvermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt,
    als ob es sinnliche Rührungen wären; … b) der Schlaf ist eine
    Aufhebung der Eigenmächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passi-

  • S.

    55


    vität zum Einschlafen. . . . Die Schlummerbilder werden durch
    den Nachlaß der Eigenmächtigkeit bedingt.“
    Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele
    gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer
    gewissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären.
    Strümpell führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem
    Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keines-
    wegs bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche
    Erlebnisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung
    der Sinne auftreten (S. 34). Während die Seele wachend in Wort-
    bildern und in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und
    denkt im Traum in wirklichen Empfindungsbildern (S. 35). Über-
    dies kommt im Traum ein Raumbewußtsein hinzu, indem, wie
    im Wachen, Empfindungen und Bilder in einen äußeren Raum
    versetzt werden (S. 36). Man muß also zugestehen, daß sich
    die Seele im Traume ihren Bildern und Wahrnehmungen gegen-
    über in derselben Lage befindet wie im Wachen (S. 43). Wenn
    sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies daher, daß ihr im
    Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein zwischen von
    außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen unter-
    scheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterziehen,
    welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt
    außerdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren
    Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil
    sie das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes
    anwenden kann (S. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der Außen-
    welt enthält auch den Grund für ihren Glauben an die subjek-
    tive Traumwelt.
    Zum selben Schlusse gelangt nach teilweise abweichenden
    psychologischen Entwicklungen Delboeuf. Wir schenken den
    Traumbildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine
    anderen Eindrücke zum Vergleiche haben, weil wir von der
    Außenwelt abgelöst sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an

  • S.

    56

    die Wahrheit unserer Halluzinationen, weil uns im Schlafe die
    Möglichkeit entzogen ist, Proben anzustellen. Der Traum kann
    uns alle diese Prüfungen vorspiegeln, uns etwa zeigen, daß wir
    die gesehene Rose berühren, und wir träumen dabei doch. Es
    gibt nach Delboeuf kein stichhältiges Kriterium dafür, ob etwas
    ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, außer – und dies nur
    in praktischer Allgemeinheit – der Tatsache des Erwachens. Ich
    erkläre alles für Täuschung, was zwischen Einschlafen und Er-
    wachen erlebt worden ist, wenn ich durch das Erwachen merke,
    daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (S. 84). Während
    des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten
    infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine
    Außenwelt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz
    bringe.1)


    1)Einen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu erklären durch
    die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der sonst korrekten
    Funktion des intakten seelischen Apparates zur Folge haben muß, hat Haffner unter-
    nommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten beschrieben. Das erste
    Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeitlosigkeit, d. i. die Eman-
    zipation der Vorstellung von der dem Individuum zukommenden Stelle in der örtlichen
    und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich der zweite Grundcharakter des
    Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen, Imaginationen und Phantasiekom-
    binationen mit äußeren Wahrnehmungen. „Da die Gesamtheit der höheren Seelen-
    kräfte insbesondere Begriffsbildung, Urteil und Schlußfolgerung einerseits und die
    freie Selbstbestimmung anderseits an die sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen
    und diese jederzeit zur Unterlage haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der
    Regellosigkeit der Traumvorstellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an
    und für sich ist unsere Urteilskraft, wie unsere Willenskraft, im Schlafe in keiner
    Weise alteriert. Wir sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso frei wie
    im wachen Zustande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denk-
    gesetze an sich verstoßen, d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende
    identisch setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein
    Gutes sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des
    Denkens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch die
    Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir im Traum
    die größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits die scharf-
    sinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen vollziehen,
    die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können. Mangel an
    Orientierung ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit welchem unsere Phantasie
    im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Reflexion, sowie an Ver-
    ständigung mit anderen, ist die Hauptquelle der maßlosen Extravaganzen unserer
    Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traum“ (S. 18).

  • S.

    57

    Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestim-
    menden Momente für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere
    des Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige
    Bemerkungen des alten Burdach anzuführen, welche auf die Be-
    ziehung der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und
    dazu angetan sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ab-
    leitungen zurückzuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Be-
    dingung,“ sagt Burdach, „daß die Seele nicht von Sinnes-
    reizen angeregt wird, . . . aber es ist nicht sowohl der Mangel an
    Sinnesreizen die Bedingung des Schlafes, als vielmehr der Mangel
    an Interesse dafür [E 15]; mancher sinnliche Eindruck ist selbst not-
    wendig, insofern er zur Beruhigung der Seele dient, wie denn
    der Müller nur dann schläft, wenn er das Klappern seiner Mühle
    hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nachtlicht zu brennen
    für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann.“ (S. 457.)

    „Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und
    zieht sich von der Peripherie . . . zurück . . . Indes ist der Zu-
    sammenhang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe
    selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so
    könnte man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird
    die Fortdauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht
    immer durch die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern
    durch die psychische Beziehung desselben geweckt wird; ein gleich-
    gültiges Wort weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber
    beim Namen, so erwacht er . . . , die Seele unterscheidet also im
    Schlafe zwischen den Sensationen. . . . Daher kann man denn auch
    durch den Mangel eines Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine
    für die Vorstellung wichtige Sache bezieht, geweckt werden; so
    erwacht man vom Auslöschen eines Nachtlichtes und der Müller
    vom Stillstande seiner Mühle, also vom Aufhören der Sinnes-
    tätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese perzipiert worden ist,
    aber als gleichgültig, oder vielmehr befriedigend, die Seele nicht
    aufgestört hat.“ (S. 460 u. ff.)

  • S.

    58

    Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein-
    wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß
    die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außen-
    welt abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartig-
    keit desselben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen
    Falle müßte es möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in
    Vorstellungen, die Situationen des Traumes in Gedanken zurück-
    zuwandeln, und damit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen.
    Nun verfahren wir nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen
    den Traum aus der Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese
    Rückübersetzung ganz oder nur teilweise gelingt, der Traum be-
    hält seine Rätselhaftigkeit unverringert bei.

    Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume
    noch andere und tiefer greifende Veränderungen mit dem Vor-
    stellungsmateriale des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben
    sucht Strümpell in folgender Erörterung herauszugreifen (S. 17):
    „Die Seele verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen An-
    schauung und des normalen Lebensbewußtseins auch den Grund,
    in welchem ihre Gefühle, Begehrungen, Interessen und Hand-
    lungen wurzeln. Auch diejenigen geistigen Zustände, Gefühle,
    Interessen, Wertschätzungen, welche im Wachen den Erinnerungs-
    bildern anhaften, unterliegen … einem verdunkelnden Drucke,
    infolgedessen sich ihre Verbindung mit den Bildern auflöst, die
    Wahrnehmungsbilder von Dingen, Personen, Lokalitäten, Begeben-
    heiten und Handlungen des wachen Lebens werden einzeln sehr
    zahlreich reproduziert, aber keines derselben bringt seinen psy-
    chischen Wert mit. Dieser ist von ihnen abgelöst und sie
    schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln umher …“

    Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Wert, die
    selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurück-
    geführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem
    Eindruck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in
    unserer Erinnerung dem Leben gegenüberstellt.

  • S.

    59

    Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf
    eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche
    Leitung des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns
    so die ohnedies naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der
    Schlafzustand sich auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken
    möge. Die eine oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz
    aufgehoben; ob die übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob
    sie unter solchen Umständen normale Arbeit leisten können,
    kommt jetzt in Frage. Der Gesichtspunkt taucht auf, daß man
    die Eigentümlichkeiten des Traumes erklären könne durch die
    psychische Minderleistung im Schlafzustande, und nun kommt der
    Eindruck, den der Traum unserem wachen Urteil macht, einer
    solchen Auffassung entgegen. Der Traum ist unzusammenhängend,
    vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Widersprüche, läßt Unmöglich-
    keiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches Wissen beiseite,
    zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer sich im
    Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen Situ-
    ationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer
    im Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie
    sie im Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck
    eines Verworrenen oder eines Schwachsinnigen machen. Somit
    glauben wir nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die
    psychische Tätigkeit im Traum nur sehr gering anschlagen und
    insbesondere die höheren intellektuellen Leistungen als im Traum
    aufgehoben oder wenigstens schwer geschädigt erklären.

    Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit – von den Ausnahmen
    wird an anderer Stelle die Rede sein – haben die Autoren solche
    Urteile über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer
    bestimmten Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten.
    Es ist an der Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Resumé
    durch eine Sammlung von Aussprüchen verschiedener Autoren –
    Philosophen und Ärzte – über die psychologischen Charaktere
    des Traumes ersetze:

  • S.

    60

    Nach Lemoine ist die Inkohärenz der Traumbilder der einzig
    wesentliche Charakter des Traumes.

    Maury pflichtet dem bei; er sagt (Le sommeil, p. 163): „Il
    n’y a pas des rêves absolument raisonnables et qui ne contiennent
    quelque incohérence, quelque anachronisme, quelque absurdité.“
    Nach Hegel bei Spitta fehlt dem Traum aller objektive ver-
    ständige Zusammenhang.

    Dugas sagt: „Le rêve, c’est l’anarchie psychique, affective et
    mentale, c’est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s’exer-
    çant sans contrôle et sans but; dans le rêve l’esprit est un automate
    spirituel.“

    „Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des
    im Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zu-
    sammengehaltenen Vorstellungslebens“ räumt selbst Volkelt ein
    (S. 14), nach dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des
    Schlafes keineswegs zwecklos erscheint.

    Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs-
    verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon
    Cicero (De divin. II) tat: Nihil tam praepostere, tam incondite,
    tam monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.

    Fechner sagt (S. 522): Es ist, als ob die psychologische Tätig-
    keit aus dem Gehirne eines Vernünftigen in das eines Narren
    übersiedelte.

    Radestock (S. 145): „In der Tat scheint es unmöglich, in
    diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen
    Polizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden
    Willens und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der
    Traum in tollem Spiel alles kaleidoskopartig durcheinander.“

    Hildebrand (S. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt
    sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit
    welcher Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze
    geradezu auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche
    kann er in den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft ver-
     

  • S.

    61

    tragen, bevor ihm, wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und
    die Überspannung des Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir
    multiplizieren gelegentlich ganz harmlos: Drei mal drei macht
    zwanzig; es wundert uns gar nicht, daß ein Hund uns einen
    Vers hersagt, daß ein Toter auf eigenen Füßen nach seinem
    Grabe geht, daß ein Felsstück auf dem Wasser schwimmt; wir
    gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach dem Herzogtum
    Bernburg oder dem Fürstentum Liechtenstein, um die Kriegs-
    marine des Landes zu beobachten, oder lassen uns von Karl dem
    Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige an-
    werben.“

    Binz (S. 33) mit dem Hinweis auf die aus diesen Eindrücken
    sich ergebende Traumtheorie: „Unter zehn Träumen sind min-
    destens neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen
    und Dinge zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen
    zueinander haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem
    Kaleidoskop, ist die Gruppierung eine andere geworden, womöglich
    noch unsinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so
    geht das wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns
    weiter, bis wir erwachen, mit der Hand nach der Stirne greifen
    und uns fragen, ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des ver-
    nünftigen Vorstellens und Denkens besitzen.“

    Maury (Le sommeil, p. 50) findet für das Verhältnis der
    Traumbilder zu den Gedanken des Wachens einen für den Arzt
    sehr eindrucksvollen Vergleich: „La production de ces images que
    chez l’homme éveillé fait le plus souvent naître la volonté, correspond,
    pour l’intelligence, à ce que sont pour la motilité certains mouve-
    ments que nous offrent la chorée et les affections paralytiques…“
    Im übrigen ist ihm der Traum „toute une série de dégradations
    de la faculté pensante et raisonnante“ (p. 27).

    Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen,
    welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen-
    leistungen wiederholen.

  • S.

    62

    Nach Strümpell treten im Traum – selbstverständlich auch
    dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist – sämtliche logischen,
    auf Verhältnissen und Beziehungen beruhenden Operationen der
    Seele zurück (S. 26). Nach Spitta (S. 148) scheinen im Traum
    die Vorstellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein.
    Radestock u. a. betonen die dem Traum eigene Schwäche des
    Urteils und des Schlusses. Nach Jodl (S. 123) gibt es im Traum
    keine Kritik, keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch
    den Inhalt des Gesamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle
    Arten der Bewußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber un-
    vollständig, gehemmt, gegeneinander isoliert.“ Die Widersprüche,
    in welche sich der Traum gegen unser waches Wissen setzt,
    erklärt Stricker (mit vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im
    Traum vergessen oder logische Beziehungen zwischen Vorstellungen
    verloren gegangen sind (S. 98) usw., usw.

    Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die
    psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben,
    daß ein gewisser Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume ver-
    bleibt. Wundt, dessen Lehren für so viele andere Bearbeiter der
    Traumprobleme maßgebend geworden sind, gesteht dies aus-
    drücklich zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des
    im Traume sich äußernden Restes von normaler Seelentätigkeit
    fragen. Es wird nun ziemlich allgemein zugegeben, daß die
    Reproduktionsfähigkeit, das Gedächtnis im Traum am wenig-
    sten gelitten zu haben scheint, ja eine gewisse Überlegenheit
    gegen die gleiche Funktion des Wachens (vgl. oben S. 12) auf-
    weisen kann, obwohl ein Teil der Absurditäten des Traumes
    durch die Vergeblichkeit eben dieses Traumlebens erklärt werden
    soll. Nach Spitta ist es das Gemütsleben der Seele, was vom
    Schlaf nicht befallen wird und dann den Traum dirigiert. Als
    „Gemüt“ bezeichnet er „die konstante Zusammenfassung der
    Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen“
    (S. 84).

  • S.

    63


    Scholz (S. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden
    Seelentätigkeiten in der „allegorisierenden Umdeutung“,
    welcher das Traummaterial unterzogen wird. Siebeck konstatiert
    auch im Traum die „ergänzende Deutungstätigkeit“ der
    Seele (S. 11), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und An-
    schauen geübt wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den
    Traum mit der Beurteilung der angeblich höchsten psychischen
    Funktion, der des Bewußtseins. Da wir vom Traum nur durchs
    Bewußtsein etwas wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel
    sein; doch meint Spitta, es sei im Traum nur das Bewußtsein
    erhalten, nicht auch das Selbstbewußtsein. Delboeuf gesteht ein,
    daß er diese Unterscheidung nicht zu begreifen vermag.
    Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver-
    knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herrschaft
    kommt im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell
    (S. 70): „Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es
    scheint, nach den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer
    Reize mit solchen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Reflexion
    und Verstand, ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas
    dabei vermögen.“ Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere,
    stellen sich die Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die
    Summe der im Schlaf einwirkenden Sensationsreize aus den ver-
    schiedenen, an anderer Stelle angeführten Quellen wecken in der
    Seele zunächst eine Anzahl von Vorstellungen, die sich als Hal-
    luzinationen (nach Wundt richtiger Illusionen wegen ihrer Ab-
    kunft von den äußeren und inneren Reizen) darstellen. Diese
    verknüpfen sich untereinander nach den bekannten Assoziations-
    gesetzen und rufen ihrerseits nach denselben Regeln eine neue
    Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. Das ganze Material wird
    dann vom noch tätigen Rest der ordnenden und denkenden
    Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, verarbeitet (vgl. etwa
    Wundt und Weygandt). Es ist bloß noch nicht gelungen, die
    Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß die Erweckung

  • S.

    64

    der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem oder nach
    jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe.

    Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen,
    welche die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von
    ganz besonderer Art und verschieden von den im wachen
    Denken tätigen sind. So sagt Volkelt (S. 15): „Im Traume jagen
    und haschen sich die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten
    und kaum wahrnehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind
    von solchen nachlässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen.“
    Maury legt auf diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der
    ihm gestattet, das Traumleben in engere Analogie mit gewissen
    Geistesstörungen zu bringen, den größten Wert. Er anerkennt
    zwei Hauptcharaktere des „délire“: 1) une action spontanée et
    comme automatique de l’esprit; 2) une association vicieuse et
    irrégulière des idées (Le sommeil, p. 126). Von Maury selbst
    rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her, in denen der
    bloße Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traumvor-
    stellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt
    (pélerinage) nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand
    er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser
    gab ihm nach einem Gespräch eine Schaufel (pelle) von Zink,
    und diese wurde in einem darauffolgenden Traumstück sein
    großes Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal ging er im Traum
    auf der Landstraße und las auf den Meilensteinen die Kilometer
    ab, darauf befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der eine große
    Wage hatte, und ein Mann legte Kilogewichte auf die Wag-
    schale, um Maury abzuwägen; dann sagte ihm der Gewürzkrämer:
    „Sie sind nicht in Paris, sondern auf der Insel Gilolo.“ Es folgten
    darauf mehrere Bilder, in welchen er die Blume Lobelia sah, dann
    den General Lopez, von dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte;
    endlich erwachte er, eine Partie Lotto spielend. [E 16]

    Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung
    der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch

  • S.

    65

    von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch
    hier schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der
    Herabsetzer des Traumlebens versichert (Spitta, S. 118), daß
    dieselben psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen,
    auch den Traum regieren, oder wenn ein anderer (Dugas) aus-
    spricht „le rêve n’est pas déraison ni même irraison pure“, solange
    beide sich nicht die Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von
    ihnen beschriebenen psychischen Anarchie und Auflösung aller
    Funktionen im Traum in Einklang zu bringen. Aber anderen
    scheint die Möglichkeit gedämmert zu haben, daß der Wahnsinn
    des Traumes vielleicht doch nicht ohne Methode sei, vielleicht
    nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, auf dessen Wahnsinn
    sich das hier zitierte, einsichtsvolle Urteil bezieht. Diese Autoren
    müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu urteilen, oder
    der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein anderer.

    So würdigt Havelock Ellis den Traum, ohne bei seiner
    scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaic world
    of vast emotions and imperfect thoughts“, deren Studium uns
    primitive Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren
    könnte [E 17]. Ein Denker wie Delboeuf behauptet – freilich ohne
    den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und
    darum eigentlich mit Unrecht:

    „Dans le sommeil, hormis la per-
    ception, toutes les facultés de l’esprit intelligence, imagination,
    mémoire, volonté, moralité, restent intactes dans leur essence;
    seulement, elles s’appliquent à des objets imaginaires et mobiles.
    Le songeur est un acteur qui joue à volonté les fous et les
    sages, les bourreaux et les victimes, les nains et les géants, les
    démons et les anges.“ (p. 222).

    Am energischesten scheint die
    Herabsetzung der psychischen Leistung im Traum der Marquis
    d’Hervey bestritten zu haben, gegen den Maury lebhaft polemi-
    siert, und dessen Schrift ich mir trotz aller Bemühung nicht ver-
    schaffen konnte. Maury sagt über ihn (Le sommeil, p. 19):
    „M. le Marquis d’Hervey prête à l’intelligence durant le sommeil,

  • S.

    66

    toute sa liberté d’action et d’attention et il ne semble faire con-
    sister le sommeil que dans l’occlusion des sens, dans leur ferme-
    ture au Monde extérieur; en sorte que l’homme qui dort ne se
    distingue guère, selon sa manière de voir, de l’homme qui laisse
    vaguer sa pensée en se bouchant les sens; toute la différence qui
    sépare alors la pensée ordinaire de celle du dormeur c’est que,
    chez celui-ci, l’idée prend une forme visible, objective et ressemble,
    à s’y méprendre, à la sensation déterminée par les objets extérieurs;
    le souvenir revet l’apparence du fait présent.“

    Maury fügt aber hinzu: „qu’il y a une différence de plus et
    capitale à savoir que les facultés intellectuelles de l’homme endormi
    n’offrent pas l’équilibre qu’elles gardent chez l’homme éveillé.“ [E 18]

    Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt
    hat in der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der
    tiefsten Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt
    haben, durch die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes
    bis zur Überschätzung, die den Traum weit über die Leistungen
    des Wachlebens stellt. Hildebrandt, der, wie wir wissen, in
    drei Antinomien die psychologische Charakteristik des Traumlebens
    entwirft, faßt im dritten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser
    Reihe zusammen (S. 19): „Es ist der zwischen einer Steigerung,
    einer nicht selten bis zur Virtuosität sich erhebenden Poten-
    zierung, und anderseits einer entschiedenen, oft bis unter das
    Niveau des Menschlichen führenden Herabminderung und
    Schwächung des Seelenlebens.“

    „Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Er-
    fahrung bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traum-
    genius bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine
    Zartheit der Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Fein-
    heit der Beobachtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zutage
    tritt, wie wir solches alles als konstantes Eigentum während des
    wachen Lebens zu besitzen bescheidenlich in Abrede stellen
    würden? Der Traum hat eine wunderbare Poesie, eine treffliche

  • S.

    67

    Allegorie, einen unvergleichlichen Humor, eine köstliche Ironie.
    Er schauet die Welt in einem eigentümlich idealisierenden Lichte,
    und potenziert den Effekt ihrer Erscheinungen oft im sinnigsten
    Verständnisse des ihnen zum Grunde liegenden Wesens. Er stellt
    uns das irdisch Schöne in wahrhaft himmlischem Glanze, das
    Erhabene in höchster Majestät, das erfahrungsgemäß Furchtbare
    in der grauenvollsten Gestalt, das Lächerliche mit unbeschreiblich
    drastischer Komik vor Augen; und bisweilen sind wir nach dem
    Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch so voll, daß es uns
    vorkommen will, dergleichen habe die wirkliche Welt uns noch
    nie und niemals geboten.“

    Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem
    jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte An-
    preisung gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die
    anderen die tiefsinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn
    beiderlei vorkommt, Träume, die solche und die jene Beurteilung
    verdienen, scheint es da nicht müßig, nach einer psychologi-
    schen Charakteristik des Traumes zu suchen, genügt es nicht zu
    sagen, im Traume sei alles möglich, von der tiefsten Herab-
    setzung des Seelenlebens bis zu einer im Wachen ungewohnten
    Steigerung desselben? So bequem diese Lösung wäre, sie hat
    dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen aller Traumforscher
    die Voraussetzung zugrunde zu liegen scheint, es gäbe eine
    solche, in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakte-
    ristik des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen
    müßte.

    Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes
    bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener,
    jetzt hinter uns liegenden, intellektuellen Periode, da die Philo-
    sophie und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister be-
    herrschte. Aussprüche, wie die von Schubert, daß der Traum
    eine Befreiung des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur
    sei, eine Loslösung der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit,

  • S.

    68

    und ähnliche Urteile von dem jüngeren Fichte1) u. a., welche
    sämtlich den Traum als einen Aufschwung des Seelenlebens zu
    einer höheren Stufe darstellen, erscheinen uns heute kaum be-
    greiflich; sie werden in der Gegenwart auch nur bei Mystikern
    und Frömmlern wiederholt. [E 19] Mit dem Eindringen naturwissen-
    schaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der Würdigung des
    Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Autoren sind am
    ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume für gering-
    fügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und nicht
    zünftige Beobachter – Amateurpsychologen, – deren Beiträge
    gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im
    besseren Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an
    dem psychischen Wert der Träume festgehalten haben. Wer zur
    Geringschätzung der psychischen Leistung im Traume neigt, der
    bevorzugt begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen
    Reizquellen; für den, welcher der träumenden Seele den größeren
    Teil ihrer Fähigkeiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich
    jedes Motiv, ihr nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen
    zuzugestehen.

    Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner
    Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben,
    ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be-
    weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt.
    Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des
    Traumlebens, daß es sich souverän über Zeit- und Ortsent-
    fernungen hinwegzusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine
    Illusion zu erkennen. Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt be-
    merkt, eben ein illusorischer Vorzug; das Träumen setzt sich über
    Zeit und Raum nicht anders hinweg als das wache Denken, und
    eben weil es nur eine Form des Denkens ist. Der Traum sollte
    sich in bezug auf die Zeitlichkeit noch eines anderen Vorzuges
    erfreuen, noch in anderem Sinne vom Ablauf der Zeit unabhängig
     


    1)Vgl. Haffner und Spitta.

  • S.

    69

    sein. Träume, wie der oben S. 29 mitgeteilte Maurys von seiner
    Hinrichtung durch die Guillotine, scheinen zu beweisen, daß der
    Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit mehr Wahrnehmungs-
    inhalt zu drängen vermag, als unsere psychische Tätigkeit im
    Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung ist indes
    mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den Auf-
    sätzen von Le Lorrain und Egger „über die scheinbare Dauer
    der Träume“ hat sich hierüber eine interessante Diskussion an-
    gesponnen, welche in dieser heikeln und tiefreichenden Frage
    wahrscheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat. [E 20]

    Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzu-
    nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu
    bringen vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern
    und Komponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann,
    scheint nach vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix
    angestellten Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch
    nicht die Tatsache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen,
    ans Prinzipielle streifenden Zweifeln. [E 21]

    Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes
    ein Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit
    hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man
    vermeidet es – und wohl mit Recht, – alles Tatsächliche an
    diesem Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die
    Möglichkeit einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht
    nahe bevorsteht.

    F

    Die ethischen Gefühle im Traume

    Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen
    Untersuchungen über den Traum verständlich werden können,
    habe ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teil-
    problem abgesondert, ob und inwieweit die moralischen Dis-
    positionen und Empfindungen des Wachens sich ins Traumleben

  • S.

    70

    erstrecken. Der nämliche Widerspruch in der Darstellung der
    Autoren, den wir für alle anderen seelischen Leistungen mit
    Befremden bemerken mußten, macht uns auch hier betroffen.
    Die einen versichern mit ebensolcher Entschiedenheit, daß der
    Traum von den sittlichen Anforderungen nichts weiß, wie die
    andern, daß die moralische Natur des Menschen auch fürs Traum-
    leben erhalten bleibt.

    Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die
    Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu er-
    heben. Jessen sagt (S. 553): „Auch besser und tugendhafter wird
    man nicht im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den
    Träumen zu schweigen, indem man kein Mitleid empfindet und
    die schwersten Verbrechen, Diebstahl, Mord und Totschlag mit
    völliger Gleichgültigkeit und ohne nachfolgende Reue verüben
    kann.“

    Radestock (S. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die Asso-
    ziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden,
    ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sitt-
    liches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach
    und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor.“

    Volkelt (S. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder
    weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der
    Träumende selbst aufs äußerste schamlos und jedes sittlichen
    Gefühls und Urteils verlustig ist, so sieht er auch alle anderen
    und selbst die verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die
    er im Wachen auch nur in Gedanken mit ihnen zusammen-
    zubringen sich scheuen würde.“

    Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die
    von Schopenhauer, daß jeder im Traum in vollster Gemäßheit
    seines Charakters handelt und redet. R. Ph. Fischer1 behauptet,
    daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen, oder Affekte und


    1)Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach Spitta.)

  • S.

    71

    Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren,
    daß die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren
    Träumen sich spiegeln.

    Haffner (S. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, . . . wird
    ein tugendhafter Mensch auch im Traum tugendhaft sein; er
    wird den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem
    Zorn und allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde
    aber wird auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder
    finden, die er im Wachen vor sich hatte.“

    Scholz (S. 36): „Im Traum ist Wahrheit, trotz aller Mas-
    kierung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes
    Selbst wieder . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume
    kein entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der
    Fall ist, so entsetzt er sich darüber, als über etwas seiner Natur
    Fremdes. Der römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hin-
    richten ließ, weil diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser
    den Kopf abschlagen lassen, hatte darum so Unrecht nicht, wenn
    er dies damit rechtfertigte, daß, wer so träume, auch ähnliche
    Gedanken im Wachen haben müsse. Von etwas, das in unserem
    Innern keinen Raum haben kann, sagen wir deshalb auch be-
    zeichnenderweise: Es fällt mir auch im Traum nicht ein.“ [E 22]

    Paff1) sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich-
    wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume, und ich will
    dir sagen, wie es um dein Inneres steht.“

    Die kleine Schrift von Hildebrandt, der ich bereits so zahl-
    reiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und ge-
    dankenreichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den
    ich in der Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der
    Sittlichkeit im Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch
    für Hildebrandt steht es als Regel fest: Je reiner das Leben,
    desto reiner der Traum; je unreiner jenes, desto unreiner dieser.


    1)Das Traumleben und seine Deutung. 1868 (bei Spitta, S. 192).

  • S.

    72

    Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be-
    stehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungs-
    fehler, keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein
    noch so scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch
    nur verdächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen
    Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend
    und Laster nie verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage
    mit uns geht, in den Schlummerstunden weichen mag –
    Kants kategorischer Imperativ hat sich als untrennbarer Be-
    gleiter so an unsere Fersen geheftet, daß wir ihn auch schlafend
    nicht los werden ... Erklären aber läßt sich (diese Tatsache)
    eben nur daraus, daß das Fundamentale der Menschennatur, das
    sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an der Wirkung der
    kaleidoskopischen Durchschüttelung Teil zu nehmen, welcher
    Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten gleichen
    Ranges im Traume unterliegen.“ (S. 45 u. ff.)

    In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk-
    würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen
    von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die-
    jenigen, welche meinen, im Traum zerfalle die sittliche Per-
    sönlichkeit des Menschen, das Interesse an den unmoralischen
    Träumen mit dieser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Ver-
    such, den Träumer für seine Träume verantwortlich zu machen,
    aus der Schlechtigkeit seiner Träume auf eine böse Regung in seiner
    Natur zu schließen, mit derselben Ruhe ablehnen wie den an-
    scheinend gleichwertigen Versuch, aus der Absurdität seiner Träume
    die Wertlosigkeit seiner intellektuellen Leistungen im Wachen zu
    erweisen. Die anderen, für die sich „der kategorische Imperativ“
    auch in den Traum erstreckt, hätten die Verantwortlichkeit für un-
    moralische Träume ohne Einschränkung anzunehmen; es wäre
    ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume von solch verwerf-
    licher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen Wertschätzung
    der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten.

  • S.

    73

    Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht
    sicher weiß, inwieweit er gut oder böse ist, und daß niemand
    die Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann.
    Denn über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traum-
    moralität hinweg zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen
    Bemühungen, die Herkunft der unsittlichen Träume aufzuklären,
    und es entwickelt sich ein neuer Gegensatz, je nachdem deren
    Ursprung in den Funktionen des psychischen Lebens oder in
    somatisch bedingten Beeinträchtigungen desselben gesucht wird.
    Die zwingende Gewalt der Tatsächlichkeit läßt dann Vertreter
    der Verantwortlichkeit wie der Unverantwortlichkeit des Traum-
    lebens in der Anerkennung einer besonderen psychischen Quelle
    für die Immoralität der Träume zusammentreffen.

    Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen,
    hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre
    Träume zu übernehmen. Haffner sagt (S. 24): „Wir sind für
    Träume nicht verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen
    die Basis entrückt ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit
    und Wirklichkeit hat1). Es kann eben darum kein Traum-
    wollen und Traumhandeln Tugend oder Sünde sein.“ Doch ist
    der Mensch für den sündhaften Traum verantwortlich, sofern er
    ihn indirekt verursacht. Es erwächst für ihn die Pflicht, wie im
    Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafengehen seine Seele
    sittlich zu reinigen.

    Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung
    und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen
    Inhalt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt,
    daß die dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zu-
    sammendrängung der kompliziertesten Überlegungsvorgänge in
    das kleinste Zeiträumchen, und die auch von ihm zugestandene
    Entwertung und Vermengung der Vorstellungselemente im Traume
    gegen den unsittlichen Anschein der Träume in Abzug gebracht
    werden muß, gesteht er, daß es doch den ernstesten Bedenken
     

  • S.

    74

    unterliege, alle Verantwortung für Traumsünden und Schulden
    schlechthin zu leugnen.

    (S. 49): „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, nament-
    lich eine solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen
    bezieht, recht entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen
    wir wohl die Redensart: Das sei uns nicht im Traume einge-
    fallen. Damit sprechen wir allerdings einerseits aus, daß wir das
    Traumgebiet für das fernste und letzte halten, auf welchem wir
    für unsere Gedanken einzustehen hätten, weil dort diese Ge-
    danken mit unserem wirklichen Wesen nur so lose und locker
    zusammenhängen, daß sie kaum noch als die unsrigen betrachtet
    werden dürfen; aber indem wir eben auch auf diesem Gebiete
    das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich zu leugnen uns
    veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit zugleich zu,
    daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde, wenn
    sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden hier,
    wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit.“

    (S. 52) „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren
    erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher
    durch die Seele des Wachenden gezogen wäre.“ Von dieser ersten
    Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht – er
    bildete es nur nach und spann’s nur aus, er bearbeitete nur ein
    Quentlein historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte,
    in dramatischer Form; er setzte das Wort des Apostels in Szene:
    Wer seinen Bruder haßt, der ist ein Totschläger. Und während
    man das ganze, breit ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes
    nach dem Erwachen, seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln
    kann, so will jener ursprüngliche Bildungsstoff sich doch keine
    lächerliche Seite abgewinnen lassen. Man fühlt sich für die Ver-
    irrungen des Träumenden verantwortlich, nicht für die ganze
    Summe, aber doch für einen gewissen Prozentsatz. „Kurz, ver-
    stehen wir in diesem schwer anzufechtenden Sinne das Wort
    Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken – dann

  • S.

    75

    können wir auch kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede
    im Traum begangene Sünde ein dunkles Minimum wenigstens
    von Schuld mit sich führe.“

    In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als
    Versuchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet
    also Hildebrandt die Quelle für die Immoralität der Träume,
    und er steht nicht an, diese immoralischen Elemente bei der
    sittlichen Wertschätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind
    dieselben Gedanken und die nämliche Schätzung derselben, welche,
    wie wir wissen, die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten
    klagen ließ, sie seien arge Sünder. [E 23]

    An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastierenden
    Vorstellungen – bei den meisten Menschen und auch auf
    anderem als ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel.
    Die Beurteilung derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte
    gewesen. Bei Spitta findet sich folgende hieher gehörige Äußerung
    von A. Zeller (Artikel „Irre“ in der allgemeinen Enzyklopädie
    der Wissenschaften von Ersch und Gruber) zitiert (S. 144): „So
    glücklich ist selten ein Geist organisiert, daß er zu allen Zeiten
    volle Macht besäße und nicht immer wieder nicht allein un-
    wesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte und widersinnige
    Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Gedanken unter-
    brächen, ja die größten Denker haben sich über dieses traum-
    artige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu
    beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre
    heiligste und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.“

    Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser
    Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt,
    daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres
    Wesens blicken lasse, die uns im Zustande des Wachens meist
    verschlossen bleiben (S. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an
    einer Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei
    wohl dazu da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken

  • S.

    76

    und uns zu offenbaren, nicht was wir sind,
    sondern was wir hätten werden können, wenn wir eine andere Erziehung gehabt
    hätten; Radestock (S. 84) mit den Worten, daß der Traum
    uns oft nur offenbart, was wir uns nicht gestehen wollen, und
    daß wir ihn darum mit Unrecht einen Lügner und Betrüger
    schelten. [E 24] Wir werden aufmerksam gemacht, daß das Auftauchen
    dieser, unserem sittlichen Bewußtsein fremden Antriebe nur analog
    ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des Traumes über
    anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen fehlt oder
    darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen, wie die
    von Benini: „Certe nostre inclinazioni che si credevano soffocate
    e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e sepolte
    rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono
    dinanzi“ (p. 149), und von Volkelt: „Auch Vorstellungen, die
    in das wache Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und
    von ihm vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden,
    pflegen sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele
    kund zu tun“ (S. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu
    erinnern, daß nach Schleiermacher schon das Einschlafen vom
    Hervortreten ungewollter Vorstellungen (Bilder) begleitet war.

    Als „ungewollte Vorstellungen“ dürfen wir nun dies ganze
    Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den
    unmoralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden
    erregt. Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die unge-
    wollten Vorstellungen auf sittlichem Gebiet den Gegensatz zu
    unserem sonstigen Empfinden erkennen lassen, während die
    anderen uns bloß fremdartig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt
    geschehen, der uns ermöglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer
    gehende Erkenntnis aufzuheben.

    Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor-
    stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der
    wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem
    nächtlichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ab-

  • S.

    77


    leiten? Hier ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine aber-
    mals verschiedene Gruppierung der Autoren zu verzeichnen. Den
    Gedankengang von Hildebrandt und anderen Vertretern seiner
    Grundansicht kann man wohl nicht anderswohin fortsetzen, als
    daß den unmoralischen Regungen auch im Wachen eine gewisse
    Macht innewohne, die zwar gehemmt ist, bis zur Tat vorzu-
    dringen, und daß im Schlaf etwas wegfalle, was, gleichfalls wie
    eine Hemmung wirksam, uns gehindert habe, die Existenz dieser
    Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so das wirkliche, wenn
    auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und gehörte zu den
    Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kenntnis zu-
    gänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her kann
    Hildebrandt dem Traum die Rolle eines Warners zuweisen,
    der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerk-
    sam macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher
    unbemerkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann.
    Und auch Spitta kann von keiner anderen Auffassung geleitet
    sein, wenn er auf die Erregungsquellen hinweist, die z. B. zur
    Zeit der Pubertät der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet,
    er habe alles getan, was in seinen Kräften steht, wenn er im
    Wachen einen streng tugendhaften Lebenswandel geführt und
    sich bemüht, die sündigen Gedanken, so oft sie kommen, zu
    unterdrücken, sie nicht reifen und zur Tat werden zu lassen.
    Nach dieser Auffassung könnten wir die „ungewollten“ Vor-
    stellungen als die während des Tages „unterdrückten“ be-
    zeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes psychisches
    Phänomen erblicken.

    Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer
    Folgerung. Für Jessen stellen die ungewollten Vorstellungen im
    Traume wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien
    „den Charakter einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkeit und
    eines gewissermaßen mechanischen Prozesses von Bildern
    und Vorstellungen durch innere Bewegungen dar“ (S. 360). Ein

  • S.

    78

    unmoralischer Traum beweise weiter nichts für das Seelen-
    leben des Träumers, als daß dieser von dem betreffenden Vorstellungs-
    inhalt irgendwie einmal Kenntnis gewonnen habe, gewiß nicht
    eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem anderen Autor, Maury,
    könnte man in Zweifel geraten, ob auch nicht er dem Traum-
    zustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische Tätigkeit nach ihren
    Komponenten zu zerlegen, anstatt sie planlos zu zerstören. Er
    sagt von den Träumen, in denen man sich über die Schranken
    der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants qui parlent et qui
    nous font agir, sans que la conscience nous retienne, bien que
    parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants
    vicieux; à l’état de veille, je tâche de lutter contre eux, et il
    m’arrive assez souvent de n’y pas succomber. Mais dans mes
    songes j’y succombe toujours ou pour mieux dire j’agis par leur
    impulsion, sans crainte et sans remords ... Evidemment les visions
    qui se déroulent devant ma pensée et qui constituent le rêve, me
    sont suggérées par les incitations que je ressens et que ma volonté
    absente ne cherche pas à refouler.“ (Le sommeil, p. 113.)

    Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich
    vorhandene aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Dis-
    position des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser
    Meinung schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten
    Maurys (p. 115): „En rêve l’homme se révèle donc tout entier
    à soi-même dans sa nudité et sa misère natives. Dès qu’il suspend
    l’exercice de sa volonté, il devient le jouet de toutes les passions
    contre lesquelles, à l’état de veille la conscience, le sentiment
    d’honneur, la crainte nous défendent.“ An anderer Stelle findet er
    das treffende Wort: (p. 462) „Dans le rêve, c’est surtout l’homme
    instinctif qui se révèle ... L’homme revient pour ainsi dire à
    l’état de nature quand il rêve; mais moins les idées acquises ont
    pénétré dans son esprit, plus les penchants en désaccord avec
    elles conservent encore sur lui d’influence dans le rêve.“ Er führt
    dann als Beispiel an, daß seine Träume ihn nicht selten als

  • S.

    79

    Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen Schriften
    am heftigsten bekämpft hat.

    Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine
    psychologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury
    dadurch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beob-
    achteten Phänomenen nichts als Beweise für den automatisme
    psychologique sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht.
    Diesen Automatismus faßt er als vollen Gegensatz zur psychischen
    Tätigkeit.

    Eine Stelle in den „Studien über das Bewußtsein“ von Stricker
    lautet: „Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen;
    wenn man sich z. B. im Traum vor Räubern fürchtet, so sind
    die Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real.“ So wird man
    darauf aufmerksam gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume
    die Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Traum-
    inhalt schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was
    an den psychischen Vorgängen im Traum real sein mag, das
    heißt einen Anspruch auf Einreihung unter die psychischen Vor-
    gänge des Wachens beanspruchen darf?

    G

    Traumtheorien und Funktion des Traumes

    Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der
    beobachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus
    zu erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes
    zu einem umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man
    eine Traumtheorie heißen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien
    werden sich darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter
    des Traumes zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Be-
    ziehungen an ihn anknüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein
    Nutzen oder eine sonstige Leistung des Traumes, wird nicht
    notwendig aus der Theorie ableitbar sein müssen, aber unsere

  • S.

    80

    auf die Teleologie gewohnheitsgemäß gerichtete Erwartung wird
    doch jenen Theorien entgegenkommen, die mit der Einsicht in
    eine Funktion des Traumes verbunden sind.

    Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen
    gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne
    mehr oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der
    Traum eine Sendung der Götter sei, um die Handlungen der
    Menschen zu lenken, war eine vollständige Theorie des Traumes,
    die über alles am Traum Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem
    der Traum ein Gegenstand der biologischen Forschung geworden
    ist, kennen wir eine größere Anzahl von Traumtheorien, aber
    darunter auch manche recht unvollständige.

    Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa fol-
    gende lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach
    der zugrunde gelegten Annahme über Maß und Art der psy-
    chischen Tätigkeit im Traum:

    1) Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des
    Wachens sich in den Traum fortsetzen lassen, wie die von
    Delboeuf. Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt,
    aber unter die vom Wachen abweichenden Bedingungen des
    Schlafzustandes gebracht, muß sie bei normalem Funktionieren
    andere Ergebnisse liefern als im Wachen. Bei diesen Theorien
    fragt es sich, ob sie imstande sind, die Unterschiede des Traumes
    von dem Wachdenken sämtlich aus den Bedingungen des Schlaf-
    zustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen ein möglicher Zugang
    zu einer Funktion des Traumes; man sieht nicht ein, wozu man
    träumt, warum der komplizierte Mechanismus des seelischen Appa-
    rates weiter spielt, auch wenn er in Verhältnisse versetzt wird,
    für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen oder, wenn
    störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig zweck-
    mäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des Träumens.

    2) Solche Theorien, welche im Gegenteile für den Traum eine
    Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der

  • S.

    81

    Zusammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material
    annehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere
    psychologische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als
    etwa nach Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die
    Seele, er besteht nicht bloß in einer Absperrung der Seele von
    der Außenwelt, er dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein
    und macht ihn zeitweilig unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich
    mit psychiatrischem Material heranziehen darf, so möchte ich
    sagen, die ersteren Theorien konstruieren den Traum wie eine
    Paranoia, die zweiterwähnten machen ihn zum Vorbilde des
    Schwachsinns oder einer Amentia.

    Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch
    den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme,
    ist die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen
    Welt überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse
    für Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die
    herrschende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzu-
    heben, mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste
    Klippe jeder Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem

  • S.

    82

    stoffe und immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem
    rastlos treibenden Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten
    schon einzelne Zellenhaufen wach geworden hervor, während
    ringsumher noch alles in Erstarrung ruht. Es tritt nun die
    isolierte Arbeit der Einzelgruppen vor unser umnebeltes
    Bewußtsein, und zu ihr fehlt die Kontrolle anderer, der Assozia-
    tion vorstehender Gehirnteile. Darum fügen die geschaffenen Bilder,
    welche meist den materiellen Eindrücken naheliegender Ver-
    gangenheit entsprechen, sich wild und regellos aneinander. Immer
    größer wird die Zahl der freiwerdenden Gehirnzellen, immer
    geringer die Unvernunft des Traumes.“

    Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollständigen,
    partiellen Wachens, oder Spuren von ihrem Einflusse, sicherlich
    bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am
    ausführlichsten ist sie bei Maury dargestellt. Dort hat es oft den
    Anschein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Einge-
    schlafensein nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei
    ihm allerdings eine anatomische Provinz und eine bestimmte
    psychische Funktion aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte
    hier aber nur andeuten, daß, wenn die Theorie des partiellen
    Wachens sich bestätigte, über den feineren Ausbau derselben sehr
    viel zu verhandeln wäre.

    Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung
    des Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird
    das Urteil über die Stellung und Bedeutung des Traumes
    konsequenterweise durch die Äußerung von Binz gegeben (S. 357):
    „Alle Tatsachen, wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als
    einen körperlichen, in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen
    geradezu krankhaften Vorgang zu kennzeichnen . . .“

    Der Ausdruck „körperlich“ mit Beziehung auf den Traum,
    der seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl
    nach mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die
    Traumätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die

  • S.

    83

    experimentelle Erzeugung von Träumen durch Darreichung von
    Giften studierte. Es liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art
    von Traumtheorien, die Anregung zum Träumen womöglich aus-
    schließlich von somatischer Seite ausgehen zu lassen. In extremster
    Form dargestellt, lautete es so: Nachdem wir durch Entfernung
    der Reize uns in Schlaf versetzt haben, wäre zum Träumen
    kein Bedürfnis und kein Anlaß bis zum Morgen, wo das all-
    mähliche Erwachen durch die neu anlangenden Reize sich in dem
    Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun gelingt es aber
    nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es kommen, ähnlich wie
    Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her Reize an
    den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den
    Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie ge-
    kümmert hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem,
    bald an jenem Zipfelchen wach gerüttelt und funktioniert dann
    ein Weilchen mit dem geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen.
    Der Traum ist die Reaktion auf die durch den Reiz verursachte
    Schlafstörung, übrigens eine rein überflüssige Reaktion.

    Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelen-
    organs bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat
    aber auch noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines
    psychischen Vorganges, die damit dem Traume abgesprochen
    werden soll. Das in seiner Anwendung auf den Traum bereits
    sehr alte Gleichnis von den „zehn Fingern eines der Musik ganz
    unkundigen Menschen, die über die Tasten des Instrumentes hin-
    laufen“ veranschaulicht vielleicht am besten, welche Würdigung
    die Traumleistung bei den Vertretern der exakten Wissenschaft
    zumeist gefunden hat. Der Traum wird in dieser Auffassung
    etwas ganz und gar Undeutbares; denn wie sollten die zehn Finger
    des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik produzieren können?

    Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzei-
    tig nicht an Einwänden gefehlt. Burdach meinte 1830: „Wenn man
    sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich

  • S.

    84

    weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts
    anderes gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig
    sind, während andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet
    während des ganzen Lebens statt ...“ (S. 483.)

    An die herrschende Traumtheorie, welche im Traum einen
    „körperlichen“ Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante
    Auffassung des Traumes an, die erst 1886 von Robert ausge-
    sprochen wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das
    Träumen eine Funktion, einen nützlichen Erfolg, anzugeben weiß.
    Robert nimmt zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen
    der Beobachtung, bei denen wir bereits in der Würdigung des
    Traummaterials verweilt haben (vgl. S. 11), nämlich daß man
    so häufig von den nebensächlichsten Eindrücken des Tages träumt,
    und daß man so selten die großen Interessen des Tages mit
    hinübernimmt. Robert behauptet als ausschließlich richtig: Es
    werden nie Dinge, die man voll ausgedacht hat, zu Traum-
    erregern, immer nur solche, die einem unfertig im Sinne liegen,
    oder den Geist flüchtig streifen (S. 10). – „Darum kann man
    meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen des
    selben eben die nicht zum genügenden Erkennen des
    Träumenden gekommenen Sinneseindrücke des ver-
    flossenen Tages sind.“ Die Bedingung, daß ein Eindruck in den
    Traum gelange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner
    Verarbeitung gestört wurde, oder daß er als allzu unbedeutend
    auf solche Verarbeitung keinen Anspruch hatte.

    Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher
    Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung
    zum Erkennen gelangt“. Träume sind Ausscheidungen von
    im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die
    Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit
    geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse un-
    fertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke an-
    sammeln würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte,

  • S.

    85

    was dem Gedächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.“
    Der Traum leistet dem überbürdetem Gehirn die Dienste eines
    Sicherheitsventils. Die Träume haben heilende, entlastende
    Kraft. (S. 32.)

    Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu
    richten, wie denn durch das Vorstellen im Traum eine Entlastung der
    Seele herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar
    aus jenen beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterales, daß
    während des Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Ein-
    drücken irgendwie als somatischer Vorgang vollzogen werde,
    und das Träumen sei kein besonderer psychischer Prozeß, sondern
    nur die Kunde, die wir von jener Aussonderung erhalten. Übrigens
    ist eine Ausscheidung nicht das einzige, was nachts in der Seele
    vorgeht. Robert fügt selbst hinzu, daß überdies die Anregungen
    des Tages ausgearbeitet werden und, „was sich von dem unver-
    daut im Geiste liegenden Gedankenstoff nicht ausscheiden läßt,
    wird durch der Phantasie entlehnte Gedankenfäden zu
    einem abgerundeten Ganzen verbunden und so dem Ge-
    dächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht“. (S. 23.)

    In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt
    die Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während
    dort überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren
    und inneren Sensationsreize die Seele immer wieder weckten,
    liegt der Antrieb zum Träumen nach der Theorie Roberts in
    der Seele selbst, in ihrer Überladung, die nach Entlastung verlangt,
    und Robert urteilt vollkommen konsequent, daß die im körper-
    lichen Befinden liegenden traumbedingenden Ursachen einen unter-
    geordneten Raum einnehmen, und einen Geist, in dem kein dem
    wachen Bewußtsein entnommener Stoff zur Traumbildung wäre,
    keinesfalls zum Träumen veranlassen könnten. Zugegeben sei bloß,
    daß die im Traume aus den Tiefen der Seele heraus sich ent-
    wickelnden Phantasiebilder durch die Nervenreize beeinflußt
    werden können. (S. 48.) So ist der Traum nach Robert doch

  • S.

    86

    nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar kein
    psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen
    Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer
    Vorgang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine Funktion
    zu erfüllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten, oder
    wenn man das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.

    Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus-
    wahl des Traummateriales deutlich werden, stützt ein anderer
    Autor, Yves Delage, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich
    zu beobachten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung
    derselben Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite
    gewonnen wird.

    Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person
    durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von
    dem nicht träumt, was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat,
    oder erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen
    beginnt. Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten
    ihm die Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemer-
    kung dieser Art, wenn sie sich als allgemein richtig heraus-
    stellte, macht Delage über das Träumen junger Eheleute: „S’ils
    ont été fortement épris, presque jamais ils n’ont rêvé l’un de
    l’autre avant le mariage ou pendant la lune de miel; et s’ils ont
    rêvé d’amour c’est pour être infidèles avec quelque personne in-
    différente ou odieuse.“ Wovon träumt man nun aber? Delage
    erkennt das in unseren Träumen vorkommende Material als
    bestehend aus Bruchstücken und Resten von Eindrücken der
    letzten Tage und früherer Zeiten. Alles, was in unseren Träumen
    auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als Schöpfung des Traum-
    lebens anzusehen, erweist sich bei genauerer Prüfung als uner-
    kannte Reproduktion, als „souvenir inconscient“. Aber dieses
    Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt
    von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker be-
    troffen haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerk-

  • S.

    87

    samkeit sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde.
    Je weniger bewußt und dabei je stärker ein Eindruck gewesen
    ist, desto mehr Aussicht hat er, im nächsten Traum eine Rolle
    zu spielen.

    Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein-
    drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert
    hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders,
    indem er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleich-
    gültig sind, traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch
    die nebensächlichen Eindrücke sind gewissermaßen nicht voll
    erledigt worden, auch sie sind ihrer Natur nach als neue Ein-
    drücke „autaut de ressorts tendus“, die sich während des Schlafes
    entspannen werden. Noch mehr Anrecht auf eine Rolle im Traum
    als der schwache und fast unbeachtete Eindruck wird ein starker
    Eindruck haben, der zufällig in seiner Verarbeitung aufgehalten
    wurde oder mit Absicht zurückgedrängt worden ist. Die tagsüber
    durch Hemmung und Unterdrückung aufgespeicherte psychische
    Energie wird nachts die Triebfeder des Traumes. Im Traum
    kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein. [E 25]

    Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle
    ab; er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traum
    nur die geringste Rolle einräumen, und so schließt er sich mit
    seiner Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre
    vom partiellen Schlafen des Gehirns an:

    „En somme le rêve est
    le produit de la pensée errante, sans but et sans direction, se fixant
    successivement sur les souvenirs, qui ont gardé assez d’intensité
    pour se placer sur sa route et l’arrêter au passage, établissant
    entre eux un lien tantôt faible et indécis, tantôt plus fort et plus
    serré, selon que l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins
    abolie par le sommeil.“

    3.) Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes
    vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und
    Neigung zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die

  • S.

    88

    sie im Wachen entweder gar nicht oder nur in unvollkommener
    Weise ausführen kann. Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten
    ergibt sich zumeist eine nützliche Funktion des Traumes. Die
    Wertschätzungen, welche der Traum bei älteren psychologischen
    Autoren gefunden hat, gehören meist in diese Reihe. Ich will
    mich aber damit begnügen, an deren Statt die Äußerung von
    Burdach anzuführen, derzufolge der Traum „die Naturtätigkeit
    der Seele ist, welche nicht durch die Macht der Individualität
    beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört, nicht durch
    Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem Spiele
    sich ergehende Lebendigkeit der sensibeln Zentralpunkte ist“
    (S. 486).

    Dieses Schwelgen im freien Gebrauch der eigenen Kräfte stellen
    sich Burdach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem
    die Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sam-
    melt, also etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach zitiert
    und akzeptiert darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen
    der Dichter Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum
    ist eine Schutzwehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlich-
    keit des Lebens, eine freie Erholung der gebundenen Phantasie,
    wo sie alle Bilder des Lebens durcheinander wirft, und die be-
    ständige Ernsthaftigkeit des erwachsenen Menschen durch ein
    fröhliches Kinderspiel unterbricht; ohne die Träume würden wir
    gewiß früher alt, und so kann man den Traum, wenn auch nicht
    als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine köstliche Auf-
    gabe, als einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt zum
    Grabe betrachten.“

    Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert
    noch eindringlicher Purkinje (S. 456): „Besonders würden die
    produktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte
    Spiele der Imagination, die mit den Tagesgegebenheiten keinen
    Zusammenhang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen
    Lebens nicht fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen er-
    lösen.“

  • S.

    89

    holen. Sie erzeugt zuvörderst denen des Wachens entge-
    gesetzte Zustände. Sie heilt Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoff-
    nungen und heitere zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und
    Freundlichkeit, Furcht durch Mut und Zuversicht; den Zweifel
    beschwichtigt sie durch Überzeugung und festen Glauben, ver-
    gebliche Erwartung durch Erfüllung. Viele wunde Stellen des
    Gemütes, die der Tag immerwährend offen erhalten würde, heilt
    der Schlaf, indem er sie zudeckt und vor neuer Aufregung be-
    wahrt. Darauf beruht zum Teil die schmerzenheilende Wirkung
    der Zeit.“ Wir empfinden es alle, daß der Schlaf eine Wohltat
    für das Seelenleben ist, und die dunkle Ahnung des Volksbe-
    wußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht rauben, daß der
    Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf seine Wohl-
    taten spendet.

    Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus
    einer besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlaf-
    zustande frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner
    1861 unternommene. Das Buch Scherners, in einem schwülen
    und schwülstigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen
    Begeisterung für den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken
    muß, wenn sie nicht mit sich fortzureißen vermag, setzt einer
    Analyse solche Schwierigkeiten entgegen, daß wir bereitwillig nach
    der klareren und kürzeren Darstellung greifen, in welcher der
    Philosoph Volkelt die Lehren Scherners uns vorführt. „Es
    blitzt und leuchtet wohl aus den mystischen Zusammenballungen,
    aus all dem Pracht- und Glanzgewoge ein ahnungsvoller Schein
    von Sinn heraus, allein hell werden hiedurch des Philosophen
    Pfade nicht.“ Solche Beurteilung findet die Darstellung Scherners
    selbst bei seinem Anhänger.

    Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele
    gestatten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzu-
    nehmen. Er führt selbst aus, wie im Traum die Zentralität, die
    Spontanenergie des Ich entnervt wird, wie infolge dieser De-

  • S.

    90

    zentralisation Erkennen, Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert
    werden, und wie den Überbleibseln dieser Seelenkräfte kein
    wahrer Geistcharakter, sondern nur noch die Natur eines Mecha-
    nismus zukommt. Aber dafür schwingt sich im Traum die als
    Phantasie zu benennende Tätigkeit der Seele, frei von aller Ver-
    standesherrschaft und damit der strengen Maße ledig, zur unbe-
    schränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar die letzten Bausteine
    aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt aus ihnen Gebäude
    auf, die von den Gebilden des Wachens himmelweit verschieden
    sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, sondern
    auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem Traum-
    leben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für
    das Ungemessene, Übertriebene, Ungeheuerliche. Zugleich
    aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen Denk-
    kategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungs-
    lust; sie ist auf’s feinste empfindsam für die zarten Stimmungs-
    reize des Gemüts, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort
    das innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein.
    Der Traumphantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen
    will, muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht
    schwächend einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der
    Anschauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich
    sie ist, weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert
    wird die Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abnei-
    gung hat, ein Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken
    und lieber ein fremdes Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige
    Moment des Objekts, an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich
    auszudrücken imstande ist. Das ist die symbolisierende Tätig-
    keit der Phantasie... Sehr wichtig ist ferner, daß die Traum-
    phantasie die Gegenstände nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem
    Umriß und diesen in freiester Weise, nachbildet. Ihre Malereien
    erscheinen daher wie genial hingehaucht. Die Traumphantasie
    bleibt aber nicht bei der bloßen Hinstellung des Gegenstandes

  • S.

    91

    stehen, sondern sie ist innerlich genötigt, das Traum-Ich mehr
    oder weniger mit ihm zu verwickeln und so eine Handlung
    zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt Goldstücke auf
    die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, trägt sie davon.

    Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künst-
    lerische Tätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das
    der, bei Tag so dunkeln, organischen Leibreize (vgl. S. 22), so
    daß in der Annahme der Traumquellen und Traumerreger die
    allzu phantastische Theorie Scherners und die vielleicht über-
    nüchterne Lehre Wundts und anderer Physiologen, die sich
    sonst wie Antipoden zueinander verhalten, sich hier völlig decken.
    Aber während nach der physiologischen Theorie die seelische Re-
    aktion auf die inneren Leibreize mit der Erweckung von irgend
    zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, die dann einige
    andere Vorstellungen auf dem Wege der Assoziation sich zu
    Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die Verfolgung der psy-
    chischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, geben die Leib-
    reize nach Scherner der Seele nur ein Material, das sie ihren
    phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die Traum-
    bildung fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den Blick
    der anderen versiegt.

    Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die
    Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein
    neckendes Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der
    die Reize im betreffenden Traum stammen, in irgendeiner
    plastischen Symbolik vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt
    und andere ihm nicht folgen, daß die Traumphantasie eine be-
    stimmte Lieblingsdarstellung für den ganzen Organismus habe;
    diese wäre das Haus. Sie scheint sich aber zum Glück für ihre
    Darstellungen nicht an diesen Stoff zu binden; sie kann auch
    umgekehrt ganze Reihen von Häusern benützen, um ein einzelnes
    Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange Häuserstraßen für den
    Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne Teile des Hauses

  • S.

    92

    wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im Kopfschmerz-
    traum
    die Decke eines Zimmers (welche der Träumer mit ekelhaf-
    ten
    krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.

    Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere
    Gegenstände zur Darstellung der Traumreiz ausschickenden
    Körperteile verwendet. „So findet die atmende Lunge in dem
    flammenerfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol,
    das Herz in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden,
    beutelförmigen oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen.
    Der männliche Geschlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen
    Teil einer Klarinette, daneben den gleichen Teil einer Tabaks-
    pfeife, daneben wieder einen Pelz auf der Straße finden. Klarinette
    und Tabakspfeife stellen die annähernde Form des männlichen
    Gliedes, der Pelz das Schamhaar dar. Im weiblichen Geschlechts-
    traum kann sich die Schrittenge der zusammenschließen-
    den
    Schenkel durch einen schmalen, von Häusern unschlossenen Hof,
    die weibliche Scheide durch einen mitten durch den Hofraum
    führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad symbolisieren,
    den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen Brief zu einem
    Herrn zu tragen.“ (Volkelt, S. 39.) Besonders wichtig ist es, daß
    am Schlusse eines solchen Leibreiztraumes die Traumphantasie
    sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ oder
    dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der „Zahnreiz-
    traum“ gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus
    dem Munde nimmt.

    Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß
    der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl
    die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung
    nehmen. So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kotige
    Straßen, der Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der
    Reiz als solcher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er be-
    gehrt, werden symbolisch dargestellt, oder das Traum-Ich tritt
    in konkrete Verbindung mit den Symbolisierungen des eigenen

  • S.

    93

    Zustandes, z. B. wenn wir bei Schmerzreizen uns mit beißen-
    den Hunden oder tobenden Stieren verzweifelt balgen, oder die
    Träumerin sich im Geschlechtstraum von einem nackten Manne
    verfolgt sieht. Von all dem möglichen Reichtum in der Aus-
    führung abgesehen, bleibt eine symbolisierende Phantasietätigkeit
    als die Zentralkraft eines jeden Traumes bestehen. In den Cha-
    rakter dieser Phantasie näher einzudringen, der so erkannten
    psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System philo-
    sophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt in
    seinem schön und warm geschriebenen Buch, das aber allzu
    schwer verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe
    Schulung für das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffs-
    schemen vorbereitet ist.

    Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli-
    sierenden Phantasie Scherners in den Träumen nicht verbunden.
    Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen.
    Man könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt.
    Man könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere ein-
    gehende Beschäftigung mit der Schernerschen Theorie des Traumes
    zu irgend etwas Nützlichen führen kann, deren Willkürlichkeit
    und Losgebundenheit von den Regeln aller Forschung doch allzu
    augenfällig scheint. Da wäre es denn am Platze, gegen eine Ver-
    werfung der Lehre Scherners vor aller Prüfung als allzu hoch-
    mütig ein Veto einzulegen. Diese Lehre baut sich auf dem Ein-
    druck auf, den jemand von seinen Träumen empfing, der ihnen
    große Aufmerksamkeit schenkte, und der persönlich sehr wohl
    veranlagt scheint, dunkeln seelischen Dingen nachzuspüren. Sie
    handelt ferner von einem Gegenstand, der den Menschen durch
    Jahrtausende rätselhaft wohl, aber zugleich inhalts- und beziehungs-
    reich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die gestrenge Wissen-
    schaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes beigetragen hat,
    als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Empfindung dem
    Objekte Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen versuchte. End-

  • S.

    94

    lich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den Anschein hat, wir
    könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der Phan-
    tastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellenphantastik;
    die S. 81 zitierte Stelle eines nüchternen und exakten Forschers
    wie Binz, welche schildert, wie die Aurora des Erwachens über
    die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht an
    Phantastik und an – Unwahrscheinlichkeit hinter den Scher-
    nerschen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe zeigen zu
    können, daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das aller-
    dings nur verschwommen erkannt worden ist und nicht den
    Charakter der Allgemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des
    Traumes Anspruch erheben kann. Vorläufig kann uns die
    Schernersche Theorie des Traumes in ihrem Gegensatz zur
    medizinischen etwa vor Augen führen, zwischen welchen Extremen
    die Erklärung des Traumlebens heute noch unsicher schwankt.

    H

    Beziehungen zwischen Traum und Geistes-
    krankheiten

    Wer von der Beziehung des Traumes zu den Geistesstörungen
    spricht, kann dreierlei meinen: 1) ätiologische und klinische Be-
    ziehungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand
    vertritt, einleitet, oder nach ihm erübrigt, 2) Veränderungen, die
    das Traumleben im Falle der Geisteskrankheit erleidet, 3) Innere
    Beziehungen zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf
    Wesensverwandtschaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen
    zwischen den beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren
    Zeiten der Medizin – und in der Gegenwart von neuem wieder
    – ein Lieblingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei
    Spitta, Radestock, Maury und Tissié gesammelte Literatur des
    Gegenstandes lehrt. Jüngst hat Sante de Sanctis diesem Zusammen-
    hange seine Aufmerksamkeit zugewendet. [E 26] Dem Interesse

  • S.

    95

    unserer Darstellung wird es genügen, den bedeutsamen Gegen-
    stand bloß zu streifen.

    Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen
    Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Para-
    digmata mitteilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauß), daß der
    erste Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen,
    schreckhaften Traum herschrieb, und daß die vorherrschende Idee
    mit diesem Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis
    bringt ähnliche Beobachtungen von Paranoischen und erklärt
    den Traum in einzelnen derselben für die „vraie cause déterminante
    de la folie“. Die Psychose kann mit dem wirksamen, die wahn-
    hafte Aufklärung enthaltenden Traum mit einem Schlag ins
    Leben treten, oder sich durch weitere Träume, die noch gegen
    Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In einem Falle
    von de Sanctis schlossen sich an den ergreifenden Traum leichte
    hysterische Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängstlich-melan-
    cholischer Zustand. Féré (bei Tissié) berichtet von einem Traum,
    der eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird uns
    der Traum als Ätiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl
    wir dem Tatbestand ebenso Rechnung tragen, wenn wir aussagen,
    die geistige Störung habe ihre erste Äußerung am Traumleben
    gezeigt, sei im Traum zuerst durchgebrochen. In anderen Bei-
    spielen enthält das Traumleben die krankhaften Symptome, oder
    die Psychose bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht
    Thomayer auf Angstträume aufmerksam, die als Äquivalente
    von epileptischen Anfällen aufgefaßt werden müssen. Allison hat
    nächtliche Geisteskrankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach
    Radestock), bei der die Individuen tagsüber anscheinend voll-
    kommen gesund sind, während bei Nacht regelmäßig Halluzina-
    tionen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten. Ähnliche Beobachtungen
    bei de Sanctis (paranoisches Traumäquivalent bei einem Alko-
    holiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue beschuldigen); bei
    Tissié. Tissié bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl von

  • S.

    96

    Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen Charakters
    (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangs-
    impulse) sich aus Träumen
    ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch
    ein intermittierendes Irresein ersetzt war.

    Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psycho-
    logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte
    beschäftigen wird.

    Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung
    nach Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das
    Traumleben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll
    auf dieses Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach
    Krauß). Macario (bei Tissié) erzählt von einem Maniacus, der
    eine Woche nach seiner völligen Herstellung in Träumen die
    Ideenflucht und die leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit
    wieder erlebte.

    Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd
    Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Unter-
    suchungen angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandt-
    schaft zwischen Traum und Geistesstörung, die sich in so weit-
    gehender Übereinstimmung der Erscheinungen beider äußert,
    frühzeitig Beachtung gefunden. Nach Maury hat zuerst Cabanis
    in seinen „Rapports du physique et du moral“ auf sie hingewiesen,
    nach ihm Lélut, J. Moreau und ganz besonders der Philosoph
    Maine de Biran. Sicherlich ist die Vergleichung noch älter.
    Radestock leitet das Kapitel, in dem er sie behandelt, mit einer
    Sammlung von Aussprüchen ein, welche Traum und Wahnsinn
    in Analogie bringen. Kant sagt an einer Stelle: „Der Verrückte
    ist ein Träumer im Wachen.“ Krauß: „Der Wahnsinn ist ein
    Traum innerhalb des Sinnenwachseins.“ Schopenhauer nennt
    den Traum einen kurzen Wahnsinn und den Wahnsinn einen
    langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als Traumleben,
    welches nicht durch Schlaf sondern durch Krankheiten herbei-
    geführt ist. Wundt äußert in der „Physiologischen Psychologie“:

  • S.

    97

    „In der Tat können wir im Traum fast alle Erscheinungen, die
    uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.“

    Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche
    Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta (übrigens
    sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1) Aufhebung
    oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Un-
    kenntnis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des
    Erstaunens, Mangel des moralischen Bewußtseins. 2) Modifizierte
    Perzeption der Sinnesorgane, und zwar im Traum verminderte,
    im Wahnsinn im allgemeinen sehr gesteigerte. 3) Verbindung
    der Vorstellungen untereinander lediglich nach den Gesetzen der
    Assoziation und Reproduktion, also automatische Reihenbildung,
    daher Unproportionalität der Verhältnisse zwischen den Vor-
    stellungen (Übertreibungen, Phantasmen) und aus alledem resul-
    tierend: 4) Veränderung, beziehungsweise Umkehrung der Per-
    sönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten des Charakters
    (Perversitäten).“

    Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma-
    terial: „Im Gebiet des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein-
    gefühls findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen.
    Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traum der Geruch-
    und Geschmackssinn. – Dem Fieberkranken steigen in den
    Delirien wie dem Träumenden Erinnerungen aus langer Ver-
    gangenheit auf; was der Wachende und Gesunde vergessen zu
    haben schien, dessen erinnert sich der Schlafende und Kranke.“ –
    Die Analogie von Traum und Psychose erhält erst dadurch ihren
    vollen Wert, daß sie sich wie eine Familienähnlichkeit in die
    feinere Mimik und bis auf einzelne Auffälligkeiten des Gesichts-
    ausdruckes erstreckt.

    „Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten ge-
    währt der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und
    Glück; so heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten
    Bilder von Glück, Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der ver-
    Freud, II.

  • S.

    98

    meintliche Besitz von Gütern und die imaginäre Erfüllung von
    Wünschen, deren Verweigerung oder Vernichtung eben einen
    psychischen Grund des Irreseins abgaben, machen häufig den
    Hauptinhalt des Deliriums aus. Die Frau, die ein teueres Kind
    verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer Vermögensverluste er-
    litten, hält sich für außerordentlich reich, das betrogene Mädchen
    sieht sich zärtlich geliebt.“

    (Diese Stelle Radestocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen
    Ausführung von Griesinger [S. 111], die mit aller Klarheit die
    Wunscherfüllung als einen dem Traum und der Psychose
    gemeinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen
    Untersuchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu
    einer psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen
    zu finden ist.)

    „Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteils
    sind es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich
    charakterisieren.“ Die Überschätzung der eigenen geistigen
    Leistungen, die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen,
    findet sich hier wie dort; dem rapiden Vorstellungverlauf
    des Traumes entspricht die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden
    fehlt jedes Zeitmaß. Die Spaltung der Persönlichkeit im
    Traume, welche z. B. das eigene Wissen auf zwei Personen ver-
    teilt, von denen die fremde das eigene Ich im Traume korrigiert,
    ist völlig gleichwertig der bekannten Persönlichkeitsteilung bei
    halluzinatorischer Paranoia; auch der Träumer hört die eigenen
    Gedanken von fremden Stimmen vorgebracht. Selbst für die kon-
    stanten Wahnideen findet sich eine Analogie in den stereotyp wieder-
    kehrenden pathologischen Träumen (rêve obsédant). – Nach der
    Genesung von einem Delirium sagen die Kranken nicht selten, daß
    ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie ein oft nicht unbehag-
    licher Traum erscheint, ja sie teilen uns mit, daß sie gelegentlich
    noch während der Krankheit geahnt haben, sie seien nur in einem
    Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraum vorkommt.

  • S.

    99

    Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock
    seine wie vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt,
    daß „der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als
    eine Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traum-
    zustandes zu betrachten ist“. (S. 228.)

    Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich
    äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauß die Verwandtschaft
    von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den
    Erregungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche
    Grundelement ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch
    bedingte Empfindung, die Leibreizsens-
    sation, das durch Beiträge
    von allen Organen her zustande gekommene Gemeingefühl (vgl.
    Peisse bei Maury, p. 52).

    Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten
    reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört
    zu den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traum-
    lebens, nach welcher sich der Traum als unnützer und störender
    Vorgang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit
    darstellt. Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige
    Aufklärung über den Traum von den Seelenstörungen her zu
    empfangen, wo es allgemein bekannt ist, in welch unbefriedi-
    gendem Zustand unsere Einsicht in den Hergang der letzteren
    sich befindet. Wohl aber ist es wahrscheinlich, daß eine veränderte
    Auffassung des Traumes unsere Meinungen über den inneren
    Mechanismus der Geistesstörungen mitbeeinflussen muß, und so
    dürfen wir sagen, daß wir an der Aufklärung der Psychosen
    arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Geheimnis des Traumes
    aufzuhellen. [E 27]