S.
II.
Bemerkungen über einen Fall von Zwangneurose1).
Die nachstehenden Blätter werden zweierlei enthalten:
erstens fragmentarische Mittheilungen aus der Krankengeschichte
eines Falles von Zwangneurose, welcher nach seiner Dauer,
seinen Schädigungsfolgen und nach subjektiver Wertung zu den
ziemlich schweren gezählt werden konnte, und dessen Behand-
lung durch etwa ein Jahr zunächst die völlige Herstellung der
Persönlichkeit und die Aufhebung ihrer Hemmungen erzielte.
Zweitens aber in Anknüpfung an diesen und in Anlehnung an
andere früher analysirte Fälle einzelne aphoristische Angaben
über die Genese und den feineren Mechanismus der seelischen
Zwangsvorgänge, durch welche meine im Jahre 1896 veröffent-
lichten ersten Darstellungen weitergeführt werden sollen2).Eine derartige Inhaltsangabe scheint mir selbst einer Recht-
fertigung bedürftig, damit man nicht etwa glaube, ich hielte
diese Art und Weise der Mittheilung für untadelhaft und nach-
ahmenswert, während ich in Wirklichkeit nur Hemmungen
äußerlicher und inhaltlicher Natur Rechnung trage und gerne
mehr gegeben hätte, wenn ich nur dürfte und könnte. Die voll-
ständige Behandlungsgeschichte kann ich nämlich nicht mit-
teilen, weil sie ein Eingehen auf die Lebensverhältnisse meines
Patienten im einzelnen erfordern würde. Die belästigende Auf-
merksamkeit einer Großstadt, die sich auf meine ärztliche1)Jahrbuch f. psychoanalyt. u. psychopathol. Forschungen, Bd. I, 1909.
2)Sammlung kleiner Schriften zur Neurosenlehre aus den Jahren 1893
bis 1906, VIII. („Wesen und Mechanismus der Zwangneurose“.) Fr. Deu-
ticke, 1906.S.
124
Tätigkeit ganz besonders richtet, verbietet mir eine wahrheits-
getreue Darstellung; Entstellungen aber, mit denen man sich
sonst zu behelfen pflegt, finde ich immer mehr unzweckmäßig
und verwerflich. Sind sie geringfügig, so erfüllen sie den Zweck
nicht, den Patienten vor indiskreter Neugierde zu schützen, und
gehen sie weiter, so kosten sie zu große Opfer, indem sie das
Verständnis der gerade an die kleinen Realien des Lebens ge-
knüpften Zusammenhänge zerstören. Aus diesem letzteren Um-
stand ergibt sich dann der paradoxe Sachverhalt, daß man weit
eher die intimsten Geheimnisse eines Patienten der Öffentlich-
keit preisgeben darf, bei denen er doch unerkannt bleibt, als
die harmlosesten und banalsten Bestimmungen seiner Person,
mit denen er allen bekannt ist, und die ihn für alle kenntlich
machen würden.Entschuldige ich so die arge Verkürzung der Kranken-
und Behandlungsgeschichte, so steht mir für die Beschränkung
auf einzelne Ergebnisse aus der psychoanalytischen Untersuchung
der Zwangsneurose eine noch triftigere Aufklärung zu Gebote.
Ich bekenne, daß es mir bisher noch nicht gelungen ist, das
komplizierte Gefüge eines schweren Falles von Zwangsneurose
restlos zu durchschauen, und daß ich es nicht zustande brächte,
diese analytisch erkannte oder geahnte Struktur durch die Auf-
lagerungen der Behandlung hindurch anderen in der Wieder-
gabe der Analyse sichtbar zu machen. Es sind die Widerstände
der Kranken und die Formen von deren Äußerung, welche
letztere Aufgabe so sehr erschweren; aber man muß sagen, daß
das Verständnis einer Zwangsneurose an und für sich nichts
leichtes ist, viel schwerer als das eines Falles von Hysterie.
Eigentlich sollte man das Gegenteil erwarten. Die Mittel, durch
welche die Zwangsneurose ihre geheimen Gedanken zum Aus-
druck bringt, die Sprache der Zwangsneurose ist gleichsam nur
ein Dialekt der hysterischen Sprache, aber ein Dialekt, in
welchem uns die Einfühlung leichter gelingen müßte, weil er
dem Ausdrucke unseres bewußten Denkens verwandter ist als
der hysterische. Er enthält vor allem nicht jenen Sprung aus
dem Seelischen in die somatische Innervation – die hysterische
Konversion –, den wir mit unserem Begreifen doch niemals
mitmachen können.S.
125
Vielleicht trägt auch nur unsere geringere Vertrautheit
mit der Zwangneurose die Schuld daran, daß die Wirklichkeit
jener Erwartung nicht bestätigt. Die Zwangneurotiker schweren
Kahlers stellen sich der analytischen Behandlung weit seltener
als die Hysteriker. Sie dissimulieren auch im Leben ihre Zu-
stände, so lange es angeht, und kommen zum Arzt häufig erst
in so vorgeschrittenen Stadien des Leidens, wie sie sie bei der
Lungentuberkulose z. B. die Aufnahme in eine Heilstätte aus-
schließen würden. Ich ziehe aber diesen Vergleich heran, weil
wir bei den leichten und den schweren, aber frühzeitig be-
kämpften Fällen der Zwangneurose, ganz ähnlich wie bei jener
chronischen Infektionskrankheit, auf eine Reihe glänzender Heil-
erfolge hinweisen können.Unter solchen Umständen bleibt nichts anderes möglich,
als die Dinge so unvollkommen und so unvollständig mitzu-
teilen, wie man sie weiß und weiter sagen darf. Die hier ge-
botenen, mühselig genug zutage geförderten Brocken von Er-
kenntnis mögen an sich wenig befriedigend wirken, aber die
Arbeit anderer Untersucher mag an sie anschließen, und der
gemeinsamen Bemühung kann die Leistung gelingen, die für
den einzelnen vielleicht zu schwer ist.I. Aus der Krankengeschichte.
Ein jüngerer Mann von akademischer Bildung führt sich
mit der Angabe ein, er leide an Zwangsvorstellungen schon seit
seiner Kindheit, besonders stark aber seit vier Jahren. Haupt-
inhalt seines Leidens seien Befürchtungen, daß zwei Per-
sonen, die er sehr liebe, etwas geschehe, dem Vater und einer
Dame, die er verehre. Außerdem verspüre er Zwangsimpulse,
wie z. B. sich mit einem Rasiermesser den Hals abzuschneiden,
und produziere Verbote, die sich auch auf gleichgültige Dinge
beziehen. Er habe durch den Kampf gegen seine Ideen Jahre
verloren und sei darum im Leben zurückgeblieben. Von den
versuchten Kuren habe ihm nichts genützt als eine Wasser-
behandlung in einer Anstalt bei **); diese aber wohl nur darum,
weil er dort eine Bekanntschaft machte, die zu regelmäßigem
Sexualverkehr führte. Hier habe er keine solche Gelegenheit,
You are here
Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose1909-004/1921
1909-004/1921/V