S.
PROF. DR. FREUD
WIEN IX., BERGGASSE 19
Semmering, Villa Schüler.
22. VI.1926
Lieber Herr Doktor,
Sie stellen mir eine schwere Aufgabe. Ich habe nicht viel Erfahrung
mit solchen Fällen. Das Ausbleiben aller Einfälle und Assoziationen zu
Träumen pflegte ich, wenn es bei mir vorkam, stets als ein sehr ungün-
stiges, ja unheimliches Zeichen, aufzufassen. Ihre Patientin macht mir
den Eindruck einer Person, die es auch in der Frühzeit nicht zur
Genitalorganisation gebracht hat oder an dem Problem der weiblichen
Kastration stecken geblieben ist. Die Vermutung, welche Sie am Ende Ihres
Briefes zurückweisen, ist mir doch gar nicht unwahrscheinlich. Es könnte
leicht sein, dass ein solcher Fall späterhin die Einreihung in die Sam-
meldiagnose Dementia praecox erfordert.
In praktischer Hinsicht weiss ich nur zu sagen, dass ein plötzlicher
Abbruch im Stadium der akuten Uebertragung eine schwere Erschütterung für
die Kranke bedeuten würde und darum zu vermeiden ist. Halten Sie aus und
schauen Sie zu, ob der weitere Verlauf Ihnen nicht die gewünschte Auf-
klärung bringt. Aus der Art ihrer Übertragung müssen sich doch sehr be-
stimmte Rückschlüsse auf die in der Kindheit vorgefallene Störung der
Sexualentwicklung ziehen lassen. Von einem anderen Weg weiss ich nicht.
Mit herzlichen Grüssen
Ihr
Freud