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Falzeder:
XIX Strasserg 47
PROF. DR. FREUD WIEN
IX., BERGGASSE 1911. 5. 1934
Lieber Meister Arnold
Keine Zuschrift zu meinem 78sten hat mich stärker beansprucht als Ihre. Am liebsten überlegte ich die Antwort noch eine Woche, aber was sollen Sie unterdes denken? So fange ich doch heute an, um in den nächsten Tagen fortzusetzen.
Ich kenne das Buch von Podach nicht -- noch nicht --, das Sie in Flammen gesetzt hat. Wenn Sie wollen, werde ich es studiren. Eine verrückte Ankündigung eines wahrscheinlich schief geheilten Psychotikers, die Fr.[iedrich] N[ietzsche]'s Mysterium durchschaut haben will, lege ich Ihnen bei. Man kann doch nicht wissen, was so ein Narr erraten hat. Unsere Freundin Lou ist über 70 J. alt u soweit ich aus der Ferne errate, nicht gut bei Kräften. Sie schreibt nie von sich in ihren Briefen u jammert nie. Sie dürfte eine der wenigen Lebenden sein, die etwas Intimes von ihm wissen. Und sie teilt es nicht gerne mit. Gewiss nicht anders als mündlich. Mir wollte sie nie von ihm erzälen. Für Ihre Absicht wäre sie unersetzlich.
Das wären die Aussenbemerkungen.
12. 5. 1934
Der erste "Eismann", aber ein glorreicher Sommertag. Der Garten vor dem Fenster so recht ein Ort, um "in Schönheit zu sterben". Ich überlege, ob ich Ihnen zu- oder abraten soll, Ihre Absicht auszuführen. Die Abneigung gegen Ihr Projekt ist mir viel deutlicher bewusst als die Gründe
dafür sie. Aber es wird wol wenig ausmachen, wie ich mich äussere. Der poetische Auftrieb, wenn stark genug, wird sich stärker erweisen.Es scheint mir also, wir rühren an das Problem der dichterischen Freiheit gegen die historische Realität. Ich weiss, ich empfinde darin recht konservativ. Wo in Geschichte und Biographik eine hoffnungslose Lücke klafft, da mag der Dichter hingehen und zu erraten versuchen, wie es zugegangen. Im unbewohnten Land darf er die Geschöpfe seiner Phantasie ansiedeln. Auch wenn die Geschichte bekannt, aber allzu entlegen und dem allgemeinen Wissen entfremdet ist, kann er sie bei Seite schieben. So ist es keine Einwendung gegen Shakespeare, dass um das Jahr 1000 Macbeth ein gerechter und volksfreundlicher König von Schottland war. Dagegen sollte er die Wirklichkeit respektiren, wo sie feststeht und allgemeiner Besitz geworden ist. B. Shaw, der seinen Caesar eine steinerne Sphinx anschwärmen lässt, als wäre er ein Cook'scher Tourist, und ihn beim Abschied von Egypten vergessen lässt, von Kleopatra Abschied zu nehmen, zeigt damit, dass er ein Hanswurst ist, dem der Spass über alles geht. Der historische Caesar liess die Kleopatra nach der Geburt ihres Caesarion nach Rom kommen, wo sie bei ihm blieb, bis sie nach seiner Ermordung die Flucht ergriff. Gewiss halten sich die Dichter nicht häufig an diese Regeln, so Schiller nicht im Carlos, Goethe im Egmont und Götz, usw., aber es ist häufig nicht vom Vorteil, wenn sie sie übertreten.
Wenn es sich nun um eine so gegenwartsnahe Person von lebender Wirksamkeit handelt wie Fr. N., so sollte eine Schilderung seines Wesens u seiner Schicksale sich dasselbe Ziel setzen wie ein Portrait, dh bei aller Herausarbeitung der Auffassung das Hauptgewicht auf die Ähnlichkeit legen. Und da der Abgeschilderte einem nicht sitzen kann, muss man soviel Material über ihn zusammengebracht haben, dass es nur mehr einer verständnisvollen Ergänzung und Vertiefung bedarf. Sonst ereignete sich wieder, was jenem pietätvollen Sohn bei dem ungarischen Maler widerfahren ist: Armer Vater, wie hast Du Dich verändert! Denken Sie auch, was fangen wir mit einem phantasirten Fr. N. an?
Ob bei ihm der Stoff für solch ein Portrait hinreicht, müssen Sie wissen. Das Buch von Podach scheint Sie sicher gemacht zu haben, aber bei Fr. N. kommt noch etwas hinzu über das Gewohnte hinaus. Es ist auch noch eine Krankengeschichte u die lässt sich noch viel schwerer erraten oder konstruiren. Dh es sind wol psychische Vorgänge, die auf einander folgen, aber nicht imm,er psychische Motivirungen, die sie herbeiführen - und man kann in deren Aufrollung sehr irre gehen. Überhaupt, wenn es eine Krankengeschichte ist, ist ja der grössere Anteil des Interesses für den Nichtfachmann erledigt.
Ob das meine wirklichen Argumente gegen Ihren Plan sind, weiss ich nicht. Vielleicht spielt noch die Beziehung eine Rolle, in die Sie mich zu ihm bringen. In meiner Jugend bedeutete er mir eine mir unzugängliche Vornehmheit. Ein Freund von mir Dr Paneth hatte im Engadin seine Bekanntschaft gemacht und mir viel von ihm geschrieben. Ich stand auch später so zu ihm wie ungefähr in der "Bilanz". Um auf diese überzugehen, ich habe sie mit Schmerzen gelesen. Hoffentlich hat sie Ihrer Gesundheit gut gethan als Ventil und Abfuhr, denn ich ersticke fast an verhaltenem Groll und Wut. Was Sie in der Bilanz über mich schreiben, daran glaube ich natürlich nicht die Hälfte. Aber immerhin, meine Freundin Yvette hat ein Liedchen in ihrem Repertoire: Ça fait toujours plaisir.
Mein Geburtstag ist ohne Schaden für mich verlaufen, weil kein glückwünschender Besucher angenommen wurde. Blumen sind natürlich harmlos. Wir haben kaum je so schön gelebt wie hier und ich war auch selten soviel gequält. Man muss es hinnehmen, da die technische Hilfe so ungenügend ist.
Meine besten Wünsche für die "Erziehung["]!
Mit herzlichen Grüssen
Ihr Freud
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