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Falzeder:
XIX Strasserg
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PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19
13. 6. 1934
Lieber Meister Arnold
Ein Brief von oder nach Palaestina braucht so lange, dass ich Ihnen noch am Empfangstage antworte. - Ich schreibe Ihnen gerne und besonders leicht und merke, dass ich Ihnen vieles schreibe, was ich gegen Andere zurückgehalten hätte. Ausserdem habe ich viel freie Zeit, dh sehr wenig analytische Stunden. Die Leute scheinen erfahren zu haben, dass ich ziemlich alt bin, drängen sich nicht zu mir, rechnungsgemäss zehre ich mich denn [dann?] auch langsam auf, aber zwischen dem Anlass und dessen Wirkung dürfte sich eine Selbstregulirung herstellen.
Zu Ihren Fragen: Nein, ich habe keine Fahnen von Ihnen erhalten, weiss nicht, welche ich erwarten soll. Mein Sohn Oliver lebt in Nizza u hat dort die Leitung eines photographischen Geschäfts übernommen. So hat er wenigstens Arbeit gefunden, die seinen Drang zum "Basteln" befriedigt. Aber Erwerb bringt es ihm nicht. Seine Chance ist, dass ich ewig lebe und ewig Geld einnehme, das ich abgeben kann. Also keine grosse Sicherheit!
Ihr unliebenswürdiges Urteil über unser Volk teile ich ohne Einschränkung. Sie wissen ja, wer zuerst in der Geschichte diese schlimme Verurteilung ausgesprochen hat. Lesen Sie es nur nach, es war unser grosser Mann Moses und es ist seitdem in der Heiligen Schrift zu lesen. Vielleicht sollte man zu der Charakteristik hinzufügen, dass sie besonders beig und würdelos sind. Haben Sie gehört, dass
beian irgend einem Umzug in Berlin auch ein Trupp Juden teilnahm, und die trugen auf einer flatternden Fahne geschrieben "Hinaus mit uns!" Kennen Sie etwas Abscheulicheres? Aber vielleicht ist dies Benehmen eher deutsch als jüdisch. Das sei unser Trost.Mit der Produktion geht es mir jetzt wie sonst in der Analyse. Wenn man in der ein bestimmtes Thema unterdrückt hat, kommt nichts anderes dafür. Das Gesichtsfeld bleibt leer. So bleibe ich auf den bei Seite gelegten Moses fixirt und mit ihm kann ich doch nichts mehr anfangen. Wann darf ich Ihnen den vorlesen?
Wenn Ihre Analyse die infantile Amnesie nicht aufheben konnte, so hat sie freilich nicht ihr letztes Können gezeigt. Das ist nicht Schuld des Analytikers; es geht oft so, besonders bei praktisch gesunden Personen, wo keine schweren Leiden oder Hemmungen einen starken Konflikt unterhalten. Eine richtige Analyse ist ein langsamer Prozess. Ich habe selbst bei manchen Personen erst nach langen Jahren, allerdings nicht kontinuirlicher Arbeit, den Kern des Problems aufdecken können, u wüsste nicht zu sagen, was ich technisch versäumt hätte. Es ist dann ein rechter Gegensatz dazu, wenn Hochstapler wie O. Rank auf die Behauptung reisen[1], dass sie etwa eine schwere Zwangsneurose in 4 Monaten heilen können! Doch sind auch die partiellen u oberflächlichen
NeurosenAnalysen, wie Sie es bei sich finden, fruchtbar und wolthuend. Der Haupteindruck ist der von der Grossartigkeit des Seelenlebens. Es ist aber eher eine wissenschaftliche Unternehmung als ein bequemer[2] therapeutischer Eingriff.Die unerwartete Ehrung hat mich unlängst getroffen, dass ich einstimmig zum Ehrenmitglied der Royal Society of Medicine gewält wurde. Es wird in der Welt draussen einen guten Eindruck machen. In Wien beginnen dunkle Treibereien, zunächst gegen die Ausübung der Kinderanalyse. Zu Pfingsten hatten wir den Besuch unsere tapferen italien. Mitarbeiters Edoardo Weiss aus Rom. Mussolini's Regime macht der psa [sic] Literatur grosse Schwierigkeiten. Die Analyse kann unter dem Fascismus nicht besser gedeihen als unter dem Bolschewismus u dem Nationalsozialismus. Gott hat da vieles zu bessern.
Unterlassen Sie es nicht, mir bald wieder zu schreiben. Ich kann Ihre Schrift gut lesen.
Sehr herzlich Ihr
Freud
[1] Fast sicher; in Transkription in LOC: "weisen".
[2] So in transcript; in copy virtually illegible.
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