• S.

    [Briefkopf Grand Hotel Savoia, Rapallo (Genova); Directeur A. Bottinelli]

     

    RAPALLO, le  17 Sept 05

     

    Lieber Alex

     

    Wenn ich Dir bisher nicht geschrieben, brauchst Du nicht empfindlich zu sein.  Ich habe auch für Aussee nichts anderes als Postansichtskarten produzirt u dieser Brief -- der erste seit der Abreise -- ist bereits in Vorahnung der Rückkehr ins's gemeine Menschenleben entstanden.  Man kommt nämlich zu nichts, die himmliche Sonne u das göttliche Meer -- Apollon u Poseidon -- sind Feinde aller Leistungen.  Ich merke, was uns sonst noch aufrecht erhalten, war das bischen ernste Pflicht, mit dem Baedeker in der Hand, neue Gegenden, Museen, Paläste, Ruinen zu verificiren; da dies hier u diessmal wegfällt, gehe ich ganz im Wolleben unter.

     

    Also vom Meer.  Der Strand ist feiner Schlamm, in dem man ¼ Stunde weit zu Fuss spazieren kann, Kopf über Wasser u ein Stück weiter sind herrliche Klippen, wie wir sie um Capri kennen gelernt, Bassins, in die man sich hineinsetzt, schrägt geneigte Teppichfalten, auf denen wie man [man wie] ein Böcklin'sches Unthier sich wälzt, ganz einsam u ohne mögliche Zeitschätzung.  Da ich allein bin, betreibe ich den Fang nicht ernsthaft.  Aber am ersten Tag habe ich einen Polpo gekitzelt, der nicht aus dem Wasser wollte, dann mich an Seeigeln zerstochen, mich von Medusen t[?]rauen lassen, Seeanemonen vergeblich ablösen wollen u die klugen Krabben gejagt, denen die italienischen Seemistbuben auch hier die Beine ausreissen.

  • S.

    Mit dem Bad vergeht der Vormittag.  Ich finde soviel Geschmack daran, dass ich ernsthaft daran denke, nächstes Jahr Viareggio, das ich heuer nicht sehen werde, zum einzigen Reiseziel zu nehmen.

     

    Vom Land kann man nicht reden ohne ein Dichter zu sein oder Andere zu citiren.  Es wächst hier alles wie zB. in Sorrent, nur in Palmen ist geradezu Luxus, man darf auf die "gnädige Straf" neugierig sein.  Isola Madre -- freilich aus einer anderen Scenerie -- war das Juwel der Seereise, hier am Meer stört nur eines, dass man nicht wie jener Mr. Brown mit Schweinen zu handeln begonnen hat, als man, übel beraten, seinen Beruf wälte, oder nicht ein Spinola oder sonstiger Genueser Nobile zur Welt gekommen ist.  Der Neid stört oft den Genuss der Parke u Landsitze.

     

    Genua kennst Du ja, es ist imposant, solid, fast trotzig, reinlich, wolhabend.  Höchst bemerkenswert ist die Verbreitg der deutschen Sprache in Hotels u Geschäften.  Martha hätte hier Recht, wie sie es in Venedig wollte.  Mehr deutsche Schilder in Genua jedenfalls als in Triest oder Prag. Von öffentlichen Interessen beschäftigt hier nur der Terromoto in Calabria.  Austria existirt in den Zeitungen nicht mehr, wie wir ja wissen.

     

    Ende der Woche bin ich zurück um meine Buchhonorare ärmer, bald kommt der letzte Oelbaum, Arancie, Magnolia usw.

     

    Herzliche Grüsse in Deine nordische Verbannung

     

    Dein Sigm