• S.

    Berlin Tegel

    PROF. DR. FREUD       WIEN, IX., BERGGASSE 19.

    24. 9. 1928

     

    Lieber Alex

     

    Ich danke Dir sehr für alle Deine Nachrichten u beglückwünsche Harry zu seinem Auto, jedenfalls dem ersten in der Familie.

     

    Am 2 Okt triffst Du uns gewiss noch hier.  In welchem Zustand ist schwer zu sagen.  Hoffentlich besser als zB. heute.  Ich mache jetzt wahrscheinlich meine schwerste Zeit durch, bin wie der Krebs im Schalenwechsel.  Ich kann auch meine Analysenstunden nicht jeden Tag geben; einmal kann ich beissen aber nicht sprechen und rauchen, am nächsten Tag rauchen u trinken aber nicht kauen usw.  Über allen Wechselfällen der Behandlung schwebt die ungemein sympathische Persönlichkeit des alten Schroeder, unglaublich geschickt u erfahren, rücksichtsvoll wie eine Kinderfrau, der auch Samstag u Sonntag arbeitet, um einem seine Hilflosigkeit 

  • S.

    nicht allzu bitter werden zu lassen.  So darf ich gute Hoffnung haben, aber ich bin skeptisch, auf wieviel Verbesserung ich hoffen darf.

     

    Anna ist ausgezeichnet wie immer, ohne sie wäre ich hier ganz verloren.  Auch Ernst benimmt sich reizend, hat alles für uns aufs Beste arrangirt u bringt, da seine Familie noch in Hiddensee ist, fast jeden Abend mit uns zu.  Oli u Henny sehe ich natürlich seltener, das Kind ist prächtig, sie essen jeden Sonntag bei uns zu Mittag.  Die Entfernung zwischen uns ist etwa Wien — Baden.  Sonst sehe ich niemand, was am Ende des Aufenthalts eingebracht werden muss.

     

    Also komm!

     

    Mit herzl Grüssen

    für Sophie u Harry

    Dein

    Sigm