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S.
PROF. DR. FREUD
WIEN IX., BERGGASSE 1921. 2. 1928
Lieber Herr Doktor
Mit besonderer Freude habe ich nach langer
Zeit einmal wieder einen Brief von
Ihnen geöffnet. Sie wissen wie sehr ich Sie
schätze. Die Analysen mit meinen Schweizer
Schülern, mit Ihnen, Sarasin, Blum und
zuletzt Flournoy, gehören zu meinen ange-
nehmsten analytischen Erinnerungen.Der Anlaß Ihres Schreibens war leider nicht
der erfreulichste. Ich kann nicht finden,
daß die Vereinsgründung Oberholzer’s
etwas Anerkennenswertes war. Ein langes
Exposé, das er dem Vorstand und mir zuge-
schickt hat, machte mir den Eindruck, daß
er ungeschickter und inkorrekter kaum
hätte vorgehen können. Seiner Kritik
an Pfisters Tätigkeit stimme ich in großen
Ausmaß zu, aber die berechtigt nicht seine
Handlungen, so wenig wie sie sein früheres
schroff ablehnendes Benehmen gegen
die Internat. psa Vereinigung rechtfertigt.Zwei Punkte werden es voraussichtlich
verhindern, daß der neue Verein von
der IpV anerkannt wird. Der erste jener
– später weggelassene - Satz seines Werbe-
briefes, daß der neue Verein eine
nur formale Zugehörigkeit zur IpV
anstrebt, im Zusam̄enhalt mit Oberh’s
früherem Benehmen ein böses Omen.
Das kann die IpV sich natürlich nicht bieten
lassen wenn sie sich nicht selbst
aufgeben will. Wir streben doch auch
innerhalb der Internat. eine möglichst
einheitliche Organisation, gewissermaßen
eine Vorherrschaft des alles einig-
enden Eros an. Dagegen scheinen
mir Ihre Landsleute den Kantönligeist
auch in diese Beziehungen einführen -
S.
zu wollen, ähnlich wie die Amerikaner die Monroe‑
Doktrin, daß Europa keinen Einfluß auf sie
nehmen darf, gegen die IpV richten wollen. Aber
das sind doch offenbar Gesichtspunkte, die
nicht für den Wissenschaftsbetrieb gelten
sollen.Der zweite Punkt scheint mir noch bedauerlicher.
Die Lösung der Laienfrage, die Oberh. gemacht
hat, halte ich – nach wie vor – für eine schädliche.
Ich habeohalso mit meinem Buch über
die Laienanalyse bei meinen Freunden
nichts erreicht, sie setzen das Standesinter-
esse über die analytische Gemeinschaft
u wollen nicht sehen, welchen Gefahren sie
die Zukunft der Analyse aussetzen. Die
IpV kann Oberh.’s Vorgehen als Eigenmächtig-
keit nicht zulassen. Sie hat ein Interesse
daran, daß solche Fragen von Vorstand
und Kongreß im Einvernehmen erledigt
wird.Durch Ihren Anschluß an Oberh.’s Neugründung
sind Sie also in Gefahr, den Zusam̄enhang
mit der IpV zu verlieren, wenn
Sie ihn nicht auf dem Wege der französ.
Gesellschaft aufrecht halten. Ich bedauere
das natürlich sehr, auch den Verlust der
anderen Mitglieder um Oberh., kann
aber dem Vorstand nicht zur Nach-
giebigkeit raten. Gern würde ich sie
von Oberh. verlangen, aber ich glaube er
ist unzugänglich. Ihnen und Ihren Nächsten
habe ich meine Ansicht wenigstens ohne
Rückhalt mitgeteilt. Die Zukunft der
Analyse liegt mir sehr am Herzen,
wenngleich ich nicht sehr viel von
ihr erleben werden.Mit herzlichen Grüßen für
Sie, Ihre liebe Frau, Flournoy und
Odier
Ihr
Freud