• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19. 

    25.2.12

    Sehr geehrter Herr Kollege

    Auch ich freue mich, endlich in persönlichen 
    Verkehr mit Ihnen zu treten. Vor einigen 
    Wochen glaubte ich bereits Sie in dem 
    Verfasser eines guten Feuilletons im 
    Amsterdamer Telegraaf zu erken̄en, 
    aber der wohnt in Amsterdam, u beginnt 
    seinen Vornamen mit J. anstatt mit A.

    Ihre Mittheilung war mir nun nach 
    verschiedenen Richtungen sehr inter-
    essant.  Die Arbeit von Kronfeld habe 
    ich auch gelesen, sie hat die typische philo-
    sophische Technik. Sie wissen, mit welcher 
    Sicherheit die Philosophen einander 
    widerlegen, nachdem sie sich weit genug 
    von der Erfahrung geflüchtet haben. 
    Dasselbe thut Kronfeld. Er erklärt, 
    unsere Erfahrungen bedeuteten gar nichts, 
    u dann widerlegt er uns spielend.

    Ihre Aufgabe auf dem niederländischen 
    Kongreß wird keine leichte sein. Gestatten 
    Sie mir die Meinung zu äußern, daß 
    sie besser anders, als Sie vorhaben, 
    erledigt werden könnte. Der Vorsatz 
    die Gesellschaft zu überzeugen oder 

  • S.

    zu suggeriren, hat zweierlei gegen sich. Erstens 
    beabsichtig er etwas Unmögliches, zweitens 
    entfernt er sich von dem Vorbild der ψα 
    Kur. Man muss eigentlich die Ärzte be-
    handeln wie unsere Kranken, sie also 
    nicht suggeriren, sondern ihre Widerstände 
    hervorrufen u den Konflikt einleiten. 
    Man erzielt auch niemals etwas anderes. 
    Wer dann dazu geeignet ist, der 
    kom̄t über das ersten „Nein“ der 
    Verdrängg, dann über das zweite u 
    dritte zu einem eigenen Verhältnis 
    zu den Dingen der ΨA, die anderen 
    bleiben in ihren Widerständen stecken, 
    bis sie auf dem Umweg über das An-
    wachsen der öffentlichen Meinung auch 
    umgestim̄t werden. Ich glaube also, man 
    muß sich begnügen, seinen Standpunkt 
    u seine Erfahrungen möglichst klar 
    u entschieden mitzuteilen, u sich aus 
    der Reaktion der Hörer möglichst wenig 
    zu machen.

    Eine Statistik, wie Sie sie wünschen, giebt 
    es nicht u kann es derzeit nicht geben. 
    Sie wissen es doch selbst. Zunächst arbeiten 
    wir mit viel kleineren Zalen als 
    andere, die dem Einzelnen soviel 
    weniger Zeit widmen. Sodann fehlt 
    die Gleichartigkeit, die allein Grund-
    lage einer Statistik sein kann. Sollen 

  • S.

    wir wirklich Äpfel, Birnen 
    u Nüße zusam̄enrechnen? 
    Was heißen wir einen schweren 
    Fall vor der Behand­lung? 
    Zudem kom̄t, daß ich meine 
    eigenen Resultate seit 
    20 Jahren nicht für gleich-
    artig anerken̄en darf, da 
    die Technik sich in dieser 
    Zeit von Grund auf verändert 
    hat. Und was sollten wir 
    mit den ungezälten Fällen 
    machen, die theilweise, nur 
    ein Stück weit analysirt 
    worden sind, und jenen, 
    bei denen die Fortsetzung 
    der Kur infolge äußerer 
    Hinderniße unmöglich wurde.

    Nein, eine Statistik unserer 
    Erfolge ist noch nicht möglich 
    Wir müßen uns auf Ein-
    drücke beschränken, die 

  • S.

    wir von einzelnen Fällen 
    empfangen haben, u die be-
    weisendsten unter ihnen 
    sind jene, die vorher 
    vergeblich mit den gebräuch-
    lichen Methoden behandelt 
    worden sind.

    Der therap. Gesichtspunkt 
    ist aber gewiß nicht der 
    einzige, der an der ΨA 
    Interesse verdient, nicht 
    einmal der wichtigste. So 
    ließe sich also viel darüber 
    sagen, auch ohne die Therapie 
    in den Vordergrund zu 
    rücken.

    Mit kollegialen Grüßen 
    u besten Wünschen 
    Ihr 
    Freud