• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN IX., BERGGASSE 19

    2 Okt 1922

    Lieber Herr Doktor

    Endlich zurück u eingerichtet 
    habe ich Ihren zweiten 
    Brief vor mir. Ich kann nicht 
    sagen, daß er mir keinen 
    Eindruck gemacht hat. Vor 
    allem sehe ich, wie unrecht ich 
    that, Ihnen einen Jung‑ähn-
    lichen Monismus zuzu-
    muten. Das bitte ich also 
    ab. Auch unterschreibe ich lachend
     Ihre Kritik meines Satzes vom 
    „Wendepunkt“, der besonders 
    verkürzt‑stupid ausgefallen 
    ist, so daß ich selbst nicht mehr 
    verstehe. Ich weiß aber, was 
    ich sagen wollte, woraus diese 
    Verdichtung entstanden ist. 
    Die scheinbare Annäherung an 
    Jung habe ich durch einen 
    in der zweiten Auflage ein-
    geschalteten Satz zurück-
    gewiesen.

    In der Hauptsache, die Libido 
    müße der Todestrieb sein 
    – Leben heisse Sterbenwollen – 

  • S.

    bin ich nicht weiter gekom̄en. Sie 
    sagen, Sie haben da einen 
    „felsenfesten“ Punkt, u das ist 
    nicht gut; meiner liegt vielleicht 
    anderswo. Eine Analyse ist leider 
    grundsätzlich kein Argument, sonst 
    würde ich sagen, die Gleichung 
    Leben = Sterben wollen sei 
    Ausdruck subjektiver Ein-
    stellung zum Leben, um die 
    es mir bei Ihnen sehr leid 
    thut. Aber Sie könnten ähnliches 
    erwidern.

    Ich schlage Ihnen vor, die jetzt 
    sterile Diskussion in 6 Monaten 
    (nach dem Erscheinen von Ich u Es) 
    wieder aufzunehmen.

    Ihr Widerspruch kränkt mich 
    aber nicht, sondern giebt 
    mir zu denken.

    Mit herzlichem Gruß 
    Ihr freundschaftlich 
    ergebener 
    Freud