• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19. 

    7.3.12

    Sehr geehrter Herr Kollege

    Sie verlangen keine Antwort, aber Ihr 
    Brief hat mich so sehr interessirt, daß 
    ich mir ungebeten eine Äußerung er-
    laube. Sie sind einer schwierigen Lage. 
    Ich glaube, Sie werden bei Cox nichts aus-
    richten, solange Sie nicht der Gegenübertragg 
    Herr geworden sind, sich nicht auf Indifferenz 
    gegen den Erfolg eingestellt werden haben. Sie 
    werden mein Bild kaum in der Anstalt 
    aufhängen dürfen, aber geben Sie acht, 
    da Sie nicht von seinen Widerständen s
    elbst irre gemacht werden.

    Sie werden ja Ihren Vorsatz der logischen 
    Bekämpfung der Einwände durchführen, 
    aber wol die Erfahrung machen, wie 
    wenig man damit, besonders bei einer 
    Menschenmenge erreicht.

    Der Widerspruch bei Bleuler ist eklatant, 
    fällt aber nur ihm selbst zur Last. Sonst 
    meine ich, daß es nicht gut ist, die Biologie 
    zur Richterin über die Psychologie zu 
    machen, sowenig wie die Anatomie, Physio-
    logie oder Philosophie. Die Psychologie 
    fara da se.  

  • S.

    Die Biologie hat uns übrigens die Charakteristik 
    von männlich u weiblich noch nicht geben 
    können – wenn sie nicht in den Fliess’schen 
    Zahlen 23 u 28 liegt. Mit der bürgerlich‑
    sozialen Unterscheidung der Geschlechter 
    wie sie Adler aufnim̄t, ist nichts als 
    Verwirrung u Verzerrung zu erreichen.

    Die Psychoanalyse für sich weist nicht auf 
    den Kampf der Geschlechter, sondern auf 
    den der beiden Grundtriebe als Aetiologie 
    der Neurosen hin. Wie es von da an 
    weiter in die biologische Sexualität 
    geht, wissen wir noch nicht.

    Indem ich Sie des wärmsten Anteils 
    an Ihren Bemühungen versichere, 
    bin ich Ihr herzlich ergebener 
    Freud