• S.

    PROF. DR. FREUD
    WIEN IX., BERGGASSE 19

    14. XI. 22

    Lieber Herr Doktor

    Was ich Ihnen heute schreibe, hätte ich eben-
    sogut vor 14 Tagen schreiben können, aber 
    ich bin meist nicht Herr meiner Zeit, was Sie 
    auch sonst zu meiner Entschuldigung gelten 
    lassen sollen.

    Es ist sonderbar, nein regelrecht, daß man 
    dort, wo man einmal einen Blunder ge-
    macht hat, auch ein anderes Mal mit einem 
    solchen fortsetzt. Ich habe Sie einmal misver-
    standen als ich meinte, Sie arbeiteten 
    – ähnlich wie Jung, aber nicht in seinem Sinne – 
    mit einer einzigen Urkraft.  Damals lag 
    eine Entschuldigg darin, dass ich durch die 
    gehäuften Vorträge perzeptiv geschwächt 
    mich in Ihrem nicht leichten Gedankengang 
    nicht zurecht fand. Das zweite Mal habe ich 
    aber ganz unsinnig, im Sinn einer Fehl-
    leistung, reagirt, denn ich wußte ja doch 
    immer, welches Ihre Gleichstellung war und 
    vergaß es nur ad hoc. Ich muß Sie also auch 
    diesmal um Entschuldigung bitten. Ursache 
    meiner affektiven Geistesstörung ist mir 
    noch unbekannt. Wahrscheinlich steckt 
    doch die eigene Unsicherheit dahinter, 
    eine Abneigung in Dingen die sich erst 
    konsolidiren wollen, gestört und zur 
    Entscheidung gedrängt zu werden.

    Ich muß mich nur hüten, einen dritten Irr-
    tum zu begehen, indem ich Ihnen vor-
    halte, Sie lassen mich selbst sagen „Leben 
    heißt Sterbenwollen“ (Jenseits S 26 [36?]), währ-
    end ich dort nur einen extremen Ge-
    dankengang ausführe, der dann auf S 37 
    zur Korrektur kommt. Ich weiß vielmehr, 
    Sie haben es auch nicht anders verstanden.

  • S.

    In der Sache selbst bin ich derzeit wirklich wie 
    fixirt und das Gegensatzpaar Eros (Libido) 
    — Todestrieb drängt sich mir immer stärker 
    auf.

    Was nun die Annäherung an Jung betrifft, 
    so soll mich der trügliche Anschein einer 
    solchen gar nicht stören, auch Sie nicht. Es ist 
    nicht zu vermeiden, daß man auf ähnlich 
    klingende Worte stößt, wenn man dasselbe 
    Objekt angreift, und es geht nicht an, ständig 
    der Moral oder dem „männlichen Protest“ 
    auszuweichen, weil Jung u Adler misverständ-
    liche Dinge über beide publizirt haben.

    Sie liegen jetzt auf meinem Weg, wo sie früher 
    nicht waren, und ich muß mich mit ihnen befassen. 
    Für den der urteilen will, sind die Unter-
    schiede zwischen Jung’s u meiner Auffassung 
    tiefgehend genug.  Wenn Sie dann im „Ich und Es“ 
    sogar eine Analogie zu Jung’s persönlichem 
    und generellem Ubw finden, so denken Sie, 
    daß ich meine Erfahrungen konsequent ent-
    wickelt, weder einen Rückschritt noch eine 
    Konzession gemacht habe, u wo sich eine An-
    näherg an Jung herstellt, sie weiter nicht 
    verabscheue. Was ihn von uns endgiltig 
    trennt, sind seine Tendenz und die Unter-
    schätzung des Infantilen, die zur Vernach-
    lässigg der Infantilanalyse u zur Ver-
    leugnung des Oedispus Komplexes führte.

    Ich habe Ihnen gleichzeitig für die Zusend-
    ung eines Vortrags zu danken, den 
    ich leider nicht einmal misverstehen 
    kann.

    Mit herzlichen Grüßen 
    Ihr 
    Freud