S.

[Kommentar von Ernst Falzeder zu diesem Brief. 
Auf Welcher Quelle seine Abschrift fußt, muss noch geklärt werden. 

"This letter from Dr Stärcke must have been dated before Freud's letter of 7.3.1912.  The gaps in this letter are breaks which existed already in the copy, after which the present copy has been made."]

Herrn Prof. Dr. S. Freud

Wien

Verehrter Meister!

Die ganze Geschichte der Versammlung und mein Referat daselbst ist nur eine Episode aus der psa Behandlung meines Chefs, Direktor Dr. Cox.  Er ist ein hochgenialer Neurotiker, und ist während der letzten 10 bis 15 Jahren die Seele des Niederländischen Vereins f. Ps. u. Neur. gewesen.  Er hat eine Suggestionskraft, wie ich sie nie bei einem anderen Menschen getroffen habe.  Er hatte vorher eine ziemlich starke Übertragung auf mich, die sich, seit ich so unvorsichtig war, ihm von der psa zu sprechen, in eine ¿¿¿  hat umgewandelt.  Ich habe die unglückliche Eigenschaft den Menschen ihre Konflikte bewusst zu machen, ob ich es wolle oder nicht.  Ich kenne seine Komplexe zum Teil sowie ich sie schliessen kann aus seinen zahllosen Alltagsbesonderheiten.  Er ist auch nahe daran, sie selber zu kennen, doch wehrt sich dagegen wie ein Verzweifelter.  Seine Reaktionen haben wegen seines Einflusses beinahe kosmischen Charakter.  Im Anfang kannte ich meine Gegenübertragung nicht, die mir erst bewusst wurde gelegentlich der Deutung einer hartnäckigen Ischias bei mir selbst (es war nl. keine Ischias, sondern eine [blotted]-algie; die tiefere Schicht enthielt den Schlüssel: sein ältester Sohn starb an Coxalgie.  Der Hass gegen diesen heisgeliebten Sohn, Abwehr der homosex. erot. Comp. war sein vornehmster Konflikt.  Diesen Hass hat er jetzt auch mich teilweise übertragen, wie erst seine Liebe d.h. nicht absolut, sondern anfänglich überwog  , jetzt die ¿¿¿  componente.  Ausserdem Reinlichkeitszwang und verschiedentlich lokalisierte Angst, Defäcationszeremoniell u.s.w.

In den wöchentlich Zusammenkünften der Utrechter Anstaltsärzten wird seit ½ Jahr nichts besprochen als Psa, wobei die übrigen Kollegen seine und ihre Widerstände aufstacheln.  Dabei will er mir immer Konfessionen machen, seine Träume auslegen lassen u.s.w. was ich stets verweigert habe, da ich durchsehe, dass er damit nur vorhat seine Selbstkenntnis in solcher Form zu bekommen, dass er im Stande sei sie mit mir über Bord zu werfen.

Seine eigene wissenschaftliche Arbeiten (er ist mit MOREL und SOMMER DER eigentliche Grundleger der Biopsychiatrie) sind auch alle Abwehrproduktionen.  In der letzten Zeit hat er sich in die Logik "geflüchtet" nach Ihrem trefflichen Terminus; er war schon soweit dass er Ihr vergrössertes Porträt in die Anstalt neben LOMBROSO, DARWIN, GALTON aufhängen lassen wollte; die Logik hat es wieder verdorben, und jetzt ist davon nicht mehr die Rede.

Er übertrifft mich weit in Intelligenz, hat eine sehr aggressive Natur, sodass es für mich eine Lebensfrage ist, seine Analyse fertig zu bringen.  Er muss sie aber selbst aussprechen, denn wenn ich es thue bevor er fertig ist, trifft mich das Schicksal des Porträts von DORIAN GRAY.  Es ist etwas missliches, Einen analysieren zu müssen, von dem man abhängig ist, und der sich dessen auch bewusst ist.

Er fühlt sich jedoch nicht stark, und nicht im Stande es allein zu halten, darum hat der die öffentliche Diskussion veranstaltet.  Er hofft durch die Mitwirkung der Menge sich zu sichern, einen Damm aufzuwerfen gegen das aufdringende Erkenntnis.

Ihm kann ich nur logisch etwas machen.  Ich habe mir auch schon die logische Widerlegung einiger Vorwürfe zurecht gemacht, z.B. des Vorwurfes des "Zirkelschlusses".  Mit anderen Entgegnungen weiss ich aber noch keinen Rat.  Es ist unverkennbar Widerspruch, wenn BLEULER das eine Mal sagt, die FREUDschen Mechanismen kämen nur bei Schizophrenie vor (was ich übrigens durchaus nicht bestätigen kann) und daneben eine stattliche Literatur über die FREUDschen Mechanismen bei anderen Psychosen besteht.

Dann habe ich selbst noch Widerstände biologischer Gestalt.  Die Annahme eines indifferenten Anfangsstadiums will sich in mir nicht vertragen mit der ganzen Keimplasmatheorie, die m.e. das von Anfang an bestehen von ♂ und ♀ gerichteter Energie gebieterisch fordert.  Dann aber würde Adler Recht haben, habe auch seine psychol. Ausarbeitung über das Ziel geschossen.  Ich kan noch nicht einsehen, warum man immer so auf WEININGER schilt, warum der Kampf der Teile im Organismus nicht ein Korrelat sein könnte der psychischen Konflikte.  Sind doch Mann und Weib die elementaren Arten, deren Zwischenrassen die Menschen sind.

Ich frage keine Antwort zudiesem.  Ich melde es Ihnen nur zu meiner Rechtfertigung darin, dass ich in einer Hinsicht von Ihrem Rat abweiche nl. den logischen Teil behalte.  Dieser Teil ist nur für COX bestimmt, und dient nicht zur Überzeugung, sondern ist eine Kraftdemonstration.  Übrigens werde ich ihn befolgen, und danke Ihnen bestens dafür dass Sie ihn mir haben erteilen wollen.

[Kommentar E. Falzeder: Hier Ende; Rechtschreibung, Syntax etc. wie im Original]