S.

[Abschrift Falzeder, auf welcher Quelle diese fußt, ist noch zu klären.]

4.9.1922

Verehrter Herr Professor,

Ich kann nicht umhin, Ihnen über den Eindruck, welchen ein Teil Ihres Buches "Jenseits des Lustprinzips" auf mich gemacht hat, zu schreiben, wo ich jetzt lange genug damit gewartet habe, um sicher zu sein dass die Einwirkung eine gründliche war.  Durch nicht-Befolgen einer Bestellung in allgemeinen Termen bekam ich die erste Auflage nicht zu sehen, und als ich vergangenen Winter das Buche (2e Auflage) zum ersten Male las, trafen mich Teile die das alte herrliche Gefühl erzeugten, das ich mich von Ihren Werken immer erinnere, andere Teil worüber ich meine Augen kaum vertraute.

Ich hatte früher aus Ihren werken den Eindruck bekommen, dass der nicht ausgesprochene systematische Gedanke, der als ein gewisser Kern darin schwebte, und nur nicht ausgesprochen wurde weil Sie die Systematik vermeiden wollten, etwa der wäre dass die Libido und ihr hypothetischer Antagonist, der Ich-Trieb, das Leben zusammensetzten, und es erschien mir selbstverständlich, dass die Libido als hypothetischer Komponent des phaenomenalen Geschlechtsaktes den Trieb zum Tode darstelle, der Ich-Trieb demgegenüber die Selbstbewahrung, die Verlängerung des individuellen Lebens bezwecke, und Geschlechtstriebe also nur als Hemmungsfaktor der ungebändigten Libido zum Zwekce der Entladungsbeschränkung und der Fortpflanzung betätigt seien.  So sicher war ich davon, dass ich in 1914 (1913 geschrieben) im Vorbericht der holl. Uebersetzung Ihrer Arbeiten "Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität" und "Zwangshandlungen und Religionsübung" die Sache so vorstellte und hinzufügte, dass es zwar nicht regelrecht von Ihnen ausgesprochen, aber doch zwischen den Zeilen zu lesen sei.

Als ich nun in Ihrem Buche gerade das Umgekehrte las, sass ich einfach verblüfft.  Jedesmal, wenn ich früher so glücklich war, ein neues Buch von Ihnen zu bekommen, las ich wiederholentlich Sachen,l die mir nicht einleuchten wollten, oder die mir übertrieben oder düster vorkamen.  Dann legte ich das Buch beiseite, nahm es nach Tagen oder Wochen wieder auf, und in der Zwischenzeit hatte der gesäte Gedanke dann seine Verbindungen gefunden, und konnte einverleibt werden.  Andere Male ging es auch dann noch nicht, und musste erst mein Schicksal mich durch Not gezwungen haben ein Stück meiner Selbstherrlichkeit zu opfern, und in der Vergangenheit noch nicht Bewusstes aufzufinden und meine Beschwerden als Neuauflagen früherer Konstruktionen oder Beschützungen rezenter Gewohnheiten oder Vorhaben zu erkennen, bevor ich im Stande war es zu begreifen.

Mit diesem Buche: "Jenseits des Lustprinzips" habe ich ebenso verfahren.  Ich habe es beiseite gelegt, nachdem ich lange darüber gedacht hatte, und dann habe ich mich zur Geologie des Siebengebirges gewandt.

Aber als ich zum Buche zurückkam war es noch unverändert und hat sich seitdem noch nicht geändert.  Alles war mir klar und deutlich war wenn die Libido der Todestrieb war, wurde unklar wenn diese Rolle den Ich-Trieben zufiele.

Und nun glaube ich nicht unterlassen zu dürfen, Ihnen meine Beschwerden mitzuteilen, da, nach Abzug der Portion meines Unbehagens, die aus diversen Widerständen stammen können, mein logischer Sinn noch unbefriedigt bleibt:

1.  Von Trieben und ihren Zwecken zu sprechen kann nur einen Sinn haben, wenn man damit individuelle Triebe meint.  Von einem Triebe zum Tode oder zum Leben im allgemeinen kann nicht die Rede sein.  Ein Individuum ist ein dynamisches Zentrum, nicht: ein Trieb zur Fortbestehung der Art oder zur Vervollkommnung der sonstigen Annahmen.  Mit der Fortpflanzung hat der Ich-Trieb also nicht viel zu schaffen.  Die Fortpflanzung ist ein gehemmtes nicht gelungenes Sterben. Der Geschlechtstrieb wirkt sicher nicht lebensverlängernd.

Es mutet mir an wie Sophistik wenn man den Geschlechtstrieb Lebenstrieb nennt weil er zum Erfolg hat dass das Leben der Art fortgesetzt wird, denn 1. ist dieses Leben das Leben der Anderen, der Trieb aber war der Trieb des Einen, und eben sein Leben wird nicht verlängert.  Und 2. habe ich es immer als einen hohen Genuss empfunden von Ihnen lernen zu dürfen, Geschlechtstrieb und Fortpflanzung begrifflich zu trennen und dem "Geschlechtstriebe" eine weit tiefere Beduetung beizumessen als es die ältere war, die nur den einen, mehr oder weniger akzidentellen Erfolg,die Fortpflanzung, und nicht den regelmässigen anderen Erfolg, die Entladung, ins Auge fasste.

Ihre neuerlichen Betrachtungen erscheinen mir fast wie ein Rückkehr zur alten Auffassung.

2. Das Sterben, die Agonie, zeigt immer niedrigere Stufen der Hemmung als das vorherige Leben (Krämpfe, Glucksen, Gähnen etc.).  Das stimmt besser mit einer Lebenstendenz der Hemmung als mit ihrer Todestendenz.  (Ich meine, was man beim Prozess des Sterbens beobachtet, ist ein Sinken der Hemmungsintensität (Sinken des Ich-Triebes).

3. Auch ohne weiteres leuchtet es ein, dass Bildung des Individuums nur von Zentripetal-Kräften und nicht von Zentrifugal-Kräften angeregt und unterhalten werden kann.

Die Zentripetal-Kräfte sind nun doch die Ich-Triebe.

4. Man misst zwar die Intensität des "Lebens" nach der Intensität des Stoffwechsels u.s.w. und Verbrennen ist doch gewiss Libidowirkung.  Das wäre also in Uebereinstimmung mit Ihrer Formel: Libido - Lebenstrieb.

Aber eben hier liegt der Knoten:

Das Phenomen: "Leben" besteht aus: Leben und Sterben.  Das Sterben des Individuums ist nicht ein auf ein einziges Augenblick beschränktes Ereignis, sondern findet fortwährend statt.

Und was man "intens Leben" heisst, ist eben der Faktor des Lebens der eigentlich "Sterben" geheissen werden sollte, die Intensität des Abbaues.  Der Faktor "Leben" entzieht sich mehr der Beobachtung und kommt eigentlich nur als Wachstum zu Tage, weil die Hemmung (Ich-Triebswirkung) für unsere Begriffe negativen Charakter hat und also begrifflich vernachlässigt wird.

5. Die intime Verbindung zwischen Sexualität und Tod spricht für: Libido = Todestrieb.

6. Tod und Mutter sind begrifflich beinahe identisch.  Sollte denn der Trieb zur Mutter Ich-Trieb sein?

Ich fühle mich sicher davon, dass Sie mir meinen Widerspruch nicht nur nicht übel nehmen werden, sondern sogar meine Gedanken mit demselben Wohlwollen betrachten werden, wie Sie es früher getan.

Es hat mir viel Zweifel und Nachdenken gekostet, bevor ich es wagte Ihnen mit der Entschlossenheit zu schreiben die ich in diesem Briefe fühle.  Ich troste mich damit, dass zum Verhalten des Sohnes doch auch etwas Auflehnung gegen den Vater gehört.

Vielleicht haben Sie die Güte mir meine etwaigen Fehler nachzuweisen, in Berlin z.B., wenn Sie dann nicht zu viel in Anspruch genommen sind, oder später.

Inzwischen grüsse ich Sie herzlich, Herr Professor, und bleibe
hochachtungsvoll
Ihr sehr ergebener 
Stärcke