S.

[Abschrift Ernst Falzeder; auf welcher Quelle diese fußt ist noch zu klären. 
Zur Datierung: Stärckes Antwort darauf (Brief von Freud vom 02.10.22); auch sich auf einen Vorfall beim Kongress beziehend; undated:]

Verehrter Herr Professor!

Ergebensten Dank für Ihren Brief, der mich aus meiner seit dem Kongresse bestehenden Unsicherheit erlöst.

Ich habe, nachdem Sie mir den betreffenden Vorwurf gemacht hatten, mehreren anwesenden Kollegen gefragt, ob sie in meinem Vortrage etwas dergleichen verspürt hatten, und da sie alle verneinend antworteten, wie auch mir selbst die Idee ganz fremd war, muszte ich zunächst annehmen, dasz entweder Ihr Gefühl mir gegenüber irgendeine Aehnlichkeit mit dem Gefühle gegen Jung habe, oder dasz der betreffende Gedanke mir längs irgendeines Projektionsweges zugeschoben werde, welche beiden Möglichkeiten für mich wenig Anziehendes hatten.

Ich möchte Ihnen gerne erzählen, wie es mit den Züricher Anpassungen bei uns gegangen ist.  Vielleicht erinnern Sie sich, dasz um 1912 Ihre Anhänger in Holland regelmässige Zusammenkünfte organisierten.  Wenn dann die Schweizer mildernden Modifikationen kamen, bedurfte ich nicht erst die Kritiken von Abraham, Jones, Ferenczi, umden rückläufigen Charakter dieser Neuerungen einzusehen, und fand darin in unserer zwangslosen holl. Gruppe nur bei van Emden Stütze, Von Ophuysen, Meyer, Van Renterghem, Van der Chys, waren in Zürich gewesen, und fühlten viel oder alles für die dortigen Ideen.  Mein Bruder, des unermüdlicher Optimismus einer seiner liebenswürdigsten Reize war, fühlte sich auch von der lebenskräftigen Lebenslüge der Züricher angezogen; er war indessen unsere erste Eroberung.  Ihm folgte Van Ophuysen, der dann mit seiner grossen Intelligenz und seiner ruhigen Besonnenheit in der Folge mit uns in der Bresche stand.  Manche leidenschaftliche Diskussion fand darüber statt; denn diese Konstruktionen nicht aus Wissenstrieb, sondern gerade um sich gegen Erkenntnis zu schützen aufgestellt waren, kommt man bei den Leuten nie damit fertig, umsomehr da, auch das gröszere Publikum nur zu glücklich ist seine behagliche narzisstische Ruhe, und zugleich die Illusion des Wissenstriebes und des Wissens behalten zu können.  1917 kam Meyer zu uns herüber, erst viel später Van Renthergem, der herzensgut absolut ehrlich und jugendlich enthousiast, aber auch sehr praktisch ist, und anfänglich in den schw. N. eine weitere therapeutische Möglichkeit sah, und van der Chys der noch etwas an Jung hing, und aus gediegener Vorsicht in der er uns übertrifft, nicht so rasch ein Urteil haben wollte.  Sie behielten beide eine Neigung um die Unterschiede mit dem Mantel der Liebe zu umhängen.  In den letzten Jahren wird das, glaube ich anders.

Inzwischen war in '17 die zwanglose Gesellschaft, nicht in jeder Hinsicht zu ihrem Vorteile, in die starrere Einheit einer Ortsgruppe übergegangen, in welcher gegen meinem Sinne auch der Züricher Van der Hoop aufgenommen wurde und zwar in der Hoffnung, dasz er sich auf der Dauer überzeugen lassen würde.  Diese Hoffnung ist nicht erfüllt worden, und noch vor wenig Wochen bat ich den Ortsgruppenvorstand, dem allein es zusteht, um auf Anlass des jüngsten Buches Van der Hoops die Ortsgruppe zu beantragen ihm deutlich zu machen dasz auf der Basis kein fruchtbares Zusammenarbeiten möglich sei.  Bei der Mehrzahl der Vorstandsmitgliedern sind aber die aggressiven Tendenzen ebensosehr zuviel gehend wie sie es bei mir vielleicht zu wenig sind, und so beschlossen sie vorläufig noch abzuwarten.

Ich melde Ihnen das alles so ausführlich, um Ihnen zu verdeutlichen, warum Ihr Vorwurf gerade  m i r  so besonders unerwartet kam.

Dabei kommt noch etwas.  In den letzten Jahren behauptete Van der Hoop wiederholentlich, dasz  S i e  sich stehts mehr dem Jung näherten.  Ich habe das immer mit einem gewissen Aerger zurückgewiesen. Van Emden erzählte mir, dass in Berlin eine Schülerin Jung's, der es gelungen war sich hineinzuschmuggeln, nach Ihrem Vortrage überall freudvoll erzählt habe, Sie fingen jetzt an einzusehen, dasz Jung doch Recht gehabt habe!  Wahrscheinlich liegt der Grund für solche Gerüchte darin, dasz gewisse Entscheidungen, wie die auf Seite 142 des "Jenseits des Lustprinzips" über die Natur der Sexualtriebe, und die neuerliche über das unbewusste Schuldgefühl, resp. sich wenn man will als Rückschritte deuten lassen.

Die Weise worauf doch im allgemeinen kluge, und analytisch vorgebildete Leute sich so relativ einfachen Problemen gegenüber, wie es die Jung'schen Fehler sind, verhalten, hat mir wieder deutlich vor Augen geführt, wiesehr die Wahrheit eines Individuums von seiner gesellschaftlichen Kaste abhängig ist.  So erkläre ich mir auch den "Wendepunkt", wie Sie es nannten, und frage mir ab, ob, neben anderen Ursachen, nicht die scheinbar entfernte Tatsache der Gründung der Int. psa. Vereinigung etwas damit zu schaffen haben könnte.  Kann die Wahrheit eines Helden dieselbe als die eines Königs sein?

Sie finden, dasz eine Diskussion über die Frage: Libido-Todestrieb oder Libido-Lebenstrieb jetzt steril sein müsse, weil ich da einen "felsenfesten" Punkt habe und der Ihrige vielleicht anderswo liegt.  Ich gehorsame natürlich, aber bitte um Erlaubnis um einen verhängnisvollen Irrtum aufzuklären.

In Ihrem letzten Briefe schrieben Sie nämlich, und zwar sogar zweimal, als  m e i n e  Meinung (als welcher Sie dann Ihr Mitleid mit meiner Stellung dem Leben gegenüber knüpften):  L e b e n = sterben wollen.

Das ist nun aber gerade was  S i e  gesagt haben: (Jenseits d. L. 2. Aufl. S. 36 z. 6 von unten)

Ich schrieb Ihnen:  l i e b e n  heisst sterben wollen.  Sollte ich das i fortgelassen haben, so wäre das eine recht unglückliche Fehlhandlung.  Die Möglichkeit eines Verlesens oder Verschreibens Ihrerseits dürfte aber auch in Betracht kommen.

Die Felsenfestigkeit dieses Punktes bestand auch nicht von Anfang an, sondern von den vielen vergeblichen Versuchen die Art des Liebesgefühles zu definieren, hat sich diese Formel im Kontakte mit andern, vor Allem mit Dichtern, erhärtet.

Gestatten Sie, dasz ich, um alle Miszverständnisse vorzubeugen, Ihnen übersetze, wie ich es die beiden Male dasz der Gegenstand von mir berührt wurde, ausgedruckt habe nl. in der Einleitung zur Uebersetzung Ihrer "Kulturelle Sexualmoral u. d. mod. Nerv." welche holl. 1914 erschien, und in einem eben erschienenen Vortrage im Januar zu Antwerpen gehalten, den ich mir erlaube Ihnen zugleich mit diesem zuzusenden.

.... F r e u d 's  Grundidee ist höchst einfach.  Er stellt sich die individuelle Seele, diese vergängliche Einheit, vor als die Resultante zweier kämpfenden Kräfte.

Der erstere, die er das "Ich-Trieb" nent, sucht die Energie aus dem Kosmos in das Individuum  a n z u h ä u f e n, strebt also nach Zentralisierung, nach Vergröszerungder individuellen Einheit, nach Verlängerung des individuellen Lebens.

Die zweite, die "Libido", strebt danach zu  g e b e n, die Individualität aufzuheben, um durch den Tod die Unendlichkeit zu erreichen.  Sie ist die geheimnisvolle Triebfeder von allem was wir Liebe nennen, die nageltragende Fors, wovon Ruskin spricht.  Sie arbeitet centrifugal, der "Ich-Trieb" centripetal: zum wechselnden Zusammenspiele der Beide sind alle Antriebe und Handlungen zurückzuführen.

Der "Ich-Trieb" muss im Keime anwesend gedacht werden; die "Libido" könnte als hauptsächlich aus Nachwirkung von lustvollen und unlustvollen Reizen, also aus der Umgebung herstammend, und zeitlebens mächtiger werdend aufgefasst werden.

Der anfänglich übermächtige "Ich-Trieb" verursacht ein rasches Anwachsen des Individuums, diese Schnelligkeit wird aber durch die zunehmende Libido immer mehr gemäszigt.

Endlich kommt es zu einem Gleichgewichtszustande: im Pubertätsalter hört das Wachstum auf -- d.h. die Abnahme hält mit der Zunahme gleichen Schritt -- und zugleich fängt die Funktion der Paarung an, welche biologisch wie psychologisch mit dem Sterben nahe verwandt ist.

Auf der frühesten Stufe tierischen Lebens sind beide sogar identisch, oder das Sterben folgt wenigstens immer der Paarung; die späteren Formen bekamen das Vermögen Paarung und Tod zu trennen, nicht so vollkommen aber dasz nicht eine symbolische Verbindung bestehen bliebe. Obowhl also der Paarung nicht mehr notwendigerweise der Tod folgt, geht mit jeder Paarung ein Rückschlag (Regression) des psychischen Lebens zusammen, die das Individuum für einen kurzen Augenblick in das primitive Lustleben zurückführt.  Je nachdem der Rückschlag tiefer geht, bekommt die Paarung mehr Kennzeichen des Sterbens, wird das psychische Individualbestehen darin mehr aufgehoben. Jede Regression vermindert die Kompliziertheit des psychischen Bestehens, und den Kraftaufwand um es auf Pegel zu halten; dadurch sind die psychischen Prozesse die mit der Paarung in Verbindung stehen, für die Seele ebensoviele Ruheperioden, die für ihre Entwicklung und ihre bleibende Gesundheit einen Wert haben dessen vollen Umfang wir noch nicht kennen, der aber ohne Zweifel sehr gross ist. . . . .

(Ich bemerke hierzu, dasz ich die Behauptungen in den mit ? angestrichenen Teilen[1] jetzt stark anzweifle, zum Teile sogar ganz zurückziehen muss.)

Aus "Der Weg zurück" 1922:

. . . . Liebe und Tod standen immer in unzerbrechlicher Verbindung mit einander.  Kamadewa vertrat Heide in der indischen Mythologie.  Th.  R e i k  hat 1911 die formellen, äuszeren, und psychologischen Ursachen dafür zusammengefasst.  Gegensätze vertreten einander gerne symbolisch, das ist  e i n  Grund.  In mehreren Religionen wird die sexuelle Lust zur Sünde und wird von Strafe gefolgt, daraus ergiebt sich dasz Liebe und Tod beide Angst auslösen.  Aus dem Kinderleben stammen noch mehrere psychologischen Motive, die Tod an Sexualität knüpfen z.B. die infantile Theorie (auch bei primitiven Stämmen vorkommend) dasz erst ein Familienmitglied sterben muss, bevor ein anderes zur Welt kommen kann.  Eine andere Theorie einzelner Kinder erblickt im intimen Umgange der Eltern den es nachts hört, ein Gefecht. Der innere Zusammenhang liegt weiter noch im Unsterblichkeitsgedanken. -  Alle diese Motive werden aber von einem viel weiter reichenden getragen.  Das Geschlechtsleben kümmert sich nicht um das individuelle Bestehen: in einem gewissen Sinne ist die Sexualität der grosse Feind unseres Lebens.  Die Psychoanalyse kommt zum Ergebnis, dass wir nicht streben nur um unseres Leben zu bleiben und es zu verlängern.  Wohl steht dieses Streben mit den meisten bewusstenVorstellungen in Verbindung, aber verdrängt kocht dahinter ein nicht weniger starkes Verlangen, das Verlangen um  n i c h t  zu sein.  Dieses Verlangen ist die Liebe.

In den Augenblicken, wenn wir wirklich glücklich sind, geht uns das Leben nichts an.  Wenn wir aussagen dasz wir gern intens leben wollen meinen wir eigentlich dasz wir intens sterben wollen. Wir wollen brennen, uns verschenken, mit dem Nicht-Ich verschmelzen.  Vielleicht begehren wir nichts so heftig als zu sterben.

Die Psychoanalyse ist dahin gelangt, diese beide: der Antrieb um das Leben zu verlängern, und jener andere Trieb der zu Tode will, als die beiden grossen Lebenselementen zu betrachten.

Wir begehren den Tod, nicht wenn wir unglücklich sind, sondern immerfort.  Wir hören seinen Ruf nicht, weil der innere Zensor der vom Lebenswillen regiert wird, es verhindert.  In jedem Augenblicke in welchem wir wirklich unser Bestehen fühlen, in jedem  s c h ö n e m  Augenblicke, in der Liebe, in der Kunst, oder in dem Mute, sind wir vom Lebenszwange befreit, dann ist für einen Augenblick die Bahn frei für unser Tiefstes, das immer bereit ist aber nicht darf.  Dann setzt sich in seinem weissen Glanze der Tod in uns auf den Thron.

Die Empfindung Schönheit zu erfahren, ist von allen Gefühlen am unmittelbarsten mit der Liebe und mit dem Todeswillen verbunden.

Künstler haben diesen Verband immer erkannt, ohne ihn auszusprechen.  Fortwährend zum Beispiel in den irischen Sagen die von A. RolandHolst hier eingeführt sind und in fast allen Versen dieses Dichters.  Bei  Boutens:

Süszer Tod dess reines Pfeifen 
Durch das verstillte Leben bohrt 
usw.

Auch sehr bewusst bei Henriette Roland Holst-van der Schalk, zB. (1918):

Wir fühlen in uns ein anderes Prinzip 
Als das Materielle, fühlen ein Prinzip 
In uns los vom Raume und ausser Zeit, 
das voller Andacht und begehrungsleer 
mein ebens Wesen ohne Kräuselung 
im Weltmeere des kosmischen Werdens 
zu ihrem Mysteriengrotte, o Tod, einkehre!

Und  A u g u s t i n u s :

O amare!  o ire! o sibi perire!  o ad Deum pervenire!

Das ist die Libido.

(Ich bemerke gleich, dasz in den angestrichenen Teilen[2] die hypothetische Libido, das unbewusste Todesverlangen sehr ungenügend von der bewussten narzisstischen Befriedigung unterschieden sind.)

Ihrem Wunsche gemäss, Herr Professor, plaidiere ich vorläufig nicht für meine Behauptung; doch fand ich es nötig Ihnen den Gedanken selbst etwas ausführlicher wenn auch noch sehr ungenügend vorzuführen, weil ich von Ihnen nicht gern missverstanden werden wollte.  Ich füge noch hinzu, dass Sie nicht zu fürchten brauchen dasz meine Behauptung lediglich der Projektion persönlicher noch nicht analytisch verstandener Eigentümlichkeiten zuzuschreiben sei.  Natürlich hat sie auch solche Wurzeln, und ich lasse keine Gelegenheit vorbeigehen um weiter darin zu kommen, aber das gilt von jeder wissenschaftlichen Behauptung: unser Weltbild wird immer eine Projektion unserer Triebe darstellen; nur der sekundäre Gewinn, die Brauchbarkeit, kann entscheiden.

Ich wünsche Ihnen ruhige Arbeit und empfehle mich in Ihrem Wohlwollen.

[1]                      ? fehlen in der Maschinabschrift.

[2]                      Fehlt in der Maschinabschrift.