S.

[Abschrift Ernst Falzeder; auf welcher Quelle diese fußt ist noch zu klären. 
Datierung: zwischen Mitte September 1922 und 25.9.1922 (Kongress)]

Verehrter Meister!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihren Brief und für die liebenswürdige Weise, in der Sie meine Insurgenz aufnehmen.

Sie würden aber fehl gehen, wenn Sie meinten, dass es meine Absicht sei, Ihren Speculationen im Grossen und Ganzen zu widersprechen.  Im Gegenteil, dieselben bewegen sich in Regionen in welchen auch meine Gedanken sich schon jahrelang - seit 1913 - bewegt haben, allerdings ohne Ihre Sicherheit.  Der Gedanke der Fortpflanzung, als Abstossung einer irgendwie mit Libido geladenen Substanz ist sogar ein Hauptgedanke meines Congressvortrages, wie Sie hören werden.  Da Sie aber vielleicht auch darüber sprechen wollen, habe ich diesen Punkt räumlich beschränkt.  Mein Widersprechen geht von einer inneren Beobachtung aus, die sich immer wieder befestigt fand: lieben heisst sterben wollen.  Das steht felsenfest in mir.  Der ganze Gedankensystem den sich, mit Ihrer Lehre als Basis um diese Beobachtungen herum, aufgebaut hat, ist bei mir im Laufe der Jahre derart eingeschliffen dasz ich es nicht gut mehr von Ihrer Lehre sondern kann.  Was ich widerspreche, ist dasz man Hemmung mit Todestrieb gleichsetzen soll.  Der Tod ist keine Ruhe, obwohl unser Sehnen es wünscht.  Der Tod ist nur das Verändern der gleichgerichteten Bewegungen der Teilchen in ein wirres Durcheinander; es ist das Ende des Massenverbandes der Teile.  Diese Masse, diese Gleichrichtung wurde aber nur durch Hemmung erzeugt und ermöglicht.  Nicht der Tod, sondern das Leben ist Erzeugnis der Hemmung.

Es ist hier derselbe Fall im Kleinen wie bei der Bildung der Gesellschaft im Grossen.  Wie Sie so schön auseinandergesetzt haben, wird die Bildung der Gesellschaft nur dadurch ermöglicht dasz eine weitgehende Bändigung der Triebe der Einzelnen stattgefunden hat.  Hemmung also.  Ich habe nun gemeint dasz Hemmung überhaupt die Funktion Ihres Ichtriebes war, und ich sehe das auch im "Jenseits" nicht anders aufgefasst.  Dann ist aber der Ich-Trieb kein Todestrieb, sondern der Gegenteil. -

Wenn Sie in Ihrem Briefe schreiben, dasz es der Todestrieb ist welcher im Ich herrscht, dann ist mir das ganz unverständlich.  Denn wenn der Tod das Ende des Ich bedeutet, kann im Ich kein Todestrieb herrschen, das wäre eine Contradictio in Terminis.  Im Ich kann nur der Ich-Trieb herrschen.

Das "Ich" ist doch nur die topographische Uebersetzung des "Ichtriebs".

Nur so wird es auch verständlich dass das Ich sich mittelst Reizschutz und motorischer Entladung, vielleicht auch materieller Entladung, gegen Zunahme seiner Libido schützt.  Das hat nur Sinn wenn die Libido der Todestrieb ist: das Ich in dem der Ichtrieb herrscht, und das nur solange fortbesteht als der Ich-Trieb herrschen bleibt, das nur so lange am Leben bleibt als der Lebens-Trieb siegt, - das ist doch so klar wie 2 x 2 = 4 - verteidigt sich gegen den von auszen her eingeleiteten Todestrieb (=Libido) mittels Reizschutz usw.  Würde der Tod Hemmung bedeuten, dann wäre es unmöglich dasz die nach dem Tode stattfindenden rhythmischen Muskelbewegungen, wie die Leichenstarre, einen frequenteren Rhytmus hätten als die Kontraktionen beim Lebenden, wie es tatsächlich der Fall ist, wenn man die Leichenstarre mit anderen tetanischen Kontraktionen gleichsetzen darf.

Einen zweiten Satz in Ihrem Briefe, den über die Entwicklung dieser "letzten Dinge" begreife ich auch nicht gut.  Sie schreiben:

"Der Wendepunkt der ganzen Entwicklung war die Aufstellung des Narziszmus und die Einsicht von der Entstehung der Objectlibido und Narzisz(Ich)Libido.  Von da an konnten die Ichtriebe, wenn man nicht die Jungschen Irrwege wandeln wollte, nicht mehr als verschieden von den Libidinösen gewertet werden."

Hierüber bin ich im stummen Staunen verfallen.  Denn ich meinte dasz einer der Junschen Irrwege eben der war, dasz er die beiden Triebsgruppen nicht mehr als verschieden wertete.

Die Erklärung des Narziszmus habe ich mir immer so vorgestellt dasz kleine Spaltungsbewegungen im Ich, Schöpfung kleiner Quantitäten Aussenwelt, unaufhörlich vor sich gingen und unaufhörlich gleich wieder ausgeglichen werden.  Ein Prozess also, nur durch die Kürze des Ausgleichweges und die geringe Dimension des Amplitudo von dem der Objektlibido verschieden.

Ich gebe gern zu, dasz dies nur ein Bild, und zwar ein höchst mangelhaftes Bild sein kann.

Vom Ich-Trieb dachte ich mir die Ich-Libido dadurch verschieden, dasz der Ichtrieb mittelst Hemmung und Reizschutz, die Ich-Libido durch Entladung die Vergrösserung des Ich bewirke, resp. eine Verkleinerung verhindere.

Jedenfalls habe ich eine Notwendigkeit, um die beiden Triebgruppen zusammen zu werfen, nie verspürt und würde ich es auch als einen Verlust betrachten, wenn es geschehen sollte.

Bin ich zu konservativ vielleicht?

Jedenfalls haben die Feinde der Psychoanalyse, - zB unser Mitglied van der Hoop - die Wandlung gut gemerkt.  Van der Hoop meinte sogar, Sie näherten sich jetzt wieder Jung.

Dasz die Libido der Todestrieb sei, und doch die Verkleinerung des Ich verhindere, ist kein Unsinn, wenn man die Möglichkeit berücksichtigt dasz kleine Teile des Ich, mit grossen Quantitäten Libido geladen, geopfert werden um den Rest möglichst reizlos zu erhalten, ganz die Idee des partiellen Todes also, die Sie auch schon hatten.

Ich glaube schliesslich, wenn man diesen Gedanken konsequent verfolge, kommt man ohne die Vorstellung von Elementar-Seelen (molekular-zellular u.s.w.) nicht aus. -

Sie waren so freundlich, Herr Professor, um mich zu antworten, noch vor dem Kongress.  Glauben Sie nicht, dasz ich mit diesem Briefe einen zweiten Angriff auf Ihre Ferienruhe im Sinne habe.  Ich habe nur das Bedürfnis mich Ihnen gegenüber darüber auszusprechen, und hatte im Sommeranfang den Plan, dazu zu Ihnen in Gastein zu kommen.  Der Tod meiner Schwiegermutter hat Sie davon gerettet, obwohl es nicht sicher ist, dasz ich wenn einmal in Gastein, den Mut gefunden hätte, Sie aufzusuchen, um über meine Beschwerden zu sprechen, die ich selbst wenn genügend kritisch gestimmt, ohne Interesse für jemand in der Welt finde.  Was Ihren letzten Satz betrifft, Sie werden mir wohl glauben, dasz die Libido-geladene Substanz, die Sie von Zeit zu Zeit abstoszen, meinem Ich-Triebe genug zu tun gibt, um mir meine Kleinheit gehörig einzuschärfen

Mit meinen besten Grüssen 
Hochachtungsvoll 
Ihr ergebener 
Stärcke