»Selbstdarstellung«1925-041/1928
  • S.

    III

    Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von der Hypnose frei,
    aber mit dem Wechsel der Technik änderte auch die kathartische
    Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose hatte ein Kräftespiel verdeckt,
    welches sich nun enthüllte, dessen Erfassung der Theorie eine
    sichere Begründung gab.

    Woher kam es nur, daß die Kranken so viel Tatsachen des
    äußeren und inneren Erlebens vergessen hatten, und diese doch
    erinnern konnten, wenn man die beschriebene Technik auf sie
    anwendete? Auf diese Fragen erteilte die Beobachtung erschöpfende
    Antwort. All das Vergessene war irgendwie peinlich gewesen, ent-
    weder schreckhaft oder schmerzlich oder beschämend für die An-
    sprüche der Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst der Ge-
    danke auf: gerade darum sei es vergessen worden, d. h. nicht
    bewußt geblieben. Um es doch wieder bewußt zu machen, mußte
    man etwas in dem Kranken überwinden, was sich sträubte, mußte
    man eigene Anstrengung aufwenden, um ihn zu drängen und
    zu nötigen. Die vom Arzt erforderte Anstrengung war verschieden
    groß für verschiedene Fälle, sie wuchs im geraden Verhältnis
    zur Schwere des zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des Arztes
    war offenbar das Maß für einen Widerstand des Kranken.
    Man brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen, was man selbst
    verspürt hatte, und man war im Besitz der Theorie der Ver-
    drängung.

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    Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht rekonstruieren. Um
    beim einfachsten Beispiel zu bleiben, es war im Seelenleben eine
    einzelne Stre-
    bung aufgetreten, der aber mächtige andere wider-
    strebten. Der nun entstehende seelische Konflikt sollte nach unserer
    Erwartung so verlaufen, daß die beiden dynamischen Größen —
    heißen wir sie für unsere Zwecke: Trieb und Widerstand — eine
    Weile unter stärkster Anteilnahme des Bewußtseins miteinander
    rangen, bis der Trieb abgewiesen, seiner Strebung die Energie-
    besetzung entzogen war. Das wäre die normale Erledigung. Bei
    der Neurose hatte aber — aus noch unbekannten Gründen — der
    Konflikt einen anderen Ausgang gefunden. Das Ich hatte sich so-
    zusagen beim ersten Zusammenstoß von der anstößigen Triebregung
    zurückgezogen, ihr den Zugang zum Bewußtsein und zur direkten
    motorischen Abfuhr versperrt, dabei hatte sie aber ihre volle Energie-
    besetzung behalten. Diesen Vorgang nannte ich Verdrängung; er
    war eine Neuheit, nichts ihm Ähnliches war je im Seelenleben
    erkannt worden. Er war offenbar ein primärer Abwehrmechanis-
    mus, einem Fluchtversuch vergleichbar, erst ein Vorläufer der
    späteren normalen Urteils-
    erledigung. An den ersten Akt der Ver-
    drängung knüpften weitere Folgen an. Erstens mußte sich das Ich
    gegen den immer bereiten Andrang der verdrängten Regung durch
    einen permanenten Aufwand, eine Gegenbesetzung, schützen
    und verarmte dabei, anderseits konnte sich das Verdrängte, das nun
    unbewußt war, Abfuhr und Ersatzbefriedigung auf Umwegen
    schaffen und solcherart die Absicht der Verdrängung zum Scheitern
    bringen. Bei der Konversionshysterie führte dieser Umweg in die
    Körperinnervation, die verdrängte Regung brach an irgendeiner
    Stelle durch und schuf sich die Symptome, die also Kompromiß-
    ergebnisse waren, zwar Ersatzbefriedigungen, aber doch entstellt
    und von ihrem Ziele abgelenkt durch den Widerstand des Ichs.

    Die Lehre von der Verdrängung wurde zum Grundpfeiler des
    Verständnisses der Neurosen. Die therapeutische Aufgabe mußte
    nun anders gefaßt werden, ihr Ziel war nicht mehr das „Abrea-

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    gieren“ des auf falsche Bahnen geratenen Affekts, sondern die
    Aufdeckung der Verdrängungen und deren Ablösung durch Urteils-
    leistungen, die in Annahme oder Verwerfung des damals Abge-
    wiesenen ausgehen konnten. Ich trug der neuen Sachlage Rech-
    nung, indem ich das Verfahren zur Untersuchung und Heilung
    nicht mehr Katharsis, sondern Psychoanalyse benannte.

    Man kann von der Verdrängung wie von einem Zentrum ausgehen und
    alle Stücke der psychoanalytischen Lehre mit ihr in Verbindung bringen.
    Vorher will ich aber noch eine Bemerkung polemischen Inhalts machen.
    Nach der Meinung Janets war die Hysterika eine arme Person, die infolge
    einer konstitutionellen Schwäche ihre seelischen Akte nicht zusammenhalten
    konnte. Darum verfiel sie der seelischen Spaltung und der Einengung des
    Bewußtseins. Nach den Ergebnissen der psychoanalytischen Untersuchungen
    waren diese Phänomene aber Erfolg dynamischer Faktoren, des seelischen
    Konflikts und der vollzogenen Verdrängung. Ich meine, dieser Unterschied
    ist weittragend genug und sollte dem immer wiederholten Gerede ein Ende
    machen, was an der Psychoanalyse wertvoll sei, schränke sich auf eine
    Entlehnung Janetscher Gedanken ein. Meine Darstellung muß dem Leser
    gezeigt haben, daß die Psychoanalyse von den Janetschen Funden in histori-
    scher Hinsicht völlig unabhängig ist, wie sie auch inhaltlich von ihnen
    abweicht und weit über sie hinausgreift. Niemals wären auch von den
    Arbeiten Janets die Folgerungen ausgegangen, welche die Psychoanalyse
    so wichtig für die Geisteswissenschaften gemacht und ihr das allgemeinste
    Interesse zugewendet haben. Janet selbst habe ich immer respektvoll be-
    handelt, weil seine Entdeckungen ein ganzes Stück weit mit denen Breuers
    zusammentrafen, die früher gemacht und später veröffentlicht worden waren.
    Aber als die Psychoanalyse Gegenstand der Diskussion auch in Frankreich
    wurde, hat Janet sich schlecht benommen, geringe Sachkenntnis gezeigt
    und unschöne Argumente gebraucht. Endlich hat er sich in meinen Augen
    bloßgestellt und sein Werk selbst entwertet, indem er verkündete, wenn
    er von „unbewußten“ seelischen Akten gesprochen, so habe er nichts damit
    gemeint, es sei bloß „une manière de parler“ gewesen.

    Die Psychoanalyse wurde aber durch das Studium der pathogenen
    Verdrängungen und anderer noch zu erwähnender Phänomene
    gezwungen, den Begriff des „Unbewußten“ ernst zu nehmen. Für
    sie war alles Psychische zunächst unbewußt, die Bewußtseinsqualität

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    konnte dann dazukommen oder auch wegbleiben. Dabei stieß man
    freilich mit dem Widerspruch der Philosophen zusammen, für die
    „bewußt“ und „psychisch“ identisch war, und die beteuerten, sie
    könnten sich so ein Unding wie das „unbewußte Seelische“ nicht
    vorstellen. Es half aber nichts, man mußte sich achselzuckend über
    diese Idiosynkrasie der Philosophen hinaussetzen. Die Erfahrungen
    am pathologischen Material, das die Philosophen nicht kannten,
    über die Häufigkeit und Mächtigkeit solcher Regungen, von denen
    man nichts wußte und die man wie irgendeine Tatsache der
    Außenwelt erschließen mußte, ließen keine Wahl. Man konnte
    dann geltend machen, daß man nur am eigenen Seelenleben tat,
    was man immer schon für das anderer getan hatte. Man schrieb
    doch auch der anderen Person psychische Akte zu, obwohl man
    kein unmittelbares Bewußtsein von diesen hatte und sie aus Äuße-
    rungen und Handlungen erraten mußte. Was aber beim anderen
    recht ist, das muß auch für die eigene Person billig sein. Will
    man dies Argument weiter treiben und daraus ableiten, daß die
    eigenen verborgenen Akte eben einem zweiten Bewußtsein angehören,
    so steht man vor der Konzeption eines Bewußtseins, von dem man
    nichts weiß, eines unbewußten Bewußtseins, was doch kaum ein
    Vorteil gegen die Annahme eines unbewußten Psychischen ist.
    Sagt man aber mit anderen Philosophen, man würdige die patho-
    logischen Vorkommnisse, nur sollten die diesen zugrunde liegenden
    Akte nicht psychisch, sondern psychoid geheißen werden, so läuft
    die Differenz auf einen unfruchtbaren Wortstreit hinaus, in dem
    man sich doch am zweckmäßigsten für die Beibehaltung des Aus-
    drucks „unbewußt psychisch“ entscheidet. Die Frage, was dies
    Unbewußte an sich sei, ist dann nicht klüger und aussichtsreicher
    als die andere, frühere, was das Bewußte sei.

    Schwieriger wäre es, in kurzem darzustellen, wie die Psycho-
    analyse dazu gekommen ist, das von ihr anerkannte Unbewußte
    noch zu gliedern, es in ein Vorbewußtes und in ein eigentlich
    Unbewußtes zu zerlegen. Es mag die Bemerkung genügen, daß

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    es legitim erschien, die Theorien, welche direkter Ausdruck der
    Erfahrung sind, durch Hypothesen zu ergänzen, welche zur Be-
    wältigung des Stoffes zweckdienlich sind und sich auf Verhältnisse
    beziehen, die nicht Gegenstand unmittelbarer Beobachtung werden
    können. Man pflegt auch in älteren Wissenschaften nicht anders
    zu verfahren. Die Gliederung des Unbewußten hängt mit dem
    Versuch zusammen, sich den seelischen Apparat aus einer Anzahl
    von Instanzen oder Systemen aufgebaut zu denken, von deren
    Beziehung zueinander man in räumlicher Ausdrucksweise spricht,
    wobei aber ein Anschluß an die reale Hirnanatomie nicht gesucht
    wird. (Der sogenannte topische Gesichtspunkt.) Solche und ähnliche
    Vorstellungen gehören zu einem spekulativen Überbau der Psycho-
    analyse, von dem jedes Stück ohne Schaden und Bedauern geopfert
    oder ausgetauscht werden kann, sobald eine Unzulänglichkeit er-
    wiesen ist. Es bleibt genug zu berichten übrig, was der Beobachtung
    näher steht.

    Ich habe schon erwähnt, daß die Forschung nach den Veran-
    lassungen und Begründungen der Neurose mit immer steigender
    Häufigkeit auf Konflikte zwischen den sexuellen Regungen der
    Person und den Widerständen gegen die Sexualität führte. Bei der
    Suche nach den pathogenen Situationen, in denen die Verdrängungen
    der Sexualität eingetreten waren, und aus denen die Symptome als
    Ersatzbildungen des Verdrängten stammten, wurde man in immer
    frühere Lebenszeiten des Kranken zurückgeleitet und langte endlich
    in dessen ersten Kindheitsjahren an. Es ergab sich, was Dichter
    und Menschenkenner immer behauptet hatten, daß die Eindrücke
    dieser frühen Lebensperiode, obwohl sie meist der Amnesie verfallen,
    unvertilgbare Spuren in der Entwicklung des Individuums zurück-
    lassen, insbesondere daß sie die Disposition für spätere neurotische
    Erkrankungen festlegen. Da es sich aber in diesen Kindererlebnissen
    immer um sexuelle Erregungen und um Reaktion gegen dieselben
    handelte, stand man vor der Tatsache der infantilen Sexualität,
    die wiederum eine Neuheit und einen Widerspruch gegen eines

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    SIGM. FREUD

    Medaille von C. M. Schwerdtner jun.

    (1906)

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    der stärksten Vorurteile der Menschen bedeutete. Die Kindheit sollte
    ja „unschuldig“ sein, frei von geschlechtlichen Gelüsten, und der
    Kampf mit dem Dämon „Sinnlichkeit“ erst mit dem Sturm und
    Drang der Pubertät einsetzen. Was man von sexuellen Betätigungen
    gelegentlich an Kindern hatte wahrnehmen müssen, faßte man als
    Zeichen von Degeneration, vorzeitiger Verderbtheit oder als kuriose
    Laune der Natur auf. Wenige der Ermittlungen der Psychoanalyse
    haben eine so allgemeine Ablehnung gefunden, einen solchen Aus-
    bruch von Entrüstung hervorgerufen wie die Behauptung, daß die
    Sexualfunktion vom Anfang des Lebens an beginne und schon in
    der Kindheit sich in wichtigen Erscheinungen äußere. Und doch
    ist kein anderer analytischer Fund so leicht und so vollständig zu
    erweisen.

    Ehe ich weiter in die Würdigung der infantilen Sexualität ein-
    gehe, muß ich eines Irrtums gedenken, dem ich eine Weile ver-
    fallen war und der bald für meine ganze Arbeit verhängnisvoll
    geworden wäre. Unter dem Drängen meines damaligen technischen
    Verfahrens reproduzierten die meisten meiner Patienten Szenen aus
    ihrer Kindheit, deren Inhalt die sexuelle Verführung durch einen
    Erwachsenen war. Bei den weiblichen Personen war die Rolle des
    Verführers fast immer dem Vater zugeteilt. Ich schenkte diesen Mit-
    teilungen Glauben und nahm also an, daß ich in diesen Erleb-
    nissen sexueller Verführung in der Kindheit die Quellen der späteren
    Neurose aufgefunden hatte. Einige Fälle, in denen sich solche Be-
    ziehungen zum Vater, Oheim oder älteren Bruder bis in die Jahre
    sicherer Erinnerung fortgesetzt hatten, bestärkten mich in meinem
    Zutrauen. Wenn jemand über meine Leichtgläubigkeit mißtrauisch
    den Kopf schütteln wollte, so kann ich ihm nicht ganz unrecht
    geben, will aber vorbringen, daß es die Zeit war, wo ich meiner
    Kritik absichtlich Zwang antat, um unparteiisch und aufnahms-
    fähig für die vielen Neuheiten zu bleiben, die mir täglich ent-
    gegentraten. Als ich dann doch erkennen mußte, diese Verführungs-
    szenen seien niemals vorgefallen, seien nur Phantasien, die meine
    Freud XI.

  • S.

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    Patienten erdichtet, die ich ihnen vielleicht selbst aufgedrängt hatte,
    war ich eine Zeitlang ratlos. Mein Vertrauen in meine Technik
    wie in ihre Ergebnisse erlitt einen harten Stoß; ich hatte doch
    diese Szenen auf einem technischen Wege, den ich für korrekt
    hielt, gewonnen und ihr Inhalt stand in unverkennbarer Beziehung
    zu den Symptomen, von denen meine Untersuchung ausgegangen
    war. Als ich mich gefaßt hatte, zog ich aus meiner Erfahrung die
    richtigen Schlüsse, daß die neurotischen Symptome nicht direkt an
    wirkliche Erlebnisse anknüpften, sondern an Wunschphantasien, und
    daß für die Neurose die psychische Realität mehr bedeute als die
    materielle. Ich glaube auch heute nicht, daß ich meinen Patienten
    jene Verführungsphantasien aufgedrängt, „suggeriert“ habe. Ich war
    da zum erstenmal mit dem Ödipus-
    Komplex zusammengetroffen, der späterhin eine so überragende Bedeutung gewinnen sollte, den
    ich aber in solch phantastischer Verkleidung noch nicht erkannte.
    Auch blieb der Verführung im Kindesalter ihr Anteil an der Ätiologie,
    wenngleich in bescheidenerem Ausmaß, gewahrt. Die Verführer waren
    aber zumeist ältere Kinder gewesen.

    Mein Irrtum war also der nämliche gewesen, wie wenn jemand
    die Sagengeschichte der römischen Königszeit nach der Erzählung
    des Livius für historische Wahrheit nehmen würde, anstatt für
    das, was sie ist, eine Reaktionsbildung gegen die Erinnerung armseliger,
    wahrscheinlich nicht immer rühmlicher Zeiten und Verhältnisse.
    Nach der Aufhellung des Irrtums war der Weg zum
    Studium des infantilen Sexuallebens frei. Man kam da in die Lage,
    die Psychoanalyse auf ein anderes Wissensgebiet anzuwenden, aus
    ihren Daten ein bisher unbekanntes Stück des biologischen Ge-
    schehens zu erraten.

    Die Sexualfunktion war von Anfang an vorhanden, lehnte sich
    zunächst an die anderen lebenswichtigen Funktionen an und machte
    sich dann von ihnen unabhängig; sie hatte eine lange und kom-
    plizierte Entwicklung durchzumachen, bis aus ihr das wurde, was
    als das normale Sexualleben des Erwachsenen bekannt war. Sie

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    äußerte sich zuerst als Tätigkeit einer ganzen Reihe von Trieb-
    komponenten, welche von erogenen Körperzonen abhängig
    waren, zum Teil in Gegensatzpaaren auftraten (Sadismus – Maso-
    chismus, Schautrieb – Exhibitionslust), unabhängig voneinander auf
    Lustgewinn ausgingen und ihr Objekt zumeist am eigenen Körper
    fanden. Sie war also zuerst nicht zentriert und vorwiegend auto-
    erotisch. Später traten Zusammenfassungen in ihr auf; eine erste
    Organisationsstufe stand unter der Vorherrschaft der oralen Kom-
    ponenten, dann folgte eine sadistisch-anale Phase und erst die
    spät erreichte dritte Phase brachte den Primat der Genitalien,
    womit die Sexualfunktion in den Dienst der Fortpflanzung trat.
    Während dieser Entwicklung wurden manche Triebanteile als für
    diesen Endzweck unbrauchbar beiseite gelassen oder anderen Ver-
    wendungen zugeführt, andere von ihren Zielen abgelenkt und in
    die genitale Organisation übergeleitet. Ich nannte die Energie der
    Sexualtriebe – und nur diese – Libido. Ich mußte nun an-
    nehmen, daß die Libido die beschriebene Entwicklung nicht immer
    tadellos durchmacht. Infolge der Überstärke einzelner Komponenten
    oder frühzeitiger Befriedigungserlebnisse kommt es zu Fixierungen
    der Libido an gewissen Stellen des Entwicklungsweges. Zu diesen
    Stellen strebt dann die Libido im Falle einer späteren Verdrängung
    zurück (Regression) und von ihnen aus wird auch der Durch-
    bruch zum Symptom erfolgen. Eine spätere Einsicht fügte hinzu,
    daß die Lokalisation der Fixierungsstelle auch entscheidend ist für
    die Neurosenwahl, für die Form, in der die spätere Erkrankung
    auftritt.

    Neben der Organisation der Libido geht der Prozeß der Objekt-
    findung einher, dem eine große Rolle im Seelenleben vorbehalten
    ist. Das erste Liebesobjekt nach dem Stadium des Autoerotismus
    wird für beide Geschlechter die Mutter, deren nährendes Organ wahr-
    scheinlich anfänglich vom eigenen Körper nicht unterschieden wurde.
    Später, aber noch in den ersten Kinderjahren, stellt sich die Relation
    des Ödipus-Komplexes her, in welcher der Knabe seine sexuellen

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    Wünsche auf die Person der Mutter konzentriert und feindselige
    Regungen gegen den Vater als Rivalen entwickelt. In analoger
    Weise stellt sich das kleine Mädchen ein, alle Variationen und Ab-
    folgen des Ödipus-Komplexes werden bedeutungsvoll, die angeborene
    bisexuelle Konstitution macht sich geltend und vermehrt die An-
    zahl der gleichzeitig vorhandenen Strebungen. Es dauert eine ganze
    Weile, bis das Kind über die Unterschiede der Geschlechter Klarheit
    gewinnt; in dieser Zeit der Sexualforschung schafft es sich typische
    Sexualtheorien, die, abhängig von der Unvollkommenheit der
    eigenen körperlichen Organisation, Richtiges und Falsches vermögen
    und die Probleme des Geschlechtslebens (das Rätsel der Sphinx:
    woher die Kinder kommen) nicht lösen können. Die erste Objekt-
    wahl des Kindes ist also eine inzestuöse. Die ganze hier be-
    schriebene Entwicklung wird rasch durchlaufen. Der merkwürdigste
    Charakter des menschlichen Sexuallebens ist sein zweizeitiger An-
    satz mit dazwischenliegender Pause. Im vierten und fünften Lebens-
    jahr erreicht es einen ersten Höhepunkt, dann aber vergeht diese Früh- blüte der Sexualität, die bisher lebhaften Strebungen verfallen der
    Verdrängung und es tritt die bis zur Pubertät dauernde Latenz-
    zeit ein, während welcher die Reaktionsbildungen der Moral, der
    Scham, des Ekels aufgerichtet werden. Die Zweizeitigkeit der Sexual-
    entwicklung scheint von allen Lebewesen allein dem Menschen zu-
    zukommen, sie ist vielleicht die biologische Bedingung seiner Dis-
    position zur Neurose. Mit der Pubertät werden die Strebungen und
    Objektbesetzungen der Frühzeit wieder belebt, auch die Gefühls-
    bindungen des Ödipus-Komplexes. Im Sexualleben der Pubertät
    ringen miteinander die Anregungen der Frühzeit und die Hem-
    mungen der Latenzperiode. Noch auf der Höhe der infantilen
    Sexualentwicklung hatte sich eine Art von genitaler Organisation
    hergestellt, in der aber nur das männliche Genitale eine Rolle
    spielte, das weibliche unentdeckt geblieben war (der sogenannte
    phallische Primat). Der Gegensatz der Geschlechter hieß damals
    noch nicht männlich oder weiblich, sondern: im Besitze eines

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    Penis oder kastriert. Der hier anschließende Kastrationskom-
    plex wird überaus bedeutsam für die Bildung von Charakter und
    Neurose.

    In dieser verkürzten Darstellung meiner Befunde über das mensch-
    liche Sexualleben habe ich dem Verständnis zuliebe vielfach zu-
    sammengetragen, was zu verschiedenen Zeiten entstand und als
    Ergänzung oder Berichtigung in die aufeinanderfolgenden Auflagen
    meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ Aufnahme fand.
    Ich hoffe, es läßt sich aus ihr leicht entnehmen, worin die oft betonte
    und beanstandete Erweiterung des Begriffes Sexualität besteht. Diese
    Erweiterung ist eine zweifache. Erstens wird die Sexualität aus
    ihren allzu engen Beziehungen zu den Genitalien gelöst und als
    eine umfassendere, nach Lust strebende Körperfunktion hingestellt,
    welche erst sekundär in den Dienst der Fortpflanzung tritt; zweitens
    werden zu den sexuellen Regungen alle die bloß zärtlichen und
    freundschaftlichen gerechnet, für welche unser Sprachgebrauch das
    vieldeutige Wort „Liebe“ verwendet. Allein ich meine, diese Er-
    weiterungen sind nicht Neuerungen, sondern Wiederherstellungen,
    sie bedeuten die Aufhebung von unzweckmäßigen Einengungen
    des Begriffes, zu denen wir uns haben bewegen lassen. Die Los-
    lösung der Sexualität von den Genitalien hat den Vorteil, daß sie
    uns gestattet, die Sexualbetätigung der Kinder und der Perversen
    unter dieselben Gesichtspunkte zu bringen wie die der normalen
    Erwachsenen, während die erstere bisher völlig vernachlässigt, die
    andere zwar mit moralischer Entrüstung, aber ohne Verständnis
    aufgenommen wurde. Der psychoanalytischen Auffassung erklären
    sich auch die absonderlichsten und abstoßendsten Perversionen als
    Äußerung von sexuellen Partialtrieben, die sich dem Genitalprimat
    entzogen haben und wie in den Urzeiten der Libidoentwicklung
    selbständig dem Lusterwerb nachgehen. Die wichtigste dieser Per-
    versionen, die Homosexualität, verdient kaum diesen Namen. Sie
    führt sich auf die konstitutionelle Bisexualität und auf die Nach-
    wirkung des phallischen Primats zurück; durch Psychoanalyse kann

  • S.

    150

    man bei jedermann ein Stück homosexueller Objektwahl nachweisen.
    Wenn man die Kinder „polymorph pervers“ genannt hat, so war
    das nur eine Beschreibung in allgemein gebräuchlichen Ausdrücken;
    eine moralische Wertung sollte damit nicht ausgesprochen werden.
    Solche Werturteile liegen der Psychoanalyse überhaupt fern.

    Die andere der angeblichen Erweiterungen rechtfertigt sich durch
    den Hinweis auf die psychoanalytische Untersuchung, welche zeigt,
    daß all diese zärtlichen Gefühlsregungen ursprünglich vollsexuelle
    Strebungen waren, die dann „zielgehemmt“ oder „sublimiert“ worden
    sind. Auf dieser Beeinflußbarkeit und Ablenkbarkeit der Sexual-
    triebe beruht auch ihre Verwendbarkeit für mannigfache kulturelle
    Leistungen, zu denen sie die bedeutsamsten Beiträge stellen.

    Die überraschenden Ermittlungen über die Sexualität des Kindes
    wurden zunächst durch die Analyse Erwachsener gewonnen, konnten
    aber später, etwa von 1908 an, durch direkte Beobachtungen an
    Kindern bis in alle Einzelheiten und in beliebigem Ausmaße bestätigt
    werden. Es ist wirklich so leicht, sich von den regulären sexuellen
    Betätigungen der Kinder zu überzeugen, daß man sich verwundert
    fragen muß, wie es die Menschen zustande gebracht haben, diese
    Tatsachen zu übersehen und die Wunschlegende von der asexuellen
    Kindheit solange aufrecht zu halten. Dies muß mit der Amnesie der
    meisten Erwachsenen für ihre eigene Kindheit zusammenhängen.