S.
III
Meine Erwartung erfüllte sich, ich wurde von der Hypnose frei,
aber mit dem Wechsel der Technik änderte auch die kathartische
Arbeit ihr Gesicht. Die Hypnose hatte ein Kräftespiel verdeckt,
welches sich nun enthüllte, dessen Erfassung der Theorie eine
sichere Begründung gab.Woher kam es nur, daß die Kranken so viel Tatsachen des
äußeren und inneren Erlebens vergessen hatten, und diese doch
erinnern konnten, wenn man die beschriebene Technik auf sie
anwendete? Auf diese Fragen erteilte die Beobachtung erschöpfende
Antwort. All das Vergessene war irgendwie peinlich gewesen, ent-
weder schreckhaft oder schmerzlich oder beschämend für die An-
sprüche der Persönlichkeit. Es drängte sich von selbst der Ge-
danke auf: gerade darum sei es vergessen worden, d. h. nicht
bewußt geblieben. Um es doch wieder bewußt zu machen, mußte
man etwas in dem Kranken überwinden, was sich sträubte, mußte
man eigene Anstrengung aufwenden, um ihn zu drängen und
zu nötigen. Die vom Arzt erforderte Anstrengung war verschieden
groß für verschiedene Fälle, sie wuchs im geraden Verhältnis
zur Schwere des zu Erinnernden. Der Kraftaufwand des Arztes
war offenbar das Maß für einen Widerstand des Kranken.
Man brauchte jetzt nur in Worte zu übersetzen, was man selbst
verspürt hatte, und man war im Besitz der Theorie der Ver-
drängung.S.
141
Der pathogene Vorgang ließ sich jetzt leicht rekonstruieren. Um
beim einfachsten Beispiel zu bleiben, es war im Seelenleben eine
einzelne Stre-
bung aufgetreten, der aber mächtige andere wider-
strebten. Der nun entstehende seelische Konflikt sollte nach unserer
Erwartung so verlaufen, daß die beiden dynamischen Größen —
heißen wir sie für unsere Zwecke: Trieb und Widerstand — eine
Weile unter stärkster Anteilnahme des Bewußtseins miteinander
rangen, bis der Trieb abgewiesen, seiner Strebung die Energie-
besetzung entzogen war. Das wäre die normale Erledigung. Bei
der Neurose hatte aber — aus noch unbekannten Gründen — der
Konflikt einen anderen Ausgang gefunden. Das Ich hatte sich so-
zusagen beim ersten Zusammenstoß von der anstößigen Triebregung
zurückgezogen, ihr den Zugang zum Bewußtsein und zur direkten
motorischen Abfuhr versperrt, dabei hatte sie aber ihre volle Energie-
besetzung behalten. Diesen Vorgang nannte ich Verdrängung; er
war eine Neuheit, nichts ihm Ähnliches war je im Seelenleben
erkannt worden. Er war offenbar ein primärer Abwehrmechanis-
mus, einem Fluchtversuch vergleichbar, erst ein Vorläufer der
späteren normalen Urteils-
erledigung. An den ersten Akt der Ver-
drängung knüpften weitere Folgen an. Erstens mußte sich das Ich
gegen den immer bereiten Andrang der verdrängten Regung durch
einen permanenten Aufwand, eine Gegenbesetzung, schützen
und verarmte dabei, anderseits konnte sich das Verdrängte, das nun
unbewußt war, Abfuhr und Ersatzbefriedigung auf Umwegen
schaffen und solcherart die Absicht der Verdrängung zum Scheitern
bringen. Bei der Konversionshysterie führte dieser Umweg in die
Körperinnervation, die verdrängte Regung brach an irgendeiner
Stelle durch und schuf sich die Symptome, die also Kompromiß-
ergebnisse waren, zwar Ersatzbefriedigungen, aber doch entstellt
und von ihrem Ziele abgelenkt durch den Widerstand des Ichs.Die Lehre von der Verdrängung wurde zum Grundpfeiler des
Verständnisses der Neurosen. Die therapeutische Aufgabe mußte
nun anders gefaßt werden, ihr Ziel war nicht mehr das „Abrea-S.
142
gieren“ des auf falsche Bahnen geratenen Affekts, sondern die
Aufdeckung der Verdrängungen und deren Ablösung durch Urteils-
leistungen, die in Annahme oder Verwerfung des damals Abge-
wiesenen ausgehen konnten. Ich trug der neuen Sachlage Rech-
nung, indem ich das Verfahren zur Untersuchung und Heilung
nicht mehr Katharsis, sondern Psychoanalyse benannte.Man kann von der Verdrängung wie von einem Zentrum ausgehen und
alle Stücke der psychoanalytischen Lehre mit ihr in Verbindung bringen.
Vorher will ich aber noch eine Bemerkung polemischen Inhalts machen.
Nach der Meinung Janets war die Hysterika eine arme Person, die infolge
einer konstitutionellen Schwäche ihre seelischen Akte nicht zusammenhalten
konnte. Darum verfiel sie der seelischen Spaltung und der Einengung des
Bewußtseins. Nach den Ergebnissen der psychoanalytischen Untersuchungen
waren diese Phänomene aber Erfolg dynamischer Faktoren, des seelischen
Konflikts und der vollzogenen Verdrängung. Ich meine, dieser Unterschied
ist weittragend genug und sollte dem immer wiederholten Gerede ein Ende
machen, was an der Psychoanalyse wertvoll sei, schränke sich auf eine
Entlehnung Janetscher Gedanken ein. Meine Darstellung muß dem Leser
gezeigt haben, daß die Psychoanalyse von den Janetschen Funden in histori-
scher Hinsicht völlig unabhängig ist, wie sie auch inhaltlich von ihnen
abweicht und weit über sie hinausgreift. Niemals wären auch von den
Arbeiten Janets die Folgerungen ausgegangen, welche die Psychoanalyse
so wichtig für die Geisteswissenschaften gemacht und ihr das allgemeinste
Interesse zugewendet haben. Janet selbst habe ich immer respektvoll be-
handelt, weil seine Entdeckungen ein ganzes Stück weit mit denen Breuers
zusammentrafen, die früher gemacht und später veröffentlicht worden waren.
Aber als die Psychoanalyse Gegenstand der Diskussion auch in Frankreich
wurde, hat Janet sich schlecht benommen, geringe Sachkenntnis gezeigt
und unschöne Argumente gebraucht. Endlich hat er sich in meinen Augen
bloßgestellt und sein Werk selbst entwertet, indem er verkündete, wenn
er von „unbewußten“ seelischen Akten gesprochen, so habe er nichts damit
gemeint, es sei bloß „une manière de parler“ gewesen.Die Psychoanalyse wurde aber durch das Studium der pathogenen
Verdrängungen und anderer noch zu erwähnender Phänomene
gezwungen, den Begriff des „Unbewußten“ ernst zu nehmen. Für
sie war alles Psychische zunächst unbewußt, die BewußtseinsqualitätS.
143
konnte dann dazukommen oder auch wegbleiben. Dabei stieß man
freilich mit dem Widerspruch der Philosophen zusammen, für die
„bewußt“ und „psychisch“ identisch war, und die beteuerten, sie
könnten sich so ein Unding wie das „unbewußte Seelische“ nicht
vorstellen. Es half aber nichts, man mußte sich achselzuckend über
diese Idiosynkrasie der Philosophen hinaussetzen. Die Erfahrungen
am pathologischen Material, das die Philosophen nicht kannten,
über die Häufigkeit und Mächtigkeit solcher Regungen, von denen
man nichts wußte und die man wie irgendeine Tatsache der
Außenwelt erschließen mußte, ließen keine Wahl. Man konnte
dann geltend machen, daß man nur am eigenen Seelenleben tat,
was man immer schon für das anderer getan hatte. Man schrieb
doch auch der anderen Person psychische Akte zu, obwohl man
kein unmittelbares Bewußtsein von diesen hatte und sie aus Äuße-
rungen und Handlungen erraten mußte. Was aber beim anderen
recht ist, das muß auch für die eigene Person billig sein. Will
man dies Argument weiter treiben und daraus ableiten, daß die
eigenen verborgenen Akte eben einem zweiten Bewußtsein angehören,
so steht man vor der Konzeption eines Bewußtseins, von dem man
nichts weiß, eines unbewußten Bewußtseins, was doch kaum ein
Vorteil gegen die Annahme eines unbewußten Psychischen ist.
Sagt man aber mit anderen Philosophen, man würdige die patho-
logischen Vorkommnisse, nur sollten die diesen zugrunde liegenden
Akte nicht psychisch, sondern psychoid geheißen werden, so läuft
die Differenz auf einen unfruchtbaren Wortstreit hinaus, in dem
man sich doch am zweckmäßigsten für die Beibehaltung des Aus-
drucks „unbewußt psychisch“ entscheidet. Die Frage, was dies
Unbewußte an sich sei, ist dann nicht klüger und aussichtsreicher
als die andere, frühere, was das Bewußte sei.Schwieriger wäre es, in kurzem darzustellen, wie die Psycho-
analyse dazu gekommen ist, das von ihr anerkannte Unbewußte
noch zu gliedern, es in ein Vorbewußtes und in ein eigentlich
Unbewußtes zu zerlegen. Es mag die Bemerkung genügen, daßS.
144
es legitim erschien, die Theorien, welche direkter Ausdruck der
Erfahrung sind, durch Hypothesen zu ergänzen, welche zur Be-
wältigung des Stoffes zweckdienlich sind und sich auf Verhältnisse
beziehen, die nicht Gegenstand unmittelbarer Beobachtung werden
können. Man pflegt auch in älteren Wissenschaften nicht anders
zu verfahren. Die Gliederung des Unbewußten hängt mit dem
Versuch zusammen, sich den seelischen Apparat aus einer Anzahl
von Instanzen oder Systemen aufgebaut zu denken, von deren
Beziehung zueinander man in räumlicher Ausdrucksweise spricht,
wobei aber ein Anschluß an die reale Hirnanatomie nicht gesucht
wird. (Der sogenannte topische Gesichtspunkt.) Solche und ähnliche
Vorstellungen gehören zu einem spekulativen Überbau der Psycho-
analyse, von dem jedes Stück ohne Schaden und Bedauern geopfert
oder ausgetauscht werden kann, sobald eine Unzulänglichkeit er-
wiesen ist. Es bleibt genug zu berichten übrig, was der Beobachtung
näher steht.Ich habe schon erwähnt, daß die Forschung nach den Veran-
lassungen und Begründungen der Neurose mit immer steigender
Häufigkeit auf Konflikte zwischen den sexuellen Regungen der
Person und den Widerständen gegen die Sexualität führte. Bei der
Suche nach den pathogenen Situationen, in denen die Verdrängungen
der Sexualität eingetreten waren, und aus denen die Symptome als
Ersatzbildungen des Verdrängten stammten, wurde man in immer
frühere Lebenszeiten des Kranken zurückgeleitet und langte endlich
in dessen ersten Kindheitsjahren an. Es ergab sich, was Dichter
und Menschenkenner immer behauptet hatten, daß die Eindrücke
dieser frühen Lebensperiode, obwohl sie meist der Amnesie verfallen,
unvertilgbare Spuren in der Entwicklung des Individuums zurück-
lassen, insbesondere daß sie die Disposition für spätere neurotische
Erkrankungen festlegen. Da es sich aber in diesen Kindererlebnissen
immer um sexuelle Erregungen und um Reaktion gegen dieselben
handelte, stand man vor der Tatsache der infantilen Sexualität,
die wiederum eine Neuheit und einen Widerspruch gegen einesS.
S.
S.
145
der stärksten Vorurteile der Menschen bedeutete. Die Kindheit sollte
ja „unschuldig“ sein, frei von geschlechtlichen Gelüsten, und der
Kampf mit dem Dämon „Sinnlichkeit“ erst mit dem Sturm und
Drang der Pubertät einsetzen. Was man von sexuellen Betätigungen
gelegentlich an Kindern hatte wahrnehmen müssen, faßte man als
Zeichen von Degeneration, vorzeitiger Verderbtheit oder als kuriose
Laune der Natur auf. Wenige der Ermittlungen der Psychoanalyse
haben eine so allgemeine Ablehnung gefunden, einen solchen Aus-
bruch von Entrüstung hervorgerufen wie die Behauptung, daß die
Sexualfunktion vom Anfang des Lebens an beginne und schon in
der Kindheit sich in wichtigen Erscheinungen äußere. Und doch
ist kein anderer analytischer Fund so leicht und so vollständig zu
erweisen.Ehe ich weiter in die Würdigung der infantilen Sexualität ein-
gehe, muß ich eines Irrtums gedenken, dem ich eine Weile ver-
fallen war und der bald für meine ganze Arbeit verhängnisvoll
geworden wäre. Unter dem Drängen meines damaligen technischen
Verfahrens reproduzierten die meisten meiner Patienten Szenen aus
ihrer Kindheit, deren Inhalt die sexuelle Verführung durch einen
Erwachsenen war. Bei den weiblichen Personen war die Rolle des
Verführers fast immer dem Vater zugeteilt. Ich schenkte diesen Mit-
teilungen Glauben und nahm also an, daß ich in diesen Erleb-
nissen sexueller Verführung in der Kindheit die Quellen der späteren
Neurose aufgefunden hatte. Einige Fälle, in denen sich solche Be-
ziehungen zum Vater, Oheim oder älteren Bruder bis in die Jahre
sicherer Erinnerung fortgesetzt hatten, bestärkten mich in meinem
Zutrauen. Wenn jemand über meine Leichtgläubigkeit mißtrauisch
den Kopf schütteln wollte, so kann ich ihm nicht ganz unrecht
geben, will aber vorbringen, daß es die Zeit war, wo ich meiner
Kritik absichtlich Zwang antat, um unparteiisch und aufnahms-
fähig für die vielen Neuheiten zu bleiben, die mir täglich ent-
gegentraten. Als ich dann doch erkennen mußte, diese Verführungs-
szenen seien niemals vorgefallen, seien nur Phantasien, die meine
Freud XI.S.
146
Patienten erdichtet, die ich ihnen vielleicht selbst aufgedrängt hatte,
war ich eine Zeitlang ratlos. Mein Vertrauen in meine Technik
wie in ihre Ergebnisse erlitt einen harten Stoß; ich hatte doch
diese Szenen auf einem technischen Wege, den ich für korrekt
hielt, gewonnen und ihr Inhalt stand in unverkennbarer Beziehung
zu den Symptomen, von denen meine Untersuchung ausgegangen
war. Als ich mich gefaßt hatte, zog ich aus meiner Erfahrung die
richtigen Schlüsse, daß die neurotischen Symptome nicht direkt an
wirkliche Erlebnisse anknüpften, sondern an Wunschphantasien, und
daß für die Neurose die psychische Realität mehr bedeute als die
materielle. Ich glaube auch heute nicht, daß ich meinen Patienten
jene Verführungsphantasien aufgedrängt, „suggeriert“ habe. Ich war
da zum erstenmal mit dem Ödipus-
Komplex zusammengetroffen, der späterhin eine so überragende Bedeutung gewinnen sollte, den
ich aber in solch phantastischer Verkleidung noch nicht erkannte.
Auch blieb der Verführung im Kindesalter ihr Anteil an der Ätiologie,
wenngleich in bescheidenerem Ausmaß, gewahrt. Die Verführer waren
aber zumeist ältere Kinder gewesen.Mein Irrtum war also der nämliche gewesen, wie wenn jemand
die Sagengeschichte der römischen Königszeit nach der Erzählung
des Livius für historische Wahrheit nehmen würde, anstatt für
das, was sie ist, eine Reaktionsbildung gegen die Erinnerung armseliger,
wahrscheinlich nicht immer rühmlicher Zeiten und Verhältnisse.
Nach der Aufhellung des Irrtums war der Weg zum
Studium des infantilen Sexuallebens frei. Man kam da in die Lage,
die Psychoanalyse auf ein anderes Wissensgebiet anzuwenden, aus
ihren Daten ein bisher unbekanntes Stück des biologischen Ge-
schehens zu erraten.Die Sexualfunktion war von Anfang an vorhanden, lehnte sich
zunächst an die anderen lebenswichtigen Funktionen an und machte
sich dann von ihnen unabhängig; sie hatte eine lange und kom-
plizierte Entwicklung durchzumachen, bis aus ihr das wurde, was
als das normale Sexualleben des Erwachsenen bekannt war. SieS.
147
äußerte sich zuerst als Tätigkeit einer ganzen Reihe von Trieb-
komponenten, welche von erogenen Körperzonen abhängig
waren, zum Teil in Gegensatzpaaren auftraten (Sadismus – Maso-
chismus, Schautrieb – Exhibitionslust), unabhängig voneinander auf
Lustgewinn ausgingen und ihr Objekt zumeist am eigenen Körper
fanden. Sie war also zuerst nicht zentriert und vorwiegend auto-
erotisch. Später traten Zusammenfassungen in ihr auf; eine erste
Organisationsstufe stand unter der Vorherrschaft der oralen Kom-
ponenten, dann folgte eine sadistisch-anale Phase und erst die
spät erreichte dritte Phase brachte den Primat der Genitalien,
womit die Sexualfunktion in den Dienst der Fortpflanzung trat.
Während dieser Entwicklung wurden manche Triebanteile als für
diesen Endzweck unbrauchbar beiseite gelassen oder anderen Ver-
wendungen zugeführt, andere von ihren Zielen abgelenkt und in
die genitale Organisation übergeleitet. Ich nannte die Energie der
Sexualtriebe – und nur diese – Libido. Ich mußte nun an-
nehmen, daß die Libido die beschriebene Entwicklung nicht immer
tadellos durchmacht. Infolge der Überstärke einzelner Komponenten
oder frühzeitiger Befriedigungserlebnisse kommt es zu Fixierungen
der Libido an gewissen Stellen des Entwicklungsweges. Zu diesen
Stellen strebt dann die Libido im Falle einer späteren Verdrängung
zurück (Regression) und von ihnen aus wird auch der Durch-
bruch zum Symptom erfolgen. Eine spätere Einsicht fügte hinzu,
daß die Lokalisation der Fixierungsstelle auch entscheidend ist für
die Neurosenwahl, für die Form, in der die spätere Erkrankung
auftritt.Neben der Organisation der Libido geht der Prozeß der Objekt-
findung einher, dem eine große Rolle im Seelenleben vorbehalten
ist. Das erste Liebesobjekt nach dem Stadium des Autoerotismus
wird für beide Geschlechter die Mutter, deren nährendes Organ wahr-
scheinlich anfänglich vom eigenen Körper nicht unterschieden wurde.
Später, aber noch in den ersten Kinderjahren, stellt sich die Relation
des Ödipus-Komplexes her, in welcher der Knabe seine sexuellenS.
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Wünsche auf die Person der Mutter konzentriert und feindselige
Regungen gegen den Vater als Rivalen entwickelt. In analoger
Weise stellt sich das kleine Mädchen ein, alle Variationen und Ab-
folgen des Ödipus-Komplexes werden bedeutungsvoll, die angeborene
bisexuelle Konstitution macht sich geltend und vermehrt die An-
zahl der gleichzeitig vorhandenen Strebungen. Es dauert eine ganze
Weile, bis das Kind über die Unterschiede der Geschlechter Klarheit
gewinnt; in dieser Zeit der Sexualforschung schafft es sich typische
Sexualtheorien, die, abhängig von der Unvollkommenheit der
eigenen körperlichen Organisation, Richtiges und Falsches vermögen
und die Probleme des Geschlechtslebens (das Rätsel der Sphinx:
woher die Kinder kommen) nicht lösen können. Die erste Objekt-
wahl des Kindes ist also eine inzestuöse. Die ganze hier be-
schriebene Entwicklung wird rasch durchlaufen. Der merkwürdigste
Charakter des menschlichen Sexuallebens ist sein zweizeitiger An-
satz mit dazwischenliegender Pause. Im vierten und fünften Lebens-
jahr erreicht es einen ersten Höhepunkt, dann aber vergeht diese Früh- blüte der Sexualität, die bisher lebhaften Strebungen verfallen der
Verdrängung und es tritt die bis zur Pubertät dauernde Latenz-
zeit ein, während welcher die Reaktionsbildungen der Moral, der
Scham, des Ekels aufgerichtet werden. Die Zweizeitigkeit der Sexual-
entwicklung scheint von allen Lebewesen allein dem Menschen zu-
zukommen, sie ist vielleicht die biologische Bedingung seiner Dis-
position zur Neurose. Mit der Pubertät werden die Strebungen und
Objektbesetzungen der Frühzeit wieder belebt, auch die Gefühls-
bindungen des Ödipus-Komplexes. Im Sexualleben der Pubertät
ringen miteinander die Anregungen der Frühzeit und die Hem-
mungen der Latenzperiode. Noch auf der Höhe der infantilen
Sexualentwicklung hatte sich eine Art von genitaler Organisation
hergestellt, in der aber nur das männliche Genitale eine Rolle
spielte, das weibliche unentdeckt geblieben war (der sogenannte
phallische Primat). Der Gegensatz der Geschlechter hieß damals
noch nicht männlich oder weiblich, sondern: im Besitze einesS.
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Penis oder kastriert. Der hier anschließende Kastrationskom-
plex wird überaus bedeutsam für die Bildung von Charakter und
Neurose.In dieser verkürzten Darstellung meiner Befunde über das mensch-
liche Sexualleben habe ich dem Verständnis zuliebe vielfach zu-
sammengetragen, was zu verschiedenen Zeiten entstand und als
Ergänzung oder Berichtigung in die aufeinanderfolgenden Auflagen
meiner „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ Aufnahme fand.
Ich hoffe, es läßt sich aus ihr leicht entnehmen, worin die oft betonte
und beanstandete Erweiterung des Begriffes Sexualität besteht. Diese
Erweiterung ist eine zweifache. Erstens wird die Sexualität aus
ihren allzu engen Beziehungen zu den Genitalien gelöst und als
eine umfassendere, nach Lust strebende Körperfunktion hingestellt,
welche erst sekundär in den Dienst der Fortpflanzung tritt; zweitens
werden zu den sexuellen Regungen alle die bloß zärtlichen und
freundschaftlichen gerechnet, für welche unser Sprachgebrauch das
vieldeutige Wort „Liebe“ verwendet. Allein ich meine, diese Er-
weiterungen sind nicht Neuerungen, sondern Wiederherstellungen,
sie bedeuten die Aufhebung von unzweckmäßigen Einengungen
des Begriffes, zu denen wir uns haben bewegen lassen. Die Los-
lösung der Sexualität von den Genitalien hat den Vorteil, daß sie
uns gestattet, die Sexualbetätigung der Kinder und der Perversen
unter dieselben Gesichtspunkte zu bringen wie die der normalen
Erwachsenen, während die erstere bisher völlig vernachlässigt, die
andere zwar mit moralischer Entrüstung, aber ohne Verständnis
aufgenommen wurde. Der psychoanalytischen Auffassung erklären
sich auch die absonderlichsten und abstoßendsten Perversionen als
Äußerung von sexuellen Partialtrieben, die sich dem Genitalprimat
entzogen haben und wie in den Urzeiten der Libidoentwicklung
selbständig dem Lusterwerb nachgehen. Die wichtigste dieser Per-
versionen, die Homosexualität, verdient kaum diesen Namen. Sie
führt sich auf die konstitutionelle Bisexualität und auf die Nach-
wirkung des phallischen Primats zurück; durch Psychoanalyse kannS.
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man bei jedermann ein Stück homosexueller Objektwahl nachweisen.
Wenn man die Kinder „polymorph pervers“ genannt hat, so war
das nur eine Beschreibung in allgemein gebräuchlichen Ausdrücken;
eine moralische Wertung sollte damit nicht ausgesprochen werden.
Solche Werturteile liegen der Psychoanalyse überhaupt fern.Die andere der angeblichen Erweiterungen rechtfertigt sich durch
den Hinweis auf die psychoanalytische Untersuchung, welche zeigt,
daß all diese zärtlichen Gefühlsregungen ursprünglich vollsexuelle
Strebungen waren, die dann „zielgehemmt“ oder „sublimiert“ worden
sind. Auf dieser Beeinflußbarkeit und Ablenkbarkeit der Sexual-
triebe beruht auch ihre Verwendbarkeit für mannigfache kulturelle
Leistungen, zu denen sie die bedeutsamsten Beiträge stellen.Die überraschenden Ermittlungen über die Sexualität des Kindes
wurden zunächst durch die Analyse Erwachsener gewonnen, konnten
aber später, etwa von 1908 an, durch direkte Beobachtungen an
Kindern bis in alle Einzelheiten und in beliebigem Ausmaße bestätigt
werden. Es ist wirklich so leicht, sich von den regulären sexuellen
Betätigungen der Kinder zu überzeugen, daß man sich verwundert
fragen muß, wie es die Menschen zustande gebracht haben, diese
Tatsachen zu übersehen und die Wunschlegende von der asexuellen
Kindheit solange aufrecht zu halten. Dies muß mit der Amnesie der
meisten Erwachsenen für ihre eigene Kindheit zusammenhängen.
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»Selbstdarstellung«1925-041/1928