S.
IV
Die Lehren vom Widerstand und von der Verdrängung, vom Un-
bewußten, von der ätiologischen Bedeutung des Sexuallebens und
der Wichtigkeit der Kindheitserlebnisse sind die Hauptbestand-
teile des psychoanalytischen Lehrge-
bäudes. Ich bedauere, daß ich hier
nur die einzelnen Stücke beschrei-
ben konnte und nicht auch, wie
sie sich zusammen-
setzen und ineinander-
greifen. Es ist jetzt an der
Zeit, sich zu den Veränderungen zu wenden, die sich allmäh-
lich
an der Technik des analytischen Verfahrens vollzogen.Die zuerst geübte Überwindung des Widerstandes durch Drängen
und Versichern war unentbehrlich gewesen, um dem Arzt die ersten
Orientie-
rungen in dem, was er zu erwarten hatte, zu verschaffen.
Auf die Dauer war sie aber für beide Teile zu anstrengend und
schien nicht frei von gewissen naheliegen-
den Bedenken. Sie wurde
also von einer anderen Methode abgelöst, welche in gewis-
sem Sinne
ihr Gegensatz war. Anstatt den Patienten anzutrei-
ben, etwas zu
einem bestimmten Thema zu sagen, forderte man ihn jetzt auf, sich
der freien „Assoziation“ zu überlassen, d. h. zu sagen, was immer
ihm in den Sinn kam, wenn er sich jeder bewußten Zielvorstel-
lung
enthielt. Nur mußte er sich dazu verpflichten, auch wirklich alles
mitzuteilen, was ihm seine Selbstwahrneh-
mung ergab, und den
kritischen Einwen-
dungen nicht nachzugeben, die einzelne Ein-
fälle
mit den Motivie-
rungen beseitigen wollten, sie seien nicht wichtig
genug, gehörten nicht dazu oder seien überhaupt ganz unsinnig.S.
152
Die Forderung nach Aufrichtigkeit in der Mitteilung brauchte man
nicht ausdrücklich zu wiederholen, sie war ja die Voraussetzung
der analytischen Kur.Daß dies Verfahren der freien Assoziation unter Einhaltung der
psychoanalytischen Grundregel leisten sollte, was man von
ihm erwartete, nämlich das verdrängte und durch Widerstände fern-
gehaltene Material dem Bewußtsein zuzuführen, mag befremdend
erscheinen. Allein man muß bedenken, daß die freie Assoziation
nicht wirklich frei ist. Der Patient bleibt unter dem Einfluß der
analytischen Situation, auch wenn er seine Denktätigkeit nicht auf
ein bestimmtes Thema richtet. Man hat das Recht anzunehmen,
daß ihm nichts anderes einfallen wird, als was zu dieser Situation
in Beziehung steht. Sein Widerstand gegen die Reproduktion des
Verdrängten wird sich jetzt auf zweierlei Weise äußern. Erstens durch
jene kritischen Einwendungen, auf welche die psychoanalytische
Grundregel gemünzt ist. Überwindet er aber in Befolgung der Regel
diese Abhaltungen, so findet der Widerstand einen anderen Aus-
druck. Er wird es durchsetzen, daß dem Analysierten niemals das
Verdrängte selbst einfällt, sondern nur etwas, was diesem nach Art
einer Anspielung nahe kommt, und je größer der Widerstand ist,
desto weiter wird sich der mitzuteilende Ersatzeinfall von dem Eigent-
lichen, das man sucht, entfernen. Der Analytiker, der in Sammlung,
aber ohne Anstrengung zuhört und der durch seine Erfahrung im
allgemeinen auf das Kommende vorbereitet ist, kann nun das
Material, das der Patient zutage fördert, nach zwei Möglichkeiten
verwerten. Entweder gelingt es ihm, bei geringem Widerstand, aus
den Andeutungen das Verdrängte selbst zu erraten, oder er kann,
bei stärkerem Widerstand, an den Einfällen, die sich vom Thema
zu entfernen scheinen, die Beschaffenheit dieses Widerstandes er-
kennen, den er dann dem Patienten mitteilt. Die Aufdeckung des
Widerstandes ist aber der erste Schritt zu seiner Überwindung. So
ergibt sich im Rahmen der analytischen Arbeit eine Deutungs-
kunst, deren erfolgreiche Handhabung zwar Takt und Übung er-S.
155
fordert, die aber unschwer zu erlernen ist. Die Methode der freien
Assoziation hat große Vorzüge vor der früheren, nicht nur den der
Ersparung an Mühe. Sie setzt den Analysierten dem geringsten Maß
von Zwang aus, verliert nie den Kontakt mit der realen Gegen-
wart, gewährt weitgehende Garantien dafür, daß man kein Moment
in der Struktur der Neurose übersieht und nichts aus eigener Er-
wartung in sie einträgt. Man überläßt es bei ihr wesentlich dem
Patienten, den Gang der Analyse und die Anordnung des Stoffes
zu bestimmen, daher wird die systematische Bearbeitung der ein-
zelnen Symptome und Komplexe unmöglich. Recht im Gegensatz
zum Hergang beim hypnotischen oder antreibenden Verfahren erfährt
man das Zusammengehörige zu verschiedenen Zeiten und an ver-
schiedenen Stellen der Behandlung. Für einen Zuhörer – den es
in Wirklichkeit nicht geben darf – würde die analytische Kur
daher ganz undurchsichtig sein.Ein anderer Vorteil der Methode ist, daß sie eigentlich nie zu
versagen braucht. Es muß theoretisch immer möglich sein, einen
Einfall zu haben, wenn man seine Ansprüche an die Art desselben
fallen läßt. Doch tritt solches Versagen ganz regelmäßig in einem
Falle auf, aber gerade durch seine Vereinzelung wird auch dieser
Fall deutbar.Ich nähere mich nun der Beschreibung eines Moments, welches
einen wesentlichen Zug zum Bilde der Analyse hinzufügt und tech-
nisch wie theoretisch die größte Bedeutung beanspruchen darf. In jeder
analytischen Behandlung stellt sich ohne Dazutun des Arztes eine
intensive Gefühlsbeziehung des Patienten zur Person des Analytikers
her, die in den realen Verhältnissen keine Erklärung finden kann.
Sie ist positiver oder negativer Natur, variiert von leidenschaftlicher,
vollsinnlicher Verliebtheit bis zum extremen Ausdruck von Auf-
lehnung, Erbitterung und Haß. Diese abkürzend sogenannte „Über-
tragung“ setzt sich beim Patienten bald an die Stelle des Wunsches
nach Genesung und wird, solange sie zärtlich und gemäßigt ist,
zum Träger des ärztlichen Einflusses und zur eigentlichen Trieb-
S.
154
feder der gemeinsamen analytischen Arbeit. Später, wenn sie leiden-
schaftlich geworden ist oder ins Feindselige umgeschlagen hat, wird
sie das Hauptwerkzeug des Widerstandes. Dann geschieht es auch,
daß sie die Einfallsstätigkeit des Patienten lahm legt und den Erfolg
der Behandlung gefährdet. Es wäre aber unsinnig, ihr ausweichen
zu wollen; eine Analyse ohne Übertragung ist eine Unmöglichkeit.
Man darf nicht glauben, daß die Analyse die Übertragung schafft
und daß diese nur bei ihr vorkommt. Die Übertragung wird von
der Analyse nur aufgedeckt und isoliert. Sie ist ein allgemein mensch-
liches Phänomen, entscheidet über den Erfolg bei jeder ärztlichen
Beeinflussung, ja sie beherrscht überhaupt die Beziehungen einer
Person zu ihrer menschlichen Umwelt. Unschwer erkennt man in
ihr denselben dynamischen Faktor, den die Hypnotiker Suggerier-
barkeit genannt haben, der der Träger des hypnotischen Rapports
ist, über dessen Unberechenbarkeit auch die kathartische Methode
zu klagen hatte. Wo diese Neigung zur Gefühlsübertragung fehlt
oder durchaus negativ geworden ist, wie bei der Dementia praecox
und der Paranoia, da entfällt auch die Möglichkeit einer psychischen
Beeinflussung des Kranken.Es ist ganz richtig, daß auch die Psychoanalyse mit dem Mittel
der Suggestion arbeitet wie andere psychotherapeutische Methoden.
Der Unterschied ist aber, daß ihr – der Suggestion oder der
Übertragung – hier nicht die Entscheidung über den therapeutischen
Erfolg überlassen wird. Sie wird vielmehr dazu verwendet, den
Kranken zur Leistung einer psychischen Arbeit zu bewegen, –
zur Überwindung seiner Übertragungswiderstände, – die eine
dauernde Veränderung seiner seelischen Ökonomie bedeutet. Die
Übertragung wird vom Analytiker dem Kranken bewußt gemacht,
sie wird aufgelöst, indem man ihn davon überzeugt, daß er in
seinem Übertragungsverhalten Gefühlsrelationen wiedererlebt, die
von seinen frühesten Objektbesetzungen, aus der verdrängten Periode
seiner Kindheit, herstammen. Durch solche Wendung wird die
Übertragung aus der stärksten Waffe des Widerstandes zum bestenS.
155
Instrument der analytischen Kur. Immerhin bleibt ihre Handhabung
das schwierigste wie das wichtigste Stück der analytischen Technik.
Mit Hilfe des Verfahrens der freien Assoziation und der an sie an-
schließenden Deutungskunst gelang der Psychoanalyse eine Leistung,
die anscheinend nicht praktisch bedeutsam war, aber in Wirklichkeit
zu einer völlig neuen Stellung und Geltung im wissenschaftlichen
Betrieb führen mußte. Es wurde möglich nachzuweisen, daß Träume
sinnvoll sind, und den Sinn derselben zu erraten. Träume waren
noch im klassischen Altertum als Verkündigungen der Zukunft
hochgeschätzt worden; die moderne Wissenschaft wollte vom Traum
nichts wissen, überließ ihn dem Aberglauben, erklärte ihn für einen
bloß „körperlichen“ Akt, für eine Art Zuckung des sonst schlafenden
Seelenlebens. Daß jemand, der ernste wissenschaftliche Arbeit geleistet
hatte, als „Traumdeuter“ auftreten könnte, schien doch ausgeschlossen.
Wenn man sich aber um eine solche Verdammung des Traumes
nicht kümmerte, ihn behandelte wie ein unverstandenes neurotisches
Symptom, eine Wahn- oder Zwangs-
idee, von seinem scheinbaren
Inhalt absah und seine einzelnen Bilder zu Objekten der freien
Assoziation machte, so kam man zu einem anderen Ergebnis. Man
gewann durch die zahlreichen Einfälle des Träumers Kenntnis von
einem Gedankengebilde, das nicht mehr absurd oder verworren
genannt werden konnte, das einer vollwertigen psychischen Leistung
entsprach und von dem der manifeste Traum nur eine entstellte,
verkürzte und mißverstandene Übersetzung war, zumeist eine Über-
setzung in visuelle Bilder. Diese latenten Traumgedanken ent-
hielten den Sinn des Traumes, der manifeste Trauminhalt war
nur eine Täuschung, eine Fassade, an welche zwar die Assoziation
anknüpfen konnte, aber nicht die Deutung.Man stand nun vor der Beantwortung einer ganzen Reihe von
Fragen, die wichtigsten darunter, ob es denn ein Motiv für die
Traumbildung gebe, unter welchen Bedingungen sie sich vollziehen
könne, auf welchen Wegen die Überführung der immer sinnreichen
Traumgedanken in den oft sinnlosen Traum vor sich geht u. a.S.
156
In meiner 1900 veröffentlichten „Traumdeutung“ habe ich versucht,
alle diese Probleme zu erledigen. Nur der kürzeste Auszug aus
dieser Untersuchung kann hier Raum finden: Wenn man die
latenten Traumgedanken, die man aus der Analyse des Traumes
erfahren hat, untersucht, findet man einen unter ihnen, der sich
von den anderen, verständigen und dem Träumer wohlbekannten,
scharf abhebt. Diese anderen sind Reste des Wachlebens (Tages-
reste); in dem vereinzelten aber erkennt man eine oft sehr an-
stößige Wunschregung, die dem Wachleben des Träumers fremd
ist, die er dementsprechend auch verwundert oder entrüstet ver-
leugnet. Diese Regung ist der eigentliche Traumbildner, sie hat
die Energie für die Produktion des Traumes aufgebracht und sich
der Tagesreste als Material bedient; der so entstandene Traum
stellt eine Befriedigungssituation für sie vor, ist ihre Wunsch-
erfüllung. Dieser Vorgang wäre nicht möglich geworden, wenn
nicht etwas in der Natur des Schlafzustandes ihn begünstigt hätte.
Die psychische Voraussetzung des Schlafens ist die Einstellung des
Ichs auf den Schlafwunsch und die Abziehung der Besetzungen
von allen Interessen des Lebens; da gleichzeitig die Zugänge zur
Motilität gesperrt werden, kann das Ich auch den Aufwand herab-
setzen, mit dem es sonst die Verdrängungen aufrecht hält. Diesen
nächtlichen Nachlaß der Verdrängung macht sich die unbewußte
Regung zunutze, um mit dem Traum zum Bewußtsein vorzudringen.
Der Verdrängungswiderstand des Ichs ist aber auch im Schlafe nicht
aufgehoben, sondern bloß herabgesetzt worden. Ein Rest von ihm
ist als Traumzensur verblieben und verbietet nun der unbewußten
Wunschregung, sich in den Formen zu äußern, die ihr eigentlich
angemessen wären. Infolge der Strenge der Traumzensur müssen
sich die latenten Traumgedanken Abänderungen und Abschwächungen
gefallen lassen, die den verpönten Sinn des Traumes unkenntlich
machen. Dies ist die Erklärung der Traumentstellung, welcher
der manifeste Traum seine auffälligsten Charaktere verdankt. Daher
die Berechtigung des Satzes: der Traum sei die (verkappte)S.
157
Erfüllung eines (verdrängten) Wunsches. Wir erkennen schon
jetzt, daß der Traum gebaut ist wie ein neurotisches Symptom, er ist
eine Kompromißbildung zwischen dem Anspruch einer verdrängten
Triebregung und dem Widerstand einer zensurierenden Macht im Ich.
Infolge der gleichen Genese ist er auch ebenso unverständlich wie
das Symptom und in gleicher Weise der Deutung bedürftig.Die allgemeine Funktion des Träumens ist leicht aufzufinden.
Es dient dazu, um äußere oder innere Reize, welche zum Erwachen
auffordern würden, durch eine Art von Beschwichtigung abzuwehren
und so den Schlaf gegen Störung zu versichern. Der äußere Reiz
wird abgewehrt, indem er umgedeutet und in irgendeine harmlose
Situation verwoben wird; den inneren Reiz des Triebanspruchs
läßt der Schläfer gewähren und gestattet ihm die Befriedigung
durch die Traumbildung, solange sich die latenten Traumgedanken
der Bändigung durch die Zensur nicht entziehen. Droht aber
diese Gefahr und wird der Traum allzu deutlich, so bricht der
Schläfer den Traum ab und wacht erschreckt auf (Angsttraum).Dasselbe Versagen der Traumfunktion tritt ein, wenn der äußere
Reiz so stark wird, daß er sich nicht mehr abweisen läßt (Weck-
traum). Den Prozeß, welcher unter Mitwirkung der Traumzensur
die latenten Gedanken in den manifesten Trauminhalt überführt,
habe ich die Traumarbeit genannt. Er besteht in einer eigenartigen
Behandlung des vorbewußten Gedankenmaterials, bei welcher dessen
Bestandteile verdichtet, seine psychischen Akzente verschoben,
das Ganze dann in visuelle Bilder umgesetzt, dramatisiert, und
durch eine mißverständliche sekundäre Bearbeitung ergänzt
wird. Die Traumarbeit ist ein ausgezeichnetes Muster der Vorgänge
in den tieferen, unbewußten Schichten des Seelenlebens, welche
sich von den uns bekannten normalen Denkvorgängen erheblich
unterscheiden. Sie bringt auch eine Anzahl archaischer Züge zum
Vorschein, z. B. die Verwendung einer hier vorwiegend sexuellen
Symbolik, die man dann auf anderen Gebieten geistiger Tätigkeit
wiedergefunden hat.S.
158
Indem sich die unbewußte Triebregung des Traumes mit einem
Tagesrest, einem unerledigten Interesse des Wachlebens, in Ver-
bindung setzt, verschafft sie dem von ihr gebildeten Traume einen
zweifachen Wert für die analytische Arbeit. Der gedeutete Traum
erweist sich ja einerseits als die Erfüllung eines verdrängten Wunsches,
anderseits kann er die vorbewußte Denktätigkeit des Tages fort-
gesetzt und sich mit beliebigem Inhalt erfüllt haben, einem Vor-
satz, einer Warnung, Überlegung und wiederum einer Wunsch-
erfüllung Ausdruck geben. Die Analyse verwertet ihn nach beiden
Richtungen, sowohl für die Kenntnis der bewußten wie der un-
bewußten Vorgänge beim Analysierten. Auch zieht sie aus dem
Umstande Vorteil, daß dem Traume der vergessene Stoff des
Kindheitslebens zugänglich ist, so daß die infantile Amnesie zumeist
im Anschluß an die Deutung von Träumen überwunden wird.
Der Traum leistet hier ein Stück von dem, was früher der Hypnose
auferlegt war. Dagegen habe ich nie die mir oft zugeschriebene
Behauptung aufgestellt, die Traumdeutung ergebe, daß alle Träume
sexuellen Inhalt haben oder auf sexuelle Triebkräfte zurückgehen.
Es ist leicht zu sehen, daß Hunger, Durst und Exkretionsdrang
ebensogut Befriedigungsträume erzeugen wie irgendeine verdrängte
sexuelle oder egoistische Regung. Bei kleinen Kindern stellt sich
eine bequeme Probe auf die Richtigkeit unserer Traumtheorie zur
Verfügung. Hier, wo die verschiedenen psychischen Systeme noch
nicht scharf gesondert, die Verdrängungen noch nicht tiefer aus-
gebildet sind, erfährt man häufig von Träumen, die nichts anderes
sind als unverhüllte Erfüllungen irgendwelcher vom Tage erübrigten
Wunschregungen. Unter dem Einfluß imperativer Bedürfnisse
können auch Erwachsene solche Träume vom infantilen Typus
produzieren.In ähnlicher Weise wie der Traumdeutung bedient sich die
Analyse des Studiums der so häufigen kleinen Fehlleistungen und
Symptomhandlungen der Menschen, denen ich eine 1904 zuerst
als Buch veröffentlichte Untersuchung „Zur Psychopathologie desS.
159
Alltagslebens“ gewidmet habe. Den Inhalt dieses vielgelesenen
Werkes bildet der Nachweis, daß diese Phänomene nichts Zufälliges
sind, daß sie über physiologische Erklärungen hinausgehen, sinn-
voll und deutbar sind und zum Schluß auf zurückgehaltene oder
verdrängte Regungen und Intentionen berechtigen. Der über-
ragende Wert der Traumdeutung wie dieser Studie liegt aber nicht
in der Unterstützung, die sie der analytischen Arbeit leihen, sondern
in einer anderen Eigenschaft derselben. Bisher hatte die Psycho-
analyse sich nur mit der Auflösung pathologischer Phänomene
beschäftigt und zu deren Erklärung oft Annahmen machen müssen,
deren Tragweite außer Verhältnis zur Wichtigkeit des behandelten
Stoffes stand. Der Traum aber, den sie dann in Angriff nahm, war
kein krankhaftes Symptom, er war ein Phänomen des normalen
Seelenlebens, konnte sich bei jedem gesunden Menschen ereignen.
Wenn der Traum so gebaut ist wie ein Symptom, wenn seine Er-
klärung die nämlichen Annahmen erfordert, die der Verdrängung
von Triebregungen, der Ersatz- und Kompromißbildung, der ver-
schiedenen psychischen Systeme zur Unterbringung des Bewußten
und Unbewußten, dann ist die Psychoanalyse nicht mehr eine
Hilfswissenschaft der Psychopathologie, dann ist sie vielmehr der
Ansatz zu einer neuen und gründlicheren Seelenkunde, die auch für
das Verständnis des Normalen unentbehrlich wird. Man darf ihre
Voraussetzungen und Ergebnisse auf andere Gebiete des seelischen
und geistigen Geschehens übertragen; der Weg ins Weite, zum
Weltinteresse, ist ihr eröffnet.
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