»Selbstdarstellung«1925-041/1928
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    IV

    Die Lehren vom Widerstand und von der Verdrängung, vom Un-
    bewußten, von der ätiologischen Bedeutung des Sexuallebens und
    der Wichtigkeit der Kindheitserlebnisse sind die Hauptbestand-
    teile des psychoanalytischen Lehrge-
    bäudes. Ich bedauere, daß ich hier
    nur die einzelnen Stücke beschrei-
    ben konnte und nicht auch, wie
    sie sich zusammen-
    setzen und ineinander-
    greifen. Es ist jetzt an der
    Zeit, sich zu den Veränderungen zu wenden, die sich allmäh-
    lich
    an der Technik des analytischen Verfahrens vollzogen.

    Die zuerst geübte Überwindung des Widerstandes durch Drängen
    und Versichern war unentbehrlich gewesen, um dem Arzt die ersten
    Orientie-
    rungen in dem, was er zu erwarten hatte, zu verschaffen.
    Auf die Dauer war sie aber für beide Teile zu anstrengend und
    schien nicht frei von gewissen naheliegen-
    den Bedenken. Sie wurde
    also von einer anderen Methode abgelöst, welche in gewis-
    sem Sinne
    ihr Gegensatz war. Anstatt den Patienten anzutrei-
    ben, etwas zu
    einem bestimmten Thema zu sagen, forderte man ihn jetzt auf, sich
    der freien „Assoziation“ zu überlassen, d. h. zu sagen, was immer
    ihm in den Sinn kam, wenn er sich jeder bewußten Zielvorstel-
    lung
    enthielt. Nur mußte er sich dazu verpflichten, auch wirklich alles
    mitzuteilen, was ihm seine Selbstwahrneh-
    mung ergab, und den
    kritischen Einwen-
    dungen nicht nachzugeben, die einzelne Ein-
    fälle
    mit den Motivie-
    rungen beseitigen wollten, sie seien nicht wichtig
    genug, gehörten nicht dazu oder seien überhaupt ganz unsinnig.

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    Die Forderung nach Aufrichtigkeit in der Mitteilung brauchte man
    nicht ausdrücklich zu wiederholen, sie war ja die Voraussetzung
    der analytischen Kur.

    Daß dies Verfahren der freien Assoziation unter Einhaltung der
    psychoanalytischen Grundregel leisten sollte, was man von
    ihm erwartete, nämlich das verdrängte und durch Widerstände fern-
    gehaltene Material dem Bewußtsein zuzuführen, mag befremdend
    erscheinen. Allein man muß bedenken, daß die freie Assoziation
    nicht wirklich frei ist. Der Patient bleibt unter dem Einfluß der
    analytischen Situation, auch wenn er seine Denktätigkeit nicht auf
    ein bestimmtes Thema richtet. Man hat das Recht anzunehmen,
    daß ihm nichts anderes einfallen wird, als was zu dieser Situation
    in Beziehung steht. Sein Widerstand gegen die Reproduktion des
    Verdrängten wird sich jetzt auf zweierlei Weise äußern. Erstens durch
    jene kritischen Einwendungen, auf welche die psychoanalytische
    Grundregel gemünzt ist. Überwindet er aber in Befolgung der Regel
    diese Abhaltungen, so findet der Widerstand einen anderen Aus-
    druck. Er wird es durchsetzen, daß dem Analysierten niemals das
    Verdrängte selbst einfällt, sondern nur etwas, was diesem nach Art
    einer Anspielung nahe kommt, und je größer der Widerstand ist,
    desto weiter wird sich der mitzuteilende Ersatzeinfall von dem Eigent-
    lichen, das man sucht, entfernen. Der Analytiker, der in Sammlung,
    aber ohne Anstrengung zuhört und der durch seine Erfahrung im
    allgemeinen auf das Kommende vorbereitet ist, kann nun das
    Material, das der Patient zutage fördert, nach zwei Möglichkeiten
    verwerten. Entweder gelingt es ihm, bei geringem Widerstand, aus
    den Andeutungen das Verdrängte selbst zu erraten, oder er kann,
    bei stärkerem Widerstand, an den Einfällen, die sich vom Thema
    zu entfernen scheinen, die Beschaffenheit dieses Widerstandes er-
    kennen, den er dann dem Patienten mitteilt. Die Aufdeckung des
    Widerstandes ist aber der erste Schritt zu seiner Überwindung. So
    ergibt sich im Rahmen der analytischen Arbeit eine Deutungs-
    kunst, deren erfolgreiche Handhabung zwar Takt und Übung er-

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    fordert, die aber unschwer zu erlernen ist. Die Methode der freien
    Assoziation hat große Vorzüge vor der früheren, nicht nur den der
    Ersparung an Mühe. Sie setzt den Analysierten dem geringsten Maß
    von Zwang aus, verliert nie den Kontakt mit der realen Gegen-
    wart, gewährt weitgehende Garantien dafür, daß man kein Moment
    in der Struktur der Neurose übersieht und nichts aus eigener Er-
    wartung in sie einträgt. Man überläßt es bei ihr wesentlich dem
    Patienten, den Gang der Analyse und die Anordnung des Stoffes
    zu bestimmen, daher wird die systematische Bearbeitung der ein-
    zelnen Symptome und Komplexe unmöglich. Recht im Gegensatz
    zum Hergang beim hypnotischen oder antreibenden Verfahren erfährt
    man das Zusammengehörige zu verschiedenen Zeiten und an ver-
    schiedenen Stellen der Behandlung. Für einen Zuhörer – den es
    in Wirklichkeit nicht geben darf – würde die analytische Kur
    daher ganz undurchsichtig sein.

    Ein anderer Vorteil der Methode ist, daß sie eigentlich nie zu
    versagen braucht. Es muß theoretisch immer möglich sein, einen
    Einfall zu haben, wenn man seine Ansprüche an die Art desselben
    fallen läßt. Doch tritt solches Versagen ganz regelmäßig in einem
    Falle auf, aber gerade durch seine Vereinzelung wird auch dieser
    Fall deutbar.

    Ich nähere mich nun der Beschreibung eines Moments, welches
    einen wesentlichen Zug zum Bilde der Analyse hinzufügt und tech-
    nisch wie theoretisch die größte Bedeutung beanspruchen darf. In jeder
    analytischen Behandlung stellt sich ohne Dazutun des Arztes eine
    intensive Gefühlsbeziehung des Patienten zur Person des Analytikers
    her, die in den realen Verhältnissen keine Erklärung finden kann.
    Sie ist positiver oder negativer Natur, variiert von leidenschaftlicher,
    vollsinnlicher Verliebtheit bis zum extremen Ausdruck von Auf-
    lehnung, Erbitterung und Haß. Diese abkürzend sogenannte „Über-
    tragung“ setzt sich beim Patienten bald an die Stelle des Wunsches
    nach Genesung und wird, solange sie zärtlich und gemäßigt ist,
    zum Träger des ärztlichen Einflusses und zur eigentlichen Trieb-
     

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    feder der gemeinsamen analytischen Arbeit. Später, wenn sie leiden-
    schaftlich geworden ist oder ins Feindselige umgeschlagen hat, wird
    sie das Hauptwerkzeug des Widerstandes. Dann geschieht es auch,
    daß sie die Einfallsstätigkeit des Patienten lahm legt und den Erfolg
    der Behandlung gefährdet. Es wäre aber unsinnig, ihr ausweichen
    zu wollen; eine Analyse ohne Übertragung ist eine Unmöglichkeit.
    Man darf nicht glauben, daß die Analyse die Übertragung schafft
    und daß diese nur bei ihr vorkommt. Die Übertragung wird von
    der Analyse nur aufgedeckt und isoliert. Sie ist ein allgemein mensch-
    liches Phänomen, entscheidet über den Erfolg bei jeder ärztlichen
    Beeinflussung, ja sie beherrscht überhaupt die Beziehungen einer
    Person zu ihrer menschlichen Umwelt. Unschwer erkennt man in
    ihr denselben dynamischen Faktor, den die Hypnotiker Suggerier-
    barkeit genannt haben, der der Träger des hypnotischen Rapports
    ist, über dessen Unberechenbarkeit auch die kathartische Methode
    zu klagen hatte. Wo diese Neigung zur Gefühlsübertragung fehlt
    oder durchaus negativ geworden ist, wie bei der Dementia praecox
    und der Paranoia, da entfällt auch die Möglichkeit einer psychischen
    Beeinflussung des Kranken.

    Es ist ganz richtig, daß auch die Psychoanalyse mit dem Mittel
    der Suggestion arbeitet wie andere psychotherapeutische Methoden.
    Der Unterschied ist aber, daß ihr – der Suggestion oder der
    Übertragung – hier nicht die Entscheidung über den therapeutischen
    Erfolg überlassen wird. Sie wird vielmehr dazu verwendet, den
    Kranken zur Leistung einer psychischen Arbeit zu bewegen, –
    zur Überwindung seiner Übertragungswiderstände, – die eine
    dauernde Veränderung seiner seelischen Ökonomie bedeutet. Die
    Übertragung wird vom Analytiker dem Kranken bewußt gemacht,
    sie wird aufgelöst, indem man ihn davon überzeugt, daß er in
    seinem Übertragungsverhalten Gefühlsrelationen wiedererlebt, die
    von seinen frühesten Objektbesetzungen, aus der verdrängten Periode
    seiner Kindheit, herstammen. Durch solche Wendung wird die
    Übertragung aus der stärksten Waffe des Widerstandes zum besten

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    Instrument der analytischen Kur. Immerhin bleibt ihre Handhabung
    das schwierigste wie das wichtigste Stück der analytischen Technik.
    Mit Hilfe des Verfahrens der freien Assoziation und der an sie an-
    schließenden Deutungskunst gelang der Psychoanalyse eine Leistung,
    die anscheinend nicht praktisch bedeutsam war, aber in Wirklichkeit
    zu einer völlig neuen Stellung und Geltung im wissenschaftlichen
    Betrieb führen mußte. Es wurde möglich nachzuweisen, daß Träume
    sinnvoll sind, und den Sinn derselben zu erraten. Träume waren
    noch im klassischen Altertum als Verkündigungen der Zukunft
    hochgeschätzt worden; die moderne Wissenschaft wollte vom Traum
    nichts wissen, überließ ihn dem Aberglauben, erklärte ihn für einen
    bloß „körperlichen“ Akt, für eine Art Zuckung des sonst schlafenden
    Seelenlebens. Daß jemand, der ernste wissenschaftliche Arbeit geleistet
    hatte, als „Traumdeuter“ auftreten könnte, schien doch ausgeschlossen.
    Wenn man sich aber um eine solche Verdammung des Traumes
    nicht kümmerte, ihn behandelte wie ein unverstandenes neurotisches
    Symptom, eine Wahn- oder Zwangs-
    idee, von seinem scheinbaren
    Inhalt absah und seine einzelnen Bilder zu Objekten der freien
    Assoziation machte, so kam man zu einem anderen Ergebnis. Man
    gewann durch die zahlreichen Einfälle des Träumers Kenntnis von
    einem Gedankengebilde, das nicht mehr absurd oder verworren
    genannt werden konnte, das einer vollwertigen psychischen Leistung
    entsprach und von dem der manifeste Traum nur eine entstellte,
    verkürzte und mißverstandene Übersetzung war, zumeist eine Über-
    setzung in visuelle Bilder. Diese latenten Traumgedanken ent-
    hielten den Sinn des Traumes, der manifeste Trauminhalt war
    nur eine Täuschung, eine Fassade, an welche zwar die Assoziation
    anknüpfen konnte, aber nicht die Deutung.

    Man stand nun vor der Beantwortung einer ganzen Reihe von
    Fragen, die wichtigsten darunter, ob es denn ein Motiv für die
    Traumbildung gebe, unter welchen Bedingungen sie sich vollziehen
    könne, auf welchen Wegen die Überführung der immer sinnreichen
    Traumgedanken in den oft sinnlosen Traum vor sich geht u. a.

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    In meiner 1900 veröffentlichten „Traumdeutung“ habe ich versucht,
    alle diese Probleme zu erledigen. Nur der kürzeste Auszug aus
    dieser Untersuchung kann hier Raum finden: Wenn man die
    latenten Traumgedanken, die man aus der Analyse des Traumes
    erfahren hat, untersucht, findet man einen unter ihnen, der sich
    von den anderen, verständigen und dem Träumer wohlbekannten,
    scharf abhebt. Diese anderen sind Reste des Wachlebens (Tages-
    reste); in dem vereinzelten aber erkennt man eine oft sehr an-
    stößige Wunschregung, die dem Wachleben des Träumers fremd
    ist, die er dementsprechend auch verwundert oder entrüstet ver-
    leugnet. Diese Regung ist der eigentliche Traumbildner, sie hat
    die Energie für die Produktion des Traumes aufgebracht und sich
    der Tagesreste als Material bedient; der so entstandene Traum
    stellt eine Befriedigungssituation für sie vor, ist ihre Wunsch-
    erfüllung. Dieser Vorgang wäre nicht möglich geworden, wenn
    nicht etwas in der Natur des Schlafzustandes ihn begünstigt hätte.
    Die psychische Voraussetzung des Schlafens ist die Einstellung des
    Ichs auf den Schlafwunsch und die Abziehung der Besetzungen
    von allen Interessen des Lebens; da gleichzeitig die Zugänge zur
    Motilität gesperrt werden, kann das Ich auch den Aufwand herab-
    setzen, mit dem es sonst die Verdrängungen aufrecht hält. Diesen
    nächtlichen Nachlaß der Verdrängung macht sich die unbewußte
    Regung zunutze, um mit dem Traum zum Bewußtsein vorzudringen.
    Der Verdrängungswiderstand des Ichs ist aber auch im Schlafe nicht
    aufgehoben, sondern bloß herabgesetzt worden. Ein Rest von ihm
    ist als Traumzensur verblieben und verbietet nun der unbewußten
    Wunschregung, sich in den Formen zu äußern, die ihr eigentlich
    angemessen wären. Infolge der Strenge der Traumzensur müssen
    sich die latenten Traumgedanken Abänderungen und Abschwächungen
    gefallen lassen, die den verpönten Sinn des Traumes unkenntlich
    machen. Dies ist die Erklärung der Traumentstellung, welcher
    der manifeste Traum seine auffälligsten Charaktere verdankt. Daher
    die Berechtigung des Satzes: der Traum sei die (verkappte)

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    Erfüllung eines (verdrängten) Wunsches. Wir erkennen schon
    jetzt, daß der Traum gebaut ist wie ein neurotisches Symptom, er ist
    eine Kompromißbildung zwischen dem Anspruch einer verdrängten
    Triebregung und dem Widerstand einer zensurierenden Macht im Ich.
    Infolge der gleichen Genese ist er auch ebenso unverständlich wie
    das Symptom und in gleicher Weise der Deutung bedürftig.

    Die allgemeine Funktion des Träumens ist leicht aufzufinden.
    Es dient dazu, um äußere oder innere Reize, welche zum Erwachen
    auffordern würden, durch eine Art von Beschwichtigung abzuwehren
    und so den Schlaf gegen Störung zu versichern. Der äußere Reiz
    wird abgewehrt, indem er umgedeutet und in irgendeine harmlose
    Situation verwoben wird; den inneren Reiz des Triebanspruchs
    läßt der Schläfer gewähren und gestattet ihm die Befriedigung
    durch die Traumbildung, solange sich die latenten Traumgedanken
    der Bändigung durch die Zensur nicht entziehen. Droht aber
    diese Gefahr und wird der Traum allzu deutlich, so bricht der
    Schläfer den Traum ab und wacht erschreckt auf (Angsttraum).

    Dasselbe Versagen der Traumfunktion tritt ein, wenn der äußere
    Reiz so stark wird, daß er sich nicht mehr abweisen läßt (Weck-
    traum). Den Prozeß, welcher unter Mitwirkung der Traumzensur
    die latenten Gedanken in den manifesten Trauminhalt überführt,
    habe ich die Traumarbeit genannt. Er besteht in einer eigenartigen
    Behandlung des vorbewußten Gedankenmaterials, bei welcher dessen
    Bestandteile verdichtet, seine psychischen Akzente verschoben,
    das Ganze dann in visuelle Bilder umgesetzt, dramatisiert, und
    durch eine mißverständliche sekundäre Bearbeitung ergänzt
    wird. Die Traumarbeit ist ein ausgezeichnetes Muster der Vorgänge
    in den tieferen, unbewußten Schichten des Seelenlebens, welche
    sich von den uns bekannten normalen Denkvorgängen erheblich
    unterscheiden. Sie bringt auch eine Anzahl archaischer Züge zum
    Vorschein, z. B. die Verwendung einer hier vorwiegend sexuellen
    Symbolik, die man dann auf anderen Gebieten geistiger Tätigkeit
    wiedergefunden hat.

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    Indem sich die unbewußte Triebregung des Traumes mit einem
    Tagesrest, einem unerledigten Interesse des Wachlebens, in Ver-
    bindung setzt, verschafft sie dem von ihr gebildeten Traume einen
    zweifachen Wert für die analytische Arbeit. Der gedeutete Traum
    erweist sich ja einerseits als die Erfüllung eines verdrängten Wunsches,
    anderseits kann er die vorbewußte Denktätigkeit des Tages fort-
    gesetzt und sich mit beliebigem Inhalt erfüllt haben, einem Vor-
    satz, einer Warnung, Überlegung und wiederum einer Wunsch-
    erfüllung Ausdruck geben. Die Analyse verwertet ihn nach beiden
    Richtungen, sowohl für die Kenntnis der bewußten wie der un-
    bewußten Vorgänge beim Analysierten. Auch zieht sie aus dem
    Umstande Vorteil, daß dem Traume der vergessene Stoff des
    Kindheitslebens zugänglich ist, so daß die infantile Amnesie zumeist
    im Anschluß an die Deutung von Träumen überwunden wird.
    Der Traum leistet hier ein Stück von dem, was früher der Hypnose
    auferlegt war. Dagegen habe ich nie die mir oft zugeschriebene
    Behauptung aufgestellt, die Traumdeutung ergebe, daß alle Träume
    sexuellen Inhalt haben oder auf sexuelle Triebkräfte zurückgehen.
    Es ist leicht zu sehen, daß Hunger, Durst und Exkretionsdrang
    ebensogut Befriedigungsträume erzeugen wie irgendeine verdrängte
    sexuelle oder egoistische Regung. Bei kleinen Kindern stellt sich
    eine bequeme Probe auf die Richtigkeit unserer Traumtheorie zur
    Verfügung. Hier, wo die verschiedenen psychischen Systeme noch
    nicht scharf gesondert, die Verdrängungen noch nicht tiefer aus-
    gebildet sind, erfährt man häufig von Träumen, die nichts anderes
    sind als unverhüllte Erfüllungen irgendwelcher vom Tage erübrigten
    Wunschregungen. Unter dem Einfluß imperativer Bedürfnisse
    können auch Erwachsene solche Träume vom infantilen Typus
    produzieren.

    In ähnlicher Weise wie der Traumdeutung bedient sich die
    Analyse des Studiums der so häufigen kleinen Fehlleistungen und
    Symptomhandlungen der Menschen, denen ich eine 1904 zuerst
    als Buch veröffentlichte Untersuchung „Zur Psychopathologie des

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    Alltagslebens“ gewidmet habe. Den Inhalt dieses vielgelesenen
    Werkes bildet der Nachweis, daß diese Phänomene nichts Zufälliges
    sind, daß sie über physiologische Erklärungen hinausgehen, sinn-
    voll und deutbar sind und zum Schluß auf zurückgehaltene oder
    verdrängte Regungen und Intentionen berechtigen. Der über-
    ragende Wert der Traumdeutung wie dieser Studie liegt aber nicht
    in der Unterstützung, die sie der analytischen Arbeit leihen, sondern
    in einer anderen Eigenschaft derselben. Bisher hatte die Psycho-
    analyse sich nur mit der Auflösung pathologischer Phänomene
    beschäftigt und zu deren Erklärung oft Annahmen machen müssen,
    deren Tragweite außer Verhältnis zur Wichtigkeit des behandelten
    Stoffes stand. Der Traum aber, den sie dann in Angriff nahm, war
    kein krankhaftes Symptom, er war ein Phänomen des normalen
    Seelenlebens, konnte sich bei jedem gesunden Menschen ereignen.
    Wenn der Traum so gebaut ist wie ein Symptom, wenn seine Er-
    klärung die nämlichen Annahmen erfordert, die der Verdrängung
    von Triebregungen, der Ersatz- und Kompromißbildung, der ver-
    schiedenen psychischen Systeme zur Unterbringung des Bewußten
    und Unbewußten, dann ist die Psychoanalyse nicht mehr eine
    Hilfswissenschaft der Psychopathologie, dann ist sie vielmehr der
    Ansatz zu einer neuen und gründlicheren Seelenkunde, die auch für
    das Verständnis des Normalen unentbehrlich wird. Man darf ihre
    Voraussetzungen und Ergebnisse auf andere Gebiete des seelischen
    und geistigen Geschehens übertragen; der Weg ins Weite, zum
    Weltinteresse, ist ihr eröffnet.