»Selbstdarstellung«1925-041/1928
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    VI

    Ich verfolge jetzt aus der Ferne, unter welchen Reaktionssymptomen
    sich der Einzug der Psychoanalyse in das lange refraktäre Frank-
    reich vollzieht. Es wirkt wie eine Reproduktion von früher Erleb-
    tem, hat aber doch auch seine besonderen Züge. Einwendungen
    von unglaublicher Einfalt werden laut, wie der, das französische
    Feingefühl nehme Anstoß an der Pedanterie und Plumpheit der
    psychoanalytischen Namengebungen (man muß dabei doch an
    Lessings unsterblichen Chevalier Riccaut de la Marliniere denken!).
    Eine andere Äußerung klingt ernsthafter; sie ist selbst einem Pro-
    fessor der Psychologie an der Sorbonne nicht unwürdig erschienen:
    das Génie latin vertrage überhaupt nicht die Denkungsart der Psycho-
    analyse. Dabei werden die anglosächsischen Alliierten, die als ihre
    Anhänger gelten, ausdrücklich preisgegeben. Wer das hört, muß
    natürlich glauben, das Génie teutonique habe die Psychoanalyse
    gleich nach ihrer Geburt als sein liebstes Kind ans Herz gedrückt.

    In Frankreich ist das Interesse an der Psychoanalyse von den
    Männern der schönen Literatur ausgegangen. Um das zu ver-
    stehen, muß man sich erinnern, daß die Psychoanalyse mit der
    Traumdeutung die Grenzen einer rein ärztlichen Angelegenheit
    überschritten hat. Zwischen ihrem Auftreten in Deutschland und
    nun in Frankreich liegen ihre mannigfachen Anwendungen auf Ge-
    biete der Literatur und Kunstwissenschaft, auf Religionsgeschichte
    und Prähistorie, auf Mythologie, Volkskunde, Pädagogik usw. Alle

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    diese Dinge haben mit der Medizin wenig zu tun, sind mit ihr
    eben nur durch die Vermittlung der Psychoanalyse verknüpft. Ich
    habe darum kein Anrecht, sie an dieser Stelle eingehend zu be-
    handeln. Ich kann sie aber auch nicht ganz vernachlässigen, denn
    einerseits sind sie unerläßlich, um die richtige Vorstellung vom Wert
    und Wesen der Psychoanalyse zu geben, anderseits habe ich mich
    ja der Aufgabe unterzogen, mein eigenes Lebenswerk darzustellen.
    Von den meisten dieser Anwendungen gehen die Anfänge auf meine
    Arbeiten zurück. Hier und da habe ich wohl auch einen Schritt
    vom Wege getan, um ein solches außerärztliches Interesse zu be-
    friedigen. Andere, nicht nur Ärzte, sondern auch Fachmänner, sind
    dann meiner Wegspur nachgefolgt und weit in die betreffenden
    Gebiete eingedrungen. Da ich mich aber meinem Programm gemäß
    auf den Bericht über meine eigenen Beiträge zur Anwendung der
    Psychoanalyse beschränken werde, kann ich dem Leser nur ein ganz
    un-
    zureichendes Bild von deren Ausdehnung und Bedeutung ermög-
    lichen.

    Eine Reihe von Anregungen ging für mich vom Ödipus-Komplex
    aus, dessen Ubiquität ich allmählich erkannte. War schon immer
    die Wahl, ja die Schöpfung des grauenhaften Stoffes rätselhaft ge-
    wesen, die erschütternde Wirkung seiner poetischen Darstellung und
    das Wesen der Schicksalstragödie überhaupt, so erklärte sich dies
    alles durch die Einsicht, daß hier eine Gesetzmäßigkeit des seelischen
    Geschehens in ihrer vollen affektiven Bedeutung erfaßt worden
    war. Verhängnis und Orakel waren nur die Materialisationen der
    inneren Notwendigkeit; daß der Held ohne sein Wissen und gegen
    seine Absicht sündigte, verstand sich als der richtige Ausdruck der
    unbewußten Natur seiner verbrecherischen Strebungen. Vom Ver-
    ständnis dieser Schicksalstragödie war dann nur ein Schritt bis zur
    Aufhellung der Charaktertragödie des Hamlet, die man seit drei-
    hundert Jahren bewunderte, ohne ihren Sinn angeben und die
    Motive des Dichters erraten zu können. Es war doch merkwürdig,
    daß dieser vom Dichter erschaffene Neurotiker am Ödipus-Komplex

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    scheitert wie seine zahlreichen Gefährten in der realen Welt, denn
    Hamlet ist vor die Aufgabe gestellt, an einem anderen die beiden
    Taten zu rächen, die den Inhalt des Ödipusstrebens bilden, wobei
    ihm sein eigenes dunkles Schuldgefühl lähmend in den Arm fallen
    darf. Der Hamlet ist von Shakespeare sehr bald nach dem Tode
    seines Vaters geschrieben worden. Meine Andeutungen zur Analyse
    dieses Trauerspiels haben später durch Ernest Jones eine gründ-
    liche Ausarbeitung erfahren. Dasselbe Beispiel nahm dann Otto
    Rank zum Ausgangspunkt seiner Untersuchungen über die Stoff-
    wahl der dramatischen Dichter. In seinem großen Buche über das
    „Inzest-Motiv“ konnte er zeigen, wie häufig die Dichter gerade
    die Motive der Ödipussituation zur Darstellung wählen und die
    Wandlungen, Abänderungen und Milderungen des Stoffes durch
    die Weltliteratur verfolgen.

    Es lag nahe, von da aus die Analyse des dichterischen und künst-
    lerischen Schaffens überhaupt in Angriff zu nehmen. Man erkannte,
    daß das Reich der Phantasie eine „Schonung“ war, die beim
    schmerzlich empfundenen Übergang vom Lust- zum Realitätsprinzip
    eingerichtet wurde, um einen Ersatz für Triebbefriedigung zu ge-
    statten, auf die man im wirklichen Leben hatte verzichten müssen.
    Der Künstler hatte sich wie der Neurotiker von der unbefriedi-
    genden Wirklichkeit in diese Phantasiewelt zurückgezogen, aber
    anders als der Neurotiker verstand er den Rückweg aus ihr zu
    finden und in der Wirklichkeit wieder festen Fuß zu fassen. Seine
    Schöpfungen, die Kunstwerke, waren Phantasiebefriedigungen un-
    bewußter Wünsche, ganz wie die Träume, mit denen sie auch den
    Charakter des Kompromisses gemein hatten, denn auch sie mußten
    den offenen Konflikt mit den Mächten der Verdrängung vermeiden.
    Aber zum Unterschied von den asozialen, narzißtischen Traum-
    produktionen waren sie auf die Anteilnahme anderer Menschen
    berechnet, konnten bei diesen die nämlichen unbewußten Wunsch-
    regungen beleben und befriedigen. Überdies bedienten sie sich der
    Wahrnehmungslust der Formschönheit als „Verlockungsprämie“.

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    SIGM. FREUD

    (1926)

    Nach einer Zeichnung von Prof. Ferdinand Schmutzer

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    Was die Psychoanalyse leisten konnte, war, aus der Aufeinander
    beziehung der Lebenseindrücke, zufälligen Schicksale, und der
    Werke des Künstlers seine Konstitution und die in ihr wirksamen
    Triebregungen, also das allgemein Menschliche an ihm, zu kon-
    struieren. In solcher Absicht habe ich z. B. Leonardo da Vinci
    zum Gegenstand einer Studie genommen, die auf einer einzigen,
    von ihm mitgeteilten Kindheitserinnerung ruht und im wesent-
    lichen auf die Erklärung seines Bildes „Die heilige Anna selbdritt“
    hinzielt. Meine Freunde und Schüler haben dann zahlreiche ähn-
    liche Analysen an Künstlern und ihren Werken unternommen.
    Es ist nicht eingetroffen, daß der Genuß am Kunstwerk durch das
    so gewonnene analytische Verständnis geschädigt wird. Dem Laien,
    der aber hier vielleicht von der Analyse zu viel erwartet, muß ein-
    gestanden werden, daß sie auf zwei Probleme kein Licht wirft,
    die ihn wahrscheinlich am meisten interessieren. Die Analyse kann
    nichts zur Aufklärung der künstlerischen Begabung sagen und auch
    die Aufdeckung der Mittel, mit denen der Künstler arbeitet, der
    künstlerischen Technik, fällt ihr nicht zu.

    An einer kleinen, an sich nicht besonders wertvollen Novelle,
    der „Gradiva“ von W. Jensen, konnte ich nachweisen, daß er-
    dichtete Träume dieselben Deutungen zulassen wie reale, daß also
    in der Produktion des Dichters die uns aus der Traumarbeit be-
    kannten Mechanismen des Unbewußten wirksam sind.

    Mein Buch über den „Witz und seine Beziehung zum
    Unbewußten“ ist direkt ein Seitensprung von der „Traumdeutung“
    her. Der einzige Freund, der damals an meinen Arbeiten Anteil
    nahm, hatte mir bemerkt, daß meine Traumdeutungen häufig einen
    „witzigen“ Eindruck machten. Um diesen Eindruck aufzuklären,
    nahm ich die Untersuchung der Witze vor und fand, das Wesen
    des Witzes liege in seinen technischen Mitteln, diese seien aber
    dieselben wie die Arbeitsweisen der „Traumarbeit“, also Verdichtung,
    Verschiebung, Darstellung durch das Gegenteil, durch ein Kleinstes
    usw. Daran schloß sich die ökonomische Untersuchung, wie der
    Freud XI.

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    hohe Lustgewinn beim Hörer des Witzes zustande komme. Die
    Antwort war: durch momentane Aufhebung von Verdrängungs-
    aufwand nach der Verlockung durch eine dargebotene Lustprämie
    (Verlust).

    Höher schätze ich selbst meine Beiträge zur Religionspsychologie
    ein, die 1907 mit der Feststellung einer überraschenden Ähnlichkeit
    zwischen Zwangshandlungen und Religionsübungen (Ritus) begannen.
    Ohne noch die tieferen Zusammenhänge zu kennen, bezeichnete
    ich die Zwangsneurose als eine verzerrte Privatrelligion, die Religion
    sozusagen als eine universelle Zwangsneurose. Später, 1912, wurde
    der nachdrückliche Hinweis von Jung auf die weitgehenden Ana-
    logien zwischen den geistigen Produktionen der Neurotiker und
    der Primitiven mir zum Anlaß, meine Aufmerksamkeit diesem
    Thema zuzuwenden. In den vier Aufsätzen, welche zu einem Buch
    mit dem Titel „Totem und Tabu“ zusammengefaßt wurden,
    führte ich aus, daß bei den Primitiven die Inzestscheu noch stärker
    ausgeprägt ist als bei den Kultivierten und ganz besondere Abwehr-
    maßregeln hervorgerufen hat, untersuchte die Beziehungen der Tabu-
    verbote, in welcher Form die ersten Moraleinschränkungen auftreten,
    zur Gefühlsambivalenz, und deckte im primitiven Weltsystem des
    Animismus das Prinzip der Überschätzung der seelischen Realität,
    der „Allmacht der Gedanken“ auf, welches auch der Magie zu-
    grunde liegt. Überall wurde die Vergleichung mit der Zwangsneurose
    durchgeführt und gezeigt, wie viel von den Voraussetzungen des
    primitiven Geisteslebens bei dieser merkwürdigen Affektion noch
    in Kraft ist. Vor allem zog mich aber der Totemismus an, dies
    erste Organisationssystem primitiver Stämme, in dem die Anfänge
    sozialer Ordnung mit einer rudimentären Religion und der un-
    erbittlichen Herrschaft einiger weniger Tabuverbote vereinigt sind.

    Das „verehrte“ Wesen ist hier ursprünglich immer ein Tier, von
    dem der Clan auch abzustammen behauptet. Aus verschiedenen An-
    zeichen wird erschlossen, daß alle, auch die höchststehenden Völker,
    einst dieses Stadium des Totemismus durchgemacht haben.

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    „Selbstdarstellung“


    Meine literarische Hauptquelle für die Arbeiten auf diesem Gebiete waren
    die bekannten Werke von J. G. Frazer („Totemism and Exogamy“, „The
    Golden Bough“), eine Fundgrube wertvoller Tatsachen und Gesichtspunkte.
    Aber zur Aufklärung der Probleme des Totemismus leistete Frazer wenig;
    er hatte seine Ansicht über diesen Gegenstand mehrmals grundstürzend
    verändert und die anderen Ethnologen und Prähistoriker schienen ebenso
    unsicher als uneinig in diesen Dingen. Mein Ausgangspunkt war die auf-
    fällige Übereinstimmung der beiden Tabusatzungen des Totemismus, den
    Totem nicht zu töten und kein Weib des gleichen Totemclans geschlechtlich
    zu gebrauchen, mit den beiden Inhalten des Ödipus-Komplexes, den Vater
    zu beseitigen und die Mutter zum Weibe zu nehmen. Es ergab sich so
    die Versuchung, das Totemtier dem Vater gleichzustellen, wie es die Primi-
    tiven ohnedies ausdrücklich taten, indem sie es als den Ahnherrn des Clans
    verehrten. Von psychoanalytischer Seite kamen mir dann zwei Tatsachen
    zu Hilfe, eine glückliche Beobachtung Ferenczis am Kinde, welche ge-
    stattete, von einer infantilen Wiederkehr des Totemismus zu sprechen,
    und die Analyse der frühen Tierphobien der Kinder, welche so oft zeigte,
    daß dies Tier ein Vaterersatz war, auf welchen die im Ödipus-Komplex
    begründete Furcht vor dem Vater verschoben wurde. Es fehlte nun nicht
    mehr viel, um die Vatertötung als Kern des Totemismus und als Aus-
    gangspunkt der Religionsbildung zu erkennen.

    Dies fehlende Stück kam durch die Kenntnisnahme von W. Robertson
    Smiths Werk „The Religion of the Semites“ hinzu – der geniale Mann,
    Physiker und Bibelforscher, hatte als ein wesentliches Stück der Totem-
    religion die sogenannte Totemmahlzeit hingestellt. Einmal im Jahre
    wurde das sonst heilig gehaltene Totemtier feierlich unter Beteiligung aller
    Stammesgenossen getötet, verzehrt und dann betrauert. An diese Trauer
    schloß sich ein großes Fest an. Nahm ich die Darwinsche Vermutung
    hinzu, daß die Menschen ursprünglich in Horden lebten, deren jede unter
    der Herrschaft eines einzigen, starken, gewalttätigen und eifersüchtigen
    Männchens stand, so gestaltete sich mir aus all diesen Komponenten die
    Hypothese, oder ich möchte lieber sagen: die Vision, des folgenden Her-
    gangs: Der Vater der Urhorde hatte als unumschränkter Despot alle Frauen
    für sich in Anspruch genommen, die als Rivalen gefährlichen Söhne ge-
    tötet oder verjagt. Eines Tages aber taten sich diese Söhne zusammen,
    überwältigten, töteten und verzehrten ihn gemeinsam, der ihr Feind, aber
    auch ihr Ideal gewesen war. Nach der Tat waren sie außerstande, sein
    Erbe anzutreten, da einer dem anderen im Wege stand. Unter dem Einfluß

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    des Mißerfolges und der Reue lernten sie, sich miteinander zu vertragen,
    banden sich zu einem Brüderclan durch die Satzungen des Totemismus,
    welche die Wiederholung einer solchen Tat ausschließen sollten, und ver-
    zichteten insgesamt auf den Besitz der Frauen, um welche sie den Vater
    getötet hatten. Sie waren nun auf fremde Frauen angewiesen; dies der
    Ursprung der mit dem Totemismus eng verknüpften Exogamie. Die Totem-
    mahlzeit war die Gedächtnisfeier der ungeheuerlichen Tat, von der das
    Schuldbewußtsein der Menschheit (die Erbsünde) herrührte, mit der soziale
    Organisation, Religion und sittliche Beschränkung gleichzeitig ihren An-
    fang nahmen.

    Ob nun eine solche Möglichkeit als historisch anzunehmen ist
    oder nicht, die Religionsbildung war hiemit auf den Boden des
    Vaterkomplexes gestellt und über der Ambivalenz aufgebaut, welche
    diesen beherrscht. Nachdem der Vaterersatz durch das Totemtier ver-
    lassen war, wurde der gefürchtete und gehaßte, verehrte und be-
    neidete Urvater selbst das Vorbild Gottes. Der Sohnestrotz und seine
    Vatersehnsucht rangen miteinander in immer neuen Kompromiß-
    bildungen, durch welche einerseits die Tat des Vatermordes gesühnt,
    anderseits deren Gewinn behauptet werden sollte. Ein besonders
    helles Licht wirft diese Auffassung der Religion auf die psychologische
    Fundierung des Christentums, in dem ja die Zeremonie der Totem-
    mahlzeit noch wenig entstellt als Kommunion fortlebt. Ich will
    ausdrücklich bemerken, daß diese letztere Agnoszierung nicht von
    mir herrührt, sondern sich bereits bei Robertson Smith und
    Frazer findet.

    Th. Reik und der Ethnologe G. Róheim haben in zahlreichen
    beachtenswerten Arbeiten an die Gedankengänge von „Totem und
    Tabu“ angeknüpft, sie fortgeführt, vertieft oder berichtigt. Ich selbst
    bin später noch einige Male auf sie zurückgekommen, bei Unter-
    suchungen über das „unbewußte Schuldgefühl“, dem auch unter
    den Motiven des neurotischen Leidens eine so große Bedeutung
    zukommt, und bei Bemühungen, die soziale Psychologie enger an
    die Psychologie des Individuums zu binden („Das Ich und das Es“ –
    „Massenpsychologie und Ich-Analyse“). Auch zur Erklärung der

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    Hypnotisierbarkeit habe ich die archaische Erbschaft aus der Ur-
    hordenzeit der Menschen herangezogen.

    Gering ist mein direkter Anteil an anderen Anwendungen der
    Psychoanalyse, die doch des allgemeinsten Interesses würdig sind.
    Von den Phantasien des einzelnen Neurotikers führt ein breiter
    Weg zu den Phantasieschöpfungen der Massen und Völker, wie sie
    in den Mythen, Sagen und Märchen zutage liegen. Die Mytho-
    logie ist das Arbeitsgebiet von Otto Rank geworden, die Deutung
    der Mythen, ihre Zurückführung auf die bekannten unbewußten
    Kindheitskomplexe, der Ersatz astraler Erklärungen durch mensch-
    liche Motivierung war in vielen Fällen der Erfolg seiner analyti-
    schen Bemühung. Auch das Thema der Symbolik hat zahlreiche
    Bearbeiter in meinen Kreisen gefunden. Die Symbolik hat der Psycho-
    analyse viel Feindschaften eingetragen; manche allzu nüchterne
    Forscher haben ihr die Anerkennung der Symbolik, wie sie sich
    aus der Deutung der Träume ergab, niemals verzeihen können.
    Aber die Analyse ist an der Entdeckung der Symbolik unschuldig,
    sie war auf anderen Gebieten längst bekannt und spielt dort (Folklore,
    Sage, Mythus) selbst eine größere Rolle als in der „Sprache des
    Traumes“.

    Zur Anwendung der Analyse auf die Pädagogik habe ich per-
    sönlich nichts beigetragen; aber es war natürlich, daß die analyti-
    schen Ermittlungen über das Sexualleben und die seelische Ent-
    wicklung der Kinder die Aufmerksamkeit der Erzieher auf sich
    zogen und sie ihre Aufgaben in einem neuen Lichte sehen ließen.
    Als unermüdlicher Vorkämpfer dieser Richtung in der Pädagogik
    hat sich der protestantische Pfarrer O. Pfister in Zürich hervor-
    getan, der die Pflege der Analyse auch mit dem Festhalten an
    einer allerdings sublimierten Religiosität vereinbar fand; neben ihm
    Frau Dr. Hug-Hellmuth und Dr. S. Bernfeld in Wien sowie
    viele andere. Aus der Verwendung der Analyse zur vorbeugenden
    Erziehung des gesunden und zur Korrektur des noch nicht neuroti-
    schen, aber in seiner Entwicklung entgleisten Kindes hat sich eine

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    praktisch wichtige Folge ergeben. Es ist nicht mehr möglich, die
    Ausübung der Psychoanalyse den Ärzten vorzubehalten und die
    Laien von ihr auszuschließen. In der Tat ist der Arzt, der nicht
    eine besondere Ausbildung erfahren hat, trotz seines Diploms ein
    Laie in der Analyse und der Nichtarzt kann bei entsprechender
    Vorbereitung und gelegentlicher Anlehnung an einen Arzt auch
    die Aufgabe der analytischen Behandlung von Neurosen erfüllen.

    Durch eine jener Entwicklungen, gegen deren Erfolg man sich
    vergebens sträuben würde, ist das Wort Psychoanalyse selbst mehr
    deutig geworden. Ursprünglich die Bezeichnung eines bestimmten
    therapeutischen Verfahrens, ist es jetzt auch der Name einer Wissen-
    schaft geworden, der vom Unbewußt-Seelischen. Diese Wissenschaft
    kann nur selten für sich allein ein Problem voll erledigen; aber
    sie scheint berufen, zu den verschiedensten Wissensgebieten wichtige
    Beiträge zu liefern. Das Anwendungsgebiet der Psychoanalyse reicht
    ebensoweit wie das der Psychologie, zu der sie eine Ergänzung von
    mächtiger Tragweite hinzufügt.

    So kann ich denn, rückschauend auf das Stückwerk meiner Lebens-
    arbeit, sagen, daß ich vielerlei Anfänge gemacht und manche An-
    regungen ausgeteilt habe, woraus dann in der Zukunft etwas werden
    soll. Ich kann selbst nicht wissen, ob es viel sein wird oder wenig.