• S.

    III

    Unsere Untersuchung über das Glück hat uns bisher
    nicht viel gelehrt, was nicht allgemein bekannt ist. Auch
    wenn wir sie mit der Frage fortsetzen, warum es für
    die Menschen so schwer ist, glücklich zu werden, scheint
    die Aussicht, Neues zu erfahren, nicht viel größer. Wir
    haben die Antwort bereits gegeben, indem wir auf die
    drei Quellen hinwiesen, aus denen unser Leiden kommt:
    die Übermacht der Natur, die Hinfälligkeit unseres
    eigenen Körpers und die Unzulänglichkeit der Einrich-
    tungen, welche die Beziehungen der Menschen zu
    einander in Familie, Staat und Gesellschaft regeln. In
    betreff der beiden ersten kann unser Urteil nicht lange
    schwanken; es zwingt uns zur Anerkennung dieser
    Leidensquellen und zur Ergebung ins Unvermeidliche.
    Wir werden die Natur nie vollkommen beherrschen,
    unser Organismus, selbst ein Stück dieser Natur, wird
    immer ein vergängliches, in Anpassung und Leistung
    beschränktes Gebilde bleiben. Von dieser Erkenntnis
    geht keine lähmende Wirkung aus; im Gegenteil, sie
    weist unserer Tätigkeit die Richtung. Können wir nicht

  • S.

    41

    alles Leiden aufheben, so doch manches, und anderes
    lindern, mehrtausendjährige Erfahrung hat uns davon
    überzeugt. Anders verhalten wir uns zur dritten, zur
    sozialen Leidensquelle. Diese wollen wir überhaupt nicht
    gelten lassen, können nicht einsehen, warum die von
    uns selbst geschaffenen Einrichtungen nicht vielmehr
    Schutz und Wohltat für uns alle sein sollten. Aller-
    dings, wenn wir bedenken, wie schlecht uns gerade
    dieses Stück der Leidverhütung gelungen ist, erwacht
    der Verdacht, es könnte auch hier ein Stück der un-
    besiegbaren Natur dahinter stecken, diesmal unserer
    eigenen psychischen Beschaffenheit.

    Auf dem Wege, uns mit dieser Möglichkeit zu be-
    schäftigen, treffen wir auf eine Behauptung, die so er-
    staunlich ist, daß wir bei ihr verweilen wollen. Sie
    lautet, einen großen Teil der Schuld an unserem Elend
    trage unsere sogenannte Kultur; wir wären viel glück-
    licher, wenn wir sie aufgeben und in primitive Ver-
    hältnisse zurückfinden würden. Ich heiße sie erstaunlich,
    weil – wie immer man den Begriff Kultur bestimmen
    mag – es doch feststeht, daß alles, womit wir uns
    gegen die Bedrohung aus den Quellen des Leidens zu
    schützen versuchen, eben der nämlichen Kultur zugehört.

    Auf welchem Weg sind wohl so viele Menschen zu
    diesem Standpunkt befremdlicher Kulturfeindlichkeit
    gekommen? Ich meine, eine tiefe, lang bestehende
    Unzufriedenheit mit dem jeweiligen Kulturzustand

  • S.

    42

    stellte den Boden her, auf dem sich dann bei bestimm-
    ten historischen Anlässen diese Verurteilung erhob.
    Den letzten und den vorletzten dieser Anlässe glaube
    ich zu erkennen; ich bin nicht gelehrt genug, um die
    Kette derselben weit genug in die Geschichte der
    menschlichen Art zurückzuverfolgen. Schon beim Sieg
    des Christentums über die heidnischen Religionen muß
    ein solcher kulturfeindlicher Faktor beteiligt gewesen
    sein. Der durch die christliche Lehre vollzogenen Ent-
    wertung des irdischen Lebens stand er ja sehr nahe.
    Die vorletzte Veranlassung ergab sich, als man im
    Fortschritt der Entdeckungsreisen in Berührung mit
    primitiven Völkern und Stämmen kam. Bei ungenü-
    gender Beobachtung und mißverständlicher Auffassung
    ihrer Sitten und Gebräuche schienen sie den Europäern
    ein einfaches, bedürfnisarmes, glückliches Leben zu
    führen, wie es den kulturell überlegenen Besuchern
    unerreichbar war. Die spätere Erfahrung hat manches
    Urteil dieser Art berichtigt; in vielen Fällen hatte man
    irrtümlich ein Maß von Lebenserleichterung, das der
    Großmut der Natur und der Bequemlichkeit in der
    Befriedigung der großen Bedürfnisse zu danken war,
    der Abwesenheit von verwickelten kulturellen Anfor-
    derungen zugeschrieben. Die letzte Veranlassung ist
    uns besonders vertraut; sie trat auf, als man den Me-
    chanismus der Neurosen kennen lernte, die das bißchen
    Glück des Kulturmenschen zu untergraben drohen. Man

  • S.

    43

    fand, daß der Mensch neurotisch wird, weil er das
    Maß von Versagung nicht ertragen kann, das ihm die
    Gesellschaft im Dienste ihrer kulturellen Ideale aufer-
    legt, und man schloß daraus, daß es eine Rückkehr zu
    Glücksmöglichkeiten bedeutete, wenn diese Anforde-
    rungen aufgehoben oder sehr herabgesetzt würden.

    Es kommt noch ein Moment der Enttäu-
    schung dazu. In den letzten Generationen haben die
    Menschen außerordentliche Fortschritte in den Natur-
    wissenschaften und in ihrer technischen Anwendung
    gemacht, ihre Herrschaft über die Natur in einer frü-
    her unvorstellbaren Weise befestigt. Die Einzelheiten
    dieser Fortschritte sind allgemein bekannt, es erübrigt
    sich, sie aufzuzählen. Die Menschen sind stolz auf
    diese Errungenschaften und haben ein Recht dazu.
    Aber sie glauben bemerkt zu haben, daß diese neu
    gewonnene Verfügung über Raum und Zeit, diese
    Unterwerfung der Naturkräfte, die Erfüllung jahrtau-
    sende alter Sehnsucht, das Maß von Lustbefriedigung,
    das sie vom Leben erwarten, nicht erhöht, sie nach
    ihren Empfindungen nicht glücklicher gemacht hat.
    Man sollte sich begnügen, aus dieser Feststellung den
    Schluß zu ziehen, die Macht über die Natur sei nicht
    die einzige Bedingung des Menschenglücks, wie sie ja
    auch nicht das einzige Ziel der Kulturbestrebungen ist,
    und nicht die Wertlosigkeit der technischen Fortschritte
    für unsere Glücksökonomie daraus ableiten. Man

  • S.

    44

    möchte einwenden, ist es denn nicht ein positiver
    Lustgewinn, ein unzweideutiger Zuwachs an Glücks-
    gefühl, wenn ich beliebig oft die Stimme des Kindes
    hören kann, das Hunderte von Kilometern entfernt
    von mir lebt, wenn ich die kürzeste Zeit nach der
    Landung des Freundes erfahren kann, daß er die lange,
    beschwerliche Reise gut bestanden hat? Bedeutet es
    nichts, daß es der Medizin gelungen ist, die Sterblich-
    keit der kleinen Kinder, die Infektionsgefahr der ge-
    bärenden Frauen so außerordentlich herabzusetzen, ja,
    die mittlere Lebensdauer des Kulturmenschen um eine
    beträchtliche Anzahl von Jahren zu verlängern? Und
    solcher Wohltaten, die wir dem vielgeschmähten Zeit-
    alter der wissenschaftlichen und technischen Fortschritte
    verdanken, können wir noch eine große Reihe anfüh-
    ren, – aber da läßt sich die Stimme der pessimisti-
    schen Kritik vernehmen und mahnt, die meisten die-
    ser Befriedigungen folgten dem Muster jenes „billigen
    Vergnügens“, das in einer gewissen Anekdote ange-
    priesen wird. Man verschafft sich diesen Genuß, indem
    man in kalter Winternacht ein Bein nackt aus der
    Decke herausstreckt und es dann wieder einzieht. Gäbe
    es keine Eisenbahn, die die Entfernungen überwindet,
    so hätte das Kind die Vaterstadt nie verlassen, man
    brauchte kein Telephon, um seine Stimme zu hören.
    Wäre nicht die Schiffahrt über den Ozean eingerichtet,
    so hätte der Freund nicht die Seereise unternommen,

  • S.

    45

    ich brauchte den Telegraphen nicht, um meine Sorge
    um ihn zu beschwichtigen. Was nützt uns die Ein-
    schränkung der Kindersterblichkeit, wenn gerade sie
    uns die äußerste Zurückhaltung in der Kinderzeugung
    aufnötigt, so daß wir im Ganzen doch nicht mehr
    Kinder aufziehen, als in den Zeiten vor der Herr-
    schaft der Hygiene, dabei aber unser Sexualleben in
    der Ehe unter schwierige Bedingungen gebracht und
    wahrscheinlich der wohltätigen, natürlichen Auslese
    entgegengearbeitet haben? Und was soll uns endlich
    ein langes Leben, wenn es beschwerlich, arm an Freu-
    den und so leidvoll ist, daß wir den Tod nur als Er-
    löser bewillkommen können?

    Es scheint festzustehen, daß wir uns in unserer
    heutigen Kultur nicht wohlfühlen, aber es ist sehr
    schwer, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob und in-
    wieweit die Menschen früherer Zeiten sich glücklicher
    gefühlt haben und welchen Anteil ihre Kulturbedin-
    gungen daran hatten. Wir werden immer die Neigung
    haben, das Elend objektiv zu erfassen, d. h. uns mit
    unseren Ansprüchen und Empfänglichkeiten in jene
    Bedingungen zu versetzen, um dann zu prüfen, welche
    Anlässe zu Glücks- und Unglücksempfindungen wir in
    ihnen fänden. Diese Art der Betrachtung, die objektiv
    erscheint, weil sie von den Variationen der subjek-
    tiven Empfindlichkeit absieht, ist natürlich die subjek-
    tivste, die möglich ist, indem sie an die Stelle aller

  • S.

    46

    anderen unbekannten, seelischen Verfassungen die
    eigene einsetzt. Das Glück ist aber etwas durchaus
    Subjektives. Wir mögen noch so sehr vor gewissen
    Situationen zurückschrecken, der des antiken Galeeren-
    sklaven, des Bauern im 30jährigen Krieg, des Opfers
    der heiligen Inquisition, des Juden, der den Pogrom
    erwartet, es ist uns doch unmöglich, uns in diese Per-
    sonen einzufühlen, die Veränderungen zu erraten, die
    ursprüngliche Stumpfheit, allmähliche Abstumpfung,
    Einstellung der Erwartungen, gröbere und feinere
    Weisen der Narkotisierung in der Empfänglichkeit für
    Lust- und Unlustempfindungen herbeigeführt haben.
    Im Falle äußerster Leidmöglichkeit werden auch be-
    stimmte seelische Schutzvorrichtungen in Tätigkeit ver-
    setzt. Es scheint mir unfruchtbar, diese Seite des
    Problems weiter zu verfolgen.

    Es ist Zeit, daß wir uns um das Wesen dieser
    Kultur kümmern, deren Glückswert in Zweifel ge-
    zogen wird. Wir werden keine Formel fordern, die
    dieses Wesen in wenigen Worten ausdrückt, noch ehe
    wir etwas aus der Untersuchung erfahren haben. Es
    genügt uns also, zu wiederholen,1 daß das Wort „Kul-
    tur“ die ganze Summe der Leistungen und Einrichtun-
    gen bezeichnet, in denen sich unser Leben von dem
    unserer tierischen Ahnen entfernt, und die zwei Zwecken

    1)Siehe: Die Zukunft einer Illusion, 1927.

  • S.

    47

    dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur
    und der Regelung der Beziehungen der Menschen
    untereinander. Um mehr zu verstehen, werden wir
    die Züge der Kultur im einzelnen zusammensuchen,
    wie sie sich in menschlichen Gemeinschaften zeigen.
    Wir lassen uns dabei ohne Bedenken vom Sprach-
    gebrauch, oder wie man auch sagt: Sprachgefühl, leiten
    im Vertrauen darauf, daß wir so inneren Einsichten
    gerecht werden, die sich dem Ausdruck in abstrakten
    Worten noch widersetzen.

    Der Eingang ist leicht: Als kulturell anerkennen wir
    alle Tätigkeiten und Werte, die den Menschen nützen,
    indem sie ihm die Erde dienstbar machen, ihn gegen
    die Gewalt der Naturkräfte schützen und dergl. Über
    diese Seite des Kulturellen besteht ja am wenigsten
    Zweifel. Um weit genug zurückzugehen, die ersten
    kulturellen Taten waren der Gebrauch von Werk-
    zeugen, die Zähmung des Feuers, der Bau von Wohn-
    stätten. Unter ihnen ragt die Zähmung des Feuers als
    eine ganz außerordentliche, vorbildlose Leistung hervor,1)

    1)Psychoanalytisches Material, unvollständig, nicht sicher deut-
    bar, läßt doch wenigstens eine – phantastisch klingende – Ver-
    mutung über den Ursprung dieser menschlichen Großtat zu. Als
    wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn er dem Feuer be-
    gegnete, eine infantile Lust an ihm zu befriedigen, indem er es
    durch seinen Harnstrahl auslöschte. An der ursprünglichen phalli-
    schen Auffassung der züngelnden, sich in die Höhe reckenden
    Flamme kann nach vorhandenen Sagen kein Zweifel sein. Das

  • S.

    48

    mit den anderen schlug der Mensch Wege ein, die er
    seither immer weiter verfolgt hat, zu denen die An-
    regung leicht zu erraten ist. Mit all seinen Werkzeugen
    vervollkommnet der Mensch seine Organe – die
    motorischen wie die sensorischen – oder räumt die
    Schranken für ihre Leistung weg. Die Motoren stellen
    ihm riesige Kräfte zur Verfügung, die er wie seine
    Muskeln in beliebige Richtungen schicken kann, das
    Schiff und das Flugzeug machen, daß weder Wasser
    noch Luft seine Fortbewegung hindern können. Mit
    der Brille korrigiert er die Mängel der Linse in
    seinem Auge, mit dem Fernrohr schaut er in ent-
    fernte Weiten, mit dem Mikroskop überwindet er die
    Grenzen der Sichtbarkeit, die durch den Bau seiner
    Netzhaut abgesteckt werden. In der photographischen

    Feuerlöschen durch Urinieren – auf das noch die späten Riesen-
    kinder Gulliver in Liliput und Rabelais’ Gargantua zurückgreifen
    – war also wie ein sexueller Akt mit einem Mann, ein Genuß
    der männlichen Potenz im homosexuellen Wettkampf. Wer zuerst
    auf diese Lust verzichtete, das Feuer verschonte, konnte es mit
    sich forttragen und in seinen Dienst zwingen. Dadurch daß er
    das Feuer seiner eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er
    die Naturkraft des Feuers gezähmt. Diese große kulturelle Erobe-
    rung wäre also der Lohn für einen Triebverzicht. Und weiter,
    als hätte man das Weib zur Hüterin des auf dem häuslichen
    Herd gefangen gehaltenen Feuers bestellt, weil ihr anatomischer
    Bau es ihr verbietet, einer solchen Lustversuchung nachzugeben.
    Es ist auch bemerkenswert, wie regelmäßig die analytischen Er-
    fahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz, Feuer und Harn-
    erotik bezeugen.

  • S.

    49

    Kamera hat er ein Instrument geschaffen, das die
    flüchtigen Seheindrücke festhält, was ihm die Gram-
    mophonplatte für die ebenso vergänglichen Schallein-
    drücke leisten muß, beides im Grunde Materialisatio-
    nen des ihm gegebenen Vermögens der Erinnerung,
    seines Gedächtnisses. Mit Hilfe des Telephons hört er
    aus Entfernungen, die selbst das Märchen als unerreich-
    bar respektieren würde; die Schrift ist ursprünglich
    die Sprache des Abwesenden, das Wohnhaus ein Er-
    satz für den Mutterleib, die erste, wahrscheinlich noch
    immer ersehnte Behausung, in der man sicher war
    und sich so wohl fühlte.

    Es klingt nicht nur wie ein Märchen, es ist direkt
    die Erfüllung aller – nein der meisten – Märchen-
    wünsche, was der Mensch durch seine Wissenschaft
    und Technik auf dieser Erde hergestellt hat, in der er
    zuerst als ein schwaches Tierwesen auftrat und in die
    jedes Individuum seiner Art wiederum als hilfloser
    Säugling – oh inch of nature! – eintreten muß. All
    diesen Besitz darf er als Kulturerwerb ansprechen. Er
    hatte sich seit langen Zeiten eine Idealvorstellung von
    Allmacht und Allwissenheit gebildet, die er in seinen
    Göttern verkörperte. Ihnen schrieb er alles zu, was
    seinen Wünschen unerreichbar schien, – oder ihm ver-
    boten war. Man darf also sagen, diese Götter waren
    Kulturideale. Nun hat er sich der Erreichung dieses
    Ideals sehr angenähert, ist beinahe selbst ein Gott ge-

  • S.
  • S.

    51

    emsig zu Tage gefördert und zu den verlangten Werk-
    zeugen und Geräten verarbeitet. Die Verkehrsmittel
    seien reichlich, rasch und zuverlässig, die wilden und
    gefährlichen Tiere seien ausgerottet, die Zucht der zu
    Haustieren gezähmten sei in Blüte. Wir haben aber
    an die Kultur noch andere Anforderungen zu stellen
    und hoffen bemerkenswerterweise sie in denselben
    Ländern verwirklicht zu finden. Als wollten wir
    unseren zuerst erhobenen Anspruch verleugnen, be-
    grüßen wir es auch als kulturell, wenn wir sehen, daß
    sich die Sorgfalt der Menschen auch Dingen zuwendet,
    die ganz und gar nicht nützlich sind, eher unnütz er-
    scheinen, z. B. wenn die in einer Stadt als Spielplätze
    und Luftreservoirs notwendigen Gartenflächen auch
    Blumenbeete tragen, oder wenn die Fenster der Woh-
    nungen mit Blumentöpfen geschmückt sind. Wir merken
    bald, das Unnütze, dessen Schätzung wir von der
    Kultur erwarten, ist die Schönheit; wir fordern, daß
    der Kulturmensch die Schönheit verehre, wo sie ihm
    in der Natur begegnet, und sie herstelle an Gegen-
    ständen, soweit seiner Hände Arbeit es vermag. Weit
    entfernt, daß unsere Ansprüche an die Kultur damit
    erschöpft wären. Wir verlangen noch die Zeichen von
    Reinlichkeit und Ordnung zu sehen. Wir denken nicht
    hoch von der Kultur einer englischen Landstadt zur
    Zeit Shakespeares, wenn wir lesen, daß ein hoher Mist-
    haufen vor der Türe seines väterlichen Hauses in Strat-

  • S.

    52

    ford lagerte; wir sind ungehalten und schelten es
    „barbarisch“, was der Gegensatz zu kulturell ist, wenn
    wir die Wege des Wienerwaldes mit weggeworfenen
    Papieren bestreut finden. Unsauberkeit jeder Art scheint
    uns mit Kultur unvereinbar; auch auf den menschlichen
    Körper dehnen wir die Forderung der Reinlichkeit aus,
    hören mit Erstaunen, welch üblen Geruch die Person
    des Roi Soleil zu verbreiten pflegte, und schütteln den
    Kopf, wenn uns auf Isola bella die winzige Wasch-
    schüssel gezeigt wird, deren sich Napoleon bei seiner
    Morgentoilette bediente. Ja, wir sind nicht überrascht,
    wenn jemand den Gebrauch von Seife direkt als Kultur-
    messer aufstellt. Ähnlich ist es mit der Ordnung, die
    ebenso wie die Reinlichkeit sich ganz auf Menschen-
    werk bezieht. Aber während wir Reinlichkeit in der
    Natur nicht erwarten dürfen, ist die Ordnung vielmehr
    der Natur abgelauscht; die Beobachtung der großen
    astronomischen Regelmäßigkeiten hat dem Menschen
    nicht nur das Vorbild, sondern die ersten Anhaltspunkte
    für die Einführung der Ordnung in sein Leben ge-
    geben. Die Ordnung ist eine Art Wiederholungszwang,
    die durch einmalige Einrichtung entscheidet, wann, wo
    und wie etwas getan werden soll, sodaß man in jedem
    gleichen Falle Zögern und Schwanken erspart. Die
    Wohltat der Ordnung ist ganz unleugbar, sie ermög-
    licht dem Menschen die beste Ausnützung von Raum
    und Zeit, während sie seine psychischen Kräfte schont.

  • S.

    53

    Man hätte ein Recht zu erwarten, daß sie sich von
    Anfang an und zwanglos im menschlichen Tun durch
    setzt und darf erstaunen, daß dies nicht der Fall ist,
    daß der Mensch vielmehr einen natürlichen Hang zur
    Nachlässigkeit, Unregelmäßigkeit und Unzuverlässigkeit
    in seiner Arbeit an den Tag legt und erst mühselig
    zur Nachahmung der himmlischen Vorbilder erzogen
    werden muß.

    Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung nehmen offen-
    bar eine besondere Stellung unter den Kulturanforde-
    rungen ein. Niemand wird behaupten, daß sie ebenso
    lebenswichtig seien wie die Beherrschung der Natur-
    kräfte und andere Momente, die wir noch kennen
    lernen sollen, und doch wird niemand gern sie als
    Nebensächlichkeiten zurückstellen wollen. Daß die
    Kultur nicht allein auf Nutzen bedacht ist, zeigt schon
    das Beispiel der Schönheit, die wir unter den Inter-
    essen der Kultur nicht vermissen wollen. Der Nutzen der
    Ordnung ist ganz offenbar; bei der Reinlichkeit haben
    wir zu bedenken, daß sie auch von der Hygiene ge-
    fordert wird, und können vermuten, daß dieser Zu-
    sammenhang den Menschen auch vor der Zeit einer
    wissenschaftlichen Krankheitsverhütung nicht ganz fremd
    war. Aber der Nutzen erklärt uns das Streben nicht
    ganz; es muß noch etwas anderes im Spiele sein.

    Durch keinen anderen Zug vermei-
    nen wir aber die Kultur besser zu kennzeichnen, als durch die Schätzung

  • S.

    54

    und Pflege der höheren psychischen Tätigkeiten, der
    intellektuellen, wissenschaftlichen und künstlerischen
    Leistungen, der führenden Rolle, welche den Ideen im
    Leben der Menschen eingeräumt wird. Unter diesen
    Ideen stehen obenan die religiösen Systeme, auf deren
    verwickelten Aufbau ich an anderer Stelle Licht zu
    werfen versuchte; neben ihnen die philosophischen
    Spekulationen und endlich, was man die Idealbildungen
    der Menschen heißen kann, ihre Vorstellungen von
    einer möglichen Vollkommenheit der einzelnen Person,
    des Volkes, der ganzen Menschheit und die Anforde-
    rungen, die sie auf Grund solcher Vorstellungen er-
    heben. Daß diese Schöpfungen nicht unabhängig von
    einander sind, vielmehr innig untereinander verwoben,
    erschwert sowohl ihre Darstellung wie ihre psycho-
    logische Ableitung. Wenn wir ganz allgemein an-
    nehmen, die Triebfeder aller menschlichen Tätigkeiten
    sei das Streben nach den beiden zusammenfließenden
    Zielen, Nutzen und Lustgewinn, so müssen wir das-
    selbe auch für die hier angeführten kulturellen Äuße-
    rungen gelten lassen, obwohl es nur für die wissen-
    schaftliche und künstlerische Tätigkeit leicht ersichtlich
    ist. Man kann aber nicht bezweifeln, daß auch die an-
    deren starken Bedürfnissen der Menschen entsprechen,
    vielleicht solchen, die nur bei einer Minderzahl ent-
    wickelt sind. Auch darf man sich nicht durch Wert-
    urteile über einzelne dieser religiösen, philosophischen

  • S.

    55

    Systeme und dieser Ideale beirren lassen; ob man die
    höchste Leistung des Menschengeistes in ihnen sucht
    oder ob man sie als Verirrungen beklagt, man muß
    anerkennen, daß ihr Vorhandensein, besonders ihre
    Vorherrschaft, einen Hochstand der Kultur bedeutet.

    Als letzten, gewiß nicht unwichtigsten Charakter-
    zug einer Kultur haben wir zu würdigen, in welcher
    Weise die Beziehungen der Menschen zu einander, die
    sozialen Beziehungen, geregelt sind, die den Menschen
    als Nachbarn, als Hilfskraft, als Sexualobjekt eines an-
    deren, als Mitglied einer Familie, eines Staates be-
    treffen. Es wird hier besonders schwer, sich von be-
    stimmten Idealforderungen frei zu halten und das, was
    überhaupt kulturell ist, zu erfassen. Vielleicht beginnt
    man mit der Erklärung, das kulturelle Element sei
    mit dem ersten Versuch, diese sozialen Beziehungen
    zu regeln, gegeben. Unterbliebe ein solcher Versuch,
    so wären diese Beziehungen der Willkür des Einzelnen
    unterworfen, d. h. der physisch Stärkere würde sie im
    Sinne seiner Interessen und Triebregungen entscheiden.
    Daran änderte sich nichts, wenn dieser Stärkere seiner-
    seits einen einzelnen noch Stärkeren fände. Das mensch-
    liche Zusammenleben wird erst ermöglicht, wenn sich
    eine Mehrheit zusammenfindet, die stärker ist als jeder
    einzelne und gegen jeden einzelnen zusammenhält. Die
    Macht dieser Gemeinschaft stellt sich nun als „Recht“ der
    Macht des Einzelnen, die als „rohe Gewalt“ verurteilt

  • S.

    56

    wird, entgegen. Diese Ersetzung der Macht des Ein-
    zelnen durch die der Gemeinschaft ist der entscheidende
    kulturelle Schritt. Ihr Wesen besteht darin, daß sich
    die Mitglieder der Gemeinschaft in ihren Befriedigungs-
    möglichkeiten beschränken, während der Einzelne keine
    solche Schranke kannte. Die nächste kulturelle Anfor-
    derung ist also die der Gerechtigkeit, d. h. die Ver-
    sicherung, daß die einmal gegebene Rechtsordnung
    nicht wieder zu Gunsten eines Einzelnen durchbrochen
    werde. Über den ethischen Wert eines solchen Rechts
    wird hiermit nicht entschieden. Der weitere Weg der
    kulturellen Entwicklung scheint dahin zu streben, daß
    dieses Recht nicht mehr der Willensausdruck einer
    kleinen Gemeinschaft – Kaste, Bevölkerungsschichte,
    Volksstammes – sei, welche sich zu anderen und viel-
    leicht umfassenderen solchen Massen wieder wie ein
    gewalttätiges Individuum verhält. Das Endergebnis soll
    ein Recht sein, zu dem alle – wenigstens alle Gemein-
    schaftsfähigen – durch ihre Triebopfer beigetragen
    haben und das keinen – wiederum mit der gleichen
    Ausnahme – zum Opfer der rohen Gewalt werden läßt.
    Die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut. Sie war
    am größten vor jeder Kultur, allerdings damals meist
    ohne Wert, weil das Individuum kaum imstande war,
    sie zu verteidigen. Durch die Kulturentwicklung er-
    fährt sie Einschränkungen und die Gerechtigkeit for-
    dert, daß keinem diese Einschränkungen erspart wer-
     

  • S.

    57

    den. Was sich in einer menschlichen Gemeinschaft als
    Freiheitsdrang rührt, kann Auflehnung gegen eine be-
    stehende Ungerechtigkeit sein und so einer weiteren
    Entwicklung der Kultur günstig werden, mit der Kul-
    tur verträglich bleiben. Es kann aber auch dem Rest
    der ursprünglichen, von der Kultur ungebändigten
    Persönlichkeit entstammen und so Grundlage der Kul-
    turfeindseligkeit werden. Der Freiheitsdrang richtet sich
    also gegen bestimmte Formen und Ansprüche der
    Kultur oder gegen Kultur überhaupt. Es scheint nicht,
    daß man den Menschen durch irgendwelche Beeinflus-
    sung dazu bringen kann, seine Natur in die eines
    Termiten umzuwandeln, er wird wohl immer seinen
    Anspruch auf individuelle Freiheit gegen den Willen
    der Masse verteidigen. Ein gut Teil des Ringens der
    Menschheit staut sich um die eine Aufgabe, einen
    zweckmäßigen, d. h. beglückenden Ausgleich zwischen
    diesen individuellen und den kulturellen Massenan-
    sprüchen zu finden, es ist eines ihrer Schicksalsprobleme,
    ob dieser Ausgleich durch eine bestimmte Gestaltung der
    Kultur erreichbar oder ob der Konflikt unversöhnlich ist.
    Indem wir uns vom gemeinen Empfinden sagen ließen,
    welche Züge im Leben der Menschen kulturell zu
    nennen sind, haben wir einen deutlichen Eindruck
    vom Gesamtbild der Kultur bekommen, freilich zu
    nächst nichts erfahren, was nicht allgemein bekannt ist.
    Dabei haben wir uns gehütet, dem Vorurteil beizu-
     

  • S.

    58

    stimmen, Kultur sei gleichbedeutend mit Vervollkomm-
    nung, sei der Weg zur Vollkommenheit, die dem
    Menschen vorgezeichnet ist. Nun aber drängt sich uns
    eine Auffassung auf, die vielleicht anderswohin führt.
    Die Kulturentwicklung erscheint uns als ein eigenarti-
    ger Prozeß, der über die Menschheit abläuft, an dem
    uns manches wie vertraut anmutet. Diesen Prozeß
    können wir durch die Veränderungen charakterisieren,
    die er mit den bekannten menschlichen Triebanlagen
    vornimmt, deren Befriedigung doch die ökonomische
    Aufgabe unseres Lebens ist. Einige dieser Triebe
    werden in solcher Weise aufgezehrt, daß an ihrer Stelle
    etwas auftritt, was wir beim Einzelindividuum als
    Charaktereigenschaft beschreiben. Das merkwürdigste
    Beispiel dieses Vorganges haben wir an der Anal-
    erotik des jugendlichen Menschen gefunden. Sein ur-
    sprüngliches Interesse an der Exkretionsfunktion, ihren
    Organen und Produkten wandelt sich im Lauf des
    Wachstums in die Gruppe von Eigenschaften um, die
    uns als Sparsamkeit, Sinn für Ordnung und Reinlich-
    keit bekannt sind, die, an und für sich wertvoll und
    willkommen, sich zu auffälliger Vorherrschaft steigern
    können und dann das ergeben, was man den Anal-
    charakter heißt. Wie das zugeht, wissen wir nicht, an
    der Richtigkeit dieser Auffassung ist kein Zweifel.1)

    1)S. Charakter und Analerotik, 1908 (Ges. Schriften, Bd. V)
    und zahlreiche weitere Beiträge von E. Jones u. a.

  • S.

    59

    Nun haben wir gefunden, daß Ordnung und Reinlich-
    keit wesentliche Kulturansprüche sind, obgleich ihre
    Lebensnotwendigkeit nicht gerade einleuchtet, ebenso
    wenig wie ihre Eignung als Genußquellen. An dieser
    Stelle mußte sich uns die Ähnlichkeit des Kulturpro-
    zesses mit der Libidoentwicklung des Einzelnen zuerst
    aufdrängen. Andere Triebe werden dazu veranlaßt, die
    Bedingungen ihrer Befriedigung zu verschieben, auf
    andere Wege zu verlegen, was in den meisten Fällen
    mit der uns wohlbekannten Sublimierung (der
    Triebziele) zusammenfällt, in anderen sich noch von
    ihr sondern läßt. Die Triebsublimierung ist ein beson-
    ders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie
    macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten,
    wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so
    bedeutsame Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man
    dem ersten Eindruck nachgibt, ist man versucht zu sa-
    gen, die Sublimierung sei überhaupt ein von der Kul-
    tur erzwungenes Triebschicksal. Aber man tut besser,
    sich das noch länger zu überlegen. Drittens endlich,
    und das scheint das Wichtigste, ist es unmöglich zu
    übersehen, in welchem Ausmaß die Kultur auf Trieb-
    verzicht aufgebaut ist, wie sehr sie gerade die Nicht-
    befriedigung (Unterdrückung, Verdrängung oder sonst
    etwas?) von mächtigen Trieben zur Voraussetzung
    hat. Diese „Kulturversagung“ beherrscht das große
    Gebiet der sozialen Beziehungen der Menschen; wir

  • S.

    60

    wissen bereits, sie ist die Ursache der Feindseligkeit,
    gegen die alle Kulturen zu kämpfen haben. Sie wird
    auch an unsere wissenschaftliche Arbeit schwere An-
    forderungen stellen, wir haben da viel Aufklärung zu
    geben. Es ist nicht leicht zu verstehen, wie man es
    möglich macht, einem Trieb die Befriedigung zu ent-
    ziehen. Es ist gar nicht so ungefährlich; wenn man es
    nicht ökonomisch kompensiert, kann man sich auf ernste
    Störungen gefaßt machen.

    Wenn wir aber wissen wollen, welchen Wert unsere
    Auffassung der Kulturentwicklung als eines besonderen
    Prozesses, vergleichbar der normalen Reifung des Indi-
    viduums, beanspruchen kann, müssen wir offenbar ein
    anderes Problem in Angriff nehmen, uns die Frage
    stellen, welchen Einflüssen die Kulturentwicklung ihren
    Ursprung dankt, wie sie entstanden ist und wodurch
    ihr Lauf bestimmt wurde.