• S.

    V

    Die psychoanalytische Arbeit hat uns gelehrt, daß
    gerade diese Versagungen des Sexuallebens von den
    sogenannten Neurotikern nicht vertragen werden. Sie
    schaffen sich in ihren Symptomen Ersatzbefriedigungen,
    die aber entweder an sich Leiden schaffen oder Leidens-
    quelle werden, indem sie ihnen Schwierigkeiten mit
    Umwelt und Gesellschaft bereiten. Das letztere ist

    Weiblichkeit zusammenfallen lassen, was sich in der Tierreihe
    keineswegs ausnahmslos bestätigt. Die Lehre von der Bisexualität
    liegt noch sehr im Dunkeln, und daß sie noch keine Verknüpfung
    mit der Trieblehre gefunden hat, müssen wir in der Psychoanalyse
    als schwere Störung verspüren. Wie dem auch sein mag, wenn
    wir als tatsächlich annehmen, daß der Einzelne in seinem Sexual-
    leben männliche wie weibliche Wünsche befriedigen will, sind
    wir für die Möglichkeit vorbereitet, daß diese Ansprüche nicht
    durch das nämliche Objekt erfüllt werden und daß sie einander
    stören, wenn es nicht gelingt, sie auseinander zu halten und jede
    Regung in eine besondere, ihr angemessene Bahn zu leiten. Eine
    andere Schwierigkeit ergibt sich daraus, daß der erotischen Be-
    ziehung außer der ihr eigenen sadistischen Komponente so häufig
    ein Betrag von direkter Aggressionsneigung beigesellt ist. Das
    Liebesobjekt wird diesen Komplikationen nicht immer soviel Ver-
    ständnis und Toleranz entgegenbringen, wie jene Bäuerin, die sich

  • S.

    74

    leicht verständlich, das andere gibt uns ein neues Rät-
    sel auf. Die Kultur verlangt aber noch andere Opfer
    als an Sexualbefriedigung.

    Wir haben die Schwierigkeit der Kulturentwicklung
    als eine allgemeine Entwicklungsschwierigkeit aufge-
    faßt, indem wir sie auf die Trägheit der Libido zurück-
    führten, auf deren Abneigung, eine alte Position
    gegen eine neue zu verlassen. Wir sagen unge-
    fähr dasselbe, wenn wir den Gegensatz zwischen Kul-
    tur und Sexualität davon ableiten, daß die sexuelle
    Liebe ein Verhältnis zwischen zwei Personen ist, bei
    dem ein Dritter nur überflüssig oder störend sein kann,
    während die Kultur auf Beziehungen unter einer größe-
    ren Menschenanzahl ruht. Auf der Höhe eines Liebes-
    beklagt, daß ihr Mann sie nicht mehr liebt, weil er sie seit einer
    Woche nicht mehr geprügelt hat.

    Am tiefsten reicht aber die Vermutung, die an die Ausfüh-
    rungen in der Anmerkung S. 62 anknüpft, daß mit der Auf-
    richtung des Menschen und der Entwertung des Geruchssinnes die
    gesamte Sexualität, nicht nur die Analerotik ein Opfer der or-
    ganischen Verdrängung zu werden drohte, so daß seither die
    sexuelle Funktion von einem weiter nicht zu begründenden Wider-
    streben begleitet wird, das eine volle Befriedigung verhindert und
    vom Sexualziel wegdrängt zu Sublimierungen und Libidoverschie-
    bungen. Ich weiß, daß Bleuler („Der Sexualwiderstand“ Jahr-
    buch für psychoanalyt. und psychopathol. Forschungen, Bd. V,
    1913) einmal auf das Vorhandensein einer solchen ursprünglichen
    abweisenden Einstellung zum Sexualleben hingewiesen hat. An
    der Tatsache des „Inter urinas et faeces nascimur“ nehmen alle
    Neurotiker und viele außer ihnen Anstoß. Die Genitalien erzeugen

  • S.

    75

    verhältnisses bleibt kein Interesse für die Umwelt übrig;
    das Liebespaar genügt sich selbst, braucht auch nicht
    das gemeinsame Kind, um glücklich zu sein. In keinem
    anderen Falle verrät der Eros so deutlich den Kern
    seines Wesens, die Absicht aus mehreren eines zu
    machen, aber wenn er dies, wie es sprichwörtlich ge-
    worden ist, in der Verliebtheit zweier Menschen zu
    einander erreicht hat, will er darüber nicht hinaus-
    gehen.

    Wir können uns bisher sehr gut vorstellen, daß eine
    Kulturgemeinschaft aus solchen Doppelindividuen be-
    stünde, die in sich libidinös gesättigt, durch das Band
    der Arbeits- und Interessengemeinschaft mit einander
    verknüpft sind. In diesem Falle brauchte die Kultur

    auch starke Geruchsempfindungen, die vielen Menschen unerträglich
    sind und ihnen den Sexualverkehr verleiden. So ergäbe sich als
    tiefste Wurzel der mit der Kultur fortschreitenden Sexualverdrängung
    die organische Abwehr der mit dem aufrechten Gang gewonnenen
    neuen Lebensform gegen die frühere animalische Existenz, ein
    Resultat wissenschaftlicher Erforschung, das sich in merkwürdiger
    Weise mit oft laut gewordenen banalen Vorurteilen deckt. Immer
    hin sind dies derzeit nur ungesicherte, von der Wissenschaft nicht
    erhärtete Möglichkeiten. Wir wollen auch nicht vergessen, daß trotz
    der unleugbaren Entwertung der Geruchsreize es selbst in Europa
    Völker gibt, die die starken, uns so widrigen Genitalgerüche als
    Reizmittel der Sexualität hochschätzen und auf sie nicht verzichten
    wollen. (Siehe die folkloristischen Erhebungen auf die „Umfrage“ von
    Iwan Bloch „Über den Geruchssinn in der vita sexualis“ in ver-
    schiedenen Jahrgängen der „Anthropophyteia“ von Friedrich
    S. Krauß.)

  • S.

    76

    der Sexualität keine Energie zu entziehen. Aber dieser
    wünschenswerte Zustand besteht nicht und hat niemals
    bestanden; die Wirklichkeit zeigt uns, daß die Kultur
    sich nicht mit den ihr bisher zugestandenen Bindungen
    begnügt, daß sie die Mitglieder der Gemeinschaft auch
    libidinös an einander binden will, daß sie sich aller
    Mittel hiezu bedient, jeden Weg begünstigt, starke
    Identifizierungen unter ihnen herzustellen, im größten
    Ausmaße zielgehemmte Libido aufbietet, um die Ge-
    meinschaftsbande durch Freundschaftsbeziehungen zu
    kräftigen. Zur Erfüllung dieser Absichten wird die Ein-
    schränkung des Sexuallebens unvermeidlich. Uns fehlt
    aber die Einsicht in die Notwendigkeit, welche die
    Kultur auf diesen Weg drängt und ihre Gegner-
    schaft zur Sexualität begründet. Es muß sich um
    einen, von uns noch nicht entdeckten, störenden
    Faktor handeln.

    Eine der sogenannten Idealforderungen der Kultur-
    gesellschaft kann uns hier die Spur zeigen. Sie lautet:
    Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst; sie ist
    weltberühmt, gewiß älter als das Christentum, das sie
    als seinen stolzesten Anspruch vorweist, aber sicherlich
    nicht sehr alt; in historischen Zeiten war sie den Men-
    schen noch fremd. Wir wollen uns naiv zu ihr ein-
    stellen, als hörten wir von ihr zum ersten Mal. Dann
    können wir ein Gefühl von Überraschung und Be-
    fremden nicht unterdrücken. Warum sollen wir das?

  • S.

    77

    Was soll es uns helfen? Vor allem aber, wie bringen
    wir das zustande? Wie wird es uns möglich? Meine
    Liebe ist etwas mir Wertvolles, das ich nicht ohne
    Rechenschaft verwerfen darf. Sie legt mir Pflichten auf,
    die ich mit Opfern zu erfüllen bereit sein muß. Wenn
    ich einen anderen liebe, muß er es auf irgendeine Art
    verdienen. (Ich sehe von dem Nutzen, den er mir
    bringen kann, sowie von seiner möglichen Bedeutung
    als Sexualobjekt für mich ab; diese beiden Arten der
    Beziehung kommen für die Vorschrift der Nächsten-
    liebe nicht in Betracht.) Er verdient es, wenn er mir
    in wichtigen Stücken so ähnlich ist, daß ich in ihm
    mich selbst lieben kann; er verdient es, wenn er so
    viel vollkommener ist als ich, daß ich mein Ideal von
    meiner eigenen Person in ihm lieben kann; ich muß
    ihn lieben, wenn er der Sohn meines Freundes ist,
    denn der Schmerz des Freundes, wenn ihm ein Leid
    zustößt, wäre auch mein Schmerz, ich müßte ihn teilen.
    Aber wenn er mir fremd ist und mich durch keinen
    eigenen Wert, keine bereits erworbene Bedeutung für
    mein Gefühlsleben anziehen kann, wird es mir schwer,
    ihn zu lieben. Ich tue sogar Unrecht damit, denn meine
    Liebe wird von allen den Meinen als Bevorzugung
    geschätzt; es ist ein Unrecht an ihnen, wenn ich den
    Fremden ihnen gleichstelle. Wenn ich ihn aber lieben
    soll, mit jener Weltliebe, bloß weil er auch ein Wesen
    dieser Erde ist, wie das Insekt, der Regenwurm, die

  • S.

    78

    Ringelnatter, dann wird, fürchte ich, ein geringer Be-
    trag Liebe auf ihn entfallen, unmöglich soviel, als ich
    nach dem Urteil der Vernunft berechtigt bin, für mich
    selbst zurückzubehalten. Wozu eine so feierlich auf-
    tretende Vorschrift, wenn ihre Erfüllung sich nicht als
    vernünftig empfehlen kann?

    Wenn ich näher zusehe, finde ich noch mehr Schwie-
    rigkeiten. Dieser Fremde ist nicht nur im allgemeinen
    nicht liebenswert, ich muß ehrlich bekennen, er hat
    mehr Anspruch auf meine Feindseligkeit, sogar auf
    meinen Haß. Er scheint nicht die mindeste Liebe für
    mich zu haben, bezeigt mir nicht die geringste Rück-
    sicht. Wenn es ihm einen Nutzen bringt, hat er kein
    Bedenken, mich zu schädigen, fragt sich dabei auch
    nicht, ob die Höhe seines Nutzens der Größe des
    Schadens, den er mir zufügt, entspricht. Ja, er braucht
    nicht einmal einen Nutzen davon zu haben; wenn er
    nur irgend eine Lust damit befriedigen kann, macht
    er sich nichts daraus, mich zu verspotten, zu beleidigen,
    zu verleumden, seine Macht an mir zu zeigen, und je
    sicherer er sich fühlt, je hilfloser ich bin, desto sicherer
    darf ich dies Benehmen gegen mich von ihm erwarten.
    Wenn er sich anders verhält, wenn er mir als Fremdem
    Rücksicht und Schonung erweist, bin ich ohnedies, ohne
    jene Vorschrift, bereit, es ihm in ähnlicher Weise zu
    vergelten. Ja, wenn jenes großartige Gebot lauten
    würde: Liebe deinen Nächsten wie dein Nächster dich

  • S.

    79

    liebt, dann würde ich nicht widersprechen. Es gibt ein
    zweites Gebot, das mir noch unfaßbarer scheint und
    ein noch heftigeres Sträuben in mir entfesselt. Es heißt:
    Liebe deine Feinde. Wenn ich’s recht überlege, habe
    ich unrecht, es als eine noch stärkere Zumutung abzu-
    weisen. Es ist im Grunde dasselbe.1

    Ich glaube nun von einer würdevollen Stimme die
    Mahnung zu hören: Eben darum, weil der Nächste
    nicht liebenswert und eher dein Feind ist, sollst du
    ihn lieben wie dich selbst. Ich verstehe dann, das ist
    ein ähnlicher Fall wie das Credo quia absurdum.

    Es ist nun sehr wahrscheinlich, daß der Nächste, wenn
    er aufgefordert wird, mich so zu lieben wie sich selbst,
    genau so antworten wird wie ich und mich mit den
    nämlichsten Begründungen abweisen wird. Ich hoffe, nicht
    mit demselben objektiven Recht, aber dasselbe wird


    1)Ein großer Dichter darf sich gestatten, schwer verpönte psy-
    chologische Wahrheiten wenigstens scherzend zum Ausdruck zu
    bringen. So gesteht H. Heine: „Ich habe die friedlichste Gesin-
    nung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach,
    aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch,
    vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und
    wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich
    die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben
    meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Herzen werde
    ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im
    Leben zugefügt – ja man muß seinen Feinden verzeihen, aber
    nicht früher, als bis sie gehenkt werden.“ (Heine, Gedanken und
    Einfälle.)

  • S.

    80

    auch er meinen. Immerhin gibt es Unterschiede im Ver-
    halten der Menschen, die die Ethik mit Hinwegsetzung
    über deren Bedingtheit als „gut“ und „böse“ klassi-
    fiziert. Solange diese unleugbaren Unterschiede nicht
    aufgehoben sind, bedeutet die Befolgung der hohen,
    ethischen Forderungen eine Schädigung der Kultur-
    absichten, indem sie direkte Prämien für das Bösesein
    aufstellt. Man kann hier die Erinnerung an einen Vor-
    gang nicht abweisen, der sich in der französischen
    Kammer zutrug, als über die Todesstrafe verhandelt
    wurde; ein Redner hatte sich leidenschaftlich für ihre
    Abschaffung eingesetzt und erntete stürmischen Beifall,
    bis eine Stimme aus dem Saale die Worte dazwischen-
    rief: „Que messieurs les assassins commencent!“

    Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit hinter alle-
    dem ist, daß der Mensch nicht ein sanftes, liebebedürf-
    tiges Wesen ist, das sich höchstens, wenn angegriffen, auch
    zu verteidigen vermag, sondern daß er zu seinen Trieb-
    begabungen auch einen mächtigen Anteil von Aggres-
    sionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der
    Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt,
    sondern auch eine Versuchung, seine Aggression an
    ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne Entschädi-
    gung auszunützen, ihn ohne seine Einwilligung sexuell
    zu gebrauchen, sich in den Besitz seiner Habe zu setzen,
    ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, zu
    martern und zu töten. Homo homini lupus; wer hat

  • S.

    81

    nach allen Erfahrungen des Lebens und der Ge-
    den Mut, diesen Satz zu bestreiten? Diese grausame
    Aggression wartet in der Regel eine Provokation ab
    oder stellt sich in den Dienst einer anderen Absicht,
    deren Ziel auch mit milderen Mitteln zu erreichen
    wäre. Unter ihr günstigen Umständen, wenn die seeli-
    schen Gegenkräfte, die sie sonst hemmen, weggefallen
    sind, äußert sie sich auch spontan, enthüllt den Men-
    schen als wilde Bestie, der die Schonung der eigenen
    Art fremd ist. Wer die Greuel der Völkerwanderung,
    der Einbrüche der Hunnen, der sogenannten Mongolen
    unter Dschengis Khan und Timurlenk, der Eroberung
    Jerusalems durch die frommen Kreuzfahrer, ja, selbst
    noch die Schrecken des letzten Weltkriegs in seine
    Erinnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit dieser
    Auffassung demütig beugen müssen.

    Die Existenz dieser Aggressionsneigung, die wir bei
    uns selbst verspüren können, beim anderen mit Recht
    voraussetzen, ist das Moment, das unser Verhältnis
    zum Nächsten stört und die Kultur zu ihrem Aufwand
    nötigt. Infolge dieser primären Feindseligkeit der Men-
    schen gegen einander ist die Kulturgesellschaft beständig
    vom Zerfall bedroht. Das Interesse der Arbeitsgemein-
    schaft würde sie nicht zusammenhalten, triebhafte Lei-
    denschaften sind stärker als vernünftige Interessen. Die
    Kultur muß alles aufbieten, um den Aggressionstrie-
    ben der Menschen Schranken zu setzen, ihre Äußerun-
     

  • S.

    82

    gen durch psychische Reaktionsbildungen niederzuhalten.
    Daher also das Aufgebot von Methoden, die die Men-
    schen zu Identifizierungen und zielgehemmten Liebes-
    beziehungen antreiben sollen, daher die Einschränkung
    des Sexuallebens und daher auch das Idealgebot, den
    Nächsten so zu lieben wie sich selbst, das sich wirk-
    lich dadurch rechtfertigt, daß nichts anderes der ur-
    sprünglichen menschlichen Natur so sehr zuwiderläuft.
    Durch alle ihre Mühen hat diese Kulturstrebung bisher
    nicht sehr viel erreicht. Die gröbsten Ausschreitungen der
    brutalen Gewalt hofft sie zu verhüten, indem sie sich selbst
    das Recht beilegt, an den Verbrechern Gewalt zu üben,
    aber die vorsichtigeren und feineren Äußerungen der
    menschlichen Aggression vermag das Gesetz nicht zu
    erfassen. Jeder von uns kommt dahin, die Erwartun-
    gen, die er in der Jugend an seine Mitmenschen ge-
    knüpft, als Illusionen fallen zu lassen und kann erfahren,
    wie sehr ihm das Leben durch deren Übelwollen er-
    schwert und schmerzhaft gemacht wird. Dabei wäre es
    ein Unrecht, der Kultur vorzuwerfen, daß sie Streit
    und Wettkampf aus den menschlichen Betätigungen
    ausschließen will. Diese sind sicherlich unentbehrlich,
    aber Gegnerschaft ist nicht notwendig Feindschaft, wird
    nur zum Anlaß für sie mißbraucht.

    Die Kommunisten glauben den Weg zur Erlösung
    vom Übel gefunden zu haben. Der Mensch ist ein-
    deutig gut, seinem Nächsten wohlgesinnt, aber die

  • S.

    83

    Einrichtung des privaten Eigentums hat seine Natur ver-
    dorben. Besitz an privaten Gütern gibt dem einen die
    Macht und damit die Versuchung, den Nächsten zu
    mißhandeln; der vom Besitz Ausgeschlossene muß sich
    in Feindseligkeit gegen den Unterdrücker auflehnen.
    Wenn man das Privateigentum aufhebt, alle Güter
    gemeinsam macht und alle Menschen an deren Genuß
    teilnehmen läßt, werden Übelwollen und Feindselig-
    keit unter den Menschen verschwinden. Da alle Be-
    dürfnisse befriedigt sind, wird keiner Grund haben,
    in dem anderen seinen Feind zu sehen; der notwen-
    digen Arbeit werden sich alle bereitwillig unterziehen.
    Ich habe nichts mit der wirtschaftlichen Kritik des
    kommunistischen Systems zu tun, ich kann nicht unter-
    suchen, ob die Abschaffung des privaten Eigentums
    zweckdienlich und vorteilhaft ist.1) Aber seine psycho-
    logische Voraussetzung vermag ich als haltlose Illusion
    zu erkennen. Mit der Aufhebung des Privateigentums

    1)Wer in seinen eigenen jungen Jahren das Elend der Ar-
    mut verkostet, die Gleichgültigkeit und den Hochmut der Besitzen-
    den erfahren hat, sollte vor dem Verdacht geschützt sein, daß er
    kein Verständnis und kein Wohlwollen für die Bestrebungen hat,
    die Besitzungleichheit der Menschen und was sich aus ihr ab-
    leitet, zu bekämpfen. Freilich, wenn sich dieser Kampf auf die
    abstrakte Gerechtigkeitsforderung der Gleichheit aller Menschen be-
    rufen will, liegt der Einwand zu nahe, daß die Natur durch die
    höchst ungleichmäßige körperliche Ausstattung und geistige Bega-
    bung der Einzelnen Ungerechtigkeiten eingesetzt hat, gegen die es
    keine Abhilfe gibt.

  • S.

    84

    entzieht man der menschlichen Aggressionslust eines
    ihrer Werkzeuge, gewiß ein starkes, und gewiß nicht das
    stärkste. An den Unterschieden von Macht und Einfluß,
    welche die Aggression für ihre Absichten mißbraucht,
    daran hat man nichts geändert, auch an ihrem Wesen
    nicht. Sie ist nicht durch das Eigentum geschaffen wor-
    den, herrschte fast uneingeschränkt in Urzeiten, als das
    Eigentum noch sehr armselig war, zeigt sich bereits in
    der Kinderstube, kaum daß das Eigentum seine anale
    Urform aufgegeben hat, bildet den Bodensatz aller
    zärtlichen und Liebesbeziehungen unter den Menschen,
    vielleicht mit alleiniger Ausnahme der einer Mutter zu
    ihrem männlichen Kind. Räumt man das persönliche
    Anrecht auf dingliche Güter weg, so bleibt noch das
    Vorrecht aus sexuellen Beziehungen, das die Quelle
    der stärksten Mißgunst und der heftigsten Feindselig-
    keit unter den sonst gleichgestellten Menschen werden
    muß. Hebt man auch dieses auf durch die völlige Be-
    freiung des Sexuallebens, beseitigt also die Familie,
    die Keimzelle der Kultur, so läßt sich zwar nicht vor-
    hersehen, welche neuen Wege die Kulturentwicklung
    einschlagen kann, aber eines darf man erwarten, daß
    der unzerstörbare Zug der menschlichen Natur ihr auch
    dorthin folgen wird.

    Es wird den Menschen offenbar nicht leicht, auf die
    Befriedigung dieser ihrer Aggressionsneigung zu ver-
    zichten; sie fühlen sich nicht wohl dabei. Der Vorteil

  • S.

    85

    eines kleineren Kulturkreises, daß er dem Trieb einen
    Ausweg an der Befindung der Außenstehenden ge-
    stattet, ist nicht gering zu schätzen. Es ist immer mög-
    lich, eine größere Menge von Menschen in Liebe an
    einander zu binden, wenn nur andere für die Äuße-
    rung der Aggression übrig bleiben. Ich habe mich ein-
    mal mit dem Phänomen beschäftigt, daß gerade be-
    nachbarte und einander auch sonst nahe stehende Ge-
    meinschaften sich gegenseitig befehden und verspotten,
    so Spanier und Portugiesen, Nord- und Süddeutsche,
    Engländer und Schotten usw. Ich gab ihm den Namen
    „Narzißmus der kleinen Differenzen“, der nicht viel zur
    Erklärung beiträgt. Man erkennt nun darin eine be-
    queme und relativ harmlose Befriedigung der Aggres-
    sionsneigung, durch die den Mitgliedern der Gemein-
    schaft das Zusammenhalten erleichtert wird. Das überall
    hin versprengte Volk der Juden hat sich in dieser
    Weise anerkennenswerte Verdienste um die Kulturen
    seiner Wirtschaftsvölker erworben; leider haben alle Juden
    gemetzel des Mittelalters nicht ausgereicht, dieses Zeit-
    alter friedlicher und sicherer für seine christlichen Ge-
    nossen zu gestalten. Nachdem der Apostel Paulus die
    allgemeine Menschenliebe zum Fundament seiner christ-
    lichen Gemeinde gemacht hatte, war die äußerste In-
    toleranz des Christentums gegen die draußen Verblie-
    benen eine unvermeidliche Folge geworden; den Rö-
    mern, die ihr staatliches Gemeinwesen nicht auf die

  • S.

    86

    Liebe begründet hatten, war religiöse Unduldsamkeit
    fremd gewesen, obwohl die Religion bei ihnen Sache
    des Staates und der Staat von Religion durchtränkt
    war. Es war auch kein unverständlicher Zufall, daß der
    Traum einer germanischen Weltherrschaft zu seiner Er-
    gänzung den Antisemitismus aufrief, und man erkennt
    es als begreiflich, daß der Versuch, eine neue kommu-
    nistische Kultur in Rußland aufzurichten, in der Ver-
    folgung der Bourgeois seine psychologische Unter-
    stützung findet. Man fragt sich nur besorgt, was die
    Sowjets anfangen werden, nachdem sie ihre Bourgeois
    ausgerottet haben.

    Wenn die Kultur nicht allein der Sexualität, sondern
    auch der Aggressionsneigung des Menschen so große
    Opfer auferlegt, so verstehen wir es besser, daß es
    dem Menschen schwer wird, sich in ihr beglückt zu
    finden. Der Urmensch hatte es in der Tat darin besser,
    da er keine Triebeinschränkungen kannte. Zum Aus-
    gleich war seine Sicherheit, solches Glück lange zu ge-
    nießen, eine sehr geringe. Der Kulturmensch hat für
    ein Stück Glücksmöglichkeit ein Stück Sicherheit ein-
    getauscht. Wir wollen aber nicht vergessen, daß in der
    Urfamilie nur das Oberhaupt sich solcher Triebfreiheit
    erfreute; die anderen lebten in sklavischer Unter-
    drückung. Der Gegensatz zwischen einer die Vorteile
    der Kultur genießenden Minderheit und einer dieser
    Vorteile beraubten Mehrzahl war also in jener Urzeit

  • S.

    87

    der Kultur aufs Äußerste getrieben. Über den heute
    lebenden Primitiven haben wir durch sorgfältigere Er-
    kundung erfahren, daß sein Triebleben keineswegs ob
    seiner Freiheit beneidet werden darf; es unterliegt Ein-
    schränkungen von anderer Art, aber vielleicht von
    größerer Strenge als das des modernen Kulturmenschen.
    Wenn wir gegen unseren jetzigen Kulturzustand mit
    Recht einwenden, wie unzureichend er unsere Forde-
    rungen an eine beglückende Lebensordnung erfüllt, wie
    viel Leid er gewähren läßt, das wahrscheinlich zu ver-
    meiden wäre, wenn wir mit schonungsloser Kritik die
    Wurzeln seiner Unvollkommenheit aufzudecken streben,
    üben wir gewiß unser gutes Recht und zeigen uns
    nicht als Kulturfeinde. Wir dürfen erwarten, allmählich
    solche Abänderungen unserer Kultur durchzusetzen, die
    unsere Bedürfnisse besser befriedigen und jener Kritik
    entgehen. Aber vielleicht machen wir uns auch mit der
    Idee vertraut, daß es Schwierigkeiten gibt, die dem
    Wesen der Kultur anhaften und die keinem Reform-
    versuch weichen werden. Außer den Aufgaben der
    Triebeinschränkung, auf die wir vorbereitet sind, drängt
    sich uns die Gefahr eines Zustandes auf, den man „das
    psychologische Elend der Masse“ benennen kann. Diese
    Gefahr droht am ehesten, wo die gesellschaftliche Bin-
    dung hauptsächlich durch Identifizierung der Teilnehmer
    unter einander hergestellt wird, während Führerindivi-
    dualitäten nicht zu jener Bedeutung kommen, die ihnen

  • S.

    88

    bei der Massenbildung zufallen sollte.1) Der gegenwär-
    tige Kulturzustand Amerikas gäbe eine gute Gelegen-
    heit, diesen befürchteten Kulturschaden zu studieren.
    Aber ich vermeide die Versuchung, in die Kritik der
    Kultur Amerikas einzugehen; ich will nicht den Ein-
    druck hervorrufen, als wollte ich mich selbst amerika-
    nischer Methoden bedienen.

    1)Siehe : Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921.