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Ich habe bei keiner Arbeit so stark die Empfindung
gehabt wie diesmal, daß ich allgemein Bekanntes dar-
stelle, Papier und Tinte, in weiterer Folge Setzerarbeit
und Druckerschwärze aufbiete, um eigentlich selbstver-
ständliche Dinge zu erzählen. Darum greife ich es gerne
auf, wenn sich der Anschein ergibt, daß die Anerken-
nung eines besonderen, selbständigen Aggressionstriebes
eine Abänderung der psychoanalytischen Trieblehre
bedeutet.Es wird sich zeigen, daß dem nicht so ist, daß es
sich bloß darum handelt, eine Wendung, die längst
vollzogen worden ist, schärfer zu fassen und in ihre
Konsequenzen zu verfolgen. Von allen langsam ent-
wickelten Stücken der analytischen Theorie hat sich die
Trieblehre am mühseligsten vorwärts getastet. Und sie
war doch dem Ganzen so unentbehrlich, daß irgend
etwas an ihre Stelle gerückt werden mußte. In der
vollen Ratlosigkeit der Anfänge gab mir der Satz desS.
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Dichterphilosophen Schiller den ersten Anhalt, daß
„Hunger und Liebe“ das Getriebe der Welt zusam-
menhalten. Der Hunger konnte als Vertreter jener
Triebe gelten, die das Einzelwesen erhalten wollen, die
Liebe strebt nach Objekten; ihre Hauptfunktion, von
der Natur in jeder Weise begünstigt, ist die Erhaltung
der Art. So traten zuerst Ichtriebe und Objekttriebe
einander gegenüber. Für die Energie der letzteren, und
ausschließlich für sie, führte ich den Namen Libido ein;
somit lief der Gegensatz zwischen den Ichtrieben und
den aufs Objekt gerichteten „libidinösen“ Trieben der
Liebe im weitesten Sinne. Einer von diesen Objekt-
trieben, der sadistische, tat sich zwar dadurch hervor,
daß sein Ziel so gar nicht liebevoll war, auch schloß er
sich offenbar in manchen Stücken den Ichtrieben an,
konnte seine nahe Verwandtschaft mit Bemächtigungs-
trieben ohne libidinöse Absicht nicht verbergen, aber
man kam über diese Unstimmigkeit hinweg; der Sadis-
mus gehörte doch offenbar zum Sexualleben, das grau-
same Spiel konnte das zärtliche ersetzen. Die Neurose
erschien als der Ausgang eines Kampfes zwischen
dem Interesse der Selbstbewahrung und den Anforde-
rungen der Libido, ein Kampf, in dem das Ich gesiegt
hatte, aber um den Preis schwerer Leiden und Ver-
zichte.Jeder Analytiker wird zugeben, daß dies auch heute
nicht wie ein längst überwundener Irrtum klingt. DochS.
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wurde eine Abänderung unerläßlich, als unsere For-
schung vom Verdrängten zum Verdrängenden, von den
Objekttrieben zum Ich fortschritt. Entscheidend wurde
hier die Einführung des Begriffes Narzißmus, d. h.
die Einsicht, daß das Ich selbst mit Libido besetzt ist,
sogar deren ursprüngliche Heimstätte sei und ge-
wissermaßen auch ihr Hauptquartier bleibe. Diese nar-
zißtische Libido wendet sich den Objekten zu, wird
so zur Objektlibido und kann sich in narzißtische
Libido zurückverwandeln. Der Begriff Narzißmus machte
es möglich, die traumatische Neurose, sowie viele den
Psychosen nahe stehenden Affektionen und diese selbst
analytisch zu erfassen. Die Deutung der Übertragungs-
neurosen als Versuche des Ichs, sich der Sexualität zu
erwehren, brauchte nicht verlassen zu werden, aber der
Begriff der Libido geriet in Gefahr. Da auch die Ich-
triebe libidinös waren, schien es eine Weile unver-
meidlich, Libido mit Triebenergie überhaupt zusammen-
fallen zu lassen, wie C. G. Jung schon früher ge-
wollt hatte. Doch blieb etwas zurück wie eine noch
nicht zu begründende Gewißheit, daß die Triebe nicht
alle von gleicher Art sein können. Den nächsten Schritt
machte ich in „Jenseits des Lustprinzips“ (1920) als mir der
Wiederholungszwang und der konservative Charakter
des Trieblebens zuerst auffiel. Ausgehend von Speku-
lationen über den Anfang des Lebens und von biologi-
schen Parallelen zog ich den Schluß, es müsse außerS.
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dem Trieb, die lebende Substanz zu erhalten und zu
immer größeren Einheiten zusammenzufassen,1) einen an-
deren, ihm gegensätzlichen, geben, der diese Einheiten
aufzulösen und in den uranfänglichen, anorganischen
Zustand zurückzuführen strebe. Also außer dem Eros
einen Todestrieb; aus dem Zusammen- und Gegen-
einanderwirken dieser beiden ließen sich die Phäno-
mene des Lebens erklären. Nun war es nicht leicht,
die Tätigkeit dieses angenommenen Todestriebs aufzu-
zeigen. Die Äußerungen des Eros waren auffällig und
geräuschvoll genug; man konnte annehmen, daß der
Todestrieb stumm im Inneren des Lebewesens an
dessen Auflösung arbeite, aber das war natürlich kein
Nachweis. Weiter führte die Idee, daß sich ein Anteil
des Triebes gegen die Außenwelt wende und dann
als Trieb zur Aggression und Destruktion zum Vor-
schein komme. Der Trieb würde so selbst in den
Dienst des Eros gezwängt, indem das Lebewesen ande-
res, Belebtes wie Unbelebtes, anstatt seines eigenen
Selbst vernichtete. Umgekehrt würde die Einstellung
dieser Aggression nach außen die ohnehin immer vor-
sich gehende Selbstzerstörung steigern müssen. Gleich-
zeitig konnte man aus diesem Beispiel erraten, daß die1)Der Gegensatz, in den hierbei die rastlose Ausbreitungs-
tendenz des Eros zur allgemeinen konservativen Natur der Triebe
tritt, ist auffällig und kann der Ausgangspunkt weiterer Problem-
stellungen werden.S.
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beiden Triebarten selten – vielleicht niemals – von
einander isoliert auftreten, sondern sich in verschiede-
nen, sehr wechselnden Mengungsverhältnissen mit
einander legieren und dadurch unserem Urteil unkennt-
lich machen. Im längst als Partialtrieb der Sexualität
bekannten Sadismus hätte man eine derartige beson-
ders starke Legierung des Liebesstrebens mit dem
Destruktionstrieb vor sich, wie in seinem Widerpart,
im Masochismus, eine Verbindung der nach innen ge-
richteten Destruktion mit der Sexualität, durch welche
die sonst unwahrnehmbare Stre-
bung eben auffällig und
fühlbar wird.Die Annahme des Todes- oder Destruktionstriebes
hat selbst in analytischen Kreisen Widerstand gefun-
den; ich weiß, daß vielfach die Neigung besteht, alles,
was an der Liebe gefährlich und feindselig gefunden
wird, lieber einer ursprünglichen Bipolarität ihres
eigenen Wesens zuzuschreiben. Ich hatte die hier ent-
wickelten Auffassungen anfangs nur versuchsweise ver-
treten, aber im Laufe der Zeit haben sie eine solche
Macht über mich gewonnen, daß ich nicht mehr anders
denken kann. Ich meine, sie sind theoretisch ungleich
brauchbarer als alle möglichen anderen, sie stellen jene
Vereinfachung ohne Vernachlässigung oder Vergewalti-
gung der Tatsachen her, nach der wir in der wissen-
schaftlichen Arbeit streben. Ich erkenne, daß wir im
Sadismus und Masochismus die stark mit Erotik legier-S.
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ten Äußerungen des nach außen und nach innen ge
richteten Destruktionstriebes immer vor uns gesehen
haben, aber ich verstehe nicht mehr, daß wir die
Ubiquität der nicht erotischen Aggression und Destruk-
tion übersehen und versäumen konnten, ihr die ge-
bührende Stellung in der Deutung des Lebens einzu-
räumen. (Die nach innen gewendete Destruktionssucht
entzieht sich ja, wenn sie nicht erotisch gefärbt ist,
meist der Wahrnehmung.) Ich erinnere mich meiner
eigenen Abwehr, als die Idee des Destruktionstriebs
zuerst in der psychoanalytischen Literatur auftauchte
und wie lange es dauerte, bis ich für sie empfänglich
wurde. Daß andere dieselbe Ablehnung zeigten und
noch zeigen, verwundert mich weniger. Denn, die
Kindlein, sie hören es nicht gerne, wenn die angebo-
rene Neigung des Menschen zum „Bösen“, zur Aggres-
sion, Destruktion und damit auch zur Grausamkeit er-
wähnt wird. Gott hat sie ja zum Ebenbild seiner
eigenen Vollkommenheit geschaffen, man will nicht
daran gemahnt werden, wie schwer es ist, die – trotz
der Beteuerungen der Christian Science – unleugbare
Existenz des Bösen mit seiner Allmacht oder seiner
Allgüte zu vereinen. Der Teufel wäre zur Entschuldi-
gung Gottes die beste Auskunft, er würde dabei die
selbe ökonomisch entlastende Rolle übernehmen, wie
der Jude in der Welt des arischen Ideals. Aber selbst
dann: man kann doch von Gott ebensowohl Rechen-S.
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schaft für die Existenz des Teufels verlangen, wie für
die des Bösen, das er verkörpert. Angesichts dieser
Schwierigkeiten ist es für jedermann ratsam, an ge-
eigneter Stelle eine tiefe Verbeugung vor der tief sitt-
lichen Natur des Menschen zu machen; es verhilft
einem zur allgemeinen Beliebtheit und es wird einem
manches dafür nachgesehen.1)Der Name Libido kann wiederum für die Kraft-
äußerungen des Eros verwendet werden, um sie von
der Energie des Todestriebs zu sondern.2) Es ist zu-1)Ganz besonders überzeugend wirkt die Identifizierung des
bösen Prinzips mit dem Destruktionstrieb in Goethes Mephisto-
pheles:„Denn Alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zu Grunde geht.
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zugestehen, daß wir letzteren um so viel schwerer erfassen,
gewissermaßen nur als Rückstand hinter dem Eros er-
raten und daß er sich uns entzieht, wo er nicht durch
die Legierung mit dem Eros verraten wird. Im Sadis-
mus, wo er das erotische Ziel in seinem Sinne um-
biegt, dabei doch das sexuelle Streben voll befrie-
digt, gelingt uns die klarste Einsicht in sein Wesen
und seine Beziehung zum Eros. Aber auch wo er
ohne sexuelle Absicht auftritt, noch in der blindesten
Zerstörungswut läßt sich nicht verkennen, daß seine
Befriedigung mit einem außerordentlich hohen narziß-
tischen Genuß verknüpft ist, indem sie dem Ich die
Erfüllung seiner alten Allmachtswünsche zeigt. Ge-
mäßigt und gebändigt, gleichsam zielgehemmt muß
der Destruktionstrieb, auf die Objekte gerichtet,
dem Ich die Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse
und die Herrschaft über die Natur verschaffen. Da
seine Annahme wesentlich auf theoretischen Gründen
ruht, muß man zugeben, daß sie auch gegen theore-
tische Einwendungen nicht voll gesichert ist. Aber so
erscheint es uns eben jetzt beim gegenwärtigen
Stand unserer Einsichten; zukünftige Forschung und
Überlegung wird gewiß die entscheidende Klarheit
bringen.Für alles Weitere stelle ich mich also auf den Stand-
punkt, daß die Aggressionsneigung eine ursprüngliche,
selbständige Triebanlage des Menschen ist und kommeS.
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darauf zurück, daß die Kultur ihr stärkstes Hindernis
in ihr findet. Irgend einmal im Laufe dieser Unter-
suchung hat sich uns die Einsicht aufgedrängt, die Kultur
sei ein besonderer Prozeß, der über die Menschheit
abläuft, und wir stehen noch immer unter dem Banne
dieser Idee. Wir fügen hinzu, sie sei ein Prozeß im
Dienste des Eros, der vereinzelte menschliche Indi-
viduen, später Familien, dann Stämme, Völker, Nationen
zu einer großen Einheit, der Menschheit, zusammen-
fassen wolle. Warum das geschehen müsse, wissen wir
nicht; das sei eben das Werk des Eros. Diese Men-
schenmengen sollen libidinös aneinander gebunden
werden; die Notwendigkeit allein, die Vorteile der
Arbeitsgemeinschaft werden sie nicht zusammen-
halten. Diesem Programm der Kultur widersetzt sich
aber der natürliche Aggressionstrieb der Menschen, die
Feindseligkeit eines gegen alle und aller gegen einen.
Dieser Aggressionstrieb ist der Abkömmling und
Hauptvertreter des Todestriebes, den wir neben dem
Eros gefunden haben, der sich mit ihm in die Weltherr-
schaft teilt. Und nun, meine ich, ist uns der Sinn der
Kulturentwicklung nicht mehr dunkel. Sie muß uns
den Kampf zwischen Eros und Tod, Lebenstrieb und
Destruktionstrieb zeigen, wie er sich an der Menschen-
art vollzieht. Dieser Kampf ist der wesentliche Inhalt
des Lebens überhaupt und darum ist die Kulturent-
wicklung kurzweg zu bezeichnen als der LebenskampfS.
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Das Unbehagen in der Kultur1930-001/1930