• S.

    25

    der traumatischen Begebenheit in eine Wunscher-
    füllung umwandeln möchte. Unter diesen Ver-
    hältnissen ereignet es sich daß man schlaflos
    wird aus Angst vor dem Mißglücken der
    Traumfunktion auf den Schlaf verzichtet, die
    traumatische Neurose zeigt uns da einen
    extremen Fall aber man muß auch dem
    Trosttraum den traumatischen
    Charakter zugestehen und braucht sich nicht
    zu verwundern wenn sich geringfügigere
    Störungen der Traumleistung auch unter
    anderen Bedingungen ergeben.

    XXX Traum und Okkultismus

        Meine Damen und Herren! Wir werden heute
    einen schmalen Weg gehen aber der kann
    uns zu einer weiten Aussicht führen.
    Die Ankündigung daß ich über die Beziehung des
    Traums zum Okkultismus sprechen werde
    kann Sie kaum überraschen der Traum ist ja
    oft als die Pforte zur Welt der Mystik betrachtet
    worden, gilt heute noch vielen selbst als
    ein okkultes Phänomen. Auch wir die ihn
    zum Objekt wissenschaftlicher Untersuchung
    gemacht haben bestreiten es nicht, daß ihn
    ein oder mehrere Fäden mit jenen dunklen
    Dingen verknüpfen. Mystik, Okkultismus, was
    ist mit diesen Namen gemeint? Erwarten
    Sie keinen Versuch von mir, diese schlecht
    umgrenzten Gebiete durch Definitionen zu
    umfassen. In einer allgemeinen und unbestimmten
    Weise wissen wir alle woran wir dabei
    zu denken haben. Es ist eine Art von Jenseits
    der hellen von unerbittlichen Gesetzen be-
    herrschten Welt, welche die Wissenschaft für
    uns aufgebaut hat.

        Der Okkultismus behauptet die reale Existenz
    jener „Dinge zwischen Himmel und Erde von
    denen unsere Schulweisheit sich nichts träumen
    läßt“. Nun, wir wollen nicht an der Engherzig-
    keit der Schule festhalten, wir sind bereit
    zu glauben was man uns glaubwürdig macht.
    Wir gedenken mit diesen Dingen zu verfahren
    wie mit allem anderen Material der
    Wissenschaft, zunächst festzustellen ob solche
    Vorgänge wirklich nachweisbar sind und
    dann, aber erst dann wenn sich ihre Tatsäch-
    lichkeit nicht bezweifeln läßt, uns um ihre
    Erklärung zu bemühen. Aber es ist nicht
    zu leugnen, daß schon dieser Entschluß uns

  • S.

    26

    schwer gemacht wird durch intellektuelle, psychologische
    und historische Momente. Es ist nicht derselbe
    Fall, wie wenn wir an andere Untersuchungen
    herangehen.

        Die intellektuelle Schwierigkeit zuerst! Gestatten Sie
    mir grobe, handgreifliche Verdeutlichungen. Nehmen
    wir an, es handle sich um die Frage nach der
    Beschaffenheit des Erdinnern. Bekanntlich wissen
    wir nichts Sicheres darüber. Wir vermuten, daß
    es aus schweren Metallen im glühenden Zustand
    besteht. Nun stelle einer die Behauptung auf das
    Erdinnere sei mit Kohlensäure gesättigtes Wasser,
    also eine Art Sodawasser. Wir werden gewiß
    sagen, das ist sehr unwahrscheinlich, widerspricht
    allen unseren Erwartungen, nimmt keine
    Rücksicht auf jene Anhaltspunkte unseres Wissens
    die uns zur Aufstellung der Metallhypothese
    geführt haben. Aber undenkbar ist es immerhin
    nicht; wenn uns jemand einen Weg zur Prüfung
    der Sodawasserhypothese zeigt, werden wir diesen
    Widerstand gehen. Aber nun kommt ein
    anderer mit der ernsthaften Behauptung
    der Erdkern bestehe aus Marmelade. Dagegen
    werden wir uns ganz anders verhalten.
    Wir werden uns sagen Marmelade kommt
    in der Natur nicht vor es ist ein Produkt
    der menschlichen Küche, die Existenz dieses
    Stoffes setzt außerdem das Vorhandensein
    von Obstbäumen und von deren Früchten
    voraus und wir wüßten nicht, wie wir Veget-
    ation und menschliche Kochkunst ins Erdinnere
    verlegen könnten. Das Ergebnis dieser intellek-
    tuellen Einwendungen wird eine Schwenkung
    unseres Interesses sein, anstatt auf die
    Untersuchung einzugehen, ob wirklich der
    Erdkern aus Marmelade besteht werden
    wir uns fragen was für ein Mensch sein
    muß der auf eine solche Idee kommen
    kann und höchstens noch ihn fragen woher
    er das weiß. Der unglückliche Urheber
    der Marmeladetheorie wird schwer gekränkt
    sein und uns anklagen daß wir ihm aus
    angeblich wissenschaftlichem Vorurteil die
    objektive Würdigung seiner Behauptung
    versagen. Aber es wird ihm nichts nützen.
    Wir verspüren, daß Vorurteile nicht immer
    verwerflich sind, daß sie manchmal berechtigt
    sind zweckmäßig, um uns unnützen Auf-
    wand zu ersparen. Sie sind ja nichts anderes
    als Analogieschlüsse nach anderen, gut begründ-
    eten Urteilen.

  • S.

    27

    Eine ganze Anzahl der okkultistischen Behauptungen
    wirkt auf uns ähnlich wie die Marmeladehypothese,
    so daß wir uns berechtigt glauben sie ohne
    Nachprüfung von vornherein abzuweisen.
    Aber es ist doch nicht so einfach. Ein Vergleich wie
    der von uns gewählte beweist nichts, beweist
    so wenig wie überhaupt Vergleiche. Es bleibt
    ja fraglich ob er paßt, und man versteht daß
    die Einstellung der verächtlichen Verwerfung
    bereits seine Auswahl bestimmt hat. Vor-
    urteile sind manchmal zweckmäßig und berechtigt
    andere Male aber irrtümlich und schädlich
    und man weiß nie wann sie das eine, wann
    das andere sind. Die Geschichte der Wissenschaften
    selbst ist überreich an Vorfällen, die vor einer
    voreiligen Verdammung warnen können. Lange
    Zeit galt es auch als eine unsinnige Annahme daß
    die Steine die wir heute Meteoriten heißen
    aus dem Himmelsraum auf die Erde gelangt
    sein sollten oder daß das Gestein der Berge
    das Muschelreste einschließt, einst den Meeres-
    grund gebildet hätte. Übrigens ist es auch
    unserer Psychoanalyse nicht viel anders
    ergangen, als sie mit der Erschließung des
    Unbewußten hervortrat. Also haben wir Analyt.
    besondere Gründe, mit der Verwendung
    des intellektuellen Motivs zur Ablehnung
    neuer Aufstellungen vorsichtig zu sein und
    müssen zugestehen, daß es uns nicht über
    Abneigung, Zweifel und Unsicherheit hinaus
    fördert.

        Das zweite Moment habe ich das psychologische genannt.
    Ich meine damit die allgemeine Neigung der
    Menschen zur Leichtgläubigkeit und Wunder-
    gläubigkeit. Von allem Anfang an wenn das
    Leben uns in seine strenge Zucht nimmt, regt
    sich in uns ein Widerstand gegen die Unerbittlich-
    keit und Monotonie der Denkgesetze
    und gegen die Anforderungen der Realitäts-
    prüfung. Die Vernunft wird zur Feindin, die
    uns soviel Lustmöglichkeit vorenthält. Man entdeckt, welche
    Lust es bereitet, sich ihr wenigstens zeitweilig, zu
    entziehen und sich den Verlockungen des
    Unsinns hinzugeben. Der Knabe tut ergötzt
    sich an Wortverdrehungen der Fachgelehrte
    verulkt seine Tätigkeit nach einem wissen-
    schaftlichen Kongreß, selbst der ernsthafte
    Mann ist genießt die Spiele des Witzes.
    Ernsthaftere Feindseligkeit gegen „Vernunft
    und Wissenschaft, des Menschen allerbeste
    Kraft“ wartet ihre Gelegenheit ab, sie beeilt

  • S.

    28

    sich dem Wunderdoktor oder Naturheilkünstler
    den Vorzug zu geben vor dem studierten Arzt
    sie kommt den Behauptungen des Okkultismus
    entgegen, solange dessen angebliche Tatsachen als
    Durchbrechungen von Gesetz und Regel ge-
    nommen werden, sie schläfert die Kritik ein,
    verfälscht die Wahrnehmungen erzwingt
    Bestätigungen und Zustimmungen die nicht zu
    rechtfertigen sind. Wer diese Neigung der
    Menschen in Betracht zieht, hat allen Grund
    an viele Mitteilungen der okkultistischen
    Literatur zu verwerfen.

        Das dritte Bedenken nannte ich das historische
    und will damit aufmerksam machen daß in der
    Welt des Okkultismus eigentlich nichts Neues
    vorgeht, daß aber in ihr alle die solchen Wunder
    Prophezeiungen und Geistererscheinungen neuer-
    dings auftreten die uns aus alten Zeiten und
    in alten Büchern berichtet werden und die wir
    längst als Ausgeburten ungezügelter Phantasie
    oder tendenziösen Trugs erledigt zu haben
    glaubten als Produkte einer Zeit, in der die
    Unwissenheit der Menschheit sehr groß war
    und der wissenschaftliche Geist noch in seinen
    Kinderschuhen stak. Wenn wir als wahr an-
    nehmen was sich nach den Mitteilungen
    der Okkultisten noch heute ereignet so müssen
    auch wir jene Nachrichten aus dem Altertum als
    glaubwürdig anerkennen. Und nun besinnen
    wir uns daß die Traditionen und heiligen
    Bücher der Völker von solchen Wunderge-
    schichten übervoll sind und daß die Religionen
    ihren Anspruch auf Glaubwürdigkeit gerade auf
    solche außerordentliche und wunderbare Begebenheiten stützen
    und in ihnen die Beweise für das Wirken
    übermenschlicher Mächte finden. Dann wird
    es uns schwer, den Verdacht zu vermeiden,
    daß das okkultistische Interesse eigentlich ein
    religiöses ist, daß es zu den geheimen Motiven
    der okkultistischen Bewegung gehört, der
    durch den Fortschritt des wissenschaftlichen
    Denkens bedrohten Religion zu Hilfe zu
    kommen. Und mit der Erkenntnis eines
    solchen Motivs muß unser Mißtrauen
    wachsen und unsere Abneigung, uns in
    die Untersuchung der angeblichen okkulten
    Phänomene einzulassen.

  • S.

    29

    Aber endlich muß diese Abneigung doch überwunden
    werden. Es handelt sich um eine Frage der Tatsächlichkeit,
    ob das, was die Okkultisten erzählen, wahr ist oder
    nicht. Das muß doch durch Beobachtung entschieden
    werden können. Im Grunde müssen wir den
    Okkultisten dankbar sein. Die Wunderberichte
    aus alten Zeiten sind unserer Nachprüfung
    entzogen. Wenn wir meinen sie sind nicht
    zu beweisen, so müssen wir doch zugeben
    sie sind auch nicht mit aller Strenge zu widerlegen.
    Aber was in der Gegenwart vor sich geht, wobei wir
    zugegen sein können darüber müssen wir doch
    ein sicheres Urteil gewinnen können. Kommen
    wir zur Überzeugung daß solche Wunder heute
    nicht vorkommen so fürchten wir den Einwand
    nicht, sie könnten sich doch in alten Zeiten
    ereignet haben. Andere Erklärungen liegen
    dann viel näher. Wir haben also unsere
    Bedenken abgelegt und sind bereit, an der
    Beobachtung der okkulten Phänomene teilzu-
    nehmen.

        Zum Unglück treffen wir dann auf Bedingungen
    die unserer redlichen Absicht äußerst ungünstig
    sind. Die Beobachtungen von denen unser Urteil
    abhängen soll, werden unter Bedingungen an-
    gestellt, die unsere Sinneswahrnehmungen unsicher
    machen, unsere Aufmerksamkeit abstumpfen
    in der Dunkelheit oder bei spärlichem rotem Licht
    nach langen Zeiten leerer Erwartung. Es wird
    uns gesagt, daß schon unsere ungläubige
    also kritische, Einstellung das Zustandekommen
    der erwarteten Phänomene zu hindern ver-
    mag. Die so hergestellte Situation ist ein wahres
    Zerrbild der Umstände, unter denen wir sonst
    wissenschaftliche Untersuchungen durchzuführen
    pflegen. Die Beobachtungen werden an sogenannten
    „Medien“ gemacht, Personen, denen man besondere
    „sensitive“ Fähigkeiten zuschreibt, die sich aber
    keineswegs durch hervorragende Eigenschaften
    des Geistes oder des Charakters auszeichnen nicht
    von einer großen Idee oder einer ernsten
    Absicht getragen werden wie die alten
    Wundertäter. Im Gegenteil, sie gelten selbst
    bei denen, die an ihre geheimen Kräfte glauben,
    als besonders unzuverlässig; die meisten von
    ihnen sind bereits als Betrüger entlarvt worden,
    es liegt uns nahe zu erwarten daß den übrigen
    dasselbe bevorsteht. Was sie leisten macht
    den Eindruck von mutwilligen Kinderstreichen
    oder Taschenspielerkunststücken. Noch niemals

  • S.

    30

    ist in den Sitzungen mit diesen Medien etwas Brauch-
    bares herausgekommen etwa eine neue Kraftquelle
    zugänglich gemacht worden. Freilich erwartet man
    auch keine Förderung der Taubenzucht von dem
    Kunststück des Taschenspielers, der Tauben aus seinem
    leeren Zylinderhut zaubert. Ich kann mich leicht
    in die Lage eines Menschen versetzen der die
    Anforderung der Objektivität erfüllen will
    und darum an den okkultistischen Sitzungen teil-
    nimmt, aber nach einer Weile ermüdet und
    von den an ihn gestellten Zumutungen abgestoßen
    sich abwendet und unbelehrnt zu seinen früheren
    Vorurteilen zurückkehrt. Man kann so einem
    vorhalten das sei auch nicht das richtige Benehmen,
    Phäno-
    menen, die man studieren wolle dürfe man
    nicht vorschreiben wie sie sein und unter welchen Beding-
    ungen sie auftreten sollen. Es sei vielmehr geboten
    auszuharren und die Vorsichts- und Kontroll-
    maßregeln zu würdigen durch die man sich neuer-
    (neuerdings)dings gegen die Unzuverlässigkeit der Medien zu schützen
    bemüht ist. Leider macht diese moderne Siche-
    rungstechnik der leichten Zugänglichkeit okkult-
    istischer Beobachtungen ein Ende, das Studium des
    Okkultismus wird ein besonderer schwieriger
    Beruf, eine Tätigkeit die man nicht neben seinen
    sonstigen Interessen betreiben kann. Und bis
    die damit beschäftigten Forscher zu Entscheid-
    ungen gekommen sind bleibt man dem Zweifel
    und seinen eigenen Vermutungen überlassen.

        Unter diesen Vermutungen die wahr-
    scheinlichste ist wohl die daß es sich beim Okkultis-
    mus um einen realen Kern von noch nicht er-
    kannten Tatsachen handelt, den Trug und Phantasie-
    wirkung mit einer schwer durchdringbaren
    Hülle umsponnen haben. Aber wie sollen können
    wir uns diesem Kern auch nur annähern
    an welcher Stelle das Problem angreifen?
    Hier, meine ich, kommt uns der Traum zu Hilfe
    indem er uns den Wink gibt, aus all
    dem Wust das Thema der Telepathie herauszu-
    greifen.

        Telepathie nennen wir die angebliche
    Tatsache, daß ein Ereignis welches zu einer be-
    stimmten Zeit vorfällt, etwa gleichzeitig einer räumlich
    entfernten Person zum Bewußtsein kommt,
    ohne daß die uns bekannten Wege der Mit-
    teilung dabei in Betracht kämen. Also als ob
    stillschweigende Voraussetzung ist, daß dies
    Ereignis eine Person betrifft, an welcher
    die andere, der Empfänger der Nachricht
    ein starkes emotionelles Interesse hat. Also

  • S.

    31

    z.B. die Person A erleidet einen Unfall oder sie stirbt
    und die Person B, eine ihr nahe verbundene, die
    Mutter Tochter oder Geliebte, erfährt es ungefähr
    zur gleichen Zeit durch eine Gesichts- oder Gehörs-
    wahrnehmung, im letzteren Falle also so als ob sie tele-
    phonisch verständigt worden wäre
    was aber nicht der Fall gewesen ist, gewisser-
    maßen ein psychisches Gegenstück zur drahtlosen
    Telegraphie. Ich brauche vor Ihnen nicht zu betonen
    wie unwahrscheinlich solche Vorgänge sind. Auch
    darf man die meisten dieser Berichte mit guten
    Gründen ablehnen; einige bleiben übrig bei denen
    dies nicht so leicht ist. Gestatten Sie mir nun daß
    ich für den Zweck meiner beabsichtigten Mitteilung
    das vorsichtige Wörtchen „angeblich“ weglasse und
    so fortsetze als glaubte ich an die objektive
    Realität des telepathischen Phänomens. Aber
    halten Sie daran fest daß dies nicht der Fall ist,
    daß ich mich auf keine Überzeugung festgelegt
    habe.

        Ich habe Ihnen eigentlich wenig mitzuteilen nur
    eine unscheinbare Tatsache. Ich will Ihre
    Erwartung auch gleich weiter einschränken indem
    ich Ihnen sage, daß der Traum im Grunde
    wenig mit der Telepathie zu tun hat. Weder
    wirft die Telepathie ein neues Licht auf das
    Wesen des Traums, noch legt der Traum
    ein direktes Zeugnis für die Realität der
    Telepathie ab. Das telepathische Phänomen ist auch
    gar nicht an den Traum gebunden, es kann
    sich auch während des Wachzustands ereignen.
    Der einzige Grund die Beziehung zwischen Traum
    und Telepathie zu erörtern liegt darin, daß
    der Schlafzustand zur Aufnahme der telepathischen
    Botschaft besonders geeignet scheint. Man er-
    hält dann einen sogenannt telepathischen
    Traum und überzeugt sich bei dessen Analyse
    daß die telepathische Nachricht dieselbe Rolle
    gespielt hat wie ein anderer Tagesrest und
    wie ein solcher von der Traumarbeit
    verändert und der ihren Tendenz dienstbar
    gemacht worden ist.

        In der Analyse eines solchen telepathischen
    Traums ereignet sich nun das, was mir inter-
    essant genug schien um es trotz seiner Gering-
    fügigkeit zum Ausgangspunkt für diese
    Vorlesung zu wählen. Als ich im Jahre 1922
    die erste Mitteilung über diesen Gegen-
    stand machte stand mir erst nur eine Be-
    obachtung zur Verfügung. Seither habe
    ich manche ähnliche gemacht, aber ich bleibe
    beim ersten Beispiel weil es sich am leichtesten
    darstellen läßt, und werde Sie sogleich in

  • S.

    32

    medias res einführen.

        Ein offenbar intelligenter, nach seiner Behauptung keines-
    wegs okkultistisch angehauchter Mann schreibt mir
    über einen Traum der ihm merkwürdig erscheint. Er
    schickt voraus, seine verheiratete, entfernt von ihm
    lebende, Tochter erwarte Mitte Dezember ihre
    erste Niederkunft. Diese Tochter steht ihm sehr nahe,
    er weiß auch, daß sie sehr innig an ihm hängt.
    Nun träumt er in der Nacht vom 16.ten auf
    den 17. November, daß seine Frau Zwillinge
    geboren hat. Es folgen mancherlei Einzelheiten
    die ich hier übergehen kann, die auch nicht alle
    Aufklärung gefunden haben. Die Frau die im Traum
    Mutter der Zwillinge geworden ist, ist seine
    zweite Frau die Stiefmutter der Tochter. Er wünscht
    sich keine Kinder von dieser Frau, der er die
    Eignung zur verständigen Kindererziehung
    abspricht, hatte auch zur Zeit des Traums den
    Geschlechtsverkehr mit ihr lange ausgesetzt. Was
    ihn veranlaßt mir zu schreiben ist nicht
    ein Zweifel an der Traumlehre, zu dem
    ihn der manifeste Trauminhalt berechtigt
    hätte, denn warum läßt der Traum in
    vollem Gegensatz zu seinen Wünschen diese
    Frau Kinder gebären? Auch zu einer Be-
    fürchtung, daß dies unerwünschte Ereignis
    eintreffen könnte lag nach seiner Auskunft
    kein Anlaß vor. Was ihn bewog mir
    von diesem Traum zu berichten war der
    Umstand, daß er am 18. November früh die
    telegraphische Nachricht erhielt, die Tochter sei
    mit Zwillingen niedergekommen. Das Tele-
    gramm war tags vorher aufgegeben worden
    die Geburt in der Nacht vom 16. auf
    den 17.ten erfolgt, ungefähr zur gleichen
    Stunde da er von der Zwillingsgeburt
    seiner Frau träumte. Der Träumer fragt
    mich, ob ich das Zusammentreffen von Traum
    und Ereignis für zufällig halte. Er getraut
    sich nicht den Traum einen telepathischen
    zu nennen denn der Unterschied zwischen
    Trauminhalt und Ereignis betrifft gerade
    das, was ihm das Wesentliche scheint, die
    Person der Gebärenden. Aber aus einer
    seiner Bemerkungen geht hervor, daß
    er sich über einen richtigen telepath-
    ischen Traum nicht verwundert hätte. Die
    Tochter, meint er, habe in ihrer schweren Stunde
    sicher „besonders an ihn gedacht“.

  • S.

    33

        Meine Damen und Herren! Ich bin sicher Sie können
    sich diesen Traum bereits erklären und ver-
    stehen auch, warum ich ihn Ihnen erzählt habe. Da
    ist ein Mann, mit seiner zweiten Frau unzu-
    frieden, er möchte lieber eine Frau haben wie
    seine Tochter aus erster Ehe. Fürs Unbewußte
    entfällt natürlich dieses: wie. Nun trifft
    ihn nächtlicher Weile die telepathische Botschaft
    die Tochter hat Zwillinge geboren. Die Traum-
    arbeit bemächtigt sich dieser Nachricht läßt den
    unbewußten Wunsch auf sie einwirken der
    die Tochter an die Stelle der zweiten Frau
    setzen möchte und so entsteht der befremdende
    manifeste Traum der den Wunsch verhüllt
    und die Botschaft entstellt. Wir müssen sagen
    erst die Traumdeutung hat uns gezeigt
    daß es ein telepathischer Traum ist, die
    Psychoanalyse hat einen telepathischen Tatbe-
    stand aufgedeckt, den wir sonst nicht erkannt
    hätten.

        Aber lassen Sie sich ja nicht irre führen! Trotzdem
    hat die Traumdeutung nichts über die objektive
    Wahrheit des telepathischen Tatbestandes
    ausgesagt. Es kann auch ein Anschein sein, der
    sich auf andere Weise aufklären läßt.
    Es ist möglich, daß die latenten Traumgedanken
    des Mannes gelautet haben: Heute ist ja der
    Tag, an dem die Entbindung erfolgen müßte
    wenn die Tochter, wie ich eigentlich glaube,
    sich um einen Monat verrechnet hat. Und
    ihr Aussehen war schon damals als ich sie
    zuletzt sah, so, als ob sie Zwillinge haben
    würde. Und meine verstorbene Frau war
    so kinderlieb, wie würde die sich über
    Zwillinge gefreut haben! (Letzteres Moment
    setze ich nach noch nicht erwähnten Assoziat-
    ionen des Träumers ein.) In diesem Falle
    wären gut begründete Vermutungen des
    Träumers, nicht eine telepathische Botschaft
    der Anreiz zum Traum gewesen, der Erfolg
    wäre bliebe der nämliche. Sie sehen auch
    diese Traumdeutung hat nichts über die
    Frage ausgesagt ob man der Telepathie
    objektive Realität zugestehen darf. Das
    ließe sich nur durch eingehende Erkundigung
    nach allen Verhältnissen des Vorfalles
    entscheiden, was leider bei diesem Beispiel
    ebensowenig möglich war wie bei den
    anderen meiner Erfahrung. Zugegeben,

  • S.

    34

    daß die Annahme der Telepathie die bei Weitem ein-
    fachste Erklärung gibt, aber damit ist nicht viel
    gewonnen. Die einfachste Erklärung ist nicht
    immer die richtige die Wahrheit ist sehr oft
    nicht einfach, und ehe man sich zu einer so
    weit tragenden Annahme entschließt will
    man alle Vorsichten eingehalten beobachtet haben.

        Das Thema Traum und Telepathie können wir jetzt
    verlassen ich habe Ihnen nichts mehr darüber zu
    sagen. Aber beachten Sie wohl, nicht der Traum
    schien uns etwas über die Telepathie zu lehren
    sondern die Deutung des Traumes, die
    psychoanalytische Bearbeitung. Somit können
    wir im folgenden vom Traum ganz absehen
    und wollen der Erwartung nachgehen daß die
    Anwendung der Psychoanalyse einiges Licht auf
    andere „okkulte“ geheißene Tatbestände werfen
    kann. Da ist z.B. das Phänomen der Gedanken-
    Induktion oder übertragung, das der Telepathie sehr nahe steht
    eigentlich ohne viel Zwang mit ihr vereinigt
    werden kann. Es besagt, daß seelische Vorgänge
    in einer Person, Vorstellungen, Erregungs-
    zustände, Willensimpulse sich durch den freien
    Raum auf eine andere Person übertragen
    können ohne die bekannten Wege der
    Mitteilung durch Worte und Zeichen zu
    gebrauchen. Sie verstehen wie merkwürdig
    vielleicht auch praktisch bedeutsam es wäre
    wenn dergleichen wirklich vorkäme. Neben-
    bei gesagt, es ist verwunderlich daß gerade
    von diesem Phänomen in den alten Wunder-
    berichten am wenigsten die Rede ist.

        Während der psychoanalytischen Behandlung von
    Patienten habe ich den Eindruck bekommen
    daß das Treiben der berufsmäßigen Wahr-
    sager eine günstige Gelegenheit verbirgt
    um besonders einwandfreie Beobachtungen
    über Gedankenübertragung anzustellen.
    Das sind unbedeutende oder selbst minderwertige
    Personen die sich irgend einer Hantierung
    hingeben, Karten aufschlagen, Schriften und
    Handlinien studieren, astrologische Berechnungen
    anstellen und dabei ihren Besuchern
    die Zukunft vorhersagen, nachdem sie sich
    mit Stücken von deren vergangener
    oder gegenwärtiger Schicksalen vertraut
    gezeigt haben. Ihre Klienten zeigen sich
    meistens recht befriedigt durch diese Leist-
    ungen

  • S.

    35

    und sind ihnen auch nicht gram wenn die Prophezei-
    ungen späterhin nicht eintreffen. Ich bin mehrerer
    solcher Fälle habhaft geworden konnte sie analyt-
    isch studieren und werde Ihnen gleich das merk-
    würdigste dieser Beispiele erzählen. Leider wird
    die Beweiskraft dieser Mitteilungen durch die
    zahlreichen Verschweigungen beeinträchtigt zu
    denen mich die Pflicht der ärztlichen Dis-
    kretion nötigt. Entstellungen habe ich aber
    mit strengem Vorsatz vermieden. Hören
    Sie also die Geschichte einer meiner Patientinnen
    die ein solches Erlebnis mit einem Wahrsager
    gehabt hat.

        Sie war die älteste einer Reihe von Geschwistern
    gewesen, in einer außerordentlich starken
    Vaterbindung aufgewachsen, hatte
    jung geheiratet, in der Ehe volle Befriedig-
    ung gefunden. Zu ihrem Glück fehlte nur
    eines daß sie kinderlos geblieben war,
    ihren geliebten Mann also nicht völlig an die
    Stelle des Vaters rücken konnte. Als sie nach
    langen Jahren der Enttäuschung sich zu einer
    gynäkologischen Operation entschließen
    wollte, machte ihr der Mann die Eröffnung
    daß die Schuld an ihm liege, er sei durch
    eine Erkrankung vor der Ehe unfähig zur
    Kinderzeugung geworden. Diese Enttäuschung
    vertrug sie schlecht, wurde neurotisch, litt
    offenbar an Versuchsängsten. Um sie
    aufzuheitern, nahm sie der Mann auf eine
    Geschäftsreise nach Paris mit. Dort saßen sie
    eines Tages in der Halle des Hotels, als
    ihr eine gewisse Geschäftigkeit unter
    den Angestellten auffiel. Sie fragte was
    es gäbe und erfuhr, Monsieur le professeur
    sei gekommen und erteile Konsultationen
    in jenem Cabinet. Sie äußerte ihren
    Wunsch auch einen Versuch zu machen.
    Der Mann schlug es ab, aber in einem
    unbewachten Moment war sie in den
    Konsultationsraum geschlüpft und stand
    vor dem Wahrsager. Sie war 27 Jahre
    alt, sah viel jünger aus hatte den Ehe-
    ring abgelegt. Monsieur le professeur
    ließ sie die Hand auf eine Tasse legen die
    mit Asche gefüllt war studierte sorgfältig
    den Abdruck, erzählte ihr dann allerlei
    von schweren Kämpfen die ihr bevor-
    stünden und schloß mit der tröstlichen
    Versicherung, sie werde doch noch

  • S.

    36

    heiraten und mit 32 Jahren zwei Kinder haben. Als
    sie mir diese Geschichte erzählte war sie 43 Jahre
    alt, schwer krank und ohne jede Aussicht jemals
    ein Kind zu bekommen. Die Prophezeiung war
    also nicht eingetroffen doch sprach sie von ihr
    keineswegs mit Bitterkeit, sondern mit dem
    unverkennbaren Ausdruck der Befriedigung als
    ob sie ein recht erfreuliches Erlebnis erinnern
    würde. Es war leicht festzustellen, daß sie nicht
    die leiseste Ahnung hatte, was die beiden
    Zahlen der Prophezeiung bedeuten könnten und ob sie überhaupt etwas bedeuteten.

        Sie werden sagen das ist eine ganz dumme
    und unverständliche Geschichte, und fragen wozu
    ich sie Ihnen erzählt habe. Nun ich wäre ganz
    Ihrer Meinung wenn nicht – und das ist jetzt
    der springende Punkt – die Analyse uns
    eine Deutung jener Prophezeiung ermöglichte
    die gerade durch die Aufklärung der Details
    zwingend wirkt. Die beiden Zahlen finden
    nämlich ihren Platz im Leben der Mutter meiner
    Patientin. Diese hatte spät geheiratet, nach dreißig,
    und man hatte in der Familie oft dabei verweilt
    daß sie sich so erfolgreich beeilt hatte, das Ver-
    säumte nachzuholen. Die beiden ersten Kinder
    unsere Patientin voran wurden mit dem kleinsten
    möglichen Intervall in dem gleichen Kalender-
    jahr geboren und mit 32 Jahren hatte sie
    wirklich schon zwei Kinder. Was Monsieur
    le professeur der meiner Patientin gesagt hatte
    hieß also: Trösten Sie sich Sie sind noch so jung
    Sie werden noch dasselbe Schicksal haben wie
    Ihre Mutter die auch lange auf Kinder warten
    mußte, werden zwei Kinder haben mit 32 Jahren.
    Aber dasselbe Schicksal zu haben wie die Mutter
    sich an ihre Stelle zu setzen, ihren Platz beim
    Vater einzunehmen das war ja der stärkste
    Wunsch ihrer Jugend gewesen der Wunsch an
    dessen Nichterfüllung sie jetzt zu erkranken
    begann. Die Prophezeiung versprach ihr, daß er
    doch noch zur Erfüllung kommen werde,
    wie sollte sie gegen den Propheten anders
    als freundlich fühlen können? Aber halten
    Sie es für möglich, daß Monsieur le pro-
    fesseur mit den Daten der intimen Familien-
    geschichte seiner zufälligen Klientin ver-
    traut war? Unmöglich! Woher kam ihm
    also die Kenntnis die ihn befähigte, den
    stärksten und geheimsten Wunsch der Patientin
    durch die Aufnahme der beiden Zahlen in

  • S.

    37

    seine Prophezeiung auszudrücken? Ich sehe nur zwei
    Möglichkeiten der Erklärung. Entweder ist die Ge-
    schichte so wie sie mir erzählt wurde nicht wahr,
    hat sich anders zugetragen oder es ist anzuerkennen
    daß eine Gedankenübertragung als reales
    Phänomen besteht. Man kann freilich die Annahme
    machen, daß die Patientin nach einem Intervalle
    von sechzehn Jahren die beiden Zahlen, auf die es
    ankommt aus ihrem Unbewußten in jene Erinnerung
    eingesetzt hat. Ich habe keinen Anhaltspunkt für diese
    Vermutung, aber ich kann sie nicht ausschließen und
    ich stelle mir vor daß Sie eher bereit sein
    werden an eine solche Auskunft zu glauben
    als an die Realität der Gedankenübertragung.
    Wenn Sie sich zu letzterem entschließen vergessen
    Sie nicht daran daß erst die Analyse den
    okkulten Tatbestand geschaffen ihn aufgedeckt
    hat, wo er bis zur Unkenntlichkeit entstellt
    war.

        Handelte es sich nur um einen solchen Fall wie
    der meiner Patientin, so würde man achselzuckend über
    ihn hinweggehen. Niemand fällt es ein, einen
    Glauben der eine so entscheidende Wendung
    bedeutet, auf einer vereinzelten Beobachtung
    aufzubauen. Aber glauben Sie meiner Versicherung
    es ist nicht der einzige Fall in meiner Erfahrung.
    Ich habe eine ganze Reihe von solchen Prophezeiungen
    gesammelt und von allen den Eindruck gewonnen
    daß der Wahrsager nur die Gedanken der ihn
    befragenden Personen und ganz besonders
    ihre geheimeren Wünsche zum Ausdruck gebracht
    hatte, daß man also berechtigt war solche Prophezeih-
    ungen zu analysieren als wären es subjektive Produktionen
    Phantasien oder Träume der betreffenden
    Personen.
    Natürlich sind nicht alle Fälle gleich beweiskräftig
    und nicht in allen ist es so möglich rationellere
    Erklärungen auszuschließen, aber es bleibt
    doch vom Ganzen ein starker Überschuß von
    Wahrscheinlichkeit zu Gunsten einer tatsäch-
    lichen Gedankenübertragung übrig. Die
    Wichtigkeit des Gegenstandes würde es
    rechtfertigen, daß ich Ihnen alle meine
    Fälle vorführe aber das kann ich nicht
    wegen der Weitläufigkeit der dazu nötigen
    Darstellung und der dabei unvermeidlichen
    Verletzung der schuldigen Diskretion. Ich ver-
    suche es mein Gewissen möglichst zu be-
    schwichtigen, wenn ich Ihnen noch einige
    Beispiele gebe.

  • S.

    38

        Eines Tages sucht mich ein hochintelligenter junger
    Mann auf, ein Student vor seinen letzten Doktor-
    prüfungen, aber nicht im Stande sie abzulegen, denn, wie
    er klagt, hat er alle Interessen Konzentrations-
    fähigkeit, selbst die Möglichkeit geordneter Er-
    innerung, verloren. Die Vorgeschichte dieses lähm-
    ungsartigen Zustands ist bald aufgedeckt, er ist
    nach einer Leistung großer Selbstüberwindung
    erkrankt. Er hat eine Schwester, an der er
    mit intensiver aber stets verhaltener Liebe
    hing wie sie an ihm. Wie Schade, daß wir beide
    uns nicht heiraten können, hieß es oft genug
    unter ihnen. Ein würdiger Mann verliebte sich
    in diese Schwester, sie erwiderte die Neigung
    aber die Eltern gaben die Verbindung nicht
    zu. In dieser Notlage wandte sich das Paar
    an den Bruder, der ihnen auch seine Hilfe nicht
    versagte. Er vermittelte die Korrespondenz
    zwischen ihnen, seinem Einfluß gelang es auch
    die Eltern endlich zur Zustimmung zu bewegen.
    In der Verlobungszeit ereignete sich allerdings
    ein Zufall, dessen Bedeutung leicht zu erraten
    ist. Er unternahm eine schwierige Bergpartie
    mit dem zukünftigen Schwager führer-
    los, die beiden verloren den Weg
    und gerieten in die Gefahr nicht mehr heil
    zurückzukommen. Kurz nach der Heirat der
    Schwester geriet er in jenen Zustand seelischer
    Erschöpfung.

        Durch den Einfluß der Psychoanalyse arbeitsfähig
    geworden, verließ er mich um seine
    Prüfungen zu machen, kam aber nach deren
    glücklicher Erledigung im Herbst desselben
    Jahres für kurze Zeit zu mir zurück. Er berichtete
    mir dann über ein merkwürdiges Erlebnis
    das er vor dem Sommer gehabt hatte. In
    seiner Universitätsstadt gab es eine Wahr-
    sagerin, die sich eines großen Zulaufs
    erfreute. Auch die Prinzen des Herrscher-
    hauses pflegten sie vor wichtigen Unter-
    nehmungen regelmäßig zu konsultieren.
    Die Art wie sie arbeitete war sehr einfach.
    Sie ließ sich die Geburtsdaten einer bestimmten
    Person geben verlangte nichts anderes von
    ihr zu wissen auch nicht den Namen, dann
    schlug sie in astrologischen Büchern nach
    machte lange Berechnungen und am
    Ende gab sie eine Prophezeiung über

  • S.

    39

    die betreffende Person von sich. Mein Patient beschloß
    ihre Geheimkunst für seinen Schwager in Anspruch
    zu nehmen. Er besuchte sie und nannte ihr die
    verlangten Daten von seinem Schwager. Nachdem
    sie ihre Rechnungen angestellt hatte tat sie
    die Prophezeiung: Diese Person wird im Juli
    oder August an a dieses Jahres an einer
    Krebs- oder Austernvergiftung sterben.
    Mein Patient schloß dann seine Erzählung mit
    den Worten: Und das war ganz großartig!

        Ich hatte von Anfang an unwillig zugehört. Nach
    diesem Ausruf gestattete ich mir die Frage: Was
    finden Sie an dieser Prophezeiung so großartig?
    Wir sind jetzt im Spätherbst, Ihr Schwager ist nicht
    gestorben das hätten Sie mir längst erzählt. Also
    ist die Prophezeiung nicht eingetroffen. Das aller-
    dings nicht, meinte er, aber das Merkwürdige ist
    folgendes. Mein Schwager ist ein leidenschaftlicher
    Liebhaber von Krebsen und Austern und hat
    sich im vorigen Sommer – also vor seinen dem Besuch
    bei der Wahrsagerin – eine Austern-
    vergiftung zugezogen an der er fast gestorben wäre.
    Was sollte ich darauf sagen? Ich konnte mich nur
    ärgern daß der hochgebildete Mann, der
    überdies eine erfolgreiche Analyse hinter sich
    hatte, den Zusammenhang nicht besser durchschaute.
    Ich für meinen Teil ehe ich daran glaube daß
    man aus astrologischen Tafeln den Eintritt
    einer Krebs- oder Austernvergiftung berechnen
    kann, will lieber annehmen, daß mein
    Patient den Haß gegen den Rivalen noch
    immer nicht überwunden hatte, an dessen Verdräng-
    ung er seinerzeit erkrankt war, und daß die
    Astrologin einfach seine eigene Erwartung
    aussprach: solche Liebhabereien gibt
    man nicht auf und eines Tages wird er doch
    daran zu Grunde gehen. Ich gestehe daß ich
    für diesen Fall keine andere Erklärung
    weiß außer vielleicht, daß mein Patient sich
    einen Scherz mit mir erlaubt hat. Aber
    er gab mir weder damals noch später Grund
    zu diesem Verdacht und schien, was er sagte,
    ernsthaft zu meinen.

        Ein anderer Fall. Ein junger Mann in angesehener
    Stellung unterhält ein Verhältnis mit einer
    Lebedame in dem sich ein merkwürdiger Zwang
    durchsetzt. Von Zeit zu Zeit muß er die Geliebte

  • S.

    40

    durch spottende und höhnende Reden kränken bis sie in
    helle Verzweiflung gerät. Hat er sie soweit gebracht
    so ist er erleichtert er versöhnt sich mit ihr und
    beschenkt sie. Aber er möchte jetzt frei von ihr werden
    der Zwang ist ihm unheimlich er merkt, daß sein
    eigener Ruf unter diesem Verhältnis leidet,
    er will eine eigene Frau haben, eine Familie
    gründen. Nur daß er mit eigener Kraft nicht
    von der Lebedame loskommt, er nimmt dazu
    die Hilfe der Analyse in Anspruch. Nach einer
    solchen Beschimpfungsszene, schon während der
    Analyse, läßt er sich von ihr ein Kärtchen schreiben
    das er einem Schriftkundigen vorlegt, die
    Auskunft die er von ihm erhält lautet: das
    ist die Schrift eines Menschen in äußerster
    Verzweiflung, die Person wird sich gewiß in den aller-
    nächsten Tagen umbringen. Das geschieht zwar
    nicht, die Dame bleibt am Leben aber der
    Analyse gelingt es, seine Fesseln zu lockern,
    er verläßt die Dame und wendet sich
    einem jungen Mädchen zu, von dem er
    erwartet, daß es eine brave Frau für ihn
    werden kann. Bald nachher erscheint
    ein Traum der nur auf einen beginnenden
    Zweifel an dem Wert dieses Mädchens
    gedeutet werden kann. Er nimmt auch
    von ihr eine Schriftprobe die er derselben
    Autorität vorlegt, und hört ein Urteil
    über ihre Schrift das seine Besorgnisse bestätigt.
    Er gibt also die Absicht, sie zu seiner
    Frau zu machen auf.

        Um die Gutachten des Schriftkundigen, zumal
    das erste, zu würdigen muß man etwas
    von der Geheimgeschichte unseres Mannes
    wissen. Im frühen Jünglingsalter hatte er sich
    seiner leidenschaftlichen Natur entsprechend
    bis zur Raserei in eine junge Frau verliebt
    die immerhin älter war als er. Von ihr ab-
    gewiesen machte er einen Selbstmordversuch
    an dessen ernster Absicht man nicht zweifeln
    kann. Nur durch ein Ungefähr entging er
    dem Tode und erst nach langer Pflege war er
    hergestellt. Aber diese wilde Tat machte
    auf die geliebte Frau einen tiefen Eindruck,
    sie schenkte ihm ihre Gunst, er wurde ihr

  • S.

    41

    Liebhaber, blieb ihr von da an heimlich verbunden
    und diente ihr in echt ritterlicher Weise. Nach mehr
    als zwei Dezennien als sie beide gealtert waren, die
    Frau natürlich mehr als er, erwachte in ihm das
    Bedürfnis sich von ihr abzulösen, frei zu werden
    ein eigenes Leben zu führen, selbst ein Haus
    und eine Familie zu gründen. Und gleichzeitig
    mit diesem Überdruß stellte sich bei ihm das
    lange unterdrückte Bedürfnis nach Rache an
    der Geliebten ein. Hatte er sich einst umbringen
    wollen, weil sie ihn verschmäht hatte so wollte
    er jetzt die Genugtuung haben, daß sie den
    Tod suchte, weil er sie verließ. Aber seine
    Liebe war noch immer zu stark als daß dieser
    Wunsch ihm bewußt werden konnte, auch war
    er nicht im Stande ihr genug Böses anzutun
    um sie in den Tod zu treiben. In dieser
    Gemütslage nahm er die Lebedame gewisser-
    maßen als Prügelknaben auf, um in corpore
    vili seinen Rachedurst zu befriedigen, und
    gestattete sich an ihr alle Quälereien von denen
    er erwarten konnte sie würden bei ihr den Erfolg
    haben, den er bei der geliebten Frau erwünschte.
    Daß die Rache eigentlich dieser letzteren galt verriet
    sich nur durch den Umstand, daß er die Frau
    zur Mitwisserin und Ratgeberin in seinem
    Liebesverhältnis machte anstatt ihr seinen Abfall
    zu verbergen. Die Arme die längst von
    der Geberin zur Empfängerin herabgesunken
    war, litt unter seiner Vertraulichkeit
    wahrscheinlich mehr als die Lebedame unter
    seiner Brutalität. Der Zwang über den er
    sich bei der Ersatzperson beklagte und der
    ihn in die Analyse trieb war natürlich
    von der alten Geliebten her auf sie über-
    tragen; diese letztere war es von der
    er sich frei machen wollte und nicht konnte.
    Ich bin kein Schriftenkenner und halte nicht
    viel von der Kunst aus der Schrift den
    Charakter zu erraten, noch weniger glaube
    ich an die Möglichkeit auf diesem Wege
    die Zukunft des Schreibers vorherzusagen.
    Sie sehen aber wie immer man über den
    Wert der Graphologie denken mag, es ist
    unverkennbar daß der Sachverständige
    wenn er versprach, daß der Schreiber der ihm
    vorgelegten Probe sich in den nächsten
    Tagen umbringen werde wiederum nur
    einen starken geheimen Wunsch der ihn
    befragenden Person ans Licht gezogen

  • S.

    42

    hatte. Etwas Ähnliches geschah dann auch beim zweiten
    Gutachten, nur daß hier nicht ein unbewußter
    Wunsch in Betracht kam, sondern daß die
    keimenden Zweifel und Besorgnisse des
    Befragenden durch den Mund des Schriftkundigen
    einen klaren Ausdruck fanden. Meinem
    Patienten gelang es übrigens mit Hilfe der
    Analyse eine Liebeswahl zu treffen außer-
    halb des Zauberkreises in den er gebannt
    gewesen war.

        Meine Damen und Herren! Sie haben nun gehört was
    die Traumdeutung und die Psychoanalyse überhaupt
    für den Okkultismus leistet. Sie haben an Be-
    spielen gesehen daß durch ihre Anwendung okkulte
    Tatbestände klargemacht werden, die sonst un-
    kenntlich geblieben wären. Die Frage die Sie gewiß
    am meisten interessiert, ob man an die objektive
    Realität dieser Befunde glauben darf, kann die
    Psychoanalyse nicht direkt beantworten
    aber das mit ihrer Hilfe zu Tage geförderte
    Material macht wenigstens einen der Bejahung
    günstigen Eindruck. Dabei wird Ihr Interesse
    nicht halt machen. Sie werden wissen wollen
    zu welchen Schlüssen jenes ungleich reichere
    Material berechtigt an dem die Psychoanalyse
    keinen Anteil hat. Dahin kann ich Ihnen
    aber nicht folgen, es ist nicht mehr mein
    Gebiet. Das Einzige, was ich noch tun kann
    wäre, daß ich Ihnen von Beobachtungen
    erzähle, die wenigstens die eine Beziehung
    zur Analyse haben, daß sie während der
    analytischen Behandlung gemacht, vielleicht
    auch durch ihren Einfluß ermöglicht wurden.
    Ich werde Ihnen ein solches Beispiel mit-
    teilen dasjenige welches mir den stärksten
    Eindruck hinterlassen hat, werde sehr ausführlich
    sein, Ihre Aufmerksamkeit für eine
    Menge von Einzelheiten in
    Anspruch nehmen und dabei doch vieles
    unterdrücken müssen was die überzeugende
    Kraft der Beobachtung sehr gesteigert hätte.

    Ich sage es Ihnen aber vorher auch dieses
    (anscheinender) Beispiel von Gedankenübertragung in
    der analytischen Situation ist nicht gegen
    alle Bedenken gefeit, gestattet keine
    unbedingte Parteinahme für die
    Realität des okkulten Phänomens.

  • S.

    43

    Es ist ein Beispiel, in dem der Tatbestand klar
    zu Tage tritt und nicht durch die Analyse ent-
    wickelt zu werden braucht. Bei seiner Diskussion
    werden wir die Hilfe der Analyse nicht
    entbehren können.

        Also hören Sie: An einem Herbsttag des Jahres
    1919, etwa um ¾ 11 a.m. gibt der eben aus London
    eingetroffene Dr David Forsyth eine Karte für
    mich ab während ich mit einem Patienten arbeite.
    (Mein geehrter Kollege von der London University
    wird es sicherlich nicht als Indiskretion auffassen
    wenn ich so verrate, daß er sich von mir durch
    einige Monate in die Künste der Psychoanalyse-
    ischen Technik einführen ließ) Ich habe nur
    Zeit ihn zu begrüßen und für später zu
    bestellen. Dr Forsyth hat Anspruch auf mein be-
    sonderes Interesse, er ist der erste Ausländer
    der nach der Absperrung der Kriegsjahre zu mir
    kommt, der eine bessere Zeit eröffnen soll.
    Bald nachher, um 11h, kommt einer meiner Patienten
    Herr P., ein geistreicher und liebenswürdiger
    Mann, im Alter zwischen 40 und 50, der mich
    seinerzeit wegen Schwierigkeiten beim
    Weibe aufgesucht hatte. Sein Fall versprach
    keinen therapeutischen Erfolg, ich hatte ihm
    längst vorgeschlagen die Behandlung einzu-
    stellen aber er hatte deren Fortsetzung gewünscht offenbar
    weil er sich in einer wohltemperierten
    Vater-Übertragung auf mich behaglich fühlte. Geld
    spielte um diese Zeit keine Rolle da zu wenig
    davon vorhanden war; die Stunden die ich
    mit ihm verbrachte waren auch für mich
    Anregung und Erholung, und so wurde mit
    Hinwegsetzung über die strengen Regeln
    des ärztlichen Betriebs die analytische
    Bemühung bis zu einem in Aussicht ge-
    nommenen Termin weiter geführt.

        An diesem Tag kam P. auf seine Versuche
    zurück, die Liebesbeziehungen zu Frauen
    aufzunehmen, und erwähnte wieder einmal
    das schöne, pikante arme Mädchen bei dem er
    Erfolg haben könnte, wenn nicht schon die
    Tatsache ihrer Virginität ihn von jedem
    ernsthaften Unternehmen abschrecken würde.
    Er hatte schon oft von ihr gesprochen, heute erzähl-
    te er zum ersten Mal daß sie, die natürlich
    von den wirklichen Gründen seiner Ver-
    hinderung keine Ahnung hat, ihn den Herrn
    von Vorsicht zu nennen pflegt. Diese

  • S.

    44

    Mitteilung frappiert mich, die Karte des Dr Forsyth
    ist mir zur Hand, ich zeige sie ihm.
    Dies der Tatbestand. Ich erwarte er wird Ihnen
    armselig erscheinen aber hören Sie nur weiter
    zu, es steckt mehr dahinter.

        P. hatte einige seiner jungen Jahre in England verlebt
    und daher ein dauerndes Interesse für englische
    Literatur bewahrt. Er besitzt eine reiche englische
    Bibliothek pflegte mir Bücher aus ihr zu bringen
    und ich verdanke ihm die Bekanntschaft von Autoren
    wie Bennett und Galsworthy von denen ich bis dahin
    wenig gelesen hatte. Eines Tages lieh er mir
    einen Roman von Galsworthy mit dem Titel
    „The man of property“, der im Schoß einer vom Dichter
    erfundenen Familie Forsyte spielt. Galsworthy
    ist offenbar von dieser seiner Schöpfung selbst
    gefangen genommen worden, denn er hat in
    späteren Erzählungen wiederholt auf Personen
    dieser Familie zurückgegriffen und endlich
    alle auf sie bezüglichen Erdichtungen unter
    dem Namen The Forsyte Saga gesammelt.
    Erst wenige Tage vor der Begebenheit, die ich
    erzähle, hatte mir P. einen neuen Band aus
    dieser Reihe gebracht. Der Name Forsyte
    und alles Typische, was der Dichter in ihm ver-
    körpern wollte, hatte auch in meinen
    Unterhaltungen mit P. eine Rolle gespielt
    er war zu einem Stück der Geheimsprache
    geworden die sich bei regelmäßigem Verkehr
    so leicht zwischen zwei Personen
    ausbildet. Nun ist der Name Forsyte in
    jenen Romanen von dem meines Be-
    suchers Forsyth wenig verschieden für
    deutsche Aussprache kaum zu unterscheiden
    und das sinnvolle englische Wort, das wir
    ebenso aussprechen würden wäre foresight
    zu übersetzen: Voraussicht oder Vorsicht. P. hatte also
    tatsächlich aus seinen persönlichen Beziehungen
    den gleichen Namen herausgeholt, der zur
    selben Zeit infolge eines ihm unbekannten
    Ereignisses mich beschäftigte.
    Nicht wahr das sieht schon besser aus. Aber ich
    meine, wir werden einen stärkeren Eindruck
    von dem auffälligen Phänomen und sogar
    etwas wie einen Einblick in die Be-
    dingungen seiner Entstehung gewinnen
    wenn wir zwei andere Assoziationen analyt-
    isch beleuchten, die P. in der nämlichen

  • S.

    45

    Stunde vorbrachte.

        Erstens: An einem Tag der vorigen Woche hatte ich Herrn
    P. um 11h vergeblich erwartet und war dann ausge-
    gangen um Dr Anton v. Freund in seiner
    Pension zu besuchen. Ich war überrascht zu
    finden daß Herr P. in einem anderen Stock-
    werk des Hauses wohnte, das die Pension
    beherbergte. Mit Beziehung darauf hatte ich P.
    später erzählt daß ich ihm sozusagen einen
    Besuch in seinem Haus gemacht hatte; ich weiß
    aber mit Bestimmtheit daß ich den Namen
    der Person die ich in der Pension besuchte
    nicht genannt habe. Und nun stellt er bald nach
    der Erwähnung des Herrn v. Vorsicht an mich
    die Frage: Ist die Freud-Otero, die an der Volks-
    universität englische Kurse abhält, vielleicht
    Ihre Tochter? Und zum ersten Mal in unserem
    langen Verkehr läßt er meinem Namen
    die Entstellung widerfahren an die mich
    Behörden, Ämter und Schriftsetzer allerdings
    gewöhnt haben; er sagt anstatt Freud – Freund.

        Zweitens: Am Ende derselben Stunde erzählt
    er einen Traum aus dem er mit Angst erwacht
    ist, einen richtigen Alptraum meint er. Er fügt
    hinzu, daß er unlängst das englische Wort dafür
    vergessen und einem Fragenden die Auskunft
    gegeben, Alptraum heiße im Englischen a mare’s
    nest. Das sei natürlich ein Unsinn, a mare’s nest
    bedeute eine unglaubliche, eine „Räubergeschichte“
    die Übersetzung von Alptraum laute night-mare.
    Dieser Einfall scheint mit dem Früheren nichts anderes
    gemein zu haben als das Element: englisch; mich
    muß er aber an einen kleinen Vorfall etwa
    einen Monat vorher erinnern. P. saß bei mir
    im Zimmer, als unvermutet ein anderer
    lieber Gast aus London, Dr Ernest Jones, nach
    langer Trennung bei mir eintrat. Ich winkte
    ihm, ins andere Zimmer zu gehen bis ich mit P.
    abgeredet hatte. Der erkannte ihn aber sofort
    nach seiner im Wartezimmer hängenden
    Photographie und sprach sogar den Wunsch
    aus, ihm vorgestellt zu werden. Nun ist Jones
    der Verfasser einer Monographie über den Alptraum –
    nightmare; ich wußte nicht, ob sie P. bekannt
    geworden war. Er vermied es analytische Bücher
    zu lesen.

  • S.

    46

    Ich möchte vor Ihnen zunächst untersuchen, welches analyt-
    ische Verständnis sich für den Zusammenhang von
    P.’s Einfällen und für ihre Motivierung gewinnen
    läßt. P. war auf den Namen Forsyte oder Forsyth
    ähnlich wie ich eingestellt, er bedeutete ihm dasselbe
    ich verdankte ihm ja überhaupt die Bekanntschaft
    mit diesem Namen. Der merkwürdige Tatbestand
    war, daß er diesen Namen unvermittelt in die
    Analyse brachte die kürzeste Zeit nachdem er mir
    durch ein neues Ereignis die Ankunft des Londoner
    Arztes in einem anderen Sinne bedeutungsvoll
    geworden war. Aber vielleicht nicht minder inter-
    essant als die Tatsache selbst ist die Art, wie der
    Name in seiner Analysenstunde auftrat. Er sagte
    nicht etwa: Jetzt fällt mir der Name Forsyte
    aus den Ihnen bekannten Romanen ein
    sondern er wußte ihn ohne jede bewußte Be-
    ziehung zu dieser Quelle mit seinen eigenen
    Erlebnissen zu verflechten und brachte ihn
    von daher zum Vorschein was längst hätte
    geschehen können und bisher nicht geschehen
    war. Dann aber sagte er: Ich bin auch ein
    Forsyth das Mädchen nennt mich ja so. Es ist
    schwer die Mischung von eifersüchtigem Anspruch
    und wehmütiger Selbstherabsetzung zu ver-
    kennen die sich in dieser Äußerung Ausdruck
    schafft. Man wird nicht irre gehen wenn man sie
    etwa so vervollständigt: Es kränkt mich, daß Ihre
    Gedanken sich so intensiv mit dem Ankömmling
    beschäftigen. Kehren Sie doch zu mir zurück,
    ich bin ja auch ein Forsyth – allerdings nur
    ein Herr von Vorsicht, wie das Mädchen sagt.
    Und nun greift sein Gedankengang am Assoziations-
    faden des Elements: englisch auf zwei frühere
    Gelegenheiten zurück, die die gleiche Eifer-
    sucht rege machen konnten. „Vor einigen
    Tagen haben Sie einen Besuch in meinem Haus
    gemacht, aber leider nicht bei mir bei einem
    Herrn v. Freund.“ Dieser Gedanke läßt ihn
    den Namen Freud in Freund verfälschen.
    Die Freud-Otero (Ottorego) muß herhalten, weil sie als
    Lehrerin des Englischen die manifeste Assoziation ver-
    mittelt. Und dann schließt sich die Erinnerung
    an einen anderen Besucher einige Wochen
    vorher an, auf den er gewiß ebenso eifer-
    süchtig war, dem er sich aber gleichfalls nicht
    gewachsen fühlen konnte, denn der

  • S.

    47

    Dr Jones verstand es eine Abhandlung über den Alptraum
    zu schreiben während er selbst höchstens solche Träume
    selbst produzierte. Auch die Erwähnung seines Irrtums
    in der Übersetzung Bedeutung von a mare’s nest
    gehört in denselben Zusammenhang, sie kann
    nur sagen wollen: Ich bin ja doch kein richtiger
    Engländer so wenig wie ich ein richtiger
    Forsyth bin.

        Ich kann nun seine Eifersuchtsregungen weder als
    unangemessen noch als unverständlich bezeichnen.
    Er war darauf vorbereitet worden daß seine
    Analyse und damit unser Verkehr ein Ende finden
    werden sobald wieder fremde Schüler und Patienten
    nach Wien kämen, und so geschah es auch wirklich
    bald hernach. Aber was wir bisher geleistet haben,
    war ein Stück analytischer Arbeit, die Aufklärung
    von drei in derselben Stunde vorgebrachten
    von demselben Motiv gespeisten Einfällen und
    es hat nicht viel mit der anderen Frage zu tun
    ob diese Einfälle ohne Gedankenübertragung
    ableitbar sind oder nicht. Letztere stellt sich
    zu jedem der drei Einfälle ein und zerlegt
    sich somit in drei Einzelfragen: Konnte
    P. wissen, daß Dr Forsyth eben seinen ersten Besuch
    bei mir gemacht hatte? Konnte er wissen
    welches der Name der Person war die ich
    in seinem Haus besucht hatte? Wußte er
    daß Dr Jones eine Abhandlung über den
    Alptraum geschrieben hatte? Oder war es
    nur mein Wissen um diese Dinge, das sich
    in seinen Einfällen verriet? Von der Be-
    antwortung dieser drei Einzelfragen wird es
    abhängen ob meine Beobachtung einen Schluß
    zu Gunsten der Gedankenübertragung er-
    laubt. Lassen wir die erste Frage noch eine
    Weile beiseite, die beiden anderen sind
    leichter zu behandeln. Der Fall des Besuchs
    in der Pension macht auf den ersten Blick
    einen besonders zuverlässigen Eindruck.
    Ich bin sicher, daß ich in meiner kurzen
    scherzenden Erwähnung des Besuchs in
    seinem Haus keinen Namen genannt habe;
    ich halte es für sehr unwahrscheinlich daß
    P. sich in der Pension nach dem Namen
    der betreffenden Person erkundigt ich
    glaube eher daß ihm die Existenz derselben
    völlig unbekannt geblieben ist. Aber die
    Beweiskraft dieses Falles wird durch eine
    Zufälligkeit gründlich zerstört. Der Mann
    den ich in der Pension besucht hatte hieß
    nicht nur Freund, er war auch uns allen

  • S.

    48

    ein wahrer Freund. Unser Dr Anton v. Freund dessen
    Spende die Gründung unseres Verlags ermöglicht
    hatte. Sein früher Tod wie der unseres Karl
    Abraham einige Jahre später waren die schwersten
    Unglücksfälle die die Entwicklung der Psychoanalyse
    betroffen haben. Ich mag also Herrn P. damals
    gesagt haben: Ich habe in Ihrem Hause einen
    Freund besucht und mit dieser Möglichkeit
    entfällt das okkultistische Interesse an seiner
    zweiten Assoziation.
    Auch der Eindruck des dritten Einfalls verflüchtigt
    sich bald. Konnte P. wissen daß Jones eine Ab-
    handlung über den Alptraum veröffentlicht hat,
    da er nie analytische Literatur las? Ja, er konnte
    es wissen. Er besaß Bücher aus unserem Verlag,
    konnte immerhin die Titel der auf den Um-
    schlägen angekündigten Neuerscheinungen gesehen
    haben. Es ist nicht zu erweisen aber auch nicht
    abzuweisen. Auf diesem Weg werden wir
    also zu keiner Entscheidung kommen. Ich muß
    bedauern daß meine Beobachtung an dem
    nämlichen Fehler leidet wie so viele ähnliche.
    Sie ist zu spät niedergeschrieben und dis-
    kutiert worden zu einer Zeit da ich Herrn
    P. nicht mehr sah und ihn nicht weiter befragen
    konnte.
    Kehren wir also zum ersten Vorfall zurück,
    der den scheinbaren Tatbestand der Gedanken-
    übertragung auch isoliert aufrecht hält. Konnte
    P. wissen, daß Dr Forsyth eine Viertelstunde vor
    ihm bei mir gewesen war? Konnte er über-
    haupt von seiner Existenz oder Anwesenheit
    in Wien wissen? Der Neigung beides
    glatt zu verneinen, darf man nicht nach-
    geben. Ich sehe doch einen Weg der zu einer
    teilweisen Bejahung führt. Ich könnte doch
    Herrn P. die Mitteilung gemacht haben daß
    ich einen Arzt aus England zum Unterricht
    in der Analyse erwarte als erste Taube
    nach der Sintflut. Das könnte im Sommer
    1919 gewesen sein; Dr Forsyth hatte sich Monate
    vor seinem Eintreffen brieflich mit mir
    verständigt. Ich mag sogar seinen Namen ge-
    nannt haben, obwohl mir das sehr unwahr-
    scheinlich ist. Bei der anderweitigen Be-
    deutung dieses Namens für uns beide hätte
    sich an die Namensnennung eine
    Unterhaltung knüpfen müssen von der
    mir etwas im Gedächtnis geblieben
    wäre. Immerhin mag es geschehen sein

  • S.

    49

    und ich dann es so gründlich vergessen haben, daß mich der
    Herr von Vorsicht in der Analysenstunde wie
    ein Wunder berühren konnte. Wenn man sich
    für einen Skeptiker hält tut man gut daran
    gelegentlich auch an seiner Skepsis zu zweifeln.
    Vielleicht gibt es auch bei mir die geheime
    Neigung zum Wunderbaren die der Schaffung
    okkulten Tatbestände so entgegenkommt.
    Ist so ein Stück des Wunderbaren aus dem
    Weg geräumt, so harrt unserer noch ein anderes
    Stück das schwierigste von allen. Angenommen Herr
    P. habe gewußt es gebe einen Dr Forsyth und er
    werde im Herbst in Wien erwartet wie er-
    klärt es sich, daß er für ihn gerade am Tag seiner
    Ankunft und unmittelbar nach seinem ersten
    Besuch empfänglich wird? Man kann sagen das
    ist Zufall, d.h. man läßt es unerklärt – aber
    ich habe jene zwei anderen Einfälle von P.
    gerade darum erörtert um den Zufall aus-
    zuschließen, um Ihnen zu zeigen daß er wirk-
    lich mit eifersüchtigen Gedanken über
    Leute die mich besuchen und die ich besuche,
    beschäftigt war – oder man kann um das Äußerste
    des Möglichen nicht zu vernachlässigen die Annahme versuchen
    P. habe eine besondere Erregung an mir gemerkt
    von der ich freilich nichts weiß und aus ihr
    seinen Schluß gezogen. Oder Herr P. der ja nur
    eine Viertelstunde nach dem Engländer an-
    kam sei ihm auf dem kleinen Stück des beiden
    gemeinsamen Weges begegnet, habe ihn nach
    seinem charakteristisch englischen Aussehen er-
    kannt und beständig auf seine eifersüchtige
    Erwartung eingestellt, gedacht: Also das ist
    der Dr Forsyth mit dessen Ankunft meine Analyse
    zu Ende kommen soll. Und wahrscheinlich kommt
    er gerade jetzt vom Professor. Weiter kann
    ich mit diesen rationalistischen Mutmaßungen nicht
    gehen. Es bleibt wiederum bei einem
    non liquet aber ich muß es bekennen nach
    meiner Empfindung neigt sich die Wagschale
    auch hier zu Gunsten der Gedankenübertragung.

    Übrigens bin ich gewiß nicht der Einzige, der in
    die Lage gekommen ist solche „okkulte“ Vor-
    kommnisse in der analytischen Situation
    zu erleben. Helene Deutsch hat 1926 ähnliche
    Beobachtungen bekannt gemacht und deren
    Bedingtheit durch die Beziehungen der Über-
    tragung zwischen Patienten und Analytiker
    studiert.

        Ich bin überzeugt Sie werden mit meiner
    Einstellung zu diesem Problem nicht völlig
    überzeugt und doch zur Überzeugung bereit
    nicht sehr zufrieden sein. Vielleicht sagen
    Sie sich: Das ist wieder so ein Fall, daß ein Mensch
    der sein Leben lang rechtschaffen als Naturforscher
    gearbeitet hat im Alter schwachsinnig, fromm
    und leichtgläubig wird. Ich weiß einige große
    Namen gehören in diese Reihe, aber mich
    sollen Sie nicht dazu rechnen. Fromm wenigstens
    bin ich nicht geworden, ich hoffe auch nicht
    leichtgläubig. Nur wenn man sich sein Leben

  • S.

    50

    lang gebückt gehalten hat um einem schmerzhaften
    Zusammenstoß mit den Tatsachen auszuweichen so
    behält man auch im Alter den krummen Rücken der
    sich vor neuen Tatsächlichkeiten beugt. Ihnen wäre
    es gewiß lieber, ich hielte an einem gemäßigten
    Theismus fest und zeigte mich unerbittlich in der
    Ablehnung alles Okkulten. Aber ich bin unfähig
    um Gunst zu werben ich muß Ihnen nahelegen
    über die objektive Möglichkeit der
    Gedankenübertragung und damit auch der Telepathie
    freundlicher zu denken.

        Sie vergessen nicht, daß ich diese Probleme hier
    nur insoweit behandelt habe als man sich ihnen
    von der Psychoanalyse her annähern kann. Als
    sie vor länger als zehn Jahren zuerst in meinen
    Gesichtskreis traten verspürte auch ich die Angst
    vor einer Bedrohung unserer wissenschaftlichen
    Weltanschauung die im Falle, daß sich Stücke
    des Okkultismus bewahrheiten, dem Spiritismus
    oder der Mystik den Platz räumen müßte.
    Ich denke heute anders, ich meine es zeugt von
    keiner großen Zuversicht in die Wissen-
    schaft wenn man ihr nicht zutraut daß sie
    auch aufnehmen und verarbeiten kann was sich
    etwa an den okkulten Behauptungen als wahr
    herausstellt. Und was besonders die Gedanken-
    übertragung betrifft so scheint sie die Ausdehnung
    der wissenschaftlichen – Gegner sagen: mechanistischen
    Denkweise auf das so schwer faßbare Geistige
    geradezu zu begünstigen. Der telepathische Vor-
    gang soll ja darin bestehen, daß ein seelischer
    Akt der einen Person den nämlichen seelischen
    Akt bei einer anderen Person anregt. Was
    zwischen den beiden seelischen Akten liegt
    kann leicht ein physikalischer Vorgang sein
    in den sich das Psychische an einem Ende um-
    setzt und der sich am anderen Ende wieder
    in das gleiche Psychische umsetzt. Die Ana-
    logie mit anderen Umsetzungen wie beim
    Sprechen und Hören am Telephon wäre dann unverkennbar.
    Und denken Sie, wenn man dieses physikalischen
    Äquivalents des psychischen Akts habhaft
    werden könnte! Ich möchte sagen durch die Ein-
    schiebung des Unbewußten zwischen das
    Physikalische und das bis dahin „psychisch“ Ge-
    nannte hat uns die Psychoanalyse für die
    Annahme solcher Vorgänge wie die Telepathie
    vorbereitet. Gewöhnt man sich erst an
    die Vorstellung der Telepathie, so kann
    man mit ihr viel ausrichten, allerdings
    vorläufig nur in der Phantasie. Man

  • S.

    51

    weiß bekanntlich nicht wie der Gesamtwille in den
    großen Insektenstaaten zu Stande kommt. Möglicher-
    weise geschieht es auf dem Wege solch direkter
    psychischer Übertragung. Man wird auf die Ver-
    mutung geführt, daß dies der ursprüngliche,
    archaische Weg der Verständigung unter den
    Einzelwesen ist der im Lauf der phylogenetischen
    Entwicklung durch die bessere Methode der
    Mitteilung mit Hilfe von Zeichen zurückge-
    drängt wird die man mit den Sinnesorganen
    aufnimmt. Aber die ältere Methode könnte
    im Hintergrund erhalten bleiben und sich unter
    gewissen Bedingungen noch durchsetzen zB.
    auch in leidenschaftlich erregten Massen. Das
    ist alles noch unsicher und voll von ungelösten
    Rätseln, aber es ist kein Grund zum Er-
    schrecken.

        Wenn es eine Telepathie als realen Vorgang
    gibt so kann man trotz ihrer schweren Er-
    weisbarkeit vermuten, daß sie ein recht
    häufiges Phänomen ist. Es würde unseren
    Erwartungen entsprechen wenn wir sie
    gerade im Seelenleben des Kindes aufzeigen
    könnten. Man wird da an die häufige
    Angstvorstellung der Kinder erinnert daß
    die Eltern alle ihre Gedanken kennen ohne
    daß sie sie ihnen mitgeteilt hätten, das volle
    Gegenstück und vielleicht die Quelle des Glaubens
    Erwachsener an die Allwissenheit Gottes.
    Vor kurzem hat eine vertrauenswürdige Frau
    Dorothy Burlingham in einem Aufsatz „Kinder-
    analyse und Mutter“ Beobachtungen mitgeteilt
    die wenn sie sich bestätigen lassen dem Zweifel
    an der Realität der Gedankenübertragung
    ein Ende machen müssen. Sie machte sich die
    nicht mehr seltene Situation zu Nutze daß
    sich Mutter und Kind gleichzeitig in
    Analyse befinden und berichtet aus derselben
    merkwürdige Vorfälle wie den folgenden: Eines
    Tages erzählt die Mutter in ihrer Analysenstunde
    von einem Goldstück das in einer ihrer Kindheits-
    szenen eine bestimmte Rolle spielt. Gleich
    darauf nachdem sie nach Hause gekommen ist
    kommt ihr kleiner, etwa 10jähriger Junge
    zu ihr ins Zimmer und bringt ihr ein Goldstück
    das sie für ihn aufbewahren soll. Sie fragt
    ihn erstaunt woher er es hat. Er hat es zu
    seinem Geburtstag bekommen, aber der Geburts-
    tag des Kindes liegt mehrere Monate zurück
    und es ist kein Anlaß, warum das Kind sich

  • S.

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    gerade jetzt an das Goldstück erinnert haben sollte.
    Die Mutter verständigt die Analytikerin des Kindes von dem Zusammen-
    treffen und bittet sie beim Kind nach der Begründ-
    ung jener Handlung zu forschen. Aber die Analyse des
    Kindes bringt keinen Aufschluß, die Handlung hatte
    sich wie ein Fremdkörper in das Leben des
    Kindes an jenem Tage eingedrängt. Einige
    Wochen später sitzt die Mutter am Schreibtisch, um
    sich, wozu man sie gemahnt hatte, eine Notiz
    über das letzte geschilderte Erlebnis zu machen.
    Da kommt der Knabe herein und verlangt das
    Goldstück zurück, er möchte es in seine analytische
    Stunde mitnehmen um es zu zeigen. Wiederum
    kann die Analyse des Kindes keinen Zugang
    zu diesem Wunsch auffinden.
    Und damit wären wir zur Psychoanalyse
    zurückgekommen von der wir ausgegangen
    sind.