• S.

    106 

    jene vitale sch dem Erschaffen oder Geschaffenwerden
    das die organische Lebensart beherrscht aufs
    psychische Gebiet. Zum Glück sind die Aggressions-
    triebe niemals allein fast immer mit den
    erotischen ligirt diese letzteren haben unter
    den Bedingungen der vom Menschen geschaffe=
    nen Kultur vieles zu mildern und zu
    verhüten.

    XXXIII     Die Weiblichkeit.

    Meine Damen und Herren! Die ganze Zeit über
    während ich mich vorbereite mit Ihnen zu sprechen
    ringe ich mit einer inneren Schwierigkeit. Ich fühle
    mich sozusagen meiner Lizenz nicht sicher. Es ist
    ja richtig daß die Psychoanalyse sich in fünfzehn
    Arbeitsjahren verändert und bereichert hat aber
    darum E könnte doch eine Einführung in die Psycho-
    analyse unverändert und unergänzt bleiben
    Immer schwebt es vor mir daß diesen Vorträgen
    die Daseinsberechtigung fehlt. Den Analytikern
    sage ich zu wenig und überhaupt nichts Neues
    Ihnen aber zuviel und solche Dinge für deren
    Verständniß Sie nicht ausgerüstet sind die nicht
    für Sie gehören. Ich habe nach Entschuldigungen
    ausgeschaut und jede einzelnen Vorlesung durch
    eine andere Begründung rechtfertigen wollen
    Die erste über die Traumtheorie sollte Sie mit
    einem Schlage wieder mitten in unsere
    der analytische Atmosphäre versetzen und
    Ihnen zeigen wie haltbar sich unsere An-
    schauungen erwiesen haben. An der zweiten
    die die Wege vom Traum zum sogenannten
    Okkultismus verfolgte reizte mich die Gelegenheit
    ein freies Wort über ein Arbeitsgebiet
    zu sagen auf dem sich heute vorurteilsvolle
    Erwartungen gegen leidenschaftliche Wider-
    stände kämpfen, und ich durfte hoffen Ihr am
    Beispiel der Psychoanalyse zur Toleranz
    erzogenes Urteil werde mir die Begleitung
    auf diesem Ausflug nicht verweigern. Die
    dritte Vorlesung, die über die Zerlegung der
    Persönlichkeit, stellte gewiß die härtesten
    Zumutungen an Sie so fremdartig war ihr
    Inhalt, aber ich konnte diesen Ansatz einer
    Ichpsychologie Ihnen unmöglich vorenthalten,
    und wenn wir ihn vor fünfzehn Jahren
    besessen hätten, hätte ich ihn schon damals

  • S.

    107 

    erwähnen müßen. Die letzte Vorlesung endlich, der
    Sie wahrscheinlich nur unter großer Anspannung
    gefolgt sind, brachte notwendige Berichtigungen,
    neue Lösungsversuche der wichtigsten Rätselfragen
    und meine Einführung wäre zu einer Irreführung
    geworden wenn wenn ich darüber geschwiegen
    hätte. Sie sehen, wenn man es unternimmt sich
    zu entschuldigen, kommt es am Ende darauf
    hinaus daß alles unvermeidlich war, alles
    Verhängnis. Ich unterwerfe mich; ich bitte Sie
    thun Sie es auch.
    Auch die heutige Vorlesung sollte keine Auf-
    nahme in eine Einführung finden, aber sie
    kann Ihnen eine Probe einer analytischen
    Detailarbeit geben und ich kann zweierlei zu
    ihrer Empfehlung sagen. Sie bringt nichts als
    beobachtete Tatsachen fast ohne Beisatz von
    Spekulation und sie beschäftigt sich mit einem
    Thema das Anspruch auf Ihr Interesse hat wie kaum
    ein anderes. Über das Rätsel der Weiblichkeit
    haben die Menschen zu allen Zeiten gegrübelt.
    Häupter
    Auch Sie selbst werden sich von diesem Grübeln
    nicht ausgeschlossen haben, insofern Sie Männer
    sind; von den Frauen unter Ihnen er-
    wartet man es nicht, sie sind selbst dieses
    Räthsel. Männlich oder Weiblich ist die erste
    Unterscheidung die Sie machen, wenn Sie mit
    einem anderen menschlichen Wesen zusammen-
    treffen, und Sie sind gewöhnt diese Unter-
    scheidung mit unbedenklicher Sicherheit zu
    machen. Die anatomische Wissenschaft theilt
    Ihre Sicherheit in einem Punkt und nicht
    weit darüber hinaus. Männlich ist das männ-
    liche Geschlechtsprodukt, das Spermatozoon
    und sein Träger, weiblich das Ei und der
    Organismus der es beherbergt. Bei beiden
    Geschlechtern haben sich Organe gebildet die aus-
    schließlich der Geschlechtsfunktion dienen
    wahrscheinlich aus der nämlichen Anlage
    zu zwei verschiedenen Gestaltungen ent-
    wickelt. Bei beiden zeigen außerdem die
    anderen Organe, die Körperformen und
    Gewebe eine Beeinflußung durch das
    Geschlecht, aber die ist inkonstant und ihr

  • S.

    „Häupter in Hieroglyphenmützen
    Häupter in Turban und schwarzem Barett,
    Perückenhäupter und tausend andere
    Arme, schwitzende Menschenhäupter – – –“
            (Heine, Nordsee)

  • S.

    108 

    Ausmaß wechselnd, die sog. sekundären Geschlechtschar-
    aktere. Und dann sagt Ihnen die Wissenschaft etwas
    was Ihren Erwartungen zuwiderläuft und wahrscheinlich
    geeignet ist Ihre Gefühle zu verwirren. Sie macht Sie
    darauf aufmerksam, daß Theile des männlichen Ge-
    schlechtsapparats sich auch am Körper des Weibes finden,
    wenngleich in verkümmerten Zustand
    und das gleiche im anderen Falle. Sie sieht in
    diesem Vorkommen das Anzeichen einer
    Zwiegeschlechtigkeit Bisexualität, als ob das Indivi-
    duum nicht Mann oder Weib wäre sondern
    jedesmal beides, nur von dem einen so viel
    mehr als vom anderen. Sie werden dann
    aufgefordert sich mit der Idee vertraut zu
    machen daß das Verhältniß nachdem sich Männ-
    liches und Weibliches im Einzelwesen vermengt
    ganz erhebliche Schwankungen unterliegt. Da
    aber doch, von allerseltensten Fällen abgesehen
    bei einer Person nur einerlei Geschlechts-
    produkte – Eier oder Samenzellen – vorhanden
    sind, müßen Sie an der entscheidenden Bedeutung
    dieser Elemente irre werden und
    den Schluß ziehen das was die Männlichkeit
    oder die Weiblichkeit ausmache sei ein un-
    bekannter Charakter, den die Anatomie
    nicht erfassen kann.
         Kann es vielleicht die Psychologie? Wir sind gewohnt
    männlich und weiblich auch seelische Qualitäten
    zu gebrauchen, und haben ebenso den Gesichts-
    punkt der Bisexualität auf das Seelenleben
    übertragen. Wir sprechen also davon daß sich
    ein Mensch ob nun Männchen oder Weibchen
    sich in diesem Punkt männlich, in jenem
    weiblich benehme. Aber Sie werden bald
    einsehen, das ist blos Gefügigkeit gegen
    die Anatomie und gegen die Convention.
    Sie können den Begriffen männlich und
    weiblich keinen neuen Inhalt geben. Die
    Unterscheidung ist keine psychologische. Wenn
    Sie männlich sagen meinen Sie in der Regel
    „aktiv“ und wenn Sie weiblich sagen „passiv“.
    Nun ist es richtig daß eine solche Beziehung
    besteht. Die männliche Geschlechtszelle ist
    aktiv beweglich sucht die weibliche auf und
    diese das Ei ist unbeweglich passiv erwartend.
    Dies Verhalten der geschlechtlichen Elementar-
    organismen ist sogar vorbildlich für das

  • S.

    109 

    Benehmen der Geschlechtsindividuen beim Sexualverkehr.
    Das Männchen verfolgt das Weibchen zum Zwecke der
    sexuellen Vereinigung, greift es an, dringt in das-
    selbe ein. Aber damit haben Sie eben für die
    Psychologie den Charakter des Männlichen auf
    das Moment der Aggression reduzirt. Sie werden
    zweifeln ob Sie damit etwas Wesentliches getroffen
    haben, wenn Sie erwägen daß in manchen Thier-
    klassen die Weibchen die stärkeren und aggress-
    iven sind, die Männchen nur aktiv bei dem
    einen Akt der geschlechtlichen Vereinigung. So ist
    es zB. bei den Spinnen. Auch die Functionen
    der Brutpflege und Aufzucht die uns als so exquisit
    weiblich erscheinen sind bei Thieren nicht regel-
    mäßig an das weibliche Geschlecht geknüpft. Bei
    recht hochstehenden Arten beobachtet man daß
    die Geschlechter sich in die Aufgabe der Brut-
    pflege theilen oder selbst daß das Männchen
    sich allein ihr widmet. Selbst auf dem Gebiet
    des menschlichen Sexuallebens merken Sie bald
    wie unzureichend es ist das männliche Benehmen
    durch Aktivität, das weibliche durch Passivität
    zu decken. Die Mutter ist in jedem Sinn aktiv
    gegen das Kind, selbst vom Säugakt können
    Sie ebensowohl sagen sie säugt das Kind
    als sie läßt sich vom Kinde saugen.
    Je weiter Sie sich dann vom engeren sexuellen
    Gebiet entfernen, desto deutlicher wird jener
    „Überdeckungsfehler“. Frauen können große
    Aktivität nach verschiedenen Richtungen ent-
    falten, Männer können nicht mit ihresgleichen
    zusammenleben, wenn sie nicht ein hohes Maß
    von passiver Gefügigkeit entwickeln. Wenn Sie
    jetzt sagen diese Tatsachen enthielten eben
    den Beweis, daß Männer wie Weiber im
    psychologischen Sinn bisexuell sind, so entnehme
    ich daraus daß Sie bei sich beschlossen haben
    aktiv mit männlich, passiv mit weiblich zusammen-
    fallen zu lassen. Aber ich rathe Ihnen davon
    ab. Es erscheint mir unzweckmäßig und
    es bringt keine neue Erkenntniß.
         Man könnte daran denken die Weib-
    lichkeit psychologisch durch die Bevorzugung
    passiver Ziele zu charakterisieren. Das
    ist natürlich nicht dasselbe wie die Passivität;
    es mag ein großes Stück Aktivität noth-
    wendig sein um ein passives Ziel durch-
    zusetzen. Vielleicht geht es so zu, daß sich

  • S.

    110 

    beim Weib von ihrem Anteil an der Sexualfunction
    her eine Bevorzugung passiven Verhaltens und passiver
    Zielstrebungen ein Stück weit ins Leben hinein
    erstreckt, mehr oder weniger weit je nachdem
    sich diese Vorbildlichkeit des Sexuallebens begrenzt
    oder ausbreitet. Dabei müßen wir aber acht
    haben den Einfluß der sozialen Ordnungen
    nicht zu unterschätzen, die das Weib in
    passive Situationen drängen. Das ist alles
    noch sehr ungeklärt. Eine besonders
    konstante Beziehung zwischen Weiblichkeit und
    Triebleben wollen wir nicht übersehen. Die
    dem Weib constitutionell vorgeschriebene und
    sozial auferlegte Unterdrückung ihrer Aggression
    begünstigt die Ausbildung starker masochistischer
    Regungen denen es ja gelingt die nach innen
    gewendeten destruktiven Tendenzen erotisch
    zu binden. Der Masochismus ist also, wie man
    sagt echt weiblich. Wenn Sie aber dem Masoch-
    ismus, wie so häufig, bei Männern begegnen,
    was bleibt Ihnen übrig als zu sagen, diese
    Männer zeigen sehr deutliche weibliche Züge?
         Nun sind Sie bereits vorbereitet darauf,
    daß auch die Psychologie das Räthsel der Weib-
    lichkeit nicht lösen wird. Diese Aufklärung
    muß wohl anderswoher kommen und kann nicht
    kommen ehe wir erfahren haben wie die
    Differenzierung der lebenden Wesen in zwei
    Geschlechter überhaupt entstanden ist. Nichts
    wissen wir darüber und die Zweigeschlechtlichkeit
    ist doch ein so auffälliger Charakter des
    organischen Lebens, durch den es sich scharf von
    der unbelebten Natur scheidet. Unterdeß
    finden wir an jenen menschlichen Individuen
    die durch den Besitz von weiblichen Genitalien
    als manifest oder vorwiegend weiblich char-
    akterisirt sind, genug zu studieren. Der Eigenart
    der Psychoanalyse entspricht es dann daß sie
    nicht beschreiben will was das Weib ist, – das
    wäre eine für sie kaum lösbare Aufgabe, –
    sondern untersucht, wie es wird, wie sich
    das Weib aus dem bisexuell veranlagten
    Kind entwickelt. Wir haben darüber einiges
    in letzter Zeit erfahren, dank dem Umstande
    daß mehrere unserer trefflichen Kollegin-
    nen in der Analyse begonnen haben
    diese Frage zu beantworten bearbeiten.
    Die Discussion darüber hat aus dem
    Unterschied der Geschlechter einen besonderen

  • S.

    111 

    Reiz bezogen denn jedesmal wenn eine Vergleichung
    zu Ungunsten ihres Geschlechts auszufallen schien
    konnten unsere Damen den Verdacht äußern
    daß wir, die männlichen Analytiker, gewiß tief
    eingewurzelte Vorurteile gegen die Weiblich-
    keit nicht überwunden hätten was sich nun
    durch die Parteilichkeit unserer Forschung
    strafte. Wir hatten es dagegen auf dem Boden
    der Bisexualität leicht jede Unhöflichkeit
    zu vermeiden. Wir brauchten nur zu sagen:
    Das gilt nicht für Sie. Sie sind eine Ausnahme,
    in diesem Punkt mehr männlich als weiblich.
         Mit zwei Erwartungen treten wir auch an
    die Untersuchung der weiblichen Sexualentwick-
    lung heran. Die erste daß auch hier die Constitution
    sich nicht ohne Sträuben in die Function fügen
    wird. Die andere daß die entscheidenden
    Wendungen bereits vor der Pubertät ange-
    bahnt oder vollzogen sein werden. Beide sind
    bald bestätigt. Des Weiteren sagt uns der
    Vergleich mit den Verhältnißen beim Knaben
    daß die Entwicklung des kleinen Mädchens
    zum normalen Weib die schwierigere
    und complizirtere ist, denn sie umfaßt
    zwei Aufgaben mehr, zu denen die Entwick-
    lung des Mannes kein Gegenstück zeigt. Ver-
    folgen wir die Parallele von ihrem Anfange an.
    Gewiß ist schon das Material bei Knabe und
    Mädchen verschieden, um das festzustellen
    braucht es keine Psychoanalyse. Der Unterschied
    in der Bildung der Genitalien wird von
    anderen körperlichen Verschiedenheiten be-
    gleitet, die zu bekannt sind als daß sie der
    Erwähnung bedürften. Auch in der Triebanlage
    treten Differenzen hervor, die das spätere Wesen
    des Weibes ahnen lassen. Das kleine Mädchen
    ist in der Regel weniger aggressiv, trotzig und
    selbstgenügsam, es scheint mehr Bedürfniß nach
    Zärtlichkeit zu haben, die man ihm erweisen
    soll, darum abhängiger und gefügiger zu
    sein. Daß es sich leichter und schneller zur
    Beherrschung der Excretionen erziehen
    läßt, ist sehr wahrscheinlich nur die Folge
    dieser Gefügigkeit; Harn und Koth sind
    ja die ersten Geschenke die das Kind
    seinen Pflegepersonen macht deren Be-
    herrschung die erste Concession die sich
    das kindliche Triebleben abbringen
    läßt. Man empfängt auch den Eindruck,

  • S.

    112 

    daß das kleine Mädchen intelligenter, lebhafter ist
    als der gleichaltrige Knabe, es kommt der Außenwelt
    mehr entgegen, macht zur gleichen Zeit stärkere Ob-
    jektbesetzungen. Ich weiß nicht ob dieser Vorsprung
    der Entwicklung durch exakte Feststellungen er-
    härtet worden ist, jedenfalls steht es fest daß
    das Mädchen nicht intellektuell rückständig ge-
    nannt werden kann. Aber diese Geschlechtsunter-
    schiede kommen nicht sehr in Betracht, sie
    können durch die individuellen Variationen
    aufgewogen werden. Für die Absichten die
    wir zunächst verfolgen, können wir sie ver-
    nachläßigen.
         Die frühen Phasen der Libidoentwicklung scheinen
    beide Geschlechter in gleicher Weise durchzumachen.
    Man hätte erwarten können, daß sich beim Mäd-
    chen bereits in der sadistisch-analen Phase ein
    Zurückbleiben der Aggression äußert, aber
    das trifft nicht ein. Die Analyse des Kinderspiels
    hat unseren weiblichen Analytikern ge-
    zeigt, daß die aggressiven Impulse der kleinen
    Mädchen an Reichlichkeit und Heftigkeit nichts
    zu wünschen übrig lassen. Mit dem
    Eintritt in die phallische Phase treten die
    Unterschiede der Geschlechter vollends gegen
    die Übereinstimmungen zurück. Wir müßen
    nun anerkennen, das kleine Mädchen
    sei ein kleiner Mann. Diese Phase ist
    bekanntlich beim Knaben dadurch ausgezeichnet
    daß er sich von seinem kleinen Penis lust-
    volle Empfindungen Sensationen zu ver-
    schaffen weiß und dessen erregten Zustand
    mit seinen Vorstellungen von sexuellem
    Verkehr zusammenbringt. Das nämliche thut
    das Mädchen mit ihrer noch kleineren Klitoris.
    Es scheint daß sich bei ihr alle onanistischen Akte an
    diesem Penisäquivalent abspielen, daß die
    eigentlich weibliche Vagina noch für beide
    Geschlechter unentdeckt ist. Vereinzelte Stimmen
    berichten zwar auch von frühzeitigen vaginalen
    Sensationen aber es dürfte nicht leicht sein
    solche von analen oder Vorhofsensationen
    zu unterscheiden; auf keinen Fall können
    sie eine große Rolle spielen. Wir dürfen
    daran festhalten daß in der phallischen Phase
    des Mädchens die Klitoris die leitende
    erogene Zone ist. Aber so soll es ja nicht bleiben
    mit der Wendung zur Weiblichkeit soll
    die Klitoris ihre Empfindlichkeit und damit
    ihre Bedeutung ganz oder theilweise
    an die Vagina abtreten, und das wäre
    die eine der beiden Aufgaben die von
    der Entwicklung des Weibes zu lösen sind,

  • S.

    113 

    während der glücklichere Mann zur Zeit der Geschlechtsreife
    nicht fortzusetzen braucht was er in der Periode
    der sexuellen Frühblüthe vorgeübt hatte.
         Wir werden auf die Rolle der Klitoris noch
    zurückkommen, wenden uns jetzt zur zweiten Aufgabe
    mit der die Entwicklung des Mädchens belastet
    ist. Das erste Liebesobjekt des Knaben ist die
    Mutter, sie bleibt es auch in der Formation
    des Ödipuskomplexes, im Grunde genommen
    durchs ganze Leben hindurch. Auch fürs Mädchen
    muß die Mutter – und die mit ihr verschmelzenden
    Gestalten der Amme, Pflegerin – das erste Objekt
    sein; die ersten Objektbesetzungen erfolgen ja
    in Anlehnung an die Befriedigung an die
    großen und einfachen Lebensbedürfnisse und
    die Verhältnisse der Kinderpflege sind für
    beide Geschlechter die gleichen. In der Ödipus-
    situation ist aber für das Mädchen der Vater
    das Liebesobjekt geworden und wir erwarten
    daß sie bei normalen Ablauf der Entwick-
    lung vom Vaterobjekt aus den Weg zur end-
    giltigen Objektwahl finden wird. Das Mädchen
    soll also im Wandel der Zeiten erogene Zone
    und Objekt tauschen, die beide der Knabe
    beibehält. Es entsteht dann die Frage, wie geht das
    vor sich, im besonderen: wie kommt das Mädchen
    von der Mutter zur Bindung an den Vater
    oder mit anderen Worten: aus ihrer männlichen
    in die ihr biologisch bestimmte weibliche Phase?
         Nun wäre es eine Lösung von idealer
    Einfachheit wenn wir annehmen dürften, von
    einem bestimmten Alter mache sich einfach
    der elementare Einfluß der gegengeschlechtlichen
    Anziehung geltend und dränge das kleine
    Weib zum Mann, während dasselbe Gesetz
    dem Knaben das Beharren bei der Mutter
    gestatte. Ja man könnte hinzunehmen, daß die
    Kinder dabei den Winken folgen, die ihnen die
    geschlechtliche Bevorzugung der Eltern giebt.
    Aber so gut sollen wir es nicht haben, wir
    wissen kaum ob wir an jene geheimnisvolle,
    analytisch nicht weiter zersetzbare Macht, von
    der die Dichter soviel schwärmen, im Ernst
    glauben dürfen. Wir haben eine Auskunft
    ganz anderer Art aus mühevollen Untersuch-
    ungen gewonnen, für welche wenigstens das
    Material leicht zu beschaffen war. Sie müßen
    nämlich wissen daß die Zahl der Frauen,
    die bis in späte Zeiten in der zärtlichen
    Abhängigkeit vom Vaterobjekt, ja noch vom
    realen Vater, verbleiben, eine sehr große

  • S.

    114

    ist. An solchen Frauen mit intensiver und lang andau-
    ernder Vaterbindung haben wir eine überraschende
    Feststellung gemacht. Wir wußten natürlich daß es ein
    Vorstadium von Mutterbindung gegeben hatte
    aber wir wußten nicht daß es so inhaltsreich sein,
    so lang anhalten, soviel Anlässe zu Fixierungen und
    Dispositionen hinterlassen könne. Während dieser
    Zeit ist der Vater nur ein lästiger Rivale; in
    manchen Fällen überdauert die Mutterbindung
    das vierte Jahr. Fast alles was wir später in der
    Vaterbeziehung finden war schon in ihr vor-
    handen und ist nachher auf den Vater übertragen
    worden. Kurz, wir gewinnen die Überzeugung
    daß man das Weib nicht verstehen kann wenn
    man nicht diese Phase der präödipalen Mutter-
    bindung würdigt.
         Nun wollen wir gerne wissen welches die libidin-
    ösen Beziehungen des Mädchens zur Mutter sind.
    Die Antwort lautet, sie sind sehr mannigfaltig.
    Da sie durch alle drei Phasen der kindlichen Sex-
    ualität gehen nehmen sie auch die Charaktere der
    einzelnen Phasen an drücken sich durch orale,
    sadistisch-anale und phallische Wünsche aus. Diese
    Wünsche vertreten sowohl aktive als passive
    Regungen; wenn man sie auf die später
    auftretende Differenzierung der Geschlechter
    bezieht was man aber möglichst vermeiden
    soll, kann man sie männliche und weibliche
    heißen. Sie sind überdies voll ambivalent,
    ebensowohl zärtlicher als feindselig-aggressiver
    Natur. Die letzteren kommen oft erst zum
    Vorschein, nachdem sie in Angstvorstellungen
    verwandelt worden sind. Es ist nicht immer
    leicht die Formulierung dieser frühen Sexual-
    wünsche aufzuzeigen; am deutlichsten drückt
    sich der Wunsch aus der Mutter ein Kind zu
    machen wie der ihm entsprechende, ihr ein
    Kind zu gebären beide der phallischen Zeit
    angehörig befremdend genug aber durch die
    analytische Beobachtung über jeden Zweifel
    festgestellt. Der Reiz dieser Untersuchungen
    liegt in den überraschenden Einzelfunden,
    die sie uns bringen. So zB. entdeckt man die
    Angst umgebracht oder vergiftet zu werden
    die später den Kern einer paranoischen
    Erkrankung bilden kann, schon in dieser
    präödipalen Zeit auf die Mutter be-
    zogen. Oder ein anderer Fall: Sie erinnern
    sich an eine interessante Episode aus der
    Geschichte der analytischen Forschung die mir

  • S.

    115 

    viele peinliche Stunden verursacht hat. In der Zeit da das
    Hauptinteresse auf die Aufdeckung sexueller Kindheits-
    traumen gerichtet war erzählten mir fast alle
    meine weiblichen Patienten daß sie vom Vater
    verführt worden waren. Ich mußte endlich zur Einsicht
    kommen daß diese Berichte unwahr seien und
    lernte so verstehen daß die hysterischen Symptome
    sich von Phantasien nicht von realen Begeben-
    heiten ableiten. Später erst konnte ich in dieser
    Phantasie von der Verführung durch den Vater
    den Ausdruck des typischen Ödipuskomplexes
    beim Weibe erkennen. Und nun findet man
    in der präödipalen Vorgeschichte der Mädchen
    die Verführungsphantasie wieder, aber die
    Verführerin ist regelmäßig die Mutter. Hier
    aber berührt die Phantasie den Boden der
    Wirklichkeit, denn es war wirklich die Mutter
    die bei den Verrichtungen der Körperpflege
    Lustempfindungen am Genitale hervorrufen, viel-
    leicht sogar zuerst erwecken mußte.
         Ich erwarte, daß Sie zu dem Verdacht bereit seien
    diese Schilderung von der Reichhaltigkeit und der
    Stärke der sexuellen Beziehungen des kleinen
    Mädchens zu seiner Mutter sei sehr überzeichnet.
    Man hat doch Gelegenheit kleine Mädchen zu
    sehen und merkt ihnen nichts dergleichen
    an. Aber der Einwand trifft nicht zu, man kann
    genug an den Kindern sehen wenn man zu
    beobachten versteht, und überdies wollen Sie
    bedenken wie wenig von seinen sexuellen
    Wünschen das Kind zu vorbewußtem Ausdruck
    bringen oder gar mittheilen kann. Wir be-
    dienen uns dann nur eines guten Rechts,
    wenn wir nachträglich die Residuen und
    Consequenzen dieser Gefühlswelt an Per-
    sonen studieren bei denen diese Entwicklungs-
    vorgänge eine besonders deutliche oder
    selbst eine übermäßige Ausbildung erreicht
    hatten. Die Pathologie hat uns ja immer den
    Dienst geleistet durch Isolierung und Übertreib-
    ung Verhältnisse kenntlich zu machen die
    in der Normalität verdeckt geblieben wären
    Und da unsere Untersuchungen keineswegs
    an schwer abnormen Menschen ausgeführt
    worden sind, meine ich wir dürfen ihre
    Ergebnisse für glaubwürdig halten.
         Wir werden jetzt unser Interesse auf
    die eine Frage richten woran denn diese
    so mächtige Mutterbindung des Mädchens zu
    Grunde geht. Wir wissen, das ist ihr gewöhn-

  • S.

    116 

    liches Schicksal, sie ist dazu bestimmt der Vater-
    bindung den Platz zu räumen. Da stoßen wir
    auf eine Tatsache die uns den weiteren Weg
    weist. Es handelt sich bei diesem Schritt in der Ent-
    wicklung nicht um einen einfachen Wechsel des
    Objekts. Die Abwendung von der Mutter geschieht
    im Zeichen der Feindseligkeit, die Mutterbind-
    ung geht in Haß aus. Ein solcher Haß kann
    sehr auffällig werden und durchs ganze Leben
    anhalten, er kann später sorgfältig überkom-
    pensiert werden, in der Regel wird ein Theil
    von ihm überwunden, ein anderer Theil
    bleibt bestehen. Darauf haben die Begebenheiten
    späterer Jahre natürlich starken Einfluß. Wir
    beschränken uns aber darauf, ihn zur Zeit der
    Wendung zum Vater zu studieren und nach
    seinen Motivierungen zu befragen. Wir
    hören dann eine lange Liste von Anklagen
    und Beschwerden gegen die Mutter die
    die feindseligen Gefühle des Kindes recht-
    fertigen sollen von sehr verschiedenem
    Wert deren Würdigung wir nicht unterlassen
    werden. Manche sind offenkundige Ration-
    alisierungen die wirklichen Quellen der Feind-
    schaft haben wir zu finden. Ich hoffe Sie werden
    Antheil daran nehmen wenn ich Sie diesmal
    durch alle Details einer psychoanalytischen
    Untersuchung führe.
         Der Vorwurf gegen die Mutter der am weitesten
    zurückgreift lautet daß sie dem Kind zu wenig
    Milch gespendet hat, was ihr als Mangel an
    Liebe ausgelegt wird. Nun hat dieser Vorwurf
    in unseren Familien eine gewisse Berecht-
    igung. Die Mütter haben oft nicht genug Nahr-
    ung für das Kind und begnügen sich damit
    es einige Monate, ein halbes oder dreiviertel
    Jahre zu säugen. Die primitiven Völker
    werden das Kind bis zu zwei und drei
    Jahren an der Mutterbrust genährt. Die
    Gestalt der nährenden Amme wird in der
    Regel mit der Mutter verschmolzen wo
    das nicht geschehen ist verweilt sich der
    Vorwurf an den Anderen daß sie die
    Amme die das Kind so bereitwillig nährte
    zu früh weggeschickt hat. Aber wie
    es immer der wirkliche Sachverhalt gewesen
    sein mag es ist unmöglich daß der Vorwurf
    des Kindes so oft berechtigt ist als man
    ihm begegnet. Es scheint vielmehr daß die

  • S.

    117 

    Gier des Kindes nach seiner ersten Nahrung überhaupt
    unstillbar ist, daß es den Verlust der Mutterbrust
    niemals verschmerzt, es wäre gar nicht überrascht
    wenn die Analyse eines Primitiven der noch
    an der Mutterbrust saugen durfte wenn er schon
    laufen und sprechen konnte denselben Vorwurf
    zu Tage fördern würde. Mit der Entziehung
    der Brust hängt wahrscheinlich auch die Angst vor
    Vergiftung zusammen. Gift ist die Nahrung
    die einen krank macht. Vielleicht führt
    das Kind auch seine frühen Erkrankungen
    auf diese Versagung zurück. Es gehört bereits
    ein gut Stück intellektueller Schulung dazu
    um an Zufall zu glauben der Primitive, der Unge-
    bildete, gewiß auch das Kind wißen für alles
    was geschieht einen Grund anzugeben. Vielleicht
    war es ursprünglich ein Motiv im Sinne des
    Animismus. In manchen Schichten unserer Be-
    völkerung kann noch heute niemand sterben
    der nicht von einem Anderen umgebracht
    worden wäre, am besten vom Doktor.
    Und die regelmäßige neurotische Reaktion auf
    den Tod einer nahestehenden Person ist doch
    die Selbstbeschuldigung, daß man diesen Tod
    verursacht hat.
         Die nächste Anklage gegen die Mutter flammt auf
    wenn das nächste Kind in der Kinderstube erscheint.
    Wenn möglich hält sie den Zusammenhang mit
    der oralen Versagung fest. Die Mutter
    konnte oder wollte dem Kind nicht mehr Milch
    geben, weil sie die Nahrung für das neu-
    Angekommene brauchte. Im Falle daß die
    beiden Kinder so nahe beisammen sind, daß die
    Laktation durch die zweite Gravidität geschädigt
    wird, erwirbt ja dieser Vorwurf eine reale
    Begründung und merkwürdiger Weise ist
    das Kind auch bei einer Altersdifferenz
    von nur elf Monaten nicht zu jung um
    den Sachverhalt zur Kenntniß zu nehmen.
    Aber nicht allein die Milchnahrung mißgönnt
    das Kind dem unerwünschten Eindringling und
    Rivalen sondern ebenso alle anderen
    Zeichen der mütterlichen Fürsorge. Es fühlt
    sich entthront, beraubt, in seinen Rechten
    geschädigt, wirft einen eifersüchtigen Haß
    auf das Geschwisterchen und entwickelt einen
    Groll auf die ungetreue Mutter, der sich
    sehr oft in einer unliebsamen Veränder-
    ung seines Benehmens Ausdruck schafft.

  • S.

    118 

    Es wird etwa „schlimm“, reizbar, unfolgsam und macht
    seine Erwerbungen in der Beherrschung der Aus-
    scheidungen rückgängig. Das ist alles längst bekannt
    und wird als selbstverständlich hingenommen aber
    wir machen uns selten die richtige Vorstellung
    von der Stärke dieser eifersüchtigen Regungen,
    von der Zähigkeit, mit der sie haften bleiben
    sowie von der Größe ihres Einflußes auf die
    spätere Entwicklung. Besonders da dieser Eifer-
    sucht in den späteren Kinderjahren immer
    neue Nahrung zugeführt wird und die ganze
    Erschütterung sich bei jedem neuen Geschwister-
    chen wiederholt. Es ändert auch nicht viel daran
    wenn das Kind etwa der bevorzugte Liebling
    der Mutter bleibt, die Liebesansprüche des
    Kindes sind unmäßig, fordern Ausschließ-
    lichkeit lassen keine Theilung zu.
         3. Eine reichliche Quelle für die Feindselig-
    keit des Kindes gegen die Mutter ergeben
    seine mannigfachen je nach der Libidophase
    wechselnden Sexualwünsche die meist
    nicht befriedigt werden können. Die stärkste
    dieser Versagungen ereignet sich in der
    phallischen Zeit, wenn die Mutter die
    lustvolle Befriedigung am Genitale ver-
    bietet, oft unter harten Drohungen und
    mit allen Zeichen des Unwillens, zu der
    sie doch das Kind selbst angeleitet hatte. Man
    sollte meinen das wären Motive genug, die
    Abwendung des Mädchens von der Mutter
    zu begründen. Man würde dann urteilen
    diese Entzweiung folge unvermeidlicher
    Weise aus der Natur der kindlichen Sexual-
    ität aus der Unmäßigkeit der Liebesansprüche
    und der Unerfüllbarkeit der Sexualwünsche.
    Ja vielleicht denkt man, diese erste Liebesbe-
    ziehung des Kindes sei zum Untergang ver-
    urtheilt eben darum weil sie die erste ist
    denn diese frühzeitigen Objektbesetzungen sind
    regelmäßig in hohem Grade ambivalent;
    neben der starken Liebe ist immer eine starke
    Aggressionsneigung vorhanden und je leiden-
    schaftlicher das Kind sein Objekt liebt
    desto empfindlicher wird es gegen Enttäusch-
    ungen und Versagungen von deßen
    Seite. Endlich muß die Liebe der angehäuften
    Feindseligkeit erliegen. Oder man kann
    eine solche ursprüngliche Ambivalenz
    der Liebesbesetzungen ablehnen und
    darauf hinweisen, daß es die besondere

  • S.

    119 

    Natur des Mutter-Kind-Verhältnißes ist, die mit
    der gleichen Unvermeidlichkeit zur Störung der
    kindlichen Liebe führt, denn auch die mildeste Er-
    ziehung kann es nicht anders als Zwang ausüben
    und Einschränkungen einführen, und jeder solche
    Eingriff in seine Freiheit muß beim Kind als
    Reaction die Neigung zur Auflehnung und Aggress-
    ion hervorrufen. Ich meine, die Discussion dieser
    Möglichkeiten könnte sehr interessant werden
    aber da stellt sich plötzlich ein Einwand ein
    der unser Interesse in eine andere Richtung
    drängt. Alle diese Momente, die Zurücksetzungen
    Liebesenttäuschungen, die Eifersucht, die Verführ-
    ung mit nachfolgendem Verbot, kommen doch
    auch im Verhältniß des Knaben zur Mutter
    zur Wirksamkeit und sind doch nicht im Stande,
    ihn dem Mutterobjekt zu entfremden. Wenn
    wir nicht etwas finden, was für das Mädchen
    spezifisch ist, beim Knaben nicht oder nicht
    so vorkommt haben wir den Ausgang der
    Mutterbindung beim Mädchen nicht erklärt.
         Ich meine, wir haben dies spezifische
    Moment gefunden, und zwar an erwarteter
    Stelle, wenn auch in überraschender Form. An
    erwarteter Stelle, sage ich denn es liegt im
    Kastrationskomplex. Der anatomische Unterschied
    muß sich doch in psychischen Folgen ausprägen. Eine
    Überraschung war es aber aus den Analysen
    zu erfahren daß das Mädchen die Mutter
    für seinen Penismangel verantwortlich macht
    und ihr diese Benachteiligung nicht verzeiht.
         Sie hören wir schreiben auch dem Weib einen
    Kastrationskomplex zu. Mit gutem Grund aber
    er kann nicht denselben Inhalt haben wie
    beim Knaben. Bei diesem entsteht der Kastrat-
    ionskomplex nachdem er durch den Anblick
    eines weiblichen Genitales erfahren hat, daß
    das von ihm so hochgeschätzte Glied nicht not-
    wendig mit dem Körper beisammen sein muß.
    Er entsinnt sich dann der Drohungen die er sich
    durch seine Beschäftigung mit dem Glied zuge-
    zogen, fängt an, ihnen Glauben zu schenken
    und geräth von da an unter den Einfluß
    der Kastrationsangst die der mächtigste Motor
    seiner weiteren Entwicklung wird. Auch
    der Kastrationskomplex des Mädchens wird
    durch den Anblick des anderen Genitales
    eröffnet. Es merkt sofort den Unterschied

  • S.

    120 

    und – man muß es zugestehen – auch seine Bedeutung
    Es fühlt sich schwer beeinträchtigt, äußert oft es möchte
    „auch so etwas haben“ und verfällt nun dem
    Penisneid, der unvertilgbare Spuren in seiner Ent-
    wicklung und Charakterbildung hinterlassen auch
    im günstigsten Fall nicht ohne schweren psychischen
    Aufwand überwunden werden wird. Daß
    das Mädchen die Tatsache ihres Penismangels an-
    erkennt, will nicht etwa besagen, daß sie sich
    ihr leichthin unterwirft. Im Gegenteil, sie
    hält noch lange an dem Wunsch fest, auch so etwas
    zu bekommen glaubt an diese Möglichkeit bis
    in unwahrscheinlich weite Jahre, und noch zu Zeiten
    wenn das Wissen um die Realität die Erfüll-
    ung dieses Wunsches längst als unerreichbar
    bei Seite geworfen hat, kann die Analyse nach-
    weisen daß er im Unbewußten erhalten
    geblieben ist und eine ansehnliche Energiebe-
    setzung bewahrt hat. Der Wunsch den ersehnten
    Penis endlich doch zu bekommen kann noch seinen
    Beitrag zu den Motiven leisten, die das
    gereifte Weib in die Analyse drängen, und
    was sie verständiger Weise von der Analyse
    erwarten kann, etwa die Fähigkeit einen
    intellektuellen Beruf auszuüben, läßt sich oft
    als eine sublimirte Abwandlung dieses ver-
    drängten Wunsches erkennen.
         An der Bedeutsamkeit des Penisneides kann
    man nicht gut zweifeln. Hören Sie sich als ein
    Beispiel männlicher Ungerechtigkeit die Be-
    hauptung an, daß Neid und Eifersucht im Seelen-
    leben der Frauen eine noch größere Rolle
    spielen als bei den Männern. Nicht daß
    diese Eigenschaften bei Männern vermißt
    würden oder daß sie bei Frauen keine
    andere Wurzel hätten als den Penisneid,
    aber wir sind geneigt, das Mehr bei den
    Frauen diesem letzteren Einfluß zuzuschreiben.
    Es hat sich aber bei manchen Analytikern
    die Neigung ergeben jenen ersten Schub
    von Penisneid in der phallischen Phase in
    seiner Bedeutung herabzudrücken. Sie
    meinen was man von dieser Einstellung
    bei der Frau findet, sei der Hauptsache
    nach einer secundäre Bildung, die bei
    Gelegenheit späterer Konflikte durch Regression
    auf jene frühinfantile Regung zu Stande
    gekommen. Nun ist das ein allgemeines
    Problem der Tiefenpsychologie. Bei vielen

  • S.

    121 

    pathologischen – oder auch nur ungewöhnlichen – Trieb-
    stellungen, zB. bei allen sexuellen Perversionen,
    fragt es sich wieviel von deren Stärke den früh-
    infantilen Fixierungen wieviel dem Einfluße späterer
    Erlebnisse und Entwicklungen zuzutheilen ist.
    Es handelt sich dabei fast immer um Ergänzungsreihen
    wie wir sie bei der Erörterung der Neurosen-
    ätiologie angenommen haben. Beide Momente
    theilen sich in wechselndem Ausmaß in die
    Verursachung; ein Minder auf der einen
    Seite wird durch ein Mehr auf der anderen
    wettgemacht. Das infantile ist in allen Fällen
    richtunggebend, ausschlaggebend nicht immer,
    aber doch oftmals. Gerade im Fall des Penis-
    neides möchte ich mit Entschiedenheit für das
    Übergewicht des infantilen Moments eintreten.
         Die Entdeckung seiner Kastration ist ein Wende-
    punkt in der Entwicklung des Mädchens. Drei
    Entwicklungsrichtungen gehen von ihr aus, die eine
    führt zur Sexualhemmung oder zur Neurose, die
    nächste zur Charakterveränderung im Sinne
    eines Männlichkeitskomplexes, die letzte
    endlich zur normalen Weiblichkeit. Über alle
    drei haben wir ziemlich viel, wenn auch nicht
    alles erfahren. Der wesentliche Inhalt der ersten
    ist, daß das kleine Mädchen welches bisher männ-
    lich gelebt hatte sich durch Erregung seiner Klitoris
    Lust zu verschaffen wußte, und diese Betätigung
    mit seinen oft aktiven Sexualwünschen, die
    der Mutter galten, in Beziehung brachte sich
    durch den Einfluß des Penisneides den Genuß
    seiner phallischen Sexualität verderben läßt
    Durch den Vergleich mit dem so viel besser ausge-
    statteten Knaben in seiner Selbstliebe gekränkt,
    verzichtet es auf die masturbatorische Befriedigung
    an der Klitoris, verwirft seine Liebe zur
    Mutter und verdrängt dabei nicht selten
    ein gutes Stück seiner Sexualstrebungen über-
    haupt. Die Abwendung von der Mutter er-
    folgt wohl nicht mit einem Schlag, denn
    das Mädchen hält seine Kastration zuerst
    für ein individuelles Unglück erst allmählich
    dehnt sie dieselbe auf andere weibliche
    Wesen, endlich auch auf die Mutter aus. Ihre
    Liebe hatte der phallischen Mutter gegolten; mit
    der Entdeckung, daß die Mutter kastriert
    ist, wird es möglich, sie als Liebesobjekt
    fallen zu lassen, so daß die lange ange-
    sammelten Motive zur Feindseligkeit
    die Oberhand gewinnen. Das heißt also, daß

  • S.

    122 durch die Entdeckung der Penislosigkeit das Weib
    dem Mädchen ebenso entwertet wird wie dem
    Knaben und später vielleicht dem Manne.
         Sie wissen alle welche überragende ätiologische
    Bedeutung unsere Neurotiker ihrer Onanie ein-
    räumen. Sie machen sie für alle ihre Beschwerden
    verantwortlich und wir haben große Mühe sie
    glauben zu machen daß sie im Irrtum sind.
    Aber eigentlich sollten wir ihnen zugestehen daß
    sie im Recht sind denn die Onanie ist die
    Executive der kindlichen Sexualität an deren
    Fehlentwicklung sie allerdings leiden. Nun beschuld-
    igen die Neurotiker meist die Onanie der Puber-
    tätszeit. Die frühkindliche auf die es in Wirk-
    lichkeit ankommt haben sie meist vergessen.
    Ich wollte ich hätte einmal die Gelegenheit Ihnen
    ausführlich darzulegen, wie wichtig alle thatsäch-
    lichen Einzelheiten der frühen Onanie für
    die spätere Neurose oder den Charakter des
    Einzelnen werden ob sie entdeckt wurde
    oder nicht wie die Eltern sie bekämpften
    oder zuließen, ob es ihm gelang sie zu unter-
    drücken. Das alles hat unvergängliche Spuren
    in seiner Entwicklung hinterlassen. Aber
    ich bin vielmehr froh daß ich dies nicht zu
    thun brauche; es wäre eine schwere, lang-
    wierige Aufgabe, und am Ende würden
    Sie mich in Verlegenheit bringen weil
    Sie ganz gewiß praktische Ratschläge
    von mir fordern, wie man sich als Eltern-
    theil oder als Erzieher gegen die Onanie
    der kleinen Kinder verhalten soll. In der
    Entwicklung der Mädchen die ich Ihnen vorführe
    hören Sie nun ein Beispiel dafür, daß das
    Kind sich selbst um die Befreiung von der Onanie
    bemüht. Aber es gelingt ihm nicht immer. Wo
    der Penisneid einen starken Impuls gegen
    die klitoridische Onanie erweckt hat und diese
    doch nicht weichen will, entspinnt sich ein heftiger
    Befreiungskampf, in dem das Mädchen gleichsam
    die Rolle der jetzt abgesetzten Mutter
    selbst aufnimmt und seine ganze Unzufrieden-
    heit mit der minderwertigen Klitoris im
    Widerstreben gegen die Befriedigung an ihr
    zum Ausdruck bringt. Noch viele Jahre später, wenn
    die onanistische Betätigung längst unterdrückt
    ist, setzt sich ein Interesse fort das wir als
    Abwehr einer noch immer gefürchteten Ver-
    suchung deuten müßen. Es äußert sich im

  • S.

    123 

    Auftauchen von Sympathie für Personen denen man
    ähnliche Schwierigkeiten zumutet, es geht als Motiv in
    die Eheschließung ein, ja es kann die Wahl des
    Ehe- oder Liebespartners bestimmen. Die Erledigung
    der frühkindlichen Masturbation ist wahrlich keine
    leichte oder gleichgiltige Sache.
         Mit dem Aufgeben der klitoridischen Masturb-
    ation wird auch ein Stück Aktivität verzichtet,
    die Passivität, hat nun die Oberhand, die
    die Wendung zum Vater wird vorwiegend
    mit Hilfe passiver Triebregungen vollzogen. Sie
    erkennen daß ein solcher Entwicklungsschub
    der die phallische Aktivität aus dem
    Weg räumt, der Weiblichkeit den Boden
    ebnet. Wenn dabei nicht zuviel durch Ver-
    drängung verloren geht, kann diese Weib-
    lichkeit normal ausfallen. Der Wunsch
    mit dem sich das Mädchen an den Vater
    wendet ist wohl ursprünglich der Wunsch
    nach dem Penis, den ihr die Mutter versagt
    hat und den sie nun vom Vater erwartet.
    Die weibliche Situation ist aber erst hergestellt,
    wenn sich der Wunsch nach dem Penis durch
    den nach dem Kind ersetzt, das Kind also
    nach alter symbolischer Äquivalenz an die
    Stelle des Penis tritt. Es entgeht uns nicht
    daß sich das Mädchen schon früher in der
    ungestörten phallischen Phase, ein Kind ge-
    wünscht hatte; das war ja der Sinn ihres Spiels
    mit Puppen. Aber dies Spiel war nicht
    eigentlich der Ausdruck ihrer Weiblichkeit
    es diente der Mutteridentifizierung in der
    Absicht der Ersetzung der Passivität durch Aktiv-
    ität. Sie war spielte die Mutter und die
    Puppe war sie selbst; nun konnte sie an
    dem Kind all das thun, was die Mutter
    an ihr zu thun pflegte. Erst mit dem Ein-
    münden des Peniswunsches wird das Pup-
    penkind ein Kind vom Vater und von
    da an das stärkste weibliche Wunschziel.
    Das Glück ist groß wenn dieser Kinderwunsch
    später einmal seine reale Erfüllung findet
    ganz besonders aber, wenn das Kind ein
    Knäblein ist, das den ersehnten Penis mit-
    bringt. In der Zusammenstellung: ein Kind
    vom Vater, ruht der Akzent häufig genug
    auf dem Kind und läßt den Vater unbe-
    tont. So schimmert der alte männliche Wunsch
    nach dem Besitz des Penis noch durch die
    vollendete Weiblichkeit durch. Aber viel-
    leicht sollten wir diesen Peniswunsch eher
    als einen exquisit weiblichen anerkennen.

  • S.

    124 

    Mit der Übertragung des Kind–Penis–Wunsches
    auf den Vater ist das Mädchen in die
    Situation des Ödipuskomplexes eingetreten.
    Die Feindseligkeit gegen die Mutter die nicht erst
    neu geschaffen zu werden brauchte, erfährt jetzt
    eine große Verstärkung denn sie wird zur
    Rivalin die vom Vater all das erhält was
    das Mädchen von ihm begehrt. Der Ödipuskom-
    plex des Mädchens hat uns lange den Einblick
    in deßen präödipale Mutterbindung verhüllt
    die doch so wichtig ist und so nachhaltige Fixierungen
    hinterläßt. Für das Mädchen ist die Ödipussituation
    der Ausgang einer langen und schwierigen
    Entwicklung, eine Art vorläufiger Erledigung
    eine Ruheposition, die man nicht so bald verläßt
    besonders da der Beginn der Latenzzeit nicht
    fern ist. Und nun fällt uns im Verhältniß
    des Ödipuskomplexes zum Kastrationskomplex
    ein Unterschied zwischen den Geschlechtern
    auf der wahrscheinlich folgenschwer ist. Der
    Ödipuskomplex des Knaben, in dem er seine
    Mutter begehrt und seinen Vater als Rivalen
    beseitigen möchte entwickelt sich natürlich
    aus der Phase seiner phallischen Sexualität.
    Die Kastrationsdrohung zwingt ihn aber diese
    Einstellung aufzugeben. Unter dem Eindruck
    der Gefahr den Penis zu verlieren wird
    der Ödipuskomplex verlassen, verdrängt, im
    normalsten Falle gründlich zerstört, und als
    sein Erbe ein strenges Über-ich eingesetzt.
    Was beim Mädchen geschieht ist beinahe das
    Gegentheil. Der Kastrationskomplex bereitet
    den Ödipuskomplex vor anstatt ihn zu zer-
    stören, durch den Einfluß des Penisneides
    wird das Mädchen aus der Mutterbindung vertrieben
    und läuft in die Ödipussituation wie in einen
    Hafen ein. Mit dem Wegfall der Kastrations-
    angst entfällt das Hauptmotiv das den Knaben
    gedrängt hatte den Ödipuskomplex zu über-
    winden. Das Mädchen verbleibt in ihm
    unbestimmt lange baut ihn nur spät und
    dann unvollkommen ab. Die Bildung des
    Überichs muß unter diesen Verhältnißen
    leiden, es kann nicht die Stärke und
    die Unabhängigkeit erreichen, die ihm
    seine kulturelle Bedeutung verleihen
    und – Feministinnen hören es nicht gerne –
    wenn man auf die Auswirkungen dieses
    Moments auf den durchschnittlichen
    schaut

  • S.

    125 

    weiblichen Charakter hinweist.
         Um nun zurückzugreifen, als die zweite der möglichen
    Reactionen nach der Entdeckung der weiblichen
    Kastration haben wir die Entwicklung eines
    starken Männlichkeitskomplexes erwähnt. Damit
    ist gemeint, daß das Mädchen sich gleichsam weigert
    die unliebsame Tatsache anzuerkennen in trotziger
    Auflehnung seine bisherige Männlichkeit noch
    übertreibt, an seiner klitoridischen Betätigung
    festhält und seine Zuflucht zu einer Identifizierung
    mit der phallischen Mutter oder dem Vater
    nimmt. Was kann für diesen Ausgang entscheid-
    end sein? Wir können uns nichts anderes
    vorstellen als einen constitutionellen Faktor
    ein größeres Ausmaß von Aktivität wie es
    für das Männchen charakteristisch ist. Das Wesent-
    liche des Vorgangs ist doch, daß an dieser Stelle
    der Entwicklung der Passivitätsschub vermieden
    wird, der die Wendung zur Weiblichkeit er-
    öffnet. Als die äußerste Leistung dieses Männlich-
    keitskomplexes erscheint uns die Beeinflußung
    der Objektwahl im Sinne einer manifesten
    Homosexualität. Die analytische Erfahrung lehrt
    uns zwar, daß die weibliche Homosexualität
    selten oder nie die infantile Männlichkeit
    gradlinig fortsetzt. Es scheint dazuzugehören
    daß auch solche Mädchen für eine Weile
    den Vater zum Objekt nehmen und sich in
    die Ödipussituation begeben. Dann aber
    werden sie durch die unausbleiblichen
    Enttäuschungen am Vater zur Regression
    auf ihren frühen Männlichkeitskomplex ge-
    drängt. Man darf die Bedeutung dieser Ent-
    täuschungen nicht überschätzen sie bleiben auch
    dem zur Weiblichkeit bestimmten Mädchen
    nicht erspart ohne den gleichen Erfolg zu
    haben. Die Übermacht des constitutionellen
    Moments scheint unbestreitbar aber die zwei
    Phasen in der Entwicklung der weiblichen
    Homosexualität spiegeln sich sehr deutlich
    schon in den Praktiken der Homosexuellen, die
    ebenso oft und ebenso deutlich Mutter und
    Kind mit einander spielen wie Mann
    und Weib.
         Was ich Ihnen da erzählt habe ist sozusagen
    die Vorgeschichte des Weibes, es ist eine
    Erwerbung der allerletzten Jahre, mag Ihnen
    als Probe analytischer Kleinarbeit interessant
    gewesen sein. Da die Frau selbst das Thema
    ist gestatte ich mir diesmal einige Frauen
    namentlich zu erwähnen denen diese Unter-

  • S.

    126 

    suchung wichtige Beiträge verdankt. Dr Ruth Mack Bruns-
    wick hat als die erste einen Fall von Neurose be-
    schrieben der auf eine Fixierung im präödipalen
    Stadium zurückging und die Ödipussituation
    überhaupt nicht erreicht hatte. Er hatte die Form
    einer Eifersuchtsparanoia und erwies sich der
    Therapie zugänglich. Dr Jeanne Lampl de Groot
    hat die so unglaubwürdige phallische Aktivität
    des Mädchens gegen die Mutter in gesicherten
    Beobachtungen festgestellt, Dr Helene Deutsch
    gezeigt daß die Liebesakte homosexueller Frauen
    die Mutter–Kindbeziehungen reproducieren.
         Das weitere Verhalten der Weiblichkeit durch
    die Pubertät bis in die Zeit der Reife zu
    verfolgen liegt nicht in meiner Absicht. Unsere
    Einsichten wären auch unzureichend dafür. Einige
    Züge werde ich im Nachfolgenden zusammen-
    stellen. An die Vorgeschichte anknüpfend
    will ich hier nur hervorheben, daß die Ent-
    faltung der Weiblichkeit der Störung durch
    die Resterscheinungen der männlichen
    Vorzeit ausgesetzt bleibt. Regressionen zu
    den Fixierungen jener präödipalen Phasen
    ereignen sich sehr häufig; in manchen Lebens-
    läufen kommt es zu einem wiederholten
    Alternieren von Zeiten in denen die Männ-
    lichkeit oder die Weiblichkeit die Oberhand
    gewonnen hat. Ein Stück dessen was wir
    Männer das „Räthsel des Weibes“ heißen
    leitet sich vielleicht von diesem Ausdruck
    der Bisexualität im weiblichen Leben ab.
    Aber eine andere Frage scheint während dieser
    Untersuchungen spruchreif geworden zu sein.
    Wir haben die Triebkraft des Sexuallebens
    Libido genannt. Das Sexualleben wird von
    der Polarität Männlich–Weiblich beherrscht
    also liegt es nahe das Verhältniß der Libido
    zu diesem Gegensatz in's Auge zu fassen.
    Es wäre nicht überraschend wenn sich heraus-
    stellte, daß jeder Sexualität ihre besondere
    Libido zugeordnet wäre so daß eine Art
    von Libido die Ziele des männlichen eine
    andere die des weiblichen Sexuallebens
    verfolgen würde. Aber nichts dergleichen
    ist der Fall. Es giebt nur eine Libido die
    in den Dienst der männlichen wie der
    weiblichen Sexualfunktion gestellt wird.
    Wir können ihr selbst kein Geschlecht geben
    wenn wir sie nach der conventionellen
    Gleichstellung von Aktivität und Männlich-
    keit

  • S.

    127 

    selbst männlich heißen wollen, dürfen wir nicht ver-
    gessen daß sie auch Strebungen mit passiven Zielen
    vertritt. Immerhin die Zusammenstellung „weibliche
    Libido“ läßt jede Rechtfertigung vermißen. Es ist dann
    unser Eindruck, daß der Libido mehr Zwang angethan
    wurde wenn sie in den Dienst der weiblichen
    Funktion gepreßt ist, und daß – um teleologisch
    zu reden – die Natur ihren Ansprüchen weniger
    sorgfältig Rechnung trägt als im Falle der
    Männlichkeit. Und das mag – wiederum teleologisch
    gedacht – seinen Grund darin haben, daß die Durch-
    setzung des biologischen Ziels der Aggression
    des Mannes anvertraut und von der Zu-
    stimmung des Weibes einigermaßen unabhängig
    gemacht worden ist.
    T
         Ich habe versprochen Ihnen noch einige psychische Be-
    sonderheiten der reifen Weiblichkeit vorzu-
    führen wie wir sie uns in der analytischen Beob-
    achtung entgegentreten. Mehr als durchschnittlichen
    Wahrheitswert nehmen wir für diese Behaupt-
    ungen nicht in Anspruch, auch ist es nicht immer
    leicht auseinander zu halten, was dem
    Einfluß der Sexualfunktion und was der sozialen
    Züchtung zuzuschreiben ist. Wir schreiben also
    der Weiblichkeit ein höheres Maß von Narzißmus
    zu, das noch ihre Objektwahl beeinflußt so daß ge-
    liebt zu werden dem Weib ein stärkeres
    Bedürfniß ist als zu lieben. An der kör-
    perlichen Eitelkeit des Weibes ist noch die
    Wirkung des Penisneides mitbetheiligt, da
    sie ihre Reize als späte Entschädigung für
    die ursprüngliche sexuelle Minderwertigkeit
    umso höher einschätzen muß. Der Scham die
    als eine exquisit weibliche Eigenschaft gilt,
    aber weit mehr conventionell ist als man
    denken sollte schreiben wir die ursprüngliche
    Absicht zu, den Defekt des Genitales zu ver-
    decken. Wir vergessen nicht, daß sie späterhin
    andere Funktionen übernommen hat. Man meint
    daß die Frauen zu den Entdeckungen und
    Erfindungen der Kulturgeschichte wenig Beiträge
    geleistet haben, aber vielleicht haben sie
    doch eine Technik erfunden, die des Flechtens
    und Webens. Wenn dem so ist, so wäre man
    versucht, das unbewußte Motiv dieser Leistung
    zu erraten auszugeben. Die Natur selbst hätte das Vorbild
    für diese Nachahmung gegeben, indem sie
    mit der Geschlechtsreife die Genitalbe-
    haarung wachsen ließ, die das Genitale
    verhüllt. Der Schritt, der dann noch zu thun

  • S.

    #127 

    die sexuelle Frigidität des Weibes deren Häufig-
    keit diese Zurücksetzung zu bestätigen scheint
    ist ein erst ungenügend verstandenes Phänomen
    Manchmal psychogen und dann der Beeinflußung
    zugänglich legt sie in anderen Fällen die
    Annahme einer constitutionellen Bedingtheit
    selbst den Beitrag eines anatomischen
    Faktors nahe.

  • S.

    128 

    war bestand darin die Fasern an einander haften zu
    lassen machen die am Körper in der Haut staken und nur
    mit einander verfilzt waren. Wenn Sie diesen
    Einfall als phantastisch zurückweisen und mir den
    Einfluß des Penismangels auf die Gestaltung
    der Weiblichkeit als eine fixe Idee anrechnen
    bin ich natürlich wehrlos.
         Die Bedingungen der Objektwahl des Weibes sind häufig
    genug durch soziale Verhältniße unkenntlich gemacht.
    Wo sie sich frei zeigen darf erfolgt sie oft nach dem
    narzißtischen Ideal des Mannes, der zu werden
    das Mädchen gewünscht hatte. Ist das Mädchen in der
    Vaterbindung also im Ödipuskomplex verblieben
    so wählt es nach dem Vatertypus. Da bei der Wendung
    von der Mutter zum Vater die Feindseligkeit
    der ambivalenten Gefühlsbeziehung bei der
    Mutter verblieben ist, sollte eine solche Wahl
    eine glückliche Ehe versichern. Aber sehr oft
    tritt der Ausgang ein der eine solche Erledigung
    des Ambivalenzkonflikts im Allgemeinen
    bedroht. Die zurückgelassene Feindseligkeit kommt
    der positiven Bindung nach und greift auf das
    neue Objekt über. Der Ehemann der zunächst
    vom Vater geerbt hat tritt mit der Zeit auch
    das Muttererbe an. So kann es leicht geschehen
    daß die zweite Hälfte des Lebens einer Frau
    von dem Kampf gegen ihren Mann erfüllt
    wird wie die kürzere erste von der
    Auflehnung gegen ihre Mutter. Nachdem
    diese Reaction ausgelebt worden ist, kann
    sich eine zweite Ehe leicht sehr viel be-
    friedigender gestalten. Eine andere Wand-
    lung im Wesen der Frau, für die die
    Liebenden nicht vorbereitet sind mag ein-
    treten sobald nachdem in der Ehe das erste
    Kind geboren worden ist. Unter dem Ein-
    druck der eigenen Mutterschaft kann eine
    Identifizierung mit der eigenen Mutter wieder
    belebt werden gegen die sich das Weib
    bis zur Ehe gesträubt hatte, und alle verfüg-
    bare Libido an sich reißen so daß der Wieder-
    holungszwang eine unglückliche Ehe der Eltern
    reproduzirt. Daß das alte Moment des
    Penismangels seine Kraft noch immer nicht
    eingebüßt hat zeigt sich in der verschiedenen
    Reaction der Mutter auf die Geburt
    eines Sohnes oder einer Tochter. Nur das
    Verhältniß zum Sohn bringt der Mutter
    uneingeschränkte Befriedigung; es ist über-
    haupt die vollkommenste am ehesten
    ambivalenzfreie aller menschlichen
    Beziehungen. Auf den Sohn kann die

  • S.

    129 

    Mutter den Ehrgeiz übertragen den sie bei sich unter-
    drücken mußte von ihm die Befriedigung all dessen
    erwarten, was ihr von ihrem Männlichkeits-
    komplex verblieben ist. Selbst die Ehe ist nicht
    eher versichert als bis es der Frau gelungen ist
    ihren Mann auch zu ihrem Kind zu machen und die
    Mutter gegen ihn zu agieren.
         Die Mutteridentifizierung des Weibes läßt zwei
    Schichten erkennen die präödipale die auf
    der zärtlichen Bindung an die Mutter beruht
    und sie zum Vorbild nimmt und die spätere
    aus dem Ödipuskomplex, die die Mutter
    beseitigen und beim Vater ersetzen will.
    Von beiden bleibt viel für alle Zukunft übrig,
    man hat wol ein Recht zu sagen, keine
    wird im Laufe der Entwicklung in ausreich-
    endem Maße überwunden. Aber die
    Phase der zärtlichen präödipalen Bindung
    ist die für die Zukunft des Weibes entscheid-
    ende; in ihr bereitet sich die Erwerbung jener
    Eigenschaften vor, mit denen sie später ihrer
    Rolle in der Sexualfunktion genügen und
    ihre unschätzbaren sozialen Leistungen bestreiten
    wird. In dieser Identifizierung gewinnt sie auch
    die Anziehung für den Mann der deßen ödip-
    ale Mutterbindung zur Verliebtheit entfacht.
    Nur daß dann so häufig erst der Sohn das erhält
    um was er für sich geworben hatte. Man hat den
    Eindruck die Liebe des Mannes und die der
    Frau sind um eine psychologische Phasendif-
    ferenz aus einander. 
         Daß man dem Weib wenig Sinn für Gerechtig-
    keit zuerkennen muß, hängt wol mit dem
    Überwiegen des Neids in ihrem Seelenleben
    zusammen, denn die Gerechtigkeitsforderung
    ist eine Verarbeitung des Neids giebt die
    Bedingung an unter der man ihn fahren lassen
    kann. Wir sagen auch von den Frauen aus
    daß ihre sozialen Interessen schwächer
    und ihre Fähigkeit zur Triebsublimirung
    geringer sind als die der Männer. Das erstere
    leitet sich wol vom dissozialen Charakter
    ab der allen Sexualbeziehungen unzweifelhaft
    eignet. Liebende finden an einander Ge-
    nügen und noch die Familie widerstrebt der
    Aufnahme in umfassendere Verbände. Die
    Eignung zur Sublimirung ist den größten
    individuellen Schwankungen unterworfen.
    Hingegen kann ich es nicht unterlassen
    einen Eindruck zu erwähnen, den man
    immer wieder in der analytischen Thätigkeit

  • S.

    empfängt. Ein Mann um die Dreißig erscheint als ein jugend-
    liches eher unfertiges Individuum von dem er
    wir erwarten daß es die Möglichkeiten der
    Entwicklung die ihm die Analyse eröffnet
    kräftig ausnützen wird. Eine Frau um die gleiche
    Lebenszeit er aber schreckt uns häufig durch ihre psychische
    Starrheit und Unveränderlichkeit. Ihre Libido
    hat endgiltige Positionen eingenommen und
    scheint unfähig sie gegen andere zu verlassen
    Wege zu weiterer Entwicklung ergeben sich nicht
    es ist als wäre der ganze Prozeß bereits
    abgelaufen bliebe von nun an unbeeinflußbar
    ja als hätte die schwierige Entwicklung zur M Weibl. die Mögl.-
    lichkeiten der Person erschöpft
    Wir beklagen diesen Sachverhalt als Therapeuten
    selbst wenn es uns gelingt dem Leiden durch
    die Erledigung des neurotischen Konflikts ein
    Ende zu machen.
    Das ist alles was ich Ihnen über die Weiblichkeit
    zu sagen habe hatte. Es ist gewiß unvollständig und
    fragmentarisch unzusammenhängend klingt auch nicht immer
    freundlich. Vergessen Sie aber nicht, daß wir
    das Weib nur insofern beschrieben haben
    als sein Wesen durch seine Sexualfunktion
    bestimmt wird, dieser Einfluß geht freilich
    sehr weit, aber wir behalten im Auge, daß
    die einzelne Frau auch sonst ein menschliches
    Wesen sein kann mag. Wollen Sie mehr über
    die Weiblichkeit wißen, so befragen Sie
    Ihre eigenen Lebenserfahrungen oder Sie
    wenden sich an die Dichter oder Sie
    warten bis die Wissenschaft Ihnen
    tiefere und besser zusammenhängendere Auskünfte
    geben kann.

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