• S.

    53

    XXXI

    Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit.

    Meine Damen und Herren! Ich weiß, Sie kennen
    für Ihre eigenen Beziehungen, ob es sich um
    Personen oder um Dinge handelt die Be-
    deutung des Ausgangspunktes. So war es auch
    mit der Psychoanalyse: Für die Entwicklung die
    sie nahm, für die Aufnahme die sie fand,
    ist es nicht gleichgültig gewesen, daß sie ihre
    Arbeit am Symptom begann, am Ichfremde-
    sten, das sich in der Seele vorfindet. Das Symptom
    stammt vom Verdrängten ab, ist gleichsam der
    Vertreter desselben vor dem Ich, das Verdrängte
    ist aber für das Ich Ausland, inneres Ausland,
    sowie die Realität    gestatten Sie den ungewohnten
    Ausdruck    äußeres Ausland ist. Vom Symptom
    her führte der Weg zum Unbewußten, zum
    Triebleben, zur Sexualität, und das war
    die Zeit, da die Psychoanalyse die geistvollen
    Einwendungen zu hören bekam zu hören bekam, der Mensch
    sei nicht bloß ein Sexualwesen er kenne
    auch edlere und höhere Regungen. Man hätte
    hinzusetzen können, gehoben durch das Bewußt-
    sein dieser höheren Regungen nehme er
    sich öfters das Recht heraus Unsinn zu
    denken und Tatsachen zu vernachlässigen.

        Sie wissen es besser, es hat von allem Anfang
    an bei uns geheißen, der Mensch erkranke
    an dem Konflikt zwischen den Ansprüchen
    des Trieblebens und dem Widerstand, der sich
    in ihm dagegen erhebt, und wir hatten
    keinen Augenblick an diese widerstehende,
    abweisende, verdrängende Instanz vergessen,
    die wir uns mit ihren besonderen Kräften,
    den Ichtrieben ausgestattet dachten und die
    eben mit dem Ich der populären Psychologie
    zusammenfällt. Nur daß es bei dem mühsamen
    Schreiten Fortschreiten der wissenschaftlichen Arbeit auch
    der Psychoanalyse nicht möglich war auf
    alle Gebiete gleichzeitig
    zu studieren und sich über alle Probleme
    in einem Atem zu äußern. Endlich war
    man soweit gekommen daß man seine
    Aufmerksamkeit vom Verdrängten weg
    auf das Verdrängende richten konnte,

  • S.

    54

    und stand vor diesem Ich, das so selbstverständlich zu
    sein schien, mit der sicheren Erwartung, auch hier
    Dinge zu finden auf die man nicht vorbereitet
    sein konnte; aber es war nicht leicht, einen
    ersten Zugang zu finden. Das ist es worüber
    ich Ihnen heute berichten will!

        Ich muß aber doch meiner Vermutung Ausdruck
    geben, daß diese meine Darstellung der Ichpsychologie
    anders auf Sie wirken wird als die Einführung
    in die psychische Unterwelt die ihr vorausgegangen
    ist. Warum das der Fall sein sollte, weiß ich
    nicht sicher zu sagen. Ich meinte zuerst, Sie würden
    herausfinden, daß ich Ihnen vorhin hauptsächlich
    Tatsachen berichtet hatte, wenn auch fremdartige
    und sonderbare, während Sie diesmal vorwiegend
    mit Auffassungen, also Spekulationen zu hören
    bekommen. Aber es trifft nicht zu. Bei besserer
    Erwägung muß ich behaupten daß der Anteil
    der gedanklichen Verarbeitung des tatsächlichen
    Materials in der unserer Ichpsychologie nicht
    viel größer ist als er in der Neurosenpsychologie
    war. Auch andere Begründungen meiner Er-
    wartung mußte ich verwerfen; ich meine jetzt
    es liegt irgendwie am Charakter des Stoffes
    selbst und an unserer Ungewohntheit, mit ihm
    umzugehen. Immerhin es ich werde nicht erstaunt sein wenn Sie sich in Ihrem Urteil noch zurückhalt=
    =ender und vorsichtiger als bisher. erweisen
    ich werde nicht erstaunt sein wenn
    Sie sich in Ihrem Urteil noch zurückhalt= Sie sich
    =ender und vorsichtiger als bisher zeigen als bisher.

        Die Situation in der wir uns zum Beginn
    unserer Untersuchung befinden soll uns
    selbst den Weg weisen. Wir wollen das
    Ich zum Gegenstand dieser Untersuchung
    machen, unser eigenstes Ich. Aber kann man
    das? Das Ich ist ja doch das eigentlichste Subjekt
    wie soll es zum Objekt werden? Nun es
    ist kein Zweifel daß man das kann. Das
    Ich kann sich selbst zum Objekt nehmen, sich
    behandeln wie andere Objekte, sich be-
    obachten, kritisieren, Gott weiß was noch alles
    mit sich selbst anstellen. Dabei stellt sich
    ein Teil des Ichs dem übrigen gegenüber.
    Das Ich ist also spaltbar, es spaltet sich während
    mancher seiner Funktionen, wenigstens
    vorübergehend. Die Teilstücke können sich
    nachher zusammen vereinigen. Das ist gerade
    keine Neuigkeit, vielleicht eine unge-
    wohnte Betonung allgemein bekannter
    Dinge.

  • S.

    55

    Anderseits sind wir mit der Auffassung vertraut
    daß die Pathologie uns durch ihre Vergrößer-
    ungen und Vergröberungen auf normale Ver-
    hältnisse aufmerksam machen kann die uns sonst ent-
    gangen wären. Wo sie uns einen Bruch oder
    Riß zeigt kann normalerweise eine Glieder-
    ung vorhanden sein. Wenn wir einen Krystall
    zu Boden werfen, zerbricht er, aber nicht will-
    kürlich er zerfällt dabei nach seinen Spalt-
    richtungen in Stücke deren Abgrenzung, obwohl
    unsichtbar doch durch die Struktur des Krystalls
    vorher bestimmt war. Solche rissige und gesprung-
    ene Strukturen sind auch die Geisteskranken.
    Etwas von der ehrfürchtigen Scheu die alte Völker
    den Wahnsinnigen bezeugten können auch
    wir ihnen nicht versagen. Sie haben sich von
    der äußeren Realität abgewendet aber eben
    darum wissen sie mehr von der inneren
    psychischen Realität und können uns manches
    verraten was uns sonst unzugänglich wäre.
    Von einer Gruppe dieser Kranken sagen wir,
    sie leiden am Beobachtungswahn. Sie klagen
    uns daß sie unausgesetzt und bis in ihr intim-
    stes Tun von der Beobachtung unbekannter
    Mächte wahrscheinlich doch Personen belästigt
    werden und hören halluzinatorisch, wie
    diese Personen die Ergebnisse ihrer Beobachtung
    verkünden: Jetzt will er das sagen, jetzt
    kleidet er sich an um auszugehen usw.
    Diese Beobachtung ist noch nicht dasselbe wie
    eine Verfolgung aber sie ist nicht weit
    davon, sie setzt voraus daß man ihnen
    mißtraut, daß man erwartet sie bei
    verbotenen Handlungen zu ertappen,
    für die sie gestraft werden sollen. Wie
    wäre es wenn diese Wahnsinnigen Recht
    hätten, wenn bei uns allen eine solche
    beobachtende und strafandrohende Instanz
    im Ich vorhanden wäre, die sich bei
    ihnen nur scharf vom Ich gesondert hätte
    und irrtümlicherweise in die äußere
    Realität verschoben worden wäre?
    Ich weiß nicht ob es Ihnen ebenso ergehen
    wird wie mir. Seitdem ich unter dem Ein-
    druck des Krankheitsbildes die Idee gefaßt
    hatte, daß die Sonderung einer beobachtenden
    Instanz vom übrigen Ich ein regelmäßiger
    Zug in der Struktur des Ichs sein könnte,

  • S.

    56

    hat sie mich nicht mehr verlassen, und ich war getrieben
    nach den weiteren Charakteren und Beziehungen
    dieser so abgesonderten Instanz zu forschen. Der
    nächste Schritt ist bald getan. Schon der Inhalt des
    Beobachtungswahns legt es nahe daß das Beobachten
    nur eine Vorbereitung ist für das Richten und
    Strafen und somit erraten wir daß eine andere
    Funktion dieser Instanz das sein muß was wir
    unser Gewissen nennen. Es gibt kaum
    etwas anderes in uns was wir so regelmäßig
    von unserem Ich sondern und so leicht ihm
    entgegenstellen wie gerade das Gewissen. Ich ver-
    spüre die Neigung etwas zu tun wovon
    ich mir Lust verspreche, aber ich unterlasse es
    mit der Begründung, mein Gewissen erlaubt
    es nicht. Oder ich habe mich von der übergroßen
    Lusterwartung bewegen lassen etwas zu tun
    wogegen die Stimme des Gewissens Einspruch
    erhob und nach der Tat straft mich mein Ge-
    wissen mit peinlichen Vorwürfen, läßt mich
    die Reue wegen ob der Tat empfinden. Ich könnte
    einfach sagen die besondere Instanz die ich im
    Ich zu unterscheiden beginne ist das Gewissen,
    aber es ist vorsichtiger es die Instanz etwas drüber zu
    halten selbständig zu halten und anzunehmen das Gewissen
    als sei eine seiner ihrer Äußerungen Funktionen aufzufassen und
    die Selbstbeobachtung diese als Voraussetzung für die richterliche
    Tätigkeit des Gewissens unentbehrlich sei eine
    andere. Und da es zur Anerkennung einer
    gesonderten Existenz gehört daß man dem
    Ding einen eigenen Namen gibt will ich
    diese Instanz im Ich von nun an als das
    Überich bezeichnen.

        Jetzt bin ich darauf gefaßt daß Sie mich höhnisch
    fragen, ob unsere Ichpsychologie überhaupt
    darauf hinausläuft gebräuchliche Abstraktionen
    wörtlich zu nehmen und zu vergröbern sie
    aus Begriffen in Dinge zu verwandeln,
    womit nicht viel gewonnen wäre. Ich antworte,
    es wird schwer halten in der Ichpsychologie dem
    Allbekannten auszuweichen, es wird mehr
    auf neue Auffassungen und Anordnungen
    ankommen als auf Neuentdeckungen. Bleiben
    Sie also vorläufig bei Ihrer herabsetzenden
    Kritik und warten Sie die weiteren Äußerungen
    ab. Die Tatsachen der Pathologie geben unseren
    Bemühungen einen Hintergrund den Sie für

  • S.

    57

    die Populärpsychologie vergebens suchen würden. Ich
    setze fort. Kaum daß wir uns mit der Idee eines
    solchen Überichs befreundet haben, das eine gewisse
    Selbständigkeit genießt, seine eigenen Absichten
    verfolgt und in seinem Energiebesitz vom Ich
    unabhängig ist, drängt sich uns ein Krankheitsbild
    auf, das die Strenge, ja die Grausamkeit dieser
    Instanz und die Wandlungen in ihrer Beziehung
    zum Ich auffällig verdeutlicht. Ich meine den
    Zustand der Melancholie, genauer des melanchol-
    ischen Anfalls, von dem ja auch Sie genug gehört
    haben, auch wenn Sie nicht Psychiater sind. An
    diesem Leiden, von dessen Verursachung und
    Mechanismus wir viel zu wenig wissen, ist der
    auffälligste Zug die Art wie das Überich    sagen
    Sie nur im stillen: das Gewissen    das Ich behandelt.
    Während der Melancholiker in gesunden Zeiten mehr
    oder weniger streng gegen sich sein kann wie
    ein anderer, wird im melancholischen Anfall das
    Überich überstreng, beschimpft, erniedrigt, miß-
    handelt das arme Ich, läßt es die schwersten
    Strafen erwarten, macht ihm Vorwürfe wegen
    längst vergangener Handlungen die zu ihrer
    Zeit leicht genommen wurden als hätte es das
    ganze Intervall über Anklagen gesammelt
    und nur seine gegenwärtige Erstarkung abgewartet
    um mit ihnen hervorzutreten und auf Grund
    dieser Anklagen zu verurteilen. Das Überich
    legt den strengsten moralischen Maßstab an
    das ihm hilflos preisgegebene Ich an, es vertritt
    ja überhaupt den Anspruch der Moralität, und
    wir erfassen mit einem Blick, daß unser
    moralisches Schuldgefühl, der Ausdruck der
    Spannung zwischen Ich und Überich ist. Es ist eine
    sehr merkwürdige Erfahrung die Moralität die
    uns angeblich von Gott verliehen und so tief
    eingepflanzt wurde, als periodisches Phänomen
    zu sehen. Denn nach einer gewissen Anzahl von
    Monaten ist der ganze moralische Spuk vorüber,
    die Kritik des Überichs schweigt, das Ich ist wieder
    rehabilitiert und genießt alle Menschenrechte bis
    zum nächsten Anfall. Ja bei manchen Formen
    der Erkrankung findet in den Zwischenzeiten
    etwas Gegenteiliges statt, das Ich befindet
    sich in einem seligen seligen Rauschzustand es triumphiert
    als hätte das Überich alle Kraft verloren
    oder wäre mit dem Ich zusammengeflossen, und
    dieses freigewordene, manische Ich gestattet sich wirklich
    hemmungslos die Befriedigung aller seiner Gelüste. Vor-
    gänge, reich an ungelösten Rätseln!

  • S.

    58

        Sie werden gewiß als eine bloße Illustration
    erwarten wenn ich Ihnen ankündige, daß wir über
    die Bildung des Überichs also über die Entstehung des
    Gewissens mancherlei gelernt haben. In Anlehnung
    an den bekannten Ausspruch Kant’s der das Gewissen
    mit in uns mit dem gestirnten Himmel zusammen-
    =bringt könnte ein Frommer wohl versucht
    sein, diese beiden als die Meisterstücke der Schöpfung
    zu verehren. Die Gestirne sind gewiß großartig aber
    was das Gewissen betrifft, so hat Gott hierin un-
    =gleichmäßige und nachlässige Arbeit geleistet
    denn eine große Überzahl von Menschen hat
    davon nur ein bescheidenes Maß oder kaum
    soviel als noch der Rede wert ist mitbekommen.
    Wir verkennen das Stück psychologischer Wahrheit
    keineswegs, das in der Behauptung das
    Gewissen sei göttlicher Herkunft enthalten ist
    aber der Satz bedarf der Deutung. Wenn das Ge-
    =wissen auch etwas „in uns“ ist so ist es doch nicht
    von Anfang an. Es ist so recht ein Gegensatz zum
    Sexualleben das wirklich von Anfang des
    Lebens an da ist und nicht erst später hinzu-
    =kommt. Aber das kleine Kind ist bekanntlich
    amoralisch es besitzt keine inneren Hemmungen
    gegen seine nach Lust strebenden Impulse.
    Die Rolle die späterhin das Überich spielt, wird
    zuerst von einer äußeren Macht, von der elter-
    lichen Autorität gespielt. Der Elterneinfluß regiert
    das Kind durch Gewährung von Liebesbeweisen
    und durch Androhung von Strafen, die dem Kind
    den Liebesverlust beweisen und an sich gefürchtet
    werden müssen. Diese Realangst ist der
    Vorläufer der späteren Gewissensangst; solange
    sie herrscht braucht man von Überich und von
    Gewissen nicht zu reden. Erst in weiterer
    Folge bildet sich die sekundäre Situation aus
    die wir allzu bereitwillig für die normale
    halten, daß die äußere Abhaltung verinner-
    =licht wird, daß an die Stelle der Eltern-
    =instanz das Überich tritt, welches nun das Ich
    genau so beobachtet, lenkt und bedroht wie
    früher die Eltern das Kind.

        Das Überich das solcherart die Macht, die Leistung
    und selbst die Methode der Elterninstanz
    übernimmt, ist aber nicht nur der Rechtsnachfolger
    sondern wirklich der legitime Leibeserbe
    derselben. Es geht direkt aus ihr hervor wir
    werden bald erfahren durch welchen Vorgang. Zunächst
    müssen wir jedoch bei einer Unstimmigkeit
    zwischen beiden verweilen. Das Überich scheint
    in einseitiger Auswahl nur die Härte und
    Strenge der Eltern, ihre verbietende und
    strafende Funktion aufgegriffen zu haben,

  • S.

    59

    während deren liebevolle Fürsorge keine Aufnahme
    und Fortsetzung findet. Haben die Eltern wirklich
    ein strenges Regiment geführt so glauben wir
    es leicht begreiflich zu finden wenn sich
    auch beim Kind ein strenges Überich entwickelt
    aber die Erfahrung zeigt gegen unsere Erwartung
    daß das Überich denselben Charakter unerbittlicher
    Härte erwerben kann auch wenn die Erziehung
    milde und gütig war, Drohungen und Strafen
    möglichst vermieden hat. Wir werden auf diesen
    Widerspruch später zurückkommen wenn wir
    die Triebumsetzungen bei der Bildung des
    Überichs behandeln.

        Von der Umwandlung der Elternbeziehung in das
    Überich kann ich Ihnen nicht soviel sagen wie ich
    gerne möchte, zum Teil weil dieser Vorgang so ver-
    =wickelt ist, daß seine Darstellung sich nicht in
    den Rahmen einer Einführung fügt wie ich sie
    Ihnen geben will, zum anderen Teil weil
    wir selbst nicht glauben, ihn voll durchschaut
    zu haben. Begnügen Sie sich also mit den folgenden
    Andeutungen. Die Grundlage dieses Vorgangs
    ist eine sogenannte Identifizierung, d.h. eine
    Angleichung eines Ichs an ein fremdes in deren
    Folge dies erste Ich sich in bestimmten Hinsichten
    so benimmt wie das andere, es nachahmt gewisser-
    =maßen in sich aufnimmt. Man hat die Identifizier-
    =ung nicht unpassend mit der oralen, kannibal-
    istischen Einverleibung der fremden Person
    verglichen. Die Identifizierung ist eine sehr wichtige
    Form der Bindung an die andere Person
    wahrscheinlich die ursprünglichste, nicht dasselbe
    wie eine Objektwahl. Man kann den Unterschied etwa
    so ausdrücken: Wenn der Knabe sich mit dem Vater identifiziert
    so will er so sein wie der Vater; wenn er
    ihn zum Objekt seiner Wahl macht, so will er
    ihn haben, besitzen; im ersten Fall wird
    sein Ich nach dem Vorbild des Vaters ver-
    =ändert, im zweiten Falle ist dies nicht not-
    =wendig. Identifizierung und Objektwahl sind
    in weitem Ausmaß unabhängig von einander,
    man kann sich aber auch mit der nämlichen
    Person identifizieren, sein Ich nach ihr ver-
    ändern, die man z.B. zum Sexualobjekt ge-
    nommen hat. Man sagt daß die Beein-
    flussung des Ichs durch das Sexualobjekt besonders
    häufig bei Frauen vorkommt und für die
    Weiblichkeit charakteristisch ist. Von der
    bei weitem lehrreichsten Beziehung zwischen
    Identifizierung und Objektwahl muß ich Ihnen
    schon einmal in den früheren Vorlesungen

  • S.

    60

    gesprochen haben. Sie ist so leicht an Kindern wie
    an Erwachsenen normalen und kranken Menschen
    zu beobachten. Wenn man ein Objekt verloren
    hat oder es aufgeben mußte, so entschädigt man
    sich oft genug daß man sich mit ihm identifiziert
    es in seinem Ich wieder aufrichtet so daß
    hier die Objektwahl gleichsam zur Identifizierung
    regrediert.

        Ich bin von diesen Ausführungen über die Identifizier-
    =ung selbst durchaus nicht befriedigt aber genug
    wenn Sie mir zugeben können daß die Einsetz-
    =ung des Überichs als ein gelungener Fall von
    Identifizierung mit der Elterninstanz beschrieben
    werden kann. Die für diese Auffassung ent-
    scheidende Tatsache ist nun daß diese Neu-
    =schöpfung einer überlegenen Instanz im Ich aufs
    innigste mit dem Schicksal des Oedipuskomplexes
    verknüpft ist, so daß das Überich als der Erbe dieser
    für die Kindheit so bedeutungsvollen Gefühls-
    bindung erscheint. Wir verstehen mit dem
    Auflassen des Oedipuskomplexes mußte das
    Kind auf die intensiven Objektbesetzungen verzichten,
    die es bei den Eltern untergebracht hatte, und
    zur Entschädigung für diesen Objektverlust werden
    die wahrscheinlich längst vorhandenen Identifizier-
    ungen mit den Eltern in seinem Ich so
    sehr verstärkt. Solche Identifizierungen als Nieder-
    schläge aufgegebener Objektbesetzungen werden
    sich später im Leben des Kindes oft genug
    wiederholen aber es entspricht durchaus dem
    Gefühlswert dieses ersten Falles einer
    solchen Umsetzung daß deren Ergebnis
    eine Sonderstellung im Ich eingeräumt wird.
    Eingehende Untersuchung belehrt uns auch daß das Über-
    ich in seiner Stärke und Ausbildung verkümmert
    wenn die Überwindung des Oedipuskomplexes
    nur unvollkommen gelingt. Im Laufe der Ent-
    =wicklung nimmt das Überich auch die Einflüsse
    jener Personen an die an die Stelle der Eltern
    getreten sind, also von Erziehern, Lehrern
    idealen Vorbildern. Es entfernt sich normaler
    Weise immer mehr von den ursprünglichen
    Elternindividuen, es wird sozusagen unpersönlicher.
    Wir wollen auch nicht daran vergessen, daß das
    Kind seine Eltern in verschiedenen Lebens-
    =zeiten verschieden einschätzt. Zur Zeit da der
    Oedipuskomplex dem Überich Platz räumt
    sind sie etwas ganz Großartiges, später büßen
    sie sehr viel ein. Es kommen dann auch
    Identifizierungen mit diesen späteren
    Eltern zustande, sie liefern sogar regel-
    =mäßig wichtige Beiträge zur Charakter-

  • S.

    61

    bildung aber sie betreffen dann nur das Ich beein-
    flussen nicht mehr das Überich, das durch die frühesten
    Elternimagines bestimmt worden ist.

        Ich hoffe Sie haben bereits den Eindruck
    empfangen daß die Aufstellung des Überichs
    wirklich ein Strukturverhältnis beschreibt
    und nicht einfach eine Abstraktion wie die
    des Gewissens personifiziert. Wir haben noch
    eine wichtige Funktion zu erwähnen die
    wir diesem Überich zuteilen. Es ist auch der
    Träger des Ichideals an dem das Ich sich mißt, dem
    es nachstrebt, dessen Anspruch auf immer weiter gehende Vervollkom-
    mung es zu erfüllen bemüht ist. Kein Zweifel das Ich-
    ideal ist der Niederschlag der alten Elternvorstellung der Aus-
    druck der Bewunderung jener Vollkommenheit
    die das Kind ihnen damals zuschrieb. Ich
    weiß Sie haben viel von dem Gefühl der
    Minderwertigkeit gehört, das gerade die Neurotiker
    auszeichnen soll. Es spukt besonders in der
    sogenannt schönen Literatur. Ein Schriftsteller
    der das Wort Minderwertigkeits Komplex
    gebraucht glaubt damit allen Anforderungen
    der Psychoanalyse Genüge getan und
    seine Darstellung auf ein höheres psychol-
    ogisches Niveau gehoben zu haben. In Wirk-
    lichkeit wird das Kunstwort Minderwert-
    igkeits Komplex in der Psychoanalyse kaum
    verwendet. Es bedeutet uns nichts Einfaches
    geschweige denn etwas Elementares. Es auf
    die Selbstwahrnehmung etwaiger Organ-
    verkümmerungen zurückzuführen wie die
    Schule der sogenannten Individualpsychologen zu
    tun beliebt, erscheint uns ein kurzsichtiger
    Irrtum. Das Gefühl der Minderwertigkeit
    hat starke erotische Wurzeln. Das Kind
    fühlt sich minderwertig wenn es merkt
    daß es nicht geliebt wird, und ebenso der
    Erwachsene. Das einzige Organ das wirklich
    als minderwertig betrachtet wird ist der
    verkümmerte Penis, die Klitoris des Mädchens.
    Aber der Hauptanteil des Minderwertigkeits-
    gefühles stammt aus der Beziehung des Ichs zu
    seinem Überich, ist ebenso wie das Schuld-
    gefühl ein Ausdruck der Spannung zwischen
    beiden. Minderwertigkeitsgefühl und Schuld-
    gefühl sind überhaupt schwer auseinander
    zu halten. Vielleicht täte man gut daran
    im ersteren die erotische Ergänzung zum
    moralischen Minderwertigkeitsgefühl zu
    sehen. Wir haben dieser Frage der begrifflichen
    Abgrenzung in der Psychoanalyse wenig Aufmerk-
    samkeit geschenkt.

  • S.

    62

    Gerade weil der Minderwertigkeits Komplex so
    populär geworden ist gestatte ich mir Sie hier mit
    einer kleinen Abschweifung zu unterhalten.
    Eine historische Persönlichkeit unserer Zeit die
    noch lebt aber gegenwärtig in den Hintergrund
    gerückt ist, hat von einer Schädigung während der
    Geburt eine gewisse Verkümmerung eines Gliedes
    behalten. Ein sehr bekannter Schriftsteller unserer
    Tage, der am liebsten Biographien hervorragender
    Personen bearbeitet, hat auch dieses von mir
    bezeichneten Mannes Leben behandelt.
    Nun mag es ja schwer sein das Bedürfnis
    nach psychologischer Vertiefung zu unterdrücken
    wenn man eine Biographie schreibt. Unser
    Autor hat darum den Versuch gewagt die
    ganze Charakterentwicklung des Helden
    über dem Minderwertigkeitsgefühl das
    jener körperliche Defekt wachrufen mußte
    aufzubauen. Er hat dabei eine kleine aber
    nicht unwichtige Tatsache übersehen. Es ist ge-
    wöhnlich daß Mütter denen das Schicksal ein
    krankes oder sonst benachteiligtes Kind
    geschenkt hat es für diese ungerechte Zurück-
    setzung durch ein Übermaß von Liebe
    zu entschädigen suchen. In dem zur Rede
    stehenden Falle benahm sich die stolze
    Mutter anders sie entzog dem Kind ihre
    Liebe wegen seines Gebrechens. Als aus dem
    Kinde ein allmächtiger Mann geworden war
    bewies dieser durch seine Handlungen unzwei-
    deutig, daß er der Mutter nie verziehen
    hatte. Wenn Sie sich an die Bedeutung
    der Mutterliebe für das kindliche Seelen-
    leben besinnen werden Sie die Minder-
    wertigkeitstheorie des Biographen wohl in
    Ihren Gedanken korrigieren.

        Ich kehre zum Überich zurück! Wir haben
    ihm die Selbstbeobachtung das Gewissen und
    die Idealfunktion zugeteilt. Aus unseren
    Ausführungen über seine Entstehung geht
    hervor, daß es eine unsäglich wichtige
    biologische wie eine schicksalsvolle psychologische
    Tatsache zu Voraussetzungen hat nämlich die
    lange Abhängigkeit des Menschenkindes
    von seinen Eltern und den Oedipuskomplex
    die beide wieder innig mit einander verknüpft
    sind. Das Überich ist für uns die Vertretung
    aller moralischen Beschränkungen, der
    Anwalt des Strebens nach Vervollkommnung
    kurz das, was uns von dem sogenannt Höheren
    im Menschenleben psychologisch greifbar geworden

  • S.

    63

    ist, da es selbst auf den Einfluß der Eltern, Erzieher
    u dgl. zurückgeht, erfahren wir noch mehr von seiner
    Bedeutung, wenn wir uns zu diesen seinen
    Quellen wenden. In der Regel folgen die Eltern
    und die ihnen analogen Autoritäten in der
    Erziehung des Kindes den Vorschriften des
    eigenen Überichs. Wie immer sich ihr Ich mit ihrem
    Überich auseinander gesetzt haben mag in der
    Erziehung des Kindes sind sie streng und anspruchs-
    voll. Sie haben die Schwierigkeiten ihrer
    eigenen Kindheit vergessen sind zufrieden sich
    nun voll mit den eigenen Eltern identifiz-
    ieren zu können die ihnen seinerzeit die
    schweren Einschränkungen auferlegt haben.
    So wird das Überich des Kindes eigentlich nicht
    nach dem Vorbild der Eltern sondern des
    elterlichen Überichs aufgebaut es erfüllt sich
    mit dem gleichen Inhalt, es wird zum Träger
    der Tradition all der zeitbeständigen Wertung
    die sich auf diesem Wege über Generationen
    fortgepflanzt haben. Sie erraten leicht
    welch wichtige Hilfen für das Verständnis
    des sozialen Verhaltens der Menschen z.B.
    für die Verwahrlosung vielleicht auch
    was für praktische Winke für die Erziehung
    sich aus der Berücksichtigung des Überichs ergeben.
    Wahrscheinlich sündigen die sogenannt material-
    istischen Geschichtsauffassungen darin daß sie
    diesen Faktor unterschätzen. Sie tun ihn
    mit der Bemerkung ab, daß die „Ideologien“
    der Menschen nichts anderes sind als Ergebnis
    und Überbau ihrer aktuellen ökonomischen
    Verhältnisse. Das ist die Wahrheit aber sehr
    wahrscheinlich nicht die ganze Wahrheit. Die
    Menschheit lebt nie ganz in der Gegenwart
    in den Ideologien des Überichs lebt die
    Vergangenheit fort die den Einflüssen
    der Gegenwart neuen Veränderungen
    nur langsam weicht und solange sie durch
    das Überich wird eine mächtige von
    den ökonomischen Verhältnissen unabhängige
    Rolle im Menschenleben spielt.

    Die Tradition der Rasse und des Volkes

        Im Jahre 1921 habe ich versucht die Differenzier-
    ung von Ich und Überich beim Studium
    der Massenpsychologie zu verwenden.

  • S.

    64

    Ich gelangte zu einer Formel wie: Eine psychologische
    Masse ist eine Vereinigung von Einzelnen die
    die nämliche Person in ihr Überich eingeführt
    und sich auf Grund dieser Gemeinsamkeit
    in ihrem Ich mit einander identifiziert haben.
    Sie gilt natürlich nur für Massen die einen
    Führer haben. Besäßen wir mehr Anwendungen
    dieser Art so würde die Annahme des Überichs
    das letzte Stück Befremden für uns verlieren
    und wir würden von jener Befangenheit gänzlich
    frei werden die uns doch noch befällt wenn
    wir aus an die Unterweltsatmosphäre ge-
    wöhnt in den oberflächlicheren höheren
    Schichten des seelischen Apparats bewegen.
    Wir glauben selbstverständlich nicht daß wir
    mit der Sonderung des Überichs das letzte
    Wort zur Ichpsychologie gesprochen haben.
    Es ist eher ein erster Anfang aber in diesem
    Falle ist nicht nur der Anfang schwer.

        Aber nun wartet unser eine andere
    Aufgabe am sozusagen entgegengesetzten Ende
    des Ichs. Sie wird von einer Beobachtung während
    der analytischen Arbeit gestellt einer Beobachtung
    die eigentlich sehr alt ist. Wie es schon
    manchmal geht, hat es lange gebraucht bis
    man sich zu ihrer Würdigung entschloß.
    Wie Sie wissen ist eigentlich die ganze Psycho-
    analytische Theorie über der Wahrnehmung
    des Widerstands aufgebaut, den uns der
    Patient bei dem Versuch ihm sein Unbewußtes
    bewußt zu machen leistet. Das objektive
    Zeichen des Widerstands ist daß seine Einfälle
    versagen oder sich weit von dem behandelten Thema
    entfernen. Er kann den Widerstand auch subjektiv
    daran erkennen, daß er peinliche Empfindungen
    verspürt wenn er sich dem Thema annähert.
    Aber dies letzte Zeichen kann auch wegbleiben.
    Dann sagen wir dem Patienten, daß wir aus
    seinem Verhalten schließen er befinde sich
    jetzt im Widerstande und er antwortet er
    wisse nichts davon, er merke nur die Erschwerung
    der Einfälle. Es zeigt sich daß wir Recht hatten
    aber dann war sein Widerstand auch un-
    bewußt ebenso unbewußt wie das Verdrängte
    an dessen Hebung wir arbeiteten. Man
    hätte längst die Frage aufwerfen sollen: von
    welchem Teil seines Seelenlebens geht ein
    solcher unbewußter Widerstand aus? Der
    Anfänger in der Psychoanalyse wird rasch
    mit der Antwort zur Hand sein: Es ist
    eben der Widerstand des Unbewußten.

  • S.

    65

    Eine zweideutige unbrauchbare Antwort! Wenn damit
    gemeint ist er gehe vom Verdrängten aus so müssen
    wir sagen: Gewiß nicht! Dem Verdrängten müssen
    wir eher einen starken Auftrieb zuschreiben einen
    Drang zum Bewußtsein durchzudringen, der Widerstand
    kann nur eine Äußerung des Ichs sein das seiner-
    zeit die Verdrängung durchgeführt hatte und
    sie jetzt aufrecht halten will. So haben wir’s
    auch früher immer aufgefaßt. Seitdem wir
    eine besondere Instanz im Ich annehmen die
    die einschränkenden und abweisenden Forderungen
    vertritt, das Überich, können wir sagen die
    Verdrängung sei das Werk dieses Überichs, es
    führe sie entweder selbst durch oder in seinem
    Auftrag das ihm gehorsame Ich. Wenn nun
    der Fall vorliegt, daß der Widerstand in der
    Analyse dem Patienten nicht bewußt wird
    so heißt das entweder, daß das Überich und das
    Ich in ganz wichtigen Situationen unbewußt
    arbeiten können oder, was noch bedeutsamer
    wäre, daß Anteile von beiden Ich und Überich
    selbst unbewußt sind. In beiden Fällen haben
    wir von der unerfreulichen Einsicht Kenntnis
    zu nehmen daß (Über-) Ich und bewußt einer-
    seits Verdrängtes und Unbewußtes anderseits
    keineswegs zusammenfallen.

        Meine Damen und Herren. Ich empfinde das Bedürfnis
    eine Atempause zu machen, die auch Sie als
    wohltuend begrüßen werden, und mich ehe ich
    fortsetze bei Ihnen zu entschuldigen. Ich will
    Ihnen Nachträge zu einer Einführung in die
    Psychoanalyse geben, die ich vor 15 Jahren begonnen
    habe, und muß mich benehmen als
    hätten auch Sie in dieser Zwischenzeit nichts
    anderes als Psychoanalyse getrieben. Ich weiß
    daß das ist eine ungehörige Zumutung, aber ich
    bin hilflos ich kann es nicht anders machen.
    Es hängt wohl daran daß es überhaupt so schwer
    ist dem der nicht selbst Psychoanalytiker ist
    einen Einblick in die Psychoanalyse zu geben.
    Sie können mir glauben, daß wir nicht gern
    den Anschein erwecken als seien wir Geheim-
    bündler und betreiben eine Geheimwissenschaft.
    Und doch mußten wir erkennen und als unsere
    Überzeugung verkünden daß niemand das
    Recht hat in die Psychoanalyse dreinzureden
    wenn er sich nicht bestimmte Erfahrungen
    erworben hat, die man nur durch eine
    Analyse an seiner eigenen Person er-
    werben kann. Als ich Ihnen vor fünfzehn
    Jahren meine Vorlesungen gab, suchte ich Sie

  • S.

    66

    mit gewissen spekulativen Stücken unserer Theorie
    zu verschonen, aber gerade an die knüpfen die
    Neuerwerbungen an von denen ich heute zu sprechen
    habe.

        Ich kehre zum Thema zurück In dem Zweifel ob
    Ich und Überich selbst unbewußt sein oder nur
    unbewußte Wirkungen entfalten können, haben
    wir uns mit guten Gründen für die erstere Mög-
    lichkeit entschieden. Ja, große Anteile des Ichs und
    Überichs können unbewußt bleiben sind
    normaler Weise unbewußt. Es trifft ja daß
    Ich und bewußt, Verdrängtes und unbewußt nicht
    zusammenfallen. Wir empfinden das Bedürfnis
    unsere Einstellung zum Problem bewußt – un-
    bewußt gründlich zu revidieren. Zunächst sind
    wir geneigt den Wert des Kriteriums
    der Bewußtheit, da es sich als so unzuverlässig
    erwiesen hat, recht herabzusetzen. Aber wir
    täten Unrecht daran. Es ist damit wie mit unserem
    Leben, es ist nicht viel, aber es ist alles was
    wir haben. Ohne die Leuchte der Bewußtseins-
    qualität wären wir im Dunkel der Tiefen-
    psychologie verloren; aber wir dürfen ver-
    suchen, uns neu zu orientieren.
    Das heißt die Person weiß nichts von
    deren Inhalten und bedarf eines Aufwands
    an Mühe sie ihr bewußt zu machen.

    Was man bewußt heißen soll brauchen wir nicht
    zu erörtern, es ist jedem Zweifel entzogen.
    Die älteste und beste Bedeutung des Wortes „un=-
    bewußt“ ist die deskriptive; wir nennen
    unbewußt einen psychischen Vorgang dessen
    Existenz wir annehmen müssen, etwa weil wir
    aus seinen Wirkungen erschließen, von dem
    wir aber nichts wissen. Wir haben dann zu ihm
    dieselbe Beziehung wie zu einem psychischen Vor-
    gang bei einem anderen Menschen, nur daß
    er eben einer unserer eigenen ist. Wenn
    wir noch korrekter sein wollen, werden
    wir den Satz dahin modifizieren, daß wir einen
    Vorgang unbewußt heißen wenn wir an-
    nehmen müssen er sei derzeit aktiviert
    obwohl wir derzeit nichts von ihm wissen.
    Diese Einschränkung läßt uns daran denken
    daß die meisten bewußten Vorgänge nur
    für kurze Zeit bewußt sind, sehr bald werden
    sie latent können aber leicht wiederum
    bewußt werden. Wir könnten auch sagen
    sie seien unbewußt geworden, wenn es
    überhaupt sicher wäre daß sie im Zustand
    der Latenz noch etwas Psychisches sind. Soweit

  • S.

    67

    hätten wir nichts Neues erfahren auch nicht das Recht
    erworben den Begriff eines Unbewußten in
    die Psychologie einzuführen. Dann kommt aber
    die neue Erfahrung die wir schon an den Fehl-
    leistungen machen können. Wir sehen uns z.B.
    zur Erklärung eines Versprechens genötigt
    anzunehmen, daß sich bei dem Betreffenden eine
    bestimmte Redeabsicht gebildet hatte. Wir erraten
    sie mit Sicherheit aus der vorgefallenen Störung
    der Rede aber sie hatte sich nicht durchgesetzt,
    sie war also unbewußt. Wenn wir sie nach-
    träglich dem Redner vorführen kann er
    sie als eine ihm vertraute anerkennen dann
    war sie nur zeitweilig unbewußt oder sie
    als ihm fremd verleugnen dann war sie
    dauernd unbewußt. Aus dieser Erfahrung
    schöpfen wir rückgreifend das Recht, auch das
    als latent Bezeichnete für ein Unbewußtes
    zu erklären. Die Berücksichtigung dieser
    dynamischen Verhältnisse gestattet uns jetzt
    zweierlei Unbewußtes zu unterscheiden,
    eines das leicht unter häufig hergestellten
    Bedingungen sich in Bewußtes umwandelt
    ein anderes bei dem diese Umsetzung schwer,
    nur unter erheblichem Müheaufwand, möglicher-
    weise niemals erfolgt. Um der Zweideutig-
    keit zu entgehen, ob wir das eine oder das
    andere Unbewußte meinen das Wort im
    deskriptiven oder im dynamischen Sinn gebrauchen,
    wenden wir ein erlaubtes einfaches Auskunfts-
    mittel an. Wir heißen jenes Unbewußte das
    nur latent ist und so leicht bewußt wird das
    Vorbewußte behalten die Bezeichnung „un-
    bewußt“ dem anderen vor. Wir haben nun
    drei Termini: bewußt, vorbewußt, unbe-
    wußt, mit denen wir in der Beschreibung
    der seelischen Phänomene unser Auskommen
    finden. Nochmals rein deskriptiv ist auch
    das Vorbewußte unbewußt aber wir be-
    zeichnen es nicht so außer in lockerer
    Darstellung oder wenn wir die Existenz
    unbewußter Vorgänge überhaupt im
    Seelenleben zu verteidigen haben.

        Sie werden mir hoffentlich zugeben,
    das sei so weit nicht gar arg und erlaube
    eine bequeme Handhabung. Ja, aber leider
    hat die psychoanalytische Arbeit sich gedrängt
    gefunden das Wort unbewußt noch in
    einem anderen, dritten Sinn zu verwenden,

  • S.

    68

    und das mag allerdings Verwirrung gestiftet haben.
    Unter dem neuen und starken Eindruck daß ein
    weites und wichtiges Gebiet des Seelenlebens
    der Kenntnis des Ichs normaler Weise entzogen
    ist, so daß die Vorgänge darin als unbewußte
    im richtigen dynamischen Sinn anerkannt werden
    müssen, haben wir den Terminus unbewußt
    auch in einem topischen oder systematischen
    Sinn verstanden von einem System des Vor-
    bewußten und des Unbewußten gesprochen
    von einem Konflikts des Ichs mit dem System
    Ubw, das Wort immer mehr eher eine seelische Provinz
    bedeuten lassen als eine Qualität des Seelischen.
    Die eigentlich unbequeme Entdeckung daß auch An-
    teile des Ichs und Überichs im dynamischen Sinn
    unbewußt sind, wirkt hier wie eine Erleichter-
    ung, gestattet uns eine Komplikation wegzu-
    räumen. Wir sehen wir haben kein Recht
    das ichfremde Seelengebiet das System Ubw
    zu nennen, da die Unbewußtheit nicht sein
    ausschließender Charakter ist. Gut, so wollen wir
    unbewußt nicht mehr im systematischen Sinn
    gebrauchen und dem bisher so bezeichneten
    einen besseren nicht mehr mißverständlichen
    Namen geben. In Anlehnung an den Sprach-
    gebrauch bei Nietzsche und infolge einer
    Anregung von G. Groddeck heißen wir es
    fortan das Es. Dies unpersönliche Fürwort
    scheint besonders geeignet, den Hauptchar-
    akter dieser Seelenprovinz, ihre Ichfremd-
    heit auszudrücken. Überich, Ich und Es
    sind nun die drei Reiche, Gebiete, Provinzen in die wir den Seelenapparat
    der Person zerlegen, mit deren gegen-
    seitigen Beziehungen wir uns im
    Weiteren beschäftigen wollen.

        Vorher nur eine kurze Einschaltung. Ich ver-
    mute Sie sind unzufrieden damit, daß die drei
    Qualitäten der Bewußtheit und die drei Pro-
    vinzen des seelischen Apparates sich nicht zu
    drei friedlichen Paaren zusammen gefunden
    haben und sehen darin etwas wie eine
    Trübung unserer Resultate. Ich meine aber
    wir sollten es nicht bedauern und sollten
    uns sagen daß wir kein Recht hatten eine
    so glatte Anordnung zu erwarten. Lassen Sie
    mich eine Vergleichung bringen, Vergleiche

  • S.

    69

    entscheiden nichts, das ist wahr aber sie können machen,
    daß man sich heimischer fühlt. Ich imaginiere ein
    Land mit mannigfaltiger Bodengestaltung, Hügel-
    land, Ebene und Seenketten, mit gemischter Be-
    völkerung - es wohnen darin Deutsche, Magyaren
    und Slowaken, die auch verschiedene Tätigkeiten
    betreiben. Nun könnte die Verteilung so
    sein, daß im Hügelland die Deutschen wohnen
    die Viehzüchter sind, im Flachland die Magyaren
    die Getreide und Wein bauen, an den Seen
    die Slowaken die Fische fangen und Schilf flechten.
    Wenn diese Verteilung glatt und reinlich wäre
    würde ein Wilson seine Freude an ihr haben,
    es wäre auch bequem für den Vortrag in
    der Geographiestunde. Es ist aber wahrscheinlich
    daß Sie weniger Ordnung und mehr Vermeng-
    ung finden wenn Sie die Gegend bereisen.
    Deutsche, Magyaren und Slowaken leben überall
    durch einander, im Hügelland gibt es auch Äcker
    in der Ebene wird auch Vieh gehalten. Einiges
    ist natürlich so wie Sie es erwartet haben denn
    auf Bergen kann man keine Fische fangen
    im Wasser wächst kein Wein. Ja, das Bild der
    Gegend, das Sie mitgebracht haben, mag im
    großen und ganzen zutreffend sein, im
    einzelnen werden Sie Abweichungen
    sich gefallen lassen.

        Sie erwarten nicht daß ich Ihnen vom
    Es außer dem neuen Namen viel Neues
    mitzuteilen habe. Es ist der dunkle, unzugängliche
    Teil unserer Persönlichkeit, das wenige was
    wir von ihm wissen haben wir durch das
    Studium der Traumarbeit und der neurotischen
    Symptombildung erfahren und das meiste davon
    hat negativen Charakter, läßt sich nur als
    Gegensatz zum Ich beschreiben. Wir nähern
    uns dem Es mit Vergleichen nennen es ein
    Chaos einen Kessel voll brodelnder Erreg-
    ungen. Wir stellen uns vor es sei am Ende
    gegen das Somatische offen nehme da die
    Triebbedürfnisse in sich auf, die in ihm ihren
    psychischen Ausdruck finden wir können
    aber nicht sagen in welchem Substrat.
    Von den Trieben her erfüllt es sich mit Energie
    aber es hat keine Organisation, bringt keinen
    Gesamtwillen auf, nur das Bestreben den
    Triebbedürfnissen unter Einhaltung des Lustprinzips
    Befriedigung zu schaffen. Für die Vorgänge
    im Es gelten die logischen Denkgesetze nicht
    vor allem nicht der Satz des Widerspruchs.
    Gegensätzliche Regungen bestehen neben
    einander ohne einander aufzuheben oder
    sich von einander abzuziehen, höchstens daß

  • S.

    70

    sie unter dem herrschenden ökonomischen Zwang
    zur Abfuhr der Energie zu Kompromißbildungen
    zusammentreten. Es gibt im Es nichts, was man
    der Negation gleichstellen könnte, auch nimmt
    man mit Überraschung die Ausnahme von dem
    Satz der Philosophen wahr, daß Raum und
    Zeit notwendige Formen unserer seelischen
    Akte seien. Im Es findet sich nichts was der
    Zeitvorstellung entspricht, keine Anerkennung
    eines zeitlichen Ablaufs und was höchst merk-
    würdig ist und seiner Würdigung im philosophischen
    Denken wartet, keine Veränderung des seelischen
    Vorgangs durch den Zeitablauf. Wunschregungen
    die das Es nie überschritten haben aber auch Ein-
    drücke die durch Verdrängung ins Es versenkt
    worden sind, sind virtuell unsterblich, verhalten
    sich nach Dezennien als ob sie neu vorgefallen
    wären. Als Vergangenheit erkannt, entwertet
    und ihrer Energiebesetzung beraubt können
    sie erst werden, wenn sie durch die analytische
    Arbeit bewußt geworden sind, und darauf beruht
    nicht zum kleinsten Teil die therapeutische Wirk-
    ung der analytischen Behandlung.
    Ich habe immer wieder den Eindruck daß wir aus
    dieser über jeden Zweifel feststehenden Tatsache
    der Unveränderlichkeit des Verdrängten durch
    die Zeit viel zu wenig für unsere Theorie ge-
    macht haben. Da scheint sich doch ein Zugang zu
    den tiefsten Einsichten zu eröffnen. Leider
    bin auch ich da nicht weiter gekommen.

        Selbstverständlich kennt das Es keine Wertungen,
    kein Gut und Böse keine Moral. Das ökonomische
    oder, wenn Sie wollen quantitative Moment
    mit dem Lustprinzip innig verknüpft beherrscht
    alle Vorgänge. Triebbesetzungen, die nach
    Abfuhr verlangen, das, meinen wir, sei alles
    im Es. Es scheint sogar daß sich die Energie
    dieser Triebregungen in einem anderen Zustand
    befindet als in den anderen seelischen Bezirken
    weit leichter beweglich und abfuhrfähig ist, denn
    sonst würden nicht jene Verschiebungen
    und Verdichtungen vorfallen, die für das
    Es charakteristisch sind und die so vollkommen
    von der Qualität des Besetzten – im Ich
    würden wir es eine Vorstellung nennen –
    absehen. Man gäbe was darum wenn man
    von diesen Dingen mehr verstehen könnte!
    Sie sehen übrigens, daß wir in der Lage sind, vom
    Es noch andere Eigenschaften anzugeben als daß
    es unbewußt ist, und Sie erkennen die Möglich-
    keit daß Teile vom Ich und Überich unbewußt
    seien ohne die nämlichen primitiven und irration-
    ellen Charaktere zu besitzen.

  • S.

    71

    Zu einer Charakteristik des eigentlichen Ichs
    insofern es sich vom Es und vom Überich sondern
    läßt gelangen wir am ehesten wenn wir
    seine Beziehung zum äußersten oberflächlichen
    Stück des seelischen Apparats ins Auge fassen, das wir
    als das System W-Bw bezeichnen. Dieses System
    ist der Außenwelt zugewendet, es vermittelt die
    Wahrnehmungen von ihr, in ihm entsteht während
    seiner Funktion das Phänomen des Bewußtseins.
    Es ist das Sinnesorgan des ganzen Apparats, empfänglich
    übrigens nicht nur für Erregungen die von außen
    sondern auch für solche die aus dem Inneren
    des Seelenlebens herankommen. Die Auffassung bedarf
    kaum einer Rechtfertigung, daß das Ich jener Teil
    des Es ist, der durch die Nähe und den Einfluß der
    Außenwelt modifiziert wurde, zur Reizaufnahme
    und zum Reizschutz eingerichtet vergleichbar
    der Rindenschicht mit der sich ein Klümpchen
    lebender Substanz umgibt. Die Beziehung zur
    Außenwelt ist für das Ich entscheidend geworden
    es hat die Aufgabe übernommen, sie bei dem Es zu
    vertreten, zum Heil des Es das ohne Rücksicht auf
    diese übergewaltige Außenmacht im blinden
    Streben nach Triebbefriedigung der Vernichtung
    nicht entgehen würde. In der Erfüllung dieser
    Funktion muß das Ich die Außenwelt beob-
    achten, eine getreue Abbildung von ihr in den
    Erinnerungsspuren seiner Wahrnehmungen
    niederlegen, durch die Tätigkeit der Realitäts-
    prüfung fernhalten was an diesem Bild der
    Außenwelt Zutat aus inneren Erregungs-
    quellen ist. Im Auftrag des Es beherrscht das
    Ich die Zugänge zur Motilität aber es
    hat zwischen Bedürfnis und Handlung den Auf-
    schub der Denkarbeit eingeschaltet während
    dessen es die Erinnerungsreste der Erfahrung
    verwertet. Auf solche Weise hat es das Lustprinzip
    entthront das uneingeschränkt den Ablauf der
    Vorgänge im Es beherrscht und es durch das
    Realitätsprinzip ersetzt das mehr Sicherheit und
    größeren Erfolg verspricht.
    Auch die so schwer zu beschreibende Beziehung zur
    Zeit wird dem Ich durch das Wahrnehmungssystem
    vermittelt; es ist kaum zweifelhaft daß die
    Arbeitsweise dieses Systems der Zeitvorstellung
    den Ursprung gibt. Was das Ich zum Unterschied
    vom Es aber ganz besonders auszeichnet ist
    ein Zug zur Synthese seiner Inhalte, zur Zusammen-
    fassung und Vereinheitlichung seiner seelischen
    Vorgänge, der dem Es völlig abgeht. Wenn
    wir nächstens einmal von den Trieben im
    Seelenleben handeln, wird es uns hoffentlich

  • S.

    72

    gelingen diesen wesentlichen Charakter des Ichs
    auf seine Quelle zurückzuführen. Er allein
    stellt jenen hohen Grad von Organisation her,
    dessen das Ich bei seinen besten Leistungen
    bedarf. Es entwickelt sich von der Triebwahrnehm-
    ung zur Triebbeherrschung, aber die letztere
    wird nur dadurch erreicht, daß die Triebrepräsen-
    tanz in einen größeren Verband einge-
    ordnet in einen Zusammenhang aufgenommen
    wird. Wenn wir uns populären Redeweisen
    anpassen dürfen wir sagen daß das Ich im
    Seelenleben Vernunft und Besonnenheit
    vertritt das Es aber die Leidenschaften ungezähmten.

        Wir haben uns bisher durch die Aufzählung
    der Vorzüge und Fähigkeiten des Ichs imponieren
    lassen; es ist jetzt Zeit auch der Kehrseite zu
    gedenken, das Ich ist doch nur ein Stück vom Es,
    ein durch die Nähe der gefahrdrohenden
    Außenwelt zweckmäßig verändertes Stück.
    In dynamischer Hinsicht ist es schwach, seine Energien
    hat es dem Es entlehnt und wir sind nicht ganz
    ohne Einsicht in die Methoden man könnte
    sagen in die Schliche durch die es dem
    Es weitere Energiebeträge entzieht. Ein solcher
    Weg ist zum Beispiel auch die Identifizierung
    mit beibehaltenen oder aufgegebenen Objekten.
    Die Objektbesetzungen gehen von den Trieb-
    ansprüchen des Es aus. Das Ich hat sie zunächst
    zu registrieren. Aber indem es sich mit dem
    Objekt identifiziert empfiehlt es sich dem
    Es an Stelle des Objekts will es die Libido
    des Es auf sich lenken. Wir haben schon
    gehört daß das Ich im Lauf des Lebens eine
    große Anzahl von solchen Niederschlägen
    ehemaliger Objektbesetzungen in sich auf-
    nimmt. Im Ganzen muß das Ich die Absichten
    des Es durchführen, es erfüllt seine Aufgabe
    wenn es die Umstände ausfindig macht unter
    denen diese Absichten am besten erreicht
    werden. Man könnte das Verhält-
    nis des Ichs zum Es mit dem des Reiters
    zu seinem Pferd vergleichen. Das Pferd
    gibt die Energie für die Lokomotion her,
    der Reiter hat das Vorrecht das Ziel zu be-
    stimmen, die Bewegung des starken Tieres
    zu leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet
    sich allzu häufig der nicht ideale Fall, daß
    der Reiter das Roß dahin führen muß,
    wohin es selbst gehen will.
    Von einem Teil des Es hat sich das Ich durch
    Verdrängungswiderstände geschieden.

  • S.

    73

    Aber die Verdrängung setzt sich nicht in das Es fort.
    Das Verdrängte fließt mit dem übrigen Es zusammen.
    Ein Sprichwort warnt davor gleichzeitig zwei
    Herren gut dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer
    es dient drei gestrengen Herren ist bemüht
    deren Ansprüche und Forderungen in Einklang
    mit einander zu bringen. Diese Ansprüche gehen
    immer aus einander scheinen oft unvereinbar
    zu sein, kein Wunder wenn das Ich so oft an
    seiner Aufgabe scheitert. Die drei Zwingherren
    sind die Außenwelt, das Überich und das Es.
    Wenn man die Anstrengungen des Ichs verfolgt
    ihnen gleichzeitig gerecht zu werden, besser gesagt
    ihnen gleichzeitig zu gehorchen kann man nicht
    bereuen dieses Ich personifiziert als ein be-
    sonderes Wesen hingestellt zu haben. Es fühlt
    sich von drei Seiten her eingeengt von dreier-
    lei Gefahren bedroht auf die es im Falle
    der Bedrängnis mit Angstentwicklung reagiert.
    Durch seine Herkunft aus den Erfahrungen des
    Wahrnehmungssystems ist es dazu bestimmt
    die Anforderungen der Außenwelt zu vertreten
    aber es will auch der getreue Diener des Es
    sein, im Einvernehmen mit ihm bleiben, sich
    ihm als Objekt empfehlen, seine Libido auf sich
    ziehen. In seinem Vermittlungsbestreben
    zwischen Es und Realität ist es oft genötigt die
    ubw Gebote des Es mit seinen vbw Rational-
    isierungen zu bekleiden, die Konflikte des
    Es mit der Realität zu vertuschen mit
    diplomatischer Unaufrichtigkeit eine Rücksicht-
    nahme auf die Realität vorzuspiegeln, auch
    wenn das Es starr und unnachgiebig geblieben
    ist. Anderseits wird es auf Schritt und Tritt von
    dem gestrengen Überich beobachtet das ihm be-
    stimmte Normen seines Verhaltens vorhält
    ohne Rücksicht auf die Schwierigkeiten von
    Seiten des Es und der Außenwelt zu nehmen
    und es im Falle der Nichteinhaltung mit
    den Spannungsgefühlen der Minderwertigkeit
    und des Schuldbewußtseins bestraft. So vom
    Es getrieben von der Realität zurückgestoßen
    vom Überich eingeengt, ringt das Ich um
    die Bewältigung seiner ökonomischen Auf-
    gabe die Harmonie unter den Kräften und
    Einflüssen herzustellen, die in ihm und auf
    dasselbe wirken und wir verstehen warum
    wir so oft den Ausruf nicht unterdrücken
    können: Das Leben ist nicht leicht! Wenn
    das Ich seine Schwäche einbekennen muß,
    bricht es in Angst aus, Realangst vor
    der Außenwelt, Gewissensangst vor dem

  • S.

    74

    übrigens neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften
    im Es.

        Die Strukturverhältnisse der seelischen Persönlichkeit
    die ich vor Ihnen entwickelt habe möchte ich in
    einer anspruchslosen Zeichnung darstellen, die ich
    Ihnen hier vorlege.

    W-Bw
    Überich Ich Vbw
    Ubw Es

    W-Bw
    Ich
    Vbw
    Ubw
    Es
    Überich

    W-Bw
    Ich
    vorbewußt
    unbewußt
    Es
    Überich

    W-Bw
    Ich
    vorbewußt
    unbewußt
    Es
    Überich
    Vdgt

        Sie sehen hier, das Überich
    taucht in das Es ein als
    Erbe des Oedipuskomplexes
    hat es ja intime Zusammenhänge
    mit ihm; es liegt weiter ab
    vom Wahrnehmungssystem als das
    Ich. Das Es verkehrt mit der Außenwelt nur über
    das Ich, wenigstens in diesem Schema. Es ist gewiß
    heute schwer zu sagen inwieweit die Zeichnung richtig
    ist; in einem Punkt ist sie es gewiß nicht. Der
    Raum den das unbewußte Es einnimmt müßte un-
    vergleichlich größer sein als der des Ichs oder des
    Vorbewußten. Ich bitte, verbessern Sie das in
    Ihren Gedanken.

        Und nun zum Abschluß dieser gewiß anstrengenden
    und vielleicht nicht einleuchtenden Ausführungen
    noch eine Mahnung! Sie denken bei dieser
    Sonderung der Persönlichkeit in Ich Überich
    und Es gewiß nicht an scharfe Grenzen wie
    sie künstlich in der politischen Geographie
    gezogen worden sind. Der Eigenart des Psychischen
    können wir nicht durch lineare Konturen
    gerecht werden wie in der Zeichnung oder in
    der primitiven Malerei eher durch verschwimm-
    ende Farbenfelder wie bei den modernen
    Malern. Nachdem wir gesondert haben müssen
    wir das Gesonderte wieder zusammenfließen
    lassen. Urteilen Sie nicht zu hart über
    einen ersten Versuch das so schwer faßbare

  • S.

    75

    Psychische anschaulich zu machen. Es ist sehr wahrscheinlich
    daß die Ausbildung dieser Sonderungen bei verschiedenen
    Personen großen Variationen unterliegt möglich daß
    sie bei der Funktion selbst verändert und zeit-
    weilig rückgebildet werden besonders für die phylo-
    genetisch letzte und heikelste die Differenzierung von
    Ich und Überich scheint dergleichen zuzutreffen.
    Es ist unzweifelhaft daß das Gleiche durch psychische Er-
    krankung hervorgerufen wird. Man kann auch
    gut vorstellen daß es gewissen mystischen Praktiken
    gelingen mag die normalen Beziehungen zwischen
    den einzelnen Bezirken seelischen derart umzuwerfen
    daß zB. unabsehbare so daß zB. die Wahr-
    nehmung Verhältnisse im tiefen Ich und im Es erfassen kann die ihr sonst unzugänglich wären. Ob
    man auf diesem Weg der letzten Weisheiten
    haft wird von denen man alles Heil
    erwartet darf man getrost bezweifeln. Immerhin
    wollen wir zugeben daß auch die therapeutischen
    Bemühungen der Psychoanalyse sich einen ähnlichen
    Angriffspunkt gewählt haben. Ihre Absicht ist ja
    das Ich zu stärken es von dem Überich unabhängiger zu
    machen, sein Wahrnehmungsfeld es durch Erweiterung seines Wahrnehmungsfelds
    und Ausbau seiner Organisation in den Stand
    zu setzen daß es sich neue Stücke des Es
    aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden.

    Es ist Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung
    der Zuydersee.
    sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern und
    seine Organisation auszubauen sodaß es
    sich neue Stücke des Es aneignen kann