S.
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XXXI
Die Zerlegung der psychischen Persönlichkeit.
Meine Damen und Herren! Ich weiß, Sie kennen
für Ihre eigenen Beziehungen, ob es sich um
Personen oder um Dinge handelt die Be-
deutung des Ausgangspunktes. So war es auch
mit der Psychoanalyse: Für die Entwicklung die
sie nahm, für die Aufnahme die sie fand,
ist es nicht gleichgültig gewesen, daß sie ihre
ArbeitamSymptom begann, am Ichfremde-
sten, das sich in der Seele vorfindet. Das Symptom
stammt vom Verdrängten ab, ist gleichsam der
Vertreter desselben vor dem Ich, das Verdrängte
ist aber für das Ich Ausland, inneres Ausland,sowie die Realitätgestatten Sie den ungewohnten
Ausdruck äußeres Ausland ist. Vom Symptom
her führte der Weg zum Unbewußten, zum
Triebleben, zur Sexualität, und das war
die Zeit, da die Psychoanalyse die geistvollen
Einwendungenzu hören bekamzu hören bekam, der Mensch
sei nicht bloß ein Sexualwesen er kenne
auch edlere und höhere Regungen. Man hätte
hinzusetzen können, gehoben durch das Bewußt-
sein dieser höheren Regungen nehme er
sich öfters das Recht heraus Unsinn zu
denken und Tatsachen zu vernachlässigen.Sie wissen es besser, es hat von allem Anfang
an bei uns geheißen, der Mensch erkranke
an dem Konflikt zwischen den Ansprüchen
des Trieblebens und dem Widerstand, der sich
in ihm dagegen erhebt, und wir hatten
keinen Augenblick an diese widerstehende,
abweisende, verdrängende Instanz vergessen,
die wir uns mit ihren besonderen Kräften,
den Ichtrieben ausgestattet dachten und die
eben mit dem Ich der populären Psychologie
zusammenfällt. Nur daß es bei dem mühsamenSchreitenFortschreiten der wissenschaftlichen Arbeit auch
der Psychoanalyse nicht möglich war auf
alle Gebiete gleichzeitig
zu studieren und sich über alle Probleme
in einem Atem zu äußern. Endlich war
man soweit gekommen daß man seine
Aufmerksamkeit vom Verdrängten weg
auf das Verdrängende richten konnte,S.
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und stand vor diesem Ich, das so selbstverständlich zu
sein schien, mit der sicheren Erwartung, auch hier
Dinge zu finden auf die man nicht vorbereitet
sein konnte; aber es war nicht leicht, einen
ersten Zugang zu finden. Das ist es worüber
ich Ihnen heute berichten will!Ich muß aber doch meiner Vermutung Ausdruck
geben, daß diese meine Darstellung der Ichpsychologie
anders auf Sie wirken wird als die Einführung
in diepsychischeUnterwelt die ihr vorausgegangen
ist. Warum das der Fall sein sollte, weiß ich
nicht sicher zu sagen. Ich meinte zuerst, Sie würden
herausfinden, daß ich Ihnen vorhin hauptsächlich
Tatsachen berichtet hatte, wenn auch fremdartige
und sonderbare, während Sie diesmal vorwiegendmitAuffassungen, also Spekulationen zu hören
bekommen. Aber es trifft nicht zu. Bei besserer
Erwägung muß ich behaupten daß der Anteil
der gedanklichen Verarbeitung des tatsächlichen
Materials inderunserer Ichpsychologie nicht
viel größer ist als er in der Neurosenpsychologie
war. Auch andere Begründungen meiner Er-
wartung mußte ich verwerfen; ich meine jetzt
es liegt irgendwie am Charakter des Stoffes
selbst und an unserer Ungewohntheit, mit ihm
umzugehen. Immerhinesich werde nicht erstaunt sein wennSie sich in Ihrem Urteil noch zurückhalt==ender und vorsichtiger als bisher. erweisenich werde nicht erstaunt sein wennSie sichin Ihrem Urteil noch zurückhalt= Sie sich
=ender und vorsichtigerals bisherzeigen als bisher.Die Situation in der wir uns zum Beginn
unserer Untersuchung befinden soll uns
selbst den Weg weisen. Wir wollen das
Ich zum Gegenstand dieser Untersuchung
machen, unser eigenstes Ich. Aber kann man
das? Das Ich ist ja doch das eigentlichste Subjekt
wie soll es zum Objekt werden? Nun es
ist kein Zweifel daß man das kann. Das
Ich kann sich selbst zum Objekt nehmen, sich
behandeln wie andere Objekte, sich be-
obachten, kritisieren, Gott weiß was noch alles
mit sich selbst anstellen. Dabei stellt sich
ein Teil des Ichs dem übrigen gegenüber.
Das Ich ist also spaltbar, es spaltet sich während
mancher seiner Funktionen, wenigstens
vorübergehend. Die Teilstücke können sich
nachherzusammenvereinigen. Das ist gerade
keine Neuigkeit, vielleicht eine unge-
wohnte Betonung allgemein bekannter
Dinge.S.
55
Anderseits sind wir mit der Auffassung vertraut
daß die Pathologie uns durch ihre Vergrößer-
ungen und Vergröberungen auf normale Ver-
hältnisse aufmerksam machen kann die uns sonst ent-
gangen wären. Wo sie uns einen Bruch oder
Riß zeigt kann normalerweise eine Glieder-
ung vorhanden sein. Wenn wir einen Krystall
zu Boden werfen, zerbricht er, aber nicht will-
kürlich er zerfällt dabei nach seinen Spalt-
richtungen in Stücke deren Abgrenzung, obwohl
unsichtbar doch durch die Struktur des Krystalls
vorher bestimmt war. Solche rissige und gesprung-
ene Strukturen sind auch die Geisteskranken.
Etwas von der ehrfürchtigen Scheu die alte Völker
den Wahnsinnigen bezeugten können auch
wir ihnen nicht versagen. Sie haben sich von
der äußeren Realität abgewendet aber eben
darum wissen sie mehr von der inneren
psychischen Realität und können uns manches
verraten was uns sonst unzugänglich wäre.
Von einer Gruppe dieser Kranken sagen wir,
sie leiden am Beobachtungswahn. Sie klagen
uns daß sie unausgesetzt und bis in ihr intim-
stes Tun von der Beobachtung unbekannter
Mächte wahrscheinlich doch Personen belästigt
werden und hören halluzinatorisch, wie
diese Personen die Ergebnisse ihrer Beobachtung
verkünden: Jetzt will er das sagen, jetzt
kleidet er sich an um auszugehen usw.
Diese Beobachtung ist noch nicht dasselbe wie
eine Verfolgung aber sie ist nicht weit
davon, sie setzt voraus daß man ihnen
mißtraut, daß man erwartet sie bei
verbotenen Handlungen zu ertappen,
für die sie gestraft werden sollen. Wie
wäre es wenn diese Wahnsinnigen Recht
hätten, wenn bei uns allen eine solche
beobachtende und strafandrohende Instanz
im Ich vorhanden wäre, die sich bei
ihnen nur scharf vom Ich gesondert hätte
und irrtümlicherweise in die äußere
Realität verschoben worden wäre?Ich weiß nicht ob es Ihnen ebenso ergehenwird wie mir. Seitdem ich unter dem Ein-druck des Krankheitsbildes die Idee gefaßthatte, daß die Sonderung einer beobachtendenInstanz vom übrigen Ich ein regelmäßigerZug in der Struktur des Ichs sein könnte,S.
56
hat sie mich nicht mehr verlassen, und ich war getrieben
nach den weiteren Charakteren und Beziehungen
dieser so abgesonderten Instanz zu forschen. Der
nächste Schritt ist bald getan. Schon der Inhalt des
Beobachtungswahns legt es nahe daß das Beobachten
nur eine Vorbereitung ist für das Richten und
Strafen und somit erraten wir daß eine andere
Funktion dieser Instanz das sein muß was wir
unser Gewissen nennen. Es gibt kaum
etwas anderes in uns was wir so regelmäßig
von unserem Ich sondern und so leicht ihm
entgegenstellen wie gerade das Gewissen. Ich ver-
spüre die Neigung etwas zu tun wovon
ich mir Lust verspreche, aber ich unterlasse es
mit der Begründung, mein Gewissen erlaubt
es nicht. Oder ich habe mich von der übergroßen
Lusterwartung bewegen lassen etwas zu tun
wogegen die Stimme des Gewissens Einspruch
erhob und nach der Tat straft mich mein Ge-
wissen mit peinlichen Vorwürfen, läßt mich
die Reuewegenob der Tat empfinden. Ich könnte
einfach sagen die besondere Instanz die ich im
Ich zu unterscheiden beginne ist das Gewissen,
aber es ist vorsichtigeresdie Instanzetwas drüber zuhaltenselbständig zu halten und anzunehmen das Gewissenalssei eineseinerihrerÄußerungenFunktionenaufzufassenund
die Selbstbeobachtungdieseals Voraussetzung für die richterliche
Tätigkeit des Gewissens unentbehrlich sei eine
andere. Und da es zur Anerkennung einer
gesonderten Existenz gehört daß man dem
Ding einen eigenen Namen gibt will ich
diese Instanz im Ich von nun an als das
Überich bezeichnen.Jetzt bin ich darauf gefaßt daß Sie mich höhnisch
fragen, ob unsere Ichpsychologie überhaupt
darauf hinausläuft gebräuchliche Abstraktionen
wörtlich zu nehmen und zu vergröbern sie
aus Begriffen in Dinge zu verwandeln,
womit nicht viel gewonnen wäre. Ich antworte,
es wird schwer halten in der Ichpsychologie dem
Allbekannten auszuweichen, es wird mehr
auf neue Auffassungen und Anordnungen
ankommen als auf Neuentdeckungen. Bleiben
Sie also vorläufig bei Ihrer herabsetzenden
Kritik und warten Sie die weiteren Äußerungen
ab. Die Tatsachen der Pathologie geben unseren
Bemühungen einen Hintergrund den Sie fürS.
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die Populärpsychologie vergebens suchen würden. Ich
setze fort. Kaum daß wir uns mit der Idee eines
solchen Überichs befreundet haben, das eine gewisse
Selbständigkeit genießt, seine eigenen Absichten
verfolgt und in seinem Energiebesitz vom Ich
unabhängig ist, drängt sich uns ein Krankheitsbild
auf, das die Strenge, ja die Grausamkeit dieser
Instanz und die Wandlungen in ihrer Beziehung
zum Ich auffällig verdeutlicht. Ich meine den
Zustand der Melancholie, genauer des melanchol-
ischen Anfalls, von dem ja auch Sie genug gehört
haben, auch wenn Sie nicht Psychiater sind. An
diesem Leiden, von dessen Verursachung und
Mechanismus wir viel zu wenig wissen, ist der
auffälligste Zug die Art wie das Überich sagen
Sie nur im stillen: das Gewissen das Ich behandelt.
Während der Melancholiker in gesunden Zeiten mehr
oder weniger streng gegen sich sein kann wie
ein anderer, wird im melancholischen Anfall das
Überich überstreng, beschimpft, erniedrigt, miß-
handelt das arme Ich, läßt es die schwersten
Strafen erwarten, macht ihm Vorwürfe wegen
längst vergangener Handlungen die zu ihrer
Zeit leicht genommen wurden als hätte es das
ganze Intervall über Anklagen gesammelt
und nur seine gegenwärtige Erstarkung abgewartet
um mit ihnen hervorzutreten und auf Grund
dieser Anklagen zu verurteilen. Das Überich
legt den strengsten moralischen Maßstab an
das ihm hilflos preisgegebene Ich an, es vertritt
ja überhaupt den Anspruch der Moralität, und
wir erfassen mit einem Blick, daß unser
moralisches Schuldgefühl, der Ausdruck der
Spannung zwischen Ich und Überich ist. Es ist eine
sehr merkwürdige Erfahrung die Moralität die
uns angeblich von Gott verliehen und so tief
eingepflanzt wurde, als periodisches Phänomen
zu sehen. Denn nach einer gewissen Anzahl von
Monaten ist der ganze moralische Spuk vorüber,
die Kritik des Überichs schweigt, das Ich ist wieder
rehabilitiert und genießt alle Menschenrechte bis
zum nächsten Anfall. Ja bei manchen Formen
der Erkrankung findet in den Zwischenzeiten
etwas Gegenteiliges statt, das Ich befindet
sich in einemseligenseligen Rauschzustand es triumphiert
als hätte das Überich alle Kraft verloren
oder wäre mit dem Ich zusammengeflossen, und
dieses freigewordene, manische Ich gestattet sich wirklich
hemmungslos die Befriedigung aller seiner Gelüste. Vor-
gänge, reich an ungelösten Rätseln!S.
58
Sie werden gewiß als eine bloße Illustration
erwarten wenn ich Ihnen ankündige, daß wir über
die Bildung des Überichs also über die Entstehung des
Gewissens mancherlei gelernt haben. In Anlehnung
an den bekannten Ausspruch Kant’s der das Gewissenmitin uns mit dem gestirnten Himmel zusammen-
=bringt könnte ein Frommer wohl versucht
sein, diese beiden als die Meisterstücke der Schöpfung
zu verehren. Die Gestirne sind gewiß großartig aber
was das Gewissen betrifft, so hat Gott hierin un-
=gleichmäßige und nachlässige Arbeit geleistet
denn eine große Überzahl von Menschen hat
davon nur ein bescheidenes Maß oder kaum
soviel als noch der Rede wert ist mitbekommen.
Wir verkennen das Stück psychologischer Wahrheit
keineswegs, das in der Behauptung das
Gewissen sei göttlicher Herkunft enthalten ist
aber der Satz bedarf der Deutung. Wenn das Ge-
=wissen auch etwas „in uns“ ist so ist es doch nicht
von Anfang an. Es ist so recht ein Gegensatz zum
Sexualleben das wirklich von Anfang des
Lebens an da ist und nicht erst später hinzu-
=kommt. Aber das kleine Kind ist bekanntlich
amoralisch es besitzt keine inneren Hemmungen
gegen seine nach Lust strebenden Impulse.
Die Rolle die späterhin das Überich spielt, wird
zuerst von einer äußeren Macht, von der elter-
lichen Autorität gespielt. Der Elterneinfluß regiert
das Kind durch Gewährung von Liebesbeweisen
und durch Androhung von Strafen, die dem Kind
den Liebesverlust beweisen und an sich gefürchtet
werden müssen. Diese Realangst ist der
Vorläufer der späteren Gewissensangst; solange
sie herrscht braucht man von Überich und von
Gewissen nicht zu reden. Erst in weiterer
Folge bildet sich die sekundäre Situation aus
die wir allzu bereitwillig für die normale
halten, daß die äußere Abhaltung verinner-
=licht wird, daß an die Stelle der Eltern-
=instanz das Überich tritt, welches nun das Ich
genau so beobachtet, lenkt und bedroht wie
früher die Eltern das Kind.Das Überich das solcherart die Macht, die Leistung
und selbst die Methode der Elterninstanz
übernimmt, ist aber nicht nur der Rechtsnachfolger
sondern wirklich der legitime Leibeserbe
derselben. Es geht direkt aus ihr hervor wir
werden bald erfahren durch welchen Vorgang. Zunächst
müssen wir jedoch bei einer Unstimmigkeit
zwischen beiden verweilen. Das Überich scheint
in einseitiger Auswahl nur die Härte und
Strenge der Eltern, ihre verbietende und
strafende Funktion aufgegriffen zu haben,S.
59
während deren liebevolle Fürsorge keine Aufnahme
und Fortsetzung findet. Haben die Eltern wirklich
ein strenges Regiment geführt so glauben wir
es leicht begreiflich zu finden wenn sich
auch beim Kind ein strenges Überich entwickelt
aber die Erfahrung zeigt gegen unsere Erwartung
daß das Überich denselben Charakter unerbittlicher
Härte erwerben kann auch wenn die Erziehung
milde und gütig war, Drohungen und Strafen
möglichst vermieden hat. Wir werden auf diesen
Widerspruch später zurückkommen wenn wir
die Triebumsetzungen bei der Bildung des
Überichs behandeln.Von der Umwandlung der Elternbeziehung in das
Überich kann ich Ihnen nicht soviel sagen wie ich
gerne möchte, zum Teil weil dieser Vorgang so ver-
=wickelt ist, daß seine Darstellung sich nicht in
den Rahmen einer Einführung fügt wie ich sie
Ihnen geben will, zum anderen Teil weil
wir selbst nicht glauben, ihn voll durchschaut
zu haben. Begnügen Sie sich also mit den folgenden
Andeutungen. Die Grundlage dieses Vorgangs
ist eine sogenannte Identifizierung, d.h. eine
Angleichung eines Ichs an ein fremdes in deren
Folge dies erste Ich sich in bestimmten Hinsichten
so benimmt wie das andere, es nachahmt gewisser-
=maßen in sich aufnimmt. Man hat die Identifizier-
=ung nicht unpassend mit der oralen, kannibal-
istischen Einverleibung der fremden Person
verglichen. Die Identifizierung ist eine sehr wichtige
Form der Bindung an die andere Person
wahrscheinlich die ursprünglichste, nicht dasselbe
wie eine Objektwahl. Man kann den Unterschied etwa
so ausdrücken: Wenn der Knabe sich mit dem Vater identifiziert
so will er so sein wie der Vater; wenn er
ihn zum Objekt seiner Wahl macht, so will er
ihn haben, besitzen; im ersten Fall wird
sein Ich nach dem Vorbild des Vaters ver-
=ändert, im zweiten Falle ist dies nicht not-
=wendig. Identifizierung und Objektwahl sind
in weitem Ausmaß unabhängig von einander,
man kann sich aber auch mit der nämlichen
Person identifizieren, sein Ich nach ihr ver-
ändern, die man z.B. zum Sexualobjekt ge-
nommen hat. Man sagt daß die Beein-
flussung des Ichs durch das Sexualobjekt besonders
häufig bei Frauen vorkommt und für die
Weiblichkeit charakteristisch ist. Von der
bei weitem lehrreichsten Beziehung zwischen
Identifizierung und Objektwahl muß ich Ihnen
schon einmal in den früheren VorlesungenS.
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gesprochen haben. Sie ist so leicht an Kindern wie
an Erwachsenen normalen und kranken Menschen
zu beobachten. Wenn man ein Objekt verloren
hat oder es aufgeben mußte, so entschädigt man
sich oft genug daß man sich mit ihm identifiziert
es in seinem Ich wieder aufrichtet so daß
hier die Objektwahl gleichsam zur Identifizierung
regrediert.Ich bin von diesen Ausführungen über die Identifizier-
=ung selbst durchaus nicht befriedigt aber genug
wenn Sie mir zugeben können daß die Einsetz-
=ung des Überichs als ein gelungener Fall von
Identifizierung mit der Elterninstanz beschrieben
werden kann. Die für diese Auffassung ent-
scheidende Tatsache ist nun daß diese Neu-
=schöpfung einer überlegenen Instanz im Ich aufs
innigste mit dem Schicksal des Oedipuskomplexes
verknüpft ist, so daß das Überich als der Erbe dieser
für die Kindheit so bedeutungsvollen Gefühls-
bindung erscheint. Wir verstehen mit dem
Auflassen des Oedipuskomplexes mußte das
Kind auf die intensiven Objektbesetzungen verzichten,
die es bei den Eltern untergebracht hatte, und
zur Entschädigung für diesen Objektverlust werden
die wahrscheinlich längst vorhandenen Identifizier-
ungen mit den Eltern in seinem Ich so
sehr verstärkt. Solche Identifizierungen als Nieder-
schläge aufgegebener Objektbesetzungen werden
sich später im Leben des Kindes oft genug
wiederholen aber es entspricht durchaus dem
Gefühlswert dieses ersten Falles einer
solchen Umsetzung daß deren Ergebnis
eine Sonderstellung im Ich eingeräumt wird.
Eingehende Untersuchung belehrt uns auch daß das Über-
ich in seiner Stärke und Ausbildung verkümmert
wenn die Überwindung des Oedipuskomplexes
nur unvollkommen gelingt. Im Laufe der Ent-
=wicklung nimmt das Überich auch die Einflüsse
jener Personen an die an die Stelle der Eltern
getreten sind, also von Erziehern, Lehrern
idealen Vorbildern. Es entfernt sich normaler
Weise immer mehr von den ursprünglichen
Elternindividuen, es wird sozusagen unpersönlicher.
Wir wollen auch nicht daran vergessen, daß das
Kind seine Eltern in verschiedenen Lebens-
=zeiten verschieden einschätzt. Zur Zeit da der
Oedipuskomplex dem Überich Platz räumt
sind sie etwas ganz Großartiges, später büßen
sie sehr viel ein. Es kommen dann auch
Identifizierungen mit diesen späteren
Eltern zustande, sie liefern sogar regel-
=mäßig wichtige Beiträge zur Charakter-S.
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bildung aber sie betreffen dann nur das Ich beein-
flussen nicht mehr das Überich, das durch die frühesten
Elternimagines bestimmt worden ist.Ich hoffe Sie haben bereits den Eindruck
empfangen daß die Aufstellung des Überichs
wirklich ein Strukturverhältnis beschreibt
und nicht einfach eine Abstraktion wie die
des Gewissens personifiziert. Wir haben noch
eine wichtige Funktion zu erwähnen die
wir diesem Überich zuteilen. Es ist auch der
Träger des Ichideals an dem das Ich sich mißt, dem
es nachstrebt, dessen Anspruch auf immer weiter gehende Vervollkom-
mung es zu erfüllen bemüht ist. Kein Zweifel das Ich-
ideal ist der Niederschlag der alten Elternvorstellung der Aus-
druck der Bewunderung jener Vollkommenheit
die das Kind ihnen damals zuschrieb. Ich
weiß Sie haben viel von dem Gefühl der
Minderwertigkeit gehört, das gerade die Neurotiker
auszeichnen soll. Es spukt besonders in der
sogenannt schönen Literatur. Ein Schriftsteller
der das Wort Minderwertigkeits Komplex
gebraucht glaubt damit allen Anforderungen
der Psychoanalyse Genüge getan und
seine Darstellung auf ein höheres psychol-
ogisches Niveau gehoben zu haben. In Wirk-
lichkeit wird das Kunstwort Minderwert-
igkeits Komplex in der Psychoanalyse kaum
verwendet. Es bedeutet uns nichts Einfaches
geschweige denn etwas Elementares. Es auf
die Selbstwahrnehmung etwaiger Organ-
verkümmerungen zurückzuführen wie die
Schule der sogenannten Individualpsychologen zu
tun beliebt, erscheint uns ein kurzsichtiger
Irrtum. Das Gefühl der Minderwertigkeit
hat starke erotische Wurzeln. Das Kind
fühlt sich minderwertig wenn es merkt
daß es nicht geliebt wird, und ebenso der
Erwachsene. Das einzige Organ das wirklich
als minderwertig betrachtet wird ist der
verkümmerte Penis, die Klitoris des Mädchens.
Aber der Hauptanteil des Minderwertigkeits-
gefühles stammt aus der Beziehung des Ichs zu
seinem Überich, ist ebenso wie das Schuld-
gefühl ein Ausdruck der Spannung zwischen
beiden. Minderwertigkeitsgefühl und Schuld-
gefühl sind überhaupt schwer auseinander
zu halten. Vielleicht täte man gut daran
im ersteren die erotische Ergänzung zum
moralischen Minderwertigkeitsgefühl zu
sehen. Wir haben dieser Frage der begrifflichen
Abgrenzung in der Psychoanalyse wenig Aufmerk-
samkeit geschenkt.S.
62
Gerade weil der Minderwertigkeits Komplex so
populär geworden ist gestatte ich mir Sie hier mit
einer kleinen Abschweifung zu unterhalten.
Eine historische Persönlichkeit unserer Zeit die
noch lebt aber gegenwärtig in den Hintergrund
gerückt ist, hat von einer Schädigung während der
Geburt eine gewisse Verkümmerung eines Gliedes
behalten. Ein sehr bekannter Schriftsteller unserer
Tage, der am liebsten Biographien hervorragender
Personen bearbeitet, hat auch dieses von mir
bezeichneten MannesLebenbehandelt.
Nun mag es ja schwer sein das Bedürfnis
nach psychologischer Vertiefung zu unterdrücken
wenn man eine Biographie schreibt. Unser
Autor hat darum den Versuch gewagt die
ganze Charakterentwicklung des Helden
über dem Minderwertigkeitsgefühl das
jener körperliche Defekt wachrufen mußte
aufzubauen. Er hat dabei eine kleine aber
nicht unwichtige Tatsache übersehen. Es ist ge-
wöhnlich daß Mütter denen das Schicksal ein
krankes oder sonst benachteiligtes Kind
geschenkt hat es für diese ungerechte Zurück-
setzung durch ein Übermaß von Liebe
zu entschädigen suchen. In dem zur Rede
stehenden Falle benahm sich die stolze
Mutter anders sie entzog dem Kind ihre
Liebe wegen seines Gebrechens. Als aus dem
Kinde ein allmächtiger Mann geworden war
bewies dieser durch seine Handlungen unzwei-
deutig, daß er der Mutter nie verziehen
hatte. Wenn Sie sich an die Bedeutung
der Mutterliebe für das kindliche Seelen-
leben besinnen werden Sie die Minder-
wertigkeitstheorie des Biographen wohl in
Ihren Gedanken korrigieren.Ich kehre zum Überich zurück! Wir haben
ihm die Selbstbeobachtung das Gewissen und
die Idealfunktion zugeteilt. Aus unseren
Ausführungen über seine Entstehung geht
hervor, daß es eine unsäglich wichtige
biologische wie eine schicksalsvolle psychologische
Tatsache zu Voraussetzungen hat nämlich die
lange Abhängigkeit des Menschenkindes
von seinen Eltern und den Oedipuskomplex
die beide wieder innig mit einander verknüpft
sind. Das Überich ist für uns die Vertretung
aller moralischen Beschränkungen, der
Anwalt des Strebens nach Vervollkommnung
kurz das, was uns von dem sogenannt Höheren
im Menschenleben psychologisch greifbar gewordenS.
63
ist, da es selbst auf den Einfluß der Eltern, Erzieher
u dgl. zurückgeht, erfahren wir noch mehr von seiner
Bedeutung, wenn wir uns zu diesen seinen
Quellen wenden. In der Regel folgen die Eltern
und die ihnen analogen Autoritäten in der
Erziehung des Kindes den Vorschriften des
eigenen Überichs. Wie immer sich ihr Ich mit ihrem
Überich auseinander gesetzt haben mag in der
Erziehung des Kindes sind sie streng und anspruchs-
voll. Sie haben die Schwierigkeiten ihrer
eigenen Kindheit vergessen sind zufrieden sich
nun voll mit den eigenen Eltern identifiz-
ieren zu können die ihnen seinerzeit die
schweren Einschränkungen auferlegt haben.
So wird das Überich des Kindes eigentlich nicht
nach dem Vorbild der Eltern sondern des
elterlichen Überichs aufgebaut es erfüllt sich
mit dem gleichen Inhalt, es wird zum Träger
der Tradition all der zeitbeständigen Wertung
die sich auf diesem Wege über Generationen
fortgepflanzt haben. Sie erraten leicht
welch wichtige Hilfen für das Verständnis
des sozialen Verhaltens der Menschen z.B.
für die Verwahrlosung vielleicht auch
was für praktische Winke für die Erziehung
sich aus der Berücksichtigung des Überichs ergeben.
Wahrscheinlich sündigen die sogenannt material-
istischen Geschichtsauffassungen darin daß sie
diesen Faktor unterschätzen. Sie tun ihn
mit der Bemerkung ab, daß die „Ideologien“
der Menschen nichts anderes sind als Ergebnis
und Überbau ihrer aktuellen ökonomischen
Verhältnisse. Das ist die Wahrheit aber sehr
wahrscheinlich nicht die ganze Wahrheit. Die
Menschheit lebt nie ganz in der Gegenwart
in den Ideologien des Überichs lebt die
Vergangenheit fort die den Einflüssen
der Gegenwart neuen Veränderungen
nur langsam weicht und solange sie durch
das Überich wird eine mächtige von
den ökonomischen Verhältnissen unabhängige
Rolle im Menschenleben spielt.Die Tradition der Rasse und des Volkes
Im Jahre 1921 habe ich versucht die Differenzier-
ung von Ich und Überich beim Studium
der Massenpsychologie zu verwenden.S.
64
Ich gelangte zu einer Formel wie: Eine psychologische
Masse ist eine Vereinigung von Einzelnen die
die nämliche Person in ihr Überich eingeführt
und sich auf Grund dieser Gemeinsamkeit
in ihrem Ich mit einander identifiziert haben.
Sie gilt natürlich nur für Massen die einen
Führer haben. Besäßen wir mehr Anwendungen
dieser Art so würde die Annahme des Überichs
das letzte Stück Befremden für uns verlieren
und wir würden von jener Befangenheit gänzlich
frei werden die uns doch noch befällt wenn
wir aus an die Unterweltsatmosphäre ge-
wöhnt in den oberflächlicheren höheren
Schichten des seelischen Apparats bewegen.
Wir glauben selbstverständlich nicht daß wir
mit der Sonderung des Überichs das letzte
Wort zur Ichpsychologie gesprochen haben.
Es ist eher ein erster Anfang aber in diesem
Falle ist nicht nur der Anfang schwer.Aber nun wartet unser eine andere
Aufgabe am sozusagen entgegengesetzten Ende
des Ichs. Sie wird von einer Beobachtung während
der analytischen Arbeit gestellt einer Beobachtung
die eigentlich sehr alt ist. Wie es schon
manchmal geht, hat es lange gebraucht bis
man sich zu ihrer Würdigung entschloß.
Wie Sie wissen ist eigentlich die ganze Psycho-
analytische Theorie über der Wahrnehmung
des Widerstands aufgebaut, den uns der
Patient bei dem Versuch ihm sein Unbewußtes
bewußt zu machen leistet. Das objektive
Zeichen des Widerstands ist daß seine Einfälle
versagen oder sich weit von dem behandelten Thema
entfernen. Er kann den Widerstand auch subjektiv
daran erkennen, daß er peinliche Empfindungen
verspürt wenn er sich dem Thema annähert.
Aber dies letzte Zeichen kann auch wegbleiben.
Dann sagen wir dem Patienten, daß wir aus
seinem Verhalten schließen er befinde sich
jetzt im Widerstande und er antwortet er
wisse nichts davon, er merke nur die Erschwerung
der Einfälle. Es zeigt sich daß wir Recht hatten
aber dann war sein Widerstand auch un-
bewußt ebenso unbewußt wie das Verdrängte
an dessen Hebung wir arbeiteten. Man
hätte längst die Frage aufwerfen sollen: von
welchem Teil seines Seelenlebens geht ein
solcher unbewußter Widerstand aus? Der
Anfänger in der Psychoanalyse wird rasch
mit der Antwort zur Hand sein: Es ist
eben der Widerstand des Unbewußten.S.
65
Eine zweideutige unbrauchbare Antwort! Wenn damit
gemeint ist er gehe vom Verdrängten aus so müssen
wir sagen: Gewiß nicht! Dem Verdrängten müssen
wir eher einen starken Auftrieb zuschreiben einen
Drang zum Bewußtsein durchzudringen, der Widerstand
kann nur eine Äußerung des Ichs sein das seiner-
zeit die Verdrängung durchgeführt hatte und
sie jetzt aufrecht halten will. So haben wir’s
auch früher immer aufgefaßt. Seitdem wir
eine besondere Instanz im Ich annehmen die
die einschränkenden und abweisenden Forderungen
vertritt, das Überich, können wir sagen die
Verdrängung sei das Werk dieses Überichs, es
führe sie entweder selbst durch oder in seinem
Auftrag das ihm gehorsame Ich. Wenn nun
der Fall vorliegt, daß der Widerstand in der
Analyse dem Patienten nicht bewußt wird
so heißt das entweder, daß das Überich und das
Ich in ganz wichtigen Situationen unbewußt
arbeiten können oder, was noch bedeutsamer
wäre, daß Anteile von beiden Ich und Überich
selbst unbewußt sind. In beiden Fällen haben
wir von der unerfreulichen Einsicht Kenntnis
zu nehmen daß (Über-) Ich und bewußt einer-
seits Verdrängtes und Unbewußtes anderseits
keineswegs zusammenfallen.Meine Damen und Herren. Ich empfinde das Bedürfnis
eine Atempause zu machen, die auch Sie als
wohltuend begrüßen werden, und mich ehe ich
fortsetze bei Ihnen zu entschuldigen. Ich will
Ihnen Nachträge zu einer Einführung in die
Psychoanalyse geben, die ich vor 15 Jahren begonnen
habe, und muß mich benehmen als
hätten auch Sie in dieser Zwischenzeit nichts
anderes als Psychoanalyse getrieben. Ich weiß
daß das ist eine ungehörige Zumutung, aber ich
bin hilflos ich kann es nicht anders machen.
Es hängt wohl daran daß es überhaupt so schwer
ist dem der nicht selbst Psychoanalytiker ist
einen Einblick in die Psychoanalyse zu geben.
Sie können mir glauben, daß wir nicht gern
den Anschein erwecken als seien wir Geheim-
bündler und betreiben eine Geheimwissenschaft.
Und doch mußten wir erkennen und als unsere
Überzeugung verkünden daß niemand das
Recht hat in die Psychoanalyse dreinzureden
wenn er sich nicht bestimmte Erfahrungen
erworben hat, die man nur durch eine
Analyse an seiner eigenen Person er-
werben kann. Als ich Ihnen vor fünfzehn
Jahren meine Vorlesungen gab, suchte ich SieS.
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mit gewissen spekulativen Stücken unserer Theorie
zu verschonen, aber gerade an die knüpfen die
Neuerwerbungen an von denen ich heute zu sprechen
habe.Ich kehre zum Thema zurück In dem Zweifel ob
Ich und Überich selbst unbewußt sein oder nur
unbewußte Wirkungen entfalten können, haben
wir uns mit guten Gründen für die erstere Mög-
lichkeit entschieden. Ja, große Anteile des Ichs und
Überichs können unbewußt bleiben sind
normaler Weise unbewußt.Es trifft ja daßIch und bewußt, Verdrängtes und unbewußt nichtzusammenfallen. Wir empfinden das Bedürfnisunsere Einstellung zum Problem bewußt – un-bewußt gründlich zu revidieren. Zunächst sindwir geneigt den Wert des Kriteriumsder Bewußtheit, da es sich als so unzuverlässigerwiesen hat, recht herabzusetzen. Aber wirtäten Unrecht daran. Es ist damit wie mit unseremLeben, es ist nicht viel, aber es ist alles waswir haben. Ohne die Leuchte der Bewußtseins-qualität wären wir im Dunkel der Tiefen-psychologie verloren; aber wir dürfen ver-suchen, uns neu zu orientieren.Das heißt die Person weiß nichts vonderen Inhalten und bedarf eines Aufwandsan Mühe sie ihr bewußt zu machen.Was man bewußt heißen soll brauchen wir nicht
zu erörtern, es ist jedem Zweifel entzogen.
Die älteste und beste Bedeutung des Wortes „un=-
bewußt“ ist die deskriptive; wir nennen
unbewußt einen psychischen Vorgang dessen
Existenz wir annehmen müssen, etwa weil wir
aus seinen Wirkungen erschließen, von dem
wir aber nichts wissen. Wir haben dann zu ihm
dieselbe Beziehung wie zu einem psychischen Vor-
gang bei einem anderen Menschen, nur daß
er eben einer unserer eigenen ist. Wenn
wir noch korrekter sein wollen, werden
wir den Satz dahin modifizieren, daß wir einen
Vorgang unbewußt heißen wenn wir an-
nehmen müssen er sei derzeit aktiviert
obwohl wir derzeit nichts von ihm wissen.
Diese Einschränkung läßt uns daran denken
daß die meisten bewußten Vorgänge nur
für kurze Zeit bewußt sind, sehr bald werden
sie latent können aber leicht wiederum
bewußt werden. Wir könnten auch sagen
sie seien unbewußt geworden, wenn es
überhaupt sicher wäre daß sie im Zustand
der Latenz noch etwas Psychisches sind. SoweitS.
67
hätten wir nichts Neues erfahren auch nicht das Recht
erworben den Begriff eines Unbewußten in
die Psychologie einzuführen. Dann kommt aber
die neue Erfahrung die wir schon an den Fehl-
leistungen machen können. Wir sehen uns z.B.
zur Erklärung eines Versprechens genötigt
anzunehmen, daß sich bei dem Betreffenden eine
bestimmte Redeabsicht gebildet hatte. Wir erraten
sie mit Sicherheit aus der vorgefallenen Störung
der Rede aber sie hatte sich nicht durchgesetzt,
sie war also unbewußt. Wenn wir sie nach-
träglich dem Redner vorführen kann er
sie als eine ihm vertraute anerkennen dann
war sie nur zeitweilig unbewußt oder sie
als ihm fremd verleugnen dann war sie
dauernd unbewußt. Aus dieser Erfahrung
schöpfen wir rückgreifend das Recht, auch das
als latent Bezeichnete für ein Unbewußtes
zu erklären. Die Berücksichtigung dieser
dynamischen Verhältnisse gestattet uns jetzt
zweierlei Unbewußtes zu unterscheiden,
eines das leicht unter häufig hergestellten
Bedingungen sich in Bewußtes umwandelt
ein anderes bei dem diese Umsetzung schwer,
nur unter erheblichem Müheaufwand, möglicher-
weise niemals erfolgt. Um der Zweideutig-
keit zu entgehen, ob wir das eine oder das
andere Unbewußte meinen das Wort im
deskriptiven oder im dynamischen Sinn gebrauchen,
wenden wir ein erlaubtes einfaches Auskunfts-
mittel an. Wir heißen jenes Unbewußte das
nur latent ist und so leicht bewußt wird das
Vorbewußte behalten die Bezeichnung „un-
bewußt“ dem anderen vor. Wir haben nun
drei Termini: bewußt, vorbewußt, unbe-
wußt, mit denen wir in der Beschreibung
der seelischen Phänomene unser Auskommen
finden. Nochmals rein deskriptiv ist auch
das Vorbewußte unbewußt aber wir be-
zeichnen es nicht so außer in lockerer
Darstellung oder wenn wir die Existenz
unbewußter Vorgänge überhaupt im
Seelenleben zu verteidigen haben.Sie werden mir hoffentlich zugeben,
das sei so weit nicht gar arg und erlaube
eine bequeme Handhabung. Ja, aber leider
hat die psychoanalytische Arbeit sich gedrängt
gefunden das Wort unbewußt noch in
einem anderen, dritten Sinn zu verwenden,S.
68
und das mag allerdings Verwirrung gestiftet haben.
Unter dem neuen und starken Eindruck daß ein
weites und wichtiges Gebiet des Seelenlebens
der Kenntnis des Ichs normaler Weise entzogen
ist, so daß die Vorgänge darin als unbewußte
im richtigen dynamischen Sinn anerkannt werden
müssen, haben wir den Terminus unbewußt
auch in einem topischen oder systematischen
Sinn verstanden von einem System des Vor-
bewußten und des Unbewußten gesprochen
von einem Konflikts des Ichs mit dem System
Ubw, das Wort immer mehr eher eine seelische Provinz
bedeuten lassen als eine Qualität des Seelischen.
Die eigentlich unbequeme Entdeckung daß auch An-
teile des Ichs und Überichs im dynamischen Sinn
unbewußt sind, wirkt hier wie eine Erleichter-
ung, gestattet uns eine Komplikation wegzu-
räumen. Wir sehen wir haben kein Recht
das ichfremde Seelengebiet das System Ubw
zu nennen, da die Unbewußtheit nicht sein
ausschließender Charakter ist. Gut, so wollen wir
unbewußt nicht mehr im systematischen Sinn
gebrauchen und dem bisher so bezeichneten
einen besseren nicht mehr mißverständlichen
Namen geben. In Anlehnung an den Sprach-
gebrauch bei Nietzsche und infolge einer
Anregung von G. Groddeck heißen wir es
fortan das Es. Dies unpersönliche Fürwort
scheint besonders geeignet, den Hauptchar-
akter dieser Seelenprovinz, ihre Ichfremd-
heit auszudrücken. Überich, Ich und Es
sind nun die drei Reiche, Gebiete, Provinzen in die wir den Seelenapparat
der Person zerlegen, mit deren gegen-
seitigen Beziehungen wir uns im
Weiteren beschäftigen wollen.Vorher nur eine kurze Einschaltung. Ich ver-
mute Sie sind unzufrieden damit, daß die drei
Qualitäten der Bewußtheit und die drei Pro-
vinzen des seelischen Apparates sich nicht zu
drei friedlichen Paaren zusammen gefunden
haben und sehen darin etwas wie eine
Trübung unserer Resultate. Ich meine aber
wir sollten es nicht bedauern und sollten
uns sagen daß wir kein Recht hatten eine
so glatte Anordnung zu erwarten. Lassen Sie
mich eine Vergleichung bringen, VergleicheS.
69
entscheiden nichts, das ist wahr aber sie können machen,
daß man sich heimischer fühlt. Ich imaginiere ein
Land mit mannigfaltiger Bodengestaltung, Hügel-
land, Ebene und Seenketten, mit gemischter Be-
völkerung - es wohnen darin Deutsche, Magyaren
und Slowaken, die auch verschiedene Tätigkeiten
betreiben. Nun könnte die Verteilung so
sein, daß im Hügelland die Deutschen wohnen
die Viehzüchter sind, im Flachland die Magyaren
die Getreide und Wein bauen, an den Seen
die Slowaken die Fische fangen und Schilf flechten.
Wenn diese Verteilung glatt und reinlich wäre
würde ein Wilson seine Freude an ihr haben,
es wäre auch bequem für den Vortrag in
der Geographiestunde. Es ist aber wahrscheinlich
daß Sie weniger Ordnung und mehr Vermeng-
ung finden wenn Sie die Gegend bereisen.
Deutsche, Magyaren und Slowaken leben überall
durch einander, im Hügelland gibt es auch Äcker
in der Ebene wird auch Vieh gehalten. Einiges
ist natürlich so wie Sie es erwartet haben denn
auf Bergen kann man keine Fische fangen
im Wasser wächst kein Wein. Ja, das Bild der
Gegend, das Sie mitgebracht haben, mag im
großen und ganzen zutreffend sein, im
einzelnen werden Sie Abweichungen
sich gefallen lassen.Sie erwarten nicht daß ich Ihnen vom
Es außer dem neuen Namen viel Neues
mitzuteilen habe. Es ist der dunkle, unzugängliche
Teil unserer Persönlichkeit, das wenige was
wir von ihm wissen haben wir durch das
Studium der Traumarbeit und der neurotischen
Symptombildung erfahren und das meiste davon
hat negativen Charakter, läßt sich nur als
Gegensatz zum Ich beschreiben. Wir nähern
uns dem Es mit Vergleichen nennen es ein
Chaos einen Kessel voll brodelnder Erreg-
ungen. Wir stellen uns vor es sei am Ende
gegen das Somatische offen nehme da die
Triebbedürfnisse in sich auf, die in ihm ihren
psychischen Ausdruck finden wir können
aber nicht sagen in welchem Substrat.
Von den Trieben her erfüllt es sich mit Energie
aber es hat keine Organisation, bringt keinen
Gesamtwillen auf, nur das Bestreben den
Triebbedürfnissen unter Einhaltung des Lustprinzips
Befriedigung zu schaffen. Für die Vorgänge
im Es gelten die logischen Denkgesetze nicht
vor allem nicht der Satz des Widerspruchs.
Gegensätzliche Regungen bestehen neben
einander ohne einander aufzuheben oder
sich von einander abzuziehen, höchstens daßS.
70
sie unter dem herrschenden ökonomischen Zwang
zur Abfuhr der Energie zu Kompromißbildungen
zusammentreten. Es gibt im Es nichts, was man
der Negation gleichstellen könnte, auch nimmt
man mit Überraschung die Ausnahme von dem
Satz der Philosophen wahr, daß Raum und
Zeit notwendige Formen unserer seelischen
Akte seien. Im Es findet sich nichts was der
Zeitvorstellung entspricht, keine Anerkennung
eines zeitlichen Ablaufs und was höchst merk-
würdig ist und seiner Würdigung im philosophischen
Denken wartet, keine Veränderung des seelischen
Vorgangs durch den Zeitablauf. Wunschregungen
die das Es nie überschritten haben aber auch Ein-
drücke die durch Verdrängung ins Es versenkt
worden sind, sind virtuell unsterblich, verhalten
sich nach Dezennien als ob sie neu vorgefallen
wären. Als Vergangenheit erkannt, entwertet
und ihrer Energiebesetzung beraubt können
sie erst werden, wenn sie durch die analytische
Arbeit bewußt geworden sind, und darauf beruht
nicht zum kleinsten Teil die therapeutische Wirk-
ung der analytischen Behandlung.
Ich habe immer wieder den Eindruck daß wir aus
dieser über jeden Zweifel feststehenden Tatsache
der Unveränderlichkeit des Verdrängten durch
die Zeit viel zu wenig für unsere Theorie ge-
macht haben. Da scheint sich doch ein Zugang zu
den tiefsten Einsichten zu eröffnen. Leider
bin auch ich da nicht weiter gekommen.Selbstverständlich kennt das Es keine Wertungen,
kein Gut und Böse keine Moral. Das ökonomische
oder, wenn Sie wollen quantitative Moment
mit dem Lustprinzip innig verknüpft beherrscht
alle Vorgänge. Triebbesetzungen, die nach
Abfuhr verlangen, das, meinen wir, sei alles
im Es. Es scheint sogar daß sich die Energie
dieser Triebregungen in einem anderen Zustand
befindet als in den anderen seelischen Bezirken
weit leichter beweglich und abfuhrfähig ist, denn
sonst würden nicht jene Verschiebungen
und Verdichtungen vorfallen, die für das
Es charakteristisch sind und die so vollkommen
von der Qualität des Besetzten – im Ich
würden wir es eine Vorstellung nennen –
absehen. Man gäbe was darum wenn man
von diesen Dingen mehr verstehen könnte!
Sie sehen übrigens, daß wir in der Lage sind, vom
Es noch andere Eigenschaften anzugeben als daß
es unbewußt ist, und Sie erkennen die Möglich-
keit daß Teile vom Ich und Überich unbewußt
seien ohne die nämlichen primitiven und irration-
ellen Charaktere zu besitzen.S.
71
Zu einer Charakteristik des eigentlichen Ichs
insofern es sich vom Es und vom Überich sondern
läßt gelangen wir am ehesten wenn wir
seine Beziehung zum äußersten oberflächlichen
Stück des seelischen Apparats ins Auge fassen, das wir
als das System W-Bw bezeichnen. Dieses System
ist der Außenwelt zugewendet, es vermittelt die
Wahrnehmungen von ihr, in ihm entsteht während
seiner Funktion das Phänomen des Bewußtseins.
Es ist das Sinnesorgan des ganzen Apparats, empfänglich
übrigens nicht nur für Erregungen die von außen
sondern auch für solche die aus dem Inneren
des Seelenlebens herankommen. Die Auffassung bedarf
kaum einer Rechtfertigung, daß das Ich jener Teil
des Es ist, der durch die Nähe und den Einfluß der
Außenwelt modifiziert wurde, zur Reizaufnahme
und zum Reizschutz eingerichtet vergleichbar
der Rindenschicht mit der sich ein Klümpchen
lebender Substanz umgibt. Die Beziehung zur
Außenwelt ist für das Ich entscheidend geworden
es hat die Aufgabe übernommen, sie bei dem Es zu
vertreten, zum Heil des Es das ohne Rücksicht auf
diese übergewaltige Außenmacht im blinden
Streben nach Triebbefriedigung der Vernichtung
nicht entgehen würde. In der Erfüllung dieser
Funktion muß das Ich die Außenwelt beob-
achten, eine getreue Abbildung von ihr in den
Erinnerungsspuren seiner Wahrnehmungen
niederlegen, durch die Tätigkeit der Realitäts-
prüfung fernhalten was an diesem Bild der
Außenwelt Zutat aus inneren Erregungs-
quellen ist. Im Auftrag des Es beherrscht das
Ich die Zugänge zur Motilität aber es
hat zwischen Bedürfnis und Handlung den Auf-
schub der Denkarbeit eingeschaltet während
dessen es die Erinnerungsreste der Erfahrung
verwertet. Auf solche Weise hat es das Lustprinzip
entthront das uneingeschränkt den Ablauf der
Vorgänge im Es beherrscht und es durch das
Realitätsprinzip ersetzt das mehr Sicherheit und
größeren Erfolg verspricht.
Auch die so schwer zu beschreibende Beziehung zur
Zeit wird dem Ich durch das Wahrnehmungssystem
vermittelt; es ist kaum zweifelhaft daß die
Arbeitsweise dieses Systems der Zeitvorstellung
den Ursprung gibt. Was das Ich zum Unterschied
vom Es aber ganz besonders auszeichnet ist
ein Zug zur Synthese seiner Inhalte, zur Zusammen-
fassung und Vereinheitlichung seiner seelischen
Vorgänge, der dem Es völlig abgeht. Wenn
wir nächstens einmal von den Trieben im
Seelenleben handeln, wird es uns hoffentlichS.
72
gelingen diesen wesentlichen Charakter des Ichs
auf seine Quelle zurückzuführen. Er allein
stellt jenen hohen Grad von Organisation her,
dessen das Ich bei seinen besten Leistungen
bedarf. Es entwickelt sich von der Triebwahrnehm-
ung zur Triebbeherrschung, aber die letztere
wird nur dadurch erreicht, daß die Triebrepräsen-
tanz in einen größeren Verband einge-
ordnet in einen Zusammenhang aufgenommen
wird. Wenn wir uns populären Redeweisen
anpassen dürfen wir sagen daß das Ich im
Seelenleben Vernunft und Besonnenheit
vertritt das Es aber die Leidenschaften ungezähmten.Wir haben uns bisher durch die Aufzählung
der Vorzüge und Fähigkeiten des Ichs imponieren
lassen; es ist jetzt Zeit auch der Kehrseite zu
gedenken, das Ich ist doch nur ein Stück vom Es,
ein durch die Nähe der gefahrdrohenden
Außenwelt zweckmäßig verändertes Stück.
In dynamischer Hinsicht ist es schwach, seine Energien
hat es dem Es entlehnt und wir sind nicht ganz
ohne Einsicht in die Methoden man könnte
sagen in die Schliche durch die es dem
Es weitere Energiebeträge entzieht. Ein solcher
Weg ist zum Beispiel auch die Identifizierung
mit beibehaltenen oder aufgegebenen Objekten.
Die Objektbesetzungen gehen von den Trieb-
ansprüchen des Es aus. Das Ich hat sie zunächst
zu registrieren. Aber indem es sich mit dem
Objekt identifiziert empfiehlt es sich dem
Es an Stelle des Objekts will es die Libido
des Es auf sich lenken. Wir haben schon
gehört daß das Ich im Lauf des Lebens eine
große Anzahl von solchen Niederschlägen
ehemaliger Objektbesetzungen in sich auf-
nimmt. Im Ganzen muß das Ich die Absichten
des Es durchführen, es erfüllt seine Aufgabe
wenn es die Umstände ausfindig macht unter
denen diese Absichten am besten erreicht
werden. Man könnte das Verhält-
nis des Ichs zum Es mit dem des Reiters
zu seinem Pferd vergleichen. Das Pferd
gibt die Energie für die Lokomotion her,
der Reiter hat das Vorrecht das Ziel zu be-
stimmen, die Bewegung des starken Tieres
zu leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet
sich allzu häufig der nicht ideale Fall, daß
der Reiter das Roß dahin führen muß,
wohin es selbst gehen will.
Von einem Teil des Es hat sich das Ich durch
Verdrängungswiderstände geschieden.S.
73
Aber die Verdrängung setzt sich nicht in das Es fort.
Das Verdrängte fließt mit dem übrigen Es zusammen.
Ein Sprichwort warnt davor gleichzeitig zwei
Herren gut dienen. Das arme Ich hat es noch schwerer
es dient drei gestrengen Herren ist bemüht
deren Ansprüche und Forderungen in Einklang
mit einander zu bringen. Diese Ansprüche gehen
immer aus einander scheinen oft unvereinbar
zu sein, kein Wunder wenn das Ich so oft an
seiner Aufgabe scheitert. Die drei Zwingherren
sind die Außenwelt, das Überich und das Es.
Wenn man die Anstrengungen des Ichs verfolgt
ihnen gleichzeitig gerecht zu werden, besser gesagt
ihnen gleichzeitig zu gehorchen kann man nicht
bereuen dieses Ich personifiziert als ein be-
sonderes Wesen hingestellt zu haben. Es fühlt
sich von drei Seiten her eingeengt von dreier-
lei Gefahren bedroht auf die es im Falle
der Bedrängnis mit Angstentwicklung reagiert.
Durch seine Herkunft aus den Erfahrungen des
Wahrnehmungssystems ist es dazu bestimmt
die Anforderungen der Außenwelt zu vertreten
aber es will auch der getreue Diener des Es
sein, im Einvernehmen mit ihm bleiben, sich
ihm als Objekt empfehlen, seine Libido auf sich
ziehen. In seinem Vermittlungsbestreben
zwischen Es und Realität ist es oft genötigt die
ubw Gebote des Es mit seinen vbw Rational-
isierungen zu bekleiden, die Konflikte des
Es mit der Realität zu vertuschen mit
diplomatischer Unaufrichtigkeit eine Rücksicht-
nahme auf die Realität vorzuspiegeln, auch
wenn das Es starr und unnachgiebig geblieben
ist. Anderseits wird es auf Schritt und Tritt von
dem gestrengen Überich beobachtet das ihm be-
stimmte Normen seines Verhaltens vorhält
ohne Rücksicht auf die Schwierigkeiten von
Seiten des Es und der Außenwelt zu nehmen
und es im Falle der Nichteinhaltung mit
den Spannungsgefühlen der Minderwertigkeit
und des Schuldbewußtseins bestraft. So vom
Es getrieben von der Realität zurückgestoßen
vom Überich eingeengt, ringt das Ich um
die Bewältigung seiner ökonomischen Auf-
gabe die Harmonie unter den Kräften und
Einflüssen herzustellen, die in ihm und auf
dasselbe wirken und wir verstehen warum
wir so oft den Ausruf nicht unterdrücken
können: Das Leben ist nicht leicht! Wenn
das Ich seine Schwäche einbekennen muß,
bricht es in Angst aus, Realangst vor
der Außenwelt, Gewissensangst vor demS.
74
übrigensneurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften
im Es.Die Strukturverhältnisse der seelischen Persönlichkeit
die ich vor Ihnen entwickelt habe möchte ich in
einer anspruchslosen Zeichnung darstellen, die ich
Ihnen hier vorlege.W-BwÜberich Ich VbwUbw EsW-BwIchVbwUbwEsÜberichW-BwIchvorbewußtunbewußtEsÜberichW-Bw
Ich
vorbewußt
unbewußt
Es
Überich
VdgtSie sehen hier, das Überich
taucht in das Es ein als
Erbe des Oedipuskomplexes
hat es ja intime Zusammenhänge
mit ihm; es liegt weiter ab
vom Wahrnehmungssystem als das
Ich. Das Es verkehrt mit der Außenwelt nur über
das Ich, wenigstens in diesem Schema. Es ist gewiß
heute schwer zu sagen inwieweit die Zeichnung richtig
ist; in einem Punkt ist sie es gewiß nicht. Der
Raum den das unbewußte Es einnimmt müßte un-
vergleichlich größer sein als der des Ichs oder des
Vorbewußten. Ich bitte, verbessern Sie das in
Ihren Gedanken.Und nun zum Abschluß dieser gewiß anstrengenden
und vielleicht nicht einleuchtenden Ausführungen
noch eine Mahnung! Sie denken bei dieser
Sonderung der Persönlichkeit in Ich Überich
und Es gewiß nicht an scharfe Grenzen wie
sie künstlich in der politischen Geographie
gezogen worden sind. Der Eigenart des Psychischen
können wir nicht durch lineare Konturen
gerecht werden wie in der Zeichnung oder in
der primitiven Malerei eher durch verschwimm-
ende Farbenfelder wie bei den modernen
Malern. Nachdem wir gesondert haben müssen
wir das Gesonderte wieder zusammenfließen
lassen. Urteilen Sie nicht zu hart über
einen ersten Versuch das so schwer faßbareS.
75
Psychische anschaulich zu machen. Es ist sehr wahrscheinlich
daß die Ausbildung dieser Sonderungen bei verschiedenen
Personen großen Variationen unterliegt möglich daß
sie bei der Funktion selbst verändert und zeit-
weilig rückgebildet werden besonders für die phylo-
genetisch letzte und heikelste die Differenzierung von
Ich und Überich scheint dergleichen zuzutreffen.
Es ist unzweifelhaft daß das Gleiche durch psychische Er-
krankung hervorgerufen wird. Man kann auch
gut vorstellen daß es gewissen mystischen Praktiken
gelingen mag die normalen Beziehungen zwischen
den einzelnen Bezirken seelischen derart umzuwerfen
daß zB.unabsehbareso daß zB. die Wahr-
nehmung Verhältnisse im tiefen Ich und im Es erfassen kann die ihr sonst unzugänglich wären. Ob
man auf diesem Weg der letzten Weisheiten
haft wird von denen man alles Heil
erwartet darf man getrost bezweifeln. Immerhin
wollen wir zugeben daß auch die therapeutischen
Bemühungen der Psychoanalyse sich einen ähnlichen
Angriffspunkt gewählt haben. Ihre Absicht ist ja
das Ich zu stärken es von dem Überich unabhängiger zu
machen, sein Wahrnehmungsfeld es durch Erweiterung seines Wahrnehmungsfelds
und Ausbau seiner Organisation in den Stand
zu setzen daß es sich neue Stücke des Es
aneignen kann. Wo Es war, soll Ich werden.Es ist Kulturarbeit etwa wie die Trockenlegung
der Zuydersee.sein Wahrnehmungsfeld zu erweitern undseine Organisation auszubauen sodaß essich neue Stücke des Es aneignen kann
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Neue Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse1933-001/1932.01
1933-001/1932.01/31