S.

Berlin, 9. X. 19.

Lieber Herr Professor,

Für die Karte vom Cobenzl herzlichsten Dank; auch ich bedaure es lebhaftest, nicht noch mit Jones und nun ja auch mit Ferenczi gewiß zusammen noch länger um Sie sein zu dürfen; Schranken hat ja leider auch der uns geneigtesten Zeiten Gunst.

Sehr beruhigt war ich, gleich am nächsten Morgen nach Ihrer Abreise von Berlin telephonisch von meiner Frau aus Leipzig zu erfahren, daß der kleine Zwischenfall beim Abgang des Zuges1 Ihnen so gar keinen Eindruck gemacht hat. Ernst bestätigte es mir einige Tage später auch aus München. So war doch auch der Berliner Aufenthalt bis zuletzt noch im „Zeichen des Bären“2 geblieben.

Meinen Eltern hat es eine außerordentlich große Freude gemacht, Sie und Frau Professor endlich persönlich kennen gelernt zu haben, und sie bitten bei jeder Gelegenheit, Sie beide zu grüßen.

Ferenczi dürfte nun wohl schon in Wien sein; wußte er jetzt Tröstlicheres zu berichten als damals im Briefe,3 und haben Sie, lieber Herr Professor, vor allem über Dr. Freund beruhigendere Nachrichten?4

Die Praxis hat sich doch hoffentlich gut angelassen und verspricht gewiß all jene Berge für den Winter, über die sie zu verfügen hat; ich persönlich kann noch immer den Wunsch nicht unterdrücken, den ich auf jenem Morgenspaziergange nach Garmisch laut geäußert habe: Sie möchten sich doch entschließen, der Einladung der holländischen Kollegen zu folgen, wenn nicht im Oktober, so vielleicht im Dezember;5 Sie würden ja auf diese Weise einem der schlimmsten Stücke des Wiener Winters entgehen. Erscheint Ihnen der betreffende Praxisentgang noch immer so schwer ersetzbar, auch wenn amerikanische Valuta sich irgendwie, etwa Brillsche6 Dollars, ein wenig melden würde? Oder war die holländische Einladung so genau terminiert? So gern würde ich Ihnen ein Stückchen neutralischen Winters wünschen. (Bei uns ist es schon kalt, obgleich das nicht allzu aussichtsvolle Heizen erst ab Mitte Oktober beginnt.) Der Weg von Wien nach Holland führt doch irgendwie auch vielleicht über Berlin, unsere Beziehungen zu dem hiesigen Schlafwagenbureau bleiben die besten – für jeden Fall.

Ernst wird im Laufe des Oktober zu einer Besprechung wegen der Beschäftigung bei einem Berliner Architekten, die er gewünscht und die er bekommen kann, hierher kommen.7 Die gewünschte Arbeitsgelegenheit für Oliver dagegen konnte ich leider nicht durchsetzen, ich berichte dieser Tage noch ausführlicher an Oliver selbst darüber.8 Der Zuzug von Fremden, nicht nur Landes- oder Stadt-, sondern auch Betriebsfremden zu hiesigen Industriefirmena ist ganz unmöglich geworden, als eine der ersten Folgen der neuen Betriebsräteorganisation. Ich bedaure dies unendlich. –

Wir Berliner Analytiker haben jetzt alle sehr viel zu tun. Bezeichnend ist auch, daß jetzt im Herbst, außer dem Müllerschen9 Vortragszyklus am Hirschfeldschen Institut,10 noch zwei Vorlesungen über die Psychoanalyse abgehalten werden, an den beiden Berliner Volkshochschulen, eine von Juliusburger11 und die andere von einem uns persönlich hier unbekannten früheren Mitarbeiter von Dr. Hirschfeld, einem Dr. Burchard:12 „Über Freudsche Psychoanalyse“.

Die herzlichsten Grüße an Frau Professor und Frl. Anna, ebenso an Ferenczi und Jones von meiner Frau und mir

Ihrem ergebensten

M. Eitingon.

 

a MS: Industriefremden.