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[Briefkopf V Berlin] 21. I. 22

Lieber Herr Professor,

Wenn Sie diese Zeilen erhalten, werden es fast genau 15 Jahre sein, seit ich zum ersten Male nach Wien gekommen war, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Am 27. Januar1 war es, glaub’ ich. Ich war schon ganz im Banne der Psychoanalyse, als ich zu Ihnen kam, wie entscheidend Sie, Herr Professor, dann für meine weitere Lebensgestaltung geworden waren, wissen Sie. Ihnen so nahe zu bleiben, wie mir in [den] letzten Jahren in wachsendem Maße vergönnt war, so nahe bleiben zu dürfen, war einer der wenigen Wünsche für mich selbst, mit denen ich in das neue Jahr eintrat, wenn man als Wunsch noch bezeichnen kann, was einfach Lebensnotwendigkeit ist und bei mir nicht anders denkbar. Wie sollte ich Ihnen ferner rücken! Was immer mich Dingen fernhalten könnte, die von irgendeinem Belang für mich sind oder sein könnten, unsere Sache natürlich könnte nichts tangieren.

Mit dem Beginn des neuen Jahres darf ich ebenso zufrieden sein wie mit dem Schluß des alten. Mirras Befinden ist inzwischen weiter besser geworden; wenn sie ihre große Zurückgezogenheit auch nur sehr langsam aufgibt, in der wiedererwachenden Regsamkeit rasch ermüdend, so sieht sie doch schon Menschen bei sich und freut sich vor allem auf Annas bevorstehendes Kommen. Ich schreibe heute auch an Anna, an die alte Abmachung erinnernd, daß man bei uns wohnt, in erster Linie mit zu uns kommt, wenn man nach Berlin kommt.

Olis Analyse geht bisher gut vonstatten. Lampl ist nun recht reichlich von uns beschäftigt und macht auch Fortschritte. Durch ihn höre ich, daß Frl. Minna sich von den Folgen ihres Unfalls2 schon ganz erholt hat und daß die Stimmung in Ihrem Hause eine recht gute sei.

Daß das neue Jahr Ihnen alle guten Versprechen halte, wünscht, Sie und alle Ihren wärmstens grüßend,

in alter Treue und herzlicher Ergebenheit

Ihr Max Eitingon