S.
[Briefkopf Paris]a Paris, 26. X. 22
Lieber Herr Professor,
Nun ist der große Urlaub und auch die Reise Wirklichkeit geworden, und wir sind seit bald vierzehn Tagen hier, sehr gut aufgehoben bei unseren Verwandten1 in einer Vorstadt von Paris. Sind viel in der Stadt aus zahlreichen kleinen Gründen und auch ohne solche, einfach um Paris zu genießen. Hier kommt man leicht zum Gefühl, daß wenigstens ein Teil der Menschheit auf dem Wege ist, den Krieg zu vergessen und alles, was ihm gefolgt ist.
Die „Darstellung durch das Kleinste“2 wirkt so beruhigend. Ich habe Mirra vor der Abreise aus Berlin versprochen, daß ich mich der Herrschaft der landesüblichen Münze fügen und nicht umrechnen werde, ich gebe mir Mühe, dieses Versprechen zu halten, und da empfindet man es wirklich sehr angenehm, daß der – ins Haus kommende – Friseur nur 2 frs verlangt, das Auto nur 3-6 frs kostet, die einzige rauchbare französische Zigarre 90 cts; der Schein3 hat hier liebenswürdig kleine, so gar nicht schreckhafte Formen, es ist so befreiend, dem Alpdruck der großen Ziffern entronnen zu sein. Mirra hatte recht, der Versuchung umzurechnen muß man widerstehen, um sich das schöne Gefühl des Befreitseins nicht zu verderben.
Man kann dieser Stadt nicht böse sein, für gar nichts. Fast auch dafür nicht, daß sie, wie eben der Franzose, sich gar nicht ändert, trotz dem so anscheinend lebhaften Fluktuieren.
Unsere Sache hat hier, wenn meine ersten Eindrücke richtig sind, in den letzten 1½ Jahren nur sehr geringe Fortschritte gemacht, trotzdem Ihr Name den Franzosen schon ziemlich geläufig geworden ist.
Sokolnicka4 hat hier einen äußeren und wahrscheinlich kurzen Erfolg gehabt. Sie ist ein kluges Frauenzimmer, Sie kennen sie ja gut. Aber empfindlich, launisch und ohne Ausdauer; was ferner das Schlimmste ist: sie ist allein hier, ohne männlich‑ärztlichen Rückhalt und ohne Aussicht, daß ihr und der Analyse bald ein Mann hier zur Hilfe erstehen wird. Daß er in absehbarer Zeit aus französischer Erde kommen könnte, erscheint mir recht unwahrscheinlich, hierher verpflanzte russische und polnische Juden werden in ihrer Mentalität auch sehr französisch.
Darf ich einen Einfall äußern: der Psychoanalyse in Frankreich die Wege zu ebnen, müßte man einen von Ihnen geschulten Analytiker herschicken, einen Arzt unbedingt und wohl auch keinen Engländer, sondern einen Schweizer. Mit den Franzosen muß man reden können. –
Ich hoffe hier für Lou, die sich in Berlin gut zu fühlen scheint, etwas tun zu können. Der Bruder von der Frau Dr. Lowtzkyb5 – was wird mit ihr übrigens? –, der russische Philosoph Schestow,c6 mit dem ich hier oft zusammenkomme, hatte mich auf den Gedanken gebracht, ihr Buch über Nietzsche,7 das wirklich sehr wertvoll ist, ins Französische übersetzen zu lassen. Ich habe es hierher mitgenommen, es bereits bei einem guten Verlag eingereicht und hoffe, daß daraus etwas wird dank einigen Beziehungen, die ich hier habe. Eine wie große Francs-Summe zu erlangen sein wird, so wird sie in Mark doch etwas für Lou bedeuten. –
Wie geht es Ihnen, lieber Herr Professor? Wie beurteilen Sie jetzt, aus seinen Nachwirkungen, den Sommer? Mit dem Kongreß sind Sie doch gewiß zufrieden.
Nach Wien und seinen Verhältnissen frage ich Sie weniger, hoffe ich Sie doch so weit unberührt von ihnen, als es eben jetzt möglich ist, nicht socius zu sein all dieser schönen Dinge.8
Wie geht es Frau Professor? Wie hat sich Heinerle eingewöhnt? Anna schreibe ich heute auch noch.
Mit den wärmsten Grüßen an Sie und alle Ihrigen von uns beiden
Ihr herzlich ergebener
Max Eitingon.
Hat Ihnen das Komitee-Bild9 gefallen? –
Jetzt habe ich noch eine Bitte an Sie, Herr Professor: uns für Sizilien den passendsten Aufenthaltsort für einige Dezemberwochen zu empfehlen, samt Hôtel, und uns einige Winke zu geben, was besonders zu sehen wäre.
a Gedruckter Briefkopf: Docteur M. Eitingon, 91, rue de Rome, Paris.
b Eitingon schreibt (wie dann auch Freud): Lovtzky.
c MS: Schestov.