• S.

    30. 1. 12
    PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19

    Lieber Herr Doktor

    Gleichzeitig mit Ihrem Brief bekam ich heute 6 Nummern der N. Zürcher Zeitung von einem Aussenstehenden u habe so einige Kenntnis von Ihrem häuslichen Sturm.  Geärgert hat mich natürlich nur das seichte Geschwätz von Forel.

    Mit meiner Widmannkorrespondenz möchte ich Ihnen gerne dienen, wenn sie sich zu etwas eignen würde.  Urteilen Sie selbst.  Er hatte in einer Nummer seiner Zeitung eine Schrift aus unserem Kreis (ich glaube: Ranks Künstler) hart angegriffen u sich in voller Sachunkenntnis darüber aufgehalten, dass man Probleme wie Traum, Neurose etc mit flüchtigen Einfällen behandeln wolle.  Ich machte ihn dann aufmerksam, dass er die Ergebnisse 15j. schwerer Arbeit vor sich habe u nannte ihm die entsprechenden Publikationen.  Darauf kam ein liebenswürdiger, im Ton polternder Brief, da solle der Teufel Redakteur sein, man könne doch nicht alles lesen u müsse über alles referiren.  Kein Wunder, wenn man da solche Schnitzer mache.  Er werde es gut machen.  Ehe diess geschehen war, schrieb

  • S.

    ich ihm einen Brief, der sein Interesse für die ΨA erwecken sollte u als Beispiel der von ihm bestrittenen Triebverwandlung seine Jugenddarstellung aus der Maikäferkomödie zitirte.  Darauf hat er nicht geantwortet, sondern in einer der nächsten Nummern das thatsächlich Falsche seiner Kritik in respektabler Weise revozirt.

    Daraus lässt sich nun nicht viel Kapital schlagen, scheint mir.

    Ich benütze die Gelegenheit, Ihnen eines der populären Feuilletons beizulegen, in denen Stekel nicht ungeschickt für die Sache Stimmung zu machen sucht.  Ich glaube, sie nützen wenig.  Populus hört lieber schimpfen u regt sich gerne über Gefahren auf.

    Ihr grüsse Sie u Ihr liebes Haus.
    Ihr herzlich ergebener
    Freud