-
S.
3. XI. 12.
PROF. DR. FREUD WIEN IX., BERGGASSE 19Lieber Herr Doktor
Es fehlt mir an Zeit, Ihren freundlichen Brief so ausführlich zu beantworten, wie er es verdient u ich gerne möchte; es ist ein Fall für mündliche Aussprache. Lassen Sie mich ganz allgemein sagen, dass der Briefwechsel eine unzweideutige Annäherung hervorgerufen hat, da Sie einige wertvolle Zugeständnisse machen und ich, wie schon erwähnt, an einzelnen Stellen auch die Gegenansichten nicht unterdrücke, die mir Ihr Verständnis erleichtern.
In einigen Punkten muss ich unnachgiebig bleiben und behaupten, dass diese mit meiner angeblichen Herrschsucht gar nichts zu thun haben. So z.B, dass Frank, der mich gar nichts angeht, in seinen Fällen Unsinn macht, ist doch kein Argument, um die Bedeutung der infantilen Fixirungen so zu unterschätzen, wie Riklin u Jung (jetzt in Amerika) es thun; auch dass Sie nicht einsehen, dass Sie die ψα Betrachtung des Traumes für die banale aufgegeben haben, kann ich nur bedauern, ohne dass ich den für mich und andere sehr klaren Sachverhalt noch weiter aufklären könnte.
-
S.
Die Mässigung des Pfarrers Kellers finde ich zu weitgehend. Es war bisher nicht von ihm zu erreichen, dass er eine Zeile für uns schreibt. Pfister bleibt darum im Besitze meiner Sympathien; ich finde Sie andere sollten ihn nicht verstossen sondern leiten.
Ihre Arbeit über Heilungsvorgänge will ich gerne in die "Schriften" stecken, da Sie es so lebhaft wünschen, u mich über die Programmüberschreitung dabei hinaussetzen. Da gerade jetzt mehrere Arbeiten vorbereitet werden, würde ich in Ihrem Interesse, damit Sie nicht so lange warten, einen nahen Termin erfahren wollen.
Gerne wollte ich auch Ihre Fragen über einzelne Lücken im B. Cellini beantworten, aber ich kann es nicht einmal versuchen, ich erliege buchstäblich der gehäuften Arbeit; ich weiss natürlich auch nicht, ob ich es könnte, wenn ich Ihre Arbeit u das Material selbst genau durchnähme. Vielleicht kann ich mich noch bis zur Publikation damit beschäftigen, wenn ich meinen dritten Imagoaufsatz beendigt habe.
Ich habe gehört, dass Jung jetzt lehrt, man brauche in der Analyse nicht auf alle
-
S.
infantilen Details eingehen, sondern solle sich begnügen, die Komplexe festzustellen u dann unverzüglich an die Sublimirung derselben gehen. Das wäre eine Irrlehre u ein technischer Misgriff, gegen den ein lebhafter Protest von meiner Seite nicht ausbleiben könnte, u leichter zu beurteilen, als die theoretische Modifikation der Libidoauffassung.
Unterdess hat sich hier etwas zugetragen, wovon ich Sie eigentlich offiziell in Kenntnis setzen muss. Stekel hat sich von uns getrennt u ich habe die Herausgeberschaft des Zentralbl niedergelegt, alle meine Freunde werden es mit mir verlassen. Anlass war nicht eine wissenschaftliche Differenz, sondern ein brutaler Übergriff Stekels gegen ein anderes Vereinsmitglied, den er mit dem Anspruch, das Zentralbl sei "sein Blatt", begründete. Es ist jetzt sein Blatt geworden. Ich bin sehr froh, denn ich brauche ihn nicht mehr, wie ich seit Jahren thue, gegen die ganze Welt zu verteidigen, u habe unter seiner Gesellschaft oft sehr gelitten. Ich gehe daran, ein neues Organ für die ΨA zu gründen u möchte dabei gerne auf Ihre Mit-
-
S.
wirkung rechnen, wie auch die Ihrer Ortsgruppe. Hätte auch nichts dagegen, wenn diese Beteiligg ausgiebiger ausfiele als beim alten Zentral. Sie werden in kurzer Zeit eine schriftliche Aufforderung erhalten, Ihren Namen vom Zentralbl zurückzuziehen u dem neuen Organ zu leihen. Wenn Sie einverstanden sind, würde ich Sie bitten, es schon jetzt zu thun u die Publikationen aus Ihrer Gruppe nicht mehr an Stekel, sondern an mich direkt zu leiten. Ich erwarte, dass das Zentralbl dann rasch herunterkommen und unter Stekels Leitung sonderbare Wege einschlagen wird. Dann wird sich die formale Aufgabe stellen, ihm den Charakter eines offiziellen Organs des Vereins zu entziehen.
Ich wäre Ihnen sehr verpflichtet, wenn Sie mich bald wissen liessen, inwieweit ich bei dem neuen Unternehmen und in der Abwehr des bisherigen Zentralblattes auf Sie und die Züricher Gruppe rechnen kann.
Indem ich Sie herzlich grüsse
Ihr ergebener
Freud -
S.
-
S.
-
S.