• S.

    III

    DER TEUFEL ALS VATERERSATZ

    Ich besorge, eine nüchterne Kritik wird uns nicht zugeben,
    daß wir mit jener Umdeutung den Sinn des Teufelspakts bloß-
    gelegt haben. Sie wird zweierlei Einwendungen dagegen er-
    heben. Erstens: es sei nicht notwendig, die Verschreibung als
    einen Vertrag anzusehen, in dem die Verpflichtungen beider
    Teile Platz gefunden haben. Sie enthalte vielmehr nur die Ver-
    pflichtung des Malers, die des Teufels sei außerhalb ihres
    Textes geblieben, gleichsam „sousentendue“. Der Maler ver-
    pflichtet sich aber zu zweierlei, erstens zur Teufelssohnschaft
    durch neun Jahre und zweitens dazu, ihm nach dem Tode
    ganz anheimzufallen. Damit ist eine der Begründungen unseres
    Schlusses weggeräumt.

    Die zweite Einwendung wird sagen, es sei nicht berechtigt auf
    den Ausdruck, des Teufels leibeigener Sohn zu sein, besonderes
    Gewicht zu legen. Das sei eine geläufige Redensart, die jeder so
    auffassen könne, wie die geistlichen Herren sie verstanden haben
    mögen. Diese übersetzen die in den Verschreibungen versprochene
    Sohnschaft nicht in ihr Latein, sondern sagen nur, daß der Maler
    sich dem Bösen „mancipavit“, zu eigen gegeben, es auf sich ge-
    nommen habe, ein sündhaftes Leben zu führen und Gott und
    die heilige Dreieinigkeit zu verleugnen. Warum sollten wir uns
    von dieser naheliegenden und ungezwungenen Auffassung ent-

  • S.

     

    16

     

    Sigm. Freud

     

      fernen?1 Der Sachverhalt wäre dann einfach der, daß sich jemand
      in der Qual und Ratlosigkeit einer melancholischen Depression
      dem Teufel verschreibt, dem er auch das stärkste therapeutische
      Können zutraut. Daß diese Verstimmung aus dem Tod des
      Vaters hervorging, komme nicht weiter in Betracht, es hätte auch
      ein anderer Anlaß sein können. Das klingt stark und vernünftig.
      Gegen die Psychoanalyse erhebt sich wieder der Vorwurf, daß sie
      einfache Verhältnisse in spitzfindiger Weise kompliziert, Geheim-
      nisse und Probleme dort sieht, wo sie nicht existieren, und daß
      sie dies bewerkstelligt, indem sie kleine und nebensächliche Züge,
      wie man sie überall finden kann, übermäßig betont und zu
      Trägern der weitgehendsten und fremdartigsten Schlüsse erhebt.
      Vergeblich würden wir dagegen geltend machen, daß durch
      diese Abweisung so viele schlagende Analogien aufgehoben und
      feine Zusammenhänge zerrissen werden, die wir in diesem
      Falle aufzeigen können. Die Gegner werden sagen, diese Ana-
      logien und Zusammenhänge bestehen eben nicht, sondern
      werden von uns mit überflüssigem Scharfsinn in den Fall
      hineingetragen.

      Nun, ich werde meine Entgegnung nicht mit den Worten ein-
      leiten: seien wir ehrlich oder seien wir aufrichtig, denn das muß
      man immer sein können, ohne einen besonderen Anlauf dazu zu
      nehmen, sondern ich werde mit schlichten Worten versichern,
      daß ich wohl weiß, wenn jemand nicht bereits an die Berechti-
      gung der psychoanalytischen Denkweise glaubt, werde er diese
      Überzeugung auch nicht aus dem Fall des Malers Chr. Haitzmann
      im siebzehnten Jahrhundert gewinnen. Es ist auch gar nicht meine
      Absicht, diesen Fall als Beweismittel für die Gültigkeit der Psycho-
      analyse zu verwerten; ich setze vielmehr die Psychoanalyse als
      gültig voraus und verwende sie dazu, um die dämonologische

      1 In der Tat werden wir später, wenn wir erwägen, wann und für wen diese
      Verschreibungen abgefaßt wurden, selbst einsehen, daß ihr Text unauffällig und all-
      gemein verständlich lauten mußte. Es reicht uns aber hin, wenn er eine Zweideu-
      tigkeit bewahrt, an welche auch unsere Auslegung anknüpfen kann.

  • S.

    Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert                17

    Erkrankung des Malers aufzuklären. Die Berechtigung hiezu nehme
    ich aus dem Erfolg unserer Forschungen über das Wesen der
    Neurosen überhaupt. In aller Bescheidenheit darf man es aus-
    sprechen, daß heute selbst die Stumpferen unter unseren Zeit-
    und Fachgenossen einzusehen beginnen, daß ein Verständnis der
    neurotischen Zustände ohne Hilfe der Psychoanalyse nicht zu
    erreichen ist.

    „Die Pfeile nur erobern Troja, sie allein“

    bekennt der Odysseus in Sophokles’ Philoktet.

    Wenn es richtig ist, die Teufelsverschreibung unseres Malers
    als neurotische Phantasie anzusehen, so bedarf eine psychoanalyti-
    sche Würdigung derselben keiner weiteren Entschuldigung. Auch
    kleine Anzeichen haben ihren Sinn und Wert, ganz besonders
    unter den Entstehungsbedingungen der Neurose. Man kann sie
    freilich ebensowohl überschätzen wie unterschätzen, und es bleibt
    eine Sache des Takts, wie weit man in ihrer Verwertung gehen
    will. Wenn aber jemand nicht an die Psychoanalyse und nicht ein-
    mal an den Teufel glaubt, muß es ihm überlassen bleiben, was
    er mit dem Fall des Malers anfangen will, sei es, daß er dessen
    Erklärung aus eigenen Mitteln bestreiten kann, sei es, daß er
    nichts der Erklärung Bedürftiges an ihm findet.

    Wir kehren also zu unserer Annahme zurück, daß der Teufel,
    dem unser Maler sich verschreibt, ihm ein direkter Vaterersatz
    ist. Dazu stimmt auch die Gestalt, in der er ihm zuerst erscheint,
    als ehrsamer älterer Bürgersmann mit braunem Vollbart, in rotem
    Mantel, schwarzem Hut, die Rechte auf den Stock gestützt, einen
    schwarzen Hund neben sich (Bild 1).¹ Später wird seine Erschei-
    nung immer schreckhafter, man möchte sagen mythologischer:
    Hörner, Adlerklauen, Fledermausflügel werden zu ihrer Ausstattung
    verwendet. Zum Schluß erscheint er in der Kapelle als fliegender


    1)  Aus einem solchen schwarzen Hund entwickelt sich bei Goethe der Teufel
    selbst.

          Freud, Eine Teufelsneurose.                                                                        2

  • S.

     

        18     Sigm. Freud  

     

        Drache. Auf ein bestimmtes Detail seiner körperlichen Gestaltung
        werden wir später zurückkommen müssen.  

     

        Daß der Teufel zum Ersatz eines geliebten Vaters gewählt
        wird, klingt wirklich befremdend, aber doch nur, wenn wir zum
        erstenmal davon hören, denn wir wissen mancherlei, was die
        Überraschung mindern kann. Zunächst, daß Gott ein Vaterersatz
        ist oder richtiger: ein erhöhter Vater oder noch anders: ein Nach-
        bild des Vaters, wie man ihn in der Kindheit sah und erlebte,
        der Einzelne in seiner eigenen Kindheit und das Menschen-
        geschlecht in seiner Vorzeit als Vater der primitiven Urhorde.
        Später sah der Einzelne seinen Vater anders und geringer, aber
        das kindliche Vorstellungsbild blieb erhalten und verschmolz mit
        der überlieferten Erinnerungsspur des Urvaters zur Gottesvor-
        stellung des Einzelnen. Wir wissen auch aus der Geheimgeschichte
        des Individuums, welche die Analyse aufdeckt, daß das Verhältnis
        zu diesem Vater vielleicht vom Anfang an ein ambivalentes war,
        jedenfalls bald so wurde, d. h. es umfaßte zwei einander ent-
        gegengesetzte Gefühlsregungen, nicht nur eine zärtlich unter-
        würfige, sondern auch eine feindselig trotzige. Dieselbe Ambi-
        valenz beherrscht nach unserer Auffassung das Verhältnis der
        Menschenart zu ihrer Gottheit. Aus dem nicht zu Ende ge-
        kommenen Widerstreit von Vatersehnsucht einerseits, Angst und
        Sohnestrotz anderseits haben wir uns wichtige Charaktere und
        entscheidende Schicksale der Religionen erklärt.1  

     

        Vom bösen Dämon wissen wir, daß er als Widerpart Gottes
        gedacht ist und doch seiner Natur sehr nahe steht. Seine Geschichte
        ist allerdings nicht so gut erforscht wie die Gottes, nicht alle
        Religionen haben den bösen Geist, den Gegner Gottes, aufge-
        nommen, sein Vorbild im individuellen Leben bleibt zunächst im
        Dunkeln. Aber eines steht fest, Götter können zu bösen Dämonen
        werden, wenn neue Götter sie verdrängen. Wenn ein Volk von  

     

        1 ) Siehe Totem und Tabu und im Einzelnen Th. Reik, Probleme der Religions-
        psychologie I, 1919.  

  • S.

    Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert                19

    einem anderen besiegt wird, so wandeln sich die gestürzten Götter
    der Besiegten nicht selten für das Siegervolk in Dämonen um.
    Der böse Dämon des christlichen Glaubens, der Teufel des Mittel-
    alters, war nach der christlichen Mythologie selbst ein gefallener
    Engel und gottgleicher Natur. Es braucht nicht viel analytischen
    Scharfsinns, um zu erraten, daß Gott und Teufel ursprünglich
    identisch waren, eine einzige Gestalt, die später in zwei mit
    entgegengesetzten Eigenschaften zerlegt wurde.¹ In den Ur-
    zeiten der Religionen trug Gott selbst noch alle die schreckenden
    Züge, die in der Folge zu einem Gegenstück von ihm vereinigt
    wurden.

    Es ist der von uns wohlbekannte Vorgang der Zerlegung einer
    Vorstellung mit gegensinnigem — ambivalentem — Inhalt in
    zwei scharf kontrastierende Gegensätze. Die Widersprüche in der
    ursprünglichen Natur Gottes sind aber eine Spiegelung der Am-
    bivalenz, welche das Verhältnis des Einzelnen zu seinem persön-
    lichen Vater beherrscht. Wenn der gütige und gerechte Gott ein
    Vaterersatz ist, so darf man sich nicht darüber wundern, daß auch
    die feindliche Einstellung, die ihn haßt und fürchtet und sich
    über ihn beklagt, in der Schöpfung des Satans zum Ausdruck
    gekommen ist. Der Vater wäre also das individuelle Urbild sowohl
    Gottes wie des Teufels. Die Religionen würden aber unter der
    untilgbaren Nachwirkung der Tatsache stehen, daß der primitive
    Urvater ein uneingeschränkt böses Wesen war, Gott weniger ähnlich
    als dem Teufel.

    Freilich, so leicht ist es nicht, die Spur der satanischen Auf-
    fassung des Vaters im Seelenleben des Einzelnen aufzuzeigen.
    Wenn der Knabe Fratzen und Karikaturen zeichnet, so gelingt
    es etwa nachzuweisen, daß er in ihnen den Vater verhöhnt, und
    wenn beide Geschlechter sich nächtlicherweise vor Räubern und
    Einbrechern schrecken, so hat die Erkennung derselben als Ab-


    1)  Siehe Th. Reik, Der eigene und der fremde Gott (Imago-Bücher III, 1923)
    im Kapitel: Gott und Teufel.

    2*

  • S.

    20 Sigm. Freud

    spaltungen des Vaters keine Schwierigkeit.1 Auch die in den Tier-
    phobien der Kinder auftretenden Tiere sind am häufigsten Vater-
    ersatz wie in der Urzeit das Totemtier. So deutlich aber wie bei
    unserem neurotischen Maler des siebzehnten Jahrhunderts hört
    man sonst nicht, daß der Teufel ein Nachbild des Vaters ist und
    als Ersatz für ihn eintreten kann. Darum sprach ich eingangs
    dieser Arbeit die Erwartung aus, eine solche dämonologische
    Krankengeschichte werde uns als gediegenes Metall zeigen, was
    in den Neurosen einer späteren, nicht mehr abergläubischen
    aber dafür hypochondrischen Zeit mühselig durch analytische
    Arbeit aus dem Erz der Einfälle und Symptome dargestellt werden
    muß.2

    Stärkere Überzeugung werden wir wahrscheinlich gewinnen,
    wenn wir tiefer in die Analyse der Erkrankung bei unserem
    Maler eindringen. Daß ein Mann durch den Tod seines Vaters
    eine melancholische Depression und Arbeitshemmung erwirbt, ist
    nichts Ungewöhnliches. Wir schließen daraus, daß er an diesem
    Vater mit besonders starker Liebe gehangen hat, und erinnern
    uns daran, wie oft auch die schwere Melancholie als neurotische
    Form der Trauer auftritt.

    Darin haben wir gewiß recht, nicht aber, wenn wir weiter
    schließen, daß dies Verhältnis eitel Liebe gewesen sei. Im Gegen-
    teil, eine Trauer nach dem Verlust des Vaters wird sich um so
    eher in Melancholie umwandeln, je mehr das Verhältnis zu ihm

    1) Als Einbrecher erscheint der Vater Wolf auch in dem bekannten Märchen
    von den sieben Geißlein.

    2) Wenn es uns so selten gelingt, in unseren Analysen den Teufel als Vaterersatz
    aufzufinden, so mag dies darauf hinweisen, daß diese Figur der mittelalterlichen
    Mythologie bei den Personen, die sich unserer Analyse unterziehen, ihre Rolle längst
    ausgespielt hat. Dem frommen Christen früherer Jahrhunderte war der Glaube an
    den Teufel nicht weniger Pflicht als der Glaube an Gott. In der Tat brauchte er
    den Teufel, um an Gott festhalten zu können. Der Rückgang der Gläubigkeit hat
    dann aus verschiedenen Gründen zuerst und zunächst die Person des Teufels be-
    troffen.

    Wenn man sich getraut, die Idee des Teufels als Vaterersatz kulturgeschichtlich
    zu verwerten, so kann man auch die Hexenprozesse des Mittelalters in einem neuen
    Lichte sehen.

  • S.

    Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 21

    im Zeichen der Ambivalenz stand. Die Hervorhebung dieser Am-
    bivalenz bereitet uns aber auf die Möglichkeit der Erniedrigung
    des Vaters vor, wie sie in der Teufelsneurose des Malers zum
    Ausdruck kommt. Könnten wir nun von Chr. Haitzmann so viel
    erfahren wie von einem Patienten, der sich unserer Analyse unter-
    zieht, so wäre es ein leichtes, diese Ambivalenz zu entwickeln,
    ihm zur Erinnerung zu bringen, wann und bei welchen Anlässen
    er Grund bekam, seinen Vater zu fürchten und zu hassen, vor
    allem aber die akzidentellen Momente aufzudecken, die zu den
    typischen Motiven des Vaterhasses hinzugekommen sind, welche
    in der natürlichen Sohn-Vaterbeziehung unvermeidlich wurzeln.
    Vielleicht fände dann die Arbeitshemmung eine spezielle Auf-
    klärung. Es ist möglich, daß der Vater sich dem Wunsch des
    Sohnes, Maler zu werden, widersetzt' hatte; dessen Unfähigkeit,
    seine Kunst nach dem Tode des Vaters auszuüben, wäre dann
    einerseits ein Ausdruck des bekannten „nachträglichen Gehorsams“,
    anderseits würde sie, die den Sohn zur Selbsterhaltung unfähig
    macht, die Sehnsucht nach dem Vater als Beschützer vor der
    Lebenssorge steigern müssen. Als nachträglicher Gehorsam wäre
    sie auch eine Äußerung der Reue und eine erfolgreiche Selbst-
    bestrafung.

    Da wir eine solche Analyse mit Chr. Haitzmann, † 1700, nicht
    anstellen können, müssen wir uns darauf beschränken, diejenigen
    Züge seiner Krankengeschichte hervorzuheben, welche auf die
    typischen Anlässe zu einer negativen Vatereinstellung hinweisen
    können. Es sind nur wenige, nicht sehr auffällig, aber recht
    interessant.

    Vorerst die Rolle der Zahl Neun. Der Pakt mit dem Bösen
    wird auf neun Jahre geschlossen. Der gewiß unverdächtige Be-
    richt des Pfarrers von Pottenbrunn äußert sich klar darüber: pro
    novem annis Syngraphen scriptam tradidit. Dieser vom 1. Sep-
    tember 1677 datierte Geleitbrief weiß auch anzugeben, daß die
    Frist in wenigen Tagen abgelaufen wäre: quorum et finis 24

  • S.

    22                                Sigm. Freud

    mensis hujus futurus appropinquat. Die Verschreibung wäre also
    am 24. September 1668 erfolgt.¹ Ja in diesem Bericht hat die
    Zahl Neun noch eine andere Verwendung. Nonies — neunmal —
    will der Maler den Versuchungen des Bösen widerstanden haben,
    ehe er sich ihm ergab. Dies Detail wird in den späteren Berichten
    nicht mehr erwähnt; „Post annos novem“ heißt es dann auch
    im Attest des Abtes und „ad novem annos“, wiederholt der Kom-
    pilator in seinem Auszug, ein Beweis, daß diese Zahl nicht als
    gleichgültig angesehen wurde.

    Die Neunzahl ist uns aus neurotischen Phantasien wohl be-
    kannt. Sie ist die Zahl der Schwangerschaftsmonate und lenkt, wo
    immer sie vorkommt, unsere Aufmerksamkeit auf eine Schwanger-
    schaftsphantasie hin. Bei unserem Maler handelt es sich freilich
    um neun Jahre, nicht um neun Monate, und die Neun, wird
    man sagen, ist auch sonst eine bedeutungsvolle Zahl. Aber wer
    weiß, ob die Neun nicht überhaupt ein gutes Teil ihrer Heilig-
    keit ihrer Rolle in der Schwangerschaft verdankt; und die Wand-
    lung von neun Monaten zu neun Jahren braucht uns nicht zu
    beirren. Wir wissen vom Traum her, wie die „unbewußte Geistes-
    tätigkeit“ mit den Zahlen umspringt. Treffen wir z. B. im Traum
    auf eine Fünf, so ist diese jedesmal auf eine bedeutsame Fünf des
    Wachlebens zurückzuführen, aber in der Realität waren es fünf
    Jahre Altersunterschied oder eine Gesellschaft von fünf Personen,
    im Traum erscheinen sie als fünf Geldscheine oder fünf Stücke
    Obst. Das heißt die Zahl wird beibehalten, aber ihr Nenner be-
    liebig, je nach den Anforderungen der Verdichtung und Verschie-
    bung vertauscht. Neun Jahre im Traum können also ganz leicht
    neun Monaten der Wirklichkeit entsprechen. Auch spielt die
    Traumarbeit noch in anderer Weise mit den Zahlen des Wach-
    lebens, indem sie mit souveräner Gleichgültigkeit sich um die
    Nullen nicht bekümmert, sie gar nicht wie Zahlen behandelt.


    1)  Der Widerspruch, daß die wiedergegebenen Verschreibungen beide die Jahres-
    zahl 1669 zeigen, wird uns später beschäftigen.
  • S.

    23

    Fünf Dollars im Traum können fünfzig, fünfhundert, fünftausend
    Dollars der Realität vertreten.

    Ein anderes Detail in den Beziehungen des Malers zum Teufel
    weist uns gleichfalls. auf die Sexualität hin. Das erstemal sieht
    er, wie schon erwähnt, den Bösen in der Erscheinung eines ehr-
    samen Bürgers. Aber schon das nächste Mal ist er nackt, miß-
    gestaltet und hat zwei Paar weiblicher Brüste. Die Brüste, bald
    einfach, bald mehrfach vorhanden, fehlen nun in keiner der fol-
    genden Erscheinungen. Nur in einer derselben zeigt der Teufel
    außer den Brüsten einen großen, in eine Schlange auslaufenden
    Penis. Diese Betonung des weiblichen Geschlechtscharakters durch
    große, hängende Brüste (nie findet sich eine Andeutung des weib-
    lichen Genitales) muß uns als auffälliger Widerspruch gegen
    unsere Annahme erscheinen, der Teufel bedeute unserem Maler
    einen Vaterersatz. Eine solche Darstellung des Teufels ist auch
    an und für sich ungewöhnlich. Wo Teufel ein Gattungsbegriff
    ist, also Teufel in der Mehrzahl auftreten, hat auch die Dar-
    stellung von weiblichen Teufeln nichts Befremdendes, aber daß
    der eine Teufel, der eine große Individualität ist, der Herr der
    Hölle und Widersacher Gottes, anders als männlich, ja übermänn-
    lich mit Hörnern, Schweif und großer Penisschlange gebildet
    werde, scheint mir nicht vorzukommen.

    Aus diesen beiden kleinen Anzeichen läßt sich doch erraten,
    welches typische Moment den negativen Anteil seines Vaterver-
    hältnisses bedingt. Das, wogegen er sich sträubt, ist die feminine
    Einstellung zum Vater, die in der Phantasie, ihm ein Kind zu
    gebären (neun Jahre) gipfelt. Wir kennen diesen Widerstand genau
    aus unseren Analysen, wo er in der Übertragung sehr merkwür-
    dige Formen annimmt und uns viel zu schaffen macht. Mit der
    Trauer um den verlorenen Vater, mit der Steigerung der Sehn-
    sucht nach ihm, wird bei unserem Maler auch die längst ver-
    drängte Schwangerschaftsphantasie reaktiviert, gegen die er sich
    durch Neurose und Vatererniedrigung wehren muß.

  • S.

    24                                Sigm. Freud

    Warum trägt aber der zum Teufel herabgesetzte Vater das
    körperliche Merkmal des Weibes an sich? Dieser Zug erscheint
    anfangs schwer deutbar, bald aber ergeben sich zwei Erklärungen
    für ihn, die miteinander konkurrieren ohne einander auszuschließen.
    Die feminine Einstellung zum Vater unterlag der Verdrängung,
    sobald der Knabe verstand, daß der Wettbewerb mit dem Weib
    um die Liebe des Vaters das Aufgeben des eigenen männlichen
    Genitales, also die Kastration, zur Bedingung hat. Die Ablehnung
    der femininen Einstellung ist also die Folge des Sträubens gegen
    die Kastration, sie findet regelmäßig ihren stärksten Ausdruck in
    der gegensätzlichen Phantasie, den Vater selbst zu kastrieren, ihn
    zum Weib zu machen. Die Brüste des Teufels entsprächen also
    einer Projektion der eigenen Weiblichkeit auf den Vaterersatz.
    Die andere Erklärung dieser Ausstattung des Teufelskörpers hat
    nicht mehr feindseligen, sondern zärtlichen Sinn; sie erblickt in
    dieser Gestaltung ein Anzeichen dafür, daß die infantile Zärtlich-
    keit von der Mutter her auf den Vater verschoben worden ist,
    und deutet so eine starke, vorgängige Mutterfixierung an, die
    ihrerseits wieder für ein Stück der Feindseligkeit gegen den Vater
    verantwortlich ist. Die großen Brüste sind das positive Geschlechts-
    kennzeichen der Mutter, auch zu einer Zeit, wo der negative
    Charakter des Weibes, der Penismangel, dem Kinde noch nicht
    bekannt ist.¹

    Wenn das Widerstreben gegen die Annahme der Kastration
    unserem Maler die Erledigung seiner Vatersehnsucht unmöglich
    macht, so ist es überaus verständlich, daß er sich um Hilfe und
    Rettung an das Bild der Mutter wendet. Darum erklärt er, daß
    nur die heilige Mutter Gottes von Mariazell ihn vom Pakt mit
    dem Teufel lösen kann, und erhält am Geburtstag der Mutter
    (8. September) seine Freiheit wieder. Ob der Tag, an dem der
    Pakt geschlossen wurde, der 24. September, nicht auch ein in


    1)  Vgl. Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci [Ges. Schriften, Bd. IX].
  • S.

    Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert 25

    ähnlicher Weise ausgezeichneter Tag war, werden wir natürlich
    nie erfahren.

    Kaum ein anderes Stück der psychoanalytischen Ermittlungen
    aus dem Seelenleben des Kindes klingt dem normalen Erwachsenen
    so abstoßend und unglaubwürdig wie die feminine Einstellung
    zum Vater und die aus ihr folgende Schwangerschaftsphantasie
    des Knaben. Wir können erst ohne Besorgnis und ohne Bedürfnis
    nach Entschuldigung von ihr reden, seitdem der sächsische Senats-
    präsident Daniel Paul Schreber die Geschichte seiner psycho-
    tischen Erkrankung und weitgehenden Herstellung bekannt gemacht
    hat.1 Aus dieser unschätzbaren Veröffentlichung erfahren wir, daß
    der Herr Senatspräsident etwa um das fünfzigste Jahr seines Lebens
    die sichere Überzeugung bekam, daß Gott — der übrigens deut-
    liche Züge seines Vaters, des verdienten Arztes Dr. Schreber an
    sich trägt — den Entschluß gefaßt, ihn zu entmannen, als Weib
    zu gebrauchen und aus ihm neue Menschen von Schreberschem
    Geist entstehen zu lassen. (Er war selbst in seiner Ehe kinderlos
    geblieben.) An dem Sträuben gegen diese Absicht Gottes, welche
    ihm höchst ungerecht und „weltordnungswidrig“ vorkam, er-
    krankte er unter den Erscheinungen einer Paranoia, die sich aber
    im Laufe der Jahre bis auf einen geringen Rest rückbildete. Der
    geistvolle Verfasser seiner eigenen Krankengeschichte konnte wohl
    nicht ahnen, daß er in ihr ein typisches pathogenes Moment auf-
    gedeckt hatte.

    Dieses Sträuben gegen die Kastration oder die feminine Ein-
    stellung hat Alf. Adler aus seinen organischen Zusammenhängen
    gerissen, in seichte oder falsche Beziehungen zum Machtstreben
    gebracht und als „männlichen Protest“ selbständig hingestellt. Da
    eine Neurose immer nur aus dem Konflikt zweier Strebungen
    hervorgehen kann, ist es ebenso berechtigt, im männlichen Protest

    1) D. P. Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken, Leipzig 1903. Vgl.
    meine Analyse des Falles Schreber [Psychoanalytische Bemerkungen über einen
    autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia. Ges. Schriften, Bd. VIII].

  • S.

    26 Sigm. Freud

    die Verursachung „aller“ Neurosen zu sehen wie in der femininen
    Einstellung, gegen welche protestiert wird. Richtig ist, daß dieser
    männliche Protest einen regelmäßigen Anteil an der Charakter-
    bildung hat, bei manchen Typen einen sehr großen, und daß er uns
    als scharfer Widerstand bei der Analyse neurotischer Männer ent-
    gegentritt. Die Psychoanalyse würdigt den männlichen Protest im
    Zusammenhang des Kastrationskomplexes, ohne seine Allmacht
    oder Allgegenwart bei den Neurosen vertreten zu können. Der
    ausgeprägteste Fall von männlichem Protest in allen manifesten
    Reaktionen und Charakterzügen, der meine Behandlung aufgesucht
    hat, bedurfte ihrer wegen einer Zwangsneurose mit Obsessionen,
    in denen der ungelöste Konflikt zwischen männlicher und weib-
    licher Einstellung (Kastrationsangst und Kastrationslust) zu deut-
    lichem Ausdruck kam. Überdies hatte der Patient masochistische
    Phantasien entwickelt, die durchaus auf den Wunsch, die Kastra-
    tion anzunehmen, zurückgingen, und war selbst von diesen Phan-
    tasien zur realen Befriedigung in perversen Situationen vorge-
    schritten. Das Ganze seines Zustandes beruhte — wie die Adler-
    sche Theorie überhaupt — auf der Verdrängung, Verleugnung
    frühinfantiler Liebesfixierungen.

    Der Senatspräsident Schreiber fand seine Heilung, als er sich
    entschloß, den Widerstand gegen die Kastration aufzugeben und
    sich in die ihm von Gott zugedachte weibliche Rolle zu fügen.
    Er wurde dann klar und ruhig, konnte seine Entlassung aus der
    Anstalt selbst durchsetzen und führte ein normales Leben bis auf
    den einen Punkt, daß er einige Stunden täglich der Pflege seiner
    Weiblichkeit widmete, von deren langsamem Fortschreiten bis zu
    dem von Gott bestimmten Ziel er überzeugt blieb.