• S.

    V

    DIE WEITERE NEUROSE

    Aber das wäre Betrug und nicht Neurose, der Maler ein Simu-
    lant und Fälscher, nicht ein kranker Besessener! Nun, die Über-
    gänge zwischen Neurose und Simulation sind bekanntlich fließende.
    Ich finde auch keine Schwierigkeit anzunehmen, daß der Maler
    diesen Zettel ebenso wie die späteren in einem besonderen, seinen
    Visionen gleichzustellenden Zustand geschrieben und mit sich ge-
    nommen hat. Wenn er die Phantasie vom Teufelspakt und von
    der Erlösung durchführen wollte, konnte er ja gar nichts an-
    deres tun.

    Den Stempel der Wahrhaftigkeit trägt dagegen das Tagebuch
    aus Wien an sich, das er bei seinem zweiten Aufenthalt zu Mariazell
    den Geistlichen übergab. Es läßt uns freilich tief in die Motivie-
    rung oder sagen wir lieber Verwertung der Neurose blicken.

    Die Aufzeichnungen reichen von seiner erfolgreichen Beschwö-
    rung bis zum 15. Januar des nächsten Jahres 1678. Bis zum
    11. Oktober erging es ihm in Wien, wo er bei einer verheirateten
    Schwester wohnte, recht gut, dann aber fingen neue Zustände
    mit Visionen und Krämpfen, Bewußtlosigkeit und schmerzhaften
    Sensationen an, die dann auch zu seiner Rückkehr nach Mariazell
    im Mai 1678 führten.

    Die neue Leidensgeschichte gliedert sich in drei Phasen. Zuerst
    meldet sich die Versuchung in Gestalt eines schön gekleideten

    3*

  • S.

    36 Sigm. Freud

    Kavaliers, der ihm zureden will, den Zettel wegzuwerfen, der
    seine Aufnahme in die Bruderschaft vom heiligen Rosenkranz
    bescheinigt. Da er widerstand, wiederholte sich dieselbe Erschei-
    nung am nächsten Tag, aber diesmal in einem prächtig ge-
    schmückten Saal, in dem vornehme Herren mit schönen Damen
    tanzten. Derselbe Kavalier, der ihn schon einmal versucht, machte
    ihm einen auf Malerei bezüglichen Antrag1 und versprach ihm
    dafür ein schönes Stück Geld. Nachdem er diese Vision durch
    Gebete zum Verschwinden gebracht, wiederholte sie sich einige
    Tage später in noch eindringlicherer Form. Diesmal schickte
    der Kavalier eine der schönsten Frauen, die an der Festtafel
    saßen, zu ihm hin, um ihn zur Gesellschaft zu bringen, und
    er hatte Mühe, sich der Verführerin zu erwehren. Am er-
    schreckendsten war aber die bald darauf folgende Vision eines
    noch prunkvolleren Saales, in dem ein von „Goldstuckh auf-
    gerichteter Thron“ war. Kavaliere standen herum und erwarteten
    die Ankunft ihres Königs. Dieselbe Person, die sich schon so oft
    um ihn bekümmert hatte, ging auf ihn zu und forderte ihn auf,
    den Thron zu besteigen, sie „wollten ihn für ihren König halten
    und in Ewigkeit verehren“. Mit dieser Ausschweifung seiner
    Phantasie schließt die erste, recht durchsichtige Phase der Ver-
    suchungsgeschichte ab.

    Es mußte jetzt zu einer Gegenwirkung kommen. Die asketische
    Reaktion erhob ihr Haupt. Am 20. Oktober erschien ihm ein
    großer Glanz, eine Stimme daraus gab sich als Christus zu er-
    kennen und forderte von ihm, daß er dieser bösen Welt entsagen
    und sechs Jahre lang in einer Wüste Gott dienen solle. Der
    Maler litt unter diesen heiligen Erscheinungen offenbar mehr als
    unter den früheren dämonischen. Aus diesem Anfall erwachte er
    erst nach 21/2 Stunden. Im nächsten war die von Glanz umgebene
    heilige Person weit unfreundlicher, drohte ihm, weil er den gött-

    1) Eine mir unverständliche Stelle.

  • S.

      Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert   37

    lichen Vorschlag nicht angenommen hatte, und führte ihn in die
    Hölle, damit er durch das Los der Verdammten geschreckt werde.
    Offenbar blieb aber die Wirkung aus, denn die Erscheinungen
    der Person im Glanze, die Christus sein sollte, wiederholten sich
    noch mehrmals, jedesmal mit stundenlanger Geistesabwesenheit
    und Verzücktheit für den Maler. In der großartigsten dieser Ver-
    zücktheiten führte ihn die Person im Glanze zuerst in eine Stadt,
    in deren Straßen die Menschen alle Werke der Finsternis übten,
    und dann zum Gegensatz auf eine schöne Au, in der Einsiedler
    ihr gottgefälliges Leben führten und greifbare Beweise von Gottes
    Gnade und Fürsorge erhielten. Dann erschien an Stelle Christi
    die heilige Mutter selbst, die ihn unter Berufung auf ihre früher
    geleistete Hilfe mahnte, dem Befehl ihres lieben Sohnes nach-
    zukommen. „Da er sich hiezu nicht recht resolviret“, kam Christus
    am nächsten Tage wieder und setzte ihm mit Drohungen und
    Versprechungen tüchtig zu. Da gab er endlich nach, beschloß aus
    diesem Leben auszutreten und zu tun, was von ihm verlangt
    wurde. Mit dieser Entschließung endet die zweite Phase. Der
    Maler konstatiert, daß er von dieser Zeit an keine Erscheinung
    oder Anfechtung mehr gehabt hat.

    Indes muß dieser Entschluß nicht sehr gefestigt oder seine
    Ausführung allzulang aufgeschoben worden sein, denn als er am
    26. Dezember in St. Stephan seine Andacht verrichtete, konnte
    er sich beim Anblick einer wackeren Jungfrau, die mit einem
    wohlaufgeputzten Herrn ging, der Idee nicht erwehren, er könnte
    selbst an Stelle dieses Herrn sein. Das forderte Strafe, noch am
    selben Abend traf es ihn wie ein Donnerschlag, er sah sich in
    hellen Flammen und fiel in Ohnmacht. Man bemühte sich, ihn
    zu erwecken, aber er wälzte sich in der Stube, bis Blut aus Mund
    und Nase kam, verspürte, daß er sich in Hitze und Gestank be-
    fand, und hörte eine Stimme sagen, daß ihm dieser Zustand als
    Strafe für seine unnützen und eiteln Gedanken geschickt worden
    sei. Später wurde er dann von bösen Geistern mit Stricken ge-

  • S.

    38 Sigm. Freud

    geißelt und ihm versprochen, daß er alle Tage so gepeinigt werden
    solle, bis er sich entschlossen habe, in den Einsiedlerorden einzu-
    treten. Diese Erlebnisse setzten sich, soweit die Aufzeichnungen
    reichen (15. Januar) fort.

    Wir sehen, wie bei unserem armen Maler die Versuchungs-
    phantasien von asketischen und endlich von Strafphantasien ab-
    gelöst werden; das Ende der Leidensgeschichte kennen wir bereits.
    Er begibt sich im Mai nach Mariazell, bringt dort die Ge-
    schichte von einer früheren, mit schwarzer Tinte geschriebenen
    Verschreibung vor, der er es offenbar zuschreibt, daß er noch
    vom Teufel geplagt werden kann, erhält auch diese zurück und
    ist geheilt.

    Während dieses zweiten Aufenthaltes malt er die Bilder, die
    im Trophaeum kopiert sind, dann aber tut er etwas, was mit
    der Forderung der asketischen Phase seines Tagebuches zusammen-
    trifft. Er geht zwar nicht in die Wüste, um Einsiedler zu werden,
    aber er tritt in den Orden der Barmherzigen Brüder ein: religiosus
    factus est.

    Bei der Lektüre des Tagebuches gewinnen wir Verständnis für
    ein neues Stück des Zusammenhangs. Wir erinnern uns, daß der
    Maler sich dem Teufel verschrieben, weil er nach dem Tode des
    Vaters, verstimmt und arbeitsunfähig, Sorge hatte, seine Existenz
    zu erhalten. Diese Momente, Depression, Arbeitshemmung und
    Trauer um den Vater sind irgendwie, auf einfache oder kompli-
    ziertere Art miteinander verknüpft. Vielleicht waren die Erschei-
    nungen des Teufels darum so überreichlich mit Brüsten ausge-
    stattet, weil der Böse sein Nährvater werden sollte. Die Hoffnung
    erfüllte sich nicht, es ging ihm auch weiterhin schlecht, er konnte
    nicht ordentlich arbeiten oder er hatte kein Glück und fand nicht
    genug Arbeit. Der Geleitbrief des Pfarrers spricht von ihm als
    „hunc miserum omni auxilio destitutum“. Er war also nicht nur
    in moralischen Nöten, er litt auch materielle Not. In die Wieder-
    gabe seiner späteren Visionen finden sich Bemerkungen einge-

  • S.

        Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert     39

    streut, die wie die Inhalte der erschauten Szenen zeigen, daß sich
    auch nach der erfolgreichen ersten Beschwörung daran nichts
    geändert hatte. Wir lernen einen Menschen kennen, der es zu
    nichts bringt, dem man auch darum kein Vertrauen schenkt. In
    der ersten Vision fragt ihn der Kavalier, was er eigentlich an-
    fangen wolle, da sich niemand seiner annehme („dieweillen ich von
    jedermann izt verlassen, waß ich anfangen würde“). Die erste
    Reihe der Visionen in Wien entspricht durchaus den Wunsch-
    phantasien des Armen, nach Genuß Hungerndn, Verkommenen:
    Herrliche Säle, Wohlleben, silbernes Tafelgeschirr und schöne
    Frauen; hier wird nachgeholt, was wir im Teufelsverhältnis ver-
    mißt haben. Damals bestand eine Melancholie, die ihn genuß-
    unfähig machte, auf die lockendsten Anerbieten verzichten hieß.
    Seit der Beschwörung scheint die Melancholie überwunden, alle
    Gelüste des Weltkindes sind wieder rege.

    In einer der asketischen Visionen beklagt er sich gegen die
    ihn führende Person (Christus), daß ihm niemand glauben wolle,
    so daß er dessentwegen, was ihm anbefohlen, nicht vollziehen
    könne. Die Antwort, die er darauf erhält, bleibt uns leider dunkel
    („so fer man mir nit glauben, waß aber geschehen, waß ich
    wol, ist mir aber selbes auszusprechen vnmöglich“). Besonders auf-
    klärend ist aber, was ihn sein göttlicher Führer bei den Ein-
    siedlern erleben läßt. Er kommt in eine Höhle, in der ein alter
    Mann schon seit sechzig Jahren sitzt, und erfährt auf seine Frage,
    daß dieser Alte täglich von den Engeln Gottes gespeist wird. Und
    dann sieht er selbst, wie ein Engel dem Alten zu essen bringt:
    „Drei Schüßerl mit Speiß, ein Brot und ein Knödl und Getränk.“
    Nachdem der Einsiedler gespeist, nimmt der Engel alles zusammen
    und trägt es ab. Wir verstehen, welche Versuchung die frommen
    Visionen zu bieten haben, sie wollen ihn bewegen, eine Form
    der Existenz zu wählen, in der ihm die Nahrungssorgen abge-
    nommen sind. Beachtenswert sind auch die Reden Christi in der
    letzten Vision. Nach der Drohung, wenn er sich nicht füge, werde

  • S.

      40   Sigm. Freud

    etwas geschehen, daß er und die Leute [daran] glauben müßten,
    mahnt er direkt: „Ich solle die Leith nit achten, obwollen ich von
    ihnen verfolgt wurdte, oder von ihnen keine hilfflaistung empfienge,
    Gott würde mich nit verlaßen.“

    Ch. Haitzmann war soweit Künstler und Weltkind, daß es ihm
    nicht leicht fiel, dieser sündigen Welt zu entsagen. Aber endlich
    tat er es doch mit Rücksicht auf seine hilflose Lage. Er trat in
    einen geistlichen Orden ein; damit war sein innerer Kampf wie
    seine materielle Not zu Ende. In seiner Neurose spiegelt sich
    dieser Ausgang darin, daß die Rückstellung einer angeblich ersten
    Verschreibung seine Anfälle und Visionen beseitigt. Eigentlich
    hatten beide Abschnitte seiner dämonologischen Erkrankung den-
    selben Sinn gehabt. Er wollte immer nur sein Leben sichern, das
    erste Mal mit Hilfe des Teufels auf Kosten seiner Seligkeit, und
    als dieser versagt hatte und aufgegeben werden mußte, mit
    Hilfe des geistlichen Standes auf Kosten seiner Freiheit und der
    meisten Genußmöglichkeiten des Lebens. Vielleicht war Chr.
    Haitzmann nur selbst ein armer Teufel, der eben kein Glück
    hatte, vielleicht war er zu ungeschickt oder zu unbegabt, um
    sich selbst zu erhalten, und zählte zu jenen Typen, die als
    „ewige Säuglinge“ bekannt sind, die sich von der beglückenden
    Situation an der Mutterbrust nicht losreißen können und durchs
    ganze Leben den Anspruch festhalten, von jemand anderem
    ernährt zu werden. Und so legte er in dieser Krankengeschichte
    den Weg vom Vater über den Teufel als Vaterersatz zu den
    frommen Patres zurück.

    Seine Neurose erscheint oberflächlicher Betrachtung als ein
    Gaukelspiel, welches ein Stück des ernsthaften, aber banalen
    Lebenskampfes überdeckt. Dies Verhältnis ist gewiß nicht immer
    so, aber es kommt auch nicht gar so selten vor. Die Analytiker
    erleben es oft, wie unvorteilhaft es ist, einen Kaufmann zu be-
    handeln, der „sonst gesund, seit einiger Zeit die Erscheinungen
    einer Neurose zeigt“. Die geschäftliche Katastrophe, von der sich

  • S.

    Eine Teufelsneurose im siebzehnten Jahrhundert                41

    der Kaufmann bedroht fühlt, wirft als Nebenwirkung diese Neurose
    auf, von der er auch den Vorteil hat, daß er hinter ihren Sym-
    ptomen seine realen Lebenssorgen verheimlichen kann. Sonst aber
    ist sie überaus unzweckmäßig, da sie Kräfte in Anspruch nimmt,
    die vorteilhafter zur besonnenen Erledigung der gefährlichen Lage
    Verwendung fänden.

    In weit zahlreicheren Fällen ist die Neurose selbständiger und
    unabhängigerer von den Interessen der Lebenserhaltung und Be-
    hauptung. Im Konflikt, der die Neurose schafft, stehen entweder
    nur libidinöse Interessen auf dem Spiel oder libidinöse in inniger
    Verknüpfung mit solchen der Lebensbehauptung. Der Dynamis-
    mus der Neurose ist in allen drei Fällen der gleiche. Eine nicht
    real zu befriedigende Libidostauung schafft sich mit Hilfe der
    Regression zu alten Fixierungen Abfluß durch das verdrängte
    Unbewußte. Soweit das Ich des Kranken aus diesem Vor-
    gang einen Krankheitsgewinn ziehen kann, läßt es die Neurose
    gewähren, deren ökonomische Schädlichkeit doch keinem Zweifel
    unterliegt.

    Auch die üble Lebenslage unseres Malers hätte keine Teufels-
    neurose bei ihm hervorgerufen, wenn aus seiner Not nicht eine
    verstärkte Vatersehnsucht erwachsen wäre. Nachdem aber die
    Melancholie und der Teufel abgetan waren, kam es bei ihm
    noch zum Kampf zwischen der libidinösen Lebenslust und der
    Einsicht, daß das Interesse der Lebenserhaltung gebieterisch Ver-
    zicht und Askese fordere. Es ist interessant, daß der Maler die
    Einheitlichkeit der beiden Stücke seiner Leidensgeschichte sehr
    wohl verspürt, denn er führt die eine wie die andere auf Ver-
    schreibungen, die er dem Teufel gegeben, zurück. Anderseits
    unterscheidet er nicht scharf zwischen den Einwirkungen des bösen
    Geistes und jenen der göttlichen Mächte, er hat für beide eine
    Bezeichnung: Erscheinungen des Teufels.

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