• S.

    47

    IV.

    Die Geierphantasie Leonardos hält uns noch immer fest.
    In Worten, welche nur allzudeutlich an die Beschreibung eines
    Sexualaktes anklingen (»und hat viele Male mit seinem Schwanz
    gegen meine Lippen gestoßen«), betont Leonardo die Inten-
    sität der erotischen Beziehungen zwischen Mutter und Kind.
    Es hält nicht schwer, aus dieser Verbindung der Aktivität
    der Mutter (des Geiers) mit der Hervorhebung der Mund-
    zone einen zweiten Erinnerungsinhalt der Phantasie zu er-
    raten. Wir können übersetzen: Die Mutter hat mir ungezählte
    leidenschaftliche Küsse auf den Mund gedrückt. Die Phan-
    tasie ist zusammengesetzt aus der Erinnerung an das Gesäugt-
    werden und an das Geküßtwerden durch die Mutter.

    Dem Künstler hat eine gütige Natur gegeben, seine ge-
    heimsten, ihm selbst verborgenen Seelenregungen durch Schöp-
    fungen zum Ausdruck zu bringen, welche die Anderen, dem
    Künstler Fremden, mächtig ergreift, ohne daß sie selbst an-
    zugeben wüßten, woher diese Ergriffenheit rührt. Sollte in
    dem Lebenswerk Leonardos nichts Zeugnis ablegen von dem,
    was seine Erinnerung als den stärksten Eindruck seiner Kind-
    heit bewahrt hat? Man müßte es erwarten. Wenn man aber
    erwägt, was für tiefgreifende Umwandlungen ein Lebensein-
    druck des Künstlers durchzumachen hat, ehe er seinen Bei-
    trag zum Kunstwerk stellen darf, wird man gerade bei Leo-
    nardo den Anspruch auf Sicherheit des Nachweises auf ein
    ganz bescheidenes Maß herabsetzen müssen.

    Wer an Leonardos Bilder denkt, den wird die Erinnerung
    an ein merkwürdiges, berückendes und rätselhaftes Lächeln
    mahnen, das er auf die Lippen seiner weiblichen Figuren
    gezaubert hat. Ein stehendes Lächeln auf langgezogenen,
    geschwungenen Lippen; es ist für ihn charakteristisch ge-
    worden und wird vorzugsweise »Leonardesk« genannt.1) In

    1) Der Kunstkenner wird hier an das eigentümliche starre Lächeln
    denken, welches die plastischen Werke der archaischen griechischen Kunst,
    z. B. die Aegineten, zeigen, vielleicht auch an den Figuren von Leonardos
    Lehrer Verrocchio ähnliches entdecken und darum den nachstehenden Aus-
    führungen nicht ohne Bedenken folgen wollen.

  • S.

    48

    dem fremdartig schönen Antlitz der Florentinerin Monna Lisa
    del Giocondo hat es die Beschauer am stärksten ergriffen
    und in Verwirrung gebracht. Dies Lächeln verlangte nach einer
    Deutung und fand die verschiedenartigsten, von denen keine
    befriedigte. »Voilà quatre siècles bientôt que Monna Lisa fait
    perdre la tête à tous ceux qui parlent d’elle, après l’avoir
    longtemps regardée.«1)

    Muther:2) »Was den Betrachter namentlich bannt, ist der
    dämonische Zauber dieses Lächelns. Hunderte von Dichtern
    und Schriftstellern haben über dieses Weib geschrieben, das
    bald verführerisch uns anzulächeln, bald kalt und seelenlos
    ins Leere zu starren scheint, und niemand hat ihr Lächeln
    enträtselt, niemand ihre Gedanken gedeutet. Alles, auch die
    Landschaft ist geheimnisvoll traumhaft, wie in gewitter-
    schwüler Sinnlichkeit zitternd.«

    Die Ahnung, daß sich in dem Lächeln der Monna Lisa
    zwei verschiedene Elemente vereinigen, hat sich bei mehreren
    Beurteilern geregt. Sie erblicken darum in dem Mienenspiel
    der schönen Florentinerin die vollkommenste Darstellung der
    Gegensätze, die das Liebesleben des Weibes beherrschen, der
    Reserve und der Verführung, der hingebungsvollen Zärtlich-
    keit und der rücksichtslos heischenden, den Mann wie etwas
    Fremdes verzehrenden Sinnlichkeit. So äußert Müntz:3) »On
    sait quelle énigme indéchiffrable et passionnante Monna Lisa
    Gioconda ne cesse depuis bientôt quatre siècles, de proposer
    aux admirateurs pressés devant elle. Jamais artiste (j’em-
    prunte la plume du délicat écrivain qui se cache sous le pseu-
    donyme de Pierre de Corlay) »a-t-il traduit ainsi l’essence
    même de la féminité: tendresse et coquetterie, pudeur et
    sourde volupté, tout le mystère d’un cœur qui se réserve,
    d’un cerveau qui réfléchit, d’une personnalité qui se garde
    et ne livre d’elle-même que son rayonnement …« Der
    Italiener Angelo Conti4) sieht das Bild im Louvre von

    1)Gruyer nach Seidlitz, L. da V., II. B., p. 280.

    2)Geschichte der Malerei, Bd. I, p. 314.

    3)l. c., p. 417.

    4)A. Conti, Leonardo pittore, Conferenze fiorentine, l. c., p. 93.

  • S.

    49

    einem Sonnenstrahl belebt. »La donna sorrideva in una calma
    regale: i suoi instinti di conquista, di ferocia, tutta l’eredità
    della specie, la volontà della seduzione e dell’ agguato, la
    grazia del inganno, la bontà che cela un proposito crudele,
    tutto ciò appariva alternativamente e scompariva dietro il velo
    ridente e si fondeva nel poema del suo sorriso… Buona
    e malvaggia, crudele e compassionevole, graziosa e felina,
    ella rideva…«

    Leonardo malte vier Jahre an diesem Bilde, vielleicht von
    1503 bis 1507, während seines zweiten Aufenthaltes in Florenz,
    selbst über 50 Jahre alt. Er wendete nach Vasaris Bericht
    die ausgesuchtesten Künste an, um die Dame während der
    Sitzungen zu zerstreuen und jenes Lächeln auf ihren Zügen
    festzuhalten. Von all den Feinheiten, die sein Pinsel damals
    auf der Leinwand wiedergab, hat das Bild in seinem heutigen
    Zustand wenig nur bewahrt; es galt, als es im Entstehen
    war, als das höchste, was die Kunst leisten könnte; sicher
    ist aber, daß es Leonardo selbst nicht befriedigte, daß er es
    für nicht vollendet erklärte, dem Besteller nicht ablieferte
    und mit sich nach Frankreich nahm, wo sein Beschützer
    Franz I. es von ihm für das Louvre erwarb.

    Lassen wir das physiognomische Rätsel der Monna Lisa
    ungelöst und verzeichnen wir die unzweifelhafte Tatsache,
    daß ihr Lächeln den Künstler nicht minder stark fasziniert
    hat, als alle die Beschauer seit 400 Jahren. Dies berückende
    Lächeln kehrt seitdem auf allen seinen Bildern und den seiner
    Schüler wieder. Da die Monna Lisa Leonardos ein Porträt ist,
    können wir nicht annehmen, er habe ihrem Angesicht aus
    eigenem einen so ausdrucksschweren Zug geliehen, den sie
    selbst nicht besaß. Es scheint, wir können kaum anders als
    glauben, daß er dies Lächeln bei seinem Modell fand und so
    sehr unter dessen Zauber geriet, daß er von da an die
    freien Schöpfungen seiner Phantasie mit ihm ausstattete.
    Dieser naheliegenden Auffassung gibt z. B. A. Konstan-
    tinowa1) Ausdruck:

    1)l. c., p. 45.

  • S.

    50

    »Während der langen Zeit, in welcher sich der Meister
    mit dem Porträt der Monna Lisa del Giocondo beschäftigte,
    hatte er sich mit solcher Teilnahme des Gefühls in die phy-
    siognomischen Feinheiten dieses Frauenantlitzes hineingelebt,
    daß er diese Züge – besonders das geheimnisvolle Lächeln
    und den seltsamen Blick – auf alle Gesichter übertrug, welche
    er in der Folge malte oder zeichnete; die mimische Eigen-
    tümlichkeit der Gioconda kann selbst auf dem Bilde Johannes
    des Täufers im Louvre wahrgenommen werden; – vor allem
    aber sind sie in Marias Gesichtszügen auf dem Anna Selbdritt-
    Bilde deutlich erkennbar.«

    Allein es kann auch anders zugegangen sein. Das Be-
    dürfnis nach einer tieferen Begründung jener Anziehung, mit
    welcher das Lächeln der Gioconda den Künstler ergriff, um
    ihn nicht mehr freizulassen, hat sich bei mehr als einem seiner
    Biographen geregt. W. Pater, der in dem Bilde der Monna
    Lisa die »Verkörperung aller Liebeserfahrung der Kultur-
    menschheit« sieht, und sehr fein »jenes unergründliche Lächeln,
    welches bei Leonardo stets wie mit etwas Unheilverkündendem
    verbunden scheint,« behandelt, führt uns auf eine andere
    Spur, wenn er äußert:1)

    »Übrigens ist das Bild ein Porträt. Wir können ver-
    folgen, wie es sich von Kindheit auf in das Gewebe seiner
    Träume mischt, so daß man, sprächen nicht ausdrückliche
    Zeugnisse dagegen, glauben möchte, es sei sein endlich gefun-
    denes und verkörpertes Frauenideal....«

    Etwas ganz Ähnliches hat wohl M. Herzfeld im Sinne,
    wenn sie ausspricht, in der Monna Lisa habe Leonardo sich
    selbst begegnet, darum sei es ihm möglich geworden, soviel
    von seinem eigenen Wesen in das Bild einzutragen, »dessen
    Züge von jeher in rätselhafter Sympathie in Leonardos
    Seele gelegen haben.«2)

    Versuchen wir diese Andeutungen zur Klarheit zu ent-
    wickeln. Es mag also so gewesen sein, daß Leonardo vom

    1) W. Pater, Die Renaissance. 2. Aufl., 1906, p. 157. (Aus dem
    Englischen.)

    2) M. Herzfeld, L. d. V., p. LXXXVIII.

  • S.

    51

    DES LEONARDO DA VINCI.


    Lächeln der Monna Lisa gefesselt wurde, weil dieses etwas
    in ihm aufweckte, was seit langer Zeit in seiner Seele geschlum-
    mert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich. Diese Erin-
    nerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen,
    nachdem sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer
    wieder neuen Ausdruck geben. Die Versicherung Paters,
    daß wir verfolgen können, wie sich ein Gesicht wie das der
    Monna Lisa von Kindheit auf in das Gewebe seiner Träume
    mischt, scheint glaubwürdig und verdient wörtlich verstanden
    zu werden.

    Vasari erwähnt als seine ersten künstlerischen Versuche
    »teste di femmine, che ridono«.1) Die Stelle, die ganz unver-
    dächtig ist, weil sie nichts erweisen will, lautet vollständiger
    in deutscher Übersetzung:2) »indem er in seiner Jugend einige
    lachende weibliche Köpfe aus Erde formte, die in Gips ver-
    vielfältigt wurden, und einige Kinderköpfe, so schön, als ob
    sie von Meisterhand gebildet wären . . . , p. 6.«

    Wir erfahren also, daß seine Kunstübung mit der Dar-
    stellung von zweierlei Objekten begann, die uns an die zweierlei
    Sexualobjekte mahnen müssen, welche wir aus der Analyse seiner
    Geierphantasie erschlossen haben. Waren die schönen Kinder-
    köpfe Vervielfältigungen seiner eigenen kindlichen Person, so
    sind die lächelnden Frauen nichts anderes als Wiederholungen
    der Catarina, seiner Mutter, und wir beginnen die Möglich-
    keit zu ahnen, daß seine Mutter das geheimnisvolle Lächeln
    besessen, das er verloren hatte, und das ihn so fesselte, als
    er es bei der Florentiner Dame wiederfand.3)

    Das Gemälde Leonardos, welches der Monna Lisa zeitlich
    am nächsten steht, ist die sogenannte »heilige Anna selbdritt«,
    die heilige Anna mit Maria und dem Christknaben. Es zeigt


    1) Bei Scognamiglio, l. c., p. 32.

    2) Von L. Schorn, III. Band, 1843, p. 6.

    3) Das nämliche nimmt Mereschkowski an, der doch für Leonardo
    eine Kindheitsgeschichte imaginiert, welche in den wesentlichen Punkten von
    unseren, aus der Geierphantasie geschöpften, Ergebnissen abweicht. Wenn
    aber Leonardo selbst dies Lächeln gezeigt hätte, so hätte die Tradition es
    wohl kaum unterlassen, uns dies Zusammentreffen zu berichten.

  • S.

    52

    das leonardeske Lächeln in schönster Ausprägung an beiden
    Frauenköpfen. Es ist nicht zu ermitteln, um wieviel früher
    oder später als das Porträt der Monna Lisa Leonardo daran
    zu malen begann. De beide Arbeiten sich über Jahre er-
    streckten, darf man wohl annehmen, daß sie den Meister
    gleichzeitig beschäftigt haben. Zu unserer Erwartung würde es
    am besten stimmen, wenn gerade die Vertiefung in die Züge
    der Monna Lisa Leonardo angeregt hätte, die Komposition
    der hl. Anna aus seiner Phantasie zu gestalten. Denn wenn
    das Lächeln der Gioconda die Erinnerung an die Mutter in
    ihm heraufbeschwor, so verstehen wir, daß es ihn zunächst
    dazu trieb, eine Verherrlichung der Mütterlichkeit zu schaffen,
    und das Lächeln, das er bei der vornehmen Dame gefunden
    hatte, der Mutter wiederzugeben. So dürfen wir denn unser
    Interesse vom Porträt der Monna Lisa auf dies andere, kaum
    minder schöne Bild, das sich jetzt auch im Louvre befindet,
    hinübergleiten lassen.

    Die heilige Anna mit Tochter und Enkelkind ist ein in
    der italienischen Malerei selten behandelter Gegenstand; die
    Darstellung Leonardos weicht jedenfalls weit von allen sonst
    bekannten ab. Muther sagt:1)

    »Einige Meister, wie Hans Fries, der ältere Holbein und
    Girolamo dai Libri, ließen Anna neben Maria sitzen und
    stellten zwischen beide das Kind. Andere, wie Jakob Cornelisz
    in seinem Berliner Bilde, zeigten im eigentlichen Wortsinn die
    »heilige Anna selbdritt«, das heißt, sie stellten sie dar, wie
    sie im Arme das kleine Figürchen Marias hält, auf dem das
    noch kleinere des Christkindes sitzt«. Bei Leonardo sitzt
    Maria auf dem Schoße ihrer Mutter vorgeneigt und greift mit
    beiden Armen nach dem Knaben, der mit einem Lämmchen
    spielt, es wohl ein wenig mißhandelt. Die Großmutter hat
    den einen unverdeckten Arm in die Hüfte gestemmt und blickt
    mit seligem Lächeln auf die beiden herab. Die Gruppierung
    ist gewiß nicht ganz ungezwungen. Aber das Lächeln, welches
    auf den Lippen beider Frauen spielt, hat, obwohl unverkenn-
    bar dasselbe wie im Bilde der Monna Lisa, seinen unheim-

    1)l. c., p. 309.

  • S.

    53


    lichen und rätselhaften Charakter verloren; es drückt Innig-
    keit und stille Seligkeit aus.1)

    Bei einer gewissen Vertiefung in dieses Bild kommt es
    wie ein plötzliches Verständnis über den Beschauer: Nur
    Leonardo konnte dieses Bild malen, wie nur er die Geier-
    phantasie dichten konnte. In dieses Bild ist die Synthese seiner
    Kindheitsgeschichte eingetragen; die Einzelheiten desselben
    sind aus den allerpersönlichsten Lebenseindrücken Leonardos
    erklärlich. Im Hause seines Vaters fand er nicht nur die
    gute Stiefmutter Donna Albiera, sondern auch die Großmutter,
    Mutter seines Vaters, Monna Lucia, die, wir wollen es an-
    nehmen, nicht unzärtlicher gegen ihn war, als Großmütter zu
    sein pflegen. Dieser Umstand mochte ihm die Darstellung
    der von Mutter und Großmutter behüteten Kindheit nahe-
    bringen. Ein anderer auffälliger Zug des Bildes gewinnt eine
    noch größere Bedeutung. Die hl. Anna, die Mutter der Maria
    und Großmutter des Knaben, die eine Matrone sein müßte,
    ist hier vielleicht etwas reifer und ernster als die hl. Maria,
    aber noch als junge Frau von unverwelkter Schönheit ge-
    bildet. Leonardo hat in Wirklichkeit dem Knaben zwei Mütter
    gegeben, eine, die die Arme nach ihm ausstreckt, und eine
    andere im Hintergrunde, und beide mit dem seligen Lächeln
    des Mutterglückes ausgestattet. Diese Eigentümlichkeit des
    Bildes hat nicht verfehlt, die Verwunderung der Autoren zu
    erregen; Muther meint z. B., daß Leonardo sich nicht ent-
    schließen konnte, Alter, Falten und Runzeln zu malen und
    darum auch Anna zu einer Frau von strahlender Schönheit
    machte. Ob man sich mit dieser Erklärung zufrieden geben
    kann? Andere haben zur Auskunft gegriffen, die »Gleich-
    altrigkeit von Mutter und Tochter« überhaupt in Abrede
    zu stellen.2) Aber der Muthersche Erklärungsversuch genügt
    wohl für den Beweis, daß der Eindruck von der Verjüngung


    1) A. Konstantinowa, l. c.: »Maria schaut voll Innigkeit zu ihrem
    Liebling herab, mit einem Lächeln, das an den rätselhaften Ausdruck der
    Gioconda erinnert,« und anderswo von der Maria: »Um ihre Züge schwebt
    das Lächeln der Gioconda.«

    2) S. v. Seidlitz, l. c., II. Bd., p. 274, Anmerkungen.

  • S.

    54

    der hl. Anna dem Bilde entnommen und nicht durch eine
    Tendenz vorgetäuscht ist.

    Leonardos Kindheit war gerade so merkwürdig gewesen
    wie dieses Bild. Er hatte zwei Mütter gehabt, die erste seine
    wahre Mutter, die Catarina, der er im Alter zwischen drei
    und fünf Jahren entrissen wurde, und eine junge und zärtliche
    Stiefmutter, die Frau seines Vaters, Donna Albiera. Indem er
    diese Tatsache seiner Kindheit mit der ersterwähnten zu-
    sammenzog, sie zu einer Mischeinheit verdichtete, gestaltete
    sich ihm die Komposition der hl. Anna selbdritt. Die mütter-
    liche Gestalt weiter weg vom Knaben, die Großmutter heißt,
    entspricht nach ihrer Erscheinung und ihrem räumlichen
    Verhältnis zum Knaben der echten früheren Mutter Catarina.
    Mit dem seligen Lächeln der hl. Anna hat der Künstler wohl
    den Neid verleugnet und überdeckt, den die Unglückliche
    verspürte, als sie der vornehmeren Rivalin wie früher den
    Mann, so nun auch den Sohn abtreten mußte.1)

    1)Versucht man an diesem Bilde die Figuren der Anna und der Maria
    von einander abzugrenzen,
    so gelingt dies nicht ganz
    leicht. Man möchte sagen,
    beide sind so ineinander ver-
    schmolzen wie schlecht ver-
    dichtete Traumgestalten, so
    daß es an manchen Stellen
    schwer wird zu sagen, wo
    Anna aufhört und wo Maria
    anfängt. Was so vor der künst-
    lerischen Betrachtung als
    Fehlleistung, als ein Mangel
    der Komposition erscheint,
    das rechtfertigt sich vor der
    Analyse durch Hinweis auf
    seinen geheimen Sinn. Die
    beiden Mütter seiner Kindheit
    durften dem Künstler zu einer
    Gestalt zusammenfließen.

    An diesem selben Bilde
    hat Oskar Pfister eine
    merkwürdige Entdeckung ge-
    macht, der man auf keinen

  • S.

    55


    So wären wir von einem anderen Werke Leonardos her
    zur Bestätigung der Ahnung gekommen, daß das Lächeln der
    Monna Lisa del Giocondo in dem Manne die Erinnerung an
    die Mutter seiner ersten Kinderjahre erweckt hatte. Madonnen
    und vornehme Damen zeigten von da an bei den Malern
    Italiens die demütige Kopfneigung und das seltsam-
    selige Lächeln des armen Bauernmädchens Catarina, das der Welt
    den herrlichen, zum Malen, Forschen und Dulden bestimmten
    Sohn geboren hatte.

    Wenn es Leonardo gelang, im Angesicht der Monna Lisa
    den doppelten Sinn wiederzugeben, den dies Lächeln hatte,


    Fall sein Interesse versagen wird, auch wenn man sich ihrer unbedingten An-
    erkennung nicht geneigt fühlen sollte. Er hat in der eigentümlich gestalteten
    und nicht leicht verständlichen Gewandung der Maria die Kontur des
    Geiers aufgefunden und deutet sie als unbewußtes Vexierbild.
    „Auf dem Bilde, das die Mutter des Künstlers darstellt, findet sich
    nämlich in voller Deutlichkeit der Geier, das Symbol der Mütterlichkeit.
    Man sieht den äußerst charakteristischen Geierkopf, den Hals, den
    scharfbogigen Ansatz des Rumpfes in dem blauen Tuche, das bei der Hüfte
    sichtbar wird und sich in der Richtung gegen Schoß
    und rechtes Knie erstreckt. Fast kein Beobachter, dem ich den kleinen Fund
    vorlegte, konnte sich der Evidenz dieses Vexierbildes entziehen.« (Kryptolalie,
    Kryptographie und unbewußtes Vexierbild bei Normalen. Jahrb. f. psycho-
    analyt. u. psychopath. Forschungen, V, 1913.)
    An dieser Stelle wird der Leser gewiß die Mühe nicht scheuen, das
    dieser Schrift beigegebene Titelbild anzuschauen, um die Umrisse des von
    Pfister gesehenen Geiers in ihm zu suchen. Das blaue Tuch, dessen Ränder
    das Vexierbild zeichnen, hebt sich in der Reproduktion als lichtgraues Feld
    vom dunkleren Grund der übrigen Gewandung ab.
    Pfister setzt (l. c., p. 147) fort: „Die wichtige Frage ist aber nun:
    Wie weit reicht das Vexierbild? Verfolgen wir das Tuch, das sich so scharf
    von seiner Umgebung abhebt, von der Mitte des Flügels aus weiter, so be-
    merken wir, daß es sich einerseits zum Fuß des Weibes senkt, anderseits aber
    gegen ihre Schulter und das Kind erhebt. Die erstere Partie ergäbe ungefähr
    Flügel und natürlichen Schweif des Geiers, die letztere einen spitzen Bauch
    und besonders wenn wir die strahlenförmigen, den Konturen von Federn
    ähnlichen Linien beachten, einen ausgebreiteten Vogelschwanz, dessen rechtes
    Ende genau wie in Leonardos schicksalsbedeutendem Kindheits-
    traum nach dem Munde des Kindes, also eben Leonardos, fort-
    führt.«
    Der Autor unternimmt es dann, die Deutung noch weiter ins Einzelne
    durchzuführen und behandelt die Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben.

  • S.

    56

    das Versprechen schrankenloser Zärtlichkeit wie die unheilverkündende Drohung (nach Paters Worten), so war er auchdarin dem Inhalte seiner frühesten Erinnerung treu geblieben.Denn die Zärtlichkeit der Mutter wurde ihm zum Verhängnis,bestimmte sein Schicksal und die Entbehrungen, die seinerwarteten. Die Heftigkeit der Liebkosungen, auf die seineGeierphantasie deutet, war nur allzu natürlich; die arme verlassene Mutter mußte all ihre Erinnerungen an genosseneZärtlichkeiten wie ihre Sehnsucht nach neuen in die Mutterliebe einfließen lassen; sie war dazu gedrängt, nicht nur sichdafür zu entschädigen, daß sie keinen Mann, sondern auch dasKind, daß es keinen Vater hatte, der es liebkosen wollte. Sonahm sie nach der Art aller unbefriedigten Mütter den kleinenSohn an Stelle ihres Mannes an und raubte ihm durch dieallzu frühe Reifung seiner Erotik ein Stück seiner Männlichkeit. Die Liebe der Mutter zum Säugling, den sie nährt undpflegt, ist etwas weit tiefgreifenderes als ihre spätere Affektionfür das heranwachsende Kind. Sie ist von der Natur einesvollbefriedigenden Liebesverhältnisses, das nicht nur alle seelischen Wünsche, sondern auch alle körperlichen Bedürfnisseerfüllt, und wenn sie eine der Formen des dem Menschenerreichbaren Glückes darstellt, so rührt dies nicht zum mindesten von der Möglichkeit her, auch längst verdrängte undpervers zu nennende Wunschregungen ohne Vorwurf zu befriedigen.1) In der glücklichsten jungen Ehe verspürt es derVater, daß das Kind, besonders der kleine Sohn, sein Nebenbuhler geworden ist, und eine im Unbewußten tief wurzelndeGegnerschaft gegen den Bevorzugten nimmt von daher ihrenAusgang.

    Als Leonardo auf der Höhe seines Lebens jenem seligverzückten Lächeln wieder begegnete, wie es einst den Mundseiner Mutter bei ihren Liebkosungen umspielt hatte, stander längst unter der Herrschaft einer Hemmung, die ihm verbot, je wieder solche Zärtlichkeiten von Frauenlippen zubegehren. Aber er war Maler geworden und so bemühte ersich, dieses Lächeln mit dem Pinsel wieder zu erschaffen, und

    1)Vgl. »Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie«, 3. Aufl., 1915.

  • S.

    57

    er gab es allen seinen Bildern, ob er sie nun selbst ausführte
    oder unter seiner Leitung von seinen Schülern ausführen ließ,
    der Leda, dem Johannes und dem Bacchus. Die beiden letzten
    sind Abänderungen desselben Typus. Muther sagt: »Aus
    dem Heuschreckenesser der Bibel hat Leonardo einen Bac-
    chus, einen Apollino gemacht, der, ein rätselhaftes Lächeln
    auf den Lippen, die weichen Schenkel übereinander geschlagen,
    uns mit sinnbetörendem Auge anblickt.« Diese Bilder atmen
    eine Mystik, in deren Geheimnis einzudringen man nicht
    wagt; man kann es höchstens versuchen, den Anschluß an
    die früheren Schöpfungen Leonardos herzustellen. Die Ge-
    stalten sind wieder mannweiblich, aber nicht mehr im Sinne
    der Geierphantasie, es sind schöne Jünglinge von weiblicher
    Zartheit mit weibischen Formen; sie schlagen die Augen nicht
    nieder, sondern blicken geheimnisvoll triumphierend, als
    wüßten sie von einem großen Glückserfolg, von dem man
    schweigen muß; das bekannte berückende Lächeln läßt ahnen,
    daß es ein Liebesgeheimnis ist. Möglich, daß Leonardo in
    diesen Gestalten das Unglück seines Liebeslebens verleugnet
    und künstlerisch überwunden hat, indem er die Wunsch-
    erfüllung des von der Mutter betörten Knaben in solch seliger
    Vereinigung von männlichem und weiblichem Wesen darstellte.

    V.

    Unter den Eintragungen in den Tagebüchern Leonardos
    findet sich eine, die durch ihren bedeutsamen Inhalt und
    wegen eines winzigen formalen Fehlers die Aufmerksamkeit
    des Lesers festhält:

    Er schreibt im Juli 1504.

    »Adi 9 di Luglio 1504 mercoledi a ore 7 mori Ser Piero
    da Vinci, notalio al palazzo del Potestà, mio padre, a ore 7.
    Era d’età d’anni 80, lasciò 10 figlioli maschi e 2 femmine.1)

    Die Notiz handelt also vom Tode des Vaters Leonardos.
    Die kleine Irrung in ihrer Form besteht darin, daß die Zeit-
    bestimmung »a ore 7« zweimal wiederholt wird, als hätte

    1)Nach E. Müntz, l. c., p. 13, Anmerkung.