• S.

    57

    er gab es allen seinen Bildern, ob er sie nun selbst ausführte
    oder unter seiner Leitung von seinen Schülern ausführen ließ,
    der Leda, dem Johannes und dem Bacchus. Die beiden letzten
    sind Abänderungen desselben Typus. Muther sagt: »Aus
    dem Heuschreckenesser der Bibel hat Leonardo einen Bac-
    chus, einen Apollino gemacht, der, ein rätselhaftes Lächeln
    auf den Lippen, die weichen Schenkel übereinander geschlagen,
    uns mit sinnbetörendem Auge anblickt.« Diese Bilder atmen
    eine Mystik, in deren Geheimnis einzudringen man nicht
    wagt; man kann es höchstens versuchen, den Anschluß an
    die früheren Schöpfungen Leonardos herzustellen. Die Ge-
    stalten sind wieder mannweiblich, aber nicht mehr im Sinne
    der Geierphantasie, es sind schöne Jünglinge von weiblicher
    Zartheit mit weibischen Formen; sie schlagen die Augen nicht
    nieder, sondern blicken geheimnisvoll triumphierend, als
    wüßten sie von einem großen Glückserfolg, von dem man
    schweigen muß; das bekannte berückende Lächeln läßt ahnen,
    daß es ein Liebesgeheimnis ist. Möglich, daß Leonardo in
    diesen Gestalten das Unglück seines Liebeslebens verleugnet
    und künstlerisch überwunden hat, indem er die Wunsch-
    erfüllung des von der Mutter betörten Knaben in solch seliger
    Vereinigung von männlichem und weiblichem Wesen darstellte.

    V.

    Unter den Eintragungen in den Tagebüchern Leonardos
    findet sich eine, die durch ihren bedeutsamen Inhalt und
    wegen eines winzigen formalen Fehlers die Aufmerksamkeit
    des Lesers festhält:

    Er schreibt im Juli 1504.

    »Adi 9 di Luglio 1504 mercoledi a ore 7 mori Ser Piero
    da Vinci, notalio al palazzo del Potestà, mio padre, a ore 7.
    Era d’età d’anni 80, lasciò 10 figlioli maschi e 2 femmine.1)

    Die Notiz handelt also vom Tode des Vaters Leonardos.
    Die kleine Irrung in ihrer Form besteht darin, daß die Zeit-
    bestimmung »a ore 7« zweimal wiederholt wird, als hätte

    1)Nach E. Müntz, l. c., p. 13, Anmerkung.

  • S.

    58

    Leonardo am Ende des Satzes vergessen, daß er sie zu Anfang
    bereits hingeschrieben. Es ist nur eine Kleinigkeit, aus der
    ein anderer als ein Psychoanalytiker nichts machen würde.
    Vielleicht würde er sie nicht bemerken, und auf sie aufmerk-
    sam gemacht, würde er sagen: Das kann in der Zerstreut-
    heit oder im Affekt jedem passieren und hat weiter keine
    Bedeutung.

    Der Psychoanalytiker denkt anders; ihm ist nichts zu
    klein als Äußerung verborgener seelischer Vorgänge; er hat
    längst gelernt, daß solches Vergessen oder Wiederholen be-
    deutungsvoll ist, und daß man es der »Zerstreutheit« danken
    muß, wenn sie den Verrat sonst verborgener Regungen ge-
    stattet.

    Wir werden sagen, auch diese Notiz entspricht, wie die
    Leichenrechnung der Catarina, die Kostenrechnungen der
    Schüler, einem Falle, in dem Leonardo die Unterdrückung
    seiner Affekte mißglückte und das lange Verhohlene sich einen
    entstellten Ausdruck erzwang. Auch die Form ist eine ähn-
    liche, dieselbe pedantische Genauigkeit, die gleiche Vordring-
    lichkeit der Zahlen.1)

    Wir heißen eine solche Wiederholung eine Perseveration.
    Sie ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel, um die affektive Be-
    tonung anzuzeigen. Man denke z. B. an die Zornesrede des
    heiligen Petrus gegen seinen unwürdigen Stellvertreter auf
    Erden in Dantes Paradiso:2)

    »Quegli ch'usurpa in terra il luogo mio
    Il luogo mio, il luogo mio, che vaca
    Nella presenza del Figliuol di Dio,

    Fatto ha del cimiterio mio cloaca.«

    Ohne Leonardos Affekthemmung hätte die Eintragung
    im Tagebuch etwa lauten können: Heute um 7 Uhr starb
    mein Vater, Ser Piero da Vinci, mein armer Vater! Aber die


    1)Von einem größeren Irrtum, den Leonardo in dieser Notiz beging,
    indem er dem 77jährigen Vater 80 Jahre gab, will ich absehen.

    2)Canto, XXVII, V. 22–25.

  • S.

    59


    Verschiebung der Perseveration auf die gleichgültigste Be-
    stimmung der Todesnachricht, auf die Sterbestunde, raubt der
    Notiz jedes Pathos und läßt uns gerade noch erkennen, daß
    hier etwas zu verbergen und zu unterdrücken war.

    Ser Piero da Vinci, Notar und Abkömmling von Notaren,
    war ein Mann von großer Lebenskraft, der es zu Ansehen
    und Wohlstand brachte. Er war viermal verheiratet, die
    beiden ersten Frauen starben ihm kinderlos weg, erst von
    der dritten erzielte er 1476 den ersten legitimen Sohn, als
    Leonardo bereits 24 Jahre alt war und das Vaterhaus längst
    gegen das Atelier seines Meisters Verrocchio vertauscht hatte;
    mit der vierten und letzten Frau, die er bereits als Fünfziger
    geheiratet hatte, zeugte er noch neun Söhne und zwei Töchter.1)

    Gewiß ist auch dieser Vater für die psychosexuelle Ent-
    wicklung Leonardos bedeutsam geworden, und zwar nicht nur
    negativ, durch seinen Wegfall in den ersten Kinderjahren des
    Knaben, sondern auch unmittelbar durch seine Gegenwart in
    dessen späterer Kindheit. Wer als Kind die Mutter begehrt,
    der kann es nicht vermeiden, sich an die Stelle des Vaters
    setzen zu wollen, sich in seiner Phantasie mit ihm zu iden-
    tifizieren und später seine Überwindung zur Lebensaufgabe
    zu machen. Als Leonardo, noch nicht fünf Jahre alt, ins groß-
    väterliche Haus aufgenommen wurde, trat gewiß die junge
    Stiefmutter Albiera an die Stelle seiner Mutter in seinem
    Fühlen, und er kam in jenes normal zu nennende Rivalitäts-
    verhältnis zum Vater. Die Entscheidung zur Homosexualität
    tritt bekanntlich erst in der Nähe der Pubertätsjahre auf.
    Als diese für Leonardo gefallen war, verlor die Identifizierung
    mit dem Vater jede Bedeutung für sein Sexualleben, setzte
    sich aber auf anderen Gebieten von nicht erotischer Betäti-
    gung fort. Wir hören, daß er Prunk und schöne Kleider
    liebte, sich Diener und Pferde hielt, obwohl er nach Vasaris
    Worten »fast nichts besaß und wenig arbeitete«; wir werden
    nicht allein seinen Schönheitssinn für diese Vorlieben verant-
     

    1)Es scheint, daß Leonardo in jener Tagebuchstelle sich auch in der
    Anzahl seiner Geschwister geirrt hat, was zur anscheinenden Exaktheit der
    selben in einem merkwürdigen Gegensatze steht.

  • S.

    60

    wortlich machen, wir erkennen in ihnen auch den Zwang, den
    Vater zu kopieren und zu übertreffen. Der Vater war gegen
    das arme Bauernmädchen der vornehme Herr gewesen, daher
    verblieb in dem Sohne der Stachel, auch den vornehmen
    Herrn zu spielen, der Drang »to out-
    herod Herod,« dem
    Vater vorzuhalten, wie erst die richtige Vornehmheit
    aussehe.

    Wer als Künstler schafft, der fühlt sich gegen seine Werke
    gewiß auch als Vater. Für Leonardos Schaffen als Maler hatte
    die Identifizierung mit dem Vater eine verhängnisvolle Folge.
    Er schuf sie und kümmerte sich nicht mehr um sie, wie sein
    Vater sich nicht um ihn bekümmert hatte. Die spätere Sorge
    des Vaters konnte an diesem Zwange nichts ändern, denn dieser
    leitete sich von den Eindrücken der ersten Kinderjahre ab,
    und das unbewußt gebliebene Verdrängte ist unkorrigierbar
    durch spätere Erfahrungen.

    Zur Zeit der Renaissance bedurfte jeder Künstler – wie
    auch noch viel später – eines hohen Herrn und Gönners,
    eines Padrone, der ihm Aufträge gab, in dessen Händen sein
    Schicksal ruhte. Leonardo fand seinen Padrone in dem hoch-
    strebenden, prachtliebenden, diplomatisch verschlagenen, aber
    unsteten und unverläßlichen Lodovico Sforza, zubenannt: il
    Moro. An seinem Hofe in Mailand verbrachte er die glän-
    zendste Zeit seines Lebens, in seinen Diensten entfaltete er
    am ungehemmtesten die Schaffenskraft, von der das Abendmahl
    und das Reiterstandbild des Francesco Sforza Zeugnis ab-
    legten. Er verließ Mailand, ehe die Katastrophe über Lodo-
    vico Moro hereinbrach, der als Gefangener in einem fran-
    zösischen Kerker starb. Als die Nachricht vom Schicksal
    seines Gönners Leonardo erreichte, schrieb er in sein Tage-
    buch: »Der Herzog verlor sein Land, seinen Besitz, seine
    Freiheit, und keines der Werke, die er unternommen, wurde
    zu Ende geführt.«1) Es ist merkwürdig und gewiß nicht be-
    deutungslos, daß er hier gegen seinen Padrone den nämlichen
    Vorwurf erhob, den die Nachwelt gegen ihn wenden sollte,

    1)»Il duca perse lo stato e la roba e libertà e nessuna sua opera si
    fini per lui.« – v. Seidlitz, l. c., II, p. 270.

  • S.

    61

    als wollte er eine Person aus der Vaterreihe dafür verant-
    wortlich machen, daß er selbst seine Werke unvollendet ließ.
    In Wirklichkeit hatte er auch gegen den Herzog nicht Unrecht.

    Aber wenn die Nachahmung des Vaters ihn als Künstler
    schädigte, so war die Auflehnung gegen den Vater die infan-
    tile Bedingung seiner vielleicht ebenso großartigen Leistung
    als Forscher. Er glich, nach dem schönen Gleichnis Meresch-
    kowskis, einem Menschen, der in der Finsternis zu früh er-
    wacht war, während die anderen noch alle schliefen.1) Er
    wagte es, den kühnen Satz auszusprechen, der doch die Recht-
    fertigung jeder freien Forschung enthält: Wer im Streite der
    Meinungen sich auf die Autorität beruft, der ar-
    beitet mit seinem Gedächtnis anstatt mit seinem
    Verstand.2) So wurde er der erste moderne Naturforscher,
    und eine Fülle von Erkenntnissen und Ahnungen belohnte seinen
    Mut, seit den Zeiten der Griechen als der erste, nur auf Be-
    obachtung und eigenes Urteil gestützt, an die Geheimnisse der
    Natur zu rühren. Aber wenn er die Autorität geringschätzen
    und die Nachahmung der »Alten« verwerfen lehrte und immer
    wieder auf das Studium der Natur als auf die Quelle aller
    Wahrheit hinwies, so wiederholte er nur in der höchsten,
    dem Menschen erreichbaren Sublimierung die Parteinahme,
    die sich bereits dem kleinen, verwundert in der Welt blicken-
    den Knaben aufgedrängt hatte. Aus der wissenschaftlichen
    Abstraktion in die konkrete individuelle Erfahrung rücküber-
    setzt, entsprachen die Alten und die Autorität doch nur dem
    Vater, und die Natur wurde wieder die zärtliche, gütige
    Mutter, die ihn genährt hatte. Während bei den meisten an-
    deren Menschenkindern – auch noch heute wie in Urzeiten
    – das Bedürfnis nach dem Anhalt an irgend einer Autorität
    so gebieterisch ist, daß ihnen die Welt ins Wanken gerät,
    wenn diese Autorität bedroht wird, konnte Leonardo allein
    dieser Stütze entbehren; er hätte es nicht können, wenn er
    nicht in den ersten Lebensjahren gelernt hätte, auf den Vater

    1) l. c., p. 348.

    2) Chi disputa allegando l’autoritá non adopra l’ingegno
    ma piuttosto la memoria; Solmi, Conf. fior., p. 13.

  • S.

    62

    zu verzichten. Die Kühnheit und Unabhängigkeit seiner spä-
    teren wissenschaftlichen Forschung setzt die vom Vater un-
    gehemmte infantile Sexualforschung voraus und setzt sie
    unter Abwendung vom Sexuellen fort.

    Wenn jemand wie Leonardo in seiner Kindheit der
    Einschüchterung durch den Vater entgangen ist und in
    seiner Forschung die Fesseln der Autorität abgeworfen
    hat, so wäre es der grellste Widerspruch gegen unsere Er-
    wartung, wenn wir fänden, daß derselbe Mann ein Gläu-
    biger geblieben ist und es nicht vermocht hat, sich der
    dogmatischen Religion zu entziehen. Die Psychoanalyse
    hat uns den intimen Zusammenhang zwischen dem Vater-
    komplex und der Gottesgläubigkeit kennen gelehrt, hat uns
    gezeigt, daß der persönliche Gott psychologisch nichts anderes
    ist als ein erhöhter Vater, und führt uns täglich vor Augen,
    wie jugendliche Personen den religiösen Glauben verlieren,
    sobald die Autorität des Vaters bei ihnen zusammenbricht.
    Im Elternkomplex erkennen wir so die Wurzel des religiösen
    Bedürfnisses; der allmächtige, gerechte Gott und die gütige
    Natur erscheinen uns als großartige Sublimierungen von
    Vater und Mutter, vielmehr als Erneuerungen und Wieder-
    herstellungen der frühkindlichen Vorstellungen von beiden.
    Die Religiosität führt sich biologisch auf die lang anhaltende
    Hilflosigkeit und Hilfsbedürftigkeit des kleinen Menschenkindes
    zurück, welches, wenn es später seine wirkliche Verlassenheit
    und Schwäche gegen die großen Mächte des Lebens erkannt
    hat, seine Lage ähnlich wie in der Kindheit empfindet und
    deren Trostlosigkeit durch die regressive Erneuerung der
    infantilen Schutzmächte zu verleugnen sucht. Der Schutz
    gegen neurotische Erkrankung, den die Religion ihren Gläu-
    bigen gewährt, erklärt sich leicht daraus, daß sie ihnen den
    Elternkomplex abnimmt, an dem das Schuldbewußtsein des Ein-
    zelnen wie der ganzen Menschheit hängt, und ihn für sie
    erledigt, während der Ungläubige mit dieser Aufgabe allein
    fertig werden muß.

    Es scheint nicht, daß das Beispiel Leonardos diese Auf-
    fassung der religiösen Gläubigkeit des Irrtums überführen

  • S.

    63


    könnte. Anklagen, die ihn des Unglaubens, oder, was jener
    Zeit ebensoviel hieß, des Abfalles vom Christenglauben be-
    schuldigten, regten sich bereits zu seinen Lebzeiten und haben
    in der ersten Lebensbeschreibung, die Vasari von ihm gab,
    einen bestimmten Ausdruck gefunden.1) In der zweiten Aus-
    gabe seiner Vite 1568 hat Vasari diese Bemerkungen weg-
    gelassen. Uns ist es vollkommen begreiflich, wenn Leonardo
    angesichts der außerordentlichen Empfindlichkeit seines Zeit-
    alters in religiösen Dingen sich direkter Äußerungen über
    seine Stellung zum Christentum auch in seinen Aufzeichnun-
    gen enthielt. Als Forscher ließ er sich durch die Schöpfungs-
    berichte der Heiligen Schrift nicht im mindesten beirren; er
    bestritt z. B. die Möglichkeit einer universellen Sündflut und
    rechnete in der Geologie ebenso unbedenklich wie die Moder-
    nen mit Jahrhunderten tausenden.

    Unter seinen »Prophezeiungen« finden sich so manche,
    die das Feingefühl eines gläubigen Christen beleidigen müßten,
    z. B.2) Die Bilder der Heiligen angebetet.

    »Es werden die Menschen mit Menschen reden, die nichts
    vernehmen, welche die Augen offen haben und nicht sehen;
    sie werden zu diesen reden und keine Antwort bekommen;
    sie werden Gnaden erbitten von dem, welcher Ohren hat und
    nicht hört; sie werden Lichter anzünden für den, der blind ist.«
    Oder: Vom Klagen am Karfreitag (p. 297).

    »In allen Teilen Europas wird von großen Völkerschaften
    geweint werden um den Tod eines einzigen Mannes, der im
    Orient gestorben.«

    Von Leonardos Kunst hat man geurteilt, daß er den
    heiligen Gestalten den letzten Rest kirchlicher Gebundenheit
    benahm und sie ins Menschliche zog, um große und schöne
    menschliche Empfindungen an ihnen darzustellen. Muther
    rühmt von ihm, daß er die Dekadenzstimmung überwand
    und den Menschen das Recht auf Sinnlichkeit und frohen
    Lebensgenuß wiedergab. In den Aufzeichnungen, welche Leo-
    nardo

    1)Müntz, l. c. La religion de Léonard, l. c., p. 292 u. ff.

    2)Nach Herzfeld, p. 292.

  • S.

    64

    nardo in die Ergründung der großen Naturrätsel vertieft
    zeigen, fehlt es nicht an Äußerungen der Bewunderung für
    den Schöpfer, den letzten Grund all dieser herrlichen Geheim-
    nisse, aber nichts deutet darauf hin, daß er eine persönliche
    Beziehung zu dieser Gottesmacht festhalten wollte. Die Sätze,
    in welche er die tiefe Weisheit seiner letzten Lebensjahre ge-
    legt hat, atmen die Resignation des Menschen, der sich der
    Ἀνάγκη, den Gesetzen der Natur, unterwirft und von der
    Güte oder Gnade Gottes keine Milderung erwartet. Es ist
    kaum ein Zweifel, daß Leonardo die dogmatische wie die
    persönliche Religion überwunden und sich durch seine Forscher-
    arbeit weit von der Weltanschauung des gläubigen Christen
    entfernt hatte.

    Aus unseren vorhin erwähnten Einsichten in die Ent-
    wicklung des kindlichen Seelenlebens wird uns die Annahme
    nahe gelegt, daß auch Leonardos erste Forschungen im Kindes-
    alter sich mit den Problemen der Sexualität beschäftigten. Er
    verrät es uns aber selbst in durchsichtiger Verhüllung, indem
    er seinen Forscherdrang an die Geierphantasie knüpft und
    das Problem des Vogelfluges als eines hervorhebt, das ihm
    durch besondere Schicksalsverkettung zur Bearbeitung zu-
    gefallen sei. Eine recht dunkle, wie eine Prophezeiung klin-
    gende Stelle in seinen Aufzeichnungen, die den Vogelflug be-
    handeln, bezeugt aufs Schönste, mit wie viel Affektinteresse
    er an dem Wunsche hing, die Kunst des Fliegens selbst nach-
    ahmen zu können: »Es wird seinen ersten Flug nehmen der
    große Vogel, vom Rücken seines großen Schwanes aus, das
    Universum mit Verblüffung, alle Schriften mit seinem Ruhme
    füllen und ewige Glorie sein dem Neste, wo er geboren ward.«1)
    Er hoffte wahrscheinlich, selbst einmal fliegen zu können,
    und wir wissen aus den wunscherfüllenden Träumen der
    Menschen, welche Seligkeit man sich von der Erfüllung dieser
    Hoffnung erwartet.

    Warum träumen aber so viele Menschen vom Fliegen-
    können? Die Psychoanalyse gibt hierauf die Antwort, weil

    1)Nach M. Herzfeld, L. d. V., p. 32. »Der große Schwan« soll einen
    Hügel, Monte Cecero, bei Florenz bedeuten.

  • S.

    65

    DES LEONARDO DA VINCI.

    das Fliegen oder Vogel sein, nur die Verhüllung eines anderen
    Wunsches ist, zu dessen Erkennung mehr als eine sprachliche
    und sachliche Brücke führt. Wenn man der wißbegierigen
    Jugend erzählt, ein großer Vogel, wie der Storch, bringe die
    kleinen Kinder, wenn die Alten den Phallus geflügelt gebildet
    haben, wenn die gebräuchlichste Bezeichnung der Geschlechts-
    tätigkeit des Mannes im Deutschen »vögeln« lautet, das Glied
    des Mannes bei den Italienern direkt l'uccello (Vogel) heißt,
    so sind das nur kleine Bruchstücke aus einem großen Zu-
    sammenhange, der uns lehrt, daß der Wunsch, fliegen zu
    können, im Traume nichts anderes bedeutet als die Sehnsucht,
    geschlechtlicher Leistungen fähig zu sein.1) Es ist dies ein
    frühinfantiler Wunsch. Wenn der Erwachsene seiner Kind-
    heit gedenkt, so erscheint sie ihm als eine glückliche Zeit, in
    der man sich des Augenblickes freute und wunschlos der Zu-
    kunft entgegenging, und darum beneidet er die Kinder. Aber
    die Kinder selbst, wenn sie darüber Auskunft geben könnten,
    würden wahrscheinlich anderes berichten. Es scheint, daß
    die Kindheit nicht jenes selige Idyll ist, zu dem wir es nach-
    träglich entstellen, daß die Kinder vielmehr von dem einen
    Wunsch, groß zu werden, es den Erwachsenen gleich zu tun,
    durch die Jahre der Kindheit gepeitscht werden. Dieser Wunsch
    treibt alle ihre Spiele. Ahnen die Kinder im Verlaufe ihrer
    Sexualforschung, daß der Erwachsene auf dem einen rätsel-
    vollen und doch so wichtigen Gebiete etwas Großartiges kann,
    was ihnen zu wissen und zu tun versagt ist, so regt sich in
    ihnen ein ungestümer Wunsch, dasselbe zu können, und sie
    träumen davon in der Form des Fliegens oder bereiten diese
    Einkleidung des Wunsches für ihre späteren Flugträume vor.
    So hat also auch die Aviatik, die in unseren Zeiten endlich
    ihr Ziel erreicht, ihre infantile erotische Wurzel.

    Indem uns Leonardo eingesteht, daß er zu dem Problem
    des Fliegens von Kindheit an eine besondere persönliche Be-
    ziehung verspürt hat, bestätigt er uns, daß seine Kinder-

    1)Nach den Untersuchungen von Paul Federn und denen von Mourly
    Vold (1912), einem norwegischen Forscher, welcher der Psychoanalyse ferne
    stand.

    Freud, Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci, 2. Aufl. 5

  • S.

    66

    forschung auf Sexuelles gerichtet war, wie wir es nach unse-
    ren Untersuchungen an den Kindern unserer Zeit vermuten
    mußten. Dies eine Problem wenigstens hatte sich der Ver-
    drängung entzogen, die ihn später der Sexualität entfrem-
    dete; von den Kinderjahren an bis in die Zeit der vollsten
    intellektuellen Reife war ihm das nämliche mit leichter Sinnes-
    abänderung interessant geblieben, und es ist sehr wohl möglich,
    daß ihm die gewünschte Kunst im primären sexuellen Sinne
    ebensowenig gelang wie im mechanischen, daß beide für ihn
    versagte Wünsche blieben.

    Der große Leonardo blieb überhaupt sein ganzes Leben
    über in manchen Stücken kindlich; man sagt, daß alle
    großen Männer etwas Infantiles bewahren müssen. Er
    spielte auch als Erwachsener weiter und wurde auch da-
    durch manchmal seinen Zeitgenossen unheimlich und unbe-
    greiflich. Wenn er zu höfischen Festlichkeiten und feier-
    lichen Empfängen die kunstvollsten mechanischen Spielereien
    verfertigte, so sind nur wir damit unzufrieden, die den Meister
    nicht gern seine Kraft an solchen Tand wenden sehen; er
    selbst scheint sich nicht ungern mit diesen Dingen abgegeben
    zu haben, denn Vasari berichtet, daß er ähnliches machte,
    wo kein Auftrag ihn dazu nötigte: »Dort (in Rom) verfer-
    tigte er einen Teig von Wachs und formte daraus, wenn er
    fließend war, sehr zarte Tiere, mit Luft gefüllt; blies er
    hinein, so flogen sie, war die Luft heraus, so fielen sie zur
    Erde. Einer seltsamen Eidechse, welche der Winzer von
    Belvedere fand, machte er Flügel aus der abgezogenen Haut
    anderer Eidechsen, welche er mit Quecksilber füllte, so daß
    sie sich bewegten und zitterten, wenn sie ging; sodann machte
    er ihr Augen, Bart und Hörner, zähmte sie, tat sie in eine
    Schachtel und jagte alle seine Freunde damit in Furcht.«1)
    Oft dienten ihm solche Spielereien zum Ausdruck inhalt-
    schwerer Gedanken: »Oftmals ließ er die Därme eines Ham-
    mels so fein ausputzen, daß man sie in der hohlen Hand hätte
    halten können; diese trug er in ein großes Zimmer, brachte
    in eine anstoßende Stube ein paar Schmiedeblasebälge, be-

    1) Vasari, übersetzt von Schorn, 1843.

  • S.

    67

    festigte daran die Därme und blies sie auf, bis sie das ganze
    Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte, so
    zeigte er, wie sie allmählich durchsichtig und von Luft er-
    füllt wurden, und indem sie anfangs auf einen kleinen
    Platz beschränkt sich mehr und mehr in den weiten Raum
    ausbreiteten, verglich er sie dem Genie.1) Dieselbe spiele-
    rische Lust am harmlosen Verbergen und kunstvollen Ein-
    kleiden bezeugen seine Fabeln und Rätsel, letztere in die
    Form von »Prophezeiungen« gebracht, fast alle gedankenreich
    und in bemerkenswertem Maße des Witzes entbehrend.

    Die Spiele und Sprünge, die Leonardo seiner Phantasie
    gestattete, haben in einigen Fällen seine Biographen, die
    diesen Charakter verkannten, in argen Irrtum gebracht. In
    den Mailänder Manuskripten Leonardos finden sich z. B. Ent-
    würfe zu Briefen an den »Diodario von Sorio (Syrien), Statt-
    halter des heiligen Sultan von Babylonien«, in denen Leonardo
    sich als Ingenieur einführt, der in diese Gegenden des Orients
    geschickt wurde, um gewisse Arbeiten auszuführen, sich gegen
    den Vorwurf der Trägheit verteidigt, geographische Beschrei-
    bungen von Städten und Bergen liefert und endlich ein großes
    Elementarereignis schildert, das dort in Leonardos Anwesen-
    heit vorgefallen ist.2)

    J. P. Richter hat im Jahre 1881 aus diesen Schrift-
    stücken zu beweisen gesucht, daß Leonardo wirklich im Dienste
    des Sultans von Ägypten diese Reisebeobachtungen angestellt
    und selbst im Orient die mohammedanische Religion ange-
    nommen habe. Dieser Aufenthalt sollte in die Zeit vor 1483,
    also vor der Übersiedlung an den Hof des Herzogs von
    Mailand fallen. Allein der Kritik anderer Autoren ist es nicht
    schwer geworden, die Belege für die angebliche Orientreise
    Leonardos als das zu erkennen, was sie in Wirklichkeit sind,
    phantastische Produktionen des jugendlichen Künstlers, die er
    zu seiner eigenen Unterhaltung schuf, in denen er vielleicht

    1)Ebenda, p. 39.

    2)Über diese Briefe und die an sie geknüpften Kombinationen siehe:
    Müntz, l. c., p. 82 ff.; den Wortlaut derselben und anderer an sie anschlie-
    ßender Aufzeichnungen bei M. Herzfeld, l. c., p. 223 u. ff.

  • S.

    68

    seine Wünsche, die Welt zu sehen und Abenteuer zu erleben,
    zum Ausdruck brachte.

    Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die »Aca-
    demia Vinciana«, deren Annahme auf dem Vorhandensein von
    fünf oder sechs höchst künstlich verschlungenen Emblemen
    mit der Inschrift der Akademie beruht. Vasari erwähnt
    diese Zeichnungen, aber nicht die Akademie.1) Müntz, der ein
    solches Ornament auf den Deckel seines großen Leonardo-
    werkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an die Realität
    einer »Academia Vinciana« glauben.

    Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos
    in seinen reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forscher-
    tätigkeit einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung
    seiner Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung
    kann uns lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit los-
    reißt, wer in seinen Kinderzeiten die höchste, später nicht
    wieder erreichte, erotische Seligkeit genossen hat.

    VI.

    Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die
    Leser heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die
    Ablehnung bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer patho-
    graphischen Bearbeitung eines großen Mannes gelange man
    nie zum Verständnis seiner Bedeutung und seiner Leistung;
    es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren,
    die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne.
    Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als
    Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie
    setzt sich überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen
    Mannes verständlich zu machen; man darf doch niemand zum
    Vorwurf machen, daß er etwas nicht gehalten hat, was er
    niemals versprochen hatte. Die wirklichen Motive des Wider-
    strebens sind andere. Man findet sie auf, wenn man in Er-

    1)»Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein Schnurgeflechte
    zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis zum anderen verfolgen
    konnte, bis er eine völlig kreisförmige Figur beschrieb; eine sehr schwierige
    und schöne Zeichnung der Art ist in Kupfer gestochen, in deren Mitte man
    die Worte liest: »Leonardus Vinci Academia« (p. 8).