S.
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seine Wünsche, die Welt zu sehen und Abenteuer zu erleben,
zum Ausdruck brachte.Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die »Aca-
demia Vinciana«, deren Annahme auf dem Vorhandensein von
fünf oder sechs höchst künstlich verschlungenen Emblemen
mit der Inschrift der Akademie beruht. Vasari erwähnt
diese Zeichnungen, aber nicht die Akademie.1) Müntz, der ein
solches Ornament auf den Deckel seines großen Leonardo-
werkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an die Realität
einer »Academia Vinciana« glauben.Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos
in seinen reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forscher-
tätigkeit einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung
seiner Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung
kann uns lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit los-
reißt, wer in seinen Kinderzeiten die höchste, später nicht
wieder erreichte, erotische Seligkeit genossen hat.VI.
Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die
Leser heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die
Ablehnung bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer patho-
graphischen Bearbeitung eines großen Mannes gelange man
nie zum Verständnis seiner Bedeutung und seiner Leistung;
es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren,
die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne.
Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als
Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie
setzt sich überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen
Mannes verständlich zu machen; man darf doch niemand zum
Vorwurf machen, daß er etwas nicht gehalten hat, was er
niemals versprochen hatte. Die wirklichen Motive des Wider-
strebens sind andere. Man findet sie auf, wenn man in Er-1)»Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein Schnurgeflechte
zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis zum anderen verfolgen
konnte, bis er eine völlig kreisförmige Figur beschrieb; eine sehr schwierige
und schöne Zeichnung der Art ist in Kupfer gestochen, in deren Mitte man
die Worte liest: »Leonardus Vinci Academia« (p. 8).S.
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wägung zieht, daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise
an ihren Helden fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum
Objekt ihrer Studien gewählt, weil sie ihm aus Gründen
ihres persönlichen Gefühlslebens von vornherein eine besondere
Affektion entgegenbrachten. Sie geben sich dann einer
Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen Mann
in die Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die
kindliche Vorstellung des Vaters in ihm neuzubeleben. Sie
löschen diesem Wunsche zuliebe die individuellen Züge in
seiner Physiognomie aus, glätten die Spuren seines Lebens
kampfes mit inneren und äußeren Widerständen, dulden an
ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche oder Unvoll-
kommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte, fremde
Idealgestalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt ver-
wandt fühlen könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun,
denn sie opfern damit die Wahrheit einer Illusion und ver-
zichten zu Gunsten ihrer infantilen Phantasien auf die Ge-
legenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der menschlichen
Natur einzudringen.1)Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem
Wissensdrange den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen
Seltsamkeiten und Rätseln seines Wesens die Bedingungen
seiner seelischen und intellektuellen Entwicklung zu erraten.
Wir huldigen ihm, indem wir an ihm lernen. Es beeinträch-
tigt seine Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren, die seine
Entwicklung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente
zusammentragen, die seiner Person den tragischen Zug des
Mißglückens eingeprägt haben.Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals
zu den Neurotikern oder »Nervenkranken«, wie das unge-
schickte Wort lautet, gezählt haben. Wer sich darüber beklagt,
daß wir es überhaupt wagen, aus der Pathologie gewonnene
Gesichtspunkte auf ihn anzuwenden, der hält noch an Vor-
urteilen fest, die wir heute mit Recht aufgegeben haben. Wir
glauben nicht mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale1)Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa auf die
Biographen Leonardos besonders zielen.S.
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und Nervöse, scharf von einander zu sondern sind, und daß
neurotische Züge als Beweise einer allgemeinen Minderwertig-
keit beurteilt werden müssen. Wir wissen heute, daß die
neurotischen Symptome Ersatzbildungen für gewisse Ver-
drängungsleistungen sind, welche wir im Laufe unserer Ent-
wicklung vom Kinde bis zum Kulturmenschen zu vollbringen
haben, daß wir alle solche Ersatzbildungen produzieren, und
daß nur die Anzahl, Intensität und Verteilung dieser Ersatz-
bildungen den praktischen Begriff des Krankseins und den
Schluß auf konstitutionelle Minderwertigkeit rechtfertigen.
Nach den kleinen Anzeichen an Leonardos Persönlichkeit
dürfen wir ihn in die Nähe jenes neurotischen Typus stellen,
den wir als »Zwangstypus« bezeichnen, sein Forschen mit dem
»Grübelzwang« der Neurotiker, seine Hemmungen mit den
sogenannten Abulien derselben vergleichen.Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen
in Leonardos Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätigkeit.
Es ist uns gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzufassen, was wir
über den Verlauf seiner psychischen Entwicklung erraten konnten.Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns
versagt, dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Um-
stände seiner Kindheit eine tiefgreifende störende Wirkung
ausüben. Seine illegitime Geburt entzieht ihn bis vielleicht
zum fünften Jahre dem Einflusse des Vaters und überläßt ihn
der zärtlichen Verführung einer Mutter, deren einziger Trost
er ist. Von ihr zur sexuellen Frühreife emporgeküßt, muß
er wohl in eine Phase infantiler Sexualbetätigung eingetreten
sein, von welcher nur eine einzige Äußerung sicher bezeugt
ist, die Intensität seiner infantilen Sexualforschung. Schau-
und Wißtriebe werden durch seine frühkindlichen Eindrücke
am stärksten erregt; die erogene Mundzone empfängt eine
Betonung, die sie nie mehr abgibt. Aus dem später gegen-
teiligen Verhalten, wie dem übergroßen Mitleid mit Tieren,
können wir schließen, daß es in dieser Kindheitsperiode an
kräftigen sadistischen Zügen nicht fehlte.Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem
kindlichen Übermaß ein Ende und stellt die Dispositionen fest,S.
71
die in den Jahren der Pubertät zum Vorschein kommen
werden. Die Abwendung von jeder grobsinnlichen Betätigung
wird das augenfälligste Ergebnis der Umwandlung sein;
Leonardo wird abstinent leben können und den Eindruck
eines asexuellen Menschen machen. Wenn die Fluten der
Pubertätserregung über den Knaben kommen, werden sie ihn
aber nicht krank machen, indem sie ihn zu kostspieligen und
schädlichen Ersatzbildungen nötigen; der größere Anteil der
Bedürftigkeit des Geschlechtstriebes wird sich dank der früh-
zeitigen Bevorzugung der sexuellen Wißbegierde zu allge-
meinem Wissensdrang sublimieren können und so der Ver-
drängung ausweichen. Ein weit geringerer Anteil der Libido
wird sexuellen Zielen zugewendet bleiben und das verküm-
merte Geschlechtsleben des Erwachsenen repräsentieren. In-
folge der Verdrängung der Liebe zur Mutter wird dieser
Anteil in homosexuelle Einstellung gedrängt werden und sich
als ideelle Knabenliebe kundgeben. Im Unbewußten bleibt die
Fixierung an die Mutter und an die seligen Erinnerungen
des Verkehres mit ihr bewahrt, verharrt aber vorläufig in
inaktivem Zustand. In solcher Weise teilen sich Verdrängung,
Fixierung und Sublimierung in die Verfügung über die Bei-
träge, welche der Sexualtrieb zum Seelenleben Leonardos leistet.
Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler,
Maler und Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen
Begabung, die der frühzeitigen Erweckung des Schautriebes
in ersten Kinderjahren eine Verstärkung schulden mag. Gerne
würden wir angeben wollen, in welcher Weise sich die künst-
lerische Betätigung auf die seelischen Urtriebe zurückführt,
wenn nicht gerade hier unsere Mittel versagen würden. Wir
bescheiden uns, die kaum mehr zweifelhafte Tatsache hervor-
zuheben, daß das Schaffen des Künstlers auch seinem sexuellen
Begehren Ableitung gibt, und für Leonardo auf die von
Vasari übermittelte Nachricht hinzuweisen, daß Köpfe von
lächelnden Frauen und schönen Knaben, also Darstellungen
seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen Ver-
suchen auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo
zunächst ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußerenS.
72
Lebensführung den Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt
er eine Zeit von männlicher Schaffenskraft und künstlerischer
Produktivität in Mailand, wo ihn die Gunst des Schicksals im
Herzog Lodovico Moro einen Vaterersatz finden läßt. Aber
bald bewährt sich an ihm die Erfahrung, daß die fast völlige
Unterdrückung des realen Sexuallebens nicht die günstigsten
Bedingungen für die Betätigung der sublimierten sexuellen
Strebungen ergibt. Die Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht
sich geltend, die Aktivität und die Fähigkeit zu raschem Ent-
schluß beginnen zu erlahmen, die Neigung zum Erwägen und
Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl störend be-
merkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der Technik
das Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht
sich nun bei ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen
bei Neurotikern an die Seite stellen kann. Die Pubertäts-
entfaltung seines Wesens zum Künstler wird durch die früh-
infantil bedingte zum Forscher überholt, die zweite Subli-
mierung seiner erotischen Triebe tritt gegen die uranfäng-
liche, bei der ersten Verdrängung vorbereitete, zurück. Er
wird zum Forscher, zuerst noch im Dienste seiner Kunst,
später unabhängig von ihr und von ihr weg. Mit dem Ver-
lust des den Vater ersetzenden Gönners und der Zunehmen-
den Verdüsterung im Leben greift diese regressive Ersetzung
immer mehr um sich. Er wird »impacientissimo al pennello«,
wie ein Korrespondent der Markgräfin Isabella d’Este be-
richtet, die durchaus noch ein Bild von seiner Hand besitzen
will.1) Seine kindliche Vergangenheit hat Macht über ihn be-
kommen. Das Forschen aber, daß ihm nun das künstlerische
Schaffen ersetzt, scheint einige der Züge an sich zu tragen,
welche die Betätigung unbewußter Triebe kennzeichnen, die
Unersättlichkeit, die rücksichtslose Starrheit, den Mangel an
Fähigkeit, sich realen Verhältnissen anzupassen.Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten fünfziger
Jahren, zu einer Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere
bereits rückgebildet sind, beim Manne nicht selten die Libido
noch einen energischen Vorstoß wagt, kommt eine neue1)v. Seidlitz, II, p. 271.
S.
73
Wandlung über ihn. Noch tiefere Schichten seines see-
lischen Inhaltes werden von neuem aktiv; aber diese weitere
Regression kommt seiner Kunst zu gute, die im Verkümmern
war. Er begegnet dem Weibe, welches die Erinnerung an
das glückliche und sinnlich verzückte Lächeln der Mutter bei
ihm weckt, und unter dem Einfluß dieser Erweckung gewinnt
er den Antrieb wieder, der ihn zu Beginn seiner künstlerischen
Versuche, als er die lächelnden Frauen bildete, geleitet. Er
malt die Mona Lisa, die hl. Anna selbdritt und die Reihe
der geheimnisvollen, durch das rätselhafte Lächeln ausgezeich-
neten Bilder. Mit Hilfe seiner urältesten erotischen Regungen
feiert er den Triumph, die Hemmung in seiner Kunst noch
einmal zu überwinden. Diese letzte Entwicklung verschwimmt
für uns im Dunkel des herannahenden Alters. Sein Intellekt
hat sich noch vorher zu den höchsten Leistungen einer seine
Zeit weit hinter sich lassenden Weltanschauung aufgeschwungen.Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt,
was zu einer solchen Darstellung des Entwicklungsganges
Leonardos, zu einer derartigen Gliederung seines Lebens und
Aufklärung seines Schwankens zwischen Kunst und Wissen-
schaft berechtigen kann. Sollte ich mit diesen Ausführungen
auch bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil
hervorrufen, daß ich bloß einen psychoanalytischen Roman
geschrieben habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit
dieser Ergebnisse gewiß nicht überschätze. Ich bin wie andere
der Anziehung unterlegen, die von diesem großen und rätsel-
haften Manne ausgeht, in dessen Wesen man mächtige trieb-
hafte Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich doch nur
so merkwürdig gedämpft äußern können.Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben
sein mag, wir können von unserem Versuche, sie psychoana-
lytisch zu ergründen, nicht eher ablassen, als bis wir eine
andere Aufgabe erledigt haben. Wir müssen ganz allgemein
die Grenzen abstecken, welche der Leistungsfähigkeit der
Psychoanalyse in der Biographie gesetzt sind, damit uns
nicht jede unterbliebene Erklärung als ein Mißerfolg ausgelegt
werde. Der psychoanalytischen Untersuchung stehen als Ma-S.
74
terial die Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, einer
seits die Zufälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse,
anderseits die berichteten Reaktionen des Individuums. Ge-
stützt auf ihre Kenntnis der psychischen Mechanismen sucht
sie nun das Wesen des Individuums aus seinen Reaktionen
dynamisch zu ergründen, seine ursprünglichen seelischen
Triebkräfte aufzudecken sowie deren spätere Umwandlungen
und Entwicklungen. Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten
der Persönlichkeit durch das Zusammenwirken von Konstitution
und Schicksal, inneren Kräften und äußeren Mächten aufge-
klärt. Wenn ein solches Unternehmen, wie vielleicht im Falle
Leonardos, keine gesicherten Resultate ergibt, so liegt die
Schuld nicht an der fehlerhaften oder unzulänglichen Methodik
der Psychoanalyse, sondern an der Unsicherheit und Lücken-
haftigkeit des Materials, welches die Überlieferung für diese
Person beistellt. Für das Mißglücken ist also nur der Autor
verantwortlich zu machen, der die Psychoanalyse genötigt hat,
auf so unzureichendes Material hin ein Gutachten abzugeben.
Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das hi-
storische Material und bei gesichertster Handhabung der psy-
chischen Mechanismen würde eine psychoanalytische Unter-
suchung an zwei bedeutsamen Stellen die Einsicht in die Not-
wendigkeit nicht ergeben können, daß das Individuum nur so
und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo
die Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner ille-
gitimen Geburt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den
entscheidendsten Einfluß auf seine Charakterbildung und sein
späteres Schicksal übten, indem die nach dieser Kindheits-
phase eintretende Sexualverdrängung ihn zur Sublimierung
der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine sexuelle In-
aktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese
Verdrängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der
Kindheit hätte nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem
anderen Individuum vielleicht nicht eingetreten oder wäre
weit weniger ausgiebig ausgefallen. Wir müssen hier einen
Grad von Freiheit anerkennen, der psychoanalytisch nicht
mehr aufzulösen ist. Ebensowenig darf man den AusgangS.
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dieses Verdrängungsschubes als den einzig möglichen Ausgang
hinstellen wollen. Einer anderen Person wäre es wahr-
scheinlich nicht geglückt, den Hauptanteil der Libido der
Verdrängung durch die Sublimierung zur Wißbegierde zu ent-
ziehen; unter den gleichen Einwirkungen wie Leonardo hätte
sie eine dauernde Beeinträchtigung der Denkarbeit oder eine
nicht zu bewältigende Disposition zur Zwangsneurose davon-
getragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos erübrigen
also als unerklärbar durch psychoanalytische Bemühung: seine
ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen und seine außer-
ordentliche Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven Triebe.
Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das
die Psychoanalyse erkennen kann. Von da an räumt sie der
biologischen Forschung den Platz. Verdrängungsneigung
sowie Sublimierungsfähigkeit sind wir genötigt, auf die orga-
nischen Grundlagen des Charakters zurückzuführen, über
welche erst sich das seelische Gebäude erhebt. Da die künst-
lerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimie-
rung innig zusammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch
das Wesen der künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch
unzugänglich ist. Die biologische Forschung unserer Zeit
neigt dazu, die Hauptzüge der organischen Konstitution eines
Menschen durch die Vermengung männlicher und weiblicher
Anlagen im stofflichen Sinne zu erklären; die Körperschönheit
wie die Linkshändigkeit Leonardos gestatteten hier manche
Anlehnung. Doch wir wollen den Boden rein psychologischer
Forschung nicht verlassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis
des Zusammenhanges zwischen äußeren Erlebnissen und Reak-
tionen der Person über den Weg der Triebbetätigung. Wenn
uns die Psychoanalyse auch die Tatsache der Künstlerschaft
Leonardos nicht aufklärt, so macht sie uns doch die Äuße-
rungen und die Einschränkungen derselben verständlich.
Scheint es doch, als hätte nur ein Mann mit den Kindheits-
erlebnissen Leonardos die Monna Lisa und die heilige Anna
selbdritt malen, seinen Werken jenes traurige Schicksal be-
reiten und so unerhörten Aufschwung als Naturforscher nehmen
können, als läge der Schlüssel zu all seinen Leistungen undS.
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seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier ver-
borgen.Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen
einer Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Eltern-
konstellation einen so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal
eines Menschen einräumt, das Schicksal Leonardos z. B. von
seiner illegitimen Geburt und der Unfruchtbarkeit seiner ersten
Stiefmutter Donna Albiera abhängig macht? Ich glaube, man
hat kein Recht dazu; wenn man den Zufall für unwürdig hält,
über unser Schicksal zu entscheiden, ist es bloß ein Rückfall
in die fromme Weltanschauung, deren Überwindung Leonardo
selbst vorbereitete, als er niederschrieb, die Sonne bewege
sich nicht. Wir sind natürlich gekränkt darüber, daß ein
gerechter Gott und eine gütige Vorsehung uns nicht besser
vor solchen Einwirkungen in unserer wehrlosesten Lebenszeit
behüten. Wir vergessen dabei gern, daß eigentlich alles an
unserem Leben Zufall ist, von unserer Entstehung an durch
das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der
darum doch an der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit der
Natur seinen Anteil hat, bloß der Beziehung zu unseren
Wünschen und Illusionen entbehrt. Die Aufteilung unserer
Lebensdeterminierung zwischen den »Notwendigkeiten« unserer
Konstitution und den »Zufälligkeiten« unserer Kindheit mag
im einzelnen noch ungesichert sein; im ganzen läßt sich aber
ein Zweifel an der Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinder-
jahre nicht mehr festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig
Respekt vor der Natur, die nach Leonardos dunklen, an
Hamlets Rede gemahnenden Worten »voll ist zahlloser Ur-
sachen, die niemals in die Erfahrung traten« (La natura è
piena d’infinite ragioni che non furono mai in isperienza).1)
Jeder von uns Menschenwesen entspricht einem der ungezählten
Experimente, in denen diese ragioni der Natur sich in die
Erfahrung drängen.
1)M. Herzfeld, l. c., p. 11.
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Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci1910-002/1919
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