• S.

    68

    seine Wünsche, die Welt zu sehen und Abenteuer zu erleben,
    zum Ausdruck brachte.

    Ein Phantasiegebilde ist wahrscheinlich auch die »Aca-
    demia Vinciana«, deren Annahme auf dem Vorhandensein von
    fünf oder sechs höchst künstlich verschlungenen Emblemen
    mit der Inschrift der Akademie beruht. Vasari erwähnt
    diese Zeichnungen, aber nicht die Akademie.1) Müntz, der ein
    solches Ornament auf den Deckel seines großen Leonardo-
    werkes gesetzt hat, gehört zu den wenigen, die an die Realität
    einer »Academia Vinciana« glauben.

    Es ist wahrscheinlich, daß dieser Spieltrieb Leonardos
    in seinen reiferen Jahren schwand, daß auch er in die Forscher-
    tätigkeit einmündete, welche die letzte und höchste Entfaltung
    seiner Persönlichkeit bedeutete. Aber seine lange Erhaltung
    kann uns lehren, wie langsam sich von seiner Kindheit los-
    reißt, wer in seinen Kinderzeiten die höchste, später nicht
    wieder erreichte, erotische Seligkeit genossen hat.

    VI.

    Es wäre vergeblich, sich darüber zu täuschen, daß die
    Leser heute alle Pathographie unschmackhaft finden. Die
    Ablehnung bekleidet sich mit dem Vorwurf, bei einer patho-
    graphischen Bearbeitung eines großen Mannes gelange man
    nie zum Verständnis seiner Bedeutung und seiner Leistung;
    es sei daher unnützer Mutwillen, an ihm Dinge zu studieren,
    die man ebensowohl beim erstbesten anderen finden könne.
    Allein diese Kritik ist so offenbar ungerecht, daß sie nur als
    Vorwand und Verhüllung verständlich wird. Die Pathographie
    setzt sich überhaupt nicht das Ziel, die Leistung des großen
    Mannes verständlich zu machen; man darf doch niemand zum
    Vorwurf machen, daß er etwas nicht gehalten hat, was er
    niemals versprochen hatte. Die wirklichen Motive des Wider-
    strebens sind andere. Man findet sie auf, wenn man in Er-

    1)»Außerdem verlor er manche Zeit, indem er sogar ein Schnurgeflechte
    zeichnete, worin man den Faden von einem Ende bis zum anderen verfolgen
    konnte, bis er eine völlig kreisförmige Figur beschrieb; eine sehr schwierige
    und schöne Zeichnung der Art ist in Kupfer gestochen, in deren Mitte man
    die Worte liest: »Leonardus Vinci Academia« (p. 8).

  • S.

    69


    wägung zieht, daß Biographen in ganz eigentümlicher Weise
    an ihren Helden fixiert sind. Sie haben ihn häufig zum
    Objekt ihrer Studien gewählt, weil sie ihm aus Gründen
    ihres persönlichen Gefühlslebens von vornherein eine besondere
    Affektion entgegenbrachten. Sie geben sich dann einer
    Idealisierungsarbeit hin, die bestrebt ist, den großen Mann
    in die Reihe ihrer infantilen Vorbilder einzutragen, etwa die
    kindliche Vorstellung des Vaters in ihm neuzubeleben. Sie
    löschen diesem Wunsche zuliebe die individuellen Züge in
    seiner Physiognomie aus, glätten die Spuren seines Lebens
    kampfes mit inneren und äußeren Widerständen, dulden an
    ihm keinen Rest von menschlicher Schwäche oder Unvoll-
    kommenheit und geben uns dann wirklich eine kalte, fremde
    Idealgestalt anstatt des Menschen, dem wir uns entfernt ver-
    wandt fühlen könnten. Es ist zu bedauern, daß sie dies tun,
    denn sie opfern damit die Wahrheit einer Illusion und ver-
    zichten zu Gunsten ihrer infantilen Phantasien auf die Ge-
    legenheit, in die reizvollsten Geheimnisse der menschlichen
    Natur einzudringen.1)

    Leonardo selbst hätte in seiner Wahrheitsliebe und seinem
    Wissensdrange den Versuch nicht abgewehrt, aus den kleinen
    Seltsamkeiten und Rätseln seines Wesens die Bedingungen
    seiner seelischen und intellektuellen Entwicklung zu erraten.
    Wir huldigen ihm, indem wir an ihm lernen. Es beeinträch-
    tigt seine Größe nicht, wenn wir die Opfer studieren, die seine
    Entwicklung aus dem Kinde kosten mußte, und die Momente
    zusammentragen, die seiner Person den tragischen Zug des
    Mißglückens eingeprägt haben.

    Heben wir ausdrücklich hervor, daß wir Leonardo niemals
    zu den Neurotikern oder »Nervenkranken«, wie das unge-
    schickte Wort lautet, gezählt haben. Wer sich darüber beklagt,
    daß wir es überhaupt wagen, aus der Pathologie gewonnene
    Gesichtspunkte auf ihn anzuwenden, der hält noch an Vor-
    urteilen fest, die wir heute mit Recht aufgegeben haben. Wir
    glauben nicht mehr, daß Gesundheit und Krankheit, Normale

    1)Diese Kritik soll ganz allgemein gelten und nicht etwa auf die
    Biographen Leonardos besonders zielen.

  • S.

    70

    und Nervöse, scharf von einander zu sondern sind, und daß
    neurotische Züge als Beweise einer allgemeinen Minderwertig-
    keit beurteilt werden müssen. Wir wissen heute, daß die
    neurotischen Symptome Ersatzbildungen für gewisse Ver-
    drängungsleistungen sind, welche wir im Laufe unserer Ent-
    wicklung vom Kinde bis zum Kulturmenschen zu vollbringen
    haben, daß wir alle solche Ersatzbildungen produzieren, und
    daß nur die Anzahl, Intensität und Verteilung dieser Ersatz-
    bildungen den praktischen Begriff des Krankseins und den
    Schluß auf konstitutionelle Minderwertigkeit rechtfertigen.
    Nach den kleinen Anzeichen an Leonardos Persönlichkeit
    dürfen wir ihn in die Nähe jenes neurotischen Typus stellen,
    den wir als »Zwangstypus« bezeichnen, sein Forschen mit dem
    »Grübelzwang« der Neurotiker, seine Hemmungen mit den
    sogenannten Abulien derselben vergleichen.

    Das Ziel unserer Arbeit war die Erklärung der Hemmungen
    in Leonardos Sexualleben und in seiner künstlerischen Tätigkeit.
    Es ist uns gestattet, zu diesem Zwecke zusammenzufassen, was wir
    über den Verlauf seiner psychischen Entwicklung erraten konnten.

    Die Einsicht in seine hereditären Verhältnisse ist uns
    versagt, dagegen erkennen wir, daß die akzidentellen Um-
    stände seiner Kindheit eine tiefgreifende störende Wirkung
    ausüben. Seine illegitime Geburt entzieht ihn bis vielleicht
    zum fünften Jahre dem Einflusse des Vaters und überläßt ihn
    der zärtlichen Verführung einer Mutter, deren einziger Trost
    er ist. Von ihr zur sexuellen Frühreife emporgeküßt, muß
    er wohl in eine Phase infantiler Sexualbetätigung eingetreten
    sein, von welcher nur eine einzige Äußerung sicher bezeugt
    ist, die Intensität seiner infantilen Sexualforschung. Schau-
    und Wißtriebe werden durch seine frühkindlichen Eindrücke
    am stärksten erregt; die erogene Mundzone empfängt eine
    Betonung, die sie nie mehr abgibt. Aus dem später gegen-
    teiligen Verhalten, wie dem übergroßen Mitleid mit Tieren,
    können wir schließen, daß es in dieser Kindheitsperiode an
    kräftigen sadistischen Zügen nicht fehlte.

    Ein energischer Verdrängungsschub bereitet diesem
    kindlichen Übermaß ein Ende und stellt die Dispositionen fest,

  • S.

    71

    die in den Jahren der Pubertät zum Vorschein kommen
    werden. Die Abwendung von jeder grobsinnlichen Betätigung
    wird das augenfälligste Ergebnis der Umwandlung sein;
    Leonardo wird abstinent leben können und den Eindruck
    eines asexuellen Menschen machen. Wenn die Fluten der
    Pubertätserregung über den Knaben kommen, werden sie ihn
    aber nicht krank machen, indem sie ihn zu kostspieligen und
    schädlichen Ersatzbildungen nötigen; der größere Anteil der
    Bedürftigkeit des Geschlechtstriebes wird sich dank der früh-
    zeitigen Bevorzugung der sexuellen Wißbegierde zu allge-
    meinem Wissensdrang sublimieren können und so der Ver-
    drängung ausweichen. Ein weit geringerer Anteil der Libido
    wird sexuellen Zielen zugewendet bleiben und das verküm-
    merte Geschlechtsleben des Erwachsenen repräsentieren. In-
    folge der Verdrängung der Liebe zur Mutter wird dieser
    Anteil in homosexuelle Einstellung gedrängt werden und sich
    als ideelle Knabenliebe kundgeben. Im Unbewußten bleibt die
    Fixierung an die Mutter und an die seligen Erinnerungen
    des Verkehres mit ihr bewahrt, verharrt aber vorläufig in
    inaktivem Zustand. In solcher Weise teilen sich Verdrängung,
    Fixierung und Sublimierung in die Verfügung über die Bei-
    träge, welche der Sexualtrieb zum Seelenleben Leonardos leistet.
    Aus dunkler Knabenzeit taucht Leonardo als Künstler,
    Maler und Plastiker vor uns auf, dank einer spezifischen
    Begabung, die der frühzeitigen Erweckung des Schautriebes
    in ersten Kinderjahren eine Verstärkung schulden mag. Gerne
    würden wir angeben wollen, in welcher Weise sich die künst-
    lerische Betätigung auf die seelischen Urtriebe zurückführt,
    wenn nicht gerade hier unsere Mittel versagen würden. Wir
    bescheiden uns, die kaum mehr zweifelhafte Tatsache hervor-
    zuheben, daß das Schaffen des Künstlers auch seinem sexuellen
    Begehren Ableitung gibt, und für Leonardo auf die von
    Vasari übermittelte Nachricht hinzuweisen, daß Köpfe von
    lächelnden Frauen und schönen Knaben, also Darstellungen
    seiner Sexualobjekte, unter seinen ersten künstlerischen Ver-
    suchen auffielen. In aufblühender Jugend scheint Leonardo
    zunächst ungehemmt zu arbeiten. Wie er in seiner äußeren

  • S.

    72

    Lebensführung den Vater zum Vorbild nimmt, so durchlebt
    er eine Zeit von männlicher Schaffenskraft und künstlerischer
    Produktivität in Mailand, wo ihn die Gunst des Schicksals im
    Herzog Lodovico Moro einen Vaterersatz finden läßt. Aber
    bald bewährt sich an ihm die Erfahrung, daß die fast völlige
    Unterdrückung des realen Sexuallebens nicht die günstigsten
    Bedingungen für die Betätigung der sublimierten sexuellen
    Strebungen ergibt. Die Vorbildlichkeit des Sexuallebens macht
    sich geltend, die Aktivität und die Fähigkeit zu raschem Ent-
    schluß beginnen zu erlahmen, die Neigung zum Erwägen und
    Verzögern wird schon beim heiligen Abendmahl störend be-
    merkbar und bestimmt durch die Beeinflussung der Technik
    das Schicksal dieses großartigen Werkes. Langsam vollzieht
    sich nun bei ihm ein Vorgang, den man nur den Regressionen
    bei Neurotikern an die Seite stellen kann. Die Pubertäts-
    entfaltung seines Wesens zum Künstler wird durch die früh-
    infantil bedingte zum Forscher überholt, die zweite Subli-
    mierung seiner erotischen Triebe tritt gegen die uranfäng-
    liche, bei der ersten Verdrängung vorbereitete, zurück. Er
    wird zum Forscher, zuerst noch im Dienste seiner Kunst,
    später unabhängig von ihr und von ihr weg. Mit dem Ver-
    lust des den Vater ersetzenden Gönners und der Zunehmen-
    den Verdüsterung im Leben greift diese regressive Ersetzung
    immer mehr um sich. Er wird »impacientissimo al pennello«,
    wie ein Korrespondent der Markgräfin Isabella d’Este be-
    richtet, die durchaus noch ein Bild von seiner Hand besitzen
    will.1) Seine kindliche Vergangenheit hat Macht über ihn be-
    kommen. Das Forschen aber, daß ihm nun das künstlerische
    Schaffen ersetzt, scheint einige der Züge an sich zu tragen,
    welche die Betätigung unbewußter Triebe kennzeichnen, die
    Unersättlichkeit, die rücksichtslose Starrheit, den Mangel an
    Fähigkeit, sich realen Verhältnissen anzupassen.

    Auf der Höhe seines Lebens, in den ersten fünfziger
    Jahren, zu einer Zeit, da beim Weibe die Geschlechtscharaktere
    bereits rückgebildet sind, beim Manne nicht selten die Libido
    noch einen energischen Vorstoß wagt, kommt eine neue

    1)v. Seidlitz, II, p. 271.

  • S.

    73

    Wandlung über ihn. Noch tiefere Schichten seines see-
    lischen Inhaltes werden von neuem aktiv; aber diese weitere
    Regression kommt seiner Kunst zu gute, die im Verkümmern
    war. Er begegnet dem Weibe, welches die Erinnerung an
    das glückliche und sinnlich verzückte Lächeln der Mutter bei
    ihm weckt, und unter dem Einfluß dieser Erweckung gewinnt
    er den Antrieb wieder, der ihn zu Beginn seiner künstlerischen
    Versuche, als er die lächelnden Frauen bildete, geleitet. Er
    malt die Mona Lisa, die hl. Anna selbdritt und die Reihe
    der geheimnisvollen, durch das rätselhafte Lächeln ausgezeich-
    neten Bilder. Mit Hilfe seiner urältesten erotischen Regungen
    feiert er den Triumph, die Hemmung in seiner Kunst noch
    einmal zu überwinden. Diese letzte Entwicklung verschwimmt
    für uns im Dunkel des herannahenden Alters. Sein Intellekt
    hat sich noch vorher zu den höchsten Leistungen einer seine
    Zeit weit hinter sich lassenden Weltanschauung aufgeschwungen.

    Ich habe in den voranstehenden Abschnitten angeführt,
    was zu einer solchen Darstellung des Entwicklungsganges
    Leonardos, zu einer derartigen Gliederung seines Lebens und
    Aufklärung seines Schwankens zwischen Kunst und Wissen-
    schaft berechtigen kann. Sollte ich mit diesen Ausführungen
    auch bei Freunden und Kennern der Psychoanalyse das Urteil
    hervorrufen, daß ich bloß einen psychoanalytischen Roman
    geschrieben habe, so werde ich antworten, daß ich die Sicherheit
    dieser Ergebnisse gewiß nicht überschätze. Ich bin wie andere
    der Anziehung unterlegen, die von diesem großen und rätsel-
    haften Manne ausgeht, in dessen Wesen man mächtige trieb-
    hafte Leidenschaften zu verspüren glaubt, die sich doch nur
    so merkwürdig gedämpft äußern können.

    Was immer aber die Wahrheit über Leonardos Leben
    sein mag, wir können von unserem Versuche, sie psychoana-
    lytisch zu ergründen, nicht eher ablassen, als bis wir eine
    andere Aufgabe erledigt haben. Wir müssen ganz allgemein
    die Grenzen abstecken, welche der Leistungsfähigkeit der
    Psychoanalyse in der Biographie gesetzt sind, damit uns
    nicht jede unterbliebene Erklärung als ein Mißerfolg ausgelegt
    werde. Der psychoanalytischen Untersuchung stehen als Ma-

  • S.

    74

    terial die Daten der Lebensgeschichte zur Verfügung, einer
    seits die Zufälligkeiten der Begebenheiten und Milieueinflüsse,
    anderseits die berichteten Reaktionen des Individuums. Ge-
    stützt auf ihre Kenntnis der psychischen Mechanismen sucht
    sie nun das Wesen des Individuums aus seinen Reaktionen
    dynamisch zu ergründen, seine ursprünglichen seelischen
    Triebkräfte aufzudecken sowie deren spätere Umwandlungen
    und Entwicklungen. Gelingt dies, so ist das Lebensverhalten
    der Persönlichkeit durch das Zusammenwirken von Konstitution
    und Schicksal, inneren Kräften und äußeren Mächten aufge-
    klärt. Wenn ein solches Unternehmen, wie vielleicht im Falle
    Leonardos, keine gesicherten Resultate ergibt, so liegt die
    Schuld nicht an der fehlerhaften oder unzulänglichen Methodik
    der Psychoanalyse, sondern an der Unsicherheit und Lücken-
    haftigkeit des Materials, welches die Überlieferung für diese
    Person beistellt. Für das Mißglücken ist also nur der Autor
    verantwortlich zu machen, der die Psychoanalyse genötigt hat,
    auf so unzureichendes Material hin ein Gutachten abzugeben.
    Aber selbst bei ausgiebigster Verfügung über das hi-
    storische Material und bei gesichertster Handhabung der psy-
    chischen Mechanismen würde eine psychoanalytische Unter-
    suchung an zwei bedeutsamen Stellen die Einsicht in die Not-
    wendigkeit nicht ergeben können, daß das Individuum nur so
    und nicht anders werden konnte. Wir haben bei Leonardo
    die Ansicht vertreten müssen, daß die Zufälligkeit seiner ille-
    gitimen Geburt und die Überzärtlichkeit seiner Mutter den
    entscheidendsten Einfluß auf seine Charakterbildung und sein
    späteres Schicksal übten, indem die nach dieser Kindheits-
    phase eintretende Sexualverdrängung ihn zur Sublimierung
    der Libido in Wissensdrang veranlaßte und seine sexuelle In-
    aktivität fürs ganze spätere Leben feststellte. Aber diese
    Verdrängung nach den ersten erotischen Befriedigungen der
    Kindheit hätte nicht eintreten müssen; sie wäre bei einem
    anderen Individuum vielleicht nicht eingetreten oder wäre
    weit weniger ausgiebig ausgefallen. Wir müssen hier einen
    Grad von Freiheit anerkennen, der psychoanalytisch nicht
    mehr aufzulösen ist. Ebensowenig darf man den Ausgang

  • S.

    75

    dieses Verdrängungsschubes als den einzig möglichen Ausgang
    hinstellen wollen. Einer anderen Person wäre es wahr-
    scheinlich nicht geglückt, den Hauptanteil der Libido der
    Verdrängung durch die Sublimierung zur Wißbegierde zu ent-
    ziehen; unter den gleichen Einwirkungen wie Leonardo hätte
    sie eine dauernde Beeinträchtigung der Denkarbeit oder eine
    nicht zu bewältigende Disposition zur Zwangsneurose davon-
    getragen. Diese zwei Eigentümlichkeiten Leonardos erübrigen
    also als unerklärbar durch psychoanalytische Bemühung: seine
    ganz besondere Neigung zu Triebverdrängungen und seine außer-
    ordentliche Fähigkeit zur Sublimierung der primitiven Triebe.
    Die Triebe und ihre Umwandlungen sind das letzte, das
    die Psychoanalyse erkennen kann. Von da an räumt sie der
    biologischen Forschung den Platz. Verdrängungsneigung
    sowie Sublimierungsfähigkeit sind wir genötigt, auf die orga-
    nischen Grundlagen des Charakters zurückzuführen, über
    welche erst sich das seelische Gebäude erhebt. Da die künst-
    lerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimie-
    rung innig zusammenhängt, müssen wir zugestehen, daß auch
    das Wesen der künstlerischen Leistung uns psychoanalytisch
    unzugänglich ist. Die biologische Forschung unserer Zeit
    neigt dazu, die Hauptzüge der organischen Konstitution eines
    Menschen durch die Vermengung männlicher und weiblicher
    Anlagen im stofflichen Sinne zu erklären; die Körperschönheit
    wie die Linkshändigkeit Leonardos gestatteten hier manche
    Anlehnung. Doch wir wollen den Boden rein psychologischer
    Forschung nicht verlassen. Unser Ziel bleibt der Nachweis
    des Zusammenhanges zwischen äußeren Erlebnissen und Reak-
    tionen der Person über den Weg der Triebbetätigung. Wenn
    uns die Psychoanalyse auch die Tatsache der Künstlerschaft
    Leonardos nicht aufklärt, so macht sie uns doch die Äuße-
    rungen und die Einschränkungen derselben verständlich.
    Scheint es doch, als hätte nur ein Mann mit den Kindheits-
    erlebnissen Leonardos die Monna Lisa und die heilige Anna
    selbdritt malen, seinen Werken jenes traurige Schicksal be-
    reiten und so unerhörten Aufschwung als Naturforscher nehmen
    können, als läge der Schlüssel zu all seinen Leistungen und

  • S.

    76

    seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier ver-
    borgen.

    Darf man aber nicht Anstoß nehmen an den Ergebnissen
    einer Untersuchung, welche den Zufälligkeiten der Eltern-
    konstellation einen so entscheidenden Einfluß auf das Schicksal
    eines Menschen einräumt, das Schicksal Leonardos z. B. von
    seiner illegitimen Geburt und der Unfruchtbarkeit seiner ersten
    Stiefmutter Donna Albiera abhängig macht? Ich glaube, man
    hat kein Recht dazu; wenn man den Zufall für unwürdig hält,
    über unser Schicksal zu entscheiden, ist es bloß ein Rückfall
    in die fromme Weltanschauung, deren Überwindung Leonardo
    selbst vorbereitete, als er niederschrieb, die Sonne bewege
    sich nicht. Wir sind natürlich gekränkt darüber, daß ein
    gerechter Gott und eine gütige Vorsehung uns nicht besser
    vor solchen Einwirkungen in unserer wehrlosesten Lebenszeit
    behüten. Wir vergessen dabei gern, daß eigentlich alles an
    unserem Leben Zufall ist, von unserer Entstehung an durch
    das Zusammentreffen von Spermatozoon und Ei, Zufall, der
    darum doch an der Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit der
    Natur seinen Anteil hat, bloß der Beziehung zu unseren
    Wünschen und Illusionen entbehrt. Die Aufteilung unserer
    Lebensdeterminierung zwischen den »Notwendigkeiten« unserer
    Konstitution und den »Zufälligkeiten« unserer Kindheit mag
    im einzelnen noch ungesichert sein; im ganzen läßt sich aber
    ein Zweifel an der Bedeutsamkeit gerade unserer ersten Kinder-
    jahre nicht mehr festhalten. Wir zeigen alle noch zu wenig
    Respekt vor der Natur, die nach Leonardos dunklen, an
    Hamlets Rede gemahnenden Worten »voll ist zahlloser Ur-
    sachen, die niemals in die Erfahrung traten« (La natura è
    piena d’infinite ragioni che non furono mai in isperienza).1)
    Jeder von uns Menschenwesen entspricht einem der ungezählten
    Experimente, in denen diese ragioni der Natur sich in die
    Erfahrung drängen.


    1)M. Herzfeld, l. c., p. 11.