• S.

    30

    und meine jetzt alte Mutter nach jener Kinderfrau zu befragen. Ich
    erfuhr allerlei, darunter, daß die kluge aber unredliche Person während
    des Wochenbettes der Mutter große Hausdiebstähle verübt hatte und
    auf Betreiben meines Halbbruders dem Gericht übergeben worden sei.
    Diese Auskunft gab mir das Verständnis der Kinderszene wie durch
    eine Art von Erleuchtung. Das plötzliche Verschwinden der Kinder-
    frau war mir nicht gleichgültig gewesen; ich hatte mich gerade an
    diesen Bruder mit der Frage gewendet, wo sie sei, wahrscheinlich
    weil ich gemerkt hatte, daß ihm eine Rolle bei ihrem Verschwinden
    zukomme, und er hatte ausweichend und wortspielerisch, wie seine
    Art noch heute ist, geantwortet: sie ist „eingekastelt“. Diese Antwort
    verstand ich nun nach kindlicher Weise, ließ aber zu fragen ab, weil
    nichts mehr zu erfahren war. Als mir nun kurze Zeit darauf die Mutter
    abging, argwöhnte ich, der schlimme Bruder habe mit ihr dasselbe
    angestellt wie mit der Kinderfrau, und nötigte ihn, mir den Kasten
    zu öffnen. Ich verstehe nun auch, warum in der Übersetzung der
    visuellen Kinderszene die Schlankheit der Mutter betont ist, die mir
    als neu wiederhergestellt aufgefallen sein muß. Ich bin 2 1/2 Jahre älter
    als die damals geborene Schwester, und als ich 3 Jahre alt wurde,
    fand das Zusammenleben mit dem Halbbruder ein Ende.


    V.

    Das Versprechen.

    Wenn das gebräuchliche Material unserer Rede in der Mutter-
    sprache gegen das Vergessen geschützt erscheint, so unterliegt dessen
    Anwendung um so häufiger einer anderen Störung, die als „Versprechen“
    bekannt ist. Das beim normalen Menschen beobachtete Versprechen
    macht den Eindruck der Vorstufe für die unter pathologischen Be-
    dingungen auftretenden sogen. „Paraphasien“.

    Ich befinde mich hier in der ausnahmsweisen Lage, eine Vorarbeit
    würdigen zu können. Im Jahre 1895 haben Meringer und C. Mayer
    eine Studie über „Versprechen und Verlesen“ publiziert, an deren
    Gesichtspunkte die meinigen nicht heranreichen. Der eine der Autoren,
    der im Texte das Wort führt, ist nämlich Sprachforscher und ist von lin-
    guistischen Interessen zur Untersuchung veranlaßt worden, den Regeln
    nachzugehen, nach denen man sich verspricht. Er hoffte, aus diesen

  • S.

    31

    Regeln auf das Vorhandensein „eines gewissen geistigen Mechanismus“
    schließen zu können, „in welchem die Laute eines Wortes, eines Satzes,
    und auch die Worte untereinander in ganz eigentümlicher Weise
    verbunden und verknüpft sind“ (S. 10).

    Die Autoren gruppieren die von ihnen gesammelten Beispiele des
    „Versprechens“ zunächst nach rein deskriptiven Gesichtspunkten als
    Vertauschungen (z. B. die Milo von Venus anstatt Venus von
    Milo), Vorklänge oder Antizipationen (z. B. es war mir auf
    der Schwest-
    auf der Brust so schwer), Nachklänge, Post-
    positionen (z. B. „Ich fordere Sie auf, auf das Wohl unseres
    Chefs aufzustoßen“ für anzustoßen), Kontaminationen (z. B.
    „Er setzt sich auf den Hinterkopf“ aus: „Er setzt sich einen Kopf auf“
    und: „Er stellt sich auf die Hinterbeine“), Substitutionen (z. B.
    „Ich gebe die Präparate in den Briefkasten“ statt Brütkasten), zu welchen
    Hauptkategorien noch einige minder wichtige (oder für unsere Zwecke
    minder bedeutsame) hinzugefügt werden. Es macht bei dieser Gruppie-
    rung keinen Unterschied, ob die Umstellung, Entstellung, Verschmel-
    zung usw. einzelne Laute des Wortes, Silben oder ganze Worte des
    intendierten Satzes betrifft.

    Zur Erklärung der beobachteten Arten des Versprechens stellt
    Meringer eine verschiedene psychische Wertigkeit der Sprachlaute
    auf. Wenn wir den ersten Laut eines Wortes, das erste Wort eines
    Satzes innervieren, wendet sich bereits der Erregungsvorgang den
    späteren Lauten, den folgenden Worten zu, und soweit diese Inner-
    vationen miteinander gleichzeitig sind, können sie einander abändernd
    beeinflussen. Die Erregung des psychisch intensiveren Lautes klingt
    vor oder hallt nach und stört so den minderwertigen Innervationsvorgang.
    Es handelt sich nun darum, zu bestimmen, welche die höchstwertigen
    Laute eines Wortes sind. Meringer meint: „Wenn man wissen
    will, welchem Laute eines Wortes die höchste Intensität zukommt, so
    beobachte man sich beim Suchen nach einem vergessenen Wort, z. B.
    einem Namen. Was zuerst wieder ins Bewußtsein kommt, hatte jeden
    falls die größte Intensität vor dem Vergessen (S. 160). Die hochwertigen
    Laute sind also der Anlaut der Wurzelsilbe und der Wortanlaut und
    der die betonten Vokale“ (S. 162).

    Ich kann nicht umhin, hier einen Widerspruch zu erheben. Ob
    der Anlaut des Namens zu den höchstwertigen Elementen des Wortes
    gehöre oder nicht, es ist gewiß nicht richtig, daß er im Falle des Wort-
    vergessens zuerst wieder ins Bewußtsein tritt; die obige Regel ist also
    unbrauchbar. Wenn man sich bei der Suche nach einem vergessenen

  • S.

    32

    Namen beobachtet, so wird man verhältnismäßig häufig die Über
    zeugung äußern müssen, er fange mit einem bestimmten Buchstaben
    an. Diese Überzeugung erweist sich nun ebenso oft als unbegründet
    wie als begründet. Ja, ich möchte behaupten, man proklamiert in der
    Mehrzahl der Fälle einen falschen Anlaut. Auch in unserem Beispiel:
    Signorelli ist bei dem Ersatznamen der Anlaut und sind die wesent-
    lichen Silben verloren gegangen; gerade das minderwertige Silbenpaar
    elli ist im Ersatznamen Botticelli dem Bewußtsein wiedergekehrt.
    Wie wenig die Ersatznamen den Anlaut des entfallenen Namens respek-
    tieren, mag z. B. folgender Fall lehren. Eines Tages ist es mir unmöglich,
    den Namen des kleinen Landes zu erinnern, dessen Hauptort Monte
    Carlo ist. Die Ersatznamen für ihn lauten:

    Piemont, Albanien, Montevideo, Colico.
    Für Albanien tritt bald Montenegro ein, und dann fällt mir auf,
    daß die Silbe Mont (Mon ausgesprochen) doch allen Ersatznamen
    bis auf den letzten zukommt. Es wird mir so erleichtert, vom Namen
    des Fürsten Albert aus das vergessene Monaco aufzufinden. Colico
    ahmt die Silbenfolge und Rhythmik des vergessenen Namens ungefähr
    nach.

    Wenn man der Vermutung Raum gibt, daß ein ähnlicher Mecha-
    nismus wie der fürs Namenvergessen nachgewiesene auch an den Er-
    scheinungen des Versprechens Anteil haben könne, so wird man zu
    einer tiefer begründeten Beurteilung der Fälle von Versprechen geführt.
    Die Störung in der Rede, welche sich als Versprechen kundgibt, kann
    erstens verursacht sein durch den Einfluß eines anderen Bestandteils
    derselben Rede, also durch das Vorklingen oder Nachhallen, oder durch
    eine zweite Fassung innerhalb des Satzes oder des Zusammenhanges,
    den auszusprechen man intendiert — hierher gehören alle oben Meh-
    ringer und Mayer entlehnten Beispiele —; zweitens aber könnte
    die Störung analog dem Vorgang im Falle: Signorelli zustande
    kommen durch Einflüsse außerhalb dieses Wortes, Satzes oder
    Zusammenhanges, von Elementen her, die auszusprechen man nicht
    intendiert, und von deren Erregung man erst durch eben die Störung
    Kenntnis erhält. In der Gleichzeitigkeit der Erregung läge das Ge-
    meinsame, in der Stellung innerhalb oder außerhalb desselben Satzes
    oder Zusammenhanges das Unterscheidende für die beiden Entstehungs-
    arten des Versprechens. Der Unterschied erscheint zunächst nicht so
    groß, als er für gewisse Folgerungen aus der Symptomatologie des
    Versprechens in Betracht kommt. Es ist aber klar, daß man nur im
    ersteren Falle Aussicht hat, aus den Erscheinungen des Versprechens

  • S.

    33

    Schlüsse auf einen Mechanismus zu ziehen, der Laute und Worte zur
    gegenseitigen Beeinflussung ihrer Artikulation miteinander verknüpft,
    also Schlüsse, wie sie sie der Sprachforscher aus dem Studium des Ver-
    sprechens zu gewinnen hoffte. Im Falle der Störung durch Einflüsse
    außerhalb des nämlichen Satzes oder Redezusammenhanges würde es
    sich vor allem darum handeln, die störenden Elemente kennen zu
    lernen, und dann entstände die Frage, ob auch der Mechanismus dieser
    Störung die zu vermutenden Gesetze der Sprachbildung verraten kann.

    Man darf nicht behaupten, daß Meringer und Mayer die
    Möglichkeit der Sprechstörung durch „kompliziertere psychische Ein-
    flüsse“, durch Elemente außerhalb desselben Wortes, Satzes oder derselben
    Redefolge übersehen haben. Sie mußten ja bemerken, daß die Theorie
    der psychischen Ungleichwertigkeit der Laute strenge genommen nur
    für die Aufklärung der Lautstörungen, sowie der Vor- und Nachklänge
    ausreicht. Wo sich die Wortstörungen nicht auf Lautstörungen redu-
    zieren lassen, z. B. bei den Substitutionen und Kontaminationen von
    Worten, haben auch sie unbedenklich die Ursache des Versprechens
    außerhalb des intendierten Zusammenhanges gesucht und diesen
    Sachverhalt durch schöne Beispiele erwiesen. Ich zitiere folgende
    Stellen:

    (S. 62.) „Ru. erzählt von Vorgängen, die er in seinem Innern
    für „Schweinereien“ erklärt. Er sucht aber nach einer milden Form
    und beginnt: „Dann aber sind Tatsachen zum Vorschwein ge-
    kommen…“ Mayer und ich waren anwesend und Ru. bestätigte,
    daß er „Schweinereien“ gedacht hatte. Daß sich dieses gedachte Wort
    bei „Vorschein“ verriet und plötzlich wirksam wurde, findet in der Ähn-
    lichkeit der Wörter seine genügende Erklärung.“ —

    (S. 73.) „Auch bei den Substitutionen spielen wie bei den Kon-
    taminationen und in wahrscheinlich viel höherem Grade die „schwebenden
    oder „vagierenden“ Sprachbilder eine große Rolle. Sie sind, wenn
    auch unter der Schwelle des Bewußtseins, so doch noch in wirksamer
    Nähe, können leicht durch eine Ähnlichkeit des zu sprechenden Kom-
    plexes herangezogen werden und führen dann eine Entgleisung herbei
    oder kreuzen den Zug der Wörter. Die „schwebenden“ oder „vagie-
    renden“ Sprachbilder sind, wie gesagt, oft die Nachzügler von kürzlich
    abgelaufenen Sprachprozessen (Nachklänge).“

    (S. 97.) „Eine Entgleisung ist auch durch Ähnlichkeit möglich,
    wenn ein anderes ähnliches Wort nahe unter der Bewußtseinsschwelle
    liegt, ohne daß es gesprochen zu werden bestimmt
    wäre. Das ist der Fall bei den Substitutionen. — So hoffe ich, daß man

    Freud, Psychopathologie des Alltagslebens.

  • S.

    34

    beim Nachprüfen meine Regeln wird bestätigen müssen. Aber dazu ist
    notwendig, daß man (wenn ein anderer spricht) sich Klarheit
    darüber verschafft, an was Alles der Sprecher ge-
    dacht hat.1) Hier ein lehrreicher Fall. Klassendirektor Li sagte in
    unserer Gesellschaft: „Die Frau würde mir Furcht einlagen.“ Ich wurde
    stutzig, denn das l schien mir unerklärlich. Ich erlaubte mir, den
    Sprecher auf seinen Fehler „einlagen“ für „einjagen“ aufmerksam zu-
    machen, worauf er sofort antwortete: „Ja, das kommt daher, weil ich
    dachte: ich wäre nicht in der Lage u. s. f.“

    „Ein anderer Fall. Ich frage R. v. Schid., wie es seinem kranken
    Pferde gehe. Er antwortete: „Ja, das draut… dauert vielleicht noch
    einen Monat. „Das „draut“ mit seinem r war mir unverständlich, denn
    das r von dauert konnte unmöglich so gewirkt haben. Ich machte also
    R. v. S. aufmerksam, worauf er erklärte, er habe gedacht, „das ist eine
    traurige Geschichte.“ Der Sprecher hatte also zwei Antworten im
    Sinne und diese vermengten sich.“

    Es ist wohl unverkennbar, wie nahe die Rücksichtnahme auf die
    „vagierenden“ Sprachbilder, die unter der Schwelle des Bewußtseins
    stehen und nicht zum Gesprochenwerden bestimmt sind, und die For-
    derung, sich zu erkundigen, an was der Sprecher alles gedacht habe,
    an die Verhältnisse bei unseren „Analysen“ herankommen. Auch wir
    suchen unbewußtes Material, und zwar auf dem nämlichen Wege, nur
    daß wir von den Einfällen des Befragten bis zur Auffindung des störenden
    Elementes einen längeren Weg durch eine komplexe Assoziationsreihe-
    zurückzulegen haben.

    Ich verweile noch bei einem anderen interessanten Verhalten, für
    das die Beispiele Meringers Zeugnis ablegen. Nach der Einsicht
    des Autors selbst ist es irgend eine Ähnlichkeit eines Wortes im inten-
    dierten Satz mit einem anderen nicht intendierten, welche dem letzteren
    gestattet, sich durch die Verursachung einer Entstellung, Mischbildung,
    Kompromißbildung (Kontamination) im Bewußtsein zur Geltung
    zu bringen.

    lagen, dauert, Vorschein.
    jagen, traurig, … schwein.

    Nun habe ich in meiner Schrift über die „Traumdeutung“2) dar-
    getan, welchen Anteil die Verdichtungsarbeit an der Entstehung


    1)Von mir hervorgehoben.

    2)Die Traumdeutung. Leipzig und Wien, 1900.

  • S.

    35

    des sog. manifesten Trauminhaltes aus den latenten Traumgedanken
    hat. Irgend eine Ähnlichkeit der Dinge oder der Wortvorstellungen
    zwischen zwei Elementen des unbewußten Materials wird da zum An-
    laß genommen, um ein Drittes, eine Misch- oder Kompromißvorstellung
    zu schaffen, welche im Trauminhalt ihre beiden Komponenten vertritt,
    und die infolge dieses Ursprungs so häufig mit widersprechenden Einzel-
    bestimmungen ausgestattet ist. Die Bildung von Substitutionen und
    Kontaminationen beim Versprechen ist somit ein Beginn jener Ver-
    dichtungsarbeit, die wir in eifrigster Tätigkeit am Aufbau des Traumes
    beteiligt finden.

    In einem kleinen für weitere Kreise bestimmten Aufsatz (Neue
    freie Presse vom 23. Aug. 1900: „Wie man sich versprechen kann“)
    hat Meringer eine besondere praktische Bedeutung für gewisse Fälle
    von Wortvertauschungen in Anspruch genommen, für solche nämlich,
    in denen man ein Wort durch sein Gegenteil dem Sinne nach ersetzt.
    „Man erinnert sich wohl noch der Art, wie vor einiger Zeit der Präsident
    des österreichischen Abgeordnetenhauses die Sitzung eröffnete:
    „Hohes Haus! Ich konstatiere die Anwesenheit von so und soviel
    Herren und erkläre somit die Sitzung für „geschlossen!“ Die
    allgemeine Heiterkeit machte ihn erst aufmerksam, und er verbesserte
    den Fehler. Im vorliegenden Falle wird die Erklärung wohl diese sein,
    daß der Präsident sich wünschte, er wäre schon in der Lage, die
    Sitzung, von der wenig Gutes zu erwarten stand, zu schließen, aber —
    eine häufige Erscheinung — der Nebengedanke setzte sich wenigstens
    teilweise durch, und das Resultat war „geschlossen“ für „eröffnet“,
    also das Gegenteil dessen, was zu sprechen beabsichtigt war. Aber viel-
    fältige Beobachtung hat mich belehrt, daß man gegensätzliche Worte
    überhaupt sehr häufig mit einander vertauscht; sie sind eben schon
    in unserem Sprachbewußtsein assoziiert, liegen hart nebeneinander
    und werden leicht irrtümlich aufgerufen.“

    Nicht in allen Fällen von Gegensatzvertauschung wird es so leicht,
    wie hier im Beispiel des Präsidenten, wahrscheinlich zu machen, daß
    das Versprechen infolge eines Widerspruchs geschieht, der sich im
    Innern des Redners gegen den geäußerten Satz erhebt. Wir haben
    den analogen Mechanismus in der Analyse des Beispiels: aliquis
    gefunden; dort äußerte sich der innere Widerspruch im Vergessen eines
    Wortes anstatt in seiner Ersetzung durch das Gegenteil. Wir wollen
    aber zur Ausgleichung des Unterschiedes bemerken, daß das Wörtchen
    aliquis eines ähnlichen Gegensatzes, wie ihn „schließen“ zu „eröffnen“
    ergibt, eigentlich nicht fähig ist, und das „eröffnen“ als gebräuchlicher

  • S.

    36

    Bestandteil des Redeschatzes dem Vergessen nicht unterworfen sein
    kann.

    Zeigen uns die letzten Beispiele von Meringer und Mayer,
    daß die Sprechstörung ebensowohl durch den Einfluß vor- und nach-
    klingender Laute und Worte desselben Satzes entstehen kann, die zum
    Ausgesprochenwerden bestimmt sind, wie durch die Einwirkung von
    Worten außerhalb des intendierten Satzes, deren Erregung sich
    sonst nicht verraten hätte, so werden wir zunächst erfahren
    wollen, ob man die beiden Klassen von Versprechen scharf sondern, und
    wie man ein Beispiel der einen von einem Fall der anderen Klasse unter-
    scheiden kann. An dieser Stelle der Erörterung muß man aber der Äuße-
    rungen Wundts gedenken, der in seiner eben erscheinenden um-
    fassenden Bearbeitung der Entwicklungsgesetze der Sprache (Völker-
    psychologie, I. Band, I. Teil S. 371 u. ff., 1900) auch die Erscheinungen
    des Versprechens behandelt. Was bei diesen Erscheinungen und
    anderen, ihnen verwandten, niemals fehlt, das sind nach Wundt
    gewisse psychische Einflüsse. „Dahin gehört zunächst als positive
    Bedingung der ungehemmte Fluß der von den gesprochenen Lauten
    angeregten Laut-
    und Wortassoziationen. Ihm tritt der
    Wegfall oder der Nachlaß der diesen Lauf hemmenden Wirkungen des
    Willens und der auch hier als Willensfunktion sich betätigenden Auf-
    merksamkeit als negatives Moment zur Seite. Ob jenes Spiel der
    Assoziation darin sich äußert, das ein kommender Laut antizipiert oder
    die vorausgegangenen reproduziert, oder ein gewohnheitsmäßig ein-
    geübter zwischen andere eingeschaltet wird, oder endlich darin, daß
    ganz andere Worte, die mit den gesprochenen Lauten in assoziativer
    Beziehung stehen, auf diese herüberwirken — alles das bezeichnet nur
    Unterschiede in der Richtung und allenfalls in dem Spielraum der
    stattfindenden Assoziationen, nicht in der allgemeinen Natur derselben.
    Auch kann es in manchen Fällen zweifelhaft sein, welcher Form man
    eine bestimmte Störung zuzurechnen, oder ob man sie nicht mit größerem
    Rechte nach dem Prinzip der Komplikation der
    Ursachen1) auf ein Zusammentreffen mehrerer Motive zurück-
    zuführen habe“ (S. 380 und 381).

    Ich halte diese Bemerkungen Wundts für vollberechtigt und
    sehr instruktiv. Vielleicht könnte man mit größerer Entschiedenheit
    als Wundt betonen, daß das positiv begünstigende Moment der
    Sprechfehler — der ungehemmte Fluß der Assoziationen — und das

    1)Von mir hervorgehoben.

  • S.

    37

    negative — der Nachlaß der hemmenden Aufmerksamkeit — regel
    mäßig miteinander zur Wirkung gelangen, so daß beide Momente nur
    zu verschiedenen Bestimmungen des nämlichen Vorganges werden.
    Mit dem Nachlaß der hemmenden Aufmerksamkeit tritt eben der unge-
    hemmte Fluß der Assoziationen in Tätigkeit; noch unzweifelhafter
    ausgedrückt: durch diesen Nachlaß.

    Unter den Beispielen von Versprechen, die sich selbst gesammelt,
    finde ich kaum eines, bei dem ich die Sprechstörung einzig und allein
    auf das, was Wundt „Kontaktwirkung der Laute“ nennt, zurück-
    führen müßte. Fast regelmäßig entdecke ich überdies einen störenden
    Einfluß von etwas außerhalb der intendierten Rede, und das
    Störende ist entweder ein einzelner, unbewußt gebliebener Gedanke,
    der sich durch das Versprechen kundgibt und oft erst durch eingehende
    Analyse zum Bewußtsein gefördert werden kann, oder es ist ein all-
    gemeineres psychisches Motiv, welches sich gegen die ganze Rede
    richtet.

    Beispiel a): Ich will gegen meine Tochter, die beim Einbeißen in
    einen Apfel ein garstiges Gesicht geschnitten hat, zitieren:

    Der Affe gar possierlich ist,
    Zumal wenn er vom Apfel frißt.

    Ich beginne aber: Der Apfe… Dies scheint eine Kontamination
    von „Affe“ und „Apfel“ (Kompromißbildung) oder kann auch als
    Antizipation des vorbereiteten „Apfel“ aufgefaßt werden. Der genauere
    Sachverhalt ist aber der: Ich hatte das Zitat schon einmal begonnen
    und mich das erste Mal dabei nicht versprochen. Ich versprach mich
    erst bei der Wiederholung, die sich als notwendig ergab, weil die An-
    gesprochene, von anderer Seite mit Beschlag belegt, nicht zuhörte.
    Diese Wiederholung, die mit ihr verbundene Ungeduld, des Satzes
    ledig zu werden, muß ich in die Motivierung des Sprechfehlers, der
    sich als eine Verdichtungsleistung darstellt, mit einrechnen.

    b) Meine Tochter sagt: Ich schreibe der Frau Schresinger…
    Die Frau heißt Schlesinger. Dieser Sprechfehler hängt wohl mit
    einer Tendenz zur Erleichterung der Artikulation zusammen, denn das
    r ist nach wiederholtem r schwer auszusprechen. Ich muß aber hinzu-
    fügen, daß sich dieses Versprechen bei meiner Tochter ereignete, nach-
    dem ich ihr wenige Minuten zuvor „Apfe“ anstatt „Affe“ vorgesagt
    hatte. Nun ist das Versprechen in hohem Maße ansteckend, ähnlich
    wie das Namenvergessen, bei dem Meringer und Mayer diese
    Eigentümlichkeit bemerkt haben. Einen Grund für diese psychische
    Kontagiosität weiß ich nicht anzugeben.

  • S.

    38

    c) „Ich klappe zusammen wie ein Tassenmescher — Taschen-
    messer“, sagt eine Patientin zu Beginn der Behandlungsstunde, die
    Laute vertauschend, wobei ihr wieder die Artikulationsschwierigkeit
    („Wiener Weiber Wäscherinnen waschen weiße Wäsche“ — „Fischflosse“
    und ähnliche Prüfworte) zur Entschuldigung dienen kann. Auf den
    Sprechfehler aufmerksam gemacht, erwidert sie prompt: „Ja, das ist
    nur, weil Sie heute „E r n s c h t“ gesagt haben.“ Ich hatte sie wirklich
    mit der Rede empfangen: „Heute wird es also E r n s t“ (weil es die letzte
    Stunde vor dem Urlaub werden sollte) und hatte das „E r n s c h t“ scherz-
    haft zu „E r n s c h t“ verbreitert. Im Laufe der Stunde verspricht sie
    sich immer wieder von neuem, und ich merke endlich, daß sie mich
    nicht blos imitiert, sondern daß sie einen besonderen Grund hat, im
    Unbewußten bei dem Worte Ernst als Namen zu verweilen.1)

    d) „Ich bin so verschnupft, ich kann nicht durch die A s e n a t-
    m e n — N a s e a t m e n“ passiert derselben Patientin ein anderes Mal.
    Sie weiß sofort, wie sie zu diesem Sprechfehler kommt. „Ich steige
    jeden Tag in der H a s e n a u e r g a s s e in die Tramway, und heute
    früh ist mir während des Wartens auf den Wagen eingefallen, wenn ich
    eine Französin wäre, würde ich A s e n a u e r aussprechen, denn die
    Franzosen lassen das H im Anlaut immer weg.“ Sie bringt dann eine
    Reihe von Reminiszenzen an Franzosen, die sie kennen gelernt hat,
    und langt nach weitläufigen Umwegen bei der Erinnerung an, daß sie
    als 14 jähriges Mädchen in dem kleinen Stück „K u r m ä r k e r und P i c a r d e“
    die Picarde gespielt und damals gebrochen Deutsch gesprochen hat.
    Die Zufälligkeit, daß in ihrem Logierhaus ein Gast aus Paris an-
    gekommen ist, hat die ganze Reihe von Erinnerungen wachgerufen.
    Die Lautvertauschung ist also Folge der Störung durch einen unbewußten
    Gedanken aus einem ganz fremden Zusammenhang.

    e) Ähnlich ist der Mechanismus des Versprechens bei einer anderen
    Patientin, die mitten in der Reproduktion einer längst verschollenen
    Kindererinnerung von ihrem Gedächtnis verlassen wird. An welche
    Körperstelle die vorwitzige und lüsterne Hand des Anderen gegriffen


    1)Sie stand nämlich, wie sich zeigte, unter dem Einfluß von unbewußten
    Gedanken über Schwangerschaft und Kinderverhütung. Mit den Worten: „zu-
    sammengeklappt wie ein Taschenmesser“, welche sie bewußt als Klage vorbrachte,
    wollte sie die Haltung des Kindes im Mutterleibe beschreiben. Das Wort „E r n s t“
    in meiner Anrede hatte sie an den Namen (S. Ernst) der bekannten Wiener Firma
    in der Kärntnerstraße gemahnt, welche sich als Verkaufsstätte von Schutzmitteln
    gegen die Konzeption zu annoncieren pflegt.

  • S.

    39

    hat, will ihr das Gedächtnis nicht mitteilen. Sie macht unmittelbar
    darauf einen Besuch bei einer Freundin und unterhält sich mit ihr
    über Sommerwohnungen. Gefragt, wo denn ihr Häuschen in M. gelegen
    sei, antwortet sie: an der Berglende anstatt Berglehne.

    f) Eine andere Patientin, die ich nach Abbruch der Stunde frage,
    wie es ihrem Onkel geht, antwortet: „Ich weiß nicht, ich sehe ihn
    jetzt nur in flagranti“. Am nächsten Tage beginnt sie: „Ich habe
    mich recht geschämt, Ihnen eine so dumme Antwort gegeben zu haben.
    Sie müssen mich natürlich für eine ganz ungebildete Person halten,
    die beständig Fremdwörter verwechselt. Ich wollte sagen: en pas-
    sant.“ Wir wußten damals noch nicht, woher sie die unrichtig an-
    gewendeten Fremdworte genommen hatte. In derselben Sitzung
    aber brachte sie als Fortsetzung des vortägigen Themas eine Reminiszenz,
    in welcher das Ertapptwerden in flagranti die Hauptrolle spielte.
    Der Sprechfehler am Tage vorher hatte also die damals noch nicht
    bewußt gewordene Erinnerung antizipiert.

    g) Gegen eine Andere muß ich an einer gewissen Stelle der Analyse
    die Vermutung aussprechen, daß sie sich zu der Zeit, von welcher wir
    eben handeln, ihrer Familie geschämt und ihrem Vater einen uns noch
    unbekannten Vorwurf gemacht habe. Sie erinnert sich nicht daran,
    erklärt es übrigens für unwahrscheinlich. Sie setzt aber das Gespräch
    mit Bemerkungen über ihre Familie fort: „Man muß ihnen das eine
    lassen: Es sind doch besondere Menschen, sie haben alle Geiz – ich
    wollte sagen Geist“. Das war denn auch wirklich der Vorwurf,
    den sie aus ihrem Gedächtnis verdrängt hatte. Daß sich in dem Ver-
    sprechen gerade jene Idee durchdrängt, die man zurückhalten will, ist
    ein häufiges Vorkommnis (vgl. den Fall von Meringer: zum Vor-
    schwein gekommen). Der Unterschied liegt nur darin, daß die Person
    bei Meringer etwas zurückhalten will, was ihr bewußt ist, während
    meine Patientin das Zurückgehaltene nicht weiß, oder wie man auch
    sagen kann, nicht weiß, daß sie etwas und was sie zurückhält.

    h) „Wenn Sie Teppiche kaufen wollen, so gehen sie nur zu Kauf-
    mann in der Mathäusgasse. Ich glaube, ich kann Sie dort auch emp-
    fehlen“, sagt mir eine Dame. Ich wiederhole: „Also bei Mathäus
    … bei Kaufmann will ich sagen“. Es sieht aus wie Folge von
    Zerstreutheit, wenn ich den einen Namen an Stelle des anderen wieder-
    hole. Die Rede der Dame hat mich auch wirklich zerstreut gemacht,
    denn sie hat meine Aufmerksamkeit auf anderes gelenkt, was mir weit
    wichtiger ist als Teppiche. In der Mathäusgasse steht nämlich das
    Haus, in dem meine Frau als Braut gewohnt hatte. Der Eingang des

  • S.

    40

    Hauses war in einer anderen Gasse, und nun merke ich, daß ich deren
    Namen vergessen habe und ihn mir erst auf einem Umweg bewußt
    machen muß. Der Name Mathäus, bei dem ich verweile, ist mir also
    ein Ersatzname für den vergessenen Namen der Straße. Er eignet sich
    besser dazu als der Name Kaufmann, denn Mathäus ist ausschließlich
    ein Personenname, was Kaufmann nicht ist, und die vergessene Straße
    heißt auch nach einem Personennamen: Radetzky.

    i) Folgenden Fall könnte ich ebenso gut bei den später zu be-
    sprechenden „Irrtümern“ unterbringen, führe ihn aber hier an, weil
    die Lautbeziehungen, auf Grund deren die Wortersatzung erfolgt, ganz
    besonders deutlich sind. Eine Patientin erzählt mir ihren Traum: Ein
    Kind hat beschlossen, sich durch einen Schlangenbiß zu töten. Es
    führt den Entschluß aus. Sie sieht zu, wie es sich in Krämpfen windet
    usw. Sie soll nun die Tagesanknüpfung für diesen Traum finden. Sie
    erinnert sofort, daß sie gestern abends eine populäre Vorlesung über
    erste Hilfe bei Schlangenbissen mit angehört hat. Wenn ein Er-
    wachsener und ein Kind gleichzeitig gebissen worden sind, so soll man
    zuerst die Wunde des Kindes behandeln. Sie erinnert auch, welche Vor-
    schriften für die Behandlung der Vortragende gegeben hat. Es käme
    sehr viel darauf an, hatte er auch geäußert, von welcher Art man ge-
    bissen worden ist. Hier unterbreche ich sie und frage: Hat er denn
    nicht gesagt, daß wir nur sehr wenige giftige Arten in unserer Gegend
    haben, und welche die gefürchteten sind? „Ja, er hat die Klapper-
    schlange hervorgehoben.“ Mein Lachen macht sie dann aufmerksam,
    daß sie etwas Unrichtiges gesagt hat. Sie korrigiert jetzt aber nicht etwa
    den Namen, sondern sie nimmt ihre Aussage zurück. „Ja so, die kommt
    ja bei uns nicht vor; er hat von der Viper gesprochen. Wie gerate ich
    nur auf die Klapperschlange?“ Ich vermutete, durch die Einmengung
    der Gedanken, die sich hinter ihrem Traum verborgen hatten. Der
    Selbstmord durch Schlangenbiß kann kaum etwas anderes sein als eine
    Anspielung auf die schöne Kleopatra. Die weitgehende Lautähnlichkeit
    der beiden Worte, die Übereinstimmung in den Buchstaben Kl…p…r
    in der nämlichen Reihenfolge und in dem betonten a sind nicht zu ver-
    kennen. Die gute Beziehung zwischen den Namen Klapper-
    schlange und Kleopatra erzeugt bei ihr eine momentane Einschrän-
    kung des Urteils, derzufolge sie an der Behauptung, der Vortragende
    habe sein Publikum in Wien in der Behandlung von Klapperschlangen-
    bissen unterwiesen, keinen Anstoß nimmt. Sie weiß sonst so gut wie ich,
    daß diese Schlange nicht zur Fauna unserer Heimat gehört. Wir wollen
    es ihr nicht verübeln, daß sie an die Versetzung der Klapperschlange

  • S.

    41

    nach Ägypten ebensowenig Bedenken knüpfte, denn wir sind gewöhnt,
    alles Außereuropäische, Exotische zusammenzuwerfen, und ich selbst
    mußte mich einen Moment besinnen, ehe ich die Behauptung aufstellte,
    daß die Klapperschlange nur der neuen Welt angehört.

    Weitere Bestätigungen ergeben sich bei Fortsetzung der Analyse.
    Die Träumerin hat gestern zum erstenmal die in der Nähe ihrer Wohnung
    aufgestellte Antoniusgruppe von Straßer besichtigt. Dies war
    also der zweite Traumanlaß (der erste der Vortrag über Schlangenbisse).
    In der Fortsetzung ihres Traumes wiegte sie ein Kind in ihren Armen,
    zu welcher Szene ihr das Gretchen einfällt. Weitere Einfälle bringen
    Reminiszenzen an „Arria und Messalina“. Das Auftauchen
    so vieler Namen von Theaterstücken in den Traumgedanken läßt be-
    reits vermuten, daß bei der Träumerin in früheren Jahren eine ge-
    heim gehaltene Schwärmerei für den Beruf der Schauspielerin bestand.
    Der Anfang des Traumes: „Ein Kind hat beschlossen, sein Leben
    durch einen Schlangenbiß zu enden“, bedeutet wirklich nichts anderes
    als: Sie hat sich als Kind vorgenommen, einst eine berühmte Schau-
    spielerin zu werden. Von dem Namen Messalina zweigt endlich
    der Gedankenweg ab, der zu dem wesentlichen Inhalt dieses Traumes
    führt. Gewisse Vorfälle der letzten Zeit haben in ihr die Besorgnis
    erweckt, daß ihr einziger Bruder eine nicht standesgemäße Ehe mit
    einer Nicht-Arierin, eine Mésalliance eingehen könnte.

    k) Ein völlig harmloses, oder vielleicht uns nicht genügend in
    seinen Motiven aufgeklärtes Beispiel will ich hier wiedergeben, weil es
    einen durchsichtigen Mechanismus erkennen läßt:

    Ein in Italien reisender Deutscher bedarf eines Riemens, um seinen
    schadhaft gewordenen Koffer zu umschnüren. Das Wörterbuch liefert
    ihm für Riemen das italienische Wort correggia. Dieses Wort werde
    ich mir leicht merken, meint er, indem ich an den Maler (Correggio)
    denke. Er geht dann in einen Laden und verlangt: una ribera.

    Es war ihm anscheinend nicht gelungen, das deutsche Wort in seinem
    Gedächtnis durch das italienische zu ersetzen, aber seine Bemühung
    war doch nicht gänzlich ohne Erfolg geblieben. Er wußte, daß er sich
    an den Namen eines Malers halten müsse, und so geriet er nicht auf
    einen Malernamen, der an das italienische Wort anklangt, sondern an
    einen andern, der sich dem deutschen Worte Riemen annähert. Ich
    hätte dieses Beispiel natürlich ebensowohl beim Namenvergessen wie
    hier beim Versprechen unterbringen können.

    Als ich Erfahrungen von Versprechen für die erste Auflage dieser
    Schrift sammelte, ging ich so vor, daß ich alle Fälle, die ich beobachten

  • S.

    42

    konnte, darunter also auch die minder eindrucksvollen, der Analyse
    unterzog. Seither haben manche Andere sich der amüsanten Mühe,
    Versprechen zu sammeln und zu analysieren, unterzogen und mich so
    in den Stand gesetzt, Auswahl aus einem reicheren Material zu schöpfen.

    l) Ein junger Mann sagt zu seiner Schwester: Mit den D. bin ich
    jetzt ganz zerfallen, ich grüße sie nicht mehr. Sie antwortet: Überhaupt
    eine saubere Lippschaft. Sie wollte sagen: Sippschaft, aber sie
    drängte noch zweierlei in dem Sprechirrtum zusammen, daß ihr Bruder
    einst selbst mit der Tochter dieser Familie einen Flirt begonnen hatte,
    und daß es von dieser hieß, sie habe sich in letzter Zeit in eine ernst-
    hafte unerlaubte Liebschaft eingelassen.

    m) Eine Anzahl von Beispielen entnehme ich einem Aufsatze
    meines Kollegen Dr. W. Stekel aus dem Berliner Tageblatt vom
    4. Januar 1904, betitelt „Unbewußte Geständnisse“.

    „Ein unangenehmes Stück meiner unbewußten Gedanken enthüllt
    das folgende Beispiel. Ich schicke voraus, daß ich in meiner Eigenschaft
    als Arzt niemals auf meinen Erwerb bedacht bin und immer nur das
    Interesse des Kranken im Auge habe, was ja eine selbstverständliche
    Sache ist. Ich befinde mich bei einer Kranken, der ich nach schwerer
    Krankheit in einem Rekonvaleszenzstadium meinen ärztlichen Bei-
    stand leiste. Wir haben schwere Tage und Nächte mitgemacht. Ich
    bin glücklich, sie besser zu finden, male ihr die Wonnen eines Aufent-
    haltes in Abbazia aus und gebrauche dabei den Nachsatz: „Wenn Sie,
    was ich hoffe, das Bett bald nicht verlassen werden —“. Offenbar
    entsprang das einem egoistischen Motive des Unbewußten, diese wohl-
    habende Kranke noch länger behandeln zu dürfen, einem Wunsche, der
    meinem wachen Bewußtsein vollkommen fremd ist, und den ich mit
    Entrüstung zurückweisen würde.“

    n) Ein anderes Beispiel (Dr. W. Stekel). „Meine Frau nimmt
    eine Französin für die Nachmittage auf und will, nachdem man sich über
    die Bedingungen geeinigt hatte, ihre Zeugnisse zurückbehalten. Die
    Französin bittet, sie behalten zu dürfen, mit der Motivierung: Je cherche
    encore pour les après-midis, pardon, pour les avant-midis. Offenbar
    hatte sie die Absicht, sich noch anderweitig umzusehen und vielleicht
    bessere Bedingungen zu erhalten, — eine Absicht, die sie auch ausge-
    führt hat.“

    o) „Ich soll einer Frau die Leviten lesen, und ihr Mann, auf dessen
    Bitte das geschieht, steht lauschend hinter der Türe. Am Ende meiner
    Predigt, die einen sichtlichen Eindruck gemacht hatte, sagte ich:

  • S.

    43

    „Küß' die Hand, gnädiger Herr!“ Dem Kundigen hatte ich damit ver-
    raten, daß die Worte an die Adresse des Herrn gerichtet waren, daß ich
    sie um seinetwillen gesprochen hatte.“

    p) Dr. Stekel berichtet von sich selbst, daß er zu einer Zeit zwei
    Patienten aus Triest in Behandlung gehabt habe, die er immer verkehrt
    zu begrüßen pflegte. „Guten Morgen, Herr Peloni!“ sagte ich zu
    Askoli — „Guten Morgen, Herr Askoli!“ zu Peloni. Er war anfangs
    geneigt, dieser Verwechslung keine tiefere Motivierung zuzuschreiben,
    sondern sie durch die mehrfachen Gemeinsamkeiten der beiden Personen
    zu erklären. Er ließ sich aber leicht überzeugen, daß die Namenver-
    tauschung hier einer Art von Prahlerei entsprach, indem er durch sie
    jeden seiner italienischen Patienten wissen lassen konnte, er sei nicht
    der einzige Triestiner, der nach Wien gekommen sei, um seinen ärztlichen
    Rat zu suchen.

    q) Dr. Stekel selbst in einer stürmischen Generalversammlung:
    Wir streiten (schreiten) nun zu Punkt74 der Tagesordnung.

    r) Ein Professor bei seiner Antrittsvorlesung: „Ich bin nicht
    geneigt (geeignet), die Verdienste meines sehr geschätzten Vor-
    gängers zu schildern.“

    s) Dr. Stekel zu einer Dame, bei welcher er Basedow’sche Krank-
    heit vermutet: „Sie sind um einen Kropf (Kopf) größer als Ihre
    Schwester.“

    Bei dem psychotherapeutischen Verfahren, dessen ich mich zur
    Auflösung und Beseitigung neurotischer Symptome bediene, ist sehr
    häufig die Aufgabe gestellt, aus den wie zufällig vorgebrachten Reden
    und Einfällen des Patienten einen Gedankeninhalt aufzuspüren, der
    zwar sich zu verbergen bemüht ist, aber doch nicht umhin kann, sich
    in mannigfaltigster Weise unabsichtlich zu verraten. Dabei leistet oft
    das Versprechen die wertvollsten Dienste, wie ich an den überzeugend-
    sten und anderseits sonderbarsten Beispielen dartun könnte. Die
    Patienten sprechen z. B. von ihrer Tante und nennen sie konsequent,
    ohne das Versprechen zu merken, „meine Mutter“, oder bezeichnen
    ihren Mann als ihren „Bruder“. Sie machen mich auf diese Weise auf-
    merksam, daß sie diese Personen miteinander „identifiziert“, in eine
    Reihe gebracht haben, welche für ihr Gefühlsleben die Wiederkehr
    desselben Typus bedeutet. Oder: ein junger Mann von 20 Jahren
    stellt sich mir in der Sprechstunde mit den Worten vor: Ich bin der
    Vater des N. N., den Sie behandelt haben. — Pardon, ich will sagen,
    der Bruder; er ist ja um vier Jahre älter als ich. Ich verstehe, daß

  • S.

    44

    er durch dieses Versprechen ausdrücken will, daß er wie der Bruder
    durch die Schuld des Vaters erkrankt sei, wie der Bruder Heilung ver-
    lange, daß aber der Vater derjenige ist, dem die Behandlung am dring-
    lichsten wäre. Andere Male reicht eine ungewöhnlich klingende Wort-
    fügung, eine gezwungen erscheinende Ausdrucks-
    weise hin, um den
    Anteil eines verdrängten Gedankens an der anders motivierten Rede
    des Patienten aufzudecken.

    In groben wie in solchen feineren Redestörungen, die sich eben
    noch dem „Versprechen“ subsumieren lassen, finde ich also nicht den
    Einfluß von Kontaktwirkungen der Laute, sondern den von Gedanken
    außerhalb der Redeintention maßgebend für die Entstehung des Ver-
    sprechens und hinreichend zur Aufhellung des zustande gekommenen
    Sprechfehlers. Die Gesetze, nach denen die Laute verändernd auf
    einander einwirken, möchte ich nicht anzweifeln; sie scheinen mir aber
    nicht wirksam genug, um für sich allein die korrekte Ausführung der
    Rede zu stören. In den Fällen, die ich genauer studiert und durch-
    schaut habe, stellen sie bloß den vorgebildeten Mechanismus dar, dessen
    sich ein ferner gelegenes psychisches Motiv bequemerweise bedient,
    ohne sich aber an den Machtbereich dieser Beziehungen zu binden.
    In einer großen Reihe von Substitutionen wird beim Versprechen
    von solchen Lautgesetzen völlig abgesehen. Ich befinde mich hierbei
    in voller Übereinstimmung mit Wundt, der gleichfalls die Bedin-
    gungen des Versprechens als zusammengesetzte und weit über die
    Kontaktwirkungen der Laute hinausgehende vermutet.

    Wenn ich diese „entfernteren psychischen Einflüsse“ nach Wundts
    Ausdruck für gesichert halte, so weiß ich anderseits von keiner Ab-
    haltung, um auch zuzugeben, daß bei beschleunigter Rede und einiger-
    maßen abgelenkter Aufmerksamkeit die Bedingungen fürs Versprechen
    sich leicht auf das von Meringer und Mayer bestimmte Maß ein-
    schränken können. Bei einem Teil der von diesen Autoren gesammelten
    Beispiele ist wohl eine kompliziertere Auflösung wahrscheinlicher.
    Ich greife etwa den vorhin angeführten Fall heraus:

    Es war mir auf der Schw-
    west…
    Brust so schwer.

    Geht es hier wohl so einfach zu, daß das sch w e das gleichwertige
    Bru als Vorklang verdrängt? Es ist kaum abzuleißen, daß die Laute
    schwe außerdem durch eine besondere Relation zu dieser Vordringlich-
    keit befähigt werden. Diese könnte dann keine andere sein als die
    Assoziation: Schw-
    wester — Bruder, etwa noch: Brust der
    Schwester, die zu anderen Gedankenkreisen hinüberleitet. Dieser

  • S.

    45

    hinter der Szene unsichtbare Helfer verleiht dem sonst harmlosen
    schwe die Macht, deren Erfolg sich als Sprechfehler äußert.

    Für anderes Versprechen läßt sich annehmen, daß der Anklang
    an obszöne Worte und Bedeutungen das eigentlich Störende ist. Die
    absichtliche Entstellung und Verzerrung der Worte und Redensarten,
    die bei unartigen Menschen so beliebt ist, bezweckt nichts anderes, als
    beim harmlosen Anlaß an das Verpönte zu mahnen, und diese Spielerei
    ist so häufig, daß es nicht wunderbar wäre, wenn sie sich auch un-
    absichtlich und wider Willen durchsetzen sollte. Beispiele wie: Eischeißweibchen für Eiweißscheibchen, Apopos Fritz für Apropos, Lokuskapitäl für Lotuskapitäl usw.
    vielleicht noch die Alabüsterbachse (Alabasterbüchse) der hl. Magdalena
    gehören wohl in diese Kategorie.1) — „Ich fordere Sie auf, auf das
    Wohl unseres Chefs aufzustoßen“, ist kaum etwas anderes als eine
    unbeabsichtigte Parodie als Nachklang einer beabsichtigten. Wenn
    ich der Chef wäre, zu dessen Feierlichkeit der Festredner diesen Lapsus
    beigetragen hätte, würde ich wohl daran denken, wie klug die Römer
    gehandelt haben, als sie den Soldaten des triumphierenden Imperators
    gestatteten, den inneren Einspruch gegen den Gefeierten in Spott-
    liedern laut zu äußern. — Meringer erzählt von sich selbst, daß er
    zu einer Person, die als die älteste der Gesellschaft mit dem vertraulichen
    Ehrennamen „Senexl“ oder „altes Senexl“ angesprochen wurde, einmal
    gesagt habe: „Prost Senex altesl!“ Er erschrak selbst über diesen
    Fehler (S. 50). Wir können uns vielleicht seinen Affekt deuten, wenn
    wir daran mahnen, wie nahe „Altesl“ an den Schimpf „alter Esel“
    kommt. Auf die Verletzung der Ehrfurcht vor dem Alter (d. i., auf
    die Kindheit reduziert, vor dem Vater) sind große innere Strafen gesetzt.

    Ich hoffe, die Leser werden den Wertunterschied dieser Deutungen,
    die sich durch nichts beweisen lassen, und der Beispiele, die ich selbst
    gesammelt und durch Analysen erläutert habe, nicht vernachlässigen.
    Wenn ich aber im stillen immer noch an der Erwartung festhalte,
    auch die scheinbar einfachen Fälle von Versprechen würden sich auf
    eine halb unterdrückte Idee außerhalb des inten-
    dierten Zusammenhanges zurückführen lassen, so verlockt mich dazu
    eine sehr beachtenswerte Bemerkung von Meringer. Dieser Autor
    sagt, es ist merkwürdig, daß niemand sich versprochen haben will.

    1)Bei einer meiner Patientinnen setzte sich das Versprechen als Symptom
    so lange fort, bis es auf den Kinderstreich, das Wort ruinieren durch urinieren zu ersetzen, zurückgeführt war.

  • S.

    46

    Es gibt sehr gescheute und ehrliche Menschen, welche beleidigt sind,
    wenn man ihnen sagt, sie hätten sich versprochen. Ich getraue mich
    nicht, diese Behauptung so allgemein zu nehmen, wie sie durch das
    „niemand“ von Meringer hingestellt wird. Die Spur Affekt aber,
    die am Nachweis des Versprechens hängt und offenbar von der Natur
    des Schämens ist, hat ihre Bedeutung. Sie ist gleichzusetzen dem Ärger,
    wenn wir einen vergessenen Namen nicht erinnern, und der Verwunde-
    rung über die Haltbarkeit einer scheinbar belanglosen Erinnerung,
    und weist allemale auf die Beteiligung eines Motivs am Zustandekommen
    der Störung hin.

    Das Verdrehen von Namen entspricht einer Schmähung, wenn es
    absichtlich geschieht, und dürfte in einer ganzen Reihe von Fällen,
    wo es als unabsichtliches Versprechen auftritt, dieselbe Bedeutung
    haben. Jene Person, die nach Mayers Bericht einmal „Freuder“
    sagte anstatt Freud, weil sie kurz darauf den Namen „Breuer“
    vorbrachte (S. 38), ein andermal von einer Freuer-Breudschen
    Methode (S.28) sprach, war wohl ein Fachgenosse und von dieser Methode
    nicht sonderlich entzückt. Einen gewiß nicht anders aufzuklärenden
    Fall von Namensentstellung werde ich weiter unten beim Verschreiben
    mitteilen.1) In diesen Fällen mengt sich als störendes Moment eine
    Kritik ein, welche bei Seite gelassen werden soll, weil sie gerade in dem
    Zeitpunkte der Intention des Redners nicht entspricht. In anderen
    und weit bedeutsameren Fällen ist es Selbstkritik, innerer Widerspruch
    gegen die eigene Äußerung, was zum Versprechen, ja zum Ersatz des
    Intendierten durch seinen Gegensatz nötigt. Man merkt dann mit Er-
    staunen, wie der Wortlaut einer Beteuerung die Absicht derselben
    aufhebt, und wie der Sprechfehler die innere Unaufrichtigkeit bloß-
    gelegt hat.2) Das Versprechen wird hier zu einem mimischen Ausdrucks-
    mittel, freilich oftmals für den Ausdruck dessen, was man nicht sagen
    wollte, zu einem Mittel des Selbstverrats. So z. B. wenn ein Mann, der
    in seinen Beziehungen zum Weibe den sog. normalen Verkehr nicht
    bevorzugt, in ein Gespräch über ein für kokett erklärtes Mädchen mit
    den Worten einfällt: Im Umgang mit mir würde sie sich das

    1)Man kann auch bemerken, daß gerade Aristokraten besonders häufig
    die Namen von Ärzten, die sie konsultiert haben, entstellen, und darf daraus
    schließen, daß sie dieselben innerlich gering schätzen, trotz der Höflichkeit, mit
    welcher sie ihnen zu begegnen pflegen.

    2)Durch solches Versprechen brandmarkt z. B. Anzengruber im
    „G'wissenswurm“ den heuchlerischen Erbschleicher.

  • S.

    47

    Koettieren schon abgewöhnen. Kein Zweifel, daß es nur das
    andere Wort koitieren sein kann, dessen Einwirkung auf das
    intendierte kokettieren solche Abänderung zuzuschreiben ist.

    Die zufällige Gunst des Sprachmaterials läßt oft Beispiele von Ver-
    sprechen entstehen, denen die geradezu niederschmetternde Wirkung
    einer Enthüllung oder der volle komische Effekt eines Witzes zukommt.

    So in nachstehendem, vom Kollegen Dr. Reitler beobachteten
    und mitgeteilten Falle:

    „Diesen neuen, reizenden Hut haben Sie wohl sich selbst auf-
    gepatzt?“ sagte eine Dame in bewunderndem Tone zu einer anderen.

    Die Fortsetzung des beabsichtigten Lobes mußte nunmehr unter-
    bleiben; denn die im stillen geübte Kritik, der Hutaufputz sei eine
    „Patzer ei“, hatte sich denn doch viel zu deutlich in dem unliebsamen
    Versprechen geäußert, als daß irgend welche Phrasen konventioneller
    Bewunderung noch glaubwürdig erschienen wären.

    Oder in folgendem von Dr. Max Graf erlebtem Beispiele:

    „In der Generalversammlung des Journalistenvereins „Concordia“
    hält ein junges, stets geldbedürftiges Mitglied eine heftige Oppositions-
    rede und sagt in seiner Erregung: „Die Herren Vorschußmitglieder“
    (anstatt Vorstands-
    oder Ausschußmitglieder). Dieselben haben
    das Recht, Darlehen zu bewilligen, und auch der junge Redner hat ein
    Darlehensgesuch eingebracht.“

    Erheiternd wirkt das Versprechen, wenn es als Mittel benützt wird,
    um während eines Widerspruches zu bestätigen, was dem Arzte in der
    psychoanalytischen Arbeit sehr willkommen sein mag. Bei einem
    meiner Patienten hatte ich einst einen Traum zu deuten, in welchem
    der Name Jauner vorkam. Der Träumer kannte eine Person dieses
    Namens, es ließ sich aber nicht finden, weshalb diese Person in den
    Zusammenhang des Traumes aufgenommen war, und darum wagte ich
    die Vermutung, es könnte bloß wegen des Namens, der an den Schimpf
    Gauner anklinge, geschehen sein. Der Patient widersprach rasch
    und energisch, versprach sich aber dabei und bestätigte meine Ver-
    mutung, indem er sich der Ersetzung ein zweites Mal bediente. Seine
    Antwort lautete: Das erscheint mir doch zu gewagt. Als ich ihn
    auf das Versprechen aufmerksam machte, gab er meiner Deutung nach.

    Wenn im ernsthaften Wortstreit ein solches Versprechen, welches
    die Redeabsicht in ihr Gegenteil verkehrt, sich dem einen der beiden
    Streiter ereignet, so setzt es ihn sofort in Nachteil gegen den anderen,
    der es selten versäumt, sich seiner verbesserten Position zu bedienen.

  • S.

    48

    Ein schönes Beispiel von Versprechen, welches nicht so sehr den
    Verrat des Redners als die Orientierung des außer der Szene stehenden
    Hörers bezweckt, findet sich im Wallenstein (Piccolomini, I. Auf-
    zug, 5. Auftritt) und zeigt uns, daß der Dichter, der sich hier dieses
    Mittels bedient, Mechanismus und Sinn des Versprechens wohl gekannt
    hat. Max Piccolomini hat in der vorhergehenden Szene aufs leiden-
    schaftlichste für den Herzog Partei genommen und dabei von den Seg-
    nungen des Friedens geschwärmt, die sich ihm auf seiner Reise enthüllt,
    während er die Tochter Wallensteins ins Lager begleitete. Er läßt
    seinen Vater und den Abgesandten des Hofes, Questenberg, in voller Be-
    stürzung zurück. Und nun geht der fünfte Auftritt weiter:

    Questenberg: O weh uns! Steht es so?
    Freund, und wir lassen ihn in diesem Wahn
    Dahingehen, rufen ihn nicht gleich
    Zurück, daß wir die Augen auf der Stelle
    Ihm öffnen?

    Octavio: (aus einem tiefen Nachdenken zu sich kommend)
    Mir hat er sie jetzt geöffnet,
    Und mehr erblick ich, als mich freut.

    Questenberg: Was ist es, Freund?
    Octavio: Fluch über diese Reise!
    Questenberg: Wieso? Was ist es?
    Octavio: Kommen Sie! Ich muß
    Sogleich die unglückselige Spur verfolgen,
    Mit meinen Augen sehen — kommen Sie —
    (will ihn fortführen).

    Questenberg: Was denn? Wohin?
    Octavio (pressiert): Zu ihr!
    Questenberg: Zu —
    Octavio (korrigiert sich): Zum Herzog! Gehen wir! usw.

    Dies kleine Versprechen: Zu ihr anstatt: Zu ihm soll uns verraten,
    daß der Vater das Motiv der Parteinahme seines Sohnes durchschaut
    hat, während der Höfling klagt, „daß er in lauter Rätseln zu ihm rede“.

    Die hier vertretene Auffassung des Versprechens hält übrigens der
    Probe an dem kleinsten Stand. Ich habe wiederholt zeigen können,
    daß die geringfügigsten und naheliegendsten Fälle von Redeirrrung
    ihren guten Sinn haben und die nämliche Lösung zulassen wie die auf-
    fälligeren Beispiele. Eine Patientin, die ganz gegen meinen Willen, aber
    mit starkem eigenem Vorsatz, einen kurzen Ausflug nach Budapest
    unternimmt, rechtfertigt sich vor mir, sie gehe ja nur für drei Tage

  • S.

    49

    dahin, verspricht sich aber und sagt: nur für drei Wochen. Sie
    verrät, daß sie mir zum Trotze lieber drei Wochen als drei Tage in jener
    Gesellschaft bleiben will, die ich als unpassend für sie erachte. —
    Ich soll mich eines Abends entschuldigen, daß ich meine Frau nicht
    vom Theater abgeholt und sage: Ich war 10 Minuten nach 10 Uhr
    beim Theater. Man korrigiert mich: Du willst sagen: vor 10 Uhr.
    Natürlich wollte ich vor 10 Uhr sagen. Nach 10 Uhr wäre ja keine
    Entschuldigung. Man hatte mir gesagt, auf dem Theaterzettel stehe:
    Ende vor 10 Uhr. Als ich beim Theater anlangte, fand ich das Vestibül
    verdunkelt und das Theater entleert. Die Vorstellung war eben früher
    zu Ende gewesen, und meine Frau hatte nicht auf mich gewartet. Als
    ich auf die Uhr sah, fehlten noch 5 Minuten zu 10 Uhr. Ich nahm mir
    aber vor, meinen Fall zu Hause günstiger darzustellen und zu sagen,
    es hätten noch 10 Minuten zur zehnten Stunde gefehlt. Leider verdarb
    mir das Versprechen die Absicht und stellte meine Unaufrichtigkeit
    bloß, indem es mich selbst mehr bekennen ließ, als ich zu bekennen hatte.

    Man gelangt von hier aus zu jenen Redestörungen, die nicht mehr
    als Versprechen beschrieben werden, weil sie nicht das einzelne Wort,
    sondern Rhythmus und Ausführung der ganzen Rede beeinträchtigen,
    wie z. B. das Stammeln und Stottern der Verlegenheit. Aber hier wie
    dort ist es der innere Konflikt, der uns durch die Störung der Rede verraten
    wird. Ich glaube wirklich nicht, daß jemand sich versprechen würde
    in der Audienz bei Seiner Majestät, in einer ernstgemeinten Liebes-
    werbung, in einer Verteidigungsrede um Ehre und Namen vor den Ge-
    schworenen, kurz in all den Fällen, in denen man manganzdabeiist,
    wie wir so bezeichnend sagen. Selbst bis in die Schätzung des Stils, den
    ein Autor schreibt, dürfen wir und sind wir gewöhnt, das Erklärungs-
    prinzip zu tragen, welches wir bei der Ableitung des einzelnen Sprech-
    fehlers nicht entbehren können. Eine klare und unzweideutige Schreib-
    weise belehrt uns, daß der Autor hier mit sich einig ist, und wo wir ge-
    zwungenen und gewundenen Ausdruck finden, der, wie so richtig ge-
    sagt wird, nach mehr als einem Scheine schielt, da können wir den Anteil
    eines nicht genugsam erledigten, komplizierenden Gedankens erkennen,
    oder die erstickte Stimme der Selbstkritik des Autors heraushören.


    Freud, Psychopathologie des Alltagslebens.