• S.

    76

    VIII.

    Das Vergreifen.

    Der dankenswerten Arbeit von Meringer und Mayer ent-
    nehme ich noch die Stelle (S. 98):
    „Die Sprechfehler stehen nicht ganz allein da. Sie entsprechen
    den Fehlern, die bei anderen Tätigkeiten des Menschen sich oft ein-
    stellen und ziemlich töricht „Vergeblichkeiten“ genannt werden.“

    Ich bin also keinesfalls der erste, der Sinn und Absicht hinter den
    kleinen Funktionsstörungen des täglichen Lebens Gesunder vermutet.

    Wenn die Fehler beim Sprechen, das ja eine motorische Leistung
    ist, eine solche Auffassung zugelassen haben, so liegt es nahe, auf die
    Fehler unserer sonstigen motorischen Verrichtungen die nämliche
    Erwartung zu übertragen. Ich habe hier zwei Gruppen von Fällen
    gebildet; alle die Fälle, in denen der Fehldefekt das Wesentliche scheint,
    also die Abirrung von der Intention, bezeichne ich als „Ver-
    greifen“, die anderen, in denen eher die ganze Handlung unzweck-
    mäßig erscheint, benenne ich „Symptom-
    handlungen“. Die Scheidung ist aber wiederum nicht reinlich
    durchzuführen; wir kommen ja wohl zur Einsicht, daß alle in dieser
    Abhandlung gebrauchten Einteilungen nur deskriptiv bedeutsame
    sind und der inneren Einheit des Erscheinungsgebietes widersprechen.

    Das psychologische Verständnis des „Vergreifens“ erfährt offenbar
    keine besondere Förderung, wenn wir es der Ataxie und speziell der
    „kortikalen Ataxie“ subsumieren. Versuchen wir lieber, die einzelnen
    Beispiele auf ihre jeweiligen Bedingungen zurückzuführen. Ich werde
    wiederum Selbstbeobachtungen hierzu verwenden, zu denen sich die
    Anlässe bei mir nicht besonders häufig finden.

    a) In früheren Jahren, als ich Hausbesuche bei Patienten noch
    häufiger machte als gegenwärtig, geschah es mir oft, daß ich, vor der
    Türe, an die ich klopfen oder läuten sollte, angekommen, die Schlüssel
    meiner eigenen Wohnung aus der Tasche zog, um — sie dann fast
    beschämt wieder einzustecken. Wenn ich mir zusammenstelle, bei
    welchen Patienten dies der Fall war, so muß ich annehmen, die Fehl-
    handlung — Schlüssel herausziehen anstatt läuten — bedeutete eine
    Huldigung für das Haus, wo ich in diesen Mißgriff verfiel. Sie war
    äquivalent dem Gedanken: „Hier bin ich wie zu Hause“, denn sie trug
    sich nur zu, wo ich den Kranken lieb gewonnen hatte. (An meiner

  • S.

    77

    eigenen Wohnungstür läute ich natürlich niemals.) Die Fehlhandlung
    war also eine symbolische Darstellung eines doch eigentlich nicht für
    ernsthafte, bewußte Annahme bestimmten Gedankens, denn in der
    Realität weiß der Nervenarzt genau, daß der Kranke ihm nur so
    lange anhänglich bleibt, als er noch Vorteil von ihm erwartet, und daß
    er selbst nur zum Zweck der psychischen Hilfeleistung ein übermäßig
    warmes Interesse für seine Patienten bei sich gewähren läßt.

    b) In einem bestimmten Hause, wo ich seit sechs Jahren zweimal
    täglich zu festgesetzten Zeiten vor einer Türe im zweiten Stock auf
    Einlaß warte, ist es mir während dieses langen Zeitraums zweimal
    (mit einem kurzen Intervall) geschehen, daß ich um einen Stock höher
    gegangen bin, also mich „verstiegen“ habe. Das eine Mal
    befand ich mich in einem ehrgeizigen Tagtraum, der mich „höher
    und immer höher steigen“ ließ. Ich überhörte damals sogar, daß sich
    die fragliche Tür geöffnet hatte, als ich den Fuß auf die ersten Stufen
    des dritten Stockwerks setzte. Das andere Mal ging ich wiederum „in
    Gedanken versunken“ zu weit; als ich es bemerkte, umkehrte und die
    mich beherrschende Phantasie zu erhaschen suchte, fand ich, daß ich
    mich über eine (phantasierte) Kritik meiner Schriften ärgerte, in welcher
    mir der Vorwurf gemacht wurde, daß ich immer „zu weit ginge“, und
    in die ich nun den wenig respektvollen Ausdruck „verstiegen“
    einzusetzen hatte.

    c) Auf meinem Schreibtische liegen seit vielen Jahren neben ein-
    ander ein Reflexhammer und eine Stimmgabel. Eines Tages eile
    ich nach Schluß der Sprechstunde fort, weil ich einen bestimmten
    Stadtbahnzug erreichen will, stecke bei vollem Tageslicht anstatt des
    Hammers die Stimmgabel in die Rocktasche und werde durch die
    Schwere des die Tasche herabziehenden Gegenstandes auf meinen
    Mißgriff aufmerksam gemacht. Wer sich über so kleine Vorkommnisse
    Gedanken zu machen nicht gewöhnt ist, wird ohne Zweifel den Fehl-
    griff durch die Eile des Momentes erklären und entschuldigen. Ich
    habe es trotzdem vorgezogen, mir die Frage zu stellen, warum ich
    eigentlich die Stimmgabel anstatt des Hammers genommen. Die
    Eilfertigkeit hätte ebensowohl ein Motiv sein können, den Griff richtig
    auszuführen, um nicht Zeit mit der Korrektur zu versäumen.

    Wer hat zuletzt nach der Stimmgabel gegriffen? lautet die Frage,
    die sich mir da aufdrängt. Das war vor wenigen Tagen ein idio-
    tisches Kind, bei dem ich die Aufmerksamkeit auf Sinneseindrücke
    prüfte, und das durch die Stimmgabel so gefesselt wurde, daß ich sie
    ihm nur schwer entreißen konnte. Soll das also heißen, ich sei ein Idiot?

  • S.

    78

    Allerdings scheint es so, denn der nächste Einfall, der sich an Hammer
    assoziiert, lautet „Chamer“ (hebräisch: Esel)

    Was soll aber dieses Geschimpfe? Man muß hier die Situation
    befragen. Ich eile zu einer Konsultation in einem Ort an der West-
    bahnstrecke, zu einer Kranken, die nach der brieflich mitgeteilten
    Anamnese vor Monaten vom Balkon herabgestürzt ist und seither nicht
    gehen kann. Der Arzt, der mich einlädt, schreibt, er wisse trotzdem
    nicht, ob es sich um Rückenmarksverletzung oder um traumatische
    Neurose – Hysterie – handle. Das soll ich nun entscheiden. Da
    wäre also eine Mahnung am Platze, in der heiklen Differentialdiagnose
    besonders vorsichtig zu sein. Die Kollegen meinen ohnedies, man
    diagnostiziere viel zu leichtsinnig Hysterie, wo es sich um ernstere
    Dinge handle. Aber die Beschimpfung ist noch nicht gerechtfertigt!
    Ja, es kommt hinzu, daß die kleine Bahnstation der nämliche Ort ist,
    an dem ich vor Jahren einen jungen Mann gesehen, der seit einer Ge-
    mütsbewegung nicht ordentlich gehen konnte. Ich diagnostizierte
    damals Hysterie und nahm den Kranken später in psychische Be-
    handlung, und dann stellte es sich heraus, daß ich freilich nicht unrichtig
    diagnostiziert hatte, aber auch nicht richtig. Eine ganze Anzahl der
    Symptome des Kranken war hysterisch gewesen, und diese schwanden
    auch prompt im Laufe der Behandlung. Aber hinter diesen wurde
    nun ein für die Therapie unantastbarer Rest sichtbar, der sich nur
    auf eine multiple Sklerose beziehen ließ. Die den Kranken nach mir
    sahen, hatten es leicht, die organische Affektion zu erkennen; ich hätte
    kaum anders vorgehen und anders urteilen können, aber der Eindruck
    war doch der eines schweren Irrtums; das Versprechen der Heilung,
    das ich ihm gegeben hatte, war natürlich nicht zu halten. Der Miß-
    griff nach der Stimmgabel anstatt nach dem Hammer ließ sich also
    so in Worte übersetzen: Du Trottel, Du Esel, nimm Dich diesmal zu-
    sammen, daß du nicht wieder eine Hysterie diagnostizierst, wo eine
    unheilbare Krankheit vorliegt, wie bei dem armen Mann an demselben
    Ort vor Jahren! Und zum Glück für diese kleine Analyse, wenn auch
    zum Unglück für meine Stimmung, war dieser selbe Mann mit schwerer
    spastischer Lähmung wenige Tage vorher und einen Tag nach dem
    idiotischen Kind in meiner Sprechstunde gewesen.

    Man merkt, es ist diesmal die Stimme der Selbstkritik, die sich
    durch das Fehlgreifen vernehmlich macht. Zu solcher Verwendung
    als Selbstvorwurf ist der Fehlgriff ganz besonders geeignet. Der
    Mißgriff hier will den Mißgriff, den man anderswo begangen hat,
    darstellen.

  • S.

    79

    c) Selbstverständlich kann das Fehlgreifen auch einer ganzen
    Reihe anderer dunkler Absichten dienen. Hier ein erstes Beispiel: Es
    kommt sehr selten vor, daß ich etwas zerschlage. Ich bin nicht be-
    sonders geschickt, aber infolge der anatomischen Integrität meiner
    Nervmuskelapparate sind Gründe für so ungeschickte Bewegungen
    mit unerwünschtem Erfolg bei mir offenbar nicht gegeben. Ich weiß
    also kein Objekt in meinem Hause zu erinnern, dessengleichen ich je
    zerschlagen hätte. Ich war durch die Enge in meinem Studierzimmer
    oft genötigt, in den unbequemsten Stellungen mit einer Anzahl von
    antiken Ton- und Steinsachen, von denen ich eine kleine Sammlung
    habe, zu hantieren, so daß Zuschauer die Besorgnis ausdrückten, ich
    würde etwas herunterschleudern und zerschlagen. Es ist aber niemals
    geschehen. Warum habe ich also einmal den marmornen Deckel
    meines einfachen Tintengefäßes zu Boden geworfen, so daß er zerbrach?

    Mein Tintenzeug besteht aus einer Platte von Untersberger Marmor,
    die für die Aufnahme des gläsernen Tintenfäßchens ausgehöhlt ist;
    das Tintenfaß trägt einen Deckel mit Knopf aus demselben Stein.
    Ein Kranz von Bronzestatuetten und Terrakotta-Figürchen ist hinter
    diesem Tintenzeug aufgestellt. Ich setze mich an den Tisch, um zu
    schreiben, mache mit der Hand, welche den Federstiel hält, eine merk-
    würdig ungeschickte, ausfahrende Bewegung und werfe so den Deckel
    des Tintenfasses, der bereits auf dem Tische lag, zu Boden. Die Er-
    klärung ist nicht schwer zu finden. Einige Stunden vorher war meine
    Schwester im Zimmer gewesen, um sich einige neue Erwerbungen
    anzusehen. Sie fand sie sehr schön und äußerte dann: „Jetzt sieht
    Dein Schreibtisch wirklich hübsch aus, nur das Tintenzeug paßt nicht
    dazu. Du mußt ein schöneres haben.“ Ich begleitete die Schwester hinaus
    und kam erst nach Stunden zurück. Dann aber habe ich, wie es scheint,
    an dem verurteilten Tintenzeug die Exekution vollzogen. Schloß ich
    etwa aus den Worten der Schwester, daß sie sich vorgenommen
    habe, mich zur nächsten festlichen Gelegenheit mit einem schöneren
    Tintenzeug zu beschenken, und zerschlug das unschöne alte, um sie
    zur Verwirklichung ihrer angedeuteten Absicht zu nötigen? Wenn dem
    so ist, so war meine schleudernde Bewegung nur scheinbar ungeschickt;
    in Wirklichkeit war sie höchst geschickt und zielbewußt und verstand
    es, allen wertvolleren in der Nähe befindlichen Objekten schonend
    auszuweichen.

    Ich glaube wirklich, daß man diese Beurteilung für eine ganze
    Reihe von anscheinend zufällig ungeschickten Bewegungen annehmen
    muß. Es ist richtig, daß diese etwas Gewaltsames, Schleuderndes,

  • S.

    80

    wie Spastisch-ataktisches zur Schau tragen, aber sie erweisen sich als
    von einer Intention beherrscht und treffen ihr Ziel mit einer Sicherheit,
    die man den bewußt willkürlichen Bewegungen nicht allgemein nach-
    rühmen kann. Beide Charaktere, die Gewaltsamkeit wie die Treff-
    sicherheit, haben sie übrigens mit den motorischen Äußerungen der
    hysterischen Neurose und zum Teil auch mit den motorischen Leistungen
    des Somnambulismus gemeinsam, was wohl hier wie dort auf die nämliche
    unbekannte Modifikation des Innervationsvorganges hinweist.

    Es ist mir in den letzten Jahren, seitdem ich solche Beobachtungen
    sammle, noch einige Male geschehen, daß ich Gegenstände von ge-
    wissem Werte zerschlagen oder zerbrochen habe, aber die Untersuchung
    dieser Fälle hat mich überzeugt, daß es niemals ein Erfolg des Zufalls
    oder meiner absichtslosen Ungeschicklichkeit war. So habe ich eines
    Morgens, als ich im Badekostüm, die Füße mit Strohpantoffeln be-
    kleidet, durch ein Zimmer ging, einem plötzlichen Impuls folgend,
    einen der Pantoffel vom Fuß weg gegen die Wand geschleudert, so
    daß er eine hübsche kleine Venus von Marmor von ihrer Konsole
    herunterholte. Während sie in Stücke ging, zitierte ich ganz ungerührt
    die Verse von Busch:

    Ach! Die Venus ist perdü —
    Klickeradoms! — von Medici!

    Dieses tolle Treiben und meine Ruhe bei dem Schaden finden
    ihre Aufklärung in der damaligen Situation. Wir hatten eine schwer
    Kranke in der Familie, an deren Genesung ich im Stillen bereits ver-
    zweifelt hatte. An jenem Morgen hatte ich von einer großen Besserung
    erfahren; ich weiß, daß ich mir gesagt hatte: also bleibt sie doch am
    Leben. Dann diente mein Anfall von Zerstörungswut zum Ausdrucke
    einer dankbaren Stimmung gegen das Schicksal und gestattete mir,
    eine „Opferhandlung“ zu vollziehen, gleichsam als hätte ich gelobt;
    wenn sie gesund wird, bringe ich dies oder jenes zum Opfer! Daß ich
    für dieses Opfer die Venus von Medici ausgesucht, sollte gewiß nichts
    anderes als eine galante Huldigung für die Genesende sein; unbegreif-
    lich bleibt mir aber auch diesmal, daß ich, so rasch entschlossen, so
    geschickt gezielt und kein anderes der in so großer Nähe befindlichen
    Objekte getroffen habe.

    Ein anderes Zerbrechen, für das ich mich wiederum des der Hand
    entfahrenden Federstiels bedient habe, hatte gleichfalls die Bedeutung
    eines Opfers, aber diesmal eines Bittopfers zur Abwendung. Ich
    hatte mir einmal darin gefallen, einem treuen und verdienten Freunde
    einen Vorwurf zu machen, der sich auf die Deutung gewisser Zeichen

  • S.

    81

    aus seinem Unbewußten, auf nichts anderes, stützte. Er nahm es übel
    auf und schrieb mir einen Brief, in dem er mich bat, meine Freunde
    nicht psychoanalytisch zu behandeln. Ich mußte ihm recht geben
    und beschwichtigte ihn durch meine Antwort. Während ich diesen
    Brief schrieb, hatte ich meine neueste Erwerbung, ein prächtig glasiertes
    egyptisches Figürchen, vor mir stehen. Ich zerschlug sie auf die be-
    schriebene Weise und wußte dann sofort, daß ich dies Unheil an-
    gerichtet, um ein größeres abzuwenden. Zum Glück ließ sich beides
    — die Freundschaft wie die Figur — so kitten, daß man den Sprung
    nicht merken würde.
    Ein drittes Zerbrechen stand in weniger ernsthaftem Zusammen-
    hang; es war nur eine maskierte „Exekution“, um den Ausdruck von
    Th. Vischer („Auch Einer“) zu gebrauchen, an einem Objekt,
    das sich meines Gefallens nicht mehr erfreute. Ich hatte eine Zeitlang
    einen Stock mit Silbergriff getragen; als die dünne Silberplatte einmal
    ohne mein Verschulden beschädigt worden war, wurde sie schlecht
    repariert. Bald nachdem der Stock zurückgekommen war, benützte
    ich den Griff, um im Übermut nach dem Bein eines meiner Kleinen
    zu angeln. Dabei brach er natürlich entzwei, und ich war von ihm
    befreit.

    Der Gleichmut, mit dem man in all diesen Fällen den entstandenen
    Schaden aufnimmt, darf wohl als Beweis für das Bestehen einer un-
    bewußten Absicht bei der Ausführung in Anspruch genommen werden.

    Das Fallenlassen von Objekten, Umwerfen, Zerschlagen derselben
    scheint sehr häufig zum Ausdruck unbewußter Gedankengänge ver-
    wendet zu werden, wie man gelegentlich durch Analyse beweisen kann,
    häufiger aber aus den abergläubisch oder scherzhaft daran geknüpften
    Deutungen im Volksmunde erraten möchte. Es ist bekannt, welche
    Deutungen sich an das Ausschütten von Salz, Umwerfen eines Wein-
    glases, Steckenbleiben eines zu Boden gefallenen Messers u. dgl. knüpfen.
    Welches Anrecht auf Beachtung solche abergläubische Deutungen
    haben, werde ich erst an späterer Stelle erörtern; hierher gehört nur
    die Bemerkung, daß die einzelne ungeschickte Verrichtung keineswegs
    einen konstanten Sinn hat, sondern je nach Umständen sich dieser
    oder jener Absicht als Darstellungsmittel bietet.
    Wenn dienende Personen gebrechliche Gegenstände durch Fallen-
    lassen vernichten, so wird man an eine psychologische Erklärung hiefür
    gewiß nicht in erster Linie denken, doch ist auch dabei ein Beitrag
    dunkler Motive nicht unwahrscheinlich. Nichts liegt dem Unge-
    bildeten ferner als die Schätzung der Kunst und der Kunstwerke.

    Freud, Psychopathologie des Alltagslebens.

  • S.

    82

    Eine dumpfe Feindseligkeit gegen deren Erzeugnisse beherrscht unser
    dienendes Volk, zumal wenn die Gegenstände, deren Wert sie nicht
    einsehen, eine Quelle von Arbeitsanforderung für sie werden. Leute
    von derselben Bildungsstufe und Herkunft zeichnen sich dagegen in
    wissenschaftlichen Instituten oft durch große Geschicklichkeit und
    Verläßlichkeit in der Handhabung heikler Objekte aus, wenn sie erst
    begonnen haben, sich mit ihrem Herrn zu identifizieren und sich zum
    wesentlichen Personal des Instituts zu rechnen.

    Sich selbst fallen lassen, einen Fehltritt machen, ausgleiten, braucht
    gleichfalls nicht immer als rein zufälliges Fehlschlagen motorischer
    Aktion gedeutet zu werden. Der sprachliche Doppelsinn dieser Aus-
    drücke weist bereits auf die Art von verhaltenen Phantasien hin, die
    sich durch solches Aufgeben des Körpergleichgewichts darstellen
    können. Ich erinnere mich an eine Anzahl von leichteren nervösen
    Erkrankungen bei Frauen und Mädchen, die nach einem Fall ohne
    Verletzung aufgetreten waren und als traumatische Hysterie zufolge
    des Schrecks beim Falle aufgefaßt wurden. Ich bekam schon damals
    den Eindruck, als ob die Dinge anders zusammenhingen, als wäre das
    Fallen bereits eine Veranstaltung der Neurose und ein Ausdruck der
    selben unbewußten Phantasien sexuellen Inhalts gewesen, die man als
    die bewegenden Kräfte hinter den Symptomen vermuten darf. Sollte
    dasselbe nicht auch ein Sprichwort sagen wollen, welches lautet: „Wenn
    eine Jungfrau fällt, fällt sie auf den Rücken?“
    Zum Vergreifen kann man auch den Fall rechnen, daß jemand
    einem Bettler anstatt einer Kupfer-
    oder kleinen Silbermünze ein
    Goldstück gibt. Die Auflösung solcher Fehlgriffe ist leicht, es sind
    Opferhandlungen, bestimmt, das Schicksal zu erweichen, Unheil abzu-
    wehren u. dgl. Hat man die zärtliche Mutter oder Tante unmittelbar
    vor dem Spaziergang, auf dem sie sich so widerwillig großmütig erzeigt,
    eine Besorgnis über die Gesundheit eines Kindes äußern gehört, so
    kann man an dem Sinn des angeblich unliebsamen Zufalls nicht mehr
    zweifeln. Auf solche Art ermöglichen unsere Fehlleistungen die Aus-
    übung aller jener frommen und abergläubischen Gebräuche, die wegen
    des Sträubens unserer ungläubig gewordenen Vernunft das Licht des
    Bewußtseins scheuen müssen.

    e) Daß zufällige Aktionen eigentlich absichtliche sind, wird auf
    keinem anderen Gebiete eher Glauben finden als auf dem der sexuellen
    Betätigung, wo die Grenze zwischen beiderlei Arten sich wirklich zu
    verwischen scheint. Daß eine scheinbar ungeschickte Bewegung höchst
    raffiniert zu sexuellen Zwecken ausgenutzt werden kann, davon habe

  • S.

    83

    Ich vor einigen Jahren an mir selbst ein schönes Beispiel erlebt. Ich
    traf in einem befreundeten Hause ein als Gast angelangtes junges
    Mädchen, welches ein längst für erloschen gehaltenes Wohlgefallen bei
    mir erregte und mich darum heiter, gesprächig und zuvorkommend
    stimmte. Ich habe damals auch nachgeforscht, auf welchen Bahnen
    dies zuging; ein Jahr vorher hatte dasselbe Mädchen mich kühl gelassen.
    Als nun der Onkel des Mädchens, ein sehr alter Herr, ins Zimmer trat,
    sprangen wir beide auf, um ihm einen in der Ecke stehenden Stuhl
    zu bringen. Sie war behender als ich, wohl auch dem Objekt näher;
    so hatte sie sich zuerst des Sessels bemächtigt und trug ihn mit der
    Lehne nach rückwärts, beide Hände auf die Sessel-
    ränder gelegt, vor
    sich hin. Indem ich später hinzutrat und den Anspruch, den Sessel
    zu tragen, doch nicht aufgab, stand ich plötzlich dicht hinter ihr,
    hatte beide Arme von rückwärts um sie geschlungen, und die Hände
    trafen sich einen Moment lang vor ihrem Schoß. Ich löste natürlich
    die Situation ebenso rasch, als sie entstanden war. Es schien auch
    keinem aufzufallen, wie geschickt ich diese ungeschickte Bewegung
    ausgebeutet hatte.

    Gelegentlich habe ich mir auch sagen müssen, daß das ärgerliche,
    ungeschickte Ausweichen auf der Straße, wobei man durch einige
    Sekunden hin und her, aber doch stets nach der nämlichen Seite wie
    der oder die Andere, Schritte macht, bis endlich beide vor einander
    stehen bleiben, daß auch dieses „den Weg Vertreten“ ein unartig
    provozierendes Benehmen früherer Jahre wiederholt und sexuelle Ab-
    sichten unter der Maske der Ungeschicklichkeit verfolgt. Aus meinen
    Psychoanalysen Neurotischer weiß ich, daß die sogenannte Naivität
    junger Leute und Kinder häufig nur solch eine Maske ist, um das Un-
    anständige unbeirrt durch Genieren aussprechen oder tun zu können.

    Ganz ähnliche Beobachtungen hat W. Stekel von seiner eigenen
    Person mitgeteilt „Ich trete in ein Haus ein und reiche der Dame des
    Hauses meine Rechte. Merkwürdigerweise löse ich dabei die Schleife,
    die ihr loses Morgenkleid zusammenhält. Ich bin mir keiner unehr-
    baren Absicht bewußt und doch habe ich diese ungeschickte Bewegung
    mit der Geschicklichkeit eines Eskamoteurs vollbracht.“

    f) Die Effekte, die durch das Fehlgreifen normaler Menschen zu-
    stande kommen, sind in der Regel von harmlosester Art. Gerade
    darum wird sich ein besonderes Interesse an die Frage knüpfen, ob
    Fehlgriffe von erheblicher Tragweite, die von bedeutsamen Folgen
    begleitet sein können, wie z. B. die des Arztes oder Apothekers, nach
    irgend einer Richtung unter unsere Gesichtspunkte fallen.

  • S.

    84

    Da ich sehr selten in die Lage komme, ärztliche Eingriffe vor
    zunehmen, habe ich nur über ein Beispiel von ärztlichem Vergreifen
    aus eigener Erfahrung zu berichten. Bei einer sehr alten Dame, die
    ich seit Jahren zweimal täglich besuche, beschränkt sich meine ärzt-
    liche Tätigkeit beim Morgenbesuch auf zwei Akte: ich träufle ihr ein
    paar Tropfen Augenwasser ins Auge und gebe ihr eine Morphium-
    injektion. Zwei Fläschchen, ein blaues für das Kollyrium und ein
    weißes mit der Morphinlösung, sind regelmäßig vorbereitet. Während
    der beiden Verrichtungen beschäftigen sich meine Gedanken wohl
    meist mit etwas anderem; das hat sich eben schon so oft wiederholt,
    daß die Aufmerksamkeit sich wie frei benimmt. Eines Morgens be-
    merkte ich, daß der Automat falsch gearbeitet hatte; das Tropfröhrchen
    hatte ins weiße anstatt ins blaue Fläschchen eingetaucht und nicht
    Kollyrium, sondern Morphin ins Auge geträufelt. Ich erschrak heftig
    und beruhigte mich dann durch die Überlegung, daß einige Tropfen
    einer zweiprozentigen Morphinlösung auch im Bindehautsack kein
    Unheil anzurichten vermögen. Die Schreckempfindung war offenbar
    anderswoher abzuleiten.

    Bei dem Versuch, den kleinen Fehlgriff zu analysieren, fiel mir
    zunächst die Phrase ein: „sich an der Alten vergreifen“, die den kurzen
    Weg zur Lösung weisen konnte. Ich stand unter dem Eindrucke eines
    Traumes, den mir am Abend vorher ein junger Mann erzählt hatte,
    dessen Inhalt sich nur auf sexuellen Verkehr mit der eigenen Mutter
    deuten ließ.1) Die Sonderbarkeit, daß die Sage keinen Anstoß an
    dem Alter der Königin Jokaste nimmt, schien mir gut zu dem Ergebnis
    zu stimmen, daß es sich bei der Verliebtheit in die eigene Mutter niemals
    um deren gegenwärtige Person handelt, sondern um ihr jugendliches
    Erinnerungsbild aus den Kinderjahren. Solche Inkongruenzen stellen
    sich immer heraus, wo eine zwischen zwei Zeiten schwankende Phan-
    tasie bewußt gemacht und dadurch an eine bestimmte Zeit gebunden
    wird. In Gedanken solcher Art versunken kam ich zu meiner über
    neunzigjährigen Patientin, und ich muß wohl auf dem Wege gewesen
    sein, den allgemein menschlichen Charakter der Oedipusfabel als das
    Korrelat des Verhängnisses, das sich in den Orakeln äußert, zu erfassen,
    denn ich vergriff mich dann „bei oder an der Alten“. Indes dies Ver-

    1)Des Oedipus-Traumes, wie ich ihn zu nennen pflege, weil er
    den Schlüssel zum Verständnis der Sage von König Oedipus enthält. Im Text des
    Sophokles ist die Beziehung auf einen solchen Traum der Jokaste in den Mund
    gelegt. (Vgl. „Traumdeutung“, p. 182).

  • S.

    85

    greifen war wiederum harmlos; ich hatte von den beiden möglichen
    Irrtümern, die Morphinlösung fürs Auge zu verwenden, oder das Augen-
    wasser zur Injektion zu nehmen, den bei weitem harmloseren gewählt.
    Es bleibt immer noch die Frage, ob man bei Fehlgriffen, die schweren
    Schaden stiften können, in ähnlicher Weise wie bei den behandelten
    eine unbewußte Absicht in Erwägung ziehen darf.

    Hier läßt mich denn, wie zu erwarten steht, das Material im Stiche,
    und ich bleibe auf Vermutungen und Annäherungen angewiesen.
    Es ist bekannt, daß bei den schwereren Fällen von Psychoneurose
    Selbstbeschädigungen gelegentlich als Krankheitssymptome auftreten,
    und daß der Ausgang des psychischen Konfliktes in Selbstmord bei
    ihnen niemals auszuschließen ist. Ich habe nun erfahren, und werde
    es eines Tages durch gut aufgeklärte Beispiele belegen, daß viele Schein-
    beschädigungen sind, indem eine beständig lauernde Tendenz zur
    Selbstbestrafung, die sich sonst als Selbstvorwurf äußert, oder ihren
    Beitrag zur Symptombildung stellt, eine zufällig gebotene äußere
    Situation geschickt ausnützt, oder ihr etwa noch bis zur Erreichung
    des gewünschten schädigenden Effektes nachhilft. Solche Vorkommnisse
    sind auch bei mittelschweren Fällen keineswegs selten, und sie verraten
    den Anteil der unbewußten Absicht durch eine Reihe von besonderen
    Zügen, z. B. durch die auffällige Fassung, welche die Kranken bei
    dem angeblichen Unglücksfalle bewahren.1)

    Aus der ärztlichen Erfahrung will ich anstatt vieler nur ein einziges
    Beispiel ausführlich berichten: Eine junge Frau bricht sich bei einem
    Wagenunfall die Knochen des einen Unterschenkels, so daß sie für
    Wochen bettlägerig wird, fällt dabei durch den Mangel an Schmerzens-
    äußerungen und durch die Ruhe auf, mit der sie ihr Ungemach erträgt.
    Dieser Unfall leitet eine lange und schwere neurotische Erkrankung ein,
    von der sie endlich durch Psychotherapie hergestellt wird. In der
    Behandlung erfahre ich die Nebenumstände des Unfalles sowie ge-
    wisse Eindrücke, die ihm vorausgegangen sind. Die junge Frau befand
    sich mit ihrem sehr eifersüchtigen Manne auf dem Gut einer verheirateten


    1)Die Selbstbeschädigung, die nicht voll auf Selbstvernichtung hinzielt,
    hat in unserem gegenwärtigen Kulturzustand überhaupt keine andere Wahl, als
    sich hinter der Zufälligkeit zu verbergen, oder sich durch Simulation einer spon-
    tanen Erkrankung durchzusetzen. Früher einmal war sie ein gebräuchliches
    Zeichen der Trauer; zu anderen Zeiten konnte sie Ideen der Frömmigkeit und
    Weltentsagung Ausdruck geben.

  • S.

    86

    Schwester in Gesellschaft ihrer zahlreichen übrigen Geschwister und
    deren Männer und Frauen. Eines Abends gab sie in diesem intimen
    Kreise eine Vorstellung in einer ihrer Künste, sie tanzte kunstgerecht
    Cancan unter großem Beifall der Verwandten, aber zur geringen Be-
    friedigung ihres Mannes, der ihr nachher zuzischelte: „Du hast Dich
    wider benommen wie eine Dirne.“ Das Wort traf; wir wollen es dahin
    gestellt sein lassen, ob gerade wegen der Tanzproduktion. Sie schlief
    die Nacht unruhig, am nächsten Vormittag begehrte sie eine Ausfahrt
    zu machen. Aber sie wälzte die Pferde selbst, refusierte das eine Paar
    und verlangte ein anderes. Die jüngste Schwester wollte ihren Säugling
    mit seiner Amme im Wagen mitfahren lassen; dem widersetzte sie
    sich energisch. Auf der Fahrt zeigte sie sie sich nervös, mahnte den Kut-
    scher, daß die Pferde scheu würden, und als die unruhigen Tiere wirklich
    einen Augenblick Schwierigkeiten machten, sprang sie im Schrecken
    aus dem Wagen und brach sich den Fuß, während die im Wagen Ver-
    bliebenen heil davonkamen. Kann man nach der Aufdeckung dieser
    Einzelheiten kaum mehr bezweifeln, daß dieser Unfall eigentlich eine
    Veranstaltung war, so wollen wir doch nicht versäumen die Geschick-
    lichkeit zu bewundern, welche den Zufall nötigte, die Strafe so passend
    für die Schuld auszuteilen. Denn nun war ihr das Cancantanzen für
    längere Zeit unmöglich gemacht.

    Von eigenen Selbstbeschädigungen weiß ich in ruhigen Zeiten
    wenig zu berichten, aber ich finde mich solcher unter außerordentlichen
    Bedingungen nicht unfähig. Wenn eines der Mitglieder meiner Familie
    sich beklagt, jetzt habe es sich auf die Zunge gebissen, die Finger
    gequetscht usw., so erfolgt anstatt der erhofften Teilnahme von meiner
    Seite die Frage: „Wozu hast du das getan?“ Aber ich habe mir selbst aufs
    schmerzhafteste den Daumen eingeklemmt, nachdem ein jugendlicher
    Patient in der Behandlungsstunde die (natürlich nicht ernsthaft zu
    nehmende) Absicht bekannt hatte, meine älteste Tochter zu heiraten,
    während ich wußte, daß sie sich gerade im Sanatorium in äußerster
    Lebensgefahr befand.

    Einer meiner Knaben, dessen lebhaftes Temperament der Kranken-
    pflege Schwierigkeiten zu bereiten pflegte, hatte eines Morgens einen
    Zornanfall gehabt, weil man ihm zugemutet hatte, den Vormittag
    im Bette zuzubringen, und gedroht, sich umzubringen, wie es ihm aus
    der Zeitung bekannt geworden war. Abends zeigte er mir eine Beule,
    die er sich durch Anstoßen an die Türklinke an der Seite des Brust-
    korbs zugezogen hatte. Auf meine ironische Frage, wozu er das getan
    und was er damit gewollt habe, antwortete das 11 jährige Kind wie

  • S.

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    erleuchtet: Das war mein Selbstmordversuch, mit dem ich in der Früh'
    gedroht habe. Ich glaube übrigens nicht, daß meine Anschauungen
    über die Selbstbeschädigung meinen Kindern damals zugänglich waren.

    Wer an das Vorkommen von halb absichtlicher Selbstbeschädigung
    — wenn der ungeschickte Ausdruck gestattet ist — glaubt, der wird
    dadurch vorbereitet anzunehmen, daß es außer dem bewußt absicht-
    lichen Selbstmord auch halb absichtliche Selbstvernichtung — mit un-
    bewußter Absicht — gibt, die eine Lebensbedrohung geschickt aus-
    zunützen und sie als zufällige Verunglückung zu maskieren weiß. Eine
    solche braucht keineswegs selten zu sein. Denn die Tendenz zur Selbst-
    vernichtung ist bei sehr viel mehr Menschen in einer gewissen Stärke
    vorhanden, als bei denen sie sich durchsetzt; die Selbstbeschädigungen
    sind in der Regel ein Kompromiß zwischen diesem Trieb und den
    ihm noch entgegenwirkenden Kräften, und auch wo es wirklich zum
    Selbstmord kommt, da ist die Neigung dazu eine lange Zeit vorher in
    geringerer Stärke oder als unbewußte und unterdrückte Tendenz vor-
    handen gewesen.

    Auch die bewußte Selbstmordabsicht wählt ihre Zeit, Mittel und
    Gelegenheit, es ist ganz im Einklang damit, wenn die unbewußte einen
    Anlaß abwartet, der einen Teil der Verursachung auf sich nehmen
    und sie durch Inanspruchnahme der Abwehrkräfte der Person von
    ihrer Bedrückung frei machen kann.1) Es sind keineswegs müßige
    Erwägungen, die ich da vorbringe; mir ist mehr als ein Fall von an-
    scheinend zufälligem Verunglücken (zu Pferde oder aus dem Wagen)
    bekannt geworden, dessen nähere Umstände den Verdacht auf un-
     

    1)Der Fall ist dann schließlich kein anderer als der des sexuellen Attentats
    auf eine Frau, bei dem der Angriff des Mannes nicht durch die volle Muskelkraft
    des Weibes abgewehrt werden kann, weil ihm ein Teil der unbewußten Regungen
    der Angegriffenen fördernd entgegen kommt. Man sagt ja wohl, eine solche
    Situation lähme die Kräfte der Frau; man braucht dann nur noch die Gründe
    für diese Lähmung hinzufügen. Insofern ist der geistreiche Richterspruch
    des Sancho Pansa, den er als Gouverneur auf seiner Insel fällt, psycho-
    logisch ungerecht. (Don Quijote II. T. Kap. XLV.) Eine Frau zerrt einen Mann
    vor den Richter, der sie angeblich gewaltsam ihrer Ehre beraubt hat. Sancho
    entschädigt sie durch die volle Geldbörse, die er dem Angeklagten abnimmt, und
    gibt diesem nach dem Abgange der Frau die Erlaubnis, ihr nachzueilen und ihr
    die Börse wieder zu entreißen. Sie kommen beide ringend wieder, und die Frau
    berühmt sich, daß der Bösewicht nicht imstande gewesen sei, sich der Börse zu
    bemächtigen. Darauf Sancho: Hättest Du Deine Ehre halb so ernsthaft
    verteidigt wie diese Börse, so hätte sie Dir der Mann nicht rauben können.

  • S.

    88

    bewußt zugelassenen Selbstmord rechtfertigen. Da stürzt z. B. während
    eines Offizierswettrennens ein Offizier vom Pferde und verletzt sich
    so schwer, daß er mehrere Tage nachher erliegt. Sein Benehmen,
    nachdem er zu sich gekommen ist, in manchen Stücken auffällig. Noch
    bemerkenswerter ist sein Benehmen vorher gewesen. Er ist tief ver-
    stimmt durch den Tod seiner geliebten Mutter, wird von Weinkrämpfen
    in der Gesellschaft seiner Kameraden befallen, er äußert Lebens-
    überdruß gegen seine vertrauten Freunde, will den Dienst quittieren,
    um an einem Kriege in Afrika Anteil zu nehmen, der ihn sonst nicht
    berührt;1) früher ein schneidiger Reiter, weicht er jetzt dem Reiten
    aus, wo es nur möglich ist. Vor dem Wettrennen endlich, dem er sich
    nicht entziehen kann, äußert er eine trübe Ahnung; wir werden uns
    bei unserer Auffassung nicht mehr verwundern, daß diese Ahnung
    Recht behielt. Man wird mir entgegenhalten, es sei ja ohne weiteres
    verständlich, daß ein Mensch in solcher nervöser Depression das Tier
    nicht zu meistern versteht wie in gesunden Tagen. Ich bin ganz ein-
    verstanden; nur möchte ich den Mechanismus dieser motorischen
    Hemmung durch die Nervosität in der hier betonten Selbstvernichtungs-
    absicht suchen.
     

    Wenn so ein Wüten gegen die eigene Integrität und das eigene
    Leben hinter anscheinend zufälliger Ungeschicklichkeit und motorischer
    Unzulänglichkeit verborgen sein kann, so braucht man keinen großen
    Schritt mehr zu tun, um die Übertragung der nämlichen Auffassung
    auf Fehlgriffe möglich zu finden, welche Leben und Gesundheit anderer
    ernstlich in Gefahr bringen. Was ich an Belegen für die Triftigkeit
    dieser Auffassung vorbringen kann, ist der Erfahrung an Neurotikern
    entnommen, deckt sich also nicht völlig mit dem Erfordernis. Ich
    werde über einen Fall berichten, in dem mich nicht eigentlich ein Fehl-
    griff, sondern, was man eher eine Symptom- oder Zufallshandlung
    nennen kann, auf die Spur brachte, welche dann die Lösung des Kon-
    flikts bei dem Patienten ermöglichte. Ich übernahm es einmal, die
    Ehe eines sehr intelligenten Mannes zu bessern, dessen Mißhelligkeiten
    mit seiner ihn zärtlich liebenden jungen Frau sich gewiß auf reale
    Begründungen berufen konnten, aber wie er selbst zugab, durch diese
    nicht voll erklärt wurden. Er beschäftigte sich unablässig mit dem
     


    1)Daß die Situation des Schlachtfeldes eine solche ist, wie sie der bewußten
    Selbstmordabsicht entgegenkommt, die doch den direkten Weg scheut, ist ein-
    leuchtend. Vgl. im „Wallenstein“ die Worte des schwedischen Haupt-
    manns über den Tod des Max Piccolomini: „Man sagt, er wollte sterben“.
     

  • S.

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    Gedanken der Scheidung, den er dann wieder verwarf, weil er seine
    beiden kleinen Kinder zärtlich liebte. Trotzdem kam er immer wieder
    auf den Vorsatz zurück und versuchte dabei kein Mittel, um sich die
    Situation erträglich zu gestalten. Solches Nichtfertigwerden mit einem
    Konflikt gilt mir als Beweis dafür, daß sich unbewußte und verdrängte
    Motive zur Verstärkung der miteinander streitenden bewußten bereit
    gefunden haben, und ich unternehme es in solchen Fällen, den Kon-
    flikt durch psychische Analyse zu beenden. Der Mann erzählte mir
    eines Tages von einem kleinen Vorfall, der ihn aufs äußerste erschreckt
    hatte. Er „hetzte“ mit seinem älteren Kind, dem weitaus geliebteren,
    hob es hoch und ließ es nieder und einmal an solcher Stelle und so
    hoch, daß das Kind mit dem Scheitel fast an den schwer herabhängenden
    Gasluster angestoßen hätte. Fast, aber doch eigentlich nicht oder
    gerade eben noch! Dem Kind war nichts geschehen, aber es wurde
    vor Schreck schwindlig. Der Vater blieb entsetzt mit dem Kinde im
    Arme stehen, die Mutter bekam einen hysterischen Anfall. Die be-
    sondere Geschicklichkeit dieser unvorsichtigen Bewegung, die Heftig-
    keit der Reaktion bei den Eltern legten es mir nahe, in dieser Zu-
    fälligkeit eine Symptomhandlung zu suchen, welche eine böse Absicht
    gegen das geliebte Kind zum Ausdruck bringen sollte. Den Wider-
    spruch gegen die aktuelle Zärtlichkeit dieses Vaters zu seinem Kinde
    konnte ich aufheben, wenn ich den Impuls zur Schädigung in die Zeit
    zurückverlegte, da dieses Kind das einzige und so klein gewesen war,
    daß sich der Vater noch nicht zärtlich für dasselbe zu interessieren
    brauchte. Dann hatte ich es leicht, anzunehmen, daß der von seiner
    Frau wenig befriedigte Mann damals den Gedanken gehabt oder den
    Vorsatz gefaßt: Wenn dieses kleine Wesen, an dem mir gar nichts
    liegt, stirbt, dann bin ich frei und kann mich von der Frau scheiden
    lassen. Ein Wunsch nach dem Tode dieses jetzt so geliebten Wesens
    mußte also unbewußt weiterbestehen. Von hier ab war der Weg zur
    unbewußten Fixierung dieses Wunsches leicht zu finden. Eine mächtige
    Determinierung ergab sich wirklich aus der Kindheitserinnerung des
    Patienten, daß der Tod eines kleinen Bruders, den die Mutter der
    Nachlässigkeit des Vaters zur Last legte, zu heftigen Auseinander-
    setzungen zwischen den Eltern mit Scheidungsandrohung geführt hatte.
    Der weitere Verlauf der Ehe meines Patienten bestätigte meine Kom-
    bination auch durch den therapeutischen Erfolg.