S.
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möglich ist, einen Triebkonflikt dauernd und endgiltig zu erledigen,
d.h.: den Triebanspruch in solcher Weise zu „bändigen“. In dieser
Fragestellung wird die Triebstärke überhaupt nicht erwähnt, aber
grade von ihr hängt der Ausgang ab. Machen wir uns klar, dass die
Analyse beim Neurotiker nichts anderes leistet, als was der Gesunde
ohne diese Hilfe zustande bringt. Beim Gesunden aber, lehrt die
tägliche Erfahrung, gilt jede Entscheidung eines Triebkonflikts nur
für eine bestimmte Triebstärke, richtiger gesagt, nur innerhalb einer
bestimmten Relation zwischen Stärke des Triebs und Stärke des Ichs.2)2)in gewissenhafter Korrektur: für eine gewisse Breite dieser
Relationen.Lässt die Stärke des Ichs nach, durch Krankheit, Erschöpfung u. dgl.,
so können alle bis dahin glücklich gebändigten Triebe ihre Ansprüche
wieder anmelden und auf abnormen Wegen ihre Ersatzbefriedigungen
anstreben.3) Den unwiderleglichen Beweis für diese Behauptung gibt3)Dies zur Rechtfertigung des ätiologischen Anspruchs so unspezi-
fischer Momente wie Überarbeitung, Schockwirkung usw., die immerS.
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der allgemeinen Anerkennung sicher waren und grade von der Psycho-
analyse in den Hintergrund gedrängt werden mussten. Gesundheit
lässt sich eben nicht anders denn als metapsychologisch beschreiben,
bezogen auf Kräfteverhältnisse zwischen den von uns erkannten, wenn
man will, erschlossenen, vermuteten, Instanzen des seelischen Apparats.schon der nächtliche Traum, der auf die Schlafeinstellung des Ichs
mit dem Erwachen der Triebansprüche reagiert.Ebenso unzweifelhaft ist das Material von der
anderen Seite. Zweimal im Laufe der individuellen Entwicklung treten
erhebliche Verstärkungen gewisser Triebe auf, zur Pubertät und um
die Menopause bei Frauen. Wir sind nicht im geringsten überrascht,
wenn Personen, die vorher nicht neurotisch waren, es um diese Zeiten
werden. Die Bändigung der Triebe, die ihnen bei geringerer Stärke
derselben gelungen war, misslingt nun bei deren Verstärkung. Die
Verdrängungen benehmen sich wie Dämme gegen den Andrang der Gewässer.
Dasselbe, was diese beiden physiologischen Triebverstärkungen leisten,
kann in irregulärer Weise zu jeder anderen Lebenszeit durchS.
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akzidentelle Einflüsse herbeigeführt werden. Es kommt zu Triebver-
stärkungen durch neue Traumen, aufgezwungene Versagungen, kollaterale
Beeinflussungen der Triebe untereinander. Der Erfolg ist alle Male
der gleiche und erhärtet die unwiderstehliche Macht des quantitativen
Moments in der Krankheitsverursachung.Ich bekomme hier den Eindruck, als müsste ich
mich all dieser schwerfälligen Erörterungen schämen, da doch das,
was sie sagen, längst bekannt und selbstverständlich ist. Wirklich,
wir haben uns immer so benommen, als wüssten wir es; nur, dass wir
in unseren theoretischen Vorstellungen zumeist versäumt haben, dem
ökonomischen Gesichtspunkt in demselben Maß Rechnung zu tragen
wie dem dynamischen und dem topischen. Meine Entschuldigung ist
also, dass ich an dieses Versäumnis mahne.Ehe wir uns aber für eine Antwort auf unsere
Frage entscheiden, haben wir einen Einwand anzuhören, dessen Stärke
darin besteht, dass wir wahrscheinlich von vornherein für ihn ge-
wonnen sind. Er sagt, unsere Argumente sind alle aus den spontanen
Vorgängen zwischen Ich und Trieb hergeleitet und setzen voraus, dass
die analytische Therapie nichts machen kann, was nicht unter günstigen,
normalen Verhältnissen von selbst geschieht. Aber ist das wirklich so?S.
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Erhebt nicht grade unsere Theorie den Anspruch, einen Zustand herzu-
stellen, der im Ich spontan nie vorhanden ist und dessen Neuschöpfung
den wesentlichen Unterschied zwischen dem analysierten und dem nicht
analysierten Menschen ausmacht? Halten wir uns vor, worauf sich dieser
Anspruch beruft. Alle Verdrängungen geschehen in früher Kindheit; es
sind primitive Abwehrmaßregeln des unreifen, schwachen Ichs. In späteren
Jahren werden keine neuen Verdrängungen vollzogen, aber die alten er-
halten sich und ihre Dienste werden vom Ich weiterhin zur Triebbeherr-
schung in Anspruch genommen. Neue Konflikte werden, wie wir es aus-
drücken, durch „Nachverdrängung“ erledigt. Von diesen infantilen Ver-
drängungen mag gelten, was wir allgemein behauptet haben, dass sie
voll und ganz vom relativen Kräfteverhältnis abhängen und einer Stei-
gerung der Triebstärke nicht standhalten können. Die Analyse aber lässt
das gereifte und erstarkte Ich eine Revision dieser alten Verdrängun-
gen vornehmen; einige werden abgetragen, anderebeibehalten,anerkannt, aber aus
soliderem Material neu aufgebaut. Diese neuen Dämme haben eine ganz
andere Haltbarkeit als die früheren; ihnen darf man zutrauen, dass sie
den Hochfluten der Triebsteigerung nicht so leicht nachgeben werden.
Die nachträgliche Korrektur des ursprünglichen Verdrängungsvorganges,S.
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die der Übermacht des quantitativen Faktors ein Ende macht, wäre also
die eigentliche Leistung der analytischen Therapie.Soweit unsere Theorie, auf die wir ohne unwider-
sprechlichen Zwang nicht verzichten können. Und was sagt die Erfahrung
dazu? Die ist vielleicht noch nicht umfassend genug für eine sichere
Entscheidung. Oft genug gibt sie unseren Erwartungen recht, doch nicht
jedesmal. Man hat den Eindruck, dass man nicht überrascht sein dürfte,
wenn sich am Ende herausstellt, dass der Unterschied zwischen dem nicht
Analysierten und demnichtspäteren Verhalten des Analysierten¿doch
nicht so durchgreifend ist, wie wir es erstreben, erwarten und behaup-
ten. Demnach würde es der Analyse zwar manchmal gelingen, den Ein-
fluss der Triebverstärkung auszuschalten, aber nicht regelmässig. Oder
ihre Wirkung beschränkte sich darauf, die Widerstandskraft der Hem-
mungen zu erhöhen, so dass sie nach der Analyse weit stärkeren An-
forderungen gewachsen wären als vor der Analyse oder ohne eine solche.
Ich getraue mich hier wirklich keiner Entscheidung, weiss auch nicht,
ob sie derzeit möglich ist.Man kann sich dem Verständnis dieser Unstetigkeit
in der Wirkung der Analyse aber von anderer Seite her nähern. WirS.
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wissen, es ist der erste Schritt zur intellektuellen Bewältigung der
Umwelt, in der wir leben, dass wir Allgemeinheiten, Regeln, Gesetze
herausfinden, die Ordnung in das Chaos bringen. Durch diese Arbeit
vereinfachen wir die Welt der Phänomene, können aber nicht umhin, sie
auch zu verfälschen, besonders wenn es sich um Vorgänge von Entwick-
lung und Umwandlung handelt. Es kommt uns darauf an, eine qualitative
Änderung zu erfassen, und wir vernachlässigen dabei in der Regel,
wenigstens zunächst, einen quantitativen Faktor. In der Realität sind
die Übergänge und Zwischenstufen weit häufiger als die scharf geson-
derten gegensätzlichen Zustände. Bei Entwicklungen und Verwandlungen
richtet sich unsere Aufmerksamkeit allein auf das Resultat; wir über-
sehen gern, dass sich solche Vorgänge gewöhnlich mehr oder weniger
unvollständig vollziehen, also eigentlich im Grunde nur partielle
Veränderungen sind. Der scharfsinnige Satiriker des alten Österreichs,
J. Nestroy, hat einmal geäussert: „Ein jeder Fortschritt ist nur immer
halb so gross, als wie er zuerst ausschaut“. Man wäre versucht, dem
boshaften Satz eine recht allgemeine Geltung zuzusprechen. Es gibt
fast immer Resterscheinungen, ein partielles Zurückbleiben. Wenn der
freigebige Mäzen uns durch einen vereinzelten Zug von Knauserei über-
rascht, der sonst Übergute sich plötzlich in einer feindseligenS.
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Handlung gehen lässt, so sind diese „Resterscheinungen“ unschätzbar
für die genetische Forschung. Sie zeigen uns, dass jene lobenswerten
und wertvollen Eigenschaften auf Kompensation und Überkompensation
beruhen, die, wie zu erwarten stand, nicht durchaus, nicht nach dem
vollen Betrag gelungen sind. Wenn unsere erste Beschreibung der Libido-
entwicklung gelautet hat, eine ursprüngliche orale Phase mache der
sadistisch-analen und diese der phallisch-genitalen Platz, so hat
spätere Forschung dem nicht etwa widersprochen, sondern zur Korrektur
hinzugefügt, dass diese Ersetzungen nicht plötzlich, sondern allmählich
erfolgen, so dass jederzeit Stücke der früheren Organisation neben
der neueren fortbestehen, und dass selbst bei normaler Entwicklung
die Umwandlung nie vollständig geschieht, so dass noch in der end-
giltigen Gestaltung Reste der früheren Libidofixierungen erhalten
bleiben können. Auf ganz anderen Gebieten sehen wir das nämliche.
Keiner der angeblich überwundenen Irr- und Aberglauben der Menschheit,
von dem nicht Reste heute unter uns fortlebten, in den tieferen Schich-
ten der Kulturvölker oder selbst in den obersten Schichten der Kultur-
gesellschaft. Was einmal zu Leben gekommen ist, weiss sich zäh zu be-
haupten. Manchmal könnte man zweifeln, ob die Drachen der Urzeit wirk-
lich ausgestorben sind.S.
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Um nun die Anwendung auf unseren Fall zu machen,
ich meine, die Antwort auf die Frage, wie sich die Unstetigkeit
unserer analytischen Therapie erklärt, könnte leicht sein, dass wir
unsere Absicht, die undichten Verdrängungen durch zuverlässige, ich-
gerechte Bewältigungen zu ersetzen, auch nicht immer im vollen Um-
fang, also nicht gründlich genug erreichen. Die Umwandlung gelingt,
aber oft nur partiell; Anteile der alten Mechanismen bleiben von
der analytischen Arbeit unberührt. Es lässt sich schwer beweisen,
dass dem wirklich so ist; wir haben ja keinen anderen Weg, es zu beur-
teilen, als eben den Erfolg, den es zu erklären gilt. Aber die Ein-
drücke, die man während der analytischen Arbeit empfängt, wider-
sprechen unserer Annahme nicht, scheinen sie eher zu bestätigen.
Man darf nur die Klarheit unserer eigenen Einsicht nicht zum Mass
der Überzeugung nehmen, die wir beim Analysierten hervorrufen. Es
mag ihr an „Tiefe“ fehlen, wie wir sagen können; es handelt sich
immer um den gerne übersehenen quantitativen Faktor. Wenn dies die
Lösung ist, so kann man sagen, die Analyse habe mit ihrem Anspruch,
sie heile Neurosen durch die Sicherung der Triebbeherrschung, in der
Theorie immer recht, in der Praxis nicht immer. Und zwar darum, weilS.
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es ihr nicht immer gelingt, die Grundlagen der Triebbeherrschung
in genügendem Ausmass zu sichern. Der Grund dieses partiellen Miss-
erfolgs ist leicht zu finden. Das quantitative Moment der Trieb-
stärke hatte sich seinerzeit dem Abwehrstreben des Ichs widersetzt;
wir haben darum die analytische Arbeit zur Hilfe gerufen, und nun
setzt dasselbe Moment der Wirksamkeit dieser neuen Bemühung eine
Grenze. Bei übergrosser Triebstärke misslingt dem gereiften und
von der Analyse unterstützten Ich die Aufgabe, ähnlich wie früher
dem hilflosen Ich; die Triebbeherrschung wird besser, aber sie
bleibt unvollkommen, weil die Umwandlung des Abwehrmechanismus nur
unvollständig ist. Daran ist nichts zu verwundern, denn die Analyse
arbeitet nicht mit unbegrenzten, sondern mit beschränkten Macht-
mitteln und das Endergebnis hängt immer vom relativen Kräftever-
hältnis der mit einander ringenden Instanzen ab.Es ist unzweifelhaft wünschenswert, die Dauer ei-
ner analytischen Kur abzukürzen, aber der Weg zur Durchsetzung unse-
rer therapeutischen Absicht führt nur über die Verstärkung der
analytischen Hilfskraft, die wir dem Ich zuführen wollen. Die hyp-
notische Beeinflussung schien ein ausgezeichnetes Mittel für unsere
Zwecke zu sein; es ist bekannt, warum wir darauf verzichten mussten.S.
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Ein Ersatz für die Hypnose ist bisher nicht gefunden worden, aber
man versteht von diesem Gesichtspunkt aus die leider vergeblichen
therapeutischen Bemühungen, denen ein Meister der Analyse wie
Ferenczi seine letzten Lebensjahre gewidmet hat.IV.
Die beiden anschliessenden Fragen, ob man den
Patienten während der Behandlung eines Triebkonflikts gegen zu-
künftige Triebkonflikte schützen kann und ob es ausführbar und
zweckmässig ist, einen derzeit nicht manifesten Triebkonflikt zum
Zwecke der Vorbeugung zu wecken, sollen miteinander behandelt wer-
den, denn es ist offenbar, dass man die erste Aufgabe nur lösen
kann, indem man das zweite tut, also den in der Zukunft möglichen
Konflikt in einen aktuellen verwandelt, den man der Beeinflussung
unterzieht. Diese neue Fragestellung ist im Grunde nur eine Fort-
führung der früheren. Handelte es sich vorhin um eine Verhütung der
Wiederkehr desselben Konflikts, so jetzt um seine mögliche Ersetzung
durch einen anderen. Was man da vorhat, klingt sehr ehrgeizig, aber
man will sich nur klar machen, welche Grenzen der Leistungsfähigkeit
einer analytischen Therapie gesteckt sind.S.
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So sehr es den therapeutischen Ehrgeiz verlocken
mag, sich derartige Aufgaben zu stellen, die Erfahrung hat nur eine
glatte Abweisung bereit. Wenn ein Triebkonflikt nicht aktuell ist,
sich nicht äussert, kann man ihn auch durch die Analyse nicht beein-
flussen. Die Warnung, schlafende Hunde nicht zu wecken, die man un-
seren Bemühungen um die Erforschung der psychischen Unterwelt so oft
entgegengehalten, ist für die Verhältnisse des Seelenlebens ganz
besonders unangebracht. Denn, wenn die Triebe Störungen machen, ist
es ein Beweis, dass die Hunde nicht schlafen, und wenn sie wirklich
zu schlafen scheinen, liegt es nicht in unserer Macht, sie aufzu-
wecken. Diese letztere Behauptung scheint aber nicht ganz zutreffend,
sie fordert eine eingehendere Diskussion heraus. Überlegen wir, wel-
che Mittel wir haben, um einen derzeit latenten Triebkonflikt aktuell
zu machen. Offenbar können wir nur zweierlei tun: entweder Situatio-
nen herbeiführen, in denen er aktuell wird, oder uns damit begnügen,
von ihm in der Analyse zu sprechen, auf seine Möglichkeit hinzuwei-
sen. Die erstere Absicht kann auf zweierlei Wegen erreicht werden;
erstens in der Realität, zweitens in der Uebertragung, beide Male
indem wir den Patienten einem Mass von realem Leiden durch Versa-S.
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gung und Libidostauung aussetzen. Nun ist es richtig, dass wir
uns einer solchen Technik schon in der gewöhnlichen Übung der
Analyse bedienen. Was wäre sonst der Sinn der Vorschrift, dass
die Analyse „in der Versagung“ durchgeführt werden soll? Aber das
ist eine Technik bei der Behandlung eines bereits aktuellen Kon-
flikts. Wir suchen diesen Konflikt zuzuspitzen, ihn zur schärfsten
Ausbildung zu bringen, um die Triebkraft für seine Lösung zu stei-
gern. Die analytische Erfahrung hat uns gezeigt, dass jedes Besser
ein Feind des Guten ist, dass wir in jeder Phase der Herstellung
mit der Trägheit des Patienten zu kämpfen haben, die bereit ist,
sich mit einer unvollkommenen Erledigung zu begnügen.Wenn wir aber auf eine vorbeugende Behandlung
von nicht aktuellen, bloss möglichen Triebkonflikten ausgehen, ge-
nügt es nicht, vorhandenes und unvermeidliches Leiden zu regulieren,
man müsste sich entschliessen, neues ins Leben zu rufen, und dies
hat man bisher gewiss mit Recht dem Schicksal überlassen. Von allen
Seiten würde man vor der Vermessenheit gewarnt werden, im Wettbewerb
mit dem Schicksal so grausame Versuche mit den armen Menschenkin-
dern anzustellen. Und welcher Art würden diese sein? Kann man esS.
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verantworten, dass man im Dienst der Prophylaxe eine befriedigende
Ehe zerstört oder eine Stellung aufgeben lässt, mit der die Lebens-
sicherung des Analysierten verbunden ist. Zum Glück kommt man gar
nicht in die Lage, über die Berechtigung solcher Eingriffe ins reale
Leben nachzudenken; man hat überhaupt nicht die Machtvollkommen-
heit, die sie erfordern, und das Objekt dieses therapeutischen
Experiments würde gewiss nicht mittun wollen. Ist dergleichen also
in der Praxis so gut wie ausgeschlossen, so hat die Theorie noch
andere Einwände dagegen. Die analytische Arbeit geht nämlich am
besten vor sich, wenn die pathogenen Erlebnisse der Vergangenheit
angehören, so dass das Ich Distanz zu ihnen gewinnen konnte. In
akut krisenhaften Zuständen ist die Analyse so gut wie nicht zu
brauchen. Alles Interesse des Ichs wird dann von der schmerzhaften
Realität in Anspruch genommen und verweigert sich der Analyse, die
hinter diese Oberfläche führen und die Einflüsse der Vergangenheit
aufdecken will. Einen frischen Konflikt zu schaffen, wird also die
analytische Arbeit nur verlängern und erschweren.Man wird einwenden, das seien völlig überflüssige
Erörterungen. Niemand denke daran, die BehandlungsmöglichkeitS.
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des latenten Triebkonflikts dadurch herzustellen, dass man ab-
sichtlich eine neue Leidenssituation heraufbeschwört. Das sei
auch keine rühmenswerte prophylaktische Leistung. Es sei zum
Beispiel bekannt, dass eine überstandenerTyphus abdominalisScarlatina eine
Immunität gegen die Wiederkehr der gleichen Erkrankung zurück-
lässt; darum fällt es doch den Internisten nicht ein, einen Ge-
sunden, der möglicher Weise anTyphusScarlatina erkranken kann, zum Zwecke
dieser Sicherung mitTyphusbacillendiesScarlatina zu infizieren. Die Schutz-
handlung darf nicht dieselbe Gefahrsituation herstellen wie die
der Erkrankung selbst, sondern nur eine um sehr viel geringere,
wie es bei der Blatternimpfung und vielen ähnlichen Verfahren
erreicht wird. Es kämen also auch bei einer analytischen Prophylaxe
der Triebkonflikte nur die beiden anderen Methoden in Betracht, die
künstliche Erzeugung von neuen Konflikten in der Uebertragung,
denen doch der Charakter der Realität abgeht, und die Erweckung
solcher Konflikte in der Vorstellung des Analysierten, indem man
von ihnen spricht und ihn mit ihrer Möglichkeit vertraut macht.Ich weiss nicht, ob man behaupten darf, das erstere
dieser beiden milderen Verfahren sei in der Analyse durchausS.
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unanwendbar. Es fehlt an besonders darauf gerichteten Unter-
suchungen. Aber es drängen sich sofort Schwierigkeiten auf, die
das Unternehmen nicht als sehr aussichtsreich erscheinen lassen.
Erstens, dass man in der Auswahl solcher Situationen für die
Übertragung recht eingeschränkt ist. Der Analysierte selbst
kann nicht alle seine Konflikte in der Übertragung unterbringen;
ebensowenig kann der Analytiker aus der Übertragungssituation
alle möglichen Triebkonflikte des Patienten wachrufen. Man
kann ihn etwa eifersüchtig werden oder Liebesenttäuschungen
erleben lassen, aber dazu braucht es keine technische Absicht.
Dergleichen tritt ohnedies spontan in den meisten Analysen
auf. Zweitens aber darf man nicht übersehen, dass alle solche
Veranstaltungen unfreundliche Handlungen gegen den Analysierten
notwendig machen, und durch diese schädigt man die zärtliche
Einstellung zum Analytiker, die positive Übertragung, die das
stärkste Motiv für die Beteiligung des Analysierten an der ge-
meinsamen analytischen Arbeit ist. Man wird also von diesen
Verfahren keinesfalls viel erwarten dürfen.S.
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So erübrigt also nur jener Weg, den man ursprünglich
wahrscheinlich allein im Auge gehabt hat. Man erzählt dem Patienten
von den Möglichkeiten anderer Triebkonflikte und weckt seine Erwar-
tung, dass sich dergleichen auch bei ihm ereignen könnte. Man hofft
nun, solche Mitteilung und Warnung werde den Erfolg haben, beim
Patienten einen der angedeuteten Konflikte in bescheidenem und doch
zur Behandlung zureichendem Maß zu aktivieren. Aber diesmal gibt
die Erfahrung eine unzweideutige Antwort. Der erwartete Erfolg
stellt sich nicht ein. Der Patient hört die Botschaft wohl, allein
es fehlt der Widerhall. Er mag sich denken: Das ist ja sehr inter-
essant, aber ich verspüre nichts davon. Man hat sein Wissen vermehrt
und sonst nichts in ihm verändert. Der Fall ist ungefähr derselbe
wie bei der Lektüre psychoanalytischer Schriften. Der Leser wird
nur bei jenen Stellen „aufgeregt“, in denen er sich getroffen fühlt,
die also die in ihm derzeit wirksamen Konflikte betreffen. Alles
andere lässt ihn kalt. Ich meine, man kann analoge Erfahrungen
machen, wenn man Kindern sexuelle Aufklärungen gibt. Ich bin weit
entfernt, zu behaupten, es sei ein schädliches oder überflüssiges
Vorgehen, aber man hat offenbar die vorbeugende Wirkung dieserS.
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liberalen Maßregel weit überschätzt. Die Kinder wissen jetzt etwas,
was sie bisher nicht gewusst haben, aber sie machen nichts mit den
neuen, ihnen geschenkten Kenntnissen. Man überzeugt sich, dass sie
nicht einmal so rasch bereit sind, ihnen jene, man möchte sagen:
naturwüchsigen, Sexualtheorien zum Opfer zu bringen, die sie im
Einklang mit und in Abhängigkeit von ihrer unvollkommenen Libido-
organisation gebildet haben, von der Rolle des Storchs, von der
Natur des sexuellen Verkehrs, von der Art, wie die Kinder zustande
kommen. Noch lange Zeit, nachdem sie die sexuelle Aufklärung
empfangen haben, benehmen sie sich wie die Primitiven, denen man
das Christentum aufgedrängt hat und die im Geheimen fortfahren, ihre
alten Götzen zu verehren.V.
Wir sind von der Frage ausgegangen, wie man die beschwer-
lich lange Dauer einer analytischen Behandlung abkürzen kann, und
sind dann, immer noch vom Interesse für zeitliche Verhältnisse
geleitet, zur Untersuchung fortgeschritten, ob man Dauerheilung
erzielen oder gar durch vorbeugende Behandlung zukünftige Erkrankung
fernhalten kann. Wir haben dabei als massgebend für den Erfolg
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Die endliche und die unendliche Analyse1937-001/1937.02