• S.

    - 19 -

    möglich ist, einen Triebkonflikt dauernd und endgiltig zu erledigen,
    d.h.: den Triebanspruch in solcher Weise zu „bändigen“. In dieser
    Fragestellung wird die Triebstärke überhaupt nicht erwähnt, aber
    grade von ihr hängt der Ausgang ab. Machen wir uns klar, dass die
    Analyse beim Neurotiker nichts anderes leistet, als was der Gesunde
    ohne diese Hilfe zustande bringt. Beim Gesunden aber, lehrt die
    tägliche Erfahrung, gilt jede Entscheidung eines Triebkonflikts nur
    für eine bestimmte Triebstärke, richtiger gesagt, nur innerhalb einer
    bestimmten Relation zwischen Stärke des Triebs und Stärke des Ichs.2)

    2)in gewissenhafter Korrektur: für eine gewisse Breite dieser
    Relationen.

    Lässt die Stärke des Ichs nach, durch Krankheit, Erschöpfung u. dgl.,
    so können alle bis dahin glücklich gebändigten Triebe ihre Ansprüche
    wieder anmelden und auf abnormen Wegen ihre Ersatzbefriedigungen
    anstreben.3) Den unwiderleglichen Beweis für diese Behauptung gibt

    3)Dies zur Rechtfertigung des ätiologischen Anspruchs so unspezi-
    fischer Momente wie Überarbeitung, Schockwirkung usw., die immer

  • S.

    - 20 -

    der allgemeinen Anerkennung sicher waren und grade von der Psycho-
    analyse in den Hintergrund gedrängt werden mussten. Gesundheit
    lässt sich eben nicht anders denn als metapsychologisch beschreiben,
    bezogen auf Kräfteverhältnisse zwischen den von uns erkannten, wenn
    man will, erschlossenen, vermuteten, Instanzen des seelischen Apparats.

    schon der nächtliche Traum, der auf die Schlafeinstellung des Ichs
    mit dem Erwachen der Triebansprüche reagiert.

    Ebenso unzweifelhaft ist das Material von der
    anderen Seite. Zweimal im Laufe der individuellen Entwicklung treten
    erhebliche Verstärkungen gewisser Triebe auf, zur Pubertät und um
    die Menopause bei Frauen. Wir sind nicht im geringsten überrascht,
    wenn Personen, die vorher nicht neurotisch waren, es um diese Zeiten
    werden. Die Bändigung der Triebe, die ihnen bei geringerer Stärke
    derselben gelungen war, misslingt nun bei deren Verstärkung. Die
    Verdrängungen benehmen sich wie Dämme gegen den Andrang der Gewässer.
    Dasselbe, was diese beiden physiologischen Triebverstärkungen leisten,
    kann in irregulärer Weise zu jeder anderen Lebenszeit durch

  • S.

    - 21 -

    akzidentelle Einflüsse herbeigeführt werden. Es kommt zu Triebver-
    stärkungen durch neue Traumen, aufgezwungene Versagungen, kollaterale
    Beeinflussungen der Triebe untereinander. Der Erfolg ist alle Male
    der gleiche und erhärtet die unwiderstehliche Macht des quantitativen
    Moments in der Krankheitsverursachung.

    Ich bekomme hier den Eindruck, als müsste ich
    mich all dieser schwerfälligen Erörterungen schämen, da doch das,
    was sie sagen, längst bekannt und selbstverständlich ist. Wirklich,
    wir haben uns immer so benommen, als wüssten wir es; nur, dass wir
    in unseren theoretischen Vorstellungen zumeist versäumt haben, dem
    ökonomischen Gesichtspunkt in demselben Maß Rechnung zu tragen
    wie dem dynamischen und dem topischen. Meine Entschuldigung ist
    also, dass ich an dieses Versäumnis mahne.

    Ehe wir uns aber für eine Antwort auf unsere
    Frage entscheiden, haben wir einen Einwand anzuhören, dessen Stärke
    darin besteht, dass wir wahrscheinlich von vornherein für ihn ge-
    wonnen sind. Er sagt, unsere Argumente sind alle aus den spontanen
    Vorgängen zwischen Ich und Trieb hergeleitet und setzen voraus, dass
    die analytische Therapie nichts machen kann, was nicht unter günstigen,
    normalen Verhältnissen von selbst geschieht. Aber ist das wirklich so?

  • S.

    - 22 -

    Erhebt nicht grade unsere Theorie den Anspruch, einen Zustand herzu-
    stellen, der im Ich spontan nie vorhanden ist und dessen Neuschöpfung
    den wesentlichen Unterschied zwischen dem analysierten und dem nicht
    analysierten Menschen ausmacht? Halten wir uns vor, worauf sich dieser
    Anspruch beruft. Alle Verdrängungen geschehen in früher Kindheit; es
    sind primitive Abwehrmaßregeln des unreifen, schwachen Ichs. In späteren
    Jahren werden keine neuen Verdrängungen vollzogen, aber die alten er-
    halten sich und ihre Dienste werden vom Ich weiterhin zur Triebbeherr-
    schung in Anspruch genommen. Neue Konflikte werden, wie wir es aus-
    drücken, durch „Nachverdrängung“ erledigt. Von diesen infantilen Ver-
    drängungen mag gelten, was wir allgemein behauptet haben, dass sie
    voll und ganz vom relativen Kräfteverhältnis abhängen und einer Stei-
    gerung der Triebstärke nicht standhalten können. Die Analyse aber lässt
    das gereifte und erstarkte Ich eine Revision dieser alten Verdrängun-
    gen vornehmen; einige werden abgetragen, andere beibehalten,anerkannt, aber aus
    soliderem Material neu aufgebaut. Diese neuen Dämme haben eine ganz
    andere Haltbarkeit als die früheren; ihnen darf man zutrauen, dass sie
    den Hochfluten der Triebsteigerung nicht so leicht nachgeben werden.
    Die nachträgliche Korrektur des ursprünglichen Verdrängungsvorganges,

  • S.

    - 23 -

    die der Übermacht des quantitativen Faktors ein Ende macht, wäre also
    die eigentliche Leistung der analytischen Therapie.

    Soweit unsere Theorie, auf die wir ohne unwider-
    sprechlichen Zwang nicht verzichten können. Und was sagt die Erfahrung
    dazu? Die ist vielleicht noch nicht umfassend genug für eine sichere
    Entscheidung. Oft genug gibt sie unseren Erwartungen recht, doch nicht
    jedesmal. Man hat den Eindruck, dass man nicht überrascht sein dürfte,
    wenn sich am Ende herausstellt, dass der Unterschied zwischen dem nicht
    Analysierten und dem nicht späteren Verhalten des Analysierten ¿ doch
    nicht so durchgreifend ist, wie wir es erstreben, erwarten und behaup-
    ten. Demnach würde es der Analyse zwar manchmal gelingen, den Ein-
    fluss der Triebverstärkung auszuschalten, aber nicht regelmässig. Oder
    ihre Wirkung beschränkte sich darauf, die Widerstandskraft der Hem-
    mungen zu erhöhen, so dass sie nach der Analyse weit stärkeren An-
    forderungen gewachsen wären als vor der Analyse oder ohne eine solche.
    Ich getraue mich hier wirklich keiner Entscheidung, weiss auch nicht,
    ob sie derzeit möglich ist.

    Man kann sich dem Verständnis dieser Unstetigkeit
    in der Wirkung der Analyse aber von anderer Seite her nähern. Wir

  • S.

    - 24 -

    wissen, es ist der erste Schritt zur intellektuellen Bewältigung der
    Umwelt, in der wir leben, dass wir Allgemeinheiten, Regeln, Gesetze
    herausfinden, die Ordnung in das Chaos bringen. Durch diese Arbeit
    vereinfachen wir die Welt der Phänomene, können aber nicht umhin, sie
    auch zu verfälschen, besonders wenn es sich um Vorgänge von Entwick-
    lung und Umwandlung handelt. Es kommt uns darauf an, eine qualitative
    Änderung zu erfassen, und wir vernachlässigen dabei in der Regel,
    wenigstens zunächst, einen quantitativen Faktor. In der Realität sind
    die Übergänge und Zwischenstufen weit häufiger als die scharf geson-
    derten gegensätzlichen Zustände. Bei Entwicklungen und Verwandlungen
    richtet sich unsere Aufmerksamkeit allein auf das Resultat; wir über-
    sehen gern, dass sich solche Vorgänge gewöhnlich mehr oder weniger
    unvollständig vollziehen, also eigentlich im Grunde nur partielle
    Veränderungen sind. Der scharfsinnige Satiriker des alten Österreichs,
    J. Nestroy, hat einmal geäussert: „Ein jeder Fortschritt ist nur immer
    halb so gross, als wie er zuerst ausschaut“. Man wäre versucht, dem
    boshaften Satz eine recht allgemeine Geltung zuzusprechen. Es gibt
    fast immer Resterscheinungen, ein partielles Zurückbleiben. Wenn der
    freigebige Mäzen uns durch einen vereinzelten Zug von Knauserei über-
    rascht, der sonst Übergute sich plötzlich in einer feindseligen

  • S.

    - 25 -

    Handlung gehen lässt, so sind diese „Resterscheinungen“ unschätzbar
    für die genetische Forschung. Sie zeigen uns, dass jene lobenswerten
    und wertvollen Eigenschaften auf Kompensation und Überkompensation
    beruhen, die, wie zu erwarten stand, nicht durchaus, nicht nach dem
    vollen Betrag gelungen sind. Wenn unsere erste Beschreibung der Libido-
    entwicklung gelautet hat, eine ursprüngliche orale Phase mache der
    sadistisch-analen und diese der phallisch-genitalen Platz, so hat
    spätere Forschung dem nicht etwa widersprochen, sondern zur Korrektur
    hinzugefügt, dass diese Ersetzungen nicht plötzlich, sondern allmählich
    erfolgen, so dass jederzeit Stücke der früheren Organisation neben
    der neueren fortbestehen, und dass selbst bei normaler Entwicklung
    die Umwandlung nie vollständig geschieht, so dass noch in der end-
    giltigen Gestaltung Reste der früheren Libidofixierungen erhalten
    bleiben können. Auf ganz anderen Gebieten sehen wir das nämliche.
    Keiner der angeblich überwundenen Irr- und Aberglauben der Menschheit,
    von dem nicht Reste heute unter uns fortlebten, in den tieferen Schich-
    ten der Kulturvölker oder selbst in den obersten Schichten der Kultur-
    gesellschaft. Was einmal zu Leben gekommen ist, weiss sich zäh zu be-
    haupten. Manchmal könnte man zweifeln, ob die Drachen der Urzeit wirk-
    lich ausgestorben sind.

  • S.

    - 26 -

    Um nun die Anwendung auf unseren Fall zu machen,
    ich meine, die Antwort auf die Frage, wie sich die Unstetigkeit
    unserer analytischen Therapie erklärt, könnte leicht sein, dass wir
    unsere Absicht, die undichten Verdrängungen durch zuverlässige, ich-
    gerechte Bewältigungen zu ersetzen, auch nicht immer im vollen Um-
    fang, also nicht gründlich genug erreichen. Die Umwandlung gelingt,
    aber oft nur partiell; Anteile der alten Mechanismen bleiben von
    der analytischen Arbeit unberührt. Es lässt sich schwer beweisen,
    dass dem wirklich so ist; wir haben ja keinen anderen Weg, es zu beur-
    teilen, als eben den Erfolg, den es zu erklären gilt. Aber die Ein-
    drücke, die man während der analytischen Arbeit empfängt, wider-
    sprechen unserer Annahme nicht, scheinen sie eher zu bestätigen.
    Man darf nur die Klarheit unserer eigenen Einsicht nicht zum Mass
    der Überzeugung nehmen, die wir beim Analysierten hervorrufen. Es
    mag ihr an „Tiefe“ fehlen, wie wir sagen können; es handelt sich
    immer um den gerne übersehenen quantitativen Faktor. Wenn dies die
    Lösung ist, so kann man sagen, die Analyse habe mit ihrem Anspruch,
    sie heile Neurosen durch die Sicherung der Triebbeherrschung, in der
    Theorie immer recht, in der Praxis nicht immer. Und zwar darum, weil

  • S.

    - 27 -

    es ihr nicht immer gelingt, die Grundlagen der Triebbeherrschung
    in genügendem Ausmass zu sichern. Der Grund dieses partiellen Miss-
    erfolgs ist leicht zu finden. Das quantitative Moment der Trieb-
    stärke hatte sich seinerzeit dem Abwehrstreben des Ichs widersetzt;
    wir haben darum die analytische Arbeit zur Hilfe gerufen, und nun
    setzt dasselbe Moment der Wirksamkeit dieser neuen Bemühung eine
    Grenze. Bei übergrosser Triebstärke misslingt dem gereiften und
    von der Analyse unterstützten Ich die Aufgabe, ähnlich wie früher
    dem hilflosen Ich; die Triebbeherrschung wird besser, aber sie
    bleibt unvollkommen, weil die Umwandlung des Abwehrmechanismus nur
    unvollständig ist. Daran ist nichts zu verwundern, denn die Analyse
    arbeitet nicht mit unbegrenzten, sondern mit beschränkten Macht-
    mitteln und das Endergebnis hängt immer vom relativen Kräftever-
    hältnis der mit einander ringenden Instanzen ab.

    Es ist unzweifelhaft wünschenswert, die Dauer ei-
    ner analytischen Kur abzukürzen, aber der Weg zur Durchsetzung unse-
    rer therapeutischen Absicht führt nur über die Verstärkung der
    analytischen Hilfskraft, die wir dem Ich zuführen wollen. Die hyp-
    notische Beeinflussung schien ein ausgezeichnetes Mittel für unsere
    Zwecke zu sein; es ist bekannt, warum wir darauf verzichten mussten.

  • S.

    - 28 -

    Ein Ersatz für die Hypnose ist bisher nicht gefunden worden, aber
    man versteht von diesem Gesichtspunkt aus die leider vergeblichen
    therapeutischen Bemühungen, denen ein Meister der Analyse wie
    Ferenczi seine letzten Lebensjahre gewidmet hat.

    IV.

    Die beiden anschliessenden Fragen, ob man den
    Patienten während der Behandlung eines Triebkonflikts gegen zu-
    künftige Triebkonflikte schützen kann und ob es ausführbar und
    zweckmässig ist, einen derzeit nicht manifesten Triebkonflikt zum
    Zwecke der Vorbeugung zu wecken, sollen miteinander behandelt wer-
    den, denn es ist offenbar, dass man die erste Aufgabe nur lösen
    kann, indem man das zweite tut, also den in der Zukunft möglichen
    Konflikt in einen aktuellen verwandelt, den man der Beeinflussung
    unterzieht. Diese neue Fragestellung ist im Grunde nur eine Fort-
    führung der früheren. Handelte es sich vorhin um eine Verhütung der
    Wiederkehr desselben Konflikts, so jetzt um seine mögliche Ersetzung
    durch einen anderen. Was man da vorhat, klingt sehr ehrgeizig, aber
    man will sich nur klar machen, welche Grenzen der Leistungsfähigkeit
    einer analytischen Therapie gesteckt sind.

  • S.

    - 29 -

    So sehr es den therapeutischen Ehrgeiz verlocken
    mag, sich derartige Aufgaben zu stellen, die Erfahrung hat nur eine
    glatte Abweisung bereit. Wenn ein Triebkonflikt nicht aktuell ist,
    sich nicht äussert, kann man ihn auch durch die Analyse nicht beein-
    flussen. Die Warnung, schlafende Hunde nicht zu wecken, die man un-
    seren Bemühungen um die Erforschung der psychischen Unterwelt so oft
    entgegengehalten, ist für die Verhältnisse des Seelenlebens ganz
    besonders unangebracht. Denn, wenn die Triebe Störungen machen, ist
    es ein Beweis, dass die Hunde nicht schlafen, und wenn sie wirklich
    zu schlafen scheinen, liegt es nicht in unserer Macht, sie aufzu-
    wecken. Diese letztere Behauptung scheint aber nicht ganz zutreffend,
    sie fordert eine eingehendere Diskussion heraus. Überlegen wir, wel-
    che Mittel wir haben, um einen derzeit latenten Triebkonflikt aktuell
    zu machen. Offenbar können wir nur zweierlei tun: entweder Situatio-
    nen herbeiführen, in denen er aktuell wird, oder uns damit begnügen,
    von ihm in der Analyse zu sprechen, auf seine Möglichkeit hinzuwei-
    sen. Die erstere Absicht kann auf zweierlei Wegen erreicht werden;
    erstens in der Realität, zweitens in der Uebertragung, beide Male
    indem wir den Patienten einem Mass von realem Leiden durch Versa-

  • S.

    - 30 -

    gung und Libidostauung aussetzen. Nun ist es richtig, dass wir
    uns einer solchen Technik schon in der gewöhnlichen Übung der
    Analyse bedienen. Was wäre sonst der Sinn der Vorschrift, dass
    die Analyse „in der Versagung“ durchgeführt werden soll? Aber das
    ist eine Technik bei der Behandlung eines bereits aktuellen Kon-
    flikts. Wir suchen diesen Konflikt zuzuspitzen, ihn zur schärfsten
    Ausbildung zu bringen, um die Triebkraft für seine Lösung zu stei-
    gern. Die analytische Erfahrung hat uns gezeigt, dass jedes Besser
    ein Feind des Guten ist, dass wir in jeder Phase der Herstellung
    mit der Trägheit des Patienten zu kämpfen haben, die bereit ist,
    sich mit einer unvollkommenen Erledigung zu begnügen.

    Wenn wir aber auf eine vorbeugende Behandlung
    von nicht aktuellen, bloss möglichen Triebkonflikten ausgehen, ge-
    nügt es nicht, vorhandenes und unvermeidliches Leiden zu regulieren,
    man müsste sich entschliessen, neues ins Leben zu rufen, und dies
    hat man bisher gewiss mit Recht dem Schicksal überlassen. Von allen
    Seiten würde man vor der Vermessenheit gewarnt werden, im Wettbewerb
    mit dem Schicksal so grausame Versuche mit den armen Menschenkin-
    dern anzustellen. Und welcher Art würden diese sein? Kann man es

  • S.

    - 31 -

    verantworten, dass man im Dienst der Prophylaxe eine befriedigende
    Ehe zerstört oder eine Stellung aufgeben lässt, mit der die Lebens-
    sicherung des Analysierten verbunden ist. Zum Glück kommt man gar
    nicht in die Lage, über die Berechtigung solcher Eingriffe ins reale
    Leben nachzudenken; man hat überhaupt nicht die Machtvollkommen-
    heit, die sie erfordern, und das Objekt dieses therapeutischen
    Experiments würde gewiss nicht mittun wollen. Ist dergleichen also
    in der Praxis so gut wie ausgeschlossen, so hat die Theorie noch
    andere Einwände dagegen. Die analytische Arbeit geht nämlich am
    besten vor sich, wenn die pathogenen Erlebnisse der Vergangenheit
    angehören, so dass das Ich Distanz zu ihnen gewinnen konnte. In
    akut krisenhaften Zuständen ist die Analyse so gut wie nicht zu
    brauchen. Alles Interesse des Ichs wird dann von der schmerzhaften
    Realität in Anspruch genommen und verweigert sich der Analyse, die
    hinter diese Oberfläche führen und die Einflüsse der Vergangenheit
    aufdecken will. Einen frischen Konflikt zu schaffen, wird also die
    analytische Arbeit nur verlängern und erschweren.

    Man wird einwenden, das seien völlig überflüssige
    Erörterungen. Niemand denke daran, die Behandlungsmöglichkeit

  • S.

    - 32 -

    des latenten Triebkonflikts dadurch herzustellen, dass man ab-
    sichtlich eine neue Leidenssituation heraufbeschwört. Das sei
    auch keine rühmenswerte prophylaktische Leistung. Es sei zum
    Beispiel bekannt, dass eine überstandener Typhus abdominalisScarlatina eine
    Immunität gegen die Wiederkehr der gleichen Erkrankung zurück-
    lässt; darum fällt es doch den Internisten nicht ein, einen Ge-
    sunden, der möglicher Weise an TyphusScarlatina erkranken kann, zum Zwecke
    dieser Sicherung mit Typhusbacillendies Scarlatina zu infizieren. Die Schutz-
    handlung darf nicht dieselbe Gefahrsituation herstellen wie die
    der Erkrankung selbst, sondern nur eine um sehr viel geringere,
    wie es bei der Blatternimpfung und vielen ähnlichen Verfahren
    erreicht wird. Es kämen also auch bei einer analytischen Prophylaxe
    der Triebkonflikte nur die beiden anderen Methoden in Betracht, die
    künstliche Erzeugung von neuen Konflikten in der Uebertragung,
    denen doch der Charakter der Realität abgeht, und die Erweckung
    solcher Konflikte in der Vorstellung des Analysierten, indem man
    von ihnen spricht und ihn mit ihrer Möglichkeit vertraut macht.

    Ich weiss nicht, ob man behaupten darf, das erstere
    dieser beiden milderen Verfahren sei in der Analyse durchaus

  • S.

    - 33 -

    unanwendbar. Es fehlt an besonders darauf gerichteten Unter-
    suchungen. Aber es drängen sich sofort Schwierigkeiten auf, die
    das Unternehmen nicht als sehr aussichtsreich erscheinen lassen.
    Erstens, dass man in der Auswahl solcher Situationen für die
    Übertragung recht eingeschränkt ist. Der Analysierte selbst
    kann nicht alle seine Konflikte in der Übertragung unterbringen;
    ebensowenig kann der Analytiker aus der Übertragungssituation
    alle möglichen Triebkonflikte des Patienten wachrufen. Man
    kann ihn etwa eifersüchtig werden oder Liebesenttäuschungen
    erleben lassen, aber dazu braucht es keine technische Absicht.
    Dergleichen tritt ohnedies spontan in den meisten Analysen
    auf. Zweitens aber darf man nicht übersehen, dass alle solche
    Veranstaltungen unfreundliche Handlungen gegen den Analysierten
    notwendig machen, und durch diese schädigt man die zärtliche
    Einstellung zum Analytiker, die positive Übertragung, die das
    stärkste Motiv für die Beteiligung des Analysierten an der ge-
    meinsamen analytischen Arbeit ist. Man wird also von diesen
    Verfahren keinesfalls viel erwarten dürfen.

  • S.

    - 34 -

    So erübrigt also nur jener Weg, den man ursprünglich
    wahrscheinlich allein im Auge gehabt hat. Man erzählt dem Patienten
    von den Möglichkeiten anderer Triebkonflikte und weckt seine Erwar-
    tung, dass sich dergleichen auch bei ihm ereignen könnte. Man hofft
    nun, solche Mitteilung und Warnung werde den Erfolg haben, beim
    Patienten einen der angedeuteten Konflikte in bescheidenem und doch
    zur Behandlung zureichendem Maß zu aktivieren. Aber diesmal gibt
    die Erfahrung eine unzweideutige Antwort. Der erwartete Erfolg
    stellt sich nicht ein. Der Patient hört die Botschaft wohl, allein
    es fehlt der Widerhall. Er mag sich denken: Das ist ja sehr inter-
    essant, aber ich verspüre nichts davon. Man hat sein Wissen vermehrt
    und sonst nichts in ihm verändert. Der Fall ist ungefähr derselbe
    wie bei der Lektüre psychoanalytischer Schriften. Der Leser wird
    nur bei jenen Stellen „aufgeregt“, in denen er sich getroffen fühlt,
    die also die in ihm derzeit wirksamen Konflikte betreffen. Alles
    andere lässt ihn kalt. Ich meine, man kann analoge Erfahrungen
    machen, wenn man Kindern sexuelle Aufklärungen gibt. Ich bin weit
    entfernt, zu behaupten, es sei ein schädliches oder überflüssiges
    Vorgehen, aber man hat offenbar die vorbeugende Wirkung dieser

  • S.

    - 35 -

    liberalen Maßregel weit überschätzt. Die Kinder wissen jetzt etwas,
    was sie bisher nicht gewusst haben, aber sie machen nichts mit den
    neuen, ihnen geschenkten Kenntnissen. Man überzeugt sich, dass sie
    nicht einmal so rasch bereit sind, ihnen jene, man möchte sagen:
    naturwüchsigen, Sexualtheorien zum Opfer zu bringen, die sie im
    Einklang mit und in Abhängigkeit von ihrer unvollkommenen Libido-
    organisation gebildet haben, von der Rolle des Storchs, von der
    Natur des sexuellen Verkehrs, von der Art, wie die Kinder zustande
    kommen. Noch lange Zeit, nachdem sie die sexuelle Aufklärung
    empfangen haben, benehmen sie sich wie die Primitiven, denen man
    das Christentum aufgedrängt hat und die im Geheimen fortfahren, ihre
    alten Götzen zu verehren.

    V.

    Wir sind von der Frage ausgegangen, wie man die beschwer-
    lich lange Dauer einer analytischen Behandlung abkürzen kann, und
    sind dann, immer noch vom Interesse für zeitliche Verhältnisse
    geleitet, zur Untersuchung fortgeschritten, ob man Dauerheilung
    erzielen oder gar durch vorbeugende Behandlung zukünftige Erkrankung
    fernhalten kann. Wir haben dabei als massgebend für den Erfolg