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    18.I.1937

    Die endliche und die unendliche Analyse
    von
    Sigm. Freud

    I.

    Erfahrung hat uns gelehrt, die psychoanalytische
    Therapie, die Befreiung eines Menschen von seinen neurotischen Symptomen,
    Hemmungen und Charakterabnormitäten ist eine langwierige Arbeit. Daher
    sind von allem Anfang an Versuche unternommen worden, um die Dauer der
    Analysen zu verkürzen. Solche Bemühungen bedurften keiner Rechtferti-
    gung, sie konnten sich auf die verständigsten und zweckmässigsten
    Beweggründe berufen. Aber es wirkte in ihnen wahrscheinlich auch noch
    ein Rest jener ungeduldigen Geringschätzung, mit der eine frühere
    Periode der Medizin die Neurosen betrachtet hatte, als überflüssige
    Erfolge unsichtbarer Schädigungen. Wenn man sich jetzt mit ihnen be-
    schäftigen musste, wollte man nur möglichst bald mit ihnen fertig werden.
    Einen besonders energischen Versuch in dieser Richtung hat O. Rank
    gemacht im Anschluss an sein Buch „Das Trauma der Geburt“ (1924). Er
    nahm an, dass der Geburtsakt die eigentliche Quelle der Neurose sei,

  • S.

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    indem er die Möglichkeit mit sich bringt, dass die „Urfixierung“
    an die Mutter nicht überwunden wird und als „Urverdrängung“ fort-
    besteht. Durch die nachträgliche analytische Erledigung dieses
    Urtraumas hoffte Rank die ganze Neurose zu beseitigen, sodass das
    eine Stückchen Analyse alle übrige analytische Arbeit ersparte. Einige
    wenige Monate sollten für diese Leistung genügen. Man wird nicht
    bestreiten, dass der Ranksche Gedankengang kühn und geistreich war;
    aber er hielt einer kritischen Prüfung nicht stand. Der Versuch
    Ranks war übrigens aus der Zeit geboren, unter dem Eindruck des
    Gegensatzes von europäischem Nachkriegselend und amerikanischer
    „prosperity“ konzipiert und dazu bestimmt, das Tempo der analyti-
    schen Therapie der Hast des amerikanischen Lebens anzugleichen. Man
    hat nicht viel davon gehört, was die Ausführung des Rankschen
    Planes für Krankheitsfälle geleistet hat. Wahrscheinlich nicht mehr,
    als die Feuerwehr leisten würde, wenn sie im Falle eines Hausbrandes
    durch eine umgestürzte Petroleumlampe sich damit begnügte, die Lampe
    aus dem Zimmer zu entfernen, in dem der Brand entstanden war. Eine er-
    hebliche Abkürzung der Löschaktion wäre allerdings auf diese Weise
    zu erreichen. Theorie und Praxis des Rankschen Versuchs gehören

  • S.

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    indem er die Möglichkeit mit sich bringt, dass die „Urfixierung“
    an die Mutter nicht überwunden wird und als „Urverdrängung“ fort-
    besteht. Durch die nachträgliche analytische Erledigung dieses
    Urtraumas hoffte Rank die ganze Neurose zu beseitigen, sodass das
    eine Stückchen Analyse alle übrige analytische Arbeit ersparte. Einige
    wenige Monate sollten für diese Leistung genügen. Man wird nicht
    bestreiten, dass der Ranksche Gedankengang kühn und geistreich war;
    aber er hielt einer kritischen Prüfung nicht stand. Der Versuch
    Ranks war übrigens aus der Zeit geboren, unter dem Eindruck des
    Gegensatzes von europäischem Nachkriegselend und amerikanischer
    „prosperity“ konzipiert und dazu bestimmt, das Tempo der analyti-
    schen Therapie der Hast des amerikanischen Lebens anzugleichen. Man
    hat nicht viel davon gehört, was die Ausführung des Rankschen
    Planes für Krankheitsfälle geleistet hat. Wahrscheinlich nicht mehr,
    als die Feuerwehr leisten würde, wenn sie im Falle eines Hausbrandes
    durch eine umgestürzte Petroleumlampe sich damit begnügte, die Lampe
    aus dem Zimmer zu entfernen, in dem der Brand entstanden war. Eine er-
    hebliche Abkürzung der Löschaktion wäre allerdings auf diese Weise
    zu erreichen. Theorie und Praxis des Rankschen Versuchs gehören

  • S.

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    heute der Vergangenheit an – nicht anders als die amerikanische
    „prosperity“ selbst. Einen anderen Weg, um den Ablauf einer ana-
    lytischen Kur zu beschleunigen, hatte ich selbst noch vor der Kriegs-
    zeit eingeschlagen. Ich übernahm damals die Behandlung eines jungen
    Russen, der, durch Reichtum verwöhnt, in völliger Hilflosigkeit, von
    Leibarzt und Pfleger begleitet, nach Wien gekommen war.1) Im Laufe
    einiger Jahre gelang es, ihm ein grosses Stück seiner Selbständigkeit
    wiederzugeben, sein Interesse am Leben zu wecken, seine Beziehungen
    zu den für ihn wichtigsten Personen in Ordnung zu bringen, aber
    dann stockte der Fortschritt; die Aufklärung der Kindheitsneurose,
    auf der ja die spätere Erkrankung begründet war, ging nicht weiter
    und es war deutlich zu erkennen, dass der Patient seinen derzeitigen
    Zustand als recht behaglich empfand und keinen Schritt tun wollte,

    1)Siehe die mit Einwilligung des Patienten veröffentlichte Schrift
    „Aus der Geschichte einer infantilen Neurose“, 1918. Die spätere
    Erkrankung des jungen Mannes wird dort nicht ausführlich dargestellt,
    sondern nur gestreift, wo es der Zusammenhang mit der Kindheitsneu-
    rose unbedingt erfordert.

  • S.

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    der ihn dem Ende der Behandlung näher brächte. Es war ein Fall von
    Selbsthemmung der Kur; sie war in Gefahr, grade an ihrem – teil-
    weisen – Erfolg zu scheitern. In dieser Lage griff ich zu dem
    heroischen Mittel der Terminsetzung. Ich eröffnete dem Patienten
    zu Beginn einer Arbeitssaison, dass dieses nächste Jahr das letzte
    der Behandlung sein werde, gleichgiltig, was er in der ihm noch
    zugestandenen Zeit leiste. Er schenkte mir zunächst keinen Glauben,
    aber nachdem er sich von dem unverbrüchlichen Ernst meiner Absicht
    überzeugt hatte, trat die gewünschte Wandlung bei ihm ein.
    Seine Widerstände schrumpften ein und in diesen letzten Monaten
    konnte er alle Erinnerungen reproduzieren und alle Zusammenhänge
    auffinden, die zum Verständnis seiner frühen und zur Bewältigung
    seiner gegenwärtigen Neurose notwendig schienen. Als er mich im
    Hochsommer 1914 verliess, ahnungslos wie wir alle der so nah be-
    vorstehenden Ereignisse, hielt ich ihn für gründlich und dauernd
    geheilt.

    In einem Zusatz zur Krankengeschichte (1923) habe
    ich schon berichtet, dass dies nicht zutraf. Als er gegen Kriegs-
    ende als mittelloser Flüchtling nach Wien zurückkam, musste ich
    ihm dabei helfen, ein nicht erledigtes Stück der Uebertragung zu

  • S.

    - 5 -

    bewältigen; das gelang in einigen Monaten und ich konnte den
    Nachtrag mit der Mitteilung schliessen, dass „der Patient, dem
    der Krieg Heimat, Vermögen und alle Familienbeziehungen geraubt
    hatte, sich seitdem normal gefühlt und tadellos benommen hat“.
    Die anderthalb Jahrzehnte seither haben dies Urteil nicht Lügen
    gestraft, aber doch Einschränkungen daran notwendig gemacht. Der
    Patient ist in Wien geblieben und hat sich in einer, wenn auch
    bescheidenen, sozialen Position bewährt. Aber mehrmals in diesem
    Zeitraum wurde sein Wohlbefinden durch Krankheitszufälle unterbro-
    chen, die nur als Ausläufer seiner Lebensneurose aufgefasst werden
    konnten. Die Geschicklichkeit einer meiner Schülerinnen, Frau
    Dr. Ruth Mack Brunswick, hat diese Zustände jedesmal nach kurzer
    Behandlung zu Ende gebracht; ich hoffe, sie wird bald selbst über
    diese Erfahrungen berichten. In einigen dieser Anfälle handelte
    es sich immer noch um Restbestände der Uebertragung; sie zeigten
    dann bei all ihrer Flüchtigkeit deutlich paranoischen Charakter.
    In anderen aber bestand das pathogene Material aus Fragmenten
    seiner Kindergeschichte, die in der Analyse bei mir nicht zum
    Vorschein gekommen waren und sich nun – man kann dem Vergleich
    nicht ausweichen – wie Fäden nach einer Operation oder nekrotische

  • S.

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    Knochenstückchen nachträglich abstiessen. Ich fand die Heilungs-
    geschichte dieses Patienten nicht viel weniger interessant als
    seine Krankengeschichte.

    Ich habe die Terminsetzung später auch in anderen
    Fällen angewendet und auch die Erfahrungen anderer Analytiker zur
    Kenntnis genommen. Das Urteil über den Wert dieser erpresserischen
    Massregel kann nicht zweifelhaft sein. Sie ist wirksam, vorausge-
    setzt, dass man die richtige Zeit für sie trifft. Aber sie kann
    keine Garantie für die vollständige Erledigung der Aufgabe geben.
    Man kann im Gegenteil sicher sein, dass während ein Teil des
    Materials unter dem Zwang der Drohung zugänglich wird, ein anderer
    Teil zurückgehalten bleibt und damit gleichsam verschüttet wird,
    der therapeutischen Bemühung verloren geht. Man darf ja den Termin
    nicht erstrecken, nachdem er einmal festgesetzt worden ist; sonst
    hat er für die weitere Folge jeden Glauben eingebüsst. Die Fort-
    setzung der Kur bei einem anderen Analytiker wäre der nächste Aus-
    weg; man weiss freilich, dass ein solcher Wechsel neuen Verlust
    an Zeit und Verzicht auf den Ertrag aufgewendeter Arbeit bedeutet.
    Auch lässt sich nicht allgemein giltig angeben, wann die richtige

  • S.

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    Zeit für die Einsetzung dieses gewaltsamen technischen Mittels
    gekommen ist, es bleibt dem Takt überlassen. Ein Missgriff ist
    nicht mehr gutzumachen. Das Sprichwort, dass der Löwe nur ein-
    mal springt, muss recht behalten.

    II.

    Die Erörterungen über das technische Problem,
    wie man den langsamen Ablauf einer Analyse beschleunigen kann, leiten
    uns nun zu einer anderen Frage von tieferem Interesse, nämlich, ob
    es ein natürliches Ende einer Analyse gibt, ob es überhaupt möglich
    ist, eine Analyse zu einem solchen Ende zu führen. Der Sprachge-
    brauch unter Analytikern scheint eine solche Voraussetzung zu be-
    günstigen, denn man hört oft bedauernd oder entschuldigend über
    ein in seiner Unvollkommenheit erkanntes Menschenkind äussern:
    Seine Analyse ist nicht fertig geworden, oder: Er ist nicht zu Ende
    analysiert worden.

    Man muss sich zunächst darüber verständigen, was
    mit der mehrdeutigen Redensart „Ende einer Analyse“ gemeint ist.
    Praktisch ist das leicht zu sagen. Die Analyse ist beendigt, wenn
    Analytiker und Patient sich nicht mehr zur analytischen Arbeits-
    stunde treffen. Sie werden so tun, wenn zwei Bedingungen ungefähr

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    erfüllt sind, die erste, dass der Patient nicht mehr an seinen
    Symptomen leidet und seine Aengste wie seine Hemmungen überwunden
    hat, die zweite, dass der Analytiker urteilt, es sei beim Kranken
    soviel Verdrängtes bewusst gemacht, soviel Unverständliches auf-
    geklärt, soviel innerer Widerstand besiegt worden, dass man die
    Wiederholung der betreffenden pathologischen Vorgänge nicht zu
    befürchten braucht. Ist man durch äussere Schwierigkeiten verhindert
    worden, dies Ziel zu erreichen, so spricht man besser von einer
    unvollständigen als von einer unvollendeten Analyse.

    Die andere Bedeutung des Endes einer Analyse ist
    weit ehrgeiziger. In ihrem Namen wird gefragt, ob man die Beein-
    flussung des Patienten soweit getrieben hat, dass eine Fortsetzung
    der Analyse keine weitere Veränderung versprechen kann. Also
    als ob man durch Analyse ein Niveau von absoluter psychischer
    Normalität erreichen könnte, dem man auch die Fähigkeit zutrauen
    dürfte, sich stabil zu erhalten, etwa wenn es gelungen wäre, alle
    vorgefallenen Verdrängungen aufzulösen und alle Lücken der Er-
    innerung auszufüllen. Man wird zuerst die Erfahrung befragen, ob
    dergleichen vorkommt, und dann die Theorie, ob es überhaupt möglich
    ist.

  • S.

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    Jeder Analytiker wird einige Fälle mit so erfreu-
    lichem Ausgang behandelt haben. Es ist gelungen, die vorhandene
    neurotische Störung zu beseitigen, sie ist nicht wiedergekehrt und
    hat sich durch keine andere ersetzt. Man ist auch nicht ohne Ein-
    sicht in die Bedingungen dieser Erfolge. Das Ich der Patienten
    war nicht merklich verändert und die Ätiologie der Störung eine
    wesentlich traumatische. Die Ätiologie aller neurotischen Störun-
    gen ist ja eine gemischte; es handelt sich entweder um überstarke,
    also gegen die Bändigung durch das Ich widerspenstige Triebe, oder
    um die Wirkung von frühzeitigen, d.h. vorzeitigen Traumen, deren
    ein unreifes Ich nicht Herr werden konnte. In der Regel um ein
    Zusammenwirken beider Momente, des konstitutionellen und des
    akzidentellen. Je stärker das erstere, desto eher wird ein Trauma
    zur Fixierung führen und eine Entwicklungsstörung zurücklassen;
    je stärker das Trauma, desto sicherer wird es seine Schädigung
    auch unter normalen Triebverhältnissen äussern. Es ist kein Zwei-
    fel, dass die traumatische Ätiologie der Analyse die weitaus
    günstigere Gelegenheit bietet. Nur im vorwiegend traumatischen
    Fall wird die Analyse leisten, was sie meisterlich kann, die un-
    zulängliche Entscheidung aus der Frühzeit dank der Erstarkung

  • S.

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    des Ichs durch eine korrekte Erledigung ersetzen. Nur in einem
    solchen Falle kann man von einer endgiltig beendeten Analyse
    sprechen. Hier hat die Analyse ihre Schuldigkeit getan und braucht
    nicht fortgesetzt zu werden. Wenn der so hergestellte Patient
    niemals wieder eine Störung produziert, die ihn der Analyse bedürftig
    macht, so weiss man freilich nicht, wieviel von dieser Immunität
    der Gunst des Schicksals zu danken ist, die ihm zu starke Belastungs-
    proben erspart haben mag.

    Die konstitutionelle Triebstärke und die im Ab-
    wehrkampf erworbene ungünstige Veränderung des Ichs, im Sinne einer
    Verrenkung und Einschränkung, sind die Faktoren, die der Wirkung
    der Analyse ungünstig sind und ihre Dauer ins Unabschliessbare
    verlängern können. Man ist versucht, das erstere, die Triebstärke,
    auch für die Ausbildung des anderen, der Ichveränderung, verantwort-
    lich zu machen, aber es scheint, dass diese auch ihre eigene
    Ätiologie hat, und eigentlich muss man zugestehen, dass diese
    Verhältnisse noch nicht genügend bekannt sind. Sie werden eben
    erst jetzt Gegenstand des analytischen Studiums. Das Interesse der
    Analytiker scheint mir in dieser Gegend überhaupt nicht richtig

  • S.

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    eingestellt zu sein. Anstatt zu untersuchen, wie die Heilung durch
    die Analyse zustande kommt, was ich für hinreichend aufgeklärt
    halte, sollte die Fragestellung lauten, welche Hindernisse der
    analytischen Heilung im Wege stehen.

    Hier anschliessend möchte ich zwei Probleme be-
    handeln, die sich direkt aus der analytischen Praxis ergeben, wie
    die nachstehenden Beispiele zeigen sollen. Ein Mann, der die Analyse
    selbst mit grossem Erfolge ausgeübt hat, urteilt, dass sein Ver-
    hältnis zum Mann wie zur Frau, – zu den Männern, die seine Kon-
    kurrenten sind, und zur Frau, die er liebt – doch nicht frei von
    neurotischen Behinderungen ist, und macht sich darum zum analytischen
    Objekt eines Anderen, den er für ihm überlegen hält. Diese kriti-
    sche Durchleuchtung der eigenen Person bringt ihm vollen Erfolg.
    Er heiratet die geliebte Frau und wandelt sich zum Freund und Lehrer
    der vermeintlichen Rivalen. Es vergehen so viele Jahre, in denen
    auch die Beziehung zum einstigen Analytiker ungetrübt bleibt. Dann
    aber tritt ohne nachweisbaren äusseren Anlass eine Störung ein.
    Der Analysierte tritt in Opposition zum Analytiker, er wirft ihm
    vor, dass er es versäumt hat, ihm eine vollständige Analyse zu
    geben. Er hätte doch wissen und in Betracht ziehen müssen, dass

  • S.

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    eine Uebertragungsbeziehung niemals bloss positiv sein kann; er
    hätte sich um die Möglichkeiten einer negativen Uebertragung be-
    kümmern müssen. Der Analytiker verantwortet sich dahin, dass
    zur Zeit der Analyse von einer negativen Uebertragung nichts zu
    merken war. Aber selbst angenommen, dass er leiseste Anzeichen
    einer solchen übersehen hätte, was bei der Enge des Horizonts in
    jener Frühzeit der Analyse nicht ausgeschlossen wäre, so bliebe
    es zweifelhaft, ob er die Macht gehabt hätte, ein Thema, oder, wie
    man sagt: einen „Komplex“, durch seinen blossen Hinweis zu akti-
    vieren, solange er beim Patienten selbst nicht aktuell war. Dazu
    hätte es doch gewiss einer im realen Sinne unfreundlichen Handlung
    gegen den Patienten bedurft. Und ausserdem sei nicht jede gute Be-
    ziehung zwischen Analytiker und Analysiertem, während und nach
    der Analyse, als Uebertragung einzuschätzen. Es gebe auch freund-
    schaftliche Beziehungen, die real begründet sind und sich als le-
    bensfähig erweisen.

    Ich füge gleich das zweite Beispiel an, aus dem
    sich das nämliche Problem erhebt. Ein älteres Mädchen ist seit
    ihrer Pubertät durch Gehunfähigkeit infolge heftiger Beinschmerzen
    aus dem Leben ausgeschaltet worden, der Zustand ist offenbar

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    hysterischer Natur, er hat vielen Behandlungen getrotzt; eine ana-
    lytische Kur von dreiviertel Jahren beseitigt ihn und gibt einer
    tüchtigen und wertvollen Person ihre Rechte auf einen Anteil am
    Leben wieder. Die Jahre nach der Genesung bringen nichts Gutes:
    Katastrophen in der Familie, Vermögensverlust, mit dem Altern das
    Schwinden jeder Aussicht auf Liebesglück und Ehe. Aber die ehemals
    Kranke hält allem wacker stand und wirkt in schweren Zeiten als
    eine Stütze für die Ihrigen. Ich weiss nicht mehr, ob es 12 oder
    14 Jahre nach Beendigung der Kur war, dass profuse Blutungen eine
    gynäkologische Untersuchung notwendig machten. Es fand sich ein
    Myom, das die Totalexstirpation des Uterus berechtigte. Von dieser
    Operation an war das Mädchen wieder krank. Sie verliebte sich in
    den Operateur, schwelgte in masochistischen Phantasien von den
    schrecklichen Veränderungen in ihrem Inneren, mit denen sie ihren
    Liebesroman verhüllte, erwies sich als unzugänglich für einen neuer-
    lichen analytischen Versuch und wurde auch bis zu ihrem Lebensende
    nicht mehr normal. Die erfolgreiche Behandlung liegt so weit zu-
    rück, dass man keine grossen Ansprüche an sie stellen darf; sie
    fällt in die ersten Jahre meiner analytischen Tätigkeit. Es ist
    immerhin möglich, dass die zweite Erkrankung aus derselben Wurzel

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    stammte wie die glücklich überwundene erste, dass sie ein veränder-
    ter Ausdruck derselben verdrängten Regungen war, die in der Analyse
    nur eine unvollkommene Erledigung gefunden hatten. Aber ich möchte
    doch glauben, dass es ohne das neue Trauma nicht zum neuerlichen
    Ausbruch der Neurose gekommen wäre.

    Diese beiden Fälle, absichtlich ausgewählt aus
    einer grossen Anzahl ähnlicher, werden hinreichen, um die Diskussion
    über unsere Themen anzufachen. Skeptiker, Optimisten, Ehrgeizige
    werden sie in ganz verschiedener Weise verwerten. Die ersteren
    werden sagen, es sei nun erwiesen, dass auch eine geglückte analyti-
    sche Behandlung den derzeit Geheilten nicht davor schütze, später
    an einer anderen Neurose, ja selbst an einer Neurose aus der näm-
    lichen Triebwurzel, also eigentlich an einer Wiederkehr des alten
    Leidens, zu erkranken. Die anderen werden diesen Beweis nicht für
    erbracht halten. Sie werden einwenden, die beiden Erfahrungen
    stammten aus den Frühzeiten der Analyse, vor 20 und vor 30 Jahren.
    Seither haben sich unsere Einsichten vertieft und erweitert, unsere
    Technik habe sich in Anpassung an die neuen Errungenschaften ver-
    ändert. Man dürfe heute fordern und erwarten, dass eine analytische

  • S.

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    Heilung sich als dauernd bewähre, oder zum mindesten, dass eine neuer-
    liche Erkrankung sich nicht als Wiederbelebung der früheren Trieb-
    störung in neuen Ausdrucksformen erwiese. Die Erfahrung nötige uns
    nicht, die Ansprüche an unsere Therapie in so empfindlicher Weise
    einzuschränken.

    Ich habe natürlich die beiden Beobachtungen darum
    ausgewählt, weil sie so weit zurückliegen. Je rezenter ein Erfolg
    der Behandlung ist, desto mehr wird er begreiflicher Weise unbrauch-
    bar für unsere Erwägungen, da wir kein Mittel haben, das spätere
    Schicksal einer Heilung vorherzusehen. Die Erwartungen der Optimisten
    setzen offenbar mancherlei voraus, was nicht grade selbstverständlich
    ist, erstens, dass es überhaupt möglich ist, einen Triebkonflikt
    (d.h. besser: einen Konflikt des Ichs mit einem Trieb) endgiltig
    für alle Zeiten zu erledigen, zweitens, dass es gelingen kann, einen
    Menschen, während man ihn an dem einen Triebkonflikt behandelt, gegen
    alle anderen solcher Konfliktmöglichkeiten sozusagen zu impfen,
    drittens, ob man die Macht hat, einen solchen pathogenen Konflikt,
    der sich derzeit durch kein Anzeichen verrät, zum Zwecke der vor-
    beugenden Behandlung zu wecken, und ob man weise daran tut. Ich werfe

  • S.

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    diese Fragen auf, ohne sie gegenwärtig beantworten zu wollen.
    Vielleicht ist uns eine sichere Beantwortung derzeit überhaupt nicht
    möglich.

    Theoretische Ueberlegungen werden uns wahrschein-
    lich gestatten, einiges zu ihrer Würdigung beizutragen. Aber etwas
    anderes ist uns jetzt schon klar geworden: Der Weg zur Erfüllung der
    gesteigerten Ansprüche an die analytische Kur führt nicht zur oder
    über die Abkürzung ihrer Dauer.

    III.

    Analytische Erfahrung, die sich über mehrere
    Dezennien erstreckt, und ein Wechsel in der Art und Weise meiner
    Betätigung ermutigen mich, die Beantwortung der gestellten Fragen
    zu versuchen. In früheren Zeiten hatte ich es mit einer grösseren
    Anzahl von Patienten zu tun, die, wie begreiflich, auf rasche Erle-
    digung drängten; in den letzten Jahren haben die Lehranalysen
    überwogen und eine im Verhältnis geringe Zahl von schwerer Leidenden
    blieb bei mir zu fortgesetzter, wenn auch durch kurze oder längere
    Pausen unterbrochener Behandlung. Bei diesen letzteren war die

  • S.

    17

    therapeutische Zielsetzung eine andere geworden. Eine Abkürzung der
    Kur kam nicht mehr in Betracht, die Absicht war, eine gründliche
    Erschöpfung der Krankheitsmöglichkeiten und tiefgehende Veränderung
    der Person herbeizuführen.

    Von den drei Momenten, die wir als massgebend
    für die Chancen der analytischen Therapie anerkannt haben: Einfluss
    von Traumen – konstitutionelle Triebstärke – Ichveränderung, kommt
    es uns hier nur auf das mittlere an, die Triebstärke. Die nächste
    Ueberlegung lässt uns in Zweifel ziehen, ob die Einschränkung durch
    das Beiwort konstitutionell (oder kongenital) unerlässlich ist.
    So entscheidend von allem Anfang das konstitutionelle Moment sein
    mag, so bleibt es doch denkbar, dass eine später im Leben auftretende
    Triebverstärkung die gleichen Wirkungen äussern mag. Die Formel wäre
    dann abzuändern: derzeitige Triebstärke anstatt der konstitutionellen.
    Die erste unserer Fragen hat gelautet: ist es möglich, einen Konflikt
    des Triebs mit dem Ich oder einen pathogenen Triebanspruch an das
    Ich durch analytische Therapie dauernd und endgiltig zu erledigen?
    Es ist wahrscheinlich zur Vermeidung von Missverständnis nicht un-
    nötig, näher auszuführen, was mit der Wortfügung: dauernde Erledigung

  • S.

    18

    eines Triebanspruchs gemeint ist. Gewiss nicht, dass man ihn zum
    Verschwinden bringt, so dass er nie wieder etwas von sich hören
    lässt. Das ist im allgemeinen unmöglich, wäre auch gar nicht wün-
    schenswert. Nein, sondern etwas anderes, was man ungefähr als die
    „Bändigung“ des Triebes bezeichnen kann: das will heissen, dass
    der Trieb ganz in die Harmonie des Ichs aufgenommen, allen Beein-
    flussungen durch die anderen Strebungen im Ich zugänglich ist, nicht
    mehr seine eigenen Wege zur Befriedigung geht. Fragt man, auf welchen
    Wegen und mit welchen Mitteln das geschieht, so hat man’s nicht
    leicht mit der Beantwortung. Man muss sich sagen: „So muss denn
    doch die Hexe dran“. Die Hexe Metapsychologie nämlich. Ohne meta-
    psychologisches Spekulieren und Theoretisieren – beinahe hätte ich
    gesagt: Phantasieren – kommt man hier keinen Schritt weiter. Leider
    sind die Auskünfte der Hexe auch diesmal weder sehr klar noch sehr
    ausführlich. Wir haben nur einen Anhaltspunkt – der allerdings un-
    schätzbar – an dem Gegensatz zwischen Primär- und Sekundärvorgang,
    und auf den will ich auch hier verweisen.

    Wenn wir jetzt zu unserer ersten Frage zurück-
    kehren, so finden wir, dass unser neuer Gesichtspunkt uns eine be-
    stimmte Entscheidung aufdrängt. Die Frage hat gelautet, ob es