• S.

    - 37 -

    Aber ein solches Normal-Ich ist, wie die Normalität überhaupt, eine
    Idealfiktion. Das abnorme, für unsere Absichten unbrauchbare Ich
    ist leider keine. Jeder Normale ist eben nur durchschnittlich
    normal, sein Ich nähert sich dem des Psychotikers in dem oder
    jenem Stück, in grösserem oder geringerem Ausmass, und der Betrag
    der Entfernung von dem einen und der Annäherung an das andere Ende
    der Reihe wird uns vorläufig ein Maß für die so unbestimmt gekenn-
    zeichnete „Ichveränderung“ sein.

    Fragen wir, woher die so mannigfaltigen Arten und Grade
    der Ichveränderung rühren mögen, so ist die nächste unvermeidliche
    Alternative, sie sind entweder ursprünglich oder erworben. Der
    zweite Fall wird leichter zu behandeln sein. Wenn erworben, dann
    gewiss im Laufe der Entwicklung von den ersten Lebenszeiten an.
    Von allem Anfang an muss ja das Ich seine Aufgabe zu erfüllen
    suchen, zwischen seinem Es und der Aussenwelt im Dienste des
    Lustprinzips vermitteln, das Es gegen die Gefahren der Aussenwelt
    behüten. Wenn es im Laufe dieser Bemühung lernt, sich auch gegen
    das eigene Es defensiv einzustellen und dessen Triebansprüche wie
    äussere Gefahren zu behandeln, so geschieht dies doch nurwenigstens zum Teil darum,

  • S.

    - 38 -

    weil es versteht, dass die Triebbefriedigung zu Konflikten mit der
    Aussenwelt führen würde. Das Ich gewöhnt sich dann unter dem
    Einfluss der Erziehung, den Schauplatz des Kampfes von aussen nach
    innen zu verlegen, die innere Gefahr zu bewältigen, ehe sie zur
    äusseren geworden ist, und tut wahrscheinlich zumeist gut daran.
    Während dieses Kampfes auf zwei Fronten – später wird eine dritte
    Front hinzukommen – bedient sich das Ich verschiedener Verfahren,
    um seiner Aufgabe zu genügen, allgemein ausgedrückt, um Gefahr,
    Angst, Unlust zu vermeiden. Wir nennen diese Verfahren „Abwehr-
    mechanismen“. Sie sind uns noch nicht erschöpfend genug bekannt.
    Das Buch von Anna Freud hat uns einen ersten Einblick in ihre
    Mannigfaltigkeit und vielseitige Bedeutung gestattet.

    Von einem dieser Mechanismen, von der Verdrängung, hat
    das Studium der neurotischen Vorgänge überhaupt seinen Ausgang
    genommen. Es war nie ein Zweifel daran, dass die Verdrängung nicht
    das einzige Verfahren ist, das dem Ich für seine Absichten zu
    Gebote steht. Immerhin ist sie etwas ganz Besonderes, das von den
    anderen Mechanismen schärfer geschieden ist als diese untereinander.

  • S.

    - 39 -

    Ich möchte ihr Verhältnis zu diesen anderen durch einen Vergleich
    deutlich machen, weiß aber, dass in diesen Gebieten Verglei-
    chungen nie weit tragen. Man denke also an die möglichen
    Schicksale eines Buches zur Zeit, als Bücher noch nicht in
    Auflagen gedruckt, sondern einzeln geschrieben wurden. Ein
    solches Buch enthalte Angaben, die in späteren Zeiten als
    unerwünscht betrachtet werden. Etwa wie nach Robert Eisler4)

    4)Robert Eisler: Jesus Basileus, Religionswissenschaft-
    liche Bibliothek, begründet von W. Streitberg, Band 9, Heidel-
    berg bei Carl Winter, 1929.

    die Schriften des Flavius Josephus Stellen über Jesus Christus
    enthalten haben müssen, an denen die spätere Christenheit
    Anstoss nahm. Die amtliche Zensur würde in der Jetztzeit keinen
    anderen Abwehrmechanismus anwenden als die Konfiskation und
    Vernichtung jedes Exemplars der ganzen Auflage. Damals wandte
    man verschiedene Methoden zur Unschädlichmachung an. Entweder
    die anstößigen Stellen wurden dick durchgestrichen, so dass sie

  • S.

    - 40 -

    unleserlich waren; sie konnten dann auch nicht abgeschrieben
    werden und der nächste Kopist des Buches lieferte einen tadel-
    losen Text, aber an einigen Stellen lückenhaft und vielleicht
    dort unverständlich. Oder man begnügte sich nicht damit, wollte
    auch den Hinweis auf die Verstümmelung des Textes vermeiden;
    man ging also dazu über, den Text zu entstellen. Man liess
    einzelne Worte aus oder ersetzte sie durch andere, man schaltete
    neue Sätze ein; am besten strich man die ganze Stelle heraus
    und fügte an ihrer Statt eine andere ein, die das genaue
    Gegenteil besagte. Der nächste Abschreiber des Buches konnte
    dann einen unverdächtigen Text herstellen, der aber verfälscht
    war; er enthielt nicht mehr, was der Autor hatte mitteilen
    wollen, und sehr wahrscheinlich war er nicht zur Wahrheit
    korrigiert worden.

    Wenn man den Vergleich nicht allzu strenge durch-
    führt, kann man sagen, die Verdrängung verhält sich zu den
    anderen Abwehrmethoden wie die Auslassung zur Textentstellung,
    und in den verschiedenen Formen dieser Verfälschung kann man

  • S.

    - 41 -

    die Analogien zur Mannigfaltigkeit der Ichveränderung finden.
    Man kann den Einwand versuchen, dieser Vergleich gleite in
    einem wesentlichen Punkte ab, denn die Textentstellung ist
    das Werk einer tendenziösen Zensur, zu der die Ichentwicklung
    kein Gegenstück zeigt. Aber dem ist nicht so, denn diese Tendenz
    wird durch den Zwang des Lustprinzips weitgehend vertreten.
    Der psychische Apparat verträgt die Unlust nicht, er muss sich
    ihrer um jeden Preis erwehren, und wenn die Wahrnehmung der
    Realität Unlust bringt, muss sie – die Wahrheit also – geopfert
    werden. Gegen die äussere Gefahr kann man sich eine ganze
    Weile durch Flucht und Vermeidung der Gefahrsituation helfen,
    bis man später einmal stark genug wird, um die Drohung durch
    aktive Veränderung der Realität aufzuheben. Aber vor sich
    selbst kann man nicht fliehen, gegen die innere Gefahr hilft
    keine Flucht, und darum sind die Abwehrmechanismen des Ichs
    dazu verurteilt, die innere Wahrnehmung zu verfälschen und
    uns nur eine mangelhafte und entstellte Kenntnis unseres Es
    zu ermöglichen. Das Ich ist dann in seinen Beziehungen zum
    Es durch seine Einschränkungen gelähmt oder durch seine

  • S.

    - 42 -

    Irrtümer verblendet, und der Erfolg im psychischen Geschehen
    wird derselbe sein müssen, wie wenn man auf der Wanderung die
    Gegend nicht kennt und nicht rüstig ist im Gehen.

    Die Abwehrmechanismen dienen der Absicht, Gefahren
    abzuhalten. Es ist unbestreitbar, dass ihnen solches gelingt;
    es ist zweifelhaft, ob das Ich während seiner Entwicklung völlig
    auf sie verzichten kann, aber es ist auch sicher, dass sie selbst
    zu Gefahren werden können. Manchmal stellt es sich heraus, dass
    das Ich für die Dienste, die sie ihm leisten, einen zu hohen
    Preis gezahlt hat. Der dynamische Aufwand, der erfordert wird,
    um sie zu unterhalten, sowie die Icheinschränkungen, die sie
    fast regelmäßig mit sich bringen, erweisen sich als schwere
    Belastungen der psychischen Ökonomie. Auch werden diese Mecha-
    nismen nicht aufgelassen, nachdem sie dem Ich in den schweren
    Jahren seiner Entwicklung ausgeholfen haben. Jede Person ver-
    wendet natürlich nicht alle möglichen Abwehrmechanismen, sondern
    nur eine gewisse Auswahl von ihnen, aber diese fixieren sich
    im Ich, sie werden regelmäßige Reaktionsweisen des Charakters,

  • S.

    - 43 -

    die durchs ganze Leben wiederholt werden, so oft eine der
    ursprünglichen Situation ähnliche wiederkehrt. Damit werden sie
    zu Infantilismen, teilen das Schicksal so vieler Institutionen,
    die sich über die Zeit ihrer Brauchbarkeit hinaus zu erhalten
    streben. „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“, wie es der Dichter
    beklagt. Das erstarkte Ich des Erwachsenen fährt fort, sich gegen
    Gefahren zu verteidigen, die in der Realität nicht mehr bestehen,
    ja es findet sich gedrängt, jene Situationen der Realität
    herauszusuchen, die die ursprüngliche Gefahr ungefähr ersetzen
    können, um sein Festhalten an den gewohnten Reaktionsweisen an ihnen
    rechtfertigen zu können. Somit wird es leicht verständlich, wie
    die Abwehrmechanismen durch immer weiter greifende Entfremdung
    von der Aussenwelt und dauernde Schwächung des Ichs den Ausbruch
    der Neurose vorbereiten und begünstigen.

    Unser Interesse ist aber gegenwärtig nicht auf die
    pathogene Rolle der Abwehrmechanismen gerichtet; wir wollen
    untersuchen, wie die ihnen entsprechende Ichveränderung unsere
    therapeutische Bemühung beeinflußt. Das Material zur Beantwor-
    tung dieser Frage ist in dem erwähnten Buch von Anna Freud gegeben.

  • S.

    - 44 -

    Das Wesentliche daran ist, dass der Analysierte diese Reaktions-
    weisen auch während der analytischen Arbeit wiederholt, uns
    gleichsam vor Augen führt; eigentlich kennen wir sie nur daher.
    Damit ist nicht gesagt, dass sie die Analyse unmöglich machen.
    Sie legen vielmehr die eine Hälfte unserer analytischen Aufgabe
    fest. Die andere, die in der Frühzeit der Analyse zuerst in
    Angriff genommen wurde, ist die Aufdeckung des im Es Verborgenen.
    Unsere therapeutische Bemühung pendelt während der Behandlung
    beständig von einem Stückchen Esanalyse zu einem Stückchen
    Ichanalyse. Im einen Fall wollen wir etwas vom Es bewusst machen,
    im anderen etwas am Ich korrigieren. Die entscheidende Tatsache
    ist nämlich, dass die Abwehrmechanismen gegen einstige Gefahren
    in der Kur als Widerstände gegen die Heilung wiederkehren.
    Es läuft darauf hinaus, dass die Heilung selbst vom Ich wie eine
    neue Gefahr behandelt wird.

    Der therapeutische Effekt ist an die Bewusstmachung
    des im Es im weitesten Sinn Verdrängten gebunden, wir bereiten
    dieser Bewusstmachung den Weg durch Deutungen und Konstruktionen,

  • S.

    - 45 -

    aber wir haben nur für uns, nicht für den Analysierten gedeutet,
    solange das Ich an den früheren Abwehren festhält, die Wider-
    stände nicht aufgibt. Nun sind diese Widerstände, obwohl dem
    Ich angehörig, doch unbewußt und in gewissem Sinne innerhalb
    des Ichs abgesondert. Der Analytiker erkennt sie leichter als
    das Verborgene im Es; es sollte hinreichen, sie wie Anteile
    des Es zu behandeln und durch Bewußtmachung mit dem übrigen
    Ich in Beziehung zu bringen. Auf diesem Weg wäre die eine Hälfte
    der analytischen Aufgabe zu erledigen; auf einen Widerstand
    gegen die Aufdeckung von Widerständen möchte man nicht rechnen.
    Es ereignet sich aber folgendes. Während der Arbeit an den
    Widerständen tritt das Ich – mehr oder weniger ernsthaft – aus
    dem Vertrag aus, auf dem die analytische Situation ruht. Das
    Ich unterstützt unsere Bemühung um die Aufdeckung des Es nicht
    mehr, es widersetzt sich ihr, hält die analytische Grundregel
    nicht ein, läßt keine weiteren Abkömmlinge des Verdrängten
    auftauchen. Eine starke Ueberzeugung von der heilenden Macht
    der Analyse kann man vom Patienten nicht erwarten, er mag ein

  • S.

    - 46 -

    Stück Vertrauen zum Analytiker mitgebracht haben, das durch die
    zu erweckenden Momente der positiven Uebertragung zur Leistungs-
    fähigkeit verstärkt wird. Unter dem Einfluß der Unlustregungen,
    die durch das neuerliche Abspielen der Abwehrkonflikte verspürt
    werden, können jetzt negative Uebertragungen die Oberhand
    gewinnen und die analytische Situation völlig aufheben. Der Analytiker
    ist jetzt für den Patienten nur ein fremder Mensch, der unangenehme
    Zumutungen an ihn stellt, und er benimmt sich gegen ihn ganz
    wie das Kind, das den Fremden nicht mag und ihm nichts glaubt.
    Versucht der Analytiker, dem Patienten eine der in der Abwehr
    vorgenommenen Entstellungen aufzuzeigen und sie zu korrigieren,
    so findet er ihn verständnislos und unzugänglich für gute
    Argumente. So gibt es wirklich einen Widerstand gegen die
    Aufdeckung von Widerständen und die Abwehrmechanismen verdienen
    wirklich den Namen, mit dem wir sie anfänglich bezeichnet haben,
    ehe sie genauer erforscht wurden; es sind Widerstände nicht nur
    gegen die Bewußtmachung der EsInhalte, sondern auch gegen die
    Analyse überhaupt und somit gegen die Heilung.

  • S.

    - 47 -

    Die Wirkung der Abwehren im Ich können wir wohl als
    „Ichveränderung“ bezeichnen, wenn wir darunter den Abstand von
    einem fiktiven NormalIch verstehen, das der analytischen Arbeit
    unerschütterliche Bündnistreue zusichert. Es ist nun leicht zu
    glauben, was die tägliche Erfahrung zeigt, dass es wesentlich
    davon abhängt, wie stark und wie tief eingewurzelt diese
    Widerstände der Ichveränderung sind, wo es sich um den Ausgang
    einer analytischen Kur handelt. Wieder tritt uns hier die
    Bedeutung des quantitativen Faktors entgegen, wieder werden wir
    daran gemahnt, dass die Analyse nur bestimmte und begrenzte
    Mengen von Energien aufwenden kann, die sich mit den feindlichen
    Kräften zu messen haben. Und als ob der Sieg wirklich meist
    bei den stärkeren Bataillonen wäre.

    VI.

    Die nächste Frage wird lauten, ob alle Ichveränderung
    – in unserem Sinne – während der Abwehrkämpfe der Frühzeit
    erworben wird. Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Es
    besteht kein Grund, die Existenz und Bedeutung ursprünglicher,
    mitgeborener Ichverschiedenheiten zu bestreiten. Schon die eine

  • S.

    - 48 -

    Tatsache ist entscheidend, daß jede Person ihre Auswahl unter
    den möglichen Abwehrmechanismen trifft, immer nur einige und
    dann stets dieselben verwendet. Das deutet darauf hin, dass das
    einzelne Ich von vornherein mit individuellen Dispositionen
    und Tendenzen ausgestattet ist, deren Art und Bedingtheit wir
    nun freilich nicht angeben können. Außerdem wissen wir, dass wir
    den Unterschied zwischen ererbten und erworbenen Eigenschaften
    nicht zu einem Gegensatz überspannen dürfen; dasunter dem Ererbten ist,
    was die Vorfahren erworben haben, gewiss ein wichtiger Anteil. Wenn wir von „archaischer
    Erbschaft“ sprechen, denken wir gewöhnlich nur an das Es und
    scheinen anzunehmen, daß ein Ich am Beginn des Eigenlebens noch
    nicht vorhanden ist. Aber wir wollen nicht übersehen, daß Es und
    Ich ursprünglich eins sind, und es bedeutet noch keine mystische
    Überschätzung der Erblichkeit, wenn wir für glaubwürdig halten,
    daß dem noch nicht existierenden Ich bereits festgelegt ist,
    welche Entwicklungsrichtungen, Tendenzen und Reaktionen es
    späterhin zum Vorschein bringen wird. Die psychologischen
    Besonderheiten von Familien, Rassen und Nationen auch in ihrem
    Verhalten gegen die Analyse lassen keine andere Erklärung zu.

  • S.

    - 49 -

    Ja noch mehr, die analytische Erfahrung hat uns die Ueberzeugung
    aufgedrängt, dass selbst bestimmte psychische Inhalte wie die
    Symbolik keine anderen Quellen haben als die erbliche Uebertragung,
    und in verschiedenen völkerpsychologischen Untersuchungen wird
    uns nahegelegt, noch andere, ebenso spezialisierte Niederschläge
    frühmenschlicher Entwicklung in der archaischen Erbschaft
    vorauszusetzen.

    Mit der Einsicht, dass die Eigenheiten des Ichs, die
    wir als Widerstände zu spüren bekommen, ebensowohl hereditär
    bedingt als in Abwehrkämpfen erworben sein können, hat die
    topische Unterscheidung, ob Ich, ob Es, viel von ihrem Wert für
    unsere Untersuchung eingebüßt. Ein weiterer Schritt in unserer
    analytischen Erfahrung führt uns zu Widerständen anderer Art,
    die wir nicht mehr lokalisieren können und die von fundamentalen
    Verhältnissen im seelischen Apparat abzuhängen scheinen. Ich
    kann nur einige Proben dieser Gattung aufführen, das ganze
    Gebiet ist noch verwirrend fremd, ungenügend erforscht. Man
    trifft z.B. auf Personen, denen man eine besondere „Klebrigkeit
    der Libido“ zuschreiben möchte. Die Prozesse, die die Kur bei

  • S.

    - 50 -

    ihnen einleitet, verlaufen soviel langsamer als bei anderen,
    weil sie sich, wie es scheint, nicht entschließen können,
    Libidobesetzungen von einem Objekt abzulösen und auf ein
    neues zu verschieben, obwohl besondere Gründe für solche
    Besetzungstreue nicht zu finden sind. Man begegnet auch dem
    entgegengesetzten Typus, bei dem die Libido besonders leicht
    beweglich erscheint, rasch auf die von der Analyse vorgeschla-
    genen Neubesetzungen eingeht und die früheren für sie aufgibt.
    Es ist ein Unterschied, wie ihn der bildende Künstler verspüren
    mag, ob er in hartem Stein oder in weichem Ton arbeitet. Leider
    zeigen sich die analytischen Resultate bei diesem zweiten Typus
    oft als sehr hinfällig; die neuen Besetzungen werden bald wieder
    verlassen, man bekommt den Eindruck, als habe man nicht in Ton
    gearbeitet, sondern in Wasser geschrieben. Die Warnung „Wie
    gewonnen, so zerronnen“ behält hier Recht.

    Bei einer anderen Gruppe von Fällen wird man durch
    ein Verhalten überrascht, das man nur auf eine Erschöpfung der
    sonst zu erwartenden Plastizität, der Fähigkeit zur Abänderung
    und Weiterentwicklung beziehen kann. Auf ein gewisses Maß von

  • S.

    - 51 -

    psychischer Trägheit sind wir in der Analyse wohl vorbereitet;
    wenn die analytische Arbeit der Triebregung neue Wege eröffnet
    hat, so beobachten wir fast regelmässig, dass sie nicht ohne
    deutliche Verzögerung begangen werden. Wir haben dies Verhalten,
    vielleicht nicht ganz richtig, als „Widerstand vom Es“ bezeichnet.
    Aber bei den Fällen, die hier gemeint sind, erweisen sich alle
    Abläufe, Beziehungen und Kraftverteilungen als unabänderlich,
    fixiert und erstarrt. Es ist so, wie man es bei sehr alten
    Leuten findet, durch die sogenannte Macht der Gewohnheit, die
    Erschöpfung der Aufnahmsfähigkeit, durch eine Art von psychi-
    scher Entropie erklärt; aber es handelt sich hier um noch
    jugendliche Individuen. Unsere theoretische Vorbereitung scheint
    unzureichend, um die so beschriebenen Typen richtig aufzufassen;
    es kommen wohl zeitliche Charaktere in Betracht, Abänderungen
    eines noch nicht gewürdigten Entwicklungsrhythmus im psychischen
    Leben.

    Anders und noch tiefer begründet mögen die Ich-
    verschiedenheiten sein, die in einer weiteren Gruppe von Fällen
    als Quellen des Widerstands gegen die analytische Kur und als

  • S.

    - 52 -

    Verhinderungen des therapeutischen Erfolgs zu beschuldigen
    sind. Hier handelt es sich um das letzte, was die psychologische
    Erforschung überhaupt zu erkennen vermag, das Verhalten der
    beiden Urtriebe, deren Verteilung, Vermengung und Entmischung,
    Dinge, die nicht auf eine einzige Provinz des seelischen
    Apparats, Es, Ich und Über-Ich, beschränkt vorzustellen sind.
    Es gibt keinen stärkeren Eindruck von den Widerständen während
    der analytischen Arbeit als den von einer Kraft, die sich mit
    allen Mitteln gegen die Genesung wehrt und durchaus an Krank-
    heit und Leiden festhalten will. Einen Anteil dieser Kraft
    haben wir, sicherlich mit Recht, als Schuldbewusstsein und
    Strafbedürfnis agnosziert und im Verhältnis des Ichs zum
    Über-Ich lokalisiert. Aber das ist nur jener Anteil, der vom
    Über-Ich sozusagen psychisch gebunden ist und in solcher
    Weise kenntlich wird; andere Beträge derselben Kraft mögen,
    unbestimmt wo, in gebundener oder freier Form, am Werke sein.
    Hält man sich das Bild in seiner Gesamtheit vor, zu dem sich
    die Erscheinungen des immanenten Masochismus so vieler Personen
    der negativen therapeutischen Reaktion und des Schuldbewusstseins

  • S.

    - 53 -

    der Neurotiker zusammensetzen, so wird man nicht mehr dem Glauben
    anhängen können, dass das seelische Geschehen ausschliesslich vom
    Luststreben beherrscht wird. Diese Phänomene sind unverkennbare
    Hinweise auf das Vorhandensein einer Macht im Seelenleben, die
    wir nach ihren Zielen Aggressions- oder Destruktionstrieb heissen
    und von dem ursprünglichen Todestrieb der belebten Materie ableiten.
    Ein Gegensatz einer optimistischen zu einer pessimistischen
    Lebenstheorie kommt nicht in Frage; nur das Zusammen- und
    Gegeneinanderwirken beider Urtriebe Eros und Todestrieb erklärt
    die Buntheit der Lebenserscheinungen, niemals einer von ihnen
    allein.

    Wie Anteile der beiden Triebarten zur Durchsetzung
    der einzelnen Lebensfunktionen miteinander zusammentreten,
    unter welchen Bedingungen diese Vereinigungen sich lockern
    oder zerfallen, welche Störungen diesen Veränderungen entsprechen
    und mit welchen Empfindungen die Wahrnehmungsskala des Lust-
    prinzips auf sie antwortet, das klarzustellen wäre die lohnendste
    Aufgabe der psychologischen Forschung. Vorläufig beugen wir
    uns vor der Uebermacht der Gewalten, an der wir unsere Bemühun-

  • S.

    - 54 -

    gen scheitern sehen. Schon die psychische Beeinflußung des
    einfachen Masochismus stellt unser Können auf eine harte Probe.

    Beim Studium der Phänomene, die die Betätigung des
    Destruktionstriebs erweisen, sind wir nicht auf Beobachtungen
    an pathologischem Material eingeschränkt. Zahlreiche Tatsachen
    des normalen Seelenlebens drängen nach einer solchen Erklärung,
    und je mehr unser Blick sich schärft, desto reichlicher werden
    sie uns auffallen. Es ist ein Thema, zu neu und zu wichtig,
    um es in dieser Erörterung wie beiläufig zu behandeln; ich werde
    mich damit bescheiden, einige wenige Proben herauszuheben.
    Die folgende als Beispiel:

    Es ist bekannt, dass es zu allen Zeiten Menschen
    gegeben hat und noch gibt, die Personen des gleichen wie des
    anderen Geschlechts zu ihren Sexualobjekten nehmen können, ohne
    dass die eine Richtung die andere beeinträchtigt. Wir heissen
    diese Leute Bisexuelle, nehmen ihre Existenz hin, ohne uns
    viel darüber zu verwundern. Wir haben aber gelernt, dass alle
    Menschen in diesem Sinne bisexuell sind, ihre Libido entweder

  • S.

    - 55 -

    in manifester oder in latenter Weise auf Objekte beider
    Geschlechter verteilen. Nur fällt uns folgendes dabei auf.
    Während im ersten Falle die beiden Richtungen sich ohne Anstoss
    mit einander vertragen haben, befinden sie sich im anderen
    und häufigeren Falle im Zustand eines unversöhnlichen Konflikts.
    Die Heterosexualität eines Mannes duldet keine Homosexualität,
    und ebenso ist es umgekehrt. Ist die erstere die stärkere, so
    gelingt es ihr, die letztere latent zu erhalten und von der
    Realbefriedigung abzudrängen; anderseits gibt es keine grössere
    Gefahr für die heterosexuelle Funktion eines Mannes als die
    Störung durch die latente Homosexualität. Man könnte die
    Erklärung versuchen, daß eben nur ein bestimmter Betrag von
    Libido verfügbar ist, um den die beiden mit einander rivali-
    sierenden Richtungen ringen müssen. Allein man sieht nicht ein,
    warum die Rivalen nicht regelmässig den verfügbaren Betrag
    der Libido je nach ihrer relativen Stärke unter sich aufteilen,
    wenn sie es doch in manchen Fällen tun können. Man bekommt
    durchaus den Eindruck, als sei die Neigung zum Konflikt etwas
    Besonderes, was neu zur Situation hinzukommt, unabhängig von