S.
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Aber ein solches Normal-Ich ist, wie die Normalität überhaupt, eine
Idealfiktion. Das abnorme, für unsere Absichten unbrauchbare Ich
ist leider keine. Jeder Normale ist eben nur durchschnittlich
normal, sein Ich nähert sich dem des Psychotikers in dem oder
jenem Stück, in grösserem oder geringerem Ausmass, und der Betrag
der Entfernung von dem einen und der Annäherung an das andere Ende
der Reihe wird uns vorläufig ein Maß für die so unbestimmt gekenn-
zeichnete „Ichveränderung“ sein.Fragen wir, woher die so mannigfaltigen Arten und Grade
der Ichveränderung rühren mögen, so ist die nächste unvermeidliche
Alternative, sie sind entweder ursprünglich oder erworben. Der
zweite Fall wird leichter zu behandeln sein. Wenn erworben, dann
gewiss im Laufe der Entwicklung von den ersten Lebenszeiten an.
Von allem Anfang an muss ja das Ich seine Aufgabe zu erfüllen
suchen, zwischen seinem Es und der Aussenwelt im Dienste des
Lustprinzips vermitteln, das Es gegen die Gefahren der Aussenwelt
behüten. Wenn es im Laufe dieser Bemühung lernt, sich auch gegen
das eigene Es defensiv einzustellen und dessen Triebansprüche wie
äussere Gefahren zu behandeln, so geschieht diesdoch nurwenigstens zum Teil darum,S.
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weil es versteht, dass die Triebbefriedigung zu Konflikten mit der
Aussenwelt führen würde. Das Ich gewöhnt sich dann unter dem
Einfluss der Erziehung, den Schauplatz des Kampfes von aussen nach
innen zu verlegen, die innere Gefahr zu bewältigen, ehe sie zur
äusseren geworden ist, und tut wahrscheinlich zumeist gut daran.
Während dieses Kampfes auf zwei Fronten – später wird eine dritte
Front hinzukommen – bedient sich das Ich verschiedener Verfahren,
um seiner Aufgabe zu genügen, allgemein ausgedrückt, um Gefahr,
Angst, Unlust zu vermeiden. Wir nennen diese Verfahren „Abwehr-
mechanismen“. Sie sind uns noch nicht erschöpfend genug bekannt.
Das Buch von Anna Freud hat uns einen ersten Einblick in ihre
Mannigfaltigkeit und vielseitige Bedeutung gestattet.Von einem dieser Mechanismen, von der Verdrängung, hat
das Studium der neurotischen Vorgänge überhaupt seinen Ausgang
genommen. Es war nie ein Zweifel daran, dass die Verdrängung nicht
das einzige Verfahren ist, das dem Ich für seine Absichten zu
Gebote steht. Immerhin ist sie etwas ganz Besonderes, das von den
anderen Mechanismen schärfer geschieden ist als diese untereinander.S.
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Ich möchte ihr Verhältnis zu diesen anderen durch einen Vergleich
deutlich machen, weiß aber, dass in diesen Gebieten Verglei-
chungen nie weit tragen. Man denke also an die möglichen
Schicksale eines Buches zur Zeit, als Bücher noch nicht in
Auflagen gedruckt, sondern einzeln geschrieben wurden. Ein
solches Buch enthalte Angaben, die in späteren Zeiten als
unerwünscht betrachtet werden. Etwa wie nach Robert Eisler4)4)Robert Eisler: Jesus Basileus, Religionswissenschaft-
liche Bibliothek, begründet von W. Streitberg, Band 9, Heidel-
berg bei Carl Winter, 1929.die Schriften des Flavius Josephus Stellen über Jesus Christus
enthalten haben müssen, an denen die spätere Christenheit
Anstoss nahm. Die amtliche Zensur würde in der Jetztzeit keinen
anderen Abwehrmechanismus anwenden als die Konfiskation und
Vernichtung jedes Exemplars der ganzen Auflage. Damals wandte
man verschiedene Methoden zur Unschädlichmachung an. Entweder
die anstößigen Stellen wurden dick durchgestrichen, so dass sieS.
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unleserlich waren; sie konnten dann auch nicht abgeschrieben
werden und der nächste Kopist des Buches lieferte einen tadel-
losen Text, aber an einigen Stellen lückenhaft und vielleicht
dort unverständlich. Oder man begnügte sich nicht damit, wollte
auch den Hinweis auf die Verstümmelung des Textes vermeiden;
man ging also dazu über, den Text zu entstellen. Man liess
einzelne Worte aus oder ersetzte sie durch andere, man schaltete
neue Sätze ein; am besten strich man die ganze Stelle heraus
und fügte an ihrer Statt eine andere ein, die das genaue
Gegenteil besagte. Der nächste Abschreiber des Buches konnte
dann einen unverdächtigen Text herstellen, der aber verfälscht
war; er enthielt nicht mehr, was der Autor hatte mitteilen
wollen, und sehr wahrscheinlich war er nicht zur Wahrheit
korrigiert worden.Wenn man den Vergleich nicht allzu strenge durch-
führt, kann man sagen, die Verdrängung verhält sich zu den
anderen Abwehrmethoden wie die Auslassung zur Textentstellung,
und in den verschiedenen Formen dieser Verfälschung kann manS.
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die Analogien zur Mannigfaltigkeit der Ichveränderung finden.
Man kann den Einwand versuchen, dieser Vergleich gleite in
einem wesentlichen Punkte ab, denn die Textentstellung ist
das Werk einer tendenziösen Zensur, zu der die Ichentwicklung
kein Gegenstück zeigt. Aber dem ist nicht so, denn diese Tendenz
wird durch den Zwang des Lustprinzips weitgehend vertreten.
Der psychische Apparat verträgt die Unlust nicht, er muss sich
ihrer um jeden Preis erwehren, und wenn die Wahrnehmung der
Realität Unlust bringt, muss sie – die Wahrheit also – geopfert
werden. Gegen die äussere Gefahr kann man sich eine ganze
Weile durch Flucht und Vermeidung der Gefahrsituation helfen,
bis man später einmal stark genug wird, um die Drohung durch
aktive Veränderung der Realität aufzuheben. Aber vor sich
selbst kann man nicht fliehen, gegen die innere Gefahr hilft
keine Flucht, und darum sind die Abwehrmechanismen des Ichs
dazu verurteilt, die innere Wahrnehmung zu verfälschen und
uns nur eine mangelhafte und entstellte Kenntnis unseres Es
zu ermöglichen. Das Ich ist dann in seinen Beziehungen zum
Es durch seine Einschränkungen gelähmt oder durch seineS.
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Irrtümer verblendet, und der Erfolg im psychischen Geschehen
wird derselbe sein müssen, wie wenn man auf der Wanderung die
Gegend nicht kennt und nicht rüstig ist im Gehen.Die Abwehrmechanismen dienen der Absicht, Gefahren
abzuhalten. Es ist unbestreitbar, dass ihnen solches gelingt;
es ist zweifelhaft, ob das Ich während seiner Entwicklung völlig
auf sie verzichten kann, aber es ist auch sicher, dass sie selbst
zu Gefahren werden können. Manchmal stellt es sich heraus, dass
das Ich für die Dienste, die sie ihm leisten, einen zu hohen
Preis gezahlt hat. Der dynamische Aufwand, der erfordert wird,
um sie zu unterhalten, sowie die Icheinschränkungen, die sie
fast regelmäßig mit sich bringen, erweisen sich als schwere
Belastungen der psychischen Ökonomie. Auch werden diese Mecha-
nismen nicht aufgelassen, nachdem sie dem Ich in den schweren
Jahren seiner Entwicklung ausgeholfen haben. Jede Person ver-
wendet natürlich nicht alle möglichen Abwehrmechanismen, sondern
nur eine gewisse Auswahl von ihnen, aber diese fixieren sich
im Ich, sie werden regelmäßige Reaktionsweisen des Charakters,S.
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die durchs ganze Leben wiederholt werden, so oft eine der
ursprünglichen Situation ähnliche wiederkehrt. Damit werden sie
zu Infantilismen, teilen das Schicksal so vieler Institutionen,
die sich über die Zeit ihrer Brauchbarkeit hinaus zu erhalten
streben. „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“, wie es der Dichter
beklagt. Das erstarkte Ich des Erwachsenen fährt fort, sich gegen
Gefahren zu verteidigen, die in der Realität nicht mehr bestehen,
ja es findet sich gedrängt, jene Situationen der Realität
herauszusuchen, die die ursprüngliche Gefahr ungefähr ersetzen
können, um sein Festhalten an den gewohnten Reaktionsweisen an ihnen
rechtfertigen zu können. Somit wird es leicht verständlich, wie
die Abwehrmechanismen durch immer weiter greifende Entfremdung
von der Aussenwelt und dauernde Schwächung des Ichs den Ausbruch
der Neurose vorbereiten und begünstigen.Unser Interesse ist aber gegenwärtig nicht auf die
pathogene Rolle der Abwehrmechanismen gerichtet; wir wollen
untersuchen, wie die ihnen entsprechende Ichveränderung unsere
therapeutische Bemühung beeinflußt. Das Material zur Beantwor-
tung dieser Frage ist in dem erwähnten Buch von Anna Freud gegeben.S.
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Das Wesentliche daran ist, dass der Analysierte diese Reaktions-
weisen auch während der analytischen Arbeit wiederholt, uns
gleichsam vor Augen führt; eigentlich kennen wir sie nur daher.
Damit ist nicht gesagt, dass sie die Analyse unmöglich machen.
Sie legen vielmehr die eine Hälfte unserer analytischen Aufgabe
fest. Die andere, die in der Frühzeit der Analyse zuerst in
Angriff genommen wurde, ist die Aufdeckung des im Es Verborgenen.
Unsere therapeutische Bemühung pendelt während der Behandlung
beständig von einem Stückchen Esanalyse zu einem Stückchen
Ichanalyse. Im einen Fall wollen wir etwas vom Es bewusst machen,
im anderen etwas am Ich korrigieren. Die entscheidende Tatsache
ist nämlich, dass die Abwehrmechanismen gegen einstige Gefahren
in der Kur als Widerstände gegen die Heilung wiederkehren.
Es läuft darauf hinaus, dass die Heilung selbst vom Ich wie eine
neue Gefahr behandelt wird.Der therapeutische Effekt ist an die Bewusstmachung
des im Es im weitesten Sinn Verdrängten gebunden, wir bereiten
dieser Bewusstmachung den Weg durch Deutungen und Konstruktionen,S.
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aber wir haben nur für uns, nicht für den Analysierten gedeutet,
solange das Ich an den früheren Abwehren festhält, die Wider-
stände nicht aufgibt. Nun sind diese Widerstände, obwohl dem
Ich angehörig, doch unbewußt und in gewissem Sinne innerhalb
des Ichs abgesondert. Der Analytiker erkennt sie leichter als
das Verborgene im Es; es sollte hinreichen, sie wie Anteile
des Es zu behandeln und durch Bewußtmachung mit dem übrigen
Ich in Beziehung zu bringen. Auf diesem Weg wäre die eine Hälfte
der analytischen Aufgabe zu erledigen; auf einen Widerstand
gegen die Aufdeckung von Widerständen möchte man nicht rechnen.
Es ereignet sich aber folgendes. Während der Arbeit an den
Widerständen tritt das Ich – mehr oder weniger ernsthaft – aus
dem Vertrag aus, auf dem die analytische Situation ruht. Das
Ich unterstützt unsere Bemühung um die Aufdeckung des Es nicht
mehr, es widersetzt sich ihr, hält die analytische Grundregel
nicht ein, läßt keine weiteren Abkömmlinge des Verdrängten
auftauchen. Eine starke Ueberzeugung von der heilenden Macht
der Analyse kann man vom Patienten nicht erwarten, er mag einS.
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Stück Vertrauen zum Analytiker mitgebracht haben, das durch die
zu erweckenden Momente der positiven Uebertragung zur Leistungs-
fähigkeit verstärkt wird. Unter dem Einfluß der Unlustregungen,
die durch das neuerliche Abspielen der Abwehrkonflikte verspürt
werden, können jetzt negative Uebertragungen die Oberhand
gewinnen und die analytische Situation völlig aufheben. Der Analytiker
ist jetzt für den Patienten nur ein fremder Mensch, der unangenehme
Zumutungen an ihn stellt, und er benimmt sich gegen ihn ganz
wie das Kind, das den Fremden nicht mag und ihm nichts glaubt.
Versucht der Analytiker, dem Patienten eine der in der Abwehr
vorgenommenen Entstellungen aufzuzeigen und sie zu korrigieren,
so findet er ihn verständnislos und unzugänglich für gute
Argumente. So gibt es wirklich einen Widerstand gegen die
Aufdeckung von Widerständen und die Abwehrmechanismen verdienen
wirklich den Namen, mit dem wir sie anfänglich bezeichnet haben,
ehe sie genauer erforscht wurden; es sind Widerstände nicht nur
gegen die Bewußtmachung der EsInhalte, sondern auch gegen die
Analyse überhaupt und somit gegen die Heilung.S.
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Die Wirkung der Abwehren im Ich können wir wohl als
„Ichveränderung“ bezeichnen, wenn wir darunter den Abstand von
einem fiktiven NormalIch verstehen, das der analytischen Arbeit
unerschütterliche Bündnistreue zusichert. Es ist nun leicht zu
glauben, was die tägliche Erfahrung zeigt, dass es wesentlich
davon abhängt, wie stark und wie tief eingewurzelt diese
Widerstände der Ichveränderung sind, wo es sich um den Ausgang
einer analytischen Kur handelt. Wieder tritt uns hier die
Bedeutung des quantitativen Faktors entgegen, wieder werden wir
daran gemahnt, dass die Analyse nur bestimmte und begrenzte
Mengen von Energien aufwenden kann, die sich mit den feindlichen
Kräften zu messen haben. Und als ob der Sieg wirklich meist
bei den stärkeren Bataillonen wäre.VI.
Die nächste Frage wird lauten, ob alle Ichveränderung
– in unserem Sinne – während der Abwehrkämpfe der Frühzeit
erworben wird. Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein. Es
besteht kein Grund, die Existenz und Bedeutung ursprünglicher,
mitgeborener Ichverschiedenheiten zu bestreiten. Schon die eineS.
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Tatsache ist entscheidend, daß jede Person ihre Auswahl unter
den möglichen Abwehrmechanismen trifft, immer nur einige und
dann stets dieselben verwendet. Das deutet darauf hin, dass das
einzelne Ich von vornherein mit individuellen Dispositionen
und Tendenzen ausgestattet ist, deren Art und Bedingtheit wir
nun freilich nicht angeben können. Außerdem wissen wir, dass wir
den Unterschied zwischen ererbten und erworbenen Eigenschaften
nicht zu einem Gegensatz überspannen dürfen;dasunter dem Ererbten ist,
was die Vorfahren erworben haben, gewiss ein wichtiger Anteil. Wenn wir von „archaischer
Erbschaft“ sprechen, denken wir gewöhnlich nur an das Es und
scheinen anzunehmen, daß ein Ich am Beginn des Eigenlebens noch
nicht vorhanden ist. Aber wir wollen nicht übersehen, daß Es und
Ich ursprünglich eins sind, und es bedeutet noch keine mystische
Überschätzung der Erblichkeit, wenn wir für glaubwürdig halten,
daß dem noch nicht existierenden Ich bereits festgelegt ist,
welche Entwicklungsrichtungen, Tendenzen und Reaktionen es
späterhin zum Vorschein bringen wird. Die psychologischen
Besonderheiten von Familien, Rassen und Nationen auch in ihrem
Verhalten gegen die Analyse lassen keine andere Erklärung zu.S.
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Ja noch mehr, die analytische Erfahrung hat uns die Ueberzeugung
aufgedrängt, dass selbst bestimmte psychische Inhalte wie die
Symbolik keine anderen Quellen haben als die erbliche Uebertragung,
und in verschiedenen völkerpsychologischen Untersuchungen wird
uns nahegelegt, noch andere, ebenso spezialisierte Niederschläge
frühmenschlicher Entwicklung in der archaischen Erbschaft
vorauszusetzen.Mit der Einsicht, dass die Eigenheiten des Ichs, die
wir als Widerstände zu spüren bekommen, ebensowohl hereditär
bedingt als in Abwehrkämpfen erworben sein können, hat die
topische Unterscheidung, ob Ich, ob Es, viel von ihrem Wert für
unsere Untersuchung eingebüßt. Ein weiterer Schritt in unserer
analytischen Erfahrung führt uns zu Widerständen anderer Art,
die wir nicht mehr lokalisieren können und die von fundamentalen
Verhältnissen im seelischen Apparat abzuhängen scheinen. Ich
kann nur einige Proben dieser Gattung aufführen, das ganze
Gebiet ist noch verwirrend fremd, ungenügend erforscht. Man
trifft z.B. auf Personen, denen man eine besondere „Klebrigkeit
der Libido“ zuschreiben möchte. Die Prozesse, die die Kur beiS.
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ihnen einleitet, verlaufen soviel langsamer als bei anderen,
weil sie sich, wie es scheint, nicht entschließen können,
Libidobesetzungen von einem Objekt abzulösen und auf ein
neues zu verschieben, obwohl besondere Gründe für solche
Besetzungstreue nicht zu finden sind. Man begegnet auch dem
entgegengesetzten Typus, bei dem die Libido besonders leicht
beweglich erscheint, rasch auf die von der Analyse vorgeschla-
genen Neubesetzungen eingeht und die früheren für sie aufgibt.
Es ist ein Unterschied, wie ihn der bildende Künstler verspüren
mag, ob er in hartem Stein oder in weichem Ton arbeitet. Leider
zeigen sich die analytischen Resultate bei diesem zweiten Typus
oft als sehr hinfällig; die neuen Besetzungen werden bald wieder
verlassen, man bekommt den Eindruck, als habe man nicht in Ton
gearbeitet, sondern in Wasser geschrieben. Die Warnung „Wie
gewonnen, so zerronnen“ behält hier Recht.Bei einer anderen Gruppe von Fällen wird man durch
ein Verhalten überrascht, das man nur auf eine Erschöpfung der
sonst zu erwartenden Plastizität, der Fähigkeit zur Abänderung
und Weiterentwicklung beziehen kann. Auf ein gewisses Maß vonS.
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psychischer Trägheit sind wir in der Analyse wohl vorbereitet;
wenn die analytische Arbeit der Triebregung neue Wege eröffnet
hat, so beobachten wir fast regelmässig, dass sie nicht ohne
deutliche Verzögerung begangen werden. Wir haben dies Verhalten,
vielleicht nicht ganz richtig, als „Widerstand vom Es“ bezeichnet.
Aber bei den Fällen, die hier gemeint sind, erweisen sich alle
Abläufe, Beziehungen und Kraftverteilungen als unabänderlich,
fixiert und erstarrt. Es ist so, wie man es bei sehr alten
Leuten findet, durch die sogenannte Macht der Gewohnheit, die
Erschöpfung der Aufnahmsfähigkeit, durch eine Art von psychi-
scher Entropie erklärt; aber es handelt sich hier um noch
jugendliche Individuen. Unsere theoretische Vorbereitung scheint
unzureichend, um die so beschriebenen Typen richtig aufzufassen;
es kommen wohl zeitliche Charaktere in Betracht, Abänderungen
eines noch nicht gewürdigten Entwicklungsrhythmus im psychischen
Leben.Anders und noch tiefer begründet mögen die Ich-
verschiedenheiten sein, die in einer weiteren Gruppe von Fällen
als Quellen des Widerstands gegen die analytische Kur und alsS.
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Verhinderungen des therapeutischen Erfolgs zu beschuldigen
sind. Hier handelt es sich um das letzte, was die psychologische
Erforschung überhaupt zu erkennen vermag, das Verhalten der
beiden Urtriebe, deren Verteilung, Vermengung und Entmischung,
Dinge, die nicht auf eine einzige Provinz des seelischen
Apparats, Es, Ich und Über-Ich, beschränkt vorzustellen sind.
Es gibt keinen stärkeren Eindruck von den Widerständen während
der analytischen Arbeit als den von einer Kraft, die sich mit
allen Mitteln gegen die Genesung wehrt und durchaus an Krank-
heit und Leiden festhalten will. Einen Anteil dieser Kraft
haben wir, sicherlich mit Recht, als Schuldbewusstsein und
Strafbedürfnis agnosziert und im Verhältnis des Ichs zum
Über-Ich lokalisiert. Aber das ist nur jener Anteil, der vom
Über-Ich sozusagen psychisch gebunden ist und in solcher
Weise kenntlich wird; andere Beträge derselben Kraft mögen,
unbestimmt wo, in gebundener oder freier Form, am Werke sein.
Hält man sich das Bild in seiner Gesamtheit vor, zu dem sich
die Erscheinungen des immanenten Masochismus so vieler Personen
der negativen therapeutischen Reaktion und des SchuldbewusstseinsS.
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der Neurotiker zusammensetzen, so wird man nicht mehr dem Glauben
anhängen können, dass das seelische Geschehen ausschliesslich vom
Luststreben beherrscht wird. Diese Phänomene sind unverkennbare
Hinweise auf das Vorhandensein einer Macht im Seelenleben, die
wir nach ihren Zielen Aggressions- oder Destruktionstrieb heissen
und von dem ursprünglichen Todestrieb der belebten Materie ableiten.
Ein Gegensatz einer optimistischen zu einer pessimistischen
Lebenstheorie kommt nicht in Frage; nur das Zusammen- und
Gegeneinanderwirken beider Urtriebe Eros und Todestrieb erklärt
die Buntheit der Lebenserscheinungen, niemals einer von ihnen
allein.Wie Anteile der beiden Triebarten zur Durchsetzung
der einzelnen Lebensfunktionen miteinander zusammentreten,
unter welchen Bedingungen diese Vereinigungen sich lockern
oder zerfallen, welche Störungen diesen Veränderungen entsprechen
und mit welchen Empfindungen die Wahrnehmungsskala des Lust-
prinzips auf sie antwortet, das klarzustellen wäre die lohnendste
Aufgabe der psychologischen Forschung. Vorläufig beugen wir
uns vor der Uebermacht der Gewalten, an der wir unsere Bemühun-S.
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gen scheitern sehen. Schon die psychische Beeinflußung des
einfachen Masochismus stellt unser Können auf eine harte Probe.Beim Studium der Phänomene, die die Betätigung des
Destruktionstriebs erweisen, sind wir nicht auf Beobachtungen
an pathologischem Material eingeschränkt. Zahlreiche Tatsachen
des normalen Seelenlebens drängen nach einer solchen Erklärung,
und je mehr unser Blick sich schärft, desto reichlicher werden
sie uns auffallen. Es ist ein Thema, zu neu und zu wichtig,
um es in dieser Erörterung wie beiläufig zu behandeln; ich werde
mich damit bescheiden, einige wenige Proben herauszuheben.
Die folgende als Beispiel:Es ist bekannt, dass es zu allen Zeiten Menschen
gegeben hat und noch gibt, die Personen des gleichen wie des
anderen Geschlechts zu ihren Sexualobjekten nehmen können, ohne
dass die eine Richtung die andere beeinträchtigt. Wir heissen
diese Leute Bisexuelle, nehmen ihre Existenz hin, ohne uns
viel darüber zu verwundern. Wir haben aber gelernt, dass alle
Menschen in diesem Sinne bisexuell sind, ihre Libido entwederS.
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in manifester oder in latenter Weise auf Objekte beider
Geschlechter verteilen. Nur fällt uns folgendes dabei auf.
Während im ersten Falle die beiden Richtungen sich ohne Anstoss
mit einander vertragen haben, befinden sie sich im anderen
und häufigeren Falle im Zustand eines unversöhnlichen Konflikts.
Die Heterosexualität eines Mannes duldet keine Homosexualität,
und ebenso ist es umgekehrt. Ist die erstere die stärkere, so
gelingt es ihr, die letztere latent zu erhalten und von der
Realbefriedigung abzudrängen; anderseits gibt es keine grössere
Gefahr für die heterosexuelle Funktion eines Mannes als die
Störung durch die latente Homosexualität. Man könnte die
Erklärung versuchen, daß eben nur ein bestimmter Betrag von
Libido verfügbar ist, um den die beiden mit einander rivali-
sierenden Richtungen ringen müssen. Allein man sieht nicht ein,
warum die Rivalen nicht regelmässig den verfügbaren Betrag
der Libido je nach ihrer relativen Stärke unter sich aufteilen,
wenn sie es doch in manchen Fällen tun können. Man bekommt
durchaus den Eindruck, als sei die Neigung zum Konflikt etwas
Besonderes, was neu zur Situation hinzukommt, unabhängig von
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Die endliche und die unendliche Analyse1937-001/1937.02