• S.

    - 56 -

    der Quantität der Libido. Eine solche unabhängig auftretende
    Konfliktneigung wird man kaum auf anderes zurückführen können
    als auf das Eingreifen eines Stückes von freier Aggression.

    Wenn man den hier erörterten Fall als Äusserung des
    Destruktions- oder Aggressionstriebs anerkennt, so erhebt sich
    sofort die Frage, ob man nicht dieselbe Auffassung auf andere
    Beispiele von Konflikt ausdehnen, ja ob man nicht überhaupt
    all unser Wissen vom psychischen Konflikt unter diesem neuen
    Gesichtspunkt revidieren soll. Wir nehmen doch an, dass auf dem
    Weg der Entwicklung vom Primitiven zum Kulturmenschen eine sehr
    erhebliche Verinnerlichung, Einwärtswendung der Aggression
    stattfindet, und für die Aussenkämpfe, die dann unterbleiben,
    wären die inneren Konflikte sicherlich das richtige Äquivalent.
    Es ist mir wohl bekannt, dass die dualistische Theorie, die
    einen Todes-, Destruktions- oder Aggressionstrieb als gleich-
    berechtigten Partner neben den in der Libido sich kundgebenden
    Eros hinstellen will, im allgemeinen wenig Anklang gefunden
    und sich auch unter Psychoanalytikern nicht eigentlich durch-
    gesetzt hat. Umsomehr mußte es mich erfreuen, als ich unlängst

  • S.

    - 57 -

    unsere Theorie bei einem der großen Denker der griechischen
    Frühzeit wiederfand. Ich opfere dieser Bestätigung gern das
    Prestige der Originalität, zumal da ich bei dem Umfang meiner
    Lektüre in früheren Jahren doch nie sicher werden kann, ob
    meine angebliche Neuschöpfung nicht eine Leistung der
    Kryptomnesie war.

    Empedokles aus Akragas (Girgenti)5), etwa 495 a.Chr.

    5)Das Folgende nach Wilhelm Capelle: Die Vorsokratiker,
    Alfred Kröner, Leipzig, 1935.

    geboren, erscheint als eine der großartigsten und merkwürdigsten
    Gestalten der griechischen Kulturgeschichte. Seine vielseitige
    Persönlichkeit betätigte sich in den verschiedensten Richtungen;
    er war Forscher und Denker, Prophet und Magier, Politiker,
    Menschenfreund und naturkundiger Arzt; er soll die Stadt Selinunt
    von der Malaria befreit haben, von seinen Zeitgenossen wurde er
    wie ein Gott verehrt. Sein Geist scheint die schärfsten Gegen-
    sätze in sich vereinigt zu haben; exakt und nüchtern in seinen

  • S.

    - 58 -

    physikalischen und physiologischen Forschungen, scheut er doch
    vor dunkler Mystik nicht zurück, baut kosmische Spekulation auf
    von erstaunlich phantastischer Kühnheit. Capelle vergleicht ihn
    dem Dr. Faust, „dem gar manch Geheimnis wurde kund“. Zu einer
    Zeit entstanden, da das Reich des Wissens noch nicht in so viele
    Provinzen zerfiel, müssen manche seiner Lehren uns primitiv
    anmuten. Er erklärte die Verschiedenheiten der Dinge durch
    Mischungen der vier Elemente, Erde, Wasser, Feuer und Luft,
    glaubte an die Allbelebtheit der Natur und an die Seelenwanderung,
    aber auch so moderne Ideen wie die stufenweise Entwicklung der
    Lebewesen, das Überbleiben des Tauglichsten und die Anerkennung
    der Rolle des Zufalls (τύχη) bei dieser Entwicklung gehen in
    sein Lehrgebäude ein.

    Unser Interesse gebührt aber jener Lehre des Empedokles,
    die der psychoanalytischen Triebtheorie so nahe kommt, dass man
    versucht wird zu behaupten, die beiden wären identisch, bestünde
    nicht der Unterschied, dass die des Griechen eine kosmische
    Phantasie ist, während unsere sich mit dem Anspruch auf biologische
    Geltung bescheidet. Der Umstand freilich, daß Empedokles dem

  • S.

    - 59 -

    Weltall dieselbe Beseelung zuspricht wie dem einzelnen Lebewesen,
    entzieht dieser Differenz ein großes Stück ihrer Bedeutung.

    Der Philosoph lehrt also, dass es zwei Prinzipien
    des Geschehens im weltlichen wie im seelischen Leben gibt, die
    in ewigem Kampf mit einander liegen. Er nennt sie φιλία – Liebe –
    und νεῖκος – Streit. Die eine dieser Mächte, die für ihn, im
    Grunde triebhaft wirkende Naturkräfte, durchaus keine zweck-
    bewussten Intelligenzen“6) sind, strebt darnach, die Urteilchen
    der vier Elemente zu einer Einheit zusammenzuballen, die andere
    im Gegenteile will all diese Mischungen rückgängig machen und
    die Urteilchen der Elemente von einander sondern. Den Weltprozeß
    denkt er sich als fortgesetzte, niemals aufhörende Abwechslung
    von Perioden, in denen die eine oder die andere der beiden
    Grundkräfte den Sieg davonträgt, so dass einmal die Liebe, das
    nächste Mal der Streit ihreseine Absicht voll durchsetzt und die
    Welt beherrscht, worauf der andere, unterlegene, Teil einsetzt

    6)l.c., S. 186.

  • S.

    - 60 -

    und nun seinerseits den Partner niederringt.

    Die beiden Grundprinzipien des Empedokles – φιλία
    und νεῖκος – sind dem Namen wie der Funktion nach das Gleiche
    wie unsere beiden Urtriebe Eros und Destruktion, der eine bemüht,
    das Vorhandene zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen,
    der andere, diese Vereinigungen aufzulösen und die durch sie
    entstandenen Gebilde zu zerstören. Wir werden uns aber auch
    nicht verwundern, dass diese Theorie in manchen Zügen verändert
    ist, wenn sie nach zweiundeinhalb Jahrtausenden wieder auftaucht.
    Von der Einschränkung auf das Biopsychische abgesehen, die uns
    auferlegt ist, unsere Grundstoffe sind nicht mehr die vier
    Elemente des Empedokles, das Leben hat sich für uns scharf vom
    Unbelebten gesondert, wir denken nicht mehr an Vermengung und
    Trennung von Stoffteilchen, sondern an Verlötung und Entmischung
    von Triebkomponenten. Auch haben wir das Prinzip des „Streites“
    gewissermassen biologisch unterbaut, indem wir unseren Destruktions-
    trieb auf den Todestrieb zurückführten, den Drang des Lebenden,
    zum Leblosen zurückzukehren. Das will natürlich nicht behaupten,
    dass ein solcher Trieb erst mit dem Erscheinen des Lebens ent-

  • S.

    - 61 -

    standen ist, und nicht in Abrede stellen, dass er schon vorher
    bestanden hat. Und niemand kann vorhersehen, in welcher Ein-
    kleidung der Wahrheitskern in der Lehre des Empedokles sich
    späterer Einsicht zeigen wird.

    VII.

    Ein inhaltreicher Vortrag, den S. Ferenczi 1927
    gehalten, „Das Problem der Beendigung der Analysen“,7) schliesst
    mit der tröstlichen Versicherung, „dass die Analyse kein endloser

    7)Int. Ztschr. f. Psa., Bd. XIV, 1928.

    Prozeß ist, sondern bei entsprechender Sachkenntnis und Geduld
    des Analytikers zu einem natürlichen Abschluß gebracht werden
    kann“. Ich meine, im ganzen kommt dieser Aufsatz doch einer
    Mahnung gleich, sich nicht die Abkürzung, sondern die Vertiefung
    der Analyse zum Ziel zu setzen. Ferenczi fügt noch die wertvolle
    Bemerkung an, es sei so sehr entscheidend für den Erfolg, dass
    der Analytiker aus seinen eigenen „Irrungen und Irrtümern“
    genügend gelernt und die „schwachen Punkte der eigenen Persönlich-

  • S.

    - 62 -

    keit“ in seine Gewalt bekommen habe. Das ergibt eine wichtige
    Ergänzung zu unserem Thema. Nicht nur die Ichbeschaffenheit
    des Patienten, auch die Eigenart des Analytikers fordert ihre
    Stelle unter den Momenten, die die Aussichten der analytischen
    Kur beeinflussen und dieselbe nach Art der Widerstände erschweren.

    Es ist unbestreitbar, dass die Analytiker in ihrer
    eigenen Persönlichkeit nicht durchwegs das Maß von psychischer
    Normalität erreicht haben, zu dem sie ihre Patienten erziehen
    wollen. Gegner der Analyse pflegen auf diese Tatsache höhnend
    hinzuweisen und sie als Argument für die Nutzlosigkeit der
    analytischen Bemühung zu verwerten. Man könnte diese Kritik als
    ungerechte Anforderung zurückweisen. Analytiker sind Personen,
    die eine bestimmte Kunst auszuüben gelernt haben und daneben
    Menschen sein dürfen wie auch andere. Man behauptet doch sonst
    nicht, dass jemand zum Arzt für interne Krankheiten nicht taugt,
    wenn seine internen Organe nicht gesund sind; man kann im Gegen-
    teil gewisse Vorteile dabei finden, wenn ein selbst von Tuber-
    kulose Bedrohter sich in der Behandlung von Tuberkulösen spezia-
    lisiert. Aber die Fälle liegen doch nicht gleich. Der lungen-

  • S.

    - 63 -

    oder herzkranke Arzt wird, insoweit er überhaupt leistungsfähig
    geblieben ist, durch sein Kranksein weder in der Diagnostik
    noch in der Therapie interner Leiden behindert sein, während
    der Analytiker infolge der besonderen Bedingungen der analy-
    tischen Arbeit durch seine eigenen Defekte wirklich darin
    gestört wird, die Verhältnisse des Patienten richtig zu erfassen
    und in zweckdienlicher Weise auf sie zu reagieren. Es hat also
    seinen guten Sinn, wenn man vom Analytiker als Teil seines
    Befähigungsnachweises ein höheres Maß von seelischer Normalität
    und Korrektheit fordert; dazu kommt noch, dass er auch eine
    gewisse Ueberlegenheit benötigt, um auf den Patienten in gewissen
    analytischen Situationen als Vorbild, in anderen als Lehrer zu
    wirken. Und endlich ist nicht zu vergessen, dass die analytische
    Beziehung auf Wahrheitsliebe, d.h. auf die Anerkennung der
    Realität gegründet ist und jeden Schein und Trug ausschließt.

    Machen wir einen Moment halt, um den Analytiker
    unserer aufrichtigen Anteilnahme zu versichern, dass er bei
    Ausübung seiner Tätigkeit so schwere Anforderungen erfüllen soll.

  • S.

    - 64 -

    Es hat doch beinahe den Anschein, als wäre das Analysieren der
    dritte jener „unmöglichen“ Berufe, in denen man des ungenügenden
    Erfolgs von vornherein sicher sein kann. Die beiden anderen, weit
    länger bekannten, sind das Erziehen und das Regieren. Dass der
    zukünftige Analytiker ein vollkommener Mensch sei, ehe er sich mit
    der Analyse beschäftigt hat, also dass nur Personen von so hoher
    und so seltener Vollendung sich diesem Beruf zuwenden, kann man
    offenbar nicht verlangen. Wo und wie soll aber der Ärmste sich
    jene ideale Eignung erwerben, die er in seinem Berufe brauchen
    wird? Die Antwort wird lauten: in der Eigenanalyse, mit der
    seine Vorbereitung für seine zukünftige Tätigkeit beginnt. Aus
    praktischen Gründen kann diese nur kurz und unvollständig sein,
    ihr hauptsächlicher Zweck ist, dem Lehrer ein Urteil zu ermög-
    lichen, ob der Kandidat zur weiteren Ausbildung zugelassen werden
    kann. Ihre Leistung ist erfüllt, wenn sie dem Lehrling die
    sichere Überzeugung von der Existenz des Unbewußten bringt, ihm
    die sonst unglaubwürdigen Selbstwahrnehmungen beim Auftauchen
    des Verdrängten vermittelt und ihm an einer ersten Probe die
    Technik zeigt, die sich in der analytischen Tätigkeit allein

  • S.

    - 65 -

    bewährt hat. Dies allein würde als Unterweisung nicht ausreichen,
    allein man rechnet darauf, dass die in der Eigenanalyse erhal-
    tenen Anregungen mit deren Aufhören nicht zu Ende kommen, dass
    die Prozesse der Ichumarbeitung sich spontan beim Analysierten
    fortsetzen und alle weiteren Erfahrungen in dem neu erworbenen
    Sinn verwenden werden. Das geschieht auch wirklich, und soweit
    es geschieht, macht es den Analysierten tauglich zum Analytiker.

    Es ist bedauerlich, dass außerdem noch anderes geschieht.
    Man bleibt auf Eindrücke angewiesen, wenn man dies beschreiben
    will; Feindseligkeit auf der einen, Parteilichkeit auf der
    anderen Seite schaffen eine Atmosphäre, die der objektiven
    Erforschung nicht günstig ist. Es scheint also, dass zahlreiche
    Analytiker es erlernen, Abwehrmechanismen anzuwenden, die ihnen
    gestatten, Folgerungen und Forderungen der Analyse von der
    eigenen Person abzulenken, wahrscheinlich indem sie sie gegen
    andere richten, so dass sie selbst bleiben, wie sie sind, und
    sich dem kritisierenden und korrigierenden Einfluß der Analyse
    entziehen können. Es mag sein, dass dieser Vorgang dem Dichter

  • S.

    - 66 -

    recht gibt, der uns mahnt, wenn einem Menschen Macht verliehen
    wird, falle es ihm schwer, sie nicht zu mißbrauchen.8) Mitunter

    8)Anatole France: La revolte des anges.

    drängt sich dem um ein Verständnis Bemühten die unliebsame
    Analogie mit der Wirkung der Röntgenstrahlen auf, wenn man ohne
    besondere Vorsichten mit ihnen hantiert. Es wäre nicht zu ver-
    wundern, wenn durch die unausgesetzte Beschäftigung mit all dem
    Verdrängten, was in der menschlichen Seele nach Befreiung ringt,
    auch beim Analytiker alle jene Triebansprüche wachgerüttelt
    würden, die er sonst in der Unterdrückung erhalten kann. Auch
    dies sind „Gefahren der Analyse“, die zwar nicht dem passiven,
    sondern dem aktiven Partner der analytischen Situation drohen,
    und man sollte es nicht unterlassen, ihnen zu begegnen. Es kann
    nicht zweifelhaft sein, auf welche Weise. Jeder Analytiker sollte
    periodisch, etwa nach Verlauf von vielleicht fünf Jahren, sich wieder
    zum Objekt der Analyse machen, ohne sich dieses Schrittes zu
    schämen. Das hieße also, auch die Eigenanalyse würde aus einer

  • S.

    - 67 -

    endlichen eine unendliche Aufgabe, nicht nur die therapeutische
    Analyse am Kranken.

    Indes hier ist es an der Zeit, ein Mißverständnis
    abzuwehren. Ich habe nicht die Absicht zu behaupten, dass die
    Analyse überhaupt eine Arbeit ohne Abschluß ist. Wie immer man
    sich theoretisch zu dieser Frage stellen mag, die Beendigung
    einer Analyse ist, meine ich, eine Angelegenheit der Praxis.
    Jeder erfahrene Analytiker wird sich an eine Reihe von Fällen
    erinnern können, in denen er rebus bene gestis vom Patienten
    dauernden Abschied genommen hat. Weit weniger entfernt sich die
    Praxis von der Theorie in Fällen der sogenannten Charakter-
    analyse. Hier wird man nicht leicht ein natürliches Ende voraus-
    sehen können, auch wenn man sich von übertriebenen Erwartungen
    ferne hält und der Analyse keine extremen Aufgaben stellt. Man
    wird sich nicht zum Ziel setzen, alle menschlichen Eigenarten
    zu Gunsten einer schematischen Normalität abzuschleifen oder gar
    zu fordern, dass der „gründlich Analysierte“ keine Leidenschaften
    verspüren und keine inneren Konflikte entwickeln dürfe. Die

  • S.

    - 68 -

    Analyse soll die für die Ichfunktionen günstigsten psychologischen
    Bedingungen herstellen; damit wäre ihre Aufgabe erledigt.

    VIII.

    In therapeutischen ebenso wie in Charakteranalysen
    wird man auf die Tatsache aufmerksam, dass zwei Themen sich
    besonders hervortun und dem Analytiker ungewöhnlich viel zu
    schaffen machen. Man kann das Gesetzmässige, das sich darin
    äußert, nicht lange verkennen. Die beiden Themen sind an die
    Differenz der Geschlechter gebunden; das eine ist ebenso
    charakteristisch für den Mann wie das andere für das Weib.
    Trotz der Verschiedenheit des Inhalts sind es offenbare Ent-
    sprechungen. Etwas, das beiden Geschlechtern gemeinsam ist, ist
    durch den Geschlechtsunterschied in eine andere Ausdrucksform
    gepreßt worden.

    Die beiden einander entsprechenden Themen sind für
    das Weib der Penisneid – das positive Streben nach dem Besitz
    eines männlichen Genitales –, für den Mann das Sträuben gegen
    seine passive oder feminine Einstellung zum anderen Mann. Das
    Gemeinsame hat die psychoanalytische Nomenklatur frühzeitig als

  • S.

    - 69 -

    Verhalten zum Kastrationskomplex herausgehoben, Alfred Adler
    hat später die für den Mann voll zutreffende Bezeichnung
    „männlicher Protest“ in Gebrauch gebracht; ich meine, „Ablehnung
    der Weiblichkeit“ wäre vom Anfang an die richtige Beschreibung
    dieses so merkwürdigen Stücks des menschlichen Seelenlebens
    gewesen.

    Beim Versuch einer Einfügung in unser theoretisches
    Lehrgebäude darf man nicht übersehen, dass dieser Faktor seiner
    Natur nach nicht die gleiche Unterbringung bei beiden Geschlech-
    tern finden kann. Beim Mann ist das Männlichkeitsstreben von
    Anfang an und durchaus ichgerecht; die passive Einstellung wird,
    da sie die Annahme der Kastration voraussetzt, energisch verdrängt,
    und oftmals weisen nur exzessive Überkompensationen auf ihr
    Vorhandensein hin. Auch beim Weib ist das Streben nach Männlich-
    keit zu einer gewissen Zeit ichgerecht, nämlich in der phallischen
    Phase, vor der Entwicklung zur Feminität. Dann aber unterliegt
    es jenem bedeutsamen Verdrängungsprozeß, von dessen Ausgang, wie
    oft dargestellt, die Schicksale der Weiblichkeit abhängig sind.

  • S.

    - 70 -

    Sehr viel wird darauf ankommen, ob genug vom Männlichkeits-
    komplex sich der Verdrängung entzieht und den Charakter dauernd
    beeinflußt; grosse Anteile des Komplexes werden normaler Weise
    umgewandelt, um zum Aufbau der Weiblichkeit beizutragen; aus
    dem ungestillten Wunsch nach dem Penis soll der Wunsch nach
    dem Kind und nach dem Manne werden, der den Penis trägt.
    Ungewöhnlich oft aber werden wir finden, dass der Männlichkeits-
    wunsch im Unbewußten erhalten geblieben ist und von der Verdrän-
    gung her seine störenden Wirkungen entfaltet.

    Wie man aus dem Vorstehenden ersieht, ist es in beiden
    Fällen das Gegengeschlechtliche, das der Verdrängung verfällt.
    Ich habe bereits an anderer Stelle erwähnt,9) dass mir dieser
    Gesichtspunkt seinerzeit von Wilhelm Fliess vorgetragen wurde,
    der geneigt war, den Gegensatz der Geschlechter für den eigent-
    lichen Anlaß und das Urmotiv der Verdrängung zu erklären. Ich
    wiederhole nur meinen damaligen Widerspruch, wenn ich es ablehne,
    die Verdrängung in solcher Art zu sexualisieren, also sie
    biologisch anstatt nur psychologisch zu begründen.

    9) ? ? ?

  • S.

    - 71 -

    Die hervorragende Bedeutung dieser beiden Themen – des
    Peniswunsches beim Weibe und des Sträubens gegen die passive
    Einstellung beim Manne – ist der Aufmerksamkeit Ferenczis nicht
    entgangen. In seinem 1927 gehaltenen Vortrag stellt er die
    Forderung auf, dass jede erfolgreiche Analyse diese beiden
    Komplexe bewältigt haben müßte.10) Ich möchte aus eigener Erfahrung
    hinzufügen, dass ich Ferenczi hier besonders anspruchsvoll finde.
    Zu keiner Zeit der analytischen Arbeit leidet man mehr unter
    dem bedrückenden Gefühl erfolglos wiederholter Anstrengung,
    unter dem Verdacht, dass man „Fischpredigten“ abhält,
    als wenn man die Frauen bewegen will, ihren Peniswunsch als
    undurchsetzbar aufzugeben, und wenn man die Männer überzeugen
    möchte, dass eine passive Einstellung zum Mann nicht immer die
    Bedeutung einer Kastration hat und in vielen Lebensbeziehungen
    unerläßlich ist. Aus der trotzigen Überkompensation des Mannes
    leitet sich einer der stärksten Übertragungswiderstände ab.
    Der Mann will sich einem Vaterersatz nicht unterwerfen, will
    ihm nicht zu Dank verpflichtet sein, will also auch vom Arzt
    die Heilung nicht annehmen. Eine analoge Übertragung kann sich

    10) „…jeder männliche Patient muss dem Arzt gegenüber als
    Zeichen der Ueberwindung der Kastrationsangst ein Gefühl der
    Gleichberechtigung erlangen, alle weiblichen Kranken müssen,
    soll ihre Neurose als eine vollständig erledigte gelten, mit
    ihrem Männlichkeitskomplex fertig werden und sich ohne Ranküne
    den Denkmöglichkeiten der weiblichen Rolle hingeben.“ (l.c., S. 8).

  • S.

    - 72 -

    aus dem Peniswunsch des Weibes nicht herstellen, dagegen stammen
    aus dieser Quelle Ausbrüche von schwerer Depression um die
    innere Sicherheit, dass die analytische Kur nichts nützen wird
    und dass der Kranken nicht geholfen werden kann. Man wird ihr
    nicht unrecht geben, wenn man erfährt, dass die Hoffnung,
    das schmerzlich vermißte männliche Organ doch noch zu bekommen,
    das stärkste Motiv war, das sie in die Kur gedrängt hat.

    Man lernt aber auch daraus, dass es nicht wichtig
    ist, in welcher Form der Widerstand auftritt, ob als Übertragung
    oder nicht. Entscheidend bleibt, dass der Widerstand keine
    Änderung zustande kommen lässt, dass alles so bleibt, wie es ist.
    Man hat oft den Eindruck, mit dem Peniswunsch und dem männlichen
    Protest sei man durch alle psychologische Schichtung hindurch
    zum „gewachsenen Fels“ durchgedrungen und so am Ende seiner
    Tätigkeit. Das muß wohl so sein, denn für das Psychische spielt
    das Biologische wirklich die Rolle des unterliegenden gewach-
    senen Felsens. Die Ablehnung der Weiblichkeit kann ja nichts
    anderes sein als eine biologische Tatsache, ein Stück jenes

  • S.

    - 73 -

    grossen Rätsels der Geschlechtlichkeit.11) Ob und wann es uns in
    einer analytischen Kur gelungen ist, diesen Faktor zu bewältigen,
    wird schwer zu sagen sein. Wir trösten uns mit der Sicherheit,
    dass wir dem Analysierten jede mögliche Anregung geboten haben,
    seine Einstellung zu ihm zu überprüfen und zu ändern.

    11) Man darf sich durch die Bezeichnung „männlicher Protest“
    nicht zur Annahme verleiten lassen, die Ablehnung des Mannes
    gelte der passiven Einstellung, dem sozusagen sozialen Aspekt
    der Feminität. Dem widerspricht die leicht zu bestätigende
    Beobachtung, dass solche Männer häufig ein masochistisches
    Verhalten gegen das Weib, gradezu eine Hörigkeit zur Schau tragen.
    Der Mann wehrt sich nur gegen die Passivität im Verhältnis
    zum Mann, nicht gegen die Passivität überhaupt. Mit anderen
    Worten, der „männliche Protest“ ist in der Tat nichts anderes
    als Kastrationsangst.