• S.

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    I) Der Krankheitszustand

    Nachdem ich in meiner 1900 veröffentlichten „Traum-
    deutung“ nachgewiesen habe, daß Träume im allgemeinen
    deutbar sind und daß sie nach vollendeter Deutungsarbeit
    sich durch tadellos gebildete, an bekannter Stelle in den
    seelischen Zusammenhang einfügbare Gedanken ersetzen
    lassen, möchte ich auf den nachfolgenden Seiten ein Bei-
    spiel von jener einzigen praktischen Verwendung geben,
    nächstfolgenden zwei Wochen niedergeschrieben, aber erst 1905
    publiziert. Es ist nicht zu erwarten, daß mehr als zwei Dezennien
    fortgesetzter Arbeit nichts an der Auffassung und Darstellung
    eines solchen Krankheitsfalles geändert haben sollten, aber es wäre
    offenbar unsinnig, diese Krankengeschichte durch Korrekturen und
    Erweiterungen „up to date“ zu bringen, sie dem heutigen Stande
    unseres Wissens anzupassen. Ich habe sie also im wesentlichen un-
    berührt gelassen und in ihrem Text nur Flüchtigkeiten und Un-
    genauigkeiten verbessert, auf die meine ausgezeichneten englischen
    Übersetzer, Mr. und Mrs. James Strachey, meine Aufmerk-
    samkeit gelenkt hatten. Was mir an kritischen Zusätzen zulässig
    schien, habe ich in diesen Zusätzen zur Krankengeschichte unter-
    gebracht, so daß der Leser zur Annahme berechtigt ist, ich hielte
    noch heute an den im Text vertretenen Meinungen fest, wenn er
    in den Zusätzen keinen Widerspruch dagegen findet. Das Problem
    der ärztlichen Diskretion, das mich in dieser Vorrede beschäftigt,
    fällt für die anderen Krankengeschichten dieses Bandes außer Be-
    tracht, denn zwei derselben sind mit ausdrücklicher Zustimmung
    der Behandelten, beim kleinen Hans mit der des Vaters, veröffent-
    licht worden, und in einem Falle (Schreber) ist das Objekt der
    Analyse nicht eigentlich eine Person, sondern ein von ihr ausgehen-
    des Buch. Im Falle Dora ist das Geheimnis bis zu diesem Jahr
    gehütet worden. Ich habe kürzlich gehört, daß die mir längst ent-
    schwundene, jetzt neuerlich über andere Anlässe erkrankte Frau
    ihrem Arzt eröffnet hat, sie sei als Mädchen Objekt meiner Ana-
    lyse gewesen, und diese Mitteilung machte es dem kundigen Kol-
    legen leicht, in ihr die Dora aus dem Jahre 1899 zu erkennen. Daß
    die drei Monate der damaligen Behandlung nicht mehr leisteten
    als die Erledigung des damaligen Konflikts, daß sie nicht auch
    einen Schutz gegen spätere Erkrankungen hinterlassen konnten,
    wird kein billig Denkender der analytischen Therapie zum Vor-
    wurf machen.

  • S.

    15

    welche die Kunst des Traumdeutens zuzulassen scheint.
    Ich habe schon in meinem Buche4) erwähnt, auf welche
    Weise ich an die Traumprobleme geraten bin. Ich fand
    sie auf meinem Wege, während ich Psychoneurosen durch
    ein besonderes Verfahren der Psychotherapie zu heilen
    bemüht war, indem mir die Kranken unter anderen Vor-
    fällen aus ihrem Seelenleben auch Träume berichteten,
    welche nach Einreihung in den lange ausgesponnenen Zu-
    sammenhang zwischen Leidenssymptom und pathogener
    Idee zu verlangen schienen. Ich erlernte damals, wie man
    aus der Sprache des Traumes in die ohne weitere Nach-
    hilfe verständliche Ausdrucksweise unserer Denksprache
    übersetzen muß. Diese Kenntnis, darf ich behaupten, ist
    für den Psychoanalytiker unentbehrlich, denn der Traum
    stellt einen der Wege dar, wie dasjenige psychische Ma-
    terial zum Bewußtsein gelangen kann, welches kraft des
    Widerstrebens, das sein Inhalt rege macht, vom Bewußt-
    sein abgesperrt, verdrängt und somit pathogen geworden
    ist. Der Traum ist, kürzer gesagt, einer der Umwege zur
    Umgehung der Verdrängung, eines der Hauptmittel
    der sogenannten indirekten Darstellungsweise im Psychi-
    schen. Wie die Traumdeutung in der Arbeit der Analyse
    eingreift, soll nun das vorliegende Bruchstück aus der
    Behandlungsgeschichte eines hysterischen Mädchens dartun.
    Es soll mir gleichzeitig Anlaß bieten, von meinen An-
    sichten über die psychischen Vorgänge und über die orga-
    nischen Bedingungen der Hysterie zum ersten Male in
    nicht mehr mißverständlicher Breite einen Anteil öffentlich
    zu vertreten. Der Breite wegen brauche ich mich wohl
    nicht mehr zu entschuldigen, seitdem es zugegeben wird,
    daß man nur durch liebvollste Vertiefung, aber nicht

    4)Die Traumdeutung. 1900, S. 68. (Ges. Schriften, Bd. II,
    S. 103 f.)

  • S.

    16

    durch vornehmtuende Geringschätzung den großen An-
    sprüchen nachkommen kann, welche die Hysterie an den
    Arzt und Forscher stellt. Freilich:

    „Nicht Kunst und Wissenschaft allein,
    Geduld will bei dem Werke sein!“

    *

    Eine lückenlose und abgerundete Krankengeschichte vor-
    anschicken, hieße den Leser von vornherein unter ganz
    andere Bedingungen versetzen, als die des ärztlichen Beob-
    achters waren. Was die Angehörigen des Kranken — in
    diesem Falle der Vater des 18jährigen Mädchens — be-
    richten, gibt zumeist ein sehr unkenntliches Bild des
    Krankheitsverlaufs. Ich beginne dann zwar die Behand-
    lung mit der Aufforderung, mir die ganze Lebens- und
    Krankheitsgeschichte zu erzählen, aber was ich darauf zu
    hören bekomme, ist zur Orientierung noch immer nicht
    genügend. Diese erste Erzählung ist einem nicht schiff-
    baren Strom vergleichbar, dessen Bett bald durch Fels-
    massen verlegt, bald durch Sandbänke zerteilt und untief
    gemacht wird. Ich kann mich nur verwundern, wie die
    glatten und exakten Krankengeschichten Hysterischer bei
    den Autoren entstanden sind. In Wirklichkeit sind die
    Kranken unfähig, derartige Berichte über sich zu geben.
    Sie können zwar über diese oder jene Lebenszeit den Arzt
    ausreichend und zusammenhängend informieren, dann folgt
    aber eine andere Periode, in der ihre Auskünfte seicht
    werden, Lücken und Rätsel lassen, und ein andermal steht
    man wieder vor ganz dunkeln, durch keine brauchbare
    Mitteilung erhellten Zeiten. Die Zusammenhänge, auch die
    scheinbaren, sind meist zerrissen, die Aufeinanderfolge
    verschiedener Begebenheiten unsicher; während der Er-
    zählung selbst korrigiert die Kranke wiederholt eine An-

  • S.

    17

    gabe, ein Datum, um dann nach längerem Schwanken etwa
    wieder auf die erste Aussage zurückzugreifen. Die Un-
    fähigkeit der Kranken zur geordneten Darstellung ihrer
    Lebensgeschichte, soweit sie mit der Krankheitsgeschichte
    zusammenfällt, ist nicht nur charakteristisch für die Neu-
    rose,5) sie entbehrt auch nicht einer großen theoretischen
    Bedeutsamkeit. Dieser Mangel hat nämlich folgende Be-
    gründungen: Erstens hält die Kranke einen Teil dessen,
    was ihr wohlbekannt ist und was sie erzählen sollte, be-
    wußt und absichtlich aus den noch nicht überwundenen
    Motiven der Scheu und Scham (Diskretion, wenn andere
    Personen in Betracht kommen) zurück; dies wäre der
    Anteil der bewußten Unaufrichtigkeit. Zweitens bleibt ein
    Teil ihres anamnestischen Wissens, über welchen die
    Kranke sonst verfügt, während dieser Erzählung aus, ohne
    daß die Kranke einen Vorsatz auf diese Zurückhaltung
    verwendet: Anteil der unbewußten Unaufrichtigkeit. Drit-
    tens fehlt es nie an wirklichen Amnesien, Gedächtnislücken,
    in welche nicht nur alte, sondern selbst ganz rezente
    Erinnerungen hineingeraten sind, und an Erinnerungs-
    täuschungen, welche sekundär zur Ausfüllung dieser Lücken
    gebildet wurden.6) Wo die Begebenheiten selbst dem Ge-
     

    5)Einst übergab mir ein Kollege seine Schwester zur psycho-
    therapeutischen Behandlung, die, wie er sagte, seit Jahren erfolglos
    wegen Hysterie (Schmerzen und Gangstörung) behandelt wor-
    den sei. Die kurze Information schien mit der Diagnose gut ver-
    einbar; ich ließ mir in einer ersten Stunde von der Kranken selbst
    ihre Geschichte erzählen. Als diese Erzählung trotz der merk-
    würdigen Begebenheiten, auf die sie anspielte, vollkommen klar und
    ordentlich ausfiel, sagte ich mir, der Fall könne keine Hysterie sein,
    und stellte unmittelbar darauf eine sorgfältige körperliche Unter-
    suchung an. Das Ergebnis war die Diagnose eines mäßig vorgeschrit-
    tenen Tabes, die dann auch durch Hg-Injektionen (Ol. cinereum,
    von Prof. Lang ausgeführt) eine erhebliche Besserung erfuhr.
     

    6)Amnesien und Erinnerungstäuschungen stehen im komplemen-
    tären Verhältnis zueinander. Wo sich große Erinnerungslücken er-
     

  • S.

    18

    dächtnis erhalten geblieben, da wird die den Amnesien
    zugrunde liegende Absicht ebenso sicher durch Aufhebung
    eines Zusammenhanges erreicht, und der Zusammenhang
    wird am sichersten zerrissen, wenn die Zeitfolge der Be-
    gebenheiten verändert wird. Letztere erweist sich auch stets
    als der vulnerabelste, der Verdrängung am ehesten unter-
    liegende Bestandteil des Erinnerungsschatzes. Manche Er-
    innerungen trifft man sozusagen in einem ersten Stadium
    der Verdrängung, sie zeigen sich mit Zweifel behaftet. Eine
    gewisse Zeit später wäre dieser Zweifel durch Vergessen
    oder Fehlerinnern ersetzt.7)

    Ein solcher Zustand der auf die Krankheitsgeschichte be-
    züglichen Erinnerungen ist das notwendige, theoretisch
    geforderte Korrelat der Krankheitssymptome. Im
    Verlaufe der Behandlung trägt dann der Kranke nach,
    was er zurückgehalten oder was ihm nicht eingefallen ist,
    obwohl er es immer gewußt hat. Die Erinnerungstäuschun-
    gen erweisen sich als unhaltbar, die Lücken der Erinnerung
    werden ausgefüllt. Gegen Ende der Behandlung erst kann
    man eine in sich konsequente, verständliche und lückenlose
    Krankengeschichte überblicken. Wenn das praktische Ziel
    der Behandlung dahin geht, alle möglichen Symptome auf-
    zuheben und durch bewußte Gedanken zu ersetzen, so
    kann man als ein anderes, theoretisches Ziel die Aufgabe
    aufstellen, alle Gedächtnisschäden des Kranken zu heilen.
    Die beiden Ziele fallen zusammen; wenn das eine erreicht
    geben, wird man auf wenig Erinnerungstäuschungen stoßen. Um
    gekehrt können letztere das Vorhandensein von Amnesien für den
    ersten Anschein völlig verdecken.


    7)Bei zweifelnder Darstellung, lehrt eine durch Erfahrung ge-
    wonnene Regel, sehe man von dieser Urteilsäußerung des Erzählers
    völlig ab. Bei zwischen zwei Gestaltungen schwankender Darstel-
    lung halte man eher die erstgeäußerte für richtig, die zweite für
    ein Produkt der Verdrängung.

  • S.

    19

    ist, ist auch das andere gewonnen; der nämliche Weg führt
    zu beiden.

    Aus der Natur der Dinge, welche das Material der
    Psychoanalyse bilden, folgt, daß wir in unseren Kranken-
    geschichten den rein menschlichen und sozialen Verhält-
    nissen der Kranken ebensoviel Aufmerksamkeit schuldig
    sind wie den somatischen Daten und den Krankheits-
    symptomen. Vor allem anderen wird sich unser Interesse
    den Familienverhältnissen der Kranken zuwenden, und
    zwar, wie sich ergeben wird, auch anderer Beziehungen
    wegen als nur mit Rücksicht auf die zu erforschende
    Heredität.

    Der Familienkreis der 18 jährigen Patientin umfaßte
    außer ihrer Person das Elternpaar und einen um 1½ Jahre
    älteren Bruder. Die dominierende Person war der Vater,
    sowohl durch seine Intelligenz und Charaktereigenschaften
    wie durch seine Lebensumstände, welche das Gerüst für
    die Kindheits-
    und Krankengeschichte der Patientin ab-
    geben. Er war zur Zeit, als ich das Mädchen in Behandlung
    nahm, ein Mann in der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre,
    von nicht ganz gewöhnlicher Rührigkeit und Begabung,
    Großindustrieller in sehr behäbiger materieller Situation.
    Die Tochter hing an ihm mit besonderer Zärtlichkeit, und
    ihre frühzeitig erwachte Kritik nahm um so stärkeren An-
    stoß an manchen seiner Handlungen und Eigentümlichkeiten.

    Diese Zärtlichkeit war überdies durch die vielen und
    schweren Erkrankungen gesteigert worden, denen der Vater
    seit ihrem sechsten Lebensjahr unterlegen war. Damals
    wurde seine Erkrankung an Tuberkulose der Anlaß zur
    Übersiedlung der Familie in eine kleine, klimatisch be-
    günstigte Stadt unserer südlichen Provinzen; das Lungen-
    leiden besserte sich daselbst rasch, doch blieb der für
    nötig gehaltenen Schonung zuliebe dieser Ort, den ich

  • S.

    20

    mit B. bezeichnen werde, für die nächsten zehn Jahre
    ungefähr der vorwiegende Aufenthalt sowohl der Eltern
    wie auch der Kinder. Der Vater war, wenn es ihm gut
    ging, zeitweilig abwesend, um seine Fabriken zu besuchen;
    im Hochsommer wurde ein Höhenkurort aufgesucht.

    Als das Mädchen etwa zehn Jahre alt war, machte eine
    Netzhautablösung beim Vater eine Dunkelkur notwendig.
    Bleibende Einschränkung des Sehvermögens war die Folge
    dieses Krankheitszufalles. Die ernsteste Erkrankung er-
    eignete sich etwa zwei Jahre später; sie bestand in einem
    Anfalle von Verworrenheit, an den sich Lähmungserschei-
    nungen und leichte psychische Störungen anschlossen. Ein
    Freund des Kranken, dessen Rolle uns noch später be-
    schäftigen wird, bewog damals den nur wenig Gebesserten,
    mit seinem Arzte nach Wien zu reisen, um meinen Rat
    einzuholen. Ich schwankte eine Weile, ob ich nicht bei
    ihm eine Taboparalyse annehmen sollte, entschloß mich
    aber dann zur Diagnose diffuser vaskulärer Affektion und
    ließ, nachdem eine spezifische Infektion vor der Ehe vom
    Kranken zugestanden war, eine energische antiluetische Kur
    vornehmen, infolge deren sich alle noch vorhandenen Stö-
    rungen zurückbildeten. Diesem glücklichen Eingreifen ver-
    dankte ich wohl, daß mir der Vater vier Jahre später
    seine deutlich neurotisch gewordene Tochter vorstellte und
    nach weiteren zwei Jahren zur psychotherapeutischen Be-
    handlung übergab.

    Ich hatte unterdes auch eine wenig ältere Schwester des
    Patienten in Wien kennengelernt, bei der man eine schwere
    Form von Psychoneurose ohne charakteristisch-hysterische
    Symptome anerkennen mußte. Diese Frau starb nach einem
    von einer unglücklichen Ehe erfüllten Leben unter den
    eigentlich nicht voll aufgeklärten Erscheinungen eines rapid
    fortschreitenden Marasmus.

  • S.

    21

    Ein älterer Bruder des Patienten, den ich gelegentlich
    zu Gesichte bekam, war ein hypochondrischer Junggeselle.
    Das Mädchen, das im Alter von 18 Jahren meine Pa-
    tientin wurde, hatte von jeher mit seinen Sympathien auf
    Seite der väterlichen Familie gestanden und, seitdem sie
    erkrankt war, ihr Vorbild in der erwähnten Tante gesehen.
    Es war auch mir nicht zweifelhaft, daß sie sowohl mit
    ihrer Begabung und intellektuellen Frühreife als auch mit
    ihrer Krankheitsveranlagung dieser Familie angehörte. Die
    Mutter habe ich nicht kennengelernt. Nach den Mitteilungen
    des Vaters und des Mädchens mußte ich mir die Vorstellung
    machen, sie sei eine wenig gebildete, vor allem aber un-
    kluge Frau, die besonders seit der Erkrankung und der
    ihr folgenden Entfremdung ihres Mannes alle ihre Inter-
    essen auf die Hauswirtschaft konzentriere und so das Bild
    dessen biete, was man die „Hausfrauenpsychose“ nennen
    kann. Ohne Verständnis für die regeren Interessen ihrer
    Kinder, war sie den ganzen Tag mit Reinmachen und
    Reinhalten der Wohnung, Möbel und Gerätschaften in einem
    Maße beschäftigt, welches Gebrauch und Genuß derselben
    fast unmöglich machte. Man kann nicht umhin, diesen Zu-
    stand, von dem sich Andeutungen häufig genug bei nor-
    malen Hausfrauen finden, den Formen von Wasch-
    und
    anderem Reinlichkeitszwang an die Seite zu stellen; doch
    fehlt es bei solchen Frauen, wie auch bei der Mutter
    unserer Patientin, völlig an der Krankheitserkenntnis und
    somit an einem wesentlichen Merkmal der „Zwangsneu-
    rose“. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war
    seit Jahren ein sehr unfreundliches. Die Tochter übersah
    die Mutter, kritisierte sie hart und hatte sich ihrem Ein-
    fluß völlig entzogen.8)

    8)Ich stehe zwar nicht auf dem Standpunkte, die einzige Ätio-
    logie der Hysterie sei die Heredität, möchte aber gerade mit Hin-

  • S.

    22

    Der einzige, um 1½ Jahre ältere Bruder des Mädchens
    war ihr in früheren Jahren das Vorbild gewesen, dem ihr
    Ehrgeiz nachgestrebt hatte. Die Beziehungen der beiden
    Geschwister hatten sich in den letzten Jahren gelockert.
    Der junge Mann suchte sich den Familienwirren möglichst
    zu entziehen; wo er Partei nehmen mußte, stand er auf
    seiten der Mutter. So hatte die gewöhnliche sexuelle Attrak-
    tion Vater und Tochter einerseits, Mutter und Sohn ander-
    seits einander näher gebracht.

    Unsere Patientin, der ich fortan ihren Namen Dora geben
    will, zeigte schon im Alter von acht Jahren nervöse Sym-
    blick auf frühere Publikationen (L’hérédité et l’étiologie des
    névroses. Revue neurologique, 1896; enthalten in Bd. I der Ges.
    Schriften), in denen ich den obigen Satz bekämpfe, nicht den
    Anschein erwecken, als unterschätzte ich die Heredität in der Ätio-
    logie der Hysterie oder hielte sie überhaupt für entbehrlich. Für
    den Fall unserer Patientin ergibt sich eine genügende Krankheits-
    belastung aus dem über den Vater und dessen Geschwister Mit-
    geteilten; ja, wer der Anschauung ist, daß auch Krankheitszustände
    wie der der Mutter ohne hereditäre Disposition unmöglich sind,
    wird die Heredität dieses Falles für eine konvergente erklären kön-
    nen. Mir erscheint für die hereditäre oder besser konstitutionelle
    Disposition des Mädchens ein anderes Moment bedeutsamer. Ich
    habe erwähnt, daß der Vater vor der Ehe Syphilis überstanden
    hatte. Nun stammt ein auffällig großer Prozentsatz meiner
    psychoanalytisch behandelten Kranken von Vätern ab, die an
    Tabes oder an Paralyse gelitten haben. Infolge der Neuheit meines
    therapeutischen Verfahrens fallen mir nur die schwersten
    Fälle zu, die bereits jahrelang ohne jeglichen Erfolg behandelt
    worden sind. Tabes oder Paralyse des Erzeugers darf man als
    Anhänger der Erb-Fournierschen Lehre als Hinweise auf eine
    stattgehabte luetische Infektion aufnehmen, welche in einer Anzahl
    von Fällen bei diesen Vätern auch von mir direkt festgestellt wor-
    den ist. In der letzten Diskussion über die Nachkommenschaft
    Syphilitischer (XIII. Internat. Medizin. Kongreß zu Paris, 2. bis
    9. August 1900, Referate von Finger, Tarnowsky, Jullien
    u. a.) vermisse ich die Erwähnung der Tatsache, zu deren An-
    erkennung mich meine Erfahrung als Neuropathologe drängt, daß
    Syphilis der Erzeuger als Ätiologie für die neuropathische Konsti-
    tution der Kinder sehr wohl in Betracht kommt.

  • S.

    23

    ptome. Sie erkrankte damals an permanenter, anfallsweise
    sehr gesteigerter Atemnot, die zuerst nach einer kleinen
    Bergpartie auftrat und darum auf Überanstrengung bezogen
    wurde. Der Zustand klang im Laufe eines halben Jahres
    langsam unter der ihr aufgenötigten Ruhe und Schonung
    ab. Der Hausarzt der Familie scheint bei der Diagnose
    einer rein nervösen Störung und beim Ausschluß einer
    organischen Verursachung der Dyspnoe keinen Moment
    geschwankt zu haben, aber er hielt offenbar solche Dia-
    gnose für vereinbar mit der Ätiologie der Überanstrengung.9)

    Die Kleine machte die gewöhnlichen Kinderinfektions-
    krankheiten ohne bleibende Schädigung durch. Wie sie (in
    symbolisierender Absicht!) erzählte, machte gewöhnlich der
    Bruder den Anfang mit der Erkrankung, die er im leichten
    Grade hatte, worauf sie mit schweren Erscheinungen nach-
    folgte. Gegen das Alter von 12 Jahren traten migräneartige
    halbseitige Kopfschmerzen und Anfälle von nervösem Husten
    bei ihr auf, anfangs jedesmal miteinander, bis sich die
    beiden Symptome voneinander lösten, um eine verschiedene
    Entwicklung zu erfahren. Die Migräne wurde seltener und
    war mit 16 Jahren überwunden. Die Anfälle von Tussis
    nervosa, zu denen ein gemeiner Katarrh wohl den Anstoß
    gegeben hatte, hielten die ganze Zeit über an. Als sie mit
    18 Jahren in meine Behandlung kam, hustete sie neuerdings
    in charakteristischer Weise. Die Anzahl dieser Anfälle war
    nicht festzustellen, die Dauer derselben betrug drei bis
    fünf Wochen, einmal auch mehrere Monate. In der ersten
    Hälfte eines solchen Anfalles war wenigstens in den letzten
    Jahren komplette Stimmlosigkeit das lästigste Symptom
    gewesen. Die Diagnose, daß es sich wieder um Nervosität
    handle, stand längst fest; die mannigfachen gebräuchlichen


    9)Über den wahrscheinlichen Anlaß dieser ersten Erkrankung
    siehe weiter unten.

  • S.

    24

    Behandlungen, auch Hydrotherapie und lokale Elektri-
    sierung, blieben ohne Erfolg. Das unter diesen Zuständen
    zum reifen, im Urteil sehr selbständigen Mädchen heran-
    gewachsene Kind gewöhnte sich daran, der Bemühungen der
    Ärzte zu spotten und zuletzt auf ärztliche Hilfe zu ver-
    zichten. Sie hatte sich übrigens von jeher gesträubt, den
    Arzt zu Rate zu ziehen, obwohl sie gegen die Person ihres
    Hausarztes keine Abneigung hatte. Jeder Vorschlag, einen
    neuen Arzt zu konsultieren, erregte ihren Widerstand, und
    auch zu mir trieb sie erst das Machtwort des Vaters.

    Ich sah sie zuerst im Frühsommer ihres 16. Jahres mit
    Husten und Heiserkeit behaftet und schlug schon damals
    eine psychische Kur vor, von der dann Abstand genommen
    wurde, als auch dieser länger dauernde Anfall spontan
    verging. Im Winter des nächsten Jahres war sie nach dem
    Tode ihrer geliebten Tante in Wien im Hause des Onkels
    und dessen Töchter und erkrankte hier fieberhaft an einem
    Zustand, der damals als Blinddarmentzündung diagnosti-
    ziert wurde.10) In dem darauffolgenden Herbst verließ die
    Familie endgültig den Kurort B., da die Gesundheit des
    Vaters dies zu gestatten schien, nahm zuerst in dem Orte,
    wo sich die Fabrik des Vaters befand, und kaum ein Jahr
    später in Wien dauernden Aufenthalt.

    Dora war unterdes zu einem blühenden Mädchen von
    intelligenten und gefälligen Gesichtszügen herangewachsen,
    das ihren Eltern aber schwere Sorge bereitete. Das Haupt-
    zeichen ihres Krankseins war Verstimmung und Charakter-
    veränderung geworden. Sie war offenbar weder mit sich
    noch mit den Ihrigen zufrieden, begegnete ihrem Vater
    unfreundlich und vertrug sich gar nicht mehr mit ihrer
    Mutter, die sie durchaus zur Teilnahme an der Wirtschaft
    heranziehen wollte. Verkehr suchte sie zu vermeiden; so-
     

    10)Vgl. über denselben die Analyse des zweiten Traumes.

  • S.

    25

    weit die Müdigkeit und Zerstreutheit, über die sie klagte,
    es zuließen, beschäftigte sie sich mit dem Anhören von
    Vorträgen für Damen und trieb ernstere Studien. Eines
    Tages wurden die Eltern in Schreck versetzt durch einen
    Brief, den sie auf oder in dem Schreibtisch des Mädchens
    fanden, in dem sie Abschied von ihnen nahm, weil sie das
    Leben nicht mehr ertragen könne.11 Die nicht geringe Ein-
    sicht des Vaters ließ ihn zwar annehmen, daß kein ernst-
    hafter Selbstmordvorsatz das Mädchen beherrsche, aber
    er blieb erschüttert, und als sich eines Tages nach einem
    geringfügigen Wortwechsel zwischen Vater und Tochter bei
    letzterer ein erster Anfall von Bewußtlosigkeit12 einstellte,
    für den dann auch Amnesie bestand, wurde trotz ihres Sträu-
    bens bestimmt, daß sie in meine Behandlung treten solle.

    Die Krankengeschichte, die ich bisher skizziert, erscheint
    wohl im ganzen nicht mitteilenswert. „Petite hystérie“ mit
    den allergewöhnlichsten somatischen und psychischen Sym-
    ptomen: Dyspnoe, Tussis nervosa, Aphonie, etwa noch
    Migränen, dazu Verstimmung, hysterische Unverträglich-
    keit und ein wahrscheinlich nicht ernst gemeintes Taedium
    vitae. Es sind gewiß interessantere Krankengeschichten von
    Hysterischen veröffentlicht worden und sehr oft sorgfältiger

    11)Diese Kur und somit meine Einsicht in die Verkettungen der
    Krankengeschichte ist, wie ich bereits mitgeteilt habe, ein Bruch-
    stück geblieben. Ich kann darum über manche Punkte keinen Auf-
    schluß geben oder nur Andeutungen und Vermutungen verwerten.
    Als dieser Brief in einer Sitzung zur Sprache kam, fragte das Mäd-
    chen wie erstaunt: „Wie haben sie den Brief nur gefunden? Er
    war doch in meinem Schreibtische eingeschlossen.“ Da sie aber
    wußte, daß die Eltern diesen Entwurf zu einem Abschiedsbrief ge-
    lesen hatten, so schließe ich, daß sie ihnen denselben selbst in die
    Hände gespielt.

    12)Ich glaube, daß in diesem Anfalle auch Krämpfe und Deli-
    rien zu beobachten waren. Da aber die Analyse auch zu diesem
    Ereignis nicht vorgedrungen ist, verfüge ich über keine gesicherte
    Erinnerung hierüber.

  • S.

    26

    aufgenommene, denn auch von Stigmen der Hautempfind-
    lichkeit, Gesichtsfeldeinschränkung u. dgl. wird man in
    der Fortsetzung nichts finden. Ich gestatte mir bloß die
    Bemerkung, daß uns alle Sammlungen von seltsamen und
    erstaunlichen Phänomenen bei Hysterie in der Erkenntnis
    dieser noch immer rätselhaften Erkrankung um nicht vieles
    gefördert haben. Was uns not tut, ist gerade die Aufklärung
    der allergewöhnlichsten Fälle und der allerhäufigsten, der
    typischen Symptome bei ihnen. Ich wäre zufrieden, wenn
    mir die Verhältnisse gestattet hätten, für diesen Fall kleiner
    Hysterie die Aufklärung vollständig zu geben. Nach meinen
    Erfahrungen an anderen Kranken zweifle ich nicht daran,
    daß meine analytischen Mittel dafür ausgereicht hätten.

    Im Jahre 1896, kurz nach der Veröffentlichung meiner
    „Studien über Hysterie“ mit Dr. J. Breuer bat ich einen
    hervorragenden Fachgenossen um sein Urteil über die darin
    vertretene psychologische Theorie der Hysterie. Er ant-
    wortete unumwunden, er halte sie für eine unberechtigte
    Verallgemeinerung von Schlüssen, die für einige wenige
    Fälle richtig sein mögen. Seither habe ich reichlich Fälle
    von Hysterie gesehen, habe mich einige Tage, Wochen oder
    Jahre mit jedem Falle beschäftigt, und in keinem einzigen
    Falle habe ich jene psychischen Bedingungen vermißt,
    welche die „Studien“ postulieren, das psychische Trauma,
    den Konflikt der Affekte und, wie ich in späteren Publi-
    kationen hinzugefügt habe, die Ergriffenheit der Sexual-
    sphäre. Man darf bei Dingen, welche durch ihr Bestreben,
    sich zu verbergen, pathogen geworden sind, freilich nicht
    erwarten, daß die Kranken sie dem Arzt entgegentragen
    werden, oder darf sich nicht bei dem ersten „Nein“, das
    sich der Forschung entgegengesetzt, bescheiden.13)


    13)Hier ein Beispiel fürs letztere. Einer meiner Wiener Kol-
    legen, dessen Überzeugung von der Belanglosigkeit sexueller Mo-

  • S.

    27

    Bei meiner Patientin Dora dankte ich es dem schon
    mehrmals hervorgehobenen Verständnis des Vaters, daß ich
    nicht selbst nach der Lebensanknüpfung, wenigstens für
    die letzte Gestaltung der Krankheit, zu suchen brauchte.
    Der Vater berichtete mir, daß er wie seine Familie in B.
    intime Freundschaft mit einem Ehepaar geschlossen hätten,
    welches seit mehreren Jahren dort ansässig war. Frau K.
    habe ihn während seiner großen Krankheit gepflegt und
    sich dadurch einen unvergänglichen Anspruch auf seine
    Dankbarkeit erworben. Herr K. sei stets sehr liebenswürdig
    gegen seine Tochter Dora gewesen, habe Spaziergänge mit
    ihr unternommen, wenn er in B. anwesend war, ihr kleine
    Geschenke gemacht, doch hätte niemand etwas Arges daran
    gefunden. Dora habe die zwei kleinen Kinder des Ehepaares
    K. in der sorgsamsten Weise betreut, gleichsam Mutter-
    stelle an ihnen vertreten. Als Vater und Tochter mich im
    Sommer vor zwei Jahren aufsuchten, waren sie eben auf
    der Reise zu Herrn und Frau K. begriffen, die Sommer-


    mente für die Hysterie durch solche Erfahrungen wahr-
    scheinlich sehr gefestigt worden ist, entschloß sich, bei einem
    14jährigen Mädchen mit bedrohlichem hysterischem Erbrechen zur peinlichen
    Frage, ob sie vielleicht gar eine Liebesbeziehung gehabt hätte. Das
    Kind antwortete: Nein, wahrscheinlich mit gutgespieltem Er-
    staunen, und erzählte in seiner respektlosen Weise der Mutter:
    Denk dir, der dumme Kerl hat mich gar gefragt, ob ich verliebt
    bin. Es kam dann in meine Behandlung und enthüllte sich —
    freilich nicht gleich bei der ersten Unterredung — als eine lang-
    jährige Masturbantin mit starkem Fluor albus (der viel Bezug auf
    das Erbrechen hatte), die sich endlich selbst entwöhnt hatte, in der
    Abstinenz aber von dem heftigsten Schuldgefühl gepeinigt wurde,
    so daß sie alle Unfälle, welche die Familie betrafen, als göttliche
    Strafe für ihre Versündigung ansah. Außerdem stand sie unter dem
    Einflusse des Romans ihrer Tante, deren uneheliche Gravidität
    (mit zweiter Determination für das Erbrechen) ihr angeblich
    glücklich verheimlicht worden war. Sie galt als ein „ganzes Kind“,
    erwies sich aber als eingeweiht in alles Wesentliche der sexuellen
    Beziehungen.

  • S.

    28

    aufenthalt an einem unserer Alpenseen genommen hatten.
    Dora sollte mehrere Wochen im Hause K. bleiben, der
    Vater wollte nach wenigen Tagen zurückreisen. Herr K.
    war in diesen Tagen auch zugegeben. Als der Vater aber zur
    Abreise rüstete, erklärte das Mädchen plötzlich mit größ-
    ter Entschiedenheit, sie reise mit, und sie hatte es auch so
    durchgesetzt. Einige Tage später gab sie erst die Auf-
    klärung für ihr auffälliges Benehmen, indem sie der Mutter
    zur Weiterbeförderung an den Vater erzählte, Herr K.
    habe auf einem Spaziergang nach einer Seefahrt gewagt, ihr
    einen Liebesantrag zu machen. Der Beschuldigte, beim näch-
    sten Zusammentreffen von Vater und Onkel zur Rede ge-
    stellt, leugnete aufs Nachdrücklichste jeden Schritt seiner-
    seits, der solche Auslegung verdient hätte, und begann das
    Mädchen zu verdächtigen, das nach der Mitteilung der
    Frau K. nur für sexuelle Dinge Interesse zeige und in ihrem
    Hause am See selbst Mantegazzas „Physiologie der
    Liebe“ und ähnliche Bücher gelesen habe. Wahrscheinlich
    habe sie, durch solche Lektüre erhitzt, sich die ganze
    Szene, von der sie erzählt, „eingebildet“.

    „Ich bezweifle nicht,“ sagte der Vater, „daß dieser Vor-
    fall die Schuld an Doras Verstimmung, Gereiztheit und
    Selbstmordideen trägt. Sie verlangt von mir, daß ich den
    Verkehr mit Herrn und besonders mit Frau K., die sie
    früher geradezu verehrt hat, abbreche. Ich kann das aber
    nicht, denn erstens halte ich selbst die Erzählung Doras
    von der unsittlichen Zumutung des Mannes für eine Phan-
    tasie, die sich ihr aufgedrängt hat, zweitens bin ich an
    Frau K. durch ehrliche Freundschaft gebunden und mag
    ihr nicht wehe tun. Die arme Frau ist sehr unglücklich mit
    ihrem Manne, von dem ich übrigens nicht die beste Meinung
    habe; sie war selbst sehr nervenleidend und hat an mir den
    einzigen Anhalt. Bei meinem Gesundheitszustand brauche

  • S.

    29

    ich Ihnen wohl nicht zu versichern, daß hinter diesem Ver-
    hältnis nichts Unerlaubtes steckt. Wir sind zwei arme Men-
    schen, die einander, so gut es geht, durch freundschaftliche
    Teilnahme trösten. Daß ich nichts an meiner eigenen Frau
    habe, ist Ihnen bekannt. Dora aber, die meinen harten Kopf
    hat, ist von ihrem Haß gegen die K. nicht abzubringen.
    Ihr letzter Anfall war nach einem Gespräch, in dem sie
    wiederum dieselbe Forderung an mich stellte. Suchen Sie
    sie jetzt auf bessere Wege zu bringen.“

    Nicht ganz im Einklang mit diesen Eröffnungen stand es,
    daß der Vater in anderen Reden die Hauptschuld an dem
    unerträglichen Wesen seiner Tochter auf die Mutter zu
    schieben suchte, deren Eigenheiten allen das Haus ver-
    leideten. Ich hatte mir aber längst vorgenommen, mein
    Urteil über den wirklichen Sachverhalt aufzuschieben, bis
    ich auch den anderen Teil gehört hätte.

    In dem Erlebnis mit Herrn K. — in der Liebeswerbung
    und der darauffolgenden Ehrenkränkung — wäre also für
    unsere Patientin Dora das psychische Trauma gegeben,
    welches seinerzeit Breuer und ich als unerläßliche Vor-
    bedingung für die Entstehung eines hysterischen Krank-
    heitszustandes hingestellt haben. Dieser neue Fall zeigt aber
    auch alle die Schwierigkeiten, die mich seither veranlaßt
    haben, über diese Theorie hinaus zu gehen,14) vermehrt

    14)Ich bin über diese Theorie hinausgegangen, ohne sie auf-
    zugeben, d. h. ich erkläre sie heute nicht für unrichtig, sondern für
    unvollständig. Aufgegeben habe ich bloß die Betonung des so-
    genannten hypnoiden Zustandes, der aus Anlaß des Traumas bei
    dem Kranken auftreten und die Begründung für das weitere
    psychologisch abnorme Geschehen auf sich nehmen soll. Wenn es
    bei gemeinsamer Arbeit gestattet ist, nachträglich eine Eigentums-
    scheidung vorzunehmen, so möchte ich hier doch aussagen, daß
    die Aufstellung der „hypnoiden Zustände“, in welcher dann
    manche Referenten den Kern unserer Arbeit erkennen wollten, der
    ausschließlichen Initiative Breuers entsprungen ist. Ich halte es

  • S.

    30

    durch eine neue Schwierigkeit besonderer Art. Das uns be-
    kannte Trauma der Lebensgeschichte ist nämlich, wie so
    oft in den hysterischen Krankengeschichten, untauglich, um
    die Eigenart der Symptome zu erklären, sie zu determinie-
    ren; wir würden ebensoviel oder ebensowenig vom Zusam-
    menhang erfassen, wenn andere Symptome als Tussis ner-
    vosa, Aphonie, Verstimmung und Taedium vitae der Erfolg
    des Traumas gewesen wären. Nun kommt aber hinzu, daß
    ein Teil dieser Symptome — der Husten und die Stimm-
    losigkeit — schon Jahre vor dem Trauma von der Kranken
    produziert worden sind, und daß die ersten Erscheinungen
    überhaupt der Kindheit angehören, da sie in das achte
    Lebensjahr fallen. Wir müssen also, wenn wir die trauma-
    tische Theorie nicht aufgeben wollen, bis auf die Kindheit
    zurückgreifen, um dort nach Einflüssen oder Eindrücken
    zu suchen, welche analog einem Trauma wirken können,
    und dann ist es recht bemerkenswert, daß mich auch die
    Untersuchung von Fällen, deren erste Symptome nicht be-
    reits in der Kindheit einsetzten, zur Verfolgung der Lebens-
    geschichte bis in die ersten Kinderjahre angeregt hat.15)

    Nachdem die ersten Schwierigkeiten der Kur überwunden
    waren, machte mir Dora Mitteilung von einem früheren Er-
    lebnisse mit Herrn K., welches sogar besser geeignet war,
    als sexuelles Trauma zu wirken. Sie war damals 14 Jahre
    alt. Herr K. hatte mit ihr und seiner Frau verabredet, daß
    die Damen am Nachmittag in seinen Geschäftsladen auf
    dem Hauptplatz von B. kommen sollten, um von dort aus
    eine kirchliche Feierlichkeit mitanzusehen. Er bewog aber


    für überflüssig und irreleitend, die Kontinuität des Problems,
    worin der psychische Vorgang bei der hysterischen Symptombil-
    dung bestehe, durch diese Namengebung zu unterbrechen.

    15)Vgl. meine Abhandlung: Zur Ätiologie der Hysterie. Wiener
    klinische Rundschau. 1896. Nr. 22–26. (Ges. Schriften, Bd. I,
    S. 404 ff.)

  • S.

    31

    seine Frau, zu Hause zu bleiben, entließ die Kommis und
    war allein, als das Mädchen ins Geschäft trat. Als die Zeit
    der Prozession herannahte, ersuchte er das Mädchen, ihn
    bei der Türe, die aus dem Laden zur Treppe ins höhere
    Stockwerk führte, zu erwarten, während er die Rollbalken
    herunterließ. Er kam dann zurück, und anstatt durch die
    offene Türe hinauszugehen, preßte er plötzlich das Mäd-
    chen an sich und drückte ihm einen Kuß auf die Lippen.
    Das war wohl die Situation, um bei einem 14 jährigen un-
    berührten Mädchen eine deutliche Empfindung sexueller
    Erregtheit hervorzurufen. Dora empfand aber in diesem
    Moment einen heftigen Ekel, riß sich los und eilte an dem
    Manne vorbei zur Treppe und von dort zum Haustor. Der
    Verkehr mit Herrn K. dauerte nichtsdestoweniger fort;
    keiner von ihnen tat dieser kleinen Szene je Erwähnung,
    auch will sie dieselbe bis zur Beichte in der Kur als Ge-
    heimnis bewahrt haben. In der nächsten Zeit vermied sie
    übrigens die Gelegenheit, mit Herrn K. allein zu sein. Das
    Ehepaar K. hatte damals einen mehrtägigen Ausflug verab-
    redet, an dem auch Dora teilnehmen sollte. Nach dem Kuß
    im Laden sagte sie ihre Beteiligung ab, ohne Gründe an-
    zugeben.

    In dieser, der Reihe nach zweiten, der Zeit nach frühe-
    ren Szene ist das Benehmen des 14 jährigen Kindes bereits
    ganz und voll hysterisch. Jede Person, bei welcher ein
    Anlaß zur sexuellen Erregung überwiegend oder ausschließ-
    lich Unlustgefühle hervorruft, würde ich unbedenklich für
    eine Hysterica halten, ob sie nun somatische Symptome zu
    erzeugen fähig sei oder nicht. Den Mechanismus dieser
    Affektverkehrung aufzuklären, bleibt eine der be-
    deutsamsten, gleichzeitig eine der schwierigsten Aufgaben
    der Neurosenpsychologie. Nach meinem eigenen Urteil bin
    ich noch ein gut Stück Weges von diesem Ziel entfernt;

  • S.

    32

    im Rahmen dieser Mitteilung werde ich aber auch von
    dem, was ich weiß, nur einen Teil vorbringen können.

    Der Fall unserer Patientin Dora ist durch die Hervor-
    hebung der Affektverkehrung noch nicht genügend charak-
    terisiert; man muß außerdem sagen, hier hat eine Ver-
    schiebung der Empfindung stattgefunden. Anstatt der
    Genitalsensation, die bei einem gesunden Mädchen unter
    solchen Umständen16) gewiß nicht gefehlt hätte, stellt sich
    bei ihr die Unlustempfindung ein, welche dem Schleim-
    hauttrakt des Einganges in den Verdauungskanal zugehört,
    der Ekel. Gewiß hat auf diese Lokalisation die Lippen-
    erregung durch den Kuß Einfluß genommen; ich glaube
    aber auch noch die Wirkung eines anderen Moments zu
    erkennen.17)

    Der damals verspürte Ekel ist bei Dora nicht zum blei-
    benden Symptom geworden, auch zur Zeit der Behandlung
    war er nur gleichsam potentiell vorhanden. Sie aß schlecht
    und gestand eine gelinde Abneigung gegen Speisen zu. Da
    gegen hatte jene Szene eine andere Folge zurückgelassen,
    eine Empfindungshalluzination, die von Zeit zu Zeit auch
    während ihrer Erzählung wieder auftrat. Sie sagte, sie ver-
    spüre jetzt noch den Druck auf den Oberkörper von jener
    Umarmung. Nach gewissen Regeln der Symptombildung,
    die mir bekannt geworden sind, im Zusammenhang mit
    anderen, sonst unerklärlichen Eigentümlichkeiten der Kran-
    ken, die z. B. an keinem Manne vorbeigehen wollte, den
    sie in eifrigem oder zärtlichem Gespräch mit einer Dame

    16)Die Würdigung dieser Umstände wird durch eine spätere
    Aufklärung erleichtert werden.

    17)Akzidentelle Ursachen hatte der Ekel Doras bei diesem
    Kusse sicherlich nicht, diese wären unfehlbar erinnert und erwähnt
    worden. Ich kenne zufällig Herrn K.; es ist dieselbe Person, die
    den Vater der Patientin zu mir begleitet hat, ein noch jugendlicher
    Mann von einnehmendem Äußern.

  • S.

    33

    stehen sah, habe ich mir von dem Hergang in jener Szene
    folgende Rekonstruktion geschaffen. Ich denke, sie verspürte
    in der stürmischen Umarmung nicht bloß den Kuß auf
    ihren Lippen, sondern auch das Andrängen des erigierten
    Gliedes gegen ihren Leib. Diese ihr anstößige Wahrneh-
    mung wurde für die Erinnerung beseitigt, verdrängt und
    durch die harmlose Sensation des Druckes am Thorax
    ersetzt, die aus der verdrängten Quelle ihre übergroße
    Intensität bezieht. Eine neuerliche Verschiebung also vom
    Unterkörper auf den Oberkörper.18 Der Zwang in ihrem
    Benehmen ist hingegen so gebildet, als ginge er von der un-
    veränderten Erinnerung aus. Sie mag an keinem Manne,
    den sie in sexueller Erregung glaubt, vorbeigehen, weil sie
    das somatische Zeichen derselben nicht wieder sehen will.

    Es ist bemerkenswert, wie hier drei Symptome — der
    Ekel, die Drucksensa-
    tion am Oberkörper und die Scheu
    vor Männern in zärtlichem Gespräch — aus einem Er-
    lebnis hervorgehen, und wie erst die Aufeinanderbeziehung
    dieser drei Zeichen das Verständnis für den Hergang der
    Symptombildung ermöglicht. Der Ekel entspricht dem Ver-
    drängungssymptom von der erogenen (durch infantiles
    Lutschen, wie wir hören werden, verwöhnten) Lippenzone.
    Das Andrängen des erigierten Gliedes hat wahrscheinlich
    die analoge Veränderung an dem entsprechenden weib-
    lichen Organ, der Clitoris, zur Folge gehabt, und die Er-
    regung dieser zweiten erogenen Zone ist durch Verschie-
    bung auf den Oberkörper ersetzt worden.

    18)Solche Verschiebungen werden nicht etwa zum Zwecke dieser
    einen Erklärung angenommen, sondern ergeben sich für eine große
    Reihe von Symptomen als unabweisbare Forderung. Ich habe seit
    her von einer früher zärtlich verliebten Braut, die sich wegen
    plötzlicher Erkaltung gegen ihren Verlobten, die unter schwerer
    Verstimmung eintrat, an mich wendete, denselben Schreckeffekt
    einer Umarmung (ohne Kuß) vernommen. Hier gelang die Zurück-
    führung des Schrecks auf die wahrgenommene, aber fürs Bewußt-
    sein beseitigte Erektion des Mannes ohne weitere Schwierigkeit.

  • S.

    34

    bung auf die gleichzeitige Drucksensation am Thorax fixiert
    worden. Die Scheu vor Männern in möglicherweise sexuell
    erregtem Zustande folgt dem Mechanismus einer Phobie,
    um sich vor einer neuerlichen Wiederbelebung der ver-
    drängten Wahrnehmung zu sichern.

    Um die Möglichkeit dieser Ergänzung darzutun, habe ich
    in der vorsichtigsten Weise bei der Patientin angefragt, ob
    ihr von körperlichen Zeichen der Erregtheit am Leibe des
    Mannes etwas bekannt sei. Die Antwort lautete für heute:
    ja, für damals: sie glaube nicht. Ich habe bei dieser Pa-
    tientin von Anfang an die größte Sorgfalt aufgewendet, um
    ihr keinen neuen Wissensstoff aus dem Gebiete des Ge-
    schlechtslebens zuzuführen, und dies nicht aus Gründen der
    Gewissenhaftigkeit, sondern weil ich meine Voraussetzungen
    an diesem Falle einer harten Probe unterziehen wollte. Ich
    nannte ein Ding also erst dann beim Namen, wenn ihre
    allzu deutlichen Anspielungen die Übersetzung ins Direkte
    als ein sehr geringfügiges Wagstück erscheinen ließen. Ihre
    prompte und ehrliche Antwort ging auch regelmäßig da-
    hin, das sei ihr bereits bekannt, aber das Rätsel, woher
    sie es denn wisse, war durch ihre Erinnerungen nicht zu
    lösen. Die Herkunft all dieser Kenntnisse hatte sie ver-
    gessen.19)

    Wenn ich mir die Szene des Kusses im Laden so vor-
    stellen darf, so gelange ich zu folgender Ableitung für den
    Ekel.20) Die Ekelemfindung scheint ja ursprünglich die
    Reaktion auf den Geruch (später auch auf den Anblick) der
    Exkremente zu sein. An die exkrementellen Funktionen
    können die Genitalien und speziell das männliche Glied

    19)Vgl. den zweiten Traum.

    20)Hier wie an allen ähnlichen Stellen mache man sich nicht
    auf einfache, sondern auf mehrfache Begründung, auf Über-
    determinierung gefaßt.

  • S.

    35

    aber erinnern, weil hier das Organ außer der sexuellen
    auch der Funktion der Harnentleerung dient. Ja, diese Ver-
    richtung ist die älter bekannte und die in der vorsexuellen
    Zeit einzig bekannte. So gelangt der Ekel unter die Affekt-
    äußerungen des Sexuallebens. Es ist das inter urinas et
    faeces nascimur des Kirchenvaters, welches dem Sexualleben
    anhaftet und aller idealisierenden Bemühung zum Trotze
    von ihm nicht abzulösen ist. Ich will es aber ausdrücklich
    als meinen Standpunkt hervorheben, daß ich das Problem
    durch den Nachweis dieses Assoziationsweges nicht für ge-
    löst halte. Wenn diese Assoziation wachgerufen werden
    kann, so ist damit noch nicht erklärt, daß sie auch wach-
    gerufen wird. Sie wird es nicht unter normalen Verhält-
    nissen. Die Kenntnis der Wege macht die Kenntnis der
    Kräfte nicht überflüssig, welche diese Wege wandeln.21)

    Im übrigen fand ich es nicht leicht, die Aufmerksamkeit
    meiner Patientin auf ihren Verkehr mit Herrn K. zu len-
    ken. Sie behauptete, mit dieser Person abgeschlossen zu
    haben. Die oberste Schicht all ihrer Einfälle in den Sitzun-
    gen, alles was ihr leicht bewußt wurde und was sie als
    bewußt vom Vortag erinnerte, bezog sich immer auf den
    Vater. Es war ganz richtig, daß sie dem Vater die Fort-
    setzung des Verkehres mit Herrn und besonders mit Frau K.
    nicht verzeihen konnte. Ihre Auffassung dieses Verkehres
    war allerdings eine andere, als die der Vater selbst gehegt


    21)An all diesen Erörterungen ist viel Typisches und für
    Hysterie allgemein Gültiges. Das Thema der Erektion löst einige
    der interessantesten unter den hysterischen Symptomen. Die weib-
    liche Aufmerksamkeit, für die durch die Kleider wahrnehmbaren
    Umrisse der männlichen Genitalien wird nach ihrer Verdrängung
    zum Motiv so vieler Fälle von Menschenscheu und Gesellschafts-
    angst. Die breite Verbindung zwischen dem Sexuellen und dem
    Exkrementellen, deren pathogene Bedeutung wohl nicht groß genug
    veranschlagt werden kann, dient einer überaus reichlichen Anzahl
    von hysterischen Phobien zur Grundlage.

  • S.

    36

    wissen wollte. Für sie bestand kein Zweifel, daß es ein
    gewöhnliches Liebesverhältnis sei, das ihren Vater an die
    junge und schöne Frau knüpfe. Nichts was dazu beitragen
    konnte, diesen Satz zu erhärten, war ihrer hierin un-
    erbittlich scharfen Wahrnehmung entgangen, hier fand
    sich keine Lücke in ihrem Gedächtnisse. Die
    Bekanntschaft mit den K. hatte schon vor der schweren Er-
    krankung des Vaters begonnen; sie wurde aber erst intim,
    als sich während dieser Krankheit die junge Frau förmlich
    zur Pflegerin aufwarf, während die Mutter sich vom Bette
    des Kranken ferne hielt. In dem ersten Sommeraufent-
    halte nach der Genesung ereigneten sich Dinge, die jedermann
    über die wirkliche Natur dieser „Freundschaft“ die Augen
    öffnen mußten. Die beiden Familien hatten gemeinsam
    einen Trakt im Hotel gemietet, und da geschah es eines
    Tages, daß Frau K. erklärte, sie könne das Schlafzimmer
    nicht beibehalten, welches sie bisher mit einem ihrer Kinder
    geteilt hatte, und wenige Tage nachher gab ihr Vater sein
    Schlafzimmer auf und beide bezogen neue Zimmer, die
    Endzimmer, die nur durch den Korridor getrennt waren,
    während die aufgegebenen Räume solche Garantie gegen
    Störung nicht geboten hatten. Wenn sie dem Vater später
    Vorwürfe wegen der Frau K. machte, so pflegte er zu
    sagen, er begreife diese Feindschaft nicht, die Kinder hätten
    vielmehr allen Grund, der Frau K. dankbar zu sein. Die
    Mama, an welche sie sich dann um Aufklärung dieser
    dunkeln Rede wandte, teilte ihr mit, der Papa sei damals
    so unglücklich gewesen, daß er im Walde einen Selbstmord
    habe verüben wollen; Frau K., die es geahnt, sei ihm aber
    nachgekommen und habe ihn durch ihr Bitten bestimmt,
    sich den Seinigen zu erhalten. Sie glaube natürlich nicht
    daran, man habe wohl die beiden im Walde mitsammen
    gesehen, und da habe der Papa dies Märchen vom Selbst-

  • S.

    37

    mord erfunden, um das Rendezvous zu rechtfertigen.22)
    Als sie dann nach B. zurückkehrten, war der Papa täglich
    zu bestimmten Stunden bei Frau K., während der Mann im
    Geschäft war. Alle Leute hätten darüber gesprochen und
    sie in bezeichnender Weise danach gefragt. Herr K. selbst
    habe oft gegen ihre Mama bitter geklagt, sie selbst aber
    mit Anspielungen auf den Gegenstand verschont, was sie
    ihm als Zartgefühl anzurechnen schien. Bei gemeinsamen
    Spaziergängen wußten Papa und Frau K. es regelmäßig so
    einzurichten, daß er mit Frau K. allein blieb. Es war kein
    Zweifel, daß sie Geld von ihm nahm, denn sie machte Aus-
    gaben, die sie unmöglich aus eigenen Mitteln oder aus
    denen ihres Mannes bestreiten konnte. Der Papa begann
    auch, ihr große Geschenke zu machen; um diese zu ver-
    decken, wurde er gleichzeitig besonders freigebig gegen
    die Mutter und gegen sie (Dora) selbst. Die bis dahin
    kränkliche Frau, die selbst für Monate eine Nervenheil-
    anstalt aufsuchen mußte, weil sie nicht gehen konnte, war
    seither gesund und lebensfrisch.

    Auch nachdem sie B. verlassen hatten, setzte sich der
    mehrjährige Verkehr fort, indem der Vater von Zeit zu
    Zeit erklärte, er vertrage das rauhe Klima nicht, müsse
    etwas für sich tun, zu husten und zu klagen begann, bis er
    plötzlich nach B. abgereist war, von wo aus er die heiter-
    sten Briefe schrieb. All diese Krankheiten waren nur Vor-
    wände, um seine Freundin wiederzusehen. Dann hieß es
    eines Tages, sie übersiedelten nach Wien, und sie fing an,
    einen Zusammenhang zu vermuten. Wirklich waren sie
    kaum drei Wochen in Wien, als sie hörte, K.s seien gleich-
    falls nach Wien übersiedelt. Sie befänden sich auch gegen-
    wärtig hier, und sie träfe den Papa häufig mit Frau K. auf

    22)Dies die Anknüpfung für ihre eigene Selbstmordkomödie,
    die also etwa die Sehnsucht nach einer ähnlichen Liebe ausdrückt,

  • S.

    38

    der Straße. Auch Herrn K. begegne sie öfters, er blicke ihr
    immer nach, und als er sie einmal alleingehend getroffen,
    sei er ihr ein großes Stück weit nachgegangen, um sich
    zu überzeugen, wohin sie gehe, ob sie nicht etwa ein Ren-
    dezvous habe.

    Daß der Papa unaufrichtig sei, einen Zug von Falsch-
    heit in seinem Charakter habe, nur an seine eigene Be-
    friedigung denke und die Gabe besitze, sich die Dinge so
    zurecht zu legen, wie es ihm am besten passe, solche Kritik
    bekam ich besonders in den Tagen zu hören, als der Vater
    wieder einmal seinen Zustand verschlimmert fühlte und für
    mehrere Wochen nach B. abreiste, worauf die scharfsichtige
    Dora bald ausgekundschaftet hatte, daß auch Frau K. eine
    Reise nach demselben Ziel zum Besuch ihrer Verwandten
    unternommen hatte.

    Ich konnte die Charakteristik des Vaters im allgemeinen
    nicht bestreiten; es war auch leicht zu sehen, mit welchem
    besonderen Vorwurf Dora im Rechte war. Wenn sie in
    erbitterter Stimmung war, drängte sich ihr die Auffassung
    auf, daß sie Herrn K. ausgeliefert worden sei als Preis
    für seine Duldung der Beziehungen zwischen Doras Vater
    und seiner Frau, und man konnte hinter ihrer Zärtlich-
    keit für den Vater die Wut über solche Verwendung ahnen.
    Zu anderen Zeiten wußte sie wohl, daß sie sich mit solchen
    Reden einer Übertreibung schuldig gemacht hatte. Einen
    förmlichen Pakt, in dem sie als Tauschobjekt behandelt
    worden, hatten die beiden Männer natürlich niemals ge-
    schlossen; der Vater zumal wäre vor einer solchen Zu-
    mutung entsetzt zurückgewichen. Aber er gehörte zu jenen
    Männern, die einem Konflikt dadurch die Spitze abzu-
    brechen verstehen, daß sie ihr Urteil über das eine der zum
    Gegensatze gekommenen Themata verfälschen. Auf die
    Möglichkeit aufmerksam gemacht, daß einem heranwach-

  • S.

    39

    senden Mädchen aus dem beständigen und unbeaufsichtig-
    ten Verkehr mit dem von seiner Frau unbefriedigten Manne
    Gefahr erwachsen könne, hätte er sicherlich geantwortet:
    Auf seine Tochter könne er sich verlassen, der könne ein
    Mann wie K. nie gefährlich werden, und sein Freund selbst
    sei solcher Absichten unfähig. Oder: Dora sei noch ein
    Kind und werde von K. als Kind behandelt. Es war aber
    in Wirklichkeit so gekommen, daß jeder der beiden Männer
    es vermied, aus dem Benehmen des andern jene Konsequenz
    zu ziehen, welche für seine eigenen Begehrungen unbequem
    war. Herr K. durfte Dora alle Tage seiner Anwesenheit
    ein Jahr hindurch Blumen schicken, jede Gelegenheit zu
    kostbaren Geschenken benutzen und alle seine freie Zeit
    in ihrer Gesellschaft zubringen, ohne daß ihre Eltern in
    diesem Benehmen den Charakter der Liebeswerbung erkannt
    hätten.

    Wenn in der psychoanalytischen Behandlung eine kor-
    rekt begründete und einwandfreie Gedankenreihe auftaucht,
    so gibt es wohl einen Moment der Verlegenheit für den
    Arzt, den der Kranke zur Frage ausnutzt: „Das ist doch
    wohl alles wahr und richtig? Was wollen Sie daran ändern,
    wenn ich’s Ihnen erzählt habe?“ Man merkt dann bald,
    daß solche für die Analyse unangreifbare Gedanken vom
    Kranken dazu benutzt worden sind, um andere zu ver-
    decken, die sich der Kritik und dem Bewußtsein entziehen
    wollen. Eine Reihe von Vorwürfen gegen andere Personen
    läßt eine Reihe von Selbstvorwürfen des gleichen Inhalts
    vermuten. Man braucht nur jeden einzelnen Vorwurf auf
    die eigene Person des Redners zurückzuwenden. Diese Art,
    sich gegen einen Selbstvorwurf zu verteidigen, indem man
    den gleichen Vorwurf gegen eine andere Person erhebt,
    hat etwas unleugbar Automatisches. Sie findet ihr Vorbild
    in den „Retourkutschen“ der Kinder, die unbedenklich zur

  • S.

    40

    Antwort geben: „Du bist ein Lügner“, wenn man sie
    der Lüge beschuldigt hat. Der Erwachsene würde im Be-
    streben nach Gegenbeschimpfung nach irgendeiner realen
    Blöße des Gegners ausschauen und nicht den Hauptwert
    auf die Wiederholung des nämlichen Inhalts legen. In
    der Paranoia wird diese Projektion des Vorwurfes auf
    einen anderen ohne Inhaltsveränderung und somit ohne
    Anlehnung an die Realität als wahnbildender Vorgang
    manifest.

    Auch die Vorwürfe Doras gegen ihren Vater waren mit
    Selbstvorwürfen durchwegs des nämlichen Inhalts „unter-
    füttert“, „doubliert“, wie wir im einzelnen zeigen werden:
    Sie hatte recht darin, daß der Vater sich Herrn K.s Be-
    nehmen gegen seine Tochter nicht klar machen wollte, um
    nicht in seinem Verhältnis zu Frau K. gestört zu werden.
    Aber sie hatte genau das nämliche getan. Sie hatte sich zur
    Mitschuldigen dieses Verhältnisses gemacht und alle An-
    zeichen abgewiesen, welche sich für die wahre Natur des
    selben ergaben. Erst seit dem Abenteuer am See datierte
    ihre Klarheit darüber und ihre strengen Anforderungen an
    den Vater. All die Jahre vorher hatte sie dem Verkehr
    des Vaters mit Frau K. jeden möglichen Vorschub geleistet.
    Sie ging nie zu Frau K., wenn sie den Vater dort vermutete.
    Sie wußte, dann würden die Kinder weggeschickt worden
    sein, richtete ihren Weg so ein, daß sie die Kinder antraf,
    und ging mit ihnen spazieren. Es hatte eine Person im
    Hause gegeben, welche ihr frühzeitig die Augen über die
    Beziehungen des Vaters zur Frau K. öffnen und sie zur
    Parteilnahme gegen diese Frau anreizen wollte. Dies war
    ihre letzte Gouvernante, ein älteres, sehr belesenes Mädchen
    von freien Ansichten.23 Lehrerin und Schülerin standen eine

    23)Diese Gouvernante, die alle Bücher über Geschlechtsleben
    u. dgl. las und mit dem Mädchen darüber sprach, sie aber frei-

  • S.

    41

    Weile recht gut miteinander, bis Dora sich plötzlich mit ihr
    verfeindete und auf ihrer Entlassung bestand. Solange das
    Fräulein Einfluß besaß, benutzte sie ihn dazu, gegen Frau
    K. zu hetzen. Sie setzte der Mama auseinander, daß es mit
    ihrer Würde unvereinbar sei, solche Intimität ihres Mannes
    mit einer Fremden zu dulden; sie machte auch Dora auf
    alles aufmerksam, was an diesem Verkehr auffällig war.
    Ihre Bemühungen waren aber vergebens, Dora blieb Frau K.
    zärtlich zugetan und wollte von keinem Anlaß wissen, den
    Verkehr des Vaters mit ihr anstößig zu finden. Sie gab
    sich anderseits sehr wohl Rechenschaft über die Motive, die
    ihre Gouvernante bewegten. Blind nach der einen Seite, war
    sie scharfsichtig genug nach der anderen. Sie merkte, daß
    das Fräulein in den Papa verliebt sei. Wenn der Papa an
    wesend war, schien sie eine ganz andere Person, dann
    konnte sie amüsant und dienstfertig sein. Zur Zeit, als die
    Familie in der Fabrikstadt weilte und Frau K. außer dem
    Horizonte war, hetzte sie gegen die Mama als die jetzt in
    Betracht kommende Nebenbuhlerin. Das alles nahm ihr
    Dora noch nicht übel. Erbost wurde sie erst, als sie merkte,
    daß sie selbst der Gouvernante ganz gleichgültig sei, und
    daß die ihr erwiesene Liebe tatsächlich dem Papa gelte.
    Während der Abwesenheit des Papas von der Fabrikstadt
    hatte das Fräulein keine Zeit für sie, wollte nicht mit ihr
    spazierengehen, interessierte sich nicht für ihre Arbeiten.
    Kaum daß der Papa von B. zurückgekommen war, zeigte
    sie sich wieder zu allen Dienst-
    und Hilfeleistungen bereit.
    Da ließ sie sie fallen.


    – müßig bat, alles darauf Bezügliche vor den Eltern geheimzu-
    halten, weil man ja nicht wissen könne, auf welchen Standpunkt die
    sich stellen würden, – in diesem Mädchen suchte ich eine Zeitlang
    die Quelle für all die geheime Kenntnis Doras, und ich ging
    vielleicht nicht völlig irre.

  • S.

    42

    Die Arme hatte ihr mit unerwünschter Klarheit ein Stück
    ihres eigenen Benehmens beleuchtet. So wie das Fräulein
    zeitweise gegen Dora, so war Dora gegen die Kinder des
    Herrn K. gewesen. Sie vertrat Mutterstelle an ihnen, unter-
    richtete sie, ging mit ihnen aus, schuf ihnen einen vollen
    Ersatz für das geringe Interesse, das die eigene Mutter
    ihnen zeigte. Zwischen Herrn und Frau K. war oft von
    Scheidung die Rede gewesen; sie kam nicht zustande, weil
    Herr K., der ein zärtlicher Vater war, auf keines der
    beiden Kinder verzichten wollte. Das gemeinsame Interesse
    an den Kindern war von Anfang an ein Bindemittel des
    Verkehrs zwischen Herrn K. und Dora gewesen. Die Be
    schäftigung mit den Kindern war für Dora offenbar der
    Deckmantel, der ihr selbst und Fremden etwas anderes
    verbergen sollte.

    Aus ihrem Benehmen gegen die Kinder, wie es durch das
    Benehmen des Fräuleins gegen sie selbst erläutert wurde,
    ergab sich dieselbe Folgerung wie aus ihrer stillschweigen-
    den Einwilligung in den Verkehr des Vaters mit Frau K.,
    nämlich, daß sie all die Jahre über in Herrn K. verliebt
    gewesen war. Als ich diese Folgerung aussprach, fand ich
    keine Zustimmung bei ihr. Sie berichtete zwar sofort, daß
    auch andere Personen, z. B. eine Kusine, die eine Weile
    in B. auf Besuch war, ihr gesagt hätten: „Du bist ja ganz
    ver-
    narrt in den Mann“; sie selbst wollte sich aber an diese
    Gefühle nicht erinnern. Späterhin, als die Fülle des auf
    tauchenden Materials ein Ableugnen erschwerte, gab sie
    zu, sie könne Herrn K. in B. geliebt haben, aber seit der
    Szene am See sei das vorüber.24 Jedenfalls stand es fest,
    daß der Vorwurf, sich gegen unabweisliche Pflichten taub
    gemacht und sich die Dinge so zurechtgelegt zu haben,
    wie es der eigenen verliebten Regung bequem war, der Vor-
    wurf

    24)Vgl. den zweiten Traum.

  • S.

    43

    wurf, den sie gegen den Vater erhob, auf ihre eigene Person
    zurückfiel.25

    Der andere Vorwurf, daß er seine Krank-
    heiten als Vorwände schaffe und als Mittel benütze, deckt wiederum
    ein ganzes Stück ihrer eigenen geheimen Geschichte. Sie
    klagte eines Tages über ein angeblich neues Symptom,
    schneidende Magenschmerzen, und als ich fragte: „Wen
    kopieren Sie damit?“ hatte ich es getroffen. Sie hatte am
    Tage vorher ihre Kusinen, die Töchter der verstorbenen
    Tante, besucht. Die jüngere war Braut geworden, die ältere
    war zu diesem Anlaß an Magenschmerzen erkrankt und
    sollte auf den Semmering gebracht werden. Sie meinte, das
    sei bei der Älteren nur Neid, die werde immer krank, wenn
    sie etwas erreichen wolle, und jetzt wolle sie eben vom
    Hause weg, um das Glück der Schwester nicht mit an-
    zuschen.26 Ihre eigenen Magenschmerzen sagten aber aus,
    daß sie sich mit der für eine Simulantin erklärten Kusine
    identifiziere, sei es, weil sie gleichfalls die Glücklichere um
    ihre Liebe beneidete, oder weil sie im Schicksal der älteren
    Schwester, der kurz vorher eine Liebesaffäre unglücklich
    ausgegangen war, das eigene gespiegelt sah.27 Wie nützlich
    sich Krankheiten verwenden lassen, hatte sie aber auch
    durch die Beobachtung der Frau K. erfahren. Herr K.
    war einen Teil des Jahres auf Reisen; so oft er zurückkam,
    fand er die Frau leidend, die einen Tag vorher noch, wie


    25)Hier erhebt sich die Frage: Wenn Dora Herrn K. geliebt,
    wie begründet sich ihre Abweisung in der Szene am See oder
    wenigstens die brutale, auf Erbitterung deutende Form dieser Ab-
    weisung? Wie konnte ein verliebtes Mädchen in der — wie wir
    später hören werden — keineswegs plump oder anstößig vor-
    gebrachten Werbung eine Beleidigung sehen?

    26)Ein alltägliches Vorkommnis zwischen Schwestern.

    27)Welchen weiteren Schluß ich aus den Magenschmerzen zog,
    wird später zur Sprache kommen.

  • S.

    44

    Dora wußte, wohlauf gewesen war. Dora verstand, daß die
    Gegenwart des Mannes krankmachend auf die Frau wirkte,
    und daß dieser das Kranksein willkommen war, um sich
    den verhaßten ehelichen Pflichten zu entziehen. Eine Be-
    merkung über ihre eigene Abwechslung von Leiden und
    Gesundheit während der ersten in B. verbrachten Mädchen-
    jahre, die sich an dieser Stelle plötzlich einfügte, mußte
    mich auf die Vermutung bringen, daß ihre eigenen Zustände
    in einer ähnlichen Abhängigkeit wie die der Frau K. zu
    betrachten seien. In der Technik der Psychoanalyse gilt es
    nämlich als Regel, daß sich ein innerer, aber noch ver-
    borgener Zusammenhang durch die Kontiguität, die zeit-
    liche Nachbarschaft der Einfälle kundtut, genau so wie in
    der Schrift a und b nebeneinandergesetzt bedeutet, daß
    daraus die Silbe ab gebildet werden soll. Dora hatte eine
    Unzahl von Anfällen von Husten mit Stimmlosigkeit ge-
    zeigt; sollte die Anwesenheit oder Abwesenheit des Gelieb-
    ten auf dieses Kommen und Schwinden der Krankheits-
    erscheinungen Einfluß geübt haben? Wenn dies der Fall
    war, so mußte sich irgendwo eine verräterische Überein-
    stimmung nachweisen lassen. Ich fragte, welches die mitt-
    lere Zeitdauer dieser Anfälle gewesen war. Etwa drei bis
    sechs Wochen. Wie lange die Abwesenheiten des Herrn K.
    gedauert hätten? Sie mußte zugeben, gleichfalls zwischen
    drei und sechs Wochen. Sie demonstrierte also mit ihrem
    Kranksein ihre Liebe für K. wie dessen Frau ihre Ab-
    neigung. Nur durfte man annehmen, daß sie sich um-
    gekehrt wie die Frau benommen hätte, krank gewesen
    wäre, wenn er abwesend, und gesund, nachdem er zurück-
    gekehrt. Es schien auch wirklich so zu stimmen, wenig-
    stens für eine erste Periode der Anfälle; in späteren Zeiten
    ergab sich ja wohl eine Nötigung, das Zusammentreffen
    von Krankheitsanfall und Abwesenheit des heimlich geliebten
     

  • S.

    45

    Mannes zu verwischen, damit das Geheimnis nicht durch
    die Konstanz desselben verraten würde. Dann blieb die
    Zeitdauer des Anfalls als Marke seiner ursprünglichen Be-
    deutung übrig.

    Ich erinnerte mich, seinerzeit auf der Charcotschen
    Klinik gesehen und gehört zu haben, daß bei den Personen
    mit hysterischem Mutismus das Schreiben vikariierend für
    das Sprechen eintrat. Sie schrieben geläufiger, rascher und
    besser als andere und als vorhin. Dasselbe war bei Dora
    der Fall gewesen. In den ersten Tagen ihrer Aphonie war
    ihr „das Schreiben immer besonders leicht von der Hand
    gegangen“. Diese Eigentümlichkeit erforderte als der Aus-
    druck einer physiologischen Ersatzfunktion, welche sich
    das Bedürfnis schafft, ja eigentlich keine psychologische
    Aufklärung; es war aber bemerkenswert, daß eine solche
    doch leicht zu haben war. Herr K. schrieb ihr reichlich
    von der Reise, schickte Ansichtskarten; es kam vor, daß sie
    allein von dem Termine seiner Rückkehr unterrichtet war,
    die Frau von ihm überrascht wurde. Daß man mit dem
    Abwesenden, den man nicht sprechen kann, korrespondiert,
    ist übrigens kaum weniger naheliegend, als daß man sich
    beim Versagen der Stimme durch die Schrift zu verstän-
    digen sucht. Die Aphonie Doras ließ also folgende sym-
    bolische Deutung zu: Wenn der Geliebte ferne war, ver-
    zichtete sie auf das Sprechen; es hatte seinen Wert
    verloren, da sie mit ihm nicht sprechen konnte. Dafür be-
    kam das Schreiben Bedeutung als das einzige Mittel, sich
    mit dem Abwesenden in Verkehr zu setzen.

    Werde ich nun etwa die Behauptung aufstellen, daß in
    allen Fällen von periodisch auftretender Aphonie die
    Diagnose auf die Existenz eines zeitweilig ortsabwesenden
    Geliebten zu stellen sei? Gewiß ist das nicht meine Ab-
    sicht. Die Determination des Symptoms im Falle Doras ist

  • S.

    46

    allzu spezifiziert, als daß man an eine häufige Wiederkehr
    der nämlichen akzidentellen Ätiologie denken könnte. Wel-
    chen Wert hat aber dann die Aufklärung der Aphonie in
    unserem Falle? Haben wir uns nicht vielmehr durch ein
    Spiel des Witzes täuschen lassen? Ich glaube nicht. Man
    muß sich hierbei an die so häufig gestellte Frage erinnern,
    ob die Symptome der Hysterie psychischen oder soma-
    tischen Ursprungs seien, oder, wenn das erstere zugestan-
    den ist, ob sie notwendig alle psychisch bedingt seien. Diese
    Frage ist, wie so viele andere, an deren Beantwortung man
    die Forscher immer wieder sich erfolglos bemühen sieht,
    eine nicht adäquate. Der wirkliche Sachverhalt ist in ihre
    Alternative nicht eingeschlossen. Soviel ich sehen kann, be-
    darf jedes hysterische Symptom des Beitrages von beiden
    Seiten. Es kann nicht zustande kommen ohne ein gewisses
    somatisches Entgegenkommen, welches von einem
    normalen oder krankhaften Vorgang in oder an einem
    Organe des Körpers geleistet wird. Es kommt nicht öfter
    als einmal zustande — und zum Charakter des hysterischen
    Symptoms gehört die Fähigkeit, sich zu wiederholen —,
    wenn es nicht eine psychische Bedeutung, einen Sinn hat.
    Diesen Sinn bringt das hysterische Symptom nicht mit, er
    wird ihm verliehen, gleichsam mit ihm verlötet, und er
    kann in jedem Falle ein anderer sein, je nach der Be-
    schaffenheit der nach Ausdruck ringenden unterdrückten
    Gedanken. Allerdings wirkt eine Reihe von Momenten
    darauf hin, daß die Beziehungen zwischen den unbewußten
    Gedanken und den ihnen als Ausdrucksmittel zu Gebote
    stehenden somatischen Vorgängen sich minder willkürlich
    gestalten und sich mehreren typischen Verknüpfungen an-
    nähern. Für die Therapie sind die im akzidentellen psychi-
    schen Material gegebenen Bestimmungen die wichtigeren;
    man löst die Symptome, indem man nach der psychischen

  • S.

    47

    Bedeutung derselben forscht. Hat man dann abgeräumt,
    was durch Psychoanalyse zu beseitigen ist, so kann man
    sich allerlei, wahrscheinlich zutreffende Gedanken über die
    somatischen, in der Regel konstitutionell-organischen Grund-
    lagen der Symptome machen. Auch für die Anfälle von
    Husten und Aphonie bei Dora werden wir uns nicht auf die
    psychoanalytische Deutung beschränken, sondern hinter der
    selben das organische Moment nachweisen, von dem das
    „somatische Entgegenkommen“ für den Ausdruck der Nei-
    gung zu einem zeitweilig abwesenden Geliebten ausging.
    Und wenn uns die Verknüpfung zwischen symptomatischem
    Ausdruck und unbewußtem Gedankeninhalt in diesem Falle
    als geschickt und kunstvoll gefertigt imponieren sollte, so
    werden wir gerne hören, daß sie den gleichen Eindruck
    in jedem anderen Falle, bei jedem anderen Beispiel, zu er-
    zielen vermag.

    Ich bin nun darauf vorbereitet zu hören, daß es einen
    recht mäßigen Gewinn bedeutet, wenn wir also, dank der
    Psychoanalyse, das Rätsel der Hysterie nicht mehr in der
    „besonderen Labilität der Nervenmoleküle“ oder in der
    Möglichkeit hypnoider Zustände, sondern im „somatischen
    Entgegenkommen“ suchen sollen.

    Gegen diese Bemerkung will ich doch betonen, daß das
    Rätsel so nicht nur um ein Stück zurückgeschoben, son-
    dern auch um ein Stück verkleinert ist. Es handelt sich
    nicht mehr um das ganze Rätsel, sondern um jenes Stück
    desselben, in dem der besondere Charakter der Hysterie
    zum Unterschiede von anderen Psychoneurosen ent-
    halten ist. Die psychischen Vorgänge bei allen Psycho-
    neurosen sind eine ganze Strecke weit die gleichen, dann
    erst kommt das „somatische Entgegenkommen“ in Be-
    tracht, welches den unbewußten psychischen Vorgängen
    einen Ausweg ins Körperliche verschafft. Wo dies Mo-

  • S.

    48

    ment nicht zu haben ist, wird aus dem ganzen Zustand
    etwas anderes als ein hysterisches Symptom, aber doch
    wieder etwas Verwandtes, eine Phobie etwa oder eine
    Zwangs-
    idee, kurz, ein psychisches Symptom.

    Ich kehre zu dem Vorwurf der „Simulation“ von Krank-
    heiten zurück, den Dora gegen ihren Vater erhob. Wir
    merkten bald, daß ihm nicht nur Selbstvorwürfe betreffs
    früherer Krankheitszustände, sondern auch solche, die die
    Gegenwart meinten, entsprachen. An dieser Stelle hat der
    Arzt gewöhnlich die Aufgabe, zu erraten und zu ergänzen,
    was ihm die Analyse nur in Andeutungen liefert. Ich mußte
    die Patientin aufmerksam machen, daß ihr jetziges Krank-
    sein gerade so motiviert und tendenziös sei wie das von ihr
    verstandene der Frau K. Es sei kein Zweifel, daß sie einen
    Zweck im Auge habe, den sie durch ihre Krankheit zu
    erreichen hoffe. Dieser aber könne kein anderer sein, als
    den Vater der Frau K. abwendig zu machen. Durch Bitten
    und Argumente gelänge ihr dies nicht; vielleicht hoffe sie es
    zu erreichen, wenn sie den Vater in Schreck versetze (siehe
    den Abschiedsbrief), sein Mitleid wachrufe (durch die
    Anfälle von Ohnmacht), und wenn dies alles nichts nütze,
    so räche sie sich wenigstens an ihm. Sie wisse wohl, wie
    sehr er an ihr hänge, und daß ihm jedesmal die Tränen in
    die Augen treten, wenn er nach dem Befinden seiner Toch-
    ter gefragt werde. Ich sei ganz überzeugt, sie werde sofort
    gesund sein, wenn ihr der Vater erkläre, er bringe ihrer
    Gesundheit Frau K. zum Opfer. Ich hoffe, er werde sich
    dazu nicht bewegen lassen, denn dann habe sie erfahren,
    welches Machtmittel sie in Händen habe, und werde gewiß
    nicht versäumen, sich ihrer Krankheitsmöglichkeiten jedes
    künftige Mal wieder zu bedienen. Wenn aber der Vater ihr
    nicht nachgebe, sei ich ganz gefaßt darauf, daß sie nicht
    so leicht auf ihr Kranksein verzichten werde.

  • S.

    49

    Ich übergehe die Einzelheiten, aus denen sich ergab, wie
    vollkommen richtig dies alles war, und ziehe es vor, einige
    allgemeine Bemerkungen über die Rolle der Krankheits-
    motive bei der Hysterie anzuschließen. Die Motive zum
    Kranksein sind begrifflich scharf zu scheiden von den
    Krankheitsmöglichkeiten, von dem Material, aus dem die
    Symptome gefertigt werden. Sie haben keinen Anteil an der
    Symptombildung, sind auch zu Anfang der Krankheit nicht
    vorhanden; sie treten erst sekundär hinzu, aber erst mit
    ihrem Auftreten ist die Krankheit voll konstituiert.28 Man
    kann auf ihr Vorhandensein in jedem Falle rechnen, der
    ein wirkliches Leiden bedeutet und von längerem Bestande
    ist. Das Symptom ist zuerst dem psychischen Leben ein un-
    willkommener Gast, es hat alles gegen sich und verschwin-
    det darum auch so leicht von selbst, wie es den Anschein

    28)[Zusatz 1923:] Hier ist nicht alles richtig. Der Satz, daß die
    Krankheitsmotive zu Anfang der Krankheit nicht vorhanden sind
    und erst sekundär hinzutreten, ist nicht aufrecht zu halten. Auf
    nächster Seite werden denn auch bereits Motive zum Kranksein
    erwähnt, die vor dem Ausbruch der Krankheit bestehen und an
    diesem Ausbruch mitschuldig sind. Ich habe später dem Sachver-
    halt besser Rechnung getragen, indem ich die Unterscheidung zwi-
    schen primärem und sekundärem Krankheitsgewinn
    einführte. Das Motiv zum Kranksein ist ja allemal die Absicht
    eines Gewinnes. Für den sekundären Krankheitsgewinn trifft zu,
    was in den weiteren Sätzen dieses Abschnittes gesagt ist. Ein pri-
    märer Krankheitsgewinn ist aber für jede neurotische Erkrankung
    anzuerkennen. Das Krankwerden erspart zunächst eine psychische
    Leistung, ergibt sich als die ökonomisch bequemste Lösung im
    Falle eines psychischen Konflikts (Flucht in die Krankheit),
    wenngleich sich in den meisten Fällen später die Unzweckmäßig-
    keit eines solchen Ausweges unzweideutig erweist. Dieser Anteil
    des primären Krankheitsgewinnes kann als der innere, psycho-
    logische bezeichnet werden; er ist sozusagen konstant. Überdies
    können äußere Momente, wie die als Beispiel angeführte Lage der
    von ihrem Manne unterdrückten Frau, Motive zum Krankwerden
    abgeben und so den äußerlichen Anteil des primären Krank-
    heitsgewinnes herstellen.

  • S.

    50

    hat, durch den Einfluß der Zeit. Es hat anfangs keine nütz-
    liche Verwendung im psychischen Haushalt, aber sehr häu-
    fig gelangt es sekundär zu einer solchen; irgendeine psy-
    chische Strömung findet es bequem, sich des Symptoms zu
    bedienen, und damit ist dieses zu einer Sekundärfunk-
    tion gelangt und im Seelenleben wie verankert. Wer den
    Kranken gesund machen will, stößt dann zu seinem Er-
    staunen auf einen großen Widerstand, der ihn belehrt, daß
    es dem Kranken mit der Absicht, das Leiden aufzugeben,
    nicht so ganz, so voll ernst ist.29) Man stelle sich einen
    Arbeiter, etwa einen Dachdecker vor, der sich zum Krüp-
    pel gefallen hat und nun an der Straßenecke bettelnd sein
    Leben fristet. Man komme nun als Wundertäter und ver-
    spreche ihm, das krumme Bein gerade und gehfähig her-
    zustellen. Ich meine, man darf sich nicht auf den Ausdruck
    besonderer Seligkeit in seiner Miene gefaßt machen. Gewiß
    fühlte er sich äußerst unglücklich, als er die Verletzung
    erlitt, merkte, er werde nie wieder arbeiten können und
    müsse verhungern oder von Almosen leben. Aber seither ist,
    was ihn zunächst erwerbslos machte, seine Einnahmequelle
    geworden; er lebt von seiner Krüppelhaftigkeit. Nimmt man
    ihm die, so macht man ihn vielleicht ganz hilflos; er hat
    sein Handwerk unterdessen vergessen, seine Arbeitsgewohn-
    heiten verloren, hat sich an den Müßiggang, vielleicht auch
    ans Trinken gewöhnt.

    Die Motive zum Kranksein beginnen sich häufig schon
    in der Kindheit zu regen. Das liebeshungrige Kind, welches
    die Zärtlichkeit der Eltern ungern mit seinen Geschwistern
    teilt, bemerkt, daß diese ihm voll wieder zuströmt, wenn
    die Eltern durch seine Erkrankung in Sorge versetzt wer-
    den.

    29)Ein Dichter, der allerdings auch Arzt ist, Arthur Schnitz-
    ler, hat dieser Erkenntnis in seinem „Paracelsus“ sehr richtigen
    Ausdruck gegeben.

  • S.

    51

    den. Es kennt jetzt ein Mittel, die Liebe der Eltern hervor-
    zulocken, und wird sich dessen bedienen, sobald ihm das
    psychische Material zu Gebote steht, um Kranksein zu
    produzieren. Wenn das Kind dann Frau geworden und
    ganz im Widerspruche zu den Anforderungen seiner Kin-
    derzeit mit einem wenig rücksichtsvollen Manne ver-
    heiratet ist, der ihren Willen unterdrückt, ihre Arbeits-
    kraft schonungslos ausnützt und weder Zärtlichkeit noch
    Ausgaben an sie wendet, so wird das Kranksein ihre ein-
    zige Waffe in der Lebensbehauptung. Es verschafft ihr die
    ersehnte Schonung, es zwingt den Mann zu Opfern an Geld
    und Rücksicht, die er der Gesunden nicht gebracht hätte,
    es nötigt ihn zur vorsichtigen Behandlung im Falle der Ge-
    nesung, denn sonst ist der Rückfall bereit. Das anscheinend
    Objektive, Ungewollte des Krankheitszustandes, für das
    auch der behandelnde Arzt eintreten muß, ermöglicht ihr
    ohne bewußte Vorwürfe diese zweckmäßige Verwendung
    eines Mittels, das sie in den Kinderjahren wirksam ge-
    funden hat.

    Und doch ist dieses Kranksein Werk der Absicht! Die
    Krankheitszustände sind in der Regel für eine gewisse
    Person bestimmt, so daß sie mit deren Entfernung ver-
    schwinden. Das roheste und banalste Urteil über das Krank-
    sein der Hysterischen, das man von ungebildeten Angehöri-
    gen und von Pflegerinnen hören kann, ist in gewissem
    Sinne richtig. Es ist wahr, daß die gelähmte Bettlägerige
    aufspringen würde, wenn im Zimmer Feuer ausbräche, daß
    die verwöhnte Frau alle Leiden vergessen würde, wenn
    ein Kind lebensgefährlich erkrankte oder eine Katastrophe
    die Stellung des Hauses bedrohte. Alle, die so von den
    Kranken sprechen, haben recht bis auf den einen Punkt,
    daß sie den psychologischen Unterschied zwischen Be-
    wußtem und Unbewußtem vernachlässigen, was etwa beim

  • S.

    52

    Kind noch gestattet ist, beim Erwachsenen aber nicht mehr
    angeht. Darum können alle diese Versicherungen, daß es
    nur am Willen liege, und alle Aufmunterungen und Schmä-
    hungen der Kranken nichts nützen. Man muß erst ver-
    suchen, sie selbst auf dem Umwege der Analyse von der
    Existenz ihrer Krankheitsabsicht zu überzeugen.

    In der Bekämpfung der Krankheitsmotive liegt bei der
    Hysterie ganz allgemein die Schwäche einer jeden The-
    rapie, auch der psychoanalytischen. Das Schicksal hat es
    hierin leichter, es braucht weder die Konstitution noch das
    pathogene Material des Kranken anzugreifen; es nimmt ein
    Motiv zum Kranksein weg, und der Kranke ist zeitweilig,
    vielleicht selbst dauernd von der Krankheit befreit. Wieviel
    weniger Wunderheilungen und spontanes Verschwinden von
    Symptomen würden wir Ärzte bei der Hysterie gelten
    lassen, wenn wir häufiger Einsicht in die uns verheim-
    lichten Lebensinteressen der Kranken bekämen! Hier ist
    ein Termin abgelaufen, die Rücksicht auf eine zweite
    Person entfallen, eine Situation hat sich durch äußeres Ge-
    schehen gründlich verändert, und das bisher hartnäckige
    Leiden ist mit einem Schlage gehoben, anscheinend spon-
    tan, in Wahrheit, weil ihm das stärkste Motiv, eine seiner
    Verwendungen im Leben, entzogen worden ist.

    Motive, die das Kranksein stützen, wird man wahrschein-
    lich in allen vollentwickelten Fällen antreffen. Aber es gibt
    Fälle mit rein innerlichen Motiven, wie z. B. Selbstbestra-
    fung, also Reue und Buße. Man wird dann die therapeu-
    tische Aufgabe leichter lösbar finden, als wo die Krankheit
    in Beziehung zu der Erreichung eines äußeren Zieles ge-
    setzt ist. Dies Ziel war für Dora offenbar, den Vater zu
    erweichen und ihn den Frau K. abwendig zu machen.

    Keine seiner Handlungen schien sie übrigens so erbittert
    zu haben wie seine Bereitwilligkeit, die Szene am See für

  • S.

    53

    ein Produkt ihrer Phantasie zu halten. Sie geriet außer sich,
    wenn sie daran dachte, sie sollte sich damals etwas ein-
    gebildet haben. Ich war lange Zeit in Verlegenheit, zu er-
    raten, welcher Selbstvorwurf sich hinter der leidenschaft-
    lichen Abweisung dieser Erklärung verberge. Man war im
    Rechte, etwas Verborgenes dahinter zu vermuten, denn ein
    Vorwurf, der nicht zutrifft, der beleidigt auch nicht nach-
    haltig. Anderseits kam ich zum Schlusse, daß die Er-
    zählung Doras durchaus der Wahrheit entsprechen müsse.
    Nachdem sie nur Herrn K.s Absicht verstanden, hatte sie
    ihn nicht ausreden lassen, hatte ihm einen Schlag ins Ge-
    sicht versetzt und war davongeeilt. Ihr Benehmen erschien
    dem zurückbleibenden Manne damals wohl ebenso unver-
    ständlich wie uns, denn er mußte längst aus unzähligen
    kleinen Anzeichen geschlossen haben, daß er der Neigung
    des Mädchens sicher sei. In der Diskussion über den zwei-
    ten Traum werden wir dann sowohl der Lösung dieses
    Rätsels als auch dem zunächst vergeblich gesuchten Selbst-
    vorwurf begegnen.

    Als die Anklagen gegen den Vater mit ermüdender Mo-
    notonie wiederkehrten und der Husten dabei fortbestand,
    mußte ich daran denken, daß dies Symptom eine Bedeutung
    haben könne, die sich auf den Vater beziehe. Die An-
    forderungen, die ich an eine Symptomerklärung zu stellen
    gewohnt bin, waren ohnedies lange nicht erfüllt. Nach einer
    Regel, die ich immer wieder bestätigt gefunden, aber all-
    gemein aufzustellen noch nicht den Mut hatte, bedeutet ein
    Symptom die Darstellung — Realisierung — einer Phan-
    tasie mit sexuellem Inhalt, also eine sexuelle Situation. Ich
    würde besser sagen, wenigstens eine der Bedeutungen eines
    Symptoms entspricht der Darstellung einer sexuellen Phan-
    tasie, während für die anderen Bedeutungen solche Inhalts-
    beschränkung nicht besteht. Daß ein Symptom mehr als

  • S.

    54

    eine Bedeutung hat, gleichzeitig mehreren unbewußten Ge-
    dankengängen zur Darstellung dient, erfährt man nämlich
    sehr bald, wenn man sich in die psychoanalytische Arbeit
    einläßt. Ich möchte noch hinzufügen, daß nach meiner
    Schätzung ein einziger unbewußter Gedankengang oder
    Phantasie kaum jemals zur Erzeugung eines Symptoms hin-
    reichen wird.

    Die Gelegenheit, dem nervösen Husten eine solche Deu-
    tung durch eine phantasierte sexuelle Situation zuzuweisen,
    ergab sich sehr bald. Als sie wieder einmal betonte, Frau K.
    liebe den Papa nur, weil er ein vermögender Mann sei,
    merkte ich aus gewissen Nebenumständen ihres Ausdrucks,
    die ich hier wie das meiste rein Technische der Analysen-
    arbeit übergehe, daß sich hinter dem Satze sein Gegenteil
    verberge: Der Vater sei ein unvermögender Mann. Dies
    konnte nur sexuell gemeint sein, also: Der Vater sei als
    Mann unvermögend, impotent. Nachdem sie diese Deutung
    aus bewußter Kenntnis bestätigt, hielt ich ihr vor, in wel-
    chen Widerspruch sie verfalle, wenn sie einerseits daran
    festhalte, das Verhältnis mit Frau K. sei ein gewöhnliches
    Liebesverhältnis, und anderseits behaupte, der Vater sei
    impotent, also unfähig, ein solches Verhältnis auszunützen.
    Ihre Antwort zeigte, daß sie den Widerspruch nicht an-
    zuerkennen brauchte. Es sei ihr wohl bekannt, sagte sie,
    daß es mehr als eine Art der sexuellen Befriedigung gebe.
    Die Quelle dieser Kenntnis war ihr allerdings wieder un-
    auffindbar. Als ich weiter fragte, ob sie die Inanspruch-
    nahme anderer Organe als der Genitalien für den sexuellen
    Verkehr meine, bejahte sie, und ich konnte fortsetzen:
    dann denke sie gerade an jene Körperteile, die sich bei ihr
    in gereiztem Zustande befänden (Hals, Mundhöhle). So-
    weit wollte sie freilich von ihren Gedanken nichts wissen,
    aber sie durfte es sich auch gar nicht völlig klargemacht

  • S.

    55

    haben, wenn das Symptom ermöglicht sein sollte. Die Er-
    gänzung war doch unabweisbar, daß sie sich mit ihrem
    stoßweise erfolgenden Husten, der wie gewöhnlich einen
    Kitzel im Halse als Reizanlaß angab, eine Situation von
    sexueller Befriedigung per os zwischen den zwei Personen
    vorstellte, deren Liebesbeziehung sie unausgesetzt beschäf-
    tigte. Daß die kürzeste Zeit nach dieser stillschweigend
    hingenommenen Aufklärung der Husten verschwunden war,
    stimmte natürlich recht gut; wir wollten aber nicht zu viel
    Wert auf diese Veränderung legen, weil sie ja schon so oft
    spontan eingetreten war.

    Wenn dieses Stückchen der Analyse bei dem ärztlichen
    Leser, außer dem Unglauben, der ihm ja freisteht, Be-
    fremden und Grauen erregt haben sollte, so bin ich bereit,
    diese beiden Reaktionen an dieser Stelle auf ihre Berech-
    tigung zu prüfen. Das Befremden denke ich mir motiviert
    durch mein Wagnis, mit einem jungen Mädchen — oder
    überhaupt einem Weib im Alter der Geschlechtlichkeit —
    von so heikeln und so abscheulichen Dingen zu reden. Das
    Grauen gilt wohl der Möglichkeit, daß ein unberührtes
    Mädchen von derlei Praktiken wissen und seine Phantasie
    mit ihnen beschäftigen könnte. In beiden Punkten würde ich
    zur Mäßigung und Besonnenheit raten. Es liegt weder hier
    noch dort ein Grund zur Entrüstung vor. Man kann mit
    Mädchen und Frauen von allen sexuellen Dingen sprechen,
    ohne ihnen zu schaden und ohne sich in Verdacht zu brin-
    gen, wenn man erstens eine gewisse Art, es zu tun, an-
    nimmt, und zweitens, wenn man bei ihnen die Überzeugung
    erwecken kann, daß es unvermeidlich ist. Unter denselben
    Bedingungen erlaubt sich ja auch der Gynäkologe, sie allen
    möglichen Entblößungen zu unterziehen. Die beste Art, von
    den Dingen zu reden, ist die trockene und direkte; sie ist
    gleichzeitig von der Lüsternheit, mit welcher die näm-
     

  • S.

    56

    lichen Themata in der „Gesellschaft“ behandelt werden und
    an die Mädchen wie Frauen sehr wohl gewöhnt sind, am
    weitesten entfernt. Ich gebe Organen wie Vorgängen ihre
    technischen Namen und teile dieselben mit, wo sie — die
    Namen — etwa unbekannt sind. „J’appelle un chat un chat“.
    Ich habe wohl von ärztlichen und nichtärztlichen Personen
    gehört, welche sich über eine Therapie skandalisieren, in
    der solche Besprechungen vorkommen, und die entweder
    mich oder die Patienten um den Kitzel zu beneiden schei-
    nen, der sich nach ihrer Erwartung dabei einstellt. Aber
    ich kenne doch die Wohlanständigkeit dieser Herren zu
    genau, um mich über sie zu erregen. Ich werde der Ver-
    suchung, eine Satire zu schreiben, aus dem Wege gehen.
    Nur das eine will ich erwähnen, daß ich häufig die Genug-
    tuung erfahre, von einer Patientin, der die Offenheit in
    sexuellen Dingen anfänglich nicht leicht geworden, später-
    hin den Ausruf zu hören: „Nein, Ihre Kur ist doch um
    vieles anständiger als die Gespräche des Herrn X.!“

    Von der Unvermeidlichkeit der Berührung sexueller
    Themata muß man überzeugt sein, ehe man eine Hysterie-
    behandlung unternimmt, oder muß bereit sein, sich durch
    Erfahrungen überzeugen zu lassen. Man sagt sich dann:

    pour faire une omelette il faut casser des œufs.

    Die Patien-
    ten selbst sind leicht zu überzeugen; der Gelegenheiten
    dazu gibt es im Laufe der Behandlung allzu viele. Man
    braucht sich keinen Vorwurf daraus zu machen, daß man
    Tatsachen des normalen oder abnormen Sexuallebens mit
    ihnen bespricht. Wenn man einigermaßen vorsichtig ist,
    übersetzt man ihnen bloß ins Bewußte, was sie im Un-
    bewußten schon wissen, und die ganze Wirkung der Kur
    ruht ja auf der Einsicht, daß die Affektwirkungen einer
    unbewußten Idee stärker und, weil unhemmbar, schäd-
    licher sind als die einer bewußten. Man läuft niemals Ge-

  • S.

    57

    fahr, ein unerfahrenes Mädchen zu verderben; wo auch im
    Unbewußten keine Kenntnis sexueller Vorgänge besteht, da
    kommt auch kein hysterisches Symptom zustande. Wo
    man Hysterie findet, kann von „Gedankenunschuld“ im
    Sinne der Eltern und Erzieher keine Rede mehr sein. Bei
    10-, 12- und 14jährigen Kindern, Knaben wie Mädchen,
    habe ich mich von der ausnahmslosen Verläßlichkeit dieses
    Satzes überzeugt.
    Was die zweite Gefühlsreaktion betrifft, die sich nicht
    mehr gegen mich, sondern gegen die Patientin, im Falle,
    daß ich recht haben sollte, richtet und den perversen Cha-
    rakter von deren Phantasien grauenhaft findet, so möchte
    ich betonen, daß solche Leidenschaftlichkeit im Verurteilen
    dem Arzte nicht ansteht. Ich finde es auch unter anderem
    überflüssig, daß ein Arzt, der über die Verirrungen der
    sexuellen Triebe schreibt, jede Gelegenheit benutze, um in
    den Text den Ausdruck seines persönlichen Abscheus vor
    so widrigen Dingen einzuschalten. Hier liegt eine Tatsache
    vor, an die wir uns, mit Unterdrückung unserer Ge-
    schmacksrichtungen, hoffentlich gewöhnen werden. Was wir
    die sexuellen Perversionen heißen, die Überschreitungen
    der Sexualfunktion nach Körpergebiet und Sexualobjekt,
    davon muß man ohne Entrüstung reden können. Schon die
    Unbestimmtheit der Grenzen für das normal zu nennende
    Sexualleben bei verschiedenen Rassen und in verschiedenen
    Zeitepochen sollte die Eiferer abkühlen. Wir dürfen doch
    nicht vergessen, daß die uns widrigste dieser Perversionen,
    die sinnliche Liebe des Mannes für den Mann, bei einem
    uns so sehr kulturüberlegenen Volke wie den Griechen
    nicht nur geduldet, sondern selbst mit wichtigen sozialen
    Funktionen betraut war. Ein Stückchen weit, bald hier,
    bald dort, überschreitet jeder von uns die fürs Normale ge-
    zogenen engen Grenzen in seinem eigenen Sexualleben. Die

  • S.

    58

    Perversionen sind weder Bestialitäten noch Entartungen
    im pathetischen Sinne des Wortes. Es sind Entwicklungen
    von Keimen, die sämtlich in der indifferenzierten sexuellen
    Anlage des Kindes enthalten sind, deren Unterdrückung
    oder Wendung auf höhere asexuelle Ziele – deren Subli-
    mierung – die Kräfte für eine gute Anzahl unserer
    Kulturleistungen abzugeben bestimmt ist. Wo also jemand
    grob und manifest pervers geworden ist, da kann man
    richtiger sagen, er sei es geblieben, er stellt ein Stadium
    einer Entwicklungshemmung dar. Die Psychoneuro-
    tiker sind sämtlich Personen mit stark ausgebildeten, aber
    im Laufe der Entwicklung verdrängt und unbewußt gewor-
    denen perversen Neigungen. Ihre unbewußten Phantasien
    weisen daher genau den nämlichen Inhalt auf wie die akten-
    mäßig festgestellten Handlungen der Perversen, auch wenn
    sie die „Psychopathia sexualis“ von v. Krafft-Ebing,
    der naive Menschen soviel Mitschuld an der Entstehung
    perverser Neigungen zumessen, nicht gelesen haben. Die
    Psychoneurosen sind sozusagen das Negativ der Perver-
    sionen. Die sexuelle Konstitution, in welcher der Ausdruck
    der Heredität mitenthalten ist, wirkt bei den Neurotikern
    zusammen mit akzidentellen Lebenseinflüssen, welche die
    Entfaltung der normalen Sexualität stören. Die Gewässer,
    die in dem einen Strombett ein Hindernis finden, werden
    in ältere, zum Verlassen bestimmte Stromläufe zurück-
    gestaut. Die Triebkräfte für die Bildung hysterischer Sym-
    ptome werden nicht nur von der verdrängten normalen
    Sexualität, sondern auch von den unbewußten perversen
    Regungen beigestellt.30

    30Diese Sätze über sexuelle Perversionen sind mehrere Jahre
    vor dem ausgezeichneten Buche von I. Bloch (Beiträge zur Ätio-
    logie der Psychopathia sexualis. 1902 und 1903) niedergeschrieben
    worden. Vgl. auch meine in diesem Jahre (1905) erschienenen

  • S.

    59

    Die minder abstoßenden unter den sogenannten sexuellen
    Perversionen erfreuen sich der größten Verbreitung unter
    unserer Bevölkerung, wie jedermann mit Ausnahme des
    ärztlichen Autors über diese Gegenstände weiß. Oder viel-
    mehr der Autor weiß es auch; er bemüht sich nur, es zu
    vergessen in dem Moment, da er die Feder zur Hand
    nimmt, um darüber zu schreiben. Es ist also nicht wun-
    derbar, wenn unsere bald 19 jährige Hysterica, die von
    dem Vorkommen eines solchen Sexualverkehrs (des Sau-
    gens am Gliede) gehört hat, eine solche unbewußte Phan-
    tasie entwickelt und durch die Sensation von Reiz im Halse
    und durch Husten zum Ausdruck bringt. Es wäre auch
    nicht wunderbar, wenn sie ohne äußere Aufklärung zu
    solcher Phantasie gekommen wäre, wie ich es bei anderen
    Patientinnen mit Sicherheit festgestellt habe. Die somatische
    Vorbedingung für solche selbständige Schöpfung einer Phan-
    tasie, die sich dann mit dem Tun der Perversen deckt, war
    nämlich bei ihr durch eine beachtenswerte Tatsache ge-
    geben. Sie erinnerte sich sehr wohl, daß sie in ihren Kinder-
    jahren eine „Lutscherin“ gewesen war. Auch der Vater
    erinnerte sich, daß er es ihr abgewöhnt hatte, als es sich
    bis ins vierte oder fünfte Lebensjahr fortsetzte. Dora selbst
    hatte ein Bild aus ihren Kleinkindertagen in klarem Ge-
    dächtnis, wie sie in einem Winkel auf dem Boden saß, an
    ihrem linken Daumen lutschend, während sie dabei mit der
    rechten Hand den ruhig dasitzenden Bruder am Ohrläpp-
    chen zupfte. Es ist dies die vollständige Art der Selbst-
    befriedigung durch Lutschen, die mir auch andere — später
    anästhetische und hysterische — Patienten berichtet haben.
    Von einer derselben habe ich eine Angabe erhalten, die ein
    helles Licht auf die Herkunft dieser sonderbaren Gewohn-
    heit wirft.

    „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“. (6. Aufl. 1925. Enthalten
    in Bd. V der Ges. Schriften.)

  • S.

    60

    heit wirft. Die junge Frau, die sich das Lutschen überhaupt
    nie abgewöhnt hatte, sah sich in einer Kindererinnerung,
    angeblich aus der ersten Hälfte des zweiten Lebensjahres,
    an der Ammenbrust trinken und dabei die Amme rhyth-
    misch am Ohrläppchen ziehen. Ich meine, es wird niemand
    bestreiten wollen, daß die Lippen-
    und Mundschleimhaut
    für eine primäre erogene Zone erklärt werden darf,
    da sie einen Teil dieser Bedeutung noch für den Kuß, der
    als normal gilt, beibehalten hat. Die frühzeitige ausgiebige
    Betätigung dieser erogenen Zone ist also die Bedingung für
    das spätere somatische Entgegenkommen von seiten des mit
    den Lippen beginnenden Schleimhauttrakts. Wenn dann
    zu einer Zeit, wo das eigentliche Sexualobjekt, das männ-
    liche Glied, schon bekannt ist, sich Verhältnisse ergeben,
    welche die Erregung der erhalten gebliebenen erogenen
    Mundzone wieder steigern, so gehört kein großer Aufwand
    von schöpferischer Kraft dazu, um an Stelle der ursprüng-
    lichen Brustwarze und des für sie vikariierenden Fingers
    das aktuelle Sexualobjekt, den Penis, in die Befriedigungs-
    situation einzusetzen. So hat diese überaus anstößige per-
    verse Phantasie vom Saugen am Penis den harmlosesten
    Ursprung; sie ist die Umarbeitung eines prähistorisch zu
    nennenden Eindruckes vom Saugen an der Mutter-
    oder
    Ammenbrust, der gewöhnlich durch den Umgang mit ge-
    säugten Kindern wieder belebt worden ist. Meist hat dabei
    das Euter der Kuh als passende Mittelvorstellung zwischen
    Brustwarze und Penis Dienste geleistet.

    Die eben besprochene Deutung der Halssymptome Doras
    kann auch noch zu einer anderen Bemerkung Anlaß geben.
    Man kann fragen, wie sich diese phantasierte sexuelle
    Situation mit der anderen Erklärung verträgt, daß das
    Kommen und Gehen der Krankheitserscheinungen die An-
    wesenheit und Abwesenheit des geliebten Mannes nachahmt,

  • S.

    61

    also mit Einbeziehung des Benehmens der Frau den Ge
    danken ausdrückt: Wenn ich seine Frau wäre, würde ich
    ihn ganz anders lieben, krank sein (vor Sehnsucht etwa),
    wenn er verreist, und gesund (vor Seligkeit), wenn er wie
    der zu Hause ist. Darauf muß ich nach meinen Erfahrun-
    gen in der Lösung hysterischer Symptome antworten: es
    ist nicht notwendig, daß sich die verschiedenen Bedeutungen
    eines Symptoms miteinander vertragen, d. h. zu einem Zu-
    sammenhange ergänzen. Es genügt, wenn der Zusammen-
    hang durch das Thema hergestellt ist, welches all den ver-
    schiedenen Phantasien den Ursprung gegeben hat. In
    unserem Falle ist solche Verträglichkeit übrigens nicht
    ausgeschlossen; die eine Bedeutung haftet mehr am Husten,
    die andere an der Aphonie und an dem Verlauf der Zu-
    stände; eine feinere Analyse hätte wahrscheinlich eine viel
    weitergehende Vergeistigung der Krankheitsdetails erkennen
    lassen. Wir haben bereits erfahren, daß ein Symptom ganz
    regelmäßig mehreren Bedeutungen gleichzeitig ent-
    spricht; fügen wir nun hinzu, daß es auch mehreren Be-
    deutungen nacheinander Ausdruck geben kann. Das
    Symptom kann eine seiner Bedeutungen oder seine Haupt-
    bedeutung im Laufe der Jahre ändern, oder die leitende
    Rolle kann von einer Bedeutung auf eine andere übergehen.
    Es ist wie ein konservativer Zug im Charakter der Neurose,
    daß das einmal gebildete Symptom womöglich erhalten
    wird, mag auch der unbewußte Gedanke, der in ihm seinen
    Ausdruck fand, seine Bedeutung eingebüßt haben. Es ist
    aber auch leicht, diese Tendenz zur Erhaltung des Sym-
    ptoms mechanisch zu erklären; die Herstellung eines sol-
    chen Symptoms ist so schwierig, die Übertragung der rein
    psychischen Erregung ins Körperliche, was ich Konver-
    sion genannt habe, an soviel begünstigende Bedingungen
    gebunden, ein somatisches Entgegenkommen, wie man es

  • S.

    62

    zur Konversion bedarf, ist so wenig leicht zu haben, daß
    der Drang zur Abfuhr der Erregung aus dem Unbewußten
    dazu führt, sich womöglich mit dem bereits gangbaren Ab-
    fuhrweg zu begnügen. Viel leichter als die Schöpfung einer
    neuen Konversion scheint die Herstellung von Assoziations-
    beziehungen zwischen einem neuen abfuhrbedürftigen Ge-
    danken und dem alten, der diese Bedürftigkeit verloren hat.
    Auf dem so gebahnten Wege strömt die Erregung aus der
    neuen Erregungsquelle zur früheren Ausfuhrstelle hin, und
    das Symptom gleicht, wie das Evangelium es ausdrückt,
    einem alten Schlauch, der mit neuem Wein gefüllt ist. Er
    scheint nach diesen Erörterungen auch der somatische An-
    teil des hysterischen Symptoms als das beständigere, schwe-
    rer ersetzbare, der psychische als das veränderliche,
    leichter zu vertretende Element, so möge man doch aus
    diesem Verhältnis keine Rangordnung zwischen den beiden
    ableiten wollen. Für die psychische Therapie ist allemal
    der psychische Anteil der bedeutsamere.

    Die unablässige Wiederholung derselben Gedanken über
    das Verhältnis ihres Vaters zu Frau K. bot der Analyse bei
    Dora die Gelegenheit zu noch anderer wichtiger Ausbeute.

    Ein solcher Gedankenzug darf ein überstarker, besser ein
    verstärkter, überwertiger im Sinne Wernickes,
    genannt werden. Er erweist sich als krankhaft, trotz seines
    anscheinend korrekten Inhalts, durch die eine Eigentüm-
    lichkeit, daß er trotz aller bewußten und willkürlichen
    Denkbemühungen der Person nicht zersetzt und nicht be-
    seitigt werden kann. Mit einem normalen, noch so inten-
    siven Gedankenzuge wird man endlich fertig. Dora fühlte
    ganz richtig, daß ihre Gedanken über den Papa eine be-
    sondere Beurteilung herausforderten. „Ich kann an nichts
    anderes denken“, klagte sie wiederholt. „Mein Bruder sagt
    mir wohl, wir Kinder haben kein Recht, diese Handlungen

  • S.

    63

    des Papas zu kritisieren. Wir sollen uns darum nicht küm-
    mern und uns vielleicht sogar freuen, daß er eine Frau
    gefunden hat, an die er sein Herz hängen kann, da ihn
    die Mama doch so wenig versteht. Ich sehe das ein und
    möchte auch so denken wie mein Bruder, aber ich kann
    nicht. Ich kann es ihm nicht verzeihen.31

    Was tut man nun angesichts eines solchen überwertigen
    Gedankens, nachdem man dessen bewußte Begründung so
    wie die erfolglosen Einwendungen gegen ihn mitangehört
    hat? Man sagt sich, daß dieser überstarke Gedan-
    kenzug seine Verstärkung dem Unbewußten
    verdankt. Er ist unauflösbar für die Denkarbeit, ent-
    weder weil er selbst mit seiner Wurzel bis ins unbewußte,
    verdrängte Material reicht oder weil sich ein anderer un-
    bewußter Gedanke hinter ihm verbirgt. Letzterer ist dann
    meist sein direkter Gegensatz. Gegensätze sind immer eng
    miteinander verknüpft und häufig so gepaart, daß der
    eine Gedanke überstark bewußt, sein Wider-
    part aber verdrängt und unbewußt ist. Dieses
    Verhältnis ist ein Erfolg des Verdrängungsvorganges. Die
    Verdrängung nämlich ist häufig in der Weise bewerk-
    stelligt worden, daß der Gegensatz des zu verdrängenden
    Gedankens übermäßig verstärkt wurde. Ich heiße dies
    Reaktionsverstärkung, und den einen Gedanken, der sich
    im Bewußten überstark behauptet und nach Art eines Vor-
    urteils unzersetzbar zeigt, den Reaktionsgedanken.
    Die beiden Gedanken verhalten sich dann zueinander un-
    gefähr wie die beiden Nadeln eines astatischen Nadel-
    paares. Mit einem gewissen Überschusse an Intensität hält

    31)Ein solcher überwertiger Gedanke ist nebst tiefer Verstim-
    mung oft das einzige Symptom eines Krankheitszustandes, der ge-
    wöhnlich „Melancholie“ genannt wird, sich aber durch Psycho-
    analyse lösen läßt wie eine Hysterie.

  • S.

    64

    der Reaktionsgedanke den anstößigen in der Verdrängung
    zurück; er ist aber dadurch selbst „gedämpft“ und gegen
    die bewußte Denkarbeit gefeit. Das Bewußtmachen des ver-
    drängten Gegensatzes ist dann der Weg, um dem über-
    starken Gedanken seine Verstärkung zu entziehen.

    Man darf aus seinen Erwartungen auch den Fall nicht
    ausschließen, daß nicht eine der beiden Begründungen der
    Überwertigkeit, sondern eine Konkurrenz von beiden vor-
    liegt. Es können auch noch andere Komplikationen vor-
    kommen, die sich aber leicht einfügen lassen.

    Versuchen wir es bei dem Beispiele, das uns Dora bietet,
    zunächst mit der ersten Annahme, daß die Wurzel ihrer
    zwangsartigen Bekümmerung um das Verhältnis des Vaters
    zu Frau K. ihr selbst unbekannt sei, weil sie im Unbewuß-
    ten liege. Es ist nicht schwierig, diese Wurzel aus den
    Verhältnissen und Erscheinungen zu erraten. Ihr Benehmen
    ging offenbar weit über die Anteilssphäre der Tochter hin-
    aus, sie fühlte und handelte vielmehr wie eine eifersüch-
    tige Frau, wie man es bei ihrer Mutter begreiflich gefunden
    hätte. Mit ihrer Forderung: „Sie oder ich“, den Szenen,
    die sie aufführte, und der Selbstmorddrohung, die sie
    durchblicken ließ, setzte sie sich offenbar an die Stelle der
    Mutter. Wenn die ihrem Husten zugrunde liegende Phan-
    tasie einer sexuellen Situation richtig erraten ist, so trat
    sie in derselben an die Stelle der Frau K. Sie identifizierte
    sich also mit den beiden, jetzt und früher vom Vater ge-
    liebten Frauen. Der Schluß liegt nahe, daß ihre Neigung
    in höherem Maße dem Vater zugewendet war, als sie wußte
    oder gern zugegeben hätte, daß sie in den Vater ver-
    liebt war.

    Solche unbewußte, an ihren abnormen Konsequenzen
    kenntliche Liebesbeziehungen zwischen Vater und Tochter,
    Mutter und Sohn habe ich als Auffrischung infantiler Emp

  • S.

    65

    findungsskeime auffassen gelernt. Ich habe an anderer
    Stelle32 ausgeführt, wie frühzeitig die sexuelle Attraktion
    sich zwischen Eltern und Kindern geltend macht, und ge-
    zeigt, daß die Ödipusfabel wahrscheinlich als die dichte-
    rische Bearbeitung des Typischen an diesen Beziehungen zu
    verstehen ist. Diese frühzeitige Neigung der Tochter zum
    Vater, des Sohnes zur Mutter, von der sich wahrscheinlich
    bei den meisten Menschen eine deutliche Spur findet, muß
    bei den konstitutionell zur Neurose bestimmten, frühreifen
    und nach Liebe hungrigen Kindern schon anfänglich inten-
    siver angenommen werden. Es kommen dann gewisse hier
    nicht zu besprechende Einflüsse zur Geltung, welche die
    rudimentäre Liebesregung fixieren oder so verstärken, daß
    noch in den Kinderjahren oder erst zur Zeit der Pubertät
    etwas aus ihr wird, was einer sexuellen Neigung gleich-
    zustellen ist und was, wie diese, die Libido für sich in An-
    spruch nimmt.33 Die äußeren Verhältnisse bei unserer Pa-
    tientin sind einer solchen Annahme nicht gerade ungünstig.
    Ihre Anlage hatte sie immer zum Vater hingezogen, seine
    vielen Erkrankungen mußten ihre Zärtlichkeit für ihn stei-
    gern; in manchen Krankheiten wurde niemand anders als
    sie von ihm zu den kleinen Leistungen der Krankenpflege
    zugelassen; stolz auf ihre frühzeitig entwickelte Intelligenz
    hatte er sie schon als Kind zur Vertrauten herangezogen.
    Durch das Auftreten von Frau K. war wirklich nicht die
    Mutter, sondern sie aus mehr als einer Stellung verdrängt
    worden.

    Als ich Dora mitteilte, ich müßte annehmen, daß ihre

    32) In der „Traumdeutung“, S. 178 (Ges. Schriften, Bd. II,
    S. 263 f.), und in der dritten der „Drei Abhandlungen zur Sexual-
    theorie“ (Ges. Schriften, Bd. V, S. 82 ff.)

    33) Das hierfür entscheidende Moment ist wohl das frühzeitige
    Auftreten echter Genitalsensationen, sei es spontaner oder durch
    Verführung und Masturbation hervorgerufener. (Siehe unten.)

  • S.

    66

    Neigung zum Vater schon frühzeitig den Charakter voller
    Verliebtheit besessen habe, gab sie zwar ihre gewöhnliche
    Antwort: „Ich erinnere mich nicht daran“, berichtete aber
    sofort etwas Analoges von ihrer 7 jährigen Kusine (von
    Mutterseite), in der sie häufig wie eine Spiegelung ihrer
    eigenen Kindheit zu sehen meinte. Die Kleine war wieder
    einmal Zeugin einer erregten Auseinandersetzung zwischen
    den Eltern gewesen und hatte Dora, die darauf zu Besuch
    kam, ins Ohr geflüstert: „Du kannst dir nicht denken, wie
    ich diese Person (auf die Mutter deutend) hasse! Und wenn
    sie einmal stirbt, heirate ich den Papa.“ Ich bin gewohnt, in
    solchen Einfällen, die etwas zum Inhalte meiner Behaup-
    tung Stimmendes vorbringen, eine Bestätigung aus dem Un-
    bewußten zu sehen. Ein anderes „Ja“ läßt sich aus dem
    Unbewußten nicht vernehmen; ein unbewußtes „Nein“ gibt
    es überhaupt nicht.34

    Diese Verliebtheit in den Vater hatte sich Jahre hindurch
    nicht geäußert; vielmehr war sie mit derselben Frau, die
    sie beim Vater verdrängt hatte, eine lange Zeit im herz-
    lichsten Einvernehmen gestanden und hatte deren Verhältnis
    mit dem Vater, wie wir aus ihren Selbstvorwürfen wissen,
    noch begünstigt. Diese Liebe war also neuerdings auf-
    gefrischt worden, und wenn dies der Fall war, dürfen wir
    fragen, zu welchem Zwecke es geschah? Offenbar als
    Reaktionssymptom, um etwas anderes zu unterdrücken, was
    also im Unbewußten noch mächtig war. Wie die Dinge
    lagen, mußte ich in erster Linie daran denken, daß die
    Liebe zu Herrn K. dieses Unterdrückte sei. Ich mußte an-

    34[Zusatz 1923:] Eine andere, sehr merkwürdige und durchaus
    zuverlässige Form der Bestätigung aus dem Unbewußten, die ich
    damals noch nicht kannte, ist der Ausruf des Patienten: „Das habe
    ich nicht gedacht“ oder „daran habe ich nicht gedacht“. Diese
    Äußerung kann man geradezu übersetzen: Ja, das war mir un-
    bewußt.

  • S.

    67

    nehmen, ihre Verliebtheit dauere noch fort, habe aber seit
    der Szene am See — aus unbekannten Motiven — ein hef-
    tiges Sträuben gegen sich, und das Mädchen habe die alte
    Neigung zum Vater hervorgeholt und verstärkt, um von der
    ihr peinlich gewordenen Liebe ihrer ersten Mädchenjahre
    in ihrem Bewußtsein nichts mehr merken zu müssen. Dann
    bekam ich auch Einsicht in einen Konflikt, der geeignet
    war, das Seelenleben des Mädchens zu zerrütten. Sie war
    wohl einerseits voll Bedauern, den Antrag des Mannes
    zurückgewiesen zu haben, voll Sehnsucht nach seiner Person
    und den kleinen Zeichen seiner Zärtlichkeit; anderseits
    sträubten sich mächtige Motive, unter denen ihr Stolz leicht
    zu erraten war, gegen diese zärtlichen und sehnsüchtigen
    Regungen. So war sie dazugekommen, sich einzureden, sie
    sei mit der Person des Herrn K. fertig — dies war ihr Ge-
    winn bei diesem typischen Verdrängungsvorgange —, und
    doch mußte sie sie zum Schutze gegen die beständig zum Be-
    wußtsein andrängende Verliebtheit die infantile Neigung
    zum Vater anrufen und übertreiben. Daß sie dann fast un-
    ausgesetzt von eifersüchtiger Erbitterung beherrscht war,
    schien noch einer weiteren Determinierung fähig.35)

    Es widersprach keineswegs meiner Erwartung, daß ich
    mit dieser Darlegung bei Dora den entschiedensten Wider-
    spruch hervorrief. Das „Nein“, das man vom Patienten hört,
    nachdem man seiner bewußten Wahrnehmung zuerst den
    verdrängten Gedanken vorgelegt hat, konstatiert bloß die
    Verdrängung und deren Entschiedenheit, mißt gleichsam
    die Stärke derselben. Wenn man dieses Nein nicht als den
    Ausdruck eines unparteiischen Urteils, dessen der Kranke
    ja nicht fähig ist, auffaßt, sondern darüber hinweggeht und
    die Arbeit fortsetzt, so stellen sich bald die ersten Beweise
    ein, daß Nein in solchem Falle das gewünschte Ja be-
    deutet.

    35)Welcher wir auch begegnen werden.

  • S.

    68

    deutet. Sie gab zu, daß sie Herrn K. nicht in dem Maße
    böse sein könne, wie er es um sie verdient habe. Sie er-
    zählte, daß sie eines Tages auf der Straße Herrn K. be-
    gegnet sei, während sie in Begleitung einer Kusine war,
    die ihn nicht kannte. Die Kusine rief plötzlich: „Dora, was
    ist dir denn? Du bist ja totenbleich geworden!“ Sie hatte
    nichts von dieser Veränderung an sich gefühlt, mußte aber
    von mir hören, daß Mienenspiel und Affektausdruck eher
    dem Unbewußten gehorchen als dem Bewußten und für das
    erstere verräterisch seien.36 Ein andermal kam sie nach
    mehreren Tagen gleichmäßig heiterer Stimmung in der
    bösesten Laune zu mir, für die sie sie eine Erklärung nicht
    wußte. Sie sei heute so zuwider, erklärte sie; es sei der
    Geburtstag des Onkels, und sie bringe es nicht über sich,
    ihm zu gratulieren; sie wisse nicht, warum. Meine Deu-
    tungskunst war an dem Tage stumpf; ich ließ sie weiter-
    sprechen, und sie erinnerte sich plötzlich, daß heute ja auch
    Herr K. Geburtstag habe, was ich nicht versäumte, gegen
    sie zu verwerten. Es war dann auch nicht schwer zu er-
    klären, warum die reichen Geschenke zu ihrem eigenen
    Geburtstage einige Tage vorher ihr keine Freude bereitet
    hatten. Es fehlte das eine Geschenk, das von Herrn K.,
    welches ihr offenbar früher das wertvollste gewesen war.

    Indes hielt sie noch längere Zeit an ihrem Widerspruche
    gegen meine Behauptung fest, bis gegen Ende der Analyse
    der entscheidende Beweis für deren Richtigkeit geliefert
    wurde.

    Ich muß nun einer weiteren Komplikation gedenken, der
    ich gewiß keinen Raum gönnen würde, sollte ich als Dichter
    einen derartigen Seelenzustand für eine Novelle erfinden,
    anstatt ihn als Arzt zu zergliedern. Das Element, auf das ich

    36)Vgl.: „Ruhig kann ich euch erscheinen,
    Ruhig gehen sehen.“

  • S.

    69

    jetzt hinweisen werde, kann den schönen, poesiegerechten
    Konflikt, den wir bei Dora annehmen dürfen, nur trüben
    und verwischen; es fiele mit Recht der Zensur des Dichters,
    der ja auch vereinfacht und abstrahiert, wo er als Psycho-
    loge auftritt, zum Opfer. In der Wirklichkeit aber, die
    ich hier zu schildern bemüht bin, ist die Komplikation der
    Motive, die Häufung und Zusammensetzung seelischer Re-
    gungen, kurz, die Überdeterminierung Regel. Hinter dem
    überwertigen Gedankenzug, der sich mit dem Verhältnis
    des Vaters zu Frau K. beschäftigte, versteckte sich näm-
    lich auch eine Eifersuchtsregung, deren Objekt diese Frau
    war – eine Regung also, die nur auf der Neigung zum
    gleichen Geschlecht beruhen konnte. Es ist längst bekannt
    und vielfach hervorgehoben, daß sich bei Knaben und Mäd-
    chen in den Pubertätsjahren deutliche Anzeichen von der
    Existenz gleichgeschlechtlicher Neigung auch normalerweise
    beobachten lassen. Die schwärmerische Freundschaft für
    eine Schulkollegin mit Schwüren, Küssen, dem Versprechen
    ewiger Korrespondenz und mit aller Empfindlichkeit der
    Eifersucht ist der gewöhnliche Vorläufer der ersten inten-
    siveren Verliebtheit in einen Mann. Unter günstigen Ver-
    hältnissen versiegt die homosexuelle Strömung dann oft
    völlig; wo sich das Glück in der Liebe zum Mann nicht ein-
    stellt, wird sie oft noch in späteren Jahren von der Libido
    wieder geweckt und bis zu der oder jener Intensität ge-
    steigert. Ist soviel bei Gesunden mühelos festzustellen, so
    werden wir im Anschlusse an frühere Bemerkungen über
    die bessere Ausbildung der normalen Perversionskeime bei
    den Neurotikern auch eine stärkere homosexuelle Anlage in
    deren Konstitution zu finden erwarten. Es muß wohl so
    sein, denn ich bin noch bei keiner Psychoanalyse eines Man-
    nes oder Weibes durchgekommen, ohne eine solche recht
    bedeutsame homosexuelle Strömung zu berücksichtigen. Wo

  • S.

    70

    bei hysterischen Frauen und Mädchen die dem Manne
    geltende sexuelle Libido eine energische Unterdrückung er-
    fahren hat, da findet man regelmäßig die dem Weibe gel-
    tende durch Vikariieren verstärkt und selbst teilweise bewußt.
     

    Ich werde dieses wichtige und besonders für die Hysterie
    des Mannes zum Verständnis unentbehrliche Thema hier
    nicht weiter behandeln, weil die Analyse Doras zu Ende
    kam, ehe sie über diese Verhältnisse bei ihr Licht verbreiten
    konnte. Ich erinnere aber an jene Gouvernante, mit der sie
    anfangs in intimem Gedankenaustausch lebte, bis sie merkte,
    daß sie von ihr nicht ihrer eigenen Person, sondern des
    Vaters wegen geschätzt und gut behandelt worden sei. Dann
    zwang sie dieselbe, das Haus zu verlassen. Sie verweilte
    auch auffällig häufig und mit besonderer Betonung bei der
    Erzählung einer anderen Entfremdung, die ihr selbst rätsel-
    haft vorkam. Mit ihrer zweiten Kusine, derselben, die spä-
    ter Braut wurde, hatte sie sich immer besonders gut ver-
    standen und allerlei Geheimnisse mit ihr geteilt. Als nun
    der Vater zum erstenmal nach dem abgebrochenen Besuch
    am See wieder nach B. fuhr und Dora es natürlich ablehnte,
    ihn zu begleiten, wurde diese Kusine aufgefordert, mit dem
    Vater zu reisen, und nahm es an. Dora fühlte sich von da
    an erkaltet gegen sie und verwunderte sich selbst, wie
    gleichgültig sie ihr geworden war, obwohl sie ja zugestand,
    sie könne ihr keinen großen Vorwurf machen. Diese Emp-
    findlichkeiten veranlaßten mich zu fragen, welches ihr Ver-
    hältnis zu Frau K. bis zum Zerwürfnis gewesen war. Ich
    erfuhr dann, daß die junge Frau und das kaum erwach-
    sene Mädchen Jahre hindurch in der größten Vertraulich-
    keit gelebt hatten. Wenn Dora bei den K.s wohnte, teilte sie
    das Schlafzimmer mit der Frau; der Mann wurde aus-
    quartiert. Sie war die Vertraute und Beraterin der Frau in
    allen Schwierigkeiten ihres ehelichen Lebens gewesen; es
     

  • S.

    71

    gab nichts, worüber sie nicht gesprochen hatten. Medea war
    ganz zufrieden damit, daß Kreusa die beiden Kinder an
    sich zog; sie tat gewiß auch nichts dazu, um den Verkehr
    des Vaters dieser Kinder mit dem Mädchen zu stören. Wie
    Dora es zustande brachte, den Mann zu lieben, über den
    ihre geliebte Freundin soviel Schlechtes zu sagen wußte,
    ist ein interessantes psychologisches Problem, das wohl lös-
    bar wird durch die Einsicht, daß im Unbewußten die Ge-
    danken besonders bequem neben-
    einander wohnen, auch
    Gegensätze sich ohne Widerstreit vertragen, was ja oft
    genug auch noch im Bewußten so bleibt.

    Wenn Dora von Frau K. erzählte, so lobte sie deren
    „entzückend weißen Körper“ in einem Ton, der eher der
    Verlieb-
    ten als der besiegten Rivalin entsprach. Mehr weh-
    mütig als bitter teilte sie mir ein andermal mit, sie sei über-
    zeugt, daß die Geschenke, die der Papa ihr gebracht, von
    Frau K. besorgt worden seien; sie erkenne deren Ge-
    schmack. Ein andermal hob sie hervor, daß ihr offenbar
    durch die Vermittlung von Frau K. Schmuck-
    gegenstände
    zum Geschenk gemacht worden seien, ganz ähnlich wie die,
    welche sie bei Frau K. gesehen und sich damals laut ge-
    wünscht habe. Ja, ich muß überhaupt sagen, ich hörte nicht
    ein hartes oder erbostes Wort von ihr über die Frau, in
    der sie doch nach dem Standpunkt ihrer überwer-
    tigen
    Gedanken die Urheberin ihres Unglücks hätte sehen müssen.
    Sie benahm sich wie inkonsequent, aber die scheinbare In-
    konsequenz war eben der Ausdruck einer kompli-
    zierten
    Gefühlsströmung. Denn wie hatte sich die schwärme-
    risch
    geliebte Freundin gegen sie benommen? Nachdem Dora
    ihre Beschuldigung gegen Herrn K. vorgebracht und dieser
    vom Vater schriftlich zur Rede gestellt wurde, antwortete
    er zuerst mit Beteuerungen seiner Hochachtung und erbot
    sich, nach der Fabrikstadt zu kommen, um alle Mißver-
     

  • S.

    72

    ständnisse aufzuklären. Einige Wochen später, als ihn der
    Vater in B. sprach, war von Hochachtung nicht mehr die
    Rede. Er setzte das Mädchen herunter und spielte als
    Trumpf aus: Ein Mädchen, das solche Bücher liest und
    sich für solche Dinge interessiert, das hat keinen Anspruch
    auf die Achtung eines Mannes. Frau K. hatte sie also ver-
    raten und angeschwärzt; nur mit ihr hatte sie über Man-
    tegazza und über verfängliche Themata gesprochen. Es
    war wieder derselbe Fall wie mit der Gouvernante; auch
    Frau K. hatte sie nicht um ihrer eigenen Person willen
    geliebt, sondern wegen des Vaters. Frau K. hatte sie un-
    bedenklich geopfert, um in ihrem Verhältnis mit dem Vater
    nicht gestört zu werden. Vielleicht, daß diese Kränkung
    ihr näherging, pathogen wirksamer war als die andere, mit
    der sie jene verdecken wollte, daß der Vater sie geopfert.
    Wies nicht die eine so hartnäckig festgehaltene Amnesie in
    betreff der Quellen ihrer verfänglichen Kenntnis direkt auf
    den Gefühlswert der Beschuldigung und demnach auf den
    Verrat durch die Freundin hin?
    Ich glaube also mit der Annahme nicht irre zu gehen,
    daß der überwertige Gedankenzug Doras, der sich mit dem
    Verhältnis des Vaters zur Frau K. beschäftigte, bestimmt
    war nicht nur zur Unterdrückung der einst bewußt ge-
    wesenen Liebe zu Herrn K., sondern auch die in tieferem
    Sinne unbewußte Liebe zu Frau K. zu verdecken hatte. Zu
    letzterer Strömung stand er im Verhältnis des direkten
    Gegensatzes. Sie sagte sich unab-
    lässig vor, daß der Papa
    sie dieser Frau geopfert habe, demonstrierte geräusch-
    voll,
    daß sie ihr den Besitz des Papas nicht gönne, und verbarg
    sich so das Gegenteil, daß sie dem Papa die Liebe dieser
    Frau nicht gönnen konnte und der geliebten Frau die Ent-
    täuschung über ihren Verrat nicht vergeben hatte. Die
    eifersüchtige Regung des Weibes war im Unbewußten an

  • S.

    73

    eine wie von einem Mann empfundene Eifer-
    sucht gekop
    pelt. Diese männlichen oder, wie man besser sagt, gynä-
    kophilen Gefühlsströmungen sind für das unbewußte
    Liebesleben der hysterischen Mädchen als typisch zu be-
    trachten.

    II) Der erste Traum

    Als wir gerade Aussicht hatten, einen dunkeln Punkt in
    dem Kinderleben Doras durch das Material, welches sich
    zur Analyse drängte, aufzuhellen, berichtete Dora, sie habe
    einen Traum, den sie in genau der nämlichen Weise schon
    wiederholt geträumt, in einer der letzten Nächte neuerlich
    gehabt. Ein periodisch wiederkehrender Traum war schon
    dieses Charakters wegen besonders geeignet, meine Neu-
    gierde zu wecken; im Interesse der Behandlung durfte man
    ja die Einflechtung dieses Traumes in den Zusammenhang
    der Analyse ins Auge fassen. Ich beschloß also, diesen
    Traum besonders sorgfältig zu erforschen.

    I. Traum: „In einem Haus brennt es,37) erzählte Dora,
    der Vater steht vor meinem Bett und weckt mich auf. Ich
    kleide mich schnell an. Die Mama will noch ihr Schmuck-
    kästchen retten, der Papa sagt aber: Ich will nicht, daß ich
    und meine beiden Kinder wegen deines Schmuckkästchens
    verbrennen. Wir eilen herunter, und sowie ich draußen bin,
    wache ich auf.“

    Da es ein wiederkehrender Traum ist, frage ich natür-
    lich, wann sie ihn zuerst geträumt. — Das weiß sie nicht.
    Sie erinnert sich aber, daß sie den Traum in L. (dem Orte
    am See, wo die Szene mit Herrn K. vorfiel) in drei Nächten
    hintereinander gehabt, dann kam er vor einigen Tagen hier
    her.

    37)Es hat nie bei uns einen wirklichen Brand gegeben, antwor-
    tete sie dann auf meine Erkundigung.