• S.

    73

    eine wie von einem Mann empfundene Eifer-
    sucht gekop
    pelt. Diese männlichen oder, wie man besser sagt, gynä-
    kophilen Gefühlsströmungen sind für das unbewußte
    Liebesleben der hysterischen Mädchen als typisch zu be-
    trachten.

    II) Der erste Traum

    Als wir gerade Aussicht hatten, einen dunkeln Punkt in
    dem Kinderleben Doras durch das Material, welches sich
    zur Analyse drängte, aufzuhellen, berichtete Dora, sie habe
    einen Traum, den sie in genau der nämlichen Weise schon
    wiederholt geträumt, in einer der letzten Nächte neuerlich
    gehabt. Ein periodisch wiederkehrender Traum war schon
    dieses Charakters wegen besonders geeignet, meine Neu-
    gierde zu wecken; im Interesse der Behandlung durfte man
    ja die Einflechtung dieses Traumes in den Zusammenhang
    der Analyse ins Auge fassen. Ich beschloß also, diesen
    Traum besonders sorgfältig zu erforschen.

    I. Traum: „In einem Haus brennt es,37) erzählte Dora,
    der Vater steht vor meinem Bett und weckt mich auf. Ich
    kleide mich schnell an. Die Mama will noch ihr Schmuck-
    kästchen retten, der Papa sagt aber: Ich will nicht, daß ich
    und meine beiden Kinder wegen deines Schmuckkästchens
    verbrennen. Wir eilen herunter, und sowie ich draußen bin,
    wache ich auf.“

    Da es ein wiederkehrender Traum ist, frage ich natür-
    lich, wann sie ihn zuerst geträumt. — Das weiß sie nicht.
    Sie erinnert sich aber, daß sie den Traum in L. (dem Orte
    am See, wo die Szene mit Herrn K. vorfiel) in drei Nächten
    hintereinander gehabt, dann kam er vor einigen Tagen hier
    her.

    37)Es hat nie bei uns einen wirklichen Brand gegeben, antwor-
    tete sie dann auf meine Erkundigung.

  • S.

    74

    wieder.38 — Die so hergestellte Verknüpfung des Traumes
    mit den Ereignissen in L. erhöht natürlich meine Erwar-
    tungen in betreff der Traumlosung. Ich möchte aber zu-
    nächst den Anlaß für seine letzte Wiederkehr erfahren
    und fordere darum Dora, die bereits durch einige kleine,
    vorher analysierte Beispiele für die Traumdeutung geschult
    ist, auf, sich den Traum zu zerlegen und mir mitzuteilen,
    was ihr zu ihm einfällt.

    Sie sagt: „Etwas, was aber nicht dazu gehören kann,
    denn es ist ganz frisch, während ich den Traum gewiß
    schon früher gehabt habe.“

    Das macht nichts, nur zu; es wird eben das letzte dazu
    Passende sein.

    „Also der Papa hat in diesen Tagen mit der Mama einen
    Streit gehabt, weil sie nachts das Speisezimmer absperrt.
    Das Zimmer meines Bruders hat nämlich keinen eigenen
    Ausgang, sondern ist nur durchs Speisezimmer zugänglich.
    Der Papa will nicht, daß der Bruder bei Nacht so ab-
    gesperrt sein soll. Er hat gesagt, das ginge nicht; es könnte
    doch bei Nacht etwas passieren, daß man hinaus muß.“

    Das haben Sie nun auf Feuersgefahr bezogen?
    „Ja.“

    Ich bitte Sie, merken Sie sich Ihre eigenen Ausdrücke
    wohl. Wir werden sie vielleicht brauchen. Sie haben gesagt:
    Daß bei Nacht etwas passieren kann, daß man
    hinaus muß.39

    Dora hat nun aber die Verbindung zwischen dem rezen-
    ten

    38)Es läßt sich aus dem Inhalt nachweisen, daß der Traum in
    L. zuerst geträumt worden ist.

    39)Ich greife diese Worte heraus, weil sie mich stutzig machen.
    Sie klingen mir zweideutig. Spricht man nicht mit denselben Wor-
    ten von gewissen körperlichen Bedürfnissen? Zweideutige Worte
    sind aber wie „Wechsel“ für den Assoziationsverlauf. Stellt man
    den Wechsel anders, als er im Trauminhalt eingestellt erscheint, so

  • S.

    75

    ten und den damaligen Anlässen für den Traum gefunden,
    denn sie fährt fort:

    „Als wir damals in L. ankamen, der Papa und ich, hat
    er die Angst vor einem Brand direkt geäußert. Wir kamen
    in einem heftigen Gewitter an, sahen das kleine Holz-
    häuschen, das keinen Blitzableiter hatte. Da war diese Angst
    ganz natürlich.“

    Es liegt mir nun daran, die Beziehung zwischen den Er-
    eignissen in L. und den damaligen gleichlautenden Träu-
    men zu ergründen. Ich frage also: Haben Sie den Traum
    in den ersten Nächten in L. gehabt oder in den letzten vor
    Ihrer Abreise, also vor oder nach der bekannten Szene im
    Walde? (Ich weiß nämlich, daß die Szene nicht gleich am
    ersten Tage vorfiel, und daß sie nach derselben noch einige
    Tage in L. verblieb, ohne etwas von dem Vorfalle merken
    zu lassen.)

    Sie antwortet zuerst: Ich weiß nicht. Nach einer Weile:
    Ich glaube doch, nachher.

    Nun wußte ich also, daß der Traum eine Reaktion auf
    jenes Erlebnis war. Warum kehrte er aber dort dreimal
    wieder? Ich fragte weiter: Wie lange sind Sie noch nach
    der Szene in L. geblieben?

    „Noch vier Tage, am fünften bin ich mit dem Papa ab-
    gereist.“

    Jetzt bin ich sicher, daß der Traum die unmittelbare
    Wirkung des Erlebnisses mit Herrn K. war. Sie haben ihn
    dort zuerst geträumt, nicht früher. Sie haben die Unsicher-
    heit im Erinnern nur hinzugefügt, um sich den Zusammen-
    hang zu verwischen.40 Es stimmt mir aber noch nicht ganz


    kommt man wohl auf das Geleise, auf dem sich die gesuchten und
    noch verborgenen Gedanken hinter dem Traum bewegen.

    40)Vgl. das eingangs Seite 18 über den Zweifel beim Erinnern
    Gesagte.

  • S.

    76

    mit den Zahlen. Wenn Sie noch vier Nächte in L. blieben,
    können Sie den Traum viermal wiederholt haben. Vielleicht
    war es so?

    Sie widerspricht nicht mehr meiner Behauptung, setzt
    aber, anstatt auf meine Frage zu antworten, fort:41) „Am
    Nachmittag nach unserer Seefahrt, von der wir, Herr K.
    und ich, mittags zurückkamen, hatte ich mich wie gewöhn-
    lich auf das Sofa im Schlafzimmer gelegt, um kurz zu
    schlafen. Ich erwachte plötzlich und sah Herrn K. vor mir
    stehen…“

    Also wie Sie im Traume den Papa vor Ihrem Bette stehen
    sehen?

    „Ja. Ich stellte ihn zur Rede, was er hier zu suchen habe.
    Er gab zur Antwort, er lasse sich nicht abhalten, in sein
    Schlafzimmer zu gehen, wann er wolle; übrigens habe er
    etwas holen wollen. Dadurch vorsichtig gemacht, habe ich
    Frau K. gefragt, ob denn kein Schlüssel zum Schlafzimmer
    existiert, und habe mich am nächsten Morgen (am zweiten
    Tag) zur Toilette eingeschlossen. Als ich mich dann nach
    mittags einschließen wollte, um mich wieder aufs Sofa zu
    legen, fehlte der Schlüssel. Ich bin überzeugt, Herr K.
    hatte ihn beseitigt.“

    Das ist also das Thema vom Verschließen oder Nicht-
    verschließen des Zimmers, das im ersten Einfall zum
    Traume vorkommt und das zufällig auch im frischen An-
    laß zum Traum eine Rolle gespielt hat.42) Sollte der Satz:

    41)Es muß nämlich erst neues Erinnerungsmaterial kommen,
    ehe die von mir gestellte Frage beantwortet werden kann.

    42)Ich vermute, ohne es noch Dora zu sagen, daß dies Element
    wegen seiner symbolischen Bedeutung von ihr ergriffen wurde,
    „Zimmer“ im Traum wollen recht häufig „Frauenzimmer“ ver-
    treten, und ob ein Frauenzimmer „offen“ oder „verschlossen“ ist,
    kann natürlich nicht gleichgültig sein. Auch welcher „Schlüssel“ in
    diesem Falle öffnet, ist wohlbekannt.

  • S.

    77

    ich kleide mich schnell an, auch in diesen Zusam-
    menhang gehören?

    „Damals nahm ich mir vor, nicht ohne den Papa bei K.
    zu bleiben. An den nächsten Morgen mußte ich fürchten,
    daß mich Herr K. bei der Toilette überrasche, und klei-
    dete mich darum immer sehr schnell an. Der Papa
    wohnte ja im Hotel, und Frau K. war immer schon früh
    weggegangen, um mit dem Papa eine Partie zu machen.
    Herr K. belästigte mich aber nicht wieder.“

    Ich verstehe, Sie faßten am Nachmittag des zweiten Tages
    den Vorsatz, sich diesen Nachstellungen zu entziehen, und
    hatten nun in der zweiten, dritten und vierten Nacht nach
    der Szene im Walde Zeit, sich diesen Vorsatz im Schlafe
    zu wiederholen. Daß Sie am nächsten – dritten – Morgen
    den Schlüssel nicht haben würden, um sich beim Ankleiden
    einzuschließen, wußten Sie ja schon am zweiten Nach-
    mittag, also vor dem Traum, und konnten sich vornehmen,
    die Toilette möglichst zu beeilen. Ihr Traum kam aber jede
    Nacht wieder, weil er eben einem Vorsatz entsprach.
    Ein Vorsatz bleibt so lange bestehen, bis er ausgeführt ist.
    Sie sagten sich gleichsam: ich habe keine Ruhe, ich kann
    keinen ruhigen Schlaf finden, bis ich nicht aus diesem
    Hause heraus bin. Umgekehrt sagen Sie im Traume: So-
    wie ich draußen bin, wache ich auf.

    *

    Ich unterbreche hier die Mitteilung der Analyse, um
    dieses Stückchen einer Traumdeutung an meinen allgemei-
    nen Sätzen über den Mechanismus der Traumbildung zu
    messen. Ich habe in meinem Buche43 ausgeführt, jeder
    Traum sei ein als erfüllt dargestellter Wunsch, die Dar-
     

    43)Die Traumdeutung, 1900. (Ges. Schriften, Bd. II und III.)

  • S.

    78

    stellung sei eine verhüllende, wenn der Wunsch ein ver-
    drängter, dem Unbewußten angehöriger sei, und außer bei
    den Kinderträumen habe nur der unbewußte oder bis ins
    Unbewußte reichende Wunsch die Kraft, einen Traum zu
    bilden. Ich glaube, die allgemeine Zustimmung wäre mir
    sicherer gewesen, wenn ich mich begnügt hätte, zu be-
    haupten, daß jeder Traum einen Sinn habe, der durch
    eine gewisse Deutungsarbeit aufzudecken sei. Nach voll-
    zogener Deutung könne man den Traum durch Gedanken
    ersetzen, die sich an leicht kenntlicher Stelle in das Seelen-
    leben des Wachens einfügen. Ich hätte dann fortfahren
    können, dieser Sinn des Traumes erwiese sich als ebenso
    mannigfaltig wie eben die Gedankengänge des Wachens.
    Es sei das einemal ein erfüllter Wunsch, das andere Mal
    eine verwirklichte Befürchtung, dann etwa eine im Schlafe
    fortgesetzte Überlegung, ein Vorsatz (wie bei Doras Traum),
    ein Stück geistigen Produzierens im Schlafe usw. Diese
    Darstellung hätte gewiß durch ihre Faßlichkeit bestochen
    und hätte sich auf eine große Anzahl gut gedeuteter Bei-
    spiele, wie z. B. auf den hier analysierten Traum, stützen
    können.

    Anstatt dessen habe ich eine allgemeine Behauptung auf-
    gestellt, die den Sinn der Träume auf eine einzige Ge-
    dankenform, auf die Darstellung von Wünschen einschränkt,
    und habe die allgemeinste Neigung zum Widerspruche
    wachgerufen. Ich muß aber sagen, daß ich weder das Recht
    noch die Pflicht zu besitzen glaubte, einen Vorgang der
    Psychologie zur größeren Annehmlichkeit der Leser zu
    vereinfachen, wenn er meiner Untersuchung eine Kompli-
    kation bot, deren Lösung zur Einheitlichkeit erst an anderer
    Stelle gefunden werden konnte. Es wird mir darum von
    besonderem Werte sein zu zeigen, daß die scheinbaren
    Ausnahmen, wie Doras Traum hier, der sich zunächst als

  • S.

    79

    ein in den Schlaf fortgesetzter Tagesvorsatz enthüllt, doch
    die bestrittene Regel neuerdings bekräftigen.

    *

    Wir haben ja noch ein großes Stück des Traumes zu
    deuten. Ich fragte weiter: Was ist es mit dem Schmuck-
    kästchen, das die Mama retten will?

    „Die Mama liebt Schmuck sehr und hat viel vom Papa
    bekommen.“

    „Und Sie?“

    „Ich habe Schmuck früher auch sehr geliebt; seit der
    Krankheit trage ich keinen mehr. — Da gab es damals vor
    vier Jahren (ein Jahr vor dem Traum) einen großen Streit
    zwischen Papa und Mama wegen eines Schmuckes. Die
    Mama wünschte sich etwas Bestimmtes, Tropfen von Perlen
    im Ohre zu tragen. Der Papa liebt aber dergleichen nicht
    und brachte ihr anstatt der Tropfen ein Armband. Sie war
    wütend und sagte ihm, wenn er schon soviel Geld aus-
    gegeben habe, um etwas zu schenken, was sie nicht möge, so
    solle er es nur einer anderen schenken.“

    Da werden Sie sich gedacht haben, Sie nähmen es gerne?

    „Ich weiß nicht,44) weiß überhaupt nicht, wie die Mama in
    den Traum kommt; sie war doch damals nicht mit in L.“45)

    Ich werde es Ihnen später erklären. Fällt Ihnen denn
    nichts anderes zum Schmuckkästchen ein? Bis jetzt haben
    Sie nur von Schmuck und nichts von einem Kästchen ge-
    sprochen.


    44)Ihre damals gewöhnliche Redensart, etwas Verdrängtes an-
    zuerkennen.

    45)Diese Bemerkung, die von gänzlichem Mißverständnisse der
    ihr sonst wohlbekannten Regeln der Traumerklärung zeugt, sowie
    die zögernde Art und die spärliche Ausbeute ihrer Einfälle zum
    Schmuckkästchen bewiesen mir, daß es sich hier um Material
    handle, das mit großem Nachdrucke verdrängt worden sei.

  • S.

    80

    „Ja, Herr K. hatte mir einige Zeit vorher ein kostbares
    Schmuckkästchen zum Geschenke gemacht.“

    Da war das Gegengeschenk also wohl am Platze. Sie
    wissen vielleicht nicht, daß „Schmuckkästchen“ eine be-
    liebte Bezeichnung für dasselbe ist, was Sie unlängst mit
    dem angehängten Täschchen angedeutet haben,46 für das
    weibliche Genitale.

    „Ich wußte, daß Sie das sagen würden.“47

    Das heißt, Sie wußten es.— Der Sinn des Traumes wird
    nun noch deutlicher. Sie sagten sich: Der Mann stellt mir
    nach, er will in mein Zimmer dringen, meinem „Schmuck-
    kästchen“ droht Gefahr, und wenn da ein Malheur pas-
    siert, wird es die Schuld des Papa sein. Darum haben Sie
    in den Traum eine Situation genommen, die das Gegenteil
    ausdrückt, eine Gefahr, aus welcher der Papa Sie rettet.
    In dieser Region des Traumes ist überhaupt alles ins Gegen-
    teil verwandelt; Sie werden bald hören, warum. Das Ge-
    heimnis liegt allerdings bei der Mama. Wie die Mama dazu
    kommt? Sie ist, wie Sie wissen, Ihre frühere Konkurrentin
    in der Gunst des Papas. Bei der Begebenheit mit dem Arm-
    bande wollten Sie gerne annehmen, was die Mama zurück-
    gewiesen hat. Nun lassen Sie uns einmal „annehmen“ durch
    „geben“, „zurückweisen“ durch „verweigern“ ersetzen. Das
    heißt dann, Sie waren bereit, dem Papa zu geben, was die
    Mama ihm verweigert, und das, um was es sich handelt,
    hätte mit Schmuck zu tun.48 Nun erinnern Sie sich an das
    Schmuckkästchen, das Herr K. Ihnen geschenkt hat. Sie
    haben da den Anfang einer parallelen Gedankenreihe, in
    der wie in der Situation des vor Ihrem Bette Stehens

    46) Über dieses Täschchen siehe weiter unten.

    47) Eine sehr häufige Art, eine aus dem Verdrängten auftau-
    chende Kenntnis von sich wegzuschieben.

    48) Auch für die Tropfen werden wir später eine vom Zu-
    sammenhange geforderte Deutung anführen können.

  • S.

    81

    Herr K. anstatt des Papas einzusetzen ist. Er hat Ihnen
    ein Schmuckkästchen geschenkt. Sie sollen ihm also Ihr
    Schmuckkästchen schenken; darum sprach ich vorhin vom
    „Gegengeschenke“. In dieser Gedankenreihe wird Ihre
    Mama durch Frau K. zu ersetzen sein, die doch wohl da-
    mals anwesend war. Sie sind also bereit, Herrn K. das zu
    schenken, was ihm seine Frau verweigert. Hier haben Sie
    den Gedanken, der mit soviel Anstrengung verdrängt wer-
    den muß, der die Verwandlung aller Elemente in ihr
    Gegenteil notwendig macht. Wie ich’s Ihnen schon vor die-
    sem Traume gesagt habe, der Traum bestätigt wieder, daß
    Sie die alte Liebe zum Papa wachrufen, um sich gegen die
    Liebe zu K. zu schützen. Was beweisen aber alle diese Be-
    mühungen? Nicht nur, daß Sie sich vor Herrn K. fürchten,
    noch mehr fürchten Sie sich vor sich selber, vor Ihrer Ver-
    suchung, ihm nachzugeben. Sie bestätigen also dadurch, wie
    intensiv die Liebe zu ihm war.49

    Dieses Stück der Deutung wollte sie natürlich nicht mit-
    machen.

    Mir hatte sich aber auch eine Fortsetzung der Traum-
    deutung ergeben, die ebensowohl für die Anamnese des
    Falles wie für die Theorie des Traumes unentbehrlich
    schien. Ich versprach, dieselbe Dora in der nächsten Sitzung
    mitzuteilen.

    Ich konnte nämlich den Hinweis nicht vergessen, der
    sich aus den angemerkten zweideutigen Worten zu ergeben

    49) Ich füge noch hinzu: Übrigens muß ich aus dem Wieder-
    auftauchen des Traumes in den letzten Tagen schließen, daß Sie
    dieselbe Situation für wiedergekommen erachten, und daß Sie be-
    schlossen haben, aus der Kur, zu der ja nur der Papa Sie bringt,
    wegzubleiben. — Die Folge zeigte, wie richtig ich geraten hatte.
    Meine Deutung streift hier das praktisch wie theoretisch höchst
    bedeutsame Thema der „Übertragung“, auf welches einzugehen ich
    in dieser Abhandlung wenig Gelegenheit mehr finden werde.

  • S.

    82

    schien (daß man hinaus muß, daß bei Nacht ein
    Malheur passieren kann). Dem reihte sich an, daß
    mir die Aufklärung des Traumes unvollständig schien, so-
    lange nicht eine gewisse Forderung erfüllt war, die ich
    zwar nicht allgemein aufstellen will, nach deren Erfüllung
    ich aber mit Vorliebe suche. Ein ordentlicher Traum steht
    gleichsam auf zwei Beinen, von denen das eine den wesent-
    lichen aktuellen Anlaß, das andere eine folgenschwere Be-
    gebenheit der Kinderjahre berührt. Zwischen diesen beiden,
    dem Kindererlebnisse und dem Gegenwärtigen, stellt der
    Traum eine Verbindung her, er sucht die Gegenwart nach
    dem Vorbilde der frühesten Vergangenheit umzugestalten.
    Der Wunsch, der den Traum schafft, kommt ja immer aus
    der Kindheit, er will die Kindheit immer wieder von neuem
    zur Realität erwecken, die Gegenwart nach der Kindheit
    korrigieren. Die Stücke, die sich zu einer Anspielung auf
    ein Kinderereignis zusammensetzen lassen, glaubte ich in
    dem Trauminhalte bereits deutlich zu erkennen.

    Ich begann die Erörterung hierüber mit einem kleinen
    Experimente, das wie gewöhnlich gelang. Auf dem Tische
    stand zufällig ein großer Zündhölzchenbehälter. Ich bat
    Dora, sich doch umzusehen, ob sie auf dem Tische etwas
    Besonderes sehen könne, das gewöhnlich nicht darauf
    stände. Sie sah nichts. Dann fragte ich, ob sie wisse, warum
    man den Kindern verbiete, mit Zündhölzchen zu spielen.

    „Ja, wegen der Feuersgefahr. Die Kinder meines Onkels
    spielen so gerne mit Zündhölzchen.“

    Nicht allein deswegen. Man warnt sie: „Nicht zündeln“
    und knüpft daran einen gewissen Glauben.

    Sie wußte nichts darüber. — Also man fürchtet, daß sie
    dann das Bett naß machen werden. Dem liegt wohl der
    Gegensatz von Wasser und Feuer zugrunde. Etwa, daß
    sie vom Feuer träumen und dann versuchen werden, mit

  • S.

    83

    Wasser zu löschen. Das weiß ich nicht genau zu sagen.
    Aber ich sehe, daß Ihnen der Gegensatz von Wasser und
    Feuer im Traume ausgezeichnete Dienste leistet. Die Mama
    will das Schmuckkästchen retten, damit es nicht ver-
    brennt, in den Traumgedanken kommt es darauf an,
    daß das „Schmuckkästchen“ nicht naß wird. Feuer ist aber
    nicht nur als Gegensatz zu Wasser verwendet, es dient auch
    zur direkten Vertretung von Liebe, Verliebt-
    sein. Von Feuer geht also das eine Geleise über diese sym-
    bolische Bedeutung zu den Liebesgedanken, das andere
    führt über den Gegensatz Wasser, nachdem noch die eine
    Beziehung zur Liebe, die auch naß macht, abgezweigt hat,
    anderswohin. Wohin nun? Denken Sie an Ihre Ausdrücke:
    daß bei Nacht ein Malheur passiert, daß man hinaus
    muß. Bedeutet das nicht ein körperliches Bedürfnis, und
    wenn Sie das Malheur in die Kindheit versetzen, kann es
    ein anderes sein, als daß das Bett naß wird? Was tut man
    aber, um die Kinder vor dem Bettnässen zu hüten? Nicht
    wahr, man weckt sie in der Nacht aus dem Schlafe, ganz
    so, wie es im Traume der Papa mit Ihnen tut?
    Dieses wäre also die wirkliche Begebenheit, aus welcher
    Sie sich das Recht nehmen, Herrn K., der Sie aus dem
    Schlafe weckt, durch den Papa zu ersetzen. Ich muß also
    schließen, daß Sie an Bettnässen länger, als es sich sonst bei
    Kindern erhält, gelitten haben. Dasselbe muß bei Ihrem
    Bruder der Fall gewesen sein. Der Papa sagt ja: Ich will
    nicht, daß meine beiden Kinder … zugrunde
    gehen. Der Bruder hat mit der aktuellen Situation bei K.
    sonst nichts zu tun, er war auch nicht nach L. mitgekom-
    men. Was sagen nun Ihre Erinnerungen dazu?
    „Von mir weiß ich nichts“, antwortete sie, „aber der
    Bruder hat bis zum sechsten oder siebenten Jahre das Bett
    naß gemacht, es ist ihm auch manchmal am Tage passiert.“

  • S.

    84

    Ich wollte sie eben aufmerksam machen, wieviel leichter
    man sich an derartiges von seinem Bruder als von sich
    erinnert, als sie mit der wiedergewonnenen Erinnerung
    fortsetzte: „Ja, ich habe es auch gehabt, aber erst im sieben-
    ten oder achten Jahre eine Zeitlang. Es muß arg gewesen
    sein, denn ich weiß jetzt, daß der Doktor um Rat gefragt
    wurde. Es war bis kurz vor dem nervösen Asthma.“

    Was sagte der Doktor dazu?

    „Er erklärte es für eine nervöse Schwäche: es werde sich
    schon verlieren, meinte er, und verschrieb stärkende Mit-
    tel.“50

    Die Traumdeutung schien mir nun vollendet.51 Einen
    Nachtrag zum Traume brachte sie noch tags darauf. Sie
    habe vergessen zu erzählen, daß sie nach dem Erwachen
    jedesmal Rauch gerochen. Der Rauch paßte ja wohl zum
    Feuer, er wies auch darauf hin, daß der Traum eine be-
    sondere Beziehung zu meiner Person habe, denn ich pflegte
    ihr, wenn sie behauptet hatte, da oder dort stecke nichts da-
    hinter, oft entgegenzuhalten: „Wo Rauch ist, ist auch
    Feuer.“ Sie wandte aber gegen diese ausschließlich persön-
    liche Deutung ein, daß Herr K. und der Papa leidenschaft-
    liche Raucher seien, wie übrigens auch ich. Sie rauchte
    selbst am See, und Herr K. hatte ihr, ehe er damals mit
    seiner unglücklichen Werbung begann, eine Zigarette ge-
    dreht. Sie glaubte sich auch sicher zu erinnern, daß der
    Geruch nach Rauch nicht erst im letzten, sondern schon in

    50)Dieser Arzt war der einzige, zu dem sie Zutrauen zeigte,
    weil sie an dieser Erfahrung gemerkt, er wäre nicht hinter ihr
    Geheimnis gekommen. Vor jedem andern, den sie noch nicht ein-
    zuschätzen wußte, empfand sie Angst, die sich jetzt also motiviert,
    er könne ihr Geheimnis erraten.

    51)Der Kern des Traumes würde übersetzt etwa so lauten: Die
    Versuchung ist so stark. Lieber Papa, schütze du mich wieder wie
    in den Kinderzeiten, daß mein Bett nicht naß wird!

  • S.

    85

    dem dreimaligen Träumen in L. aufgetreten war. Da sie
    weitere Auskünfte verweigerte, blieb es mir überlassen, wie
    ich mir diesen Nachtrag in das Gefüge der Traumgedanken
    eintragen wolle. Als Anhaltspunkt konnte mir dienen, daß
    die Sensation des Rauches als Nachtrag kam, also eine
    besondere Anstrengung der Verdrängung hatte überwinden
    müssen. Demnach gehörte sie wahrscheinlich zu dem im
    Traume am dunkelsten dargestellten und bestverdrängten
    Gedanken, also dem der Versuchung, sich dem Manne
    willig zu erweisen. Sie konnte dann kaum etwas anderes
    bedeuten als die Sehnsucht nach einem Kusse, der beim
    Raucher notwendigerweise nach Rauch schmeckt; ein Kuß
    war aber etwa zwei Jahre vorher zwischen den beiden
    vorgefallen und hätte sich sicherlich mehr als einmal
    wiederholt, wenn das Mädchen nun der Werbung nach
    gegeben hätte. Die Versuchungsgedanken scheinen so auf
    die frühere Szene zurückgegriffen und die Erinnerung an
    den Kuß aufgeweckt zu haben, gegen dessen Verlockung
    sich die Lutscherin seinerzeit durch den Ekel schützte.
    Nehme ich endlich die Anzeichen zusammen, die eine Über-
    tragung auf mich, weil ich auch Raucher bin, wahrschein-
    lich machen, so komme ich zur Ansicht, daß ihr eines Tages
    wahrscheinlich während der Sitzung eingefallen, sich einen
    Kuß von mir zu wünschen. Dies war für sie der Anlaß, sich
    den Warnungstraum zu wiederholen und den Vorsatz zu
    fassen, aus der Kur zu gehen. So stimmt es sehr gut zu-
    sammen, aber vermöge der Eigentümlichkeiten der „Über-
    tragung“1) entzieht es sich dem Beweise.

    Ich könnte nun schwanken, ob ich zuerst die Ausbeute
    dieses Traumes für die Krankengeschichte des Falles in
    Angriff nehmen oder lieber den aus ihm gegen die Traum-
    theorie gewonnenen Einwand erledigen soll. Ich wähle das
    erstere.

    1)Vgl. Studien über Hysterie, S. 267.

  • S.

    86

    Es verlohnt sich, auf die Bedeutung des Bettnässens in
    der Vorgeschichte der Neurotiker ausführlich einzugehen.
    Der Übersichtlichkeit zuliebe beschränke ich mich darauf
    zu betonen, daß Doras Fall von Bettnässen nicht der ge-
    wöhnliche war. Die Störung hatte sich nicht einfach über
    die fürs Normale zugestandene Zeit fortgesetzt, sondern
    war nach ihrer bestimmten Angabe zunächst geschwunden
    und dann verhältnismäßig spät, nach dem sechsten Lebens-
    jahre, wieder aufgetreten. Ein solches Bettnässen hat meines
    Wissens keine wahrscheinlichere Ursache als Masturbation,
    die in der Ätiologie des Bettnässens überhaupt eine noch
    zu gering geschätzte Rolle spielt. Den Kindern selbst ist
    nach meiner Erfahrung dieser Zusammenhang sehr wohl
    bekannt gewesen, und alle psychischen Folgen leiten sich
    so davon ab, als ob sie ihn niemals vergessen hätten. Nun
    befanden wir uns zur Zeit, als der Traum erzählt wurde,
    auf einer Linie der Forschung, welche direkt auf ein sol-
    ches Eingeständnis der Kindermasturbation zulief. Sie hatte
    eine Weile vorher die Frage aufgeworfen, warum denn
    gerade sie krank geworden sei, und hatte, ehe ich eine Ant-
    wort gab, die Schuld auf den Vater gewälzt. Es waren nicht
    unbewußte Gedanken, sondern bewußte Kenntnis, welche
    die Begründung übernahm. Das Mädchen wußte zu meinem
    Erstaunen, welcher Natur die Krankheit des Vaters ge-
    wesen war. Sie hatte nach der Rückkehr des Vaters von
    meiner Ordination ein Gespräch erlauscht, in dem der
    Name der Krankheit genannt wurde. In noch früheren
    Jahren, zur Zeit der Netzhautablösung, muß ein zu Rate
    gezogener Augenarzt auf die luetische Ätiologie hingewiesen
    haben, denn das neugierige und besorgte Mädchen hörte da-
    mals eine alte Tante zur Mutter sagen: „Er war ja schon
    vor der Ehe krank“ und etwas ihr Unverständliches hin-
    zufügen, was sie sich später auf unanständige Dinge deutete.

  • S.

    87

    Der Vater war also durch leichtsinnigen Lebenswandel
    krank geworden, und sie nahm an, daß er ihr das Krank-
    sein erblich übertragen habe. Ich hütete mich, ihr zu sagen,
    daß ich, wie erwähnt (Seite 22), gleichfalls die Ansicht
    vertrete, die Nachkommenschaft Luetischer sei zu schweren
    Neuropsychosen ganz besonders prädisponiert. Die Fort-
    setzung dieses den Vater anklagenden Gedankenganges ging
    durch unbewußtes Material. Sie identifizierte sich einige
    Tage lang in kleinen Symptomen und Eigentümlichkeiten
    mit der Mutter, was ihr Gelegenheit gab, Hervorragendes
    in Unausstehlichkeit zu leisten, und ließ mich dann erraten,
    daß sie an einen Aufenthalt in Franzensbad denke, das sie
    in Begleitung der Mutter — ich weiß nicht mehr, in wel-
    chem Jahre — besucht hatte. Die Mutter litt an Schmerzen
    im Unterleibe und an einem Ausflusse — Katarrh —, der
    eine Franzensbader Kur notwendig machte. Es war ihre
    — wahrscheinlich wieder berechtigte — Meinung, daß diese
    Krankheit vom Papa herrühre, der also seine Geschlechts-
    affektion auf die Mutter übertragen hatte. Es war ganz
    begreiflich, daß sie bei diesem Schlusse, wie ein großer
    Teil der Laien überhaupt, Gonorrhöe und Syphilis, erbliche
    und Übertragung durch den Verkehr zusammenwarf. Ihr
    Verharren in der Identifizierung nötigte mir fast die Frage
    auf, ob sie denn auch eine Geschlechtskrankheit habe, und
    nun erfuhr ich, daß sie mit einem Katarrh (Fluor albus)
    behaftet sei, an dessen Beginn sie sich nicht erinnern könne.

    Ich verstand nun, daß hinter dem Gedankengange, der
    laut den Vater anklagte, wie gewöhnlich eine Selbstbeschul-
    digung verborgen sei, und kam ihr entgegen, indem ich
    ihr versicherte, daß der Fluor der jungen Mädchen in
    meinen Augen vorzugsweise auf Masturbation deute, und
    daß ich alle anderen Ursachen, die gewöhnlich für solch
    ein Leiden angeführt werden, neben der Masturbation in

  • S.

    88

    den Hintergrund treten lasse.52) Sie sei also auf dem Wege,
    ihre Frage, warum gerade sie erkrankt sei, durch das Ein-
    geständnis der Masturbation, wahrscheinlich in den Kinder-
    jahren, zu beantworten. Sie leugnete entschiedenst, sich an
    etwas Derartiges erinnern zu können. Aber einige Tage
    später führte sie etwas auf, was ich als weitere Annäherung
    an das Geständnis betrachten mußte. Sie hatte an diesem
    Tage nämlich, was weder früher noch später je der Fall
    war, ein Portemonnaietäschchen von der Form, die eben
    modern wurde, umgehängt und spielte damit, während sie
    im Liegen sprach, indem sie es öffnete, einen Finger hinein-
    steckte, es wieder schloß usw. Ich sah ihr eine Weile zu
    und erklärte ihr dann, was eine Symptomhandlung53)
    sei. Symptomhandlungen nenne ich jene Verrichtungen, die
    der Mensch, wie man sagt, automatisch, unbewußt, ohne
    darauf zu achten, wie spielend vollzieht, denen er jede Be-
    deutung absprechen möchte, und die er für gleichgültig und
    zufällig erklärt, wenn er nach ihnen gefragt wird. Sorg-
    fältigere Beobachtung zeigt dann, daß solche Handlungen,
    von denen das Bewußtsein nichts weiß oder nichts wissen-
    will, unbewußten Gedanken und Impulsen Ausdruck geben,
    somit als zugelassene Äußerungen des Unbewußten wertvoll
    und lehrreich sind. Es gibt zwei Arten des bewußten Ver-
    haltens gegen die Symptomhandlungen. Kann man sie un-
    auffällig motivieren, so nimmt man auch Kenntnis von
    ihnen; fehlt ein solcher Vorwand vor dem Bewußten, so
    merkt man in der Regel gar nicht, daß man sie ausführt.
    Im Falle Doras war die Motivierung leicht: „Warum soll
    ich nicht ein solches Täschchen tragen, wie es jetzt modern

    52)[Zusatz 1923:] Eine extreme Auffassung, die ich heute nicht
    mehr vertreten würde.

    53)Vgl. meine Abhandlung über die Psychopathologie des All-
    tagslebens in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie,
    1901. (Als Buch 1904. – Enthalten im Bd. IV der Ges. Schriften.)

  • S.

    89

    ist?“ Aber eine solche Rechtfertigung hebt die Möglich-
    keit der unbewußten Herkunft der betreffenden Handlung
    nicht auf. Anderseits läßt sich diese Herkunft und der
    Sinn, den man der Handlung beilegt, nicht zwingend er-
    weisen. Man muß sich begnügen zu konstatieren, daß ein
    solcher Sinn in den Zusammenhang der vorliegenden Situa-
    tion, in die Tagesordnung des Unbewußten ganz aus-
    gezeichnet hineinpaßt.

    Ich werde ein anderes Mal eine Sammlung solcher Sym-
    ptomhandlungen vorlegen, wie man sie bei Gesunden und
    Nervösen beobachten kann. Die Deutungen sind manchmal
    sehr leicht. Das zweiblättrige Täschchen Doras ist nichts
    anderes als eine Darstellung des Genitales, und ihr Spielen
    damit, ihr Öffnen und Fingerhineinstecken eine recht un-
    genierte, aber unverkennbare pantomimische Mitteilung
    dessen, was sie damit tun möchte, die der Masturbation.
    Vor kurzem ist mir ein ähnlicher Fall vorgekommen, der
    sehr erheiternd wirkte. Eine ältere Dame zieht mitten in
    der Sitzung, angeblich um sich durch ein Bonbon anzufeuch-
    ten, eine kleine beinerne Dose hervor, bemüht sich, sie zu
    öffnen, und reicht sie dann mir, damit ich mich überzeuge,
    wie schwer sie aufgeht. Ich äußere mein Mißtrauen, daß
    diese Dose etwas Besonderes bedeuten müsse, ich sehe sie
    heute doch zum ersten Male, obwohl die Eigentümerin
    mich schon länger als ein Jahr besucht. Darauf die Dame
    im Eifer:

    „Diese Dose trage ich immer bei mir, ich nehme
    sie überall mit, wohin ich gehe!“

    Sie beruhigt sich erst,
    nachdem ich sie lachend aufmerksam gemacht, wie gut ihre
    Worte auch zu einer anderen Bedeutung passen. Die Dose
    — box, πύξις — ist wie das Täschchen, wie das Schmuck-
    kästchen wieder nur eine Vertreterin der Venusmuschel, des
    weiblichen Genitales!

    Es gibt viel solcher Symbolik im Leben, an der wir ge-

  • S.

    90

    wöhnlich achtlos vorübergehen. Als ich mir die Aufgabe
    stellte, das, was die Menschen verstecken, nicht durch den
    Zwang der Hypnose, sondern aus dem, was sie sagen und
    zeigen, ans Licht zu bringen, hielt ich die Aufgabe für
    schwerer, als sie wirklich ist. Wer Augen hat zu sehen und
    Ohren zu hören, überzeugt sich, daß die Sterblichen kein
    Geheimnis verbergen können. Wessen Lippen schweigen, der
    schwätzt mit den Fingerspitzen; aus allen Poren dringt ihm
    der Verrat. Und darum ist die Aufgabe, das verborgenste
    Seelische bewußt zu machen, sehr wohl lösbar.
    Doras Symptomhandlung mit dem Täschchen war nicht
    der nächste Vorläufer des Traumes. Die Sitzung, die uns
    die Traumerzählung brachte, leitete sie durch eine andere
    Symptomhandlung ein. Als ich in das Zimmer trat, in dem
    sie wartete, versteckte sie rasch einen Brief, in dem sie las.
    Ich fragte natürlich, von wem der Brief sei, und sie
    weigerte sich erst es anzugeben. Dann kam etwas heraus,
    was höchst gleichgültig und ohne Beziehung zu unserer Kur
    war. Es war ein Brief der Großmutter, in dem sie auf
    gefordert wurde, ihr öfter zu schreiben. Ich meine, sie
    wollte mir nur „Geheimnis“ vorspielen und andeuten, daß
    sie sich jetzt ihr Geheimnis vom Arzt entreißen lasse. Ihre
    Abneigung gegen jeden neuen Arzt erkläre ich mir nun
    durch die Angst, er würde bei der Untersuchung (durch
    den Katarrh) oder beim Examen (durch die Mitteilung des
    Bettnässens) auf den Grund ihres Leidens kommen, die
    Masturbation bei ihr erraten. Sie sprach dann immer sehr
    geringschätzig von den Ärzten, die sie vorher offenbar
    überschätzt hatte.

    Anklagen gegen den Vater, daß er sie krank gemacht,
    mit der Selbstanklage dahinter — Fluor albus — Spielen
    mit dem Täschchen — Bettnässen nach dem sechsten Jahre
    — Geheimnis, das sie sich von den Ärzten nicht entreißen
    —

  • S.

    91

    lassen will: ich halte den Indizienbeweis für die kindliche
    Masturbation für lückenlos hergestellt. Ich hatte in diesem
    Falle die Masturbation zu ahnen begonnen, als sie mir von
    den Magenkrämpfen der Kusine erzählte (siehe Seite 43)
    und sich dann mit dieser identifizierte, indem sie tagelang
    über die nämlichen schmerzhaften Sensationen klagte. Es ist
    bekannt, wie häufig Magenkrämpfe gerade bei Masturban-
    ten auftreten. Nach einer persönlichen Mitteilung von
    W. Fliess sind es gerade solche Gastralgien, die durch
    Kokainisierung der von ihm gefundenen „Magenstelle“ in
    der Nase unterbrochen und durch deren Ätzung geheilt
    werden können. Dora bestätigte mir bewußterweise zweier-
    lei, daß sie selbst häufig an Magenkrämpfen gelitten, und
    daß sie die Kusine mit guten Gründen für eine Mastur-
    bantin gehalten habe. Es ist bei den Kranken sehr ge-
    wöhnlich, daß sie einen Zusammenhang bei anderen er-
    kennen, dessen Erkenntnis ihnen bei der eigenen Person
    durch Gefühlswiderstände unmöglich wird. Sie leugnete
    auch nicht mehr, obwohl sie noch nichts erinnerte. Auch
    die Zeitbestimmung des Bettnässens „bis kurz vor dem Auf-
    treten des nervösen Asthmas“ halte ich für klinisch ver-
    wertbar. Die hysterischen Symptome treten fast niemals
    auf, solange die Kinder masturbieren, sondern erst in der
    Abstinenz,54 sie drücken einen Ersatz für die masturbato-
    rische Befriedigung aus, nach der das Verlangen im Un-
    bewußten erhalten bleibt, solange nicht andersartige norma-
    lere Befriedigung eintritt, wo diese noch möglich geblieben
    ist. Letztere Bedingung ist die Wende für mögliche Hei-
    lung der Hysterie durch Ehe und normalen Geschlechts-
     

    54)Bei Erwachsenen gilt prinzipiell dasselbe, doch reicht hier
    auch relative Abstinenz, Einschränkung der Masturbation aus, so
    daß bei heftiger Libido Hysterie und Masturbation mitsammen
    vorkommen können.

  • S.

    92

    verkehr. Wird die Befriedigung in der Ehe wieder auf
    gehoben, etwa durch Coitus interruptus, psychische Ent
    fremdung u. dgl., so sucht die Libido ihr altes Strom-
    bett wieder auf und äußert sich wiederum in hysterischen Sym-
    ptomen.

    Ich möchte gerne noch die sichere Auskunft anfügen,
    wann und durch welchen besonderen Einfluß die Mastur-
    bation bei Dora unterdrückt wurde, aber die Unvollstän-
    digkeit der Analyse nötigt mich, hier lückenhaftes Material
    vorzubringen. Wir haben gehört, daß das Bettnässen bis
    nahe an die erste Erkrankung an Dyspnoe heranreichte.
    Nun war das einzige, was sie zur Aufklärung dieses ersten
    Zustandes anzugeben wußte, daß der Papa damals das
    erstemal nach seiner Besserung verreist gewesen sei. In
    diesem erhaltenen Stückchen Erinnerung mußte eine Be-
    ziehung zur Ätiologie der Dyspnoe angedeutet sein. Ich be-
    kam nun durch Symptomhandlungen und andere Anzeichen
    guten Grund zur Annahme, daß das Kind, dessen Schlaf-
    zimmer sich neben dem der Eltern befand, einen nächtlichen
    Besuch des Vaters bei seiner Ehefrau belauscht und das
    Keuchen des ohnehin kurzatmigen Mannes beim Koitus
    gehört habe. Die Kinder ahnen in solchen Fällen das
    Sexuelle in dem unheimlichen Geräusche. Die Ausdrucks-
    bewegungen für die sexuelle Erregung liegen ja als mit-
    geborene Mechanismen in ihnen bereit. Daß die Dyspnoe
    und das Herzklopfen der Hysterie und Angstneurose nur
    losgelöste Stücke aus der Koitusaktion sind, habe ich vor
    Jahren bereits ausgeführt, und in vielen Fällen, wie dem
    Doras, konnte ich das Symptom der Dyspnoe, des nervösen
    Asthmas, auf die gleiche Veranlassung, auf das Belauschen
    des sexuellen Verkehres Erwachsener, zurückführen. Unter
    dem Einflusse der damals gesetzten Miterregung konnte
    sehr wohl der Umschwung in der Sexualität der Kleinen

  • S.

    93

    eintreten, welcher die Masturbationsneigung durch die
    Neigung zur Angst ersetzte. Eine Weile später, als der
    Vater abwesend war und das verliebte Kind seiner sehn-
    süchtig gedachte, wiederholte sie dann den Eindruck als
    Asthmaanfall. Aus dem in der Erinnerung bewahrten An-
    lasse zu dieser Erkrankung läßt sich noch der angstvolle
    Gedankengang erraten, der den Anfall begleitete. Sie be-
    kam ihn zuerst, nachdem sie sich auf einer Bergpartie über-
    anstrengt, wahrscheinlich etwas reale Atemnot verspürt
    hatte. Zu dieser trat die Idee, daß dem Vater Bergsteigen
    verboten sei, daß er sich nicht überanstrengen dürfe, weil
    er kurzen Atem habe, dann die Erinnerung, wie sehr er
    sich in der Nacht bei der Mama angestrengt, ob ihm das
    nicht geschadet habe, dann die Sorge, ob sie sich nicht
    überanstrengt habe bei der gleichfalls zum sexuellen Orgas-
    mus mit etwas Dyspnoe führenden Masturbation, und dann
    die verstärkte Wiederkehr dieser Dyspnoe als Symptom.
    Einen Teil dieses Materials konnte ich noch der Analyse
    entnehmen, den andern mußte ich ergänzen. Aus der Kon-
    statierung der Masturbation haben wir ja gesehen, daß das
    Material für ein Thema erst stückweise zu verschiedenen
    Zeiten und in verschiedenen Zusammenhängen zusammen-
    gebracht wird.55)

    55)In ganz ähnlicher Weise wird der Beweis der infantilen
    Masturbation auch in anderen Fällen hergestellt. Das Material da-
    für ist meist ähnlicher Natur: Hinweise auf Fluor albus, Bett-
    nässen, Handzeremoniell (Waschzwang) u. dgl. Ob die Gewöh-
    nung von einer Warteperson entdeckt worden ist oder nicht, ob
    ein Abgewöhnungskampf oder ein plötzlicher Umschwung diese
    Sexualbetätigung zum Ende geführt hat, läßt sich aus der Sym-
    ptomatik des Falles jedesmal mit Sicherheit erraten. Bei Dora war
    die Masturbation unentdeckt geblieben und hatte mit einem Schlage
    ein Ende gefunden (Geheimnis, Angst vor Ärzten — Ersatz durch
    Dyspnoe). Die Kranken bestreiten zwar regelmäßig die Beweis-
    kraft dieser Indizien und dies selbst dann, wenn die Erinnerung

  • S.

    94

    Es erheben sich nun eine Reihe der gewichtigsten Fragen
    zur Ätiologie der Hysterie, ob man den Fall Doras als
    typisch für die Ätiologie ansehen darf, ob er den einzigen
    Typus der Verursachung darstellt usw. Allein ich tue gewiß
    recht daran, die Beantwortung dieser Fragen erst auf die
    Mitteilung einer größeren Reihe von ähnlich analysierten
    Fällen warten zu lassen. Ich müßte überdies damit be-
    ginnen, die Fragestellung zurechtzurücken. Anstatt mich
    mit Ja oder Nein darüber zu äußern, ob die Ätiologie dieses
    Krankheitsfalles in der kindlichen Masturbation zu suchen
    ist, würde ich zunächst den Begriff der Ätiologie bei den
    Psychoneurosen zu erörtern haben. Der Standpunkt, von
    dem aus ich antworten könnte, würde sich als wesentlich
    verschoben gegen den Standpunkt erweisen, von dem aus
    die Frage an mich gestellt wird. Genug, wenn wir für
    diesen Fall zur Überzeugung gelangen, daß hier Kinder-
    masturbation nachweisbar ist, daß sie nichts Zufälliges und
    nichts für die Gestaltung des Krankheitsbildes Gleichgül-
    tiges sein kann.56 Uns winkt ein weiteres Verständnis der

    an den Katarrh oder an die Verwarnung der Mutter („das mache
    dumm; es sei giftig“) in bewußter Erinnerung geblieben ist. Aber
    einige Zeit nachher stellt sich auch die so lange verdrängte Er-
    innerung an dieses Stück des kindlichen Sexuallebens mit Sicher-
    heit, und zwar bei allen Fällen, ein. — Bei einer Patientin mit
    Zwangsvorstellungen, welche direkte Abkömmlinge der infantilen
    Masturbation waren, erwiesen sich die Züge des sich Verbietens,
    Bestrafens, wenn sie dies eine getan habe, dürfe sie das andere
    nicht, das Nicht-gestört-werden-dürfen, das Pausen-Einschieben zwi-
    schen einer Verrichtung (mit den Händen) und einer nächsten,
    das Händewaschen usw. als unverändert erhaltene Stücke der Ab-
    gewöhnungsarbeit ihrer Pflegeperson. Die Warnung: „Pfui, das ist
    giftig!“ war das einzige, was dem Gedächtnisse immer erhalten
    geblieben war. Vgl. hierzu noch meine „Drei Abhandlungen zur
    Sexualtheorie“, 1905 (in Bd. V der Ges. Schriften).

    56)Mit der Angewöhnung der Masturbation muß der Bruder in
    irgendwelcher Verbindung sein, denn in diesem Zusammenhang
    erzählte sie mit dem Nachdrucke, der eine „Deckerinnerung“ ver-

  • S.

    95

    Symptome bei Dora, wenn wir die Bedeutung des von ihr
    eingestandenen Fluor albus ins Auge fassen. Das Wort
    „Katarh“, mit dem sie ihre Affektion bezeichnen lernte,
    als ein ähnliches Leiden der Mutter Franzensbad nötig
    machte, ist wiederum ein „Wechsel“, welcher der ganzen
    Reihe von Gedanken über die Krankheitsschuldung des
    Papas den Zugang zur Äußerung in dem Symptom des
    Hustens öffnete. Dieser Husten, der gewiß ursprünglich von
    einem geringfügigen realen Katarh herstammte, war ohne-
    dies Nachahmung des auch mit einem Lungenleiden be-
    hafteten Vaters und konnte ihrem Mitleid und ihrer Sorge
    für ihn Ausdruck geben. Außerdem aber rief er gleichsam
    in die Welt hinaus, was ihr damals vielleicht noch nicht
    bewußt geworden war: „Ich bin die Tochter von Papa. Ich
    habe einen Katarh wie er. Er hat mich krank gemacht,
    wie er die Mama krank gemacht hat. Von ihm habe ich die
    bösen Leidenschaften, die sich durch Krankheit strafen.“57

    rät, daß der Bruder ihr regelmäßig alle Ansteckungen zugetragen,
    die er selbst leicht, sie aber schwer durchgemacht. Der Bruder
    wird auch im Traume vor dem „Zugrundegehen“ behütet; er hat
    selbst an Bettnässen gelitten, aber noch vor der Schwester damit
    aufgehört. In gewissem Sinne war es auch eine „Deckerinnerung“,
    wenn sie aussprach, bis zu der ersten Krankheit habe sie mit dem
    Bruder Schritt halten können, von da an sei sie im Lernen gegen
    ihn zurückgeblieben. Als wäre sie bis dahin ein Bub gewesen, dann
    erst mädchenhaft geworden. Sie war wirklich ein wildes Ding, vom
    „Asthma“ an wurde sie still und sittig. Diese Erkrankung bildete
    bei ihr die Grenze zwischen zwei Phasen des Geschlechtslebens,
    von denen die erste männlichen, die spätere weiblichen Charakter
    hatte.

    57)Die nämliche Rolle spielte das Wort bei dem 14jährigen
    Mädchen, dessen Krankengeschichte ich auf Seite 27 in einige
    Zeilen zusammengedrängt habe. Ich hatte das Kind mit einer in-
    telligenten Dame, die mir die Dienste einer Wärterin leistete, in
    einer Pension installiert. Die Dame berichtete mir, daß die kleine
    Patientin ihre Gegenwart beim Zubettegehen nicht dulde, und daß
    sie im Bette auffällig huste, wovon tagsüber nichts zu hören war.

  • S.

    96

    Wir können nun den Versuch machen, die verschiedenen
    Determinierungen, die wir für die Anfälle von Husten und
    Heiserkeit gefunden haben, zusammenzustellen. Zu unterst
    in der Schichtung ist ein realer, organisch bedingter Husten-
    reiz anzunehmen, das Sandkorn also, um welches das
    Muscheltier die Perle bildet. Dieser Reiz ist fixierbar, weil
    er eine Körperregion betrifft, welche die Bedeutung einer
    erogenen Zone bei dem Mädchen in hohem Grade bewahrt
    hat. Er ist also geeignet dazu, der erregten Libido Aus-
    druck zu geben. Er wird fixiert durch die wahrscheinlich
    erste psychische Umkleidung, die Mitleidsimitation für den
    kranken Vater und dann durch die Selbstvorwürfe wegen
    des „Katarrhs“. Dieselbe Symptomgruppe zeigt sich ferner
    fähig, die Beziehungen zu Herrn K. darzustellen, seine Ab-
    wesenheit zu bedauern und den Wunsch auszudrücken, ihm
    eine bessere Frau zu sein. Nachdem ein Teil der Libido
    sich wieder dem Vater zugewendet, gewinnt das Symptom
    seine vielleicht letzte Bedeutung zur Darstellung des sexuel-
    len Verkehres mit dem Vater in der Identifizierung mit
    Frau K. Ich möchte dafür bürgen, daß diese Reihe keines-
    wegs vollständig ist. Leider ist die unvollständige Analyse
    nicht imstande, dem Wechsel der Bedeutung zeitlich zu
    folgen, die Reihenfolge und die Koexistenz verschiedener
    Bedeutungen klarzulegen. An eine vollständige darf man
    diese Forderungen stellen.

    Ich darf nun nicht versäumen, auf weitere Beziehungen
    des Genitalkatarrhs zu den hysterischen Symptomen Doras

    Der Kleinen fiel, als sie über diese Symptome befragt wurde, nur
    ein, daß ihre Großmutter so hustete, von der man sage, sie habe
    einen Katarrh. Es war dann klar, daß auch sie einen Katarrh habe,
    und daß sie bei der abends vorgenommenen Reinigung nicht be-
    merkt werden wolle. Der Katarrh, der mittels dieses Wortes von
    unten nach oben geschoben worden war, zeigte sogar eine
    nicht gewöhnliche Intensität.

  • S.

    97

    einzugehen. Zu Zeiten, als eine psychische Aufklärung der
    Hysterie noch in weiter Ferne lag, hörte ich ältere, er-
    fahrene Kollegen behaupten, daß bei den hysterischen Pa-
    tientinnen mit Fluor eine Verschlimmerung des Katarrhs
    regelmäßig eine Verschärfung der hysterischen Leiden,
    besonders der Eßunlust und des Erbrechens nach sich ziehe.
    Über den Zusammenhang war niemand recht klar, aber ich
    glaube, man neigte zur Anschauung der Gynäkologen hin,
    die bekanntlich einen direkten und organisch störenden Ein-
    fluß von Genitalaffektionen auf die nervösen Funktionen im
    breitesten Ausmaße annehmen, wobei uns die therapeutische
    Probe auf die Rechnung zu allermeist im Stich läßt. Bei
    dem heutigen Stande unserer Einsicht kann man einen
    solchen direkten und organischen Einfluß auch nicht für
    ausgeschlossen erklären, aber leichter nachweisbar ist jeden-
    falls dessen psychische Umkleidung. Der Stolz auf die Ge-
    staltung der Genitalien ist bei unseren Frauen ein ganz be-
    sonderes Stück ihrer Eitelkeit; Affektionen derselben,
    welche für geeignet gehalten werden, Abneigung oder selbst
    Ekel einzuflößen, wirken in ganz unglaublicher Weise krän-
    kend, das Selbstgefühl herabsetzend, machen reizbar, emp-
    findlich und mißtrauisch. Die abnorme Sekretion der Schei-
    denschleimhaut wird als ekelerregend angesehen.

    Erinnern wir uns, daß bei Dora nach dem Kusse des
    Herrn K. eine lebhafte Ekelemfindung eintrat, und daß
    wir Grund fanden, uns ihre Erzählung dieser Kußszene
    dahin zu vervollständigen, daß sie den Druck des erigier-
    ten Gliedes gegen ihren Leib in der Umarmung spürte. Wir
    erfahren nun ferner, daß dieselbe Gouvernante, welche
    sie wegen ihrer Untreue von sich gestoßen hatte, ihr aus
    eigener Lebenserfahrung vorgetragen hatte, alle Männer
    seien leichtsinnig und unverläßlich. Für Dora mußte das
    heißen, alle Männer seien wie der Papa. Ihren Vater hielt

  • S.

    98

    sie aber für geschlechtskrank, hatte er doch diese Krank-
    heit auf sie und auf die Mutter übertragen. Sie konnte sich
    also vorstellen, alle Männer seien geschlechtskrank, und
    ihr Begriff von Geschlechtskrankheit war natürlich nach
    ihrer einzigen und dazu persönlichen Erfahrung gebildet.
    Geschlechtskrank hieß ihr also mit einem ekelhaften Aus-
    flusse behaftet — ob dies nicht eine weitere Motivierung
    des Ekels war, den sie im Moment der Umarmung emp-
    fand? Dieser auf die Berührung des Mannes übertragene
    Ekel wäre dann ein nach dem erwähnten primitiven Me-
    chanismus (siehe Seite 39 f) projizierter, der sich in letzter
    Linie auf ihren eigenen Fluor bezog.

    Ich vermute, daß es sich hierbei um unbewußte Gedan-
    kengänge handelt, welche über vorgebildete organische Zu-
    sammenhänge gezogen sind, etwa wie Blumenfestons über
    Drahtgewinde, so daß man ein andermal andere Gedanken-
    wege zwischen den nämlichen Ausgangs- und Endpunkten
    eingeschaltet finden kann. Doch ist die Kenntnis der im
    einzelnen wirksam gewesenen Gedankenverbindungen für
    die Lösung der Symptome von unersetzlichem Werte. Daß
    wir im Falle Doras zu Vermutungen und Ergänzungen grei-
    fen müssen, ist nur durch den vorzeitigen Abbruch der
    Analyse begründet. Was ich zur Ausfüllung der Lücken
    vorbringe, lehnt sich durchweg an andere, gründlich ana-
    lysierte Fälle an.

    *

    Der Traum, durch dessen Analyse wir die vorstehenden
    Aufschlüsse gewonnen haben, entspricht, wie wir fanden,
    einem Vorsatze, den Dora in den Schlaf mitnimmt. Er wird
    darum jede Nacht wiederholt, bis der Vorsatz erfüllt ist,
    und er tritt Jahre später wieder auf, sowie sich ein Anlaß
    ergibt, einen analogen Vorsatz zu fassen. Der Vorsatz läßt

  • S.

    99

    sich bewußt etwa folgendermaßen aussprechen: Fort aus
    diesem Hause, in dem, wie ich gesehen habe, meiner Jung-
    fräulichkeit Gefahr droht; ich reise mit dem Papa ab, und
    morgens bei der Toilette will ich meine Vorsichten treffen,
    nicht überrascht zu werden. Diese Gedanken finden ihren
    deutlichen Ausdruck im Traume; sie gehören einer Strö-
    mung an, die im Wachleben zum Bewußtsein und zur Herr-
    schaft gelangt ist. Hinter ihnen läßt sich ein dunkler ver-
    tretener Gedankenzug erraten, welcher der gegenteiligen
    Strömung entspricht und darum der Unterdrückung ver-
    fallen ist. Er gipfelt in der Versuchung, sich dem Manne
    zum Danke für die ihr in den letzten Jahren bewiesene
    Liebe und Zärtlichkeit hinzugeben, und ruft vielleicht die
    Erinnerung an den einzigen Kuß auf, den sie bisher von
    ihm empfangen hat. Aber nach der in meiner Traum-
    deutung entwickelten Theorie reichen solche Elemente nicht
    hin, um einen Traum zu bilden. Ein Traum sei kein Vor-
    satz, der als ausgeführt, sondern ein Wunsch, der als
    dargestellt wird, und zwar womöglich ein Wunsch aus dem
    Kinderleben. Wir haben die Verpflichtung zu prüfen, ob
    dieser Satz nicht durch unseren Traum widerlegt wird.

    Der Traum enthält in der Tat infantiles Material, wel-
    ches in keiner auf den ersten Blick ergründbaren Beziehung
    zum Vorsatze steht, das Haus des Herrn K. und die von
    ihm ausgehende Versuchung zu fliehen. Wozu taucht wohl
    die Erinnerung an das Bettnässen als Kind und an die Mühe
    auf, die sich der Vater damals gab, das Kind rein zu ge-
    wöhnen? Man kann darauf die Antwort geben, weil es nur
    mit Hilfe dieses Gedankenzuges möglich ist, die intensiven
    Versuchungsgedanken zu unterdrücken und den gegen sie
    gefaßten Vorsatz zur Herrschaft zu bringen. Das Kind be-
    schließt, mit seinem Vater zu flüchten; in Wirklichkeit
    flüchtet es sich in der Angst vor dem ihm nachstellenden
     

  • S.

    100

    Manne zu seinem Vater; es ruft eine infantile Neigung zum
    Vater wach, die es gegen die rezente zu dem Fremden
    schützen soll. An der gegenwärtigen Gefahr ist der Vater
    selbst mitschuldig, der sie wegen eigener Liebesinteressen
    dem fremden Manne ausgeliefert hat. Wieviel schöner war
    es doch, als derselbe Vater niemanden anderen lieber hatte
    als sie und sich bemühte, sie vor den Gefahren, die sie da-
    mals bedrohten, zu retten. Der infantile und heute un-
    bewußte Wunsch, den Vater an die Stelle des fremden
    Mannes zu setzen, ist eine traumbildende Potenz. Wenn es
    eine Situation gegeben hat, die ähnlich einer der gegen-
    wärtigen sich doch durch diese Personvertretung von ihr
    unterschied, so wird diese zur Hauptsituation des Traum-
    inhaltes. Es gibt eine solche; gerade so wie am Vortage
    Herr K. stand einst der Vater vor ihrem Bette und weckte
    sie etwa mit einem Kusse, wie vielleicht Herr K. beab-
    sichtigt hatte. Der Vorsatz, das Haus zu fliehen, ist also
    nicht an und für sich traumfähig, er wird es dadurch, daß
    sich ihm ein anderer, auf infantile Wünsche gestützter Vor-
    satz beigesellt. Der Wunsch, Herrn K. durch den Vater
    zu ersetzen, gibt die Triebkraft zum Traume ab. Ich er-
    innere an die Deutung, zu der mich der verstärkte, auf
    das Verhältnis des Vaters zu Frau K. bezügliche Gedanken-
    zug nötigte, es sei hier eine infantile Neigung zum Vater
    wachgerufen worden, um die verdrängte Liebe zu Herrn K.
    in der Verdrängung erhalten zu können; diesen Umschwung
    im Seelenleben der Patientin spiegelt der Traum wider.
    Über das Verhältnis zwischen den in den Schlaf sich fort-
    setzenden Wachgedanken – den Tagesresten – und dem
    unbewußten traumbildenden Wunsche habe ich in der
    „Traumdeutung“ (S. 329, Ges. Schriften, Bd. II, S. 477)
    einige Bemerkungen niedergelegt, die ich hier unverändert
    zitieren werde, denn ich habe ihnen nichts hinzuzufügen,

  • S.

    101

    und die Analyse dieses Traumes von Dora beweist von
    neuem, daß es sich nicht anders verhält.

    „Ich will zugeben, daß es eine ganze Klasse von Träu-
    men gibt, zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst
    ausschließlich aus den Resten des Tageslebens stammt, und
    ich meine, selbst mein Wunsch, endlich einmal Professor
    extraordinarius zu werden,58 hätte mich diese Nacht ruhig
    schlafen lassen können, wäre nicht die Sorge um die Ge-
    sundheit meines Freundes vom Tage her noch rührig ge-
    wesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum gemacht;
    die Triebkraft, die der Traum bedurfte, mußte von
    einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der Be-
    sorgnis, sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des
    Traumes zu verschaffen. Um es in einem Gleichnisse zu
    sagen: Es ist sehr wohl möglich, daß ein Tagesgedanke die
    Rolle des Unternehmers für den Traum spielt; aber
    der Unternehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und
    den Drang, sie in Tat umzusetzen, kann doch ohne Kapital
    nichts machen; er braucht einen Kapitalisten, der den Auf-
    wand bestreitet, und dieser Kapitalist, der den psychischen
    Aufwand für den Traum beistellt, ist allemal und un-
    weigerlich, was immer auch der Tagesgedanke sein mag,
    ein Wunsch aus dem Unbewußten.“

    Wer die Feinheit in der Struktur solcher Gebilde wie der
    Träume kennengelernt hat, wird nicht überrascht sein, zu
    finden, daß der Wunsch, der Vater möge die Stelle des ver-
    suchenden Mannes einnehmen, nicht etwa beliebiges Kind-
    heitsmaterial zur Erinnerung bringt, sondern gerade sol-
    ches, das auch die intimsten Beziehungen zur Unterdrückung
    dieser Versuchung unterhält. Denn wenn Dora sich unfähig
    fühlt, der Liebe zu diesem Manne nachzugeben, wenn es

    58)Dies bezieht sich auf die Analyse des dort zum Muster ge-
    nommenen Traumes.

  • S.

    102

    zur Verdrängung dieser Liebe anstatt zur Hingebung
    kommt, so hängt diese Entscheidung mit keinem anderen
    Moment inniger zusammen als mit ihrem vorzeitigen Sexual-
    genusse und mit dessen Folgen, dem Bettnässen, dem Ka-
    tarrh und dem Ekel. Eine solche Vorgeschichte kann je
    nach der Summation der konstitutionellen Bedingungen
    zweierlei Verhalten gegen die Liebesanforderung in reifer
    Zeit begründen, entweder die volle widerstandslose, ins
    Perverse greifende Hingebung an die Sexualität oder in der
    Reaktion die Ablehnung derselben unter neurotischer Er-
    krankung. Konstitution und die Höhe der intellektuellen
    und moralischen Erziehung hatten bei unserer Patientin für
    das letztere den Ausschlag gegeben.

    Ich will noch besonders darauf aufmerksam machen, daß
    wir von der Analyse dieses Traumes aus den Zugang zu
    Einzelheiten der pathogen wirksamen Erlebnisse gefunden
    haben, die der Erinnerung oder wenigstens der Reproduk-
    tion sonst nicht zugänglich gewesen waren. Die Erinnerung
    an das Bettnässen der Kindheit war, wie sich ergab, bereits
    verdrängt. Die Einzelheiten der Nachstellung von seiten des
    Herrn K. hatte Dora niemals erwähnt, sie waren ihr nicht
    eingefallen.

    *

    Noch einige Bemerkungen zur Synthese dieses Traumes. Die
    Traumarbeit nimmt ihren Anfang am Nachmittage des zweiten
    Tages nach der Szene im Walde, nachdem sie bemerkt, daß sie
    ihr Zimmer nicht mehr verschließen kann. Da sagt sie sich: Hier
    droht mir ernste Gefahr, und bildet den Vorsatz, nicht allein im
    Hause zu bleiben, sondern mit dem Papa abzureisen. Dieser Vor-
    satz wird traumbildungsfähig, weil er sich ins Unbewußte fortzu-
    setzen vermag. Dort entspricht ihm, daß sie die infantile Liebe
    zum Vater als Schutz gegen die aktuelle Versuchung aufruft. Die
    Wendung, die sich dabei in ihr vollzieht, fixiert sich und führt sie
    auf den Standpunkt, den ihr überwertiger Gedankengang ver-
     

  • S.

    103

    tritt (Eifersucht gegen Frau K. wegen des Vaters, als ob sie in
    ihn verliebt wäre). Es kämpfen in ihr die Versuchung, dem wer-
    benden Manne nachzugehen, und das zusammengesetzte Sträuben
    dagegen. Letzteres ist zusammengesetzt aus Motiven der Wohl-
    anständigkeit und Besonnenheit, aus feindseligen Regungen infolge
    der Eröffnung der Gouvernante (Eifersucht, gekränkter Stolz, siehe
    unten) und aus einem neurotischen Elemente, dem in ihr vor-
    bereiteten Stücke Sexualabneigung, welches auf ihrer Kinder-
    geschichte fußt. Die zum Schutze gegen die Versuchung wach-
    gerufene Liebe zum Vater stammt aus dieser Kindergeschichte.

    Der Traum verwandelt den im Unbewußten vertieften Vorsatz,
    sich zum Vater zu flüchten, in eine Situation, die den Wunsch, der
    Vater möge sie aus der Gefahr retten, erfüllt zeigt. Dabei ist ein
    im Wege stehender Gedanke beiseitezuschieben, der Vater ist es
    ja, der sie in diese Gefahr gebracht hat. Die hier unterdrückte
    feindselige Regung (Rachenneigung) gegen den Vater werden wir
    als einen der Motoren des zweiten Traumes kennenlernen.

    Nach den Bedingungen der Traumbildung wird die phantasierte
    Situation so gewählt, daß sie eine infantile Situation wiederholt.
    Ein besonderer Triumph ist es, wenn es gelingt, eine rezente, etwa
    gerade die Situation des Traumanlasses, in eine infantile zu ver-
    wandeln. Das gelingt hier durch reine Zufälligkeit des Materials.
    So wie Herr K. vor ihrem Lager gestanden und sie geweckt, so
    tat es oft in Kinderjahren der Vater. Ihre ganze Wendung läßt
    sich treffend symbolisieren, indem sie in dieser Situation Herrn
    K. durch den Vater ersetzt.

    Der Vater weckte sie aber seinerzeit, damit sie das Bett nicht
    naß mache.

    Dieses „Naß“ wird bestimmend für den weiteren Trauminhalt,
    in welchem es aber nur durch eine entfernte Anspielung und durch
    seinen Gegensatz vertreten ist.

    Der Gegensatz von „Naß“, „Wasser“ kann leicht „Feuer“,
    „Brennen“ sein. Die Zufälligkeit, daß der Vater bei der Ankunft
    an dem Orte Angst vor Feuersgefahr geäußert hatte, hilft mit, um
    zu entscheiden, daß die Gefahr, aus welcher der Vater sie rettet,
    eine Brandgefahr sei. Auf diesen Zufall und auf den Gegensatz zu
    „Naß“ stützt sich die gewählte Situation des Traumbildes: Es
    brennt, der Vater steht vor ihrem Bette, um sie zu wecken. Die
    zufällige Äußerung des Vaters gelangte wohl nicht zu dieser Be-

  • S.

    104

    deutung im Trauminhalte, wenn sie nicht so vortrefflich zu der
    siegreichen Gefühlsströmung stimmen würde, die in dem Vater
    durchaus den Helfer und Retter finden will. Er hat die Gefahr
    gleich bei der Ankunft geahnt, er hat recht gehabt! (In Wirk-
    lichkeit hatte er das Mädchen in diese Gefahr gebracht.)

    In den Traumgedanken fällt dem „Naß“ infolge leicht herstell-
    barer Beziehungen die Rolle eines Knotenpunktes für mehrere Vor-
    stellungskreise zu. „Naß“ gehört nicht allein dem Bettnässen an,
    sondern auch dem Kreise der sexuellen Versuchungsgedanken, die
    unterdrückt hinter diesem Trauminhalte stehen. Sie weiß, daß es
    auch ein Naßwerden beim sexuellen Verkehre gibt, daß der Mann
    dem Weib etwas Flüssiges in Tropfenform bei der Begattung
    schenkt. Sie weiß, daß gerade darin die Gefahr besteht, daß ihr
    die Aufgabe gestellt wird, das Genitale vor dem Benetztwerden
    zu hüten.

    Mit „Naß“ und „Tropfen“ erschließt sich gleichzeitig der andere
    Assoziationskreis, der des ekelhaften Katarrhs, der in ihren reife-
    ren Jahren wohl die nämliche beschämende Bedeutung hat wie in
    der Kinderzeit das Bettnässen. „Naß“ wird hier gleichbedeutend
    mit „Verunreinigt“. Das Genitale, das reingehalten werden soll, ist
    ja schon durch den Katarrh verunreinigt, übrigens bei der Mama
    geradeso wie bei ihr (Seite 87). Sie scheint zu verstehen, daß die
    Reinlichkeitssucht der Mama die Reaktion gegen diese Verunreini-
    gung ist.

    Beide Kreise treffen in dem einen zusammen: Die Mama hat
    beides vom Papa bekommen, das sexuelle Naß und den verun-
    reinigenden Fluor. Die Eifersucht gegen die Mama ist untrennbar
    von dem Gedankenkreise der hier zum Schutze aufgerufenen in-
    fantilen Liebe zum Vater. Aber darstellungsfähig ist dieses Mate-
    rial noch nicht. Läßt sich aber eine Erinnerung finden, die mit
    beiden Kreisen des „Naß“ in ähnlich guter Beziehung steht, aber
    das Anstößige vermeidet, so wird diese die Vertretung im Traum-
    inhalte übernehmen können.

    Eine solche findet sich in der Begebenheit von den „Tropfen“,
    die sich die Mama als Schmuck gewünscht. Anscheinend ist die
    Verknüpfung dieser Reminiszenz mit den beiden Kreisen des
    sexuellen Naß und der Verunreinigung eine äußerliche, oberfläch-
    liche, durch die Worte vermittelt, denn „Tropfen“ ist als „Wech-
    sel“, als zweideutiges Wort verwendet, und „Schmuck“ ist soviel

  • S.

    105

    als „rein“, ein etwas gezwungener Gegensatz zu „verunreinigt“. In
    Wirklichkeit sind die festesten inhaltlichen Verknüpfungen nach-
    weisbar. Die Erinnerung stammt aus dem Material der infantil
    wurzelnden, aber weit fortgesetzten Eifersucht gegen die Mama.
    Über die beiden Wortbrücken kann alle Bedeutung, die an den
    Vorstellungen vom sexuellen Verkehre zwischen den Eltern, von
    der Fluorerkrankung und von der quälenden Reinmacherei der
    Mama haftet, auf die eine Reminiszenz von den „Schmucktropfen“
    übergeführt werden.

    Doch muß noch eine weitere Verschiebung für den Trauminhalt
    Platz greifen. Nicht das dem ursprünglichen „Naß“ nähere „Trop-
    fen“, sondern das entferntere „Schmuck“ gelangt zur Aufnahme
    in den Traum. Es hätte also heißen können, wenn dieses Element
    in die vorher fixierte Traumsituation eingefügt wird: Die Mama
    will noch ihren Schmuck retten. In der neuen Abänderung
    „Schmuckkästchen“ macht sich nun nachträglich der Einfluß von
    Elementen aus dem unterliegenden Kreise der Versuchung durch
    Herrn K. geltend. Schmuck hat ihr Herr K. nicht geschenkt, wohl
    aber ein „Kästchen“ dafür, die Vertretung all der Auszeichnungen
    und Zärtlichkeiten, für die sie jetzt dankbar sein sollte. Und das
    jetzt entstandene Kompositum „Schmuckkästchen“ hat noch einen
    besonderen vertretenden Wert. Ist „Schmuckkästchen“ nicht ein ge-
    bräuchliches Bild für das unbefleckte, unversehrte, weibliche Geni-
    tale? Und anderseits ein harmloses Wort, also vortrefflich geeignet,
    die sexuellen Gedanken hinter dem Traum ebensosehr anzudeuten
    wie zu verstecken?

    So heißt es also im Trauminhalte an zwei Stellen: „Schmuck-
    kästchen der Mama“, und dies Element ersetzt die Erwähnung der
    infantilen Eifersucht, der Tropfen, also des sexuellen Nassen, der
    Verunreinigung durch den Fluor und anderseits der jetzt aktuellen
    Versuchungsgedanken, die auf Gegenliebe dringen und die bevor-
    stehende — ersehnte und drohende — sexuelle Situation aus-
    malen. Das Element „Schmuckkästchen“ ist wie kein anderes ein
    Verdichtungs- und Verschiebungsergebnis und ein Kompromiß
    gegensätzlicher Strömungen. Auf seine mehrfache Herkunft — aus
    infantiler wie aus aktueller Quelle — deutet wohl sein zweimaliges
    Auftreten im Trauminhalte.

    Der Traum ist die Reaktion auf ein frisches, erregend wirken-
    des Erlebnis, welches notwendigerweise die Erinnerung an das

  • S.

    106

    einzige analoge Erlebnis früherer Jahre wecken muß. Dies ist die
    Szene mit dem Kusse im Laden, bei dem der Ekel auftrat. Die-
    selbe Szene ist aber assoziativ von anderswoher zugänglich, von
    dem Gedankenkreise des Katarrhs (vgl. S. 96) und von dem der
    aktuellen Versuchung aus. Sie liefert also einen eigenen Beitrag
    zum Trauminhalte, der sich der vorgebildeten Situation anpassen
    muß. Es brennt … der Kuß hat wohl nach Rauch geschmeckt, sie
    riecht also Rauch im Trauminhalte, der sich hier über das Er-
    wachen fortsetzt.

    In der Analyse dieses Traumes habe ich leider aus Unachtsam-
    keit eine Lücke gelassen. Dem Vater ist die Rede in den Mund
    gelegt: Ich will nicht, daß meine beiden Kinder usw. (hier ist
    wohl aus den Traumgedanken einzufügen: an den Folgen der
    Masturbation) zugrunde gehen. Solche Traumrede ist regelmäßig
    aus Stücken realer, gehaltener oder gehörter Rede zusammen-
    gesetzt. Ich hätte mich nach der realen Herkunft dieser Rede er-
    kundigen sollen. Das Ergebnis dieser Nachfrage hätte den Aufbau
    des Traumes zwar verwickelter ergeben, aber dabei gewiß auch
    durchsichtiger erkennen lassen.

    Soll man annehmen, daß dieser Traum damals in L. genau den
    nämli-
    chen Inhalt gehabt hat wie bei seiner Wiederholung während
    der Kur? Es scheint nicht notwendig. Die Erfahrung zeigt, daß die
    Menschen häufig behaupten, sie hätten denselben Traum gehabt,
    während sich die einzelnen Erscheinungen des wiederkehrenden
    Traumes durch zahlreiche Details und sonst weitgehende Abände-
    rungen unterscheiden. So berichtet eine meiner Patientinnen, sie
    habe heute wieder ihren stets in gleicher Weise wiederkehrenden
    Lieblingstraum gehabt, daß sie im blauen Meere schwimme, mit
    Genuß die Wogen teile usw. Nähere Nachforschung ergibt, daß auf
    dem gemeinsamen Untergrunde das eine Mal dies, das andere Mal
    jenes Detail aufgetragen ist; ja, einmal schwamm sie im Meere,
    während es gefroren war, mitten zwischen Eisbergen. Andere
    Träume, die sie selbst nicht mehr für die nämlichen auszugeben
    versucht, zeigen sich mit diesen wiederkehrenden innig verknüpft.
    Sie sieht z. B. nach einer Photographie gleichzeitig das Ober-
    und
    das Unterland von Helgoland in realen Dimensionen, auf dem
    Meere ein Schiff, in dem sich zwei Jugendbekannte von ihr be-
    finden usw.

    Sicher ist, daß der während der Kur vorfallende Traum Doras

  • S.

    107

    — vielleicht ohne seinen manifesten Inhalt zu ändern — eine neue
    aktuelle Bedeutung gewonnen hatte. Er schloß unter seinen Traum-
    gedanken eine Beziehung zu meiner Behandlung ein und entsprach
    einer Erneuerung des damaligen Vorsatzes, sich einer Gefahr zu
    entziehen. Wenn keine Erinnerungstäuschung von ihrer Seite im
    Spiele war, als sie behauptete, den Rauch nach dem Erwachen
    schon in L. verspürt zu haben, so ist anzuerkennen, daß sie meinen
    Ausspruch: „Wo Rauch ist, da ist Feuer“ sehr geschickt unter die
    fertige Traumform gebracht, wo er zur Überdeterminierung des
    letzten Elementes verwendet erscheint. Ein unleugbarer Zufall war
    es, daß ihr der letzte aktuelle Anlaß, das Verschließen des Speise-
    zimmers von seiten der Mutter, wodurch der Bruder in seinem
    Schlafraume eingeschlossen blieb, eine Anknüpfung an die Nach-
    stellung des Herrn K. in L. brachte, wo ihr Entschluß zur Reife
    kam, als sie ihr Schlafzimmer nicht verschließen konnte. Vielleicht
    kam der Bruder in den damaligen Träumen nicht vor, so daß die
    Rede „meine beiden Kinder“ erst nach dem letzten Anlasse in den
    Trauminhalt gelangte.

    III) Der zweite Traum

    Wenige Wochen nach dem ersten fiel der zweite Traum
    vor, mit dessen Erledigung die Analyse abbrach. Er ist
    nicht so voll durchsichtig zu machen wie der erste, brachte
    aber eine erwünschte Bestätigung einer notwendig gewor-
    denen Annahme über den Seelenzustand der Patientin, füllte
    eine Gedächtnislücke aus und ließ einen tiefen Einblick in
    die Entstehung eines anderen ihrer Symptome gewinnen.

    Dora erzählte: Ich gehe in einer Stadt, die ich nicht
    kenne, spazieren, sehe Straßen und Plätze, die mir fremd
    sind.59) Ich komme dann in ein Haus, wo ich wohne, gehe
    auf mein Zimmer und finde dort einen Brief der Mama
    liegen. Sie schreibt: Da ich ohne Wissen der Eltern vom
    Hause fort bin, wollte sie mir nicht schreiben, daß der Papa

    59)Hierzu der wichtige Nachtrag: Auf einem der Plätze sehe
    ich ein Monument.