• S.

    128

    IV) Nachwort

    Ich habe diese Mitteilung zwar als Bruchstück einer
    Analyse angekündigt; man wird aber gefunden haben, daß
    sie in viel weiterem Umfange unvollständig ist, als sich
    nach diesem ihrem Titel erwarten ließ. Es geziemt sich
    wohl, daß ich versuche, diese keinesfalls zufälligen Aus-
    lassungen zu motivieren.

    Eine Reihe von Ergebnissen der Analyse ist weggeblieben,
    weil sie beim Abbruch der Arbeit teils nicht genügend
    sicher erkannt, teils einer Fortführung bis zu einem all-
    gemeinen Resultat bedürftig waren. Andere Male habe ich,
    wo es mir statthaft schien, auf die wahrscheinliche Fort-
    setzung einzelner Lösungen hingewiesen. Die keineswegs
    selbstverständliche Technik, mittels welcher man allein
    dem Rohmaterial von Einfällen des Kranken seinen Rein-
    gehalt an wertvollen unbewußten Gedanken entziehen kann,

    chen — die Einladung — der Wald — die 2¹/₂ Stunden stammen
    aus dem Material der Vorgänge in L. Die Erinnerung an die Gou-
    vernante und deren Briefverkehr mit ihren Eltern tritt mit dem
    Element ihres Abschiedsbriefes zu dem im Trauminhalte vorfind-
    lichen Brief, der ihr nach Hause zu kommen erlaubt, zusammen.
    Die Ablehnung, sich begleiten zu lassen, der Entschluß, allein zu
    gehen, läßt sich wohl so übersetzen: Weil du mich wie ein Dienst-
    mädchen behandelt hast, lasse ich dich stehen, gehe allein meiner
    Wege und heirate nicht. — Durch diese Rachegedanken verdeckt,
    schimmert an anderen Stellen Material aus zärtlichen Phantasien
    aus der unbewußt fortgesetzten Liebe zu Herrn K. durch: Ich
    hätte auf dich gewartet, bis ich deine Frau geworden wäre — die
    Defloration — die Entbindung. — Endlich gehört es dem vierten,
    am tiefsten verborgenen Gedankenkreise, dem der Liebe zu Frau K.
    an, daß die Deflorationsphantasie vom Standpunkte des Mannes
    dargestellt wird (Identifizierung mit dem Verehrer, der jetzt in
    der Fremde weilt) und daß an zwei Stellen die deutlichsten An-
    spielungen auf zweideutige Reden (wohnt hier der Herr X. X.)
    und auf die nicht mündliche Quelle ihrer sexuellen Kenntnisse
    (Lexikon) enthalten sind. Grausame und sadistische Regungen fin-
    den in diesem Traume ihre Erfüllung.

  • S.

    129

    ist von mir hier durchwegs übergangen worden, womit
    der Nachteil verbunden bleibt, daß der Leser die Korrekt-
    heit meines Vorgehens bei diesem Darstellungsprozeß nicht
    bestätigen kann. Ich fand es aber ganz undurchführbar,
    die Technik einer Analyse und die innere Struktur eines
    Falles von Hysterie in einem zu behandeln; es wäre für
    mich eine fast unmögliche Leistung und für den Leser eine
    sicher ungenießbare Lektüre geworden. Die Technik er-
    fordert durchaus eine abgesonderte Darstellung, die durch
    zahlreiche, den verschiedensten Fällen entnommene Bei-
    spiele erläutert wird und von dem jedesmaligen Ergebnis
    absehen darf. Auch die psychologischen Voraussetzungen,
    die sich in meinen Beschreibungen psychischer Phänomene
    verraten, habe ich hier zu begründen nicht versucht. Eine
    flüchtige Begründung würde nichts leisten; eine ausführ-
    liche wäre eine Arbeit für sich. Ich kann nur versichern,
    daß ich, ohne einem bestimmten psychologischen System
    verpflichtet zu sein, an das Studium der Phänomene ge-
    gangen bin, welche die Beobachtung der Psychoneurotiker
    enthüllt, und daß ich dann meine Meinungen um so viel
    zurechtgerückt habe, bis sie mir geeignet erschienen, von
    dem Zusammenhange des Beobachteten Rechenschaft zu
    geben. Ich setze keinen Stolz darein, die Spekulation ver-
    mieden zu haben; das Material für diese Hypothesen ist
    aber durch die ausgedehnteste und mühevollste Beobachtung
    gewonnen worden. Besonders dürfte die Entschiedenheit
    meines Standpunktes in der Frage des Unbewußten Anstoß
    erregen, indem ich mit unbewußten Vorstellungen, Ge-
    dankenzügen und Regungen so operiere, als ob sie ebenso
    gute und unzweifelhafte Objekte der Psychologie wären
    wie alles Bewußte; aber ich bin dessen sicher, wer das-
    selbe Erscheinungsgebiet mit der nämlichen Methode zu
    erforschen unternimmt, wird nicht umhin können, sich trotz

    Freud, Krankengeschichten

  • S.

    130

    alles Abmahnens der Philosophen auf denselben Standpunkt
    zu stellen.

    Diejenigen Fachgenossen, welche meine Theorie der
    Hysterie für eine rein psychologische gehalten und darum
    von vornherein für unfähig erklärt haben, ein pathologisches
    Problem zu lösen, werden aus dieser Abhandlung wohl
    entnehmen, daß ihr Vorwurf einen Charakter der Technik
    ungerechterweise auf die Theorie überträgt. Nur die thera-
    peutische Technik ist rein psychologisch; die Theorie ver-
    säumt es keineswegs, auf die organische Grundlage der
    Neurose hinzuweisen, wenngleich sie dieselbe nicht in einer
    pathologisch-anatomischen Veränderung sucht und die zu
    erwartende chemische Veränderung als derzeit noch unfaß-
    bar durch die Vorläufigkeit der organischen Funktion er-
    setzt. Der Sexualfunktion, in welcher ich die Begründung
    der Hysterie wie der Psychoneurosen überhaupt sehe, wird
    den Charakter eines organischen Faktors wohl niemand
    absprechen wollen. Eine Theorie des Sexuallebens wird,
    wie ich vermute, der Annahme bestimmter, erregend wir-
    kender Sexualstoffe nicht entbehren können. Die Intoxi-
    kationen und Abstinenzem beim Gebrauch gewisser chro-
    nischer Gifte stehen ja unter allen Krankheitsbildern,
    welche uns die Klinik kennenlehrt, den genuinen Psycho-
    neurosen am nächsten.

    Was sich aber über das „somatische Entgegenkommen“,
    über die infantilen Keime zur Perversion, über die erogenen
    Zonen und die Anlage zur Bisexualität heute aussagen läßt,
    habe ich in dieser Abhandlung gleichfalls nicht ausgeführt,
    sondern nur die Stellen hervorgehoben, an denen die
    Analyse auf diese organischen Fundamente der Symptome
    stößt. Mehr ließ sich von einem vereinzelten Falle aus nicht
    tun, auch hatte ich die nämlichen Gründe wie oben, eine
    beiläufige Erörterung dieser Momente zu vermeiden. Hier

  • S.

    131

    ist reichlicher Anlaß zu weiteren, auf eine große Zahl von
    Analysen gestützten Arbeiten gegeben.

    Mit dieser soweit unvollständigen Veröffentlichung wollte
    ich doch zweierlei erreichen. Erstens als Ergänzung zu
    meinem Buche über die Traumdeutung zeigen, wie diese
    sonst unnütze Kunst zur Aufdeckung des Verborgenen und
    Verdrängten im Seelenleben verwendet werden kann; bei
    der Analyse der beiden hier mitgeteilten Träume ist dann
    auch die Technik des Traumdeutens, welche der psycho-
    analytischen ähnlich ist, berücksichtigt worden. Zweitens
    wollte ich Interesse für eine Reihe von Verhältnissen er-
    wecken, welche heute der Wissenschaft noch völlig un-
    bekannt sind, weil sie sich nur bei Anwendung dieses
    bestimmten Verfahrens entdecken lassen. Von der Kom-
    plikation der psychischen Vorgänge bei der Hysterie, dem
    Nebeneinander der verschiedenartigsten Regungen, der
    gegenseitigen Bindung der Gegensätze, den Verdrängungen
    und Verschiebungen u. a. m. hat wohl niemand eine richtige
    Ahnung haben können. Janets Hervorhebung der idée
    fixe, die sich in das Symptom umsetzt, bedeutet nichts als
    eine wahrhaft kümmerliche Schematisierung. Man wird sich
    auch der Vermutung nicht erwehren können, daß Er-
    regungen, deren zugehörige Vorstellungen der Bewußt-
    seinsfähigkeit ermangeln, anders aufeinander einwirken,
    anders verlaufen und zu anderen Äußerungen führen als
    die von uns „normal“ genannten, deren Vorstellungsinhalt
    uns bewußt wird. Ist man soweit aufgeklärt, so steht dem
    Verständnis einer Therapie nichts mehr im Wege, welche
    neurotische Symptome aufhebt, indem sie Vorstellungen
    der ersteren Art in normale verwandelt.

    Es lag mir auch daran, zu zeigen, daß die Sexualität
    nicht bloß als einmal auftretender deus ex machina irgend-
    wo in das Getriebe der für die Hysterie charakteristischen

  • S.

    132

    Vorgänge eingreift, sondern daß sie die Triebkraft für
    jedes einzelne Symptom und für jede einzelne Äußerung
    eines Symptoms abgibt. Die Krankheitserscheinungen sind,
    geradezu gesagt, die Sexualbetätigung der Kran-
    ken. Ein einzelner Fall wird niemals imstande sein, einen
    so allgemeinen Satz zu erweisen, aber ich kann es nur
    immer wieder von neuem wiederholen, weil ich es niemals
    anders finde, daß die Sexualität der Schlüssel zum Pro-
    blem der Psychoneurosen wie der Neurosen überhaupt ist.
    Wer ihn verschmäht, wird niemals aufzuschließen imstande
    sein. Ich warte noch auf die Untersuchungen, welche diesen
    Satz aufzuheben oder einzuschränken vermögen sollen.
    Was ich bis jetzt dagegen gehört habe, waren Äußerungen
    persönlichen Mißfallens oder Unglaubens, denen es genügt,
    das Wort Charcots entgegenzuhalten: „Ça n’empêche pas
    d’exister.“

    Der Fall, aus dessen Kranken- und Behandlungsgeschichte
    ich hier ein Bruchstück veröffentlicht habe, ist auch nicht
    geeignet, den Wert der psychoanalytischen Therapie ins
    rechte Licht zu setzen. Nicht nur die Kürze der Behand-
    lungsdauer, die kaum drei Monate betrug, sondern noch
    ein anderes dem Falle innewohnendes Moment haben es
    verhindert, daß die Kur mit der sonst zu erreichenden,
    vom Kranken und seinen Angehörigen zugestandenen Besse-
    rung abschloß, die mehr oder weniger nahe an voll-
    kommene Heilung heranreicht. Solche erfreuliche Erfolge
    erzielt man, wo die Krankheitserscheinungen allein durch
    den inneren Konflikt zwischen den auf die Sexualität
    bezüglichen Regungen gehalten werden. Man sieht in diesen
    Fällen das Befinden der Kranken in dem Maße sich bessern,
    in dem man durch Übersetzung des pathogenen Materials
    in normales zur Lösung ihrer psychischen Aufgaben bei-
    getragen hat. Anders ist der Verlauf, wo sich die Sym-

  • S.

    133

    ptome in den Dienst äußerer Motive des Lebens gestellt
    haben, wie es auch bei Dora seit den letzten zwei Jahren
    geschehen war. Man ist überrascht und könnte leicht irre
    werden, wenn man erfährt, daß das Befinden der Kranken
    durch die selbst weit vorgeschrittene Arbeit nicht merk-
    lich geändert wird. In Wirklichkeit steht es nicht so arg;
    die Symptome schwinden zwar nicht unter der Arbeit,
    wohl aber eine Zeitlang nach derselben, wenn die Be-
    ziehungen zum Arzte gelöst sind. Der Aufschub der Hei-
    lung oder Besserung ist wirklich nur durch die Person
    des Arztes verursacht.

    Ich muß etwas weiter ausholen, um diesen Sachverhalt
    verständlich zu machen. Während einer psychoanalytischen
    Kur ist die Neubildung von Symptomen, man darf wohl
    sagen: regelmäßig, sistiert. Die Produktivität der Neurose
    ist aber durchaus nicht erloschen, sondern betätigt sich in
    der Schöpfung einer besonderen Art von meist unbewußten
    Gedankenbildungen, welchen man den Namen „Über-
    tragungen“ verleihen kann.

    Was sind die Übertragungen? Es sind Neuauflagen,
    Nachbildungen von den Regungen und Phantasien, die wäh-
    rend des Vordringens der Analyse erweckt und bewußt
    gemacht werden sollen, mit einer für die Gattung cha-
    rakteristischen Ersetzung einer früheren Person durch die
    Person des Arztes. Um es anders zu sagen: eine ganze
    Reihe früherer psychischer Erlebnisse wird nicht als ver-
    gangen, sondern als aktuelle Beziehung zur Person des
    Arztes wieder lebendig. Es gibt solche Übertragungen, die
    sich im Inhalt von ihrem Vorbilde in gar nichts bis auf
    die Ersetzung unterscheiden. Das sind also, um in dem
    Gleichnisse zu bleiben, einfache Neudrucke, unveränderte
    Neuauflagen. Andere sind kunstvoller gemacht, sie haben
    eine Milderung ihres Inhaltes, eine Sublimierung, wie

  • S.

    134

    ich sage, erfahren und vermögen selbst bewußt zu werden,
    indem sie sich an irgendeine geschickt verwertete reale
    Besonderheit an der Person oder in den Verhältnissen des
    Arztes anlehnen. Das sind also Neubearbeitungen, nicht
    mehr Neudrucke.

    Wenn man sich in die Theorie der analytischen Technik
    einläßt, kommt man zu der Einsicht, daß die Übertragung
    etwas notwendig Gefordertes ist. Praktisch überzeugt man
    sich wenigstens, daß man ihr durch keinerlei Mittel aus-
    weichen kann und daß man diese letzte Schöpfung der
    Krankheit wie alle früheren zu bekämpfen hat. Nun ist
    dieses Stück der Arbeit das bei weitem schwierigste. Das
    Deuten der Träume, das Extrahieren der unbewußten
    Gedanken und Erinnerungen aus den Einfällen des Kranken
    und ähnliche Übersetzungskünste sind leicht zu erlernen;
    dabei liefert immer der Kranke selbst den Text. Die
    Übertragung allein muß man fast selbständig erraten, auf
    geringfügige Anhaltspunkte hin und ohne sich der Willkür
    schuldig zu machen. Zu umgehen ist sie aber nicht, da sie
    zur Herstellung aller Hindernisse verwendet wird, welche
    das Material der Kur unzugänglich machen, und da die
    Überzeugungsempfindung für die Richtigkeit der kon-
    struierten Zusammenhänge beim Kranken erst nach Lösung
    der Übertragung hervorgerufen wird.

    Man wird geneigt sein, es für einen schweren Nachteil
    des ohnehin unbequemen Verfahrens zu halten, daß das
    selbe die Arbeit des Arztes durch Schöpfung einer neuen
    Gattung von krankhaften psychischen Produkten noch ver-
    mehrt, ja, wird vielleicht eine Schädigung des Kranken
    durch die analytische Kur aus der Existenz der Über-
    tragungen ableiten wollen. Beides wäre irrig. Die Arbeit
    des Arztes wird durch die Übertragung nicht vermehrt; es
    kann ihm ja gleichgültig sein, ob er die betreffende Regung

  • S.

    135

    des Kranken in Verbindung mit seiner Person oder mit
    einer anderen zu überwinden hat. Die Kur nötigt aber auch
    dem Kranken mit der Übertragung keine neue Leistung auf,
    die er nicht auch sonst vollzogen hätte. Wenn Heilungen
    von Neurosen auch in Anstalten zustande kommen, wo
    psychisch-
    analytische Behandlung ausgeschlossen ist, wenn
    man sagen konnte, daß die Hysterie nicht durch die Me-
    thode, sondern durch den Arzt geheilt wird, wenn sich
    eine Art von blinder Abhängigkeit und dauernder Fesselung
    des Kranken an den Arzt zu ergeben pflegt, der ihn durch
    hypnotische Suggestion von seinen Symptomen befreit hat,
    so ist die wissenschaftliche Erklärung für all dies in „Über-
    tragungen“ zu sehen, die der Kranke regelmäßig auf die
    Person des Arztes vornimmt. Die psychoanalytische Kur
    schafft die Übertragung nicht, sie deckt sie bloß, wie ande-
    res im Seelenleben Verborgene, auf. Der Unterschied äußert
    sich nur darin, daß der Kranke spontan bloß zärtliche
    und freundschaftliche Übertragungen zu seiner Heilung
    wachruft; wo dies nicht der Fall sein kann, reißt er sich
    so schnell wie möglich, unbeeinflußt vom Arzte, der ihm
    nicht „sympathisch“ ist, los. In der Psychoanalyse werden
    hingegen, entsprechend einer veränderten Motivenanlage,
    alle Regungen, auch die feindseligen, geweckt, durch Be-
    wußtmachen für die Analyse verwertet, und dabei wird die
    Übertragung immer wieder vernichtet. Die Übertragung,
    die das größte Hindernis für die Psychoanalyse zu werden
    bestimmt ist, wird zum mächtigsten Hilfsmittel derselben,
    wenn es gelingt, sie jedesmal zu erraten und dem Kranken
    zu übersetzen.82


    Ich mußte von der Übertragung sprechen, weil ich die

    82)[Zusatz 1923:] Was hier über die Übertragung gesagt wird,
    findet dann seine Fortsetzung in dem technischen Aufsatz über
    die „Übertragungsliebe“ (enthalten in Bd. VI der Ges. Schriften).

  • S.

    136

    Besonderheiten der Analyse Doras nur durch dieses Mo-
    ment aufzuklären vermag. Was den Vorzug derselben aus-
    macht und sie als geeignet für eine erste, einführende Publi-
    kation erscheinen läßt, ihre besondere Durchsichtigkeit, das
    hängt mit ihrem großen Mangel, welcher zu ihrem vor-
    zeitigen Abbruche führte, innig zusammen. Es gelang mir
    nicht, der Übertragung rechtzeitig Herr zu werden; durch
    die Bereitwilligkeit, mit welcher sie mir den einen Teil
    des pathogenen Materials in der Kur zur Verfügung stellte,
    vergaß ich der Vorsicht, auf die ersten Zeichen der Über-
    tragung zu achten, welche sie mit einem anderen, mir un-
    bekannt gebliebenen Teile desselben Materials vorbereitete.
    Zu Anfang war es klar, daß ich ihr in der Phantasie den
    Vater ersetzte, wie auch bei dem Unterschiede unserer
    Lebensalter nahelag. Sie verglich mich auch immer bewußt
    mit ihm, suchte sich ängstlich zu vergewissern, ob ich auch
    ganz aufrichtig gegen sie sei, denn der Vater „bevorzuge-
    immer die Heimlichkeit und einen krummen Umweg“. Als
    dann der erste Traum kam, in dem sie sich warnte, die Kur
    zu verlassen wie seinerzeit das Haus des Herrn K., hätte
    ich selbst gewarnt werden müssen und ihr vorhalten sollen:
    „Jetzt haben Sie eine Übertragung von Herrn K. auf mich
    gemacht. Haben Sie etwas bemerkt, was Sie auf böse Ab-
    sichten schließen läßt, die denen des Herrn K. (direkt oder
    in irgendeiner Sublimierung) ähnlich sind, oder ist Ihnen
    etwas an mir aufgefallen oder von mir bekanntgeworden,
    was Ihre Zuneigung erzwingt, wie ehemals bei Herrn K.?“
    Dann hätte sich ihre Aufmerksamkeit auf irgendein Detail
    aus unserem Verkehre, an meiner Person oder an meinen
    Verhältnissen gerichtet, hinter dem etwas Analoges, aber
    ungleich Wichtigeres, das Herrn K. betraf, sich verborgen
    hielt, und durch die Lösung dieser Übertragung hätte die
    Analyse den Zugang zu neuem, wahrscheinlich tatsäch-
    lich

  • S.

    137

    lichem Material der Erinnerung gewonnen. Ich überhörte
    aber diese erste Warnung, meinte, es sei reichlich Zeit, da
    sich andere Stufen der Übertragung nicht einstellten und
    das Material für die Analyse noch nicht versiegte. So
    wurde ich denn von der Übertragung überrascht und wegen
    des X, in dem ich sie an Herrn K. erinnerte, rächte sie
    sich an mir, wie sie sich an Herrn K. rächen wollte, und
    verließ mich, wie sie sich von ihm getäuscht und verlassen
    glaubte. Sie agierte so ein wesentliches Stück ihrer Er-
    innerungen und Phantasien, anstatt es in der Kur zu repro-
    duzieren. Welches dieses X war, kann ich natürlich nicht
    wissen: ich vermute, es bezog sich auf Geld, oder es war
    Eifersucht gegen eine andere Patientin, die nach ihrer Hei-
    lung im Verkehre mit meiner Familie geblieben war. Wo
    sich die Übertragungen frühzeitig in die Analyse einbe-
    ziehen lassen, da wird deren Verlauf undurchsichtig und
    verlangsamt, aber ihr Bestand ist gegen plötzlich unwider-
    stehliche Widerstände besser gesichert.

    In dem zweiten Traume Doras ist die Übertragung durch
    mehrere deutliche Anspielungen vertreten. Als sie ihn mir
    erzählte, wußte ich noch nicht, erfuhr es erst zwei Tage
    später, daß wir nur noch zwei Stunden Arbeit vor uns
    hatten, dieselbe Zeit, die sie vor dem Bilde der Sixtinischen
    Madonna verbracht und die sie auch vermittels einer Kor-
    rektur (zwei Stunden anstatt zweieinhalb Stunden) zum
    Maße des von ihr nicht zurückgelegten Weges um den See
    gemacht hatte. Das Streben und Warten im Traume, das
    sich auf den jungen Mann in Deutschland bezog und von
    ihrem Warten, bis Herr K. sie heiraten könne, herstammte,
    hatte sich schon einige Tage vorher in der Übertragung
    geäußert: Die Kur dauere ihr zu lange, sie werde nicht
    die Geduld haben, so lange zu warten, während sie in den
    ersten Wochen Einsicht genug gezeigt hatte, meine Ankün-

  • S.

    138

    digung, ihre volle Herstellung werde etwa ein Jahr in
    Anspruch nehmen, ohne solchen Einspruch anzuhören. Die
    Ablehnung der Begleitung im Traume, sie wolle lieber
    allein gehen, die gleichfalls aus dem Besuche in der Dres-
    dener Galerie herrührte, sollte ich ja an dem hierfür be-
    stimmten Tage erfahren. Sie hatte wohl den Sinn: Da alle
    Männer so abscheulich sind, so will ich lieber nicht heira-
    ten. Dies meine Rache.83)

    Wo Regungen der Grausamkeit und Motive der Rache,
    die schon im Leben zur Aufrechterhaltung der Symptome
    verwendet worden sind, sich während der Kur auf den
    Arzt übertragen, ehe er Zeit gehabt hat, dieselben durch
    Rückführung auf ihre Quellen von seiner Person abzulösen,
    da darf es nicht wundernehmen, daß das Befinden der
    Kranken nicht den Einfluß seiner therapeutischen Bemühung

    83)Je weiter ich mich zeitlich von der Been-
    lyse entferne, desto wahrscheinlicher wird mir, daß mein techni-
    scher Fehler in folgender Unterlassung bestand: Ich habe es ver-
    säumt, rechtzeitig zu erraten und der Kranken mitzuteilen, daß
    die homosexuelle (gynäkophile) Liebesregung für Frau K. die
    stärkste der unbewußten Strömungen ihres Seelenlebens war. Ich
    hätte erraten müssen, daß keine andere Person als Frau K. die
    Hauptquelle für ihre Kenntnis sexueller Dinge sein konnte, die
    selbe Person, von der sie dann wegen ihres Interesses an solchen
    Gegenständen verklagt worden war. Es war doch zu auffällig,
    daß sie alles Anstößige wußte und niemals wissen wollte, woher
    sie es wußte. An dieses Rätsel hätte ich anknüpfen, für diese
    sonderbare Verdrängung hätte ich das Motiv suchen müssen. Der
    zweite Traum hätte es mir dann verraten. Die rücksichtslose Rach-
    sucht, welcher dieser Traum den Ausdruck gab, war wie nichts
    anderes geeignet, die gegensätzliche Strömung zu verdecken, den
    Edelmut, mit dem sie den Verrat der geliebten Freundin verzieh
    und es allen verbarg, daß diese selbst ihr die Eröffnungen ge-
    macht, deren Kenntnis dann zu ihrer Verdächtigung verwendet
    wurde. Ehe ich die Bedeutung der homosexuellen Strömung bei
    den Psychoneurotikern erkannt hatte, bin ich oftmals in der Be-
    handlung von Fällen steckengeblieben oder in völliger Verwirrung
    geraten.

  • S.

    139

    zeigt. Denn wodurch könnte die Kranke sich wirksamer
    rächen, als indem sie an ihrer Person dartut, wie ohn-
    mächtig und unfähig der Arzt ist? Dennoch bin ich geneigt,
    den therapeutischen Wert auch so fragmentarischer Be-
    handlungen, wie die Doras war, nicht gering zu veran-
    schlagen.

    *

    Erst fünf Vierteljahre nach Abschluß der Behandlung
    und dieser Niederschrift erhielt ich Nachricht von dem
    Befinden meiner Patientin und somit von dem Ausgange der
    Kur. An einem nicht ganz gleichgültigen Datum, am 1. April
    — wir wissen, daß Zeiten bei ihr nie bedeutungslos
    waren —, erschien sie bei mir, um ihre Geschichte zu be-
    enden und um neuerdings Hilfe zu erbit-
    ten: ein Blick auf
    ihre Miene konnte mir aber verraten, daß es ihr mit dieser
    Bitte nicht ernst war. Sie war noch vier bis fünf Wochen,
    nachdem sie die Behandlung verlassen, im „Durcheinander“,
    wie sie sagte. Dann trat eine große Besserung ein, die An-
    fälle wurden seltener, ihre Stimmung gehoben. Im Mai des
    jetzt vergangenen Jahres starb das eine Kind des Ehe-
    paares K., das immer gekränkelt hatte. Sie nahm diesen
    Trauerfall zum Anlasse, um den K.s einen Kondolenzbesuch
    zu machen, und wurde von ihnen empfangen, als ob in
    diesen letzten drei Jahren nichts vorgefallen wäre. Damals
    söhnte sie sich mit ihnen aus, nahm ihre Rache an ihnen
    und brachte ihre Angelegenheit zu einem für sie be-
    friedigenden Abschlusse. Der Frau sagte sie: Ich weiß,
    du hast ein Verhältnis mit dem Papa, und diese leugnete
    nicht. Den Mann veranlaßte sie, die von ihm bestrittene
    Szene am See zuzugestehen, und brachte diese sie recht-
    fertigende Nachricht ihrem Vater. Sie hat den Verkehr
    mit der Familie nicht wieder aufgenommen.

    Es ging ihr dann ganz gut bis Mitte Oktober, um welche

  • S.

    140

    Zeit sich wieder ein Anfall von Stimmlosigkeit einstellte,
    der sechs Wochen lang anhielt. Über diese Mitteilung über-
    rascht, frage ich, ob dafür ein Anlaß vorhanden war, und
    höre, daß der Anfall an ein heftiges Erschrecken anschloß.
    Sie mußte zusehen, wie jemand von einem Wagen über-
    fahren wurde. Endlich rückte sie damit heraus, daß der
    Unfall keinen anderen als Herrn K. betroffen hatte. Sie
    traf ihn eines Tages auf der Straße; er kam ihr an einer
    Stelle lebhaften Verkehres entgegen, blieb wie verworren
    vor ihr stehen und ließ sich in der Selbstvergessenheit von
    einem Wagen niederwerfen.84) Sie überzeugte sich übrigens,
    daß er ohne erheblichen Schaden davonkam. Es rege sich
    noch leise in ihr, wenn sie von dem Verhältnisse des Papas
    zu Frau K. reden höre, in welches sie sich sonst nicht mehr
    menge. Sie lebe ihren Studien, gedenke nicht zu heiraten.

    Meine Hilfe suchte sie wegen einer rechtsseitigen Ge-
    sichtsneuralgie, die jetzt Tag und Nacht anhalte. Seit wann?
    „Seit genau vierzehn Tagen.“85) — Ich mußte lächeln, da
    ich ihr nachweisen konnte, daß sie vor genau vierzehn
    Tagen eine mich betreffende Nachricht in der Zeitung ge-
    lesen, was sie auch bestätigte (1902).

    Die angebliche Gesichtsneuralgie entsprach also einer
    Selbstbestrafung, der Reue wegen der Ohrfeige, die sie da-
    mals Herrn K. gegeben, und der daraus auf mich bezogenen
    Racheübertragung. Welche Art Hilfe sie von mir verlangen
    wollte, weiß ich nicht, aber ich versprach, ihr zu ver-
    zeihen, daß sie mich um die Befriedigung gebracht, sie weit
    gründlicher von ihrem Leiden zu befreien.

    84) Ein interessanter Beitrag zu dem in meiner „Psychopatho-
    logie des Alltagslebens“ behandelten indirekten Selbstmordver-
    suche (Ges. Schriften, Bd. IV, S. 198 ff.).

    85) Siehe die Bedeutung dieses Termins und dessen Beziehung
    zum Thema der Rache in der Analyse des zweiten Traumes.

  • S.

    141

    Es sind wiederum Jahre seit dem Besuche bei mir ver-
    gangen. Das Mädchen hat sich seither verheiratet, und
    zwar mit jenem jungen Manne, wenn mich nicht alle An-
    zeichen trügen, den die Einfälle zu Beginn der Analyse des
    zweiten Traumes erwähnten. Wie der erste Traum die Ab-
    wendung vom geliebten Manne zum Vater, also die Flucht
    aus dem Leben in die Krankheit bezeichnete, so verkündete
    ja dieser zweite Traum, daß sie sich vom Vater losreißen
    werde und dem Leben wiedergewonnen sei.