S.
1
I.
Die wissenschaftliche Literatur der Traum-
probleme*).Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen,
daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu
deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich
als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angeb-
barer Stelle in das seelische Treiben des Wachseins einzureihen ist.
Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von denen die
Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus
ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen,
aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum hervor-
geht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn sie
wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Traumes in um-
fassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Material
in Angriff genommen werden muß.Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie
über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen-
schaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht
häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissen-
schaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend-
jähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den
Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne
Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum
Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemer-
kungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber
nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner
Rätsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der
gebildeten Laien übergegangen.Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit
bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf die
Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele ge-
nommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, daß
ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange aus-
gegangen.
*)Bis zur ersten Veröffentlichung dieses Buches 1900.
Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.S.
2
schließe. Ich verweise auf die bekannten Werke von Sir J. Lubbock,
H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß uns die Trag-
weite dieser Probleme und Spekulationen erst begreiflich werden kann,
nachdem wir die uns vorschwebende Aufgabe der „Traumdeutung“
erledigt haben.Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt
offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Alter-
tums zu Grunde*). Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume
mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Be-
ziehung stünden und Offenbarungen von Seite der Götter und Dämonen
brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume eine für den
Träumer bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zukunft
zu verkünden. Die außerordentliche Verschiedenheit in dem Inhalt
und dem Eindruck der Träume machte es allerdings schwierig, eine
einheitliche Auffassung derselben durchzuführen und nötigte zu man-
nigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume, je
nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philo-
sophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natürlich nicht
unabhängig von der Stellung, die sie der Mantik überhaupt einzu-
räumen bereit waren.In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristote-
les ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir
hören, der Traum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl
aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h.
der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern
folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit verwandten
menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die Seelentätig-
keit des Schlafenden, insofern er schläft.Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B.
daß der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins
Große umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu
werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder
jenes Gliedes stattfindet“), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß,
daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten An-
zeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzte ver-
raten können**).Die Alten vor Aristoteles hatten den Traum wie erwähnt nicht
für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine
Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strö-
mungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vor-
handen auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen geltend.
Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem Schläfer ge-
*)Das Folgende nach Büchsenschütz' sorgfältiger Darstellung.
**)Über die Beziehungen des Traumes zu den Krankheiten handelt der
griechische Arzt Hippokrates in einem Kapitel seines berühmten Werkes.S.
3
Die Traumlehre der Alten. – Artemidoros.
sandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von
eitlen, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die
Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen.Gruppe (Griechische Mythologie und Religionsgeschichte,
p. 390) gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makrobius und
Artemidoros wieder: „Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die
eine sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt,
für die Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die ἐνύπνια,
insomnia, die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegen-
teil wiedergeben, z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die φαντάσ-
ματα, welche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie
z. B. der Alpdruck, Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als be-
stimmend für die Zukunft; zu ihr gehören: 1. die direkte Weissagung,
die man im Traume empfängt (χρηματισμός, oraculum), 2. das Voraus-
sagen eines bevorstehenden Ereignisses (ὅραμα, visio), 3. der symbo-
lische, der Auslegung bedürftige Traum (ὄνειρος, somnium). Diese
Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.“Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Auf-
gabe einer „Traumdeutung“ im Zusammenhange. Da man von den
Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht
alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht
ein bestimmter unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte,
war der Anstoß zu einer Bemühung gegeben, welche den unverständ-
lichen Inhalt des Traumes durch einen einsichtlichen und dabei be- deutungsvollen ersetzen konnte. Als die größte Autorität in der
Traumdeutung galt im späteren Altertum Artemidoros aus Dal-
dis, dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen
Schriften des nämlichen Inhaltes entschädigen muß*).Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand
sicherlich im vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung,
welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur
innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem
Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die am
Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traume empfängt, denn
in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das
gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen
Inhalt entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre
von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der
Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schrift-
*)Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelalter siehe bei
Diepgen und in den Spezialuntersuchungen von M. Förster, Gotthard u. a.
Über die Traumdeutung bei den Juden handeln Almoli, Aram und Löwinger,
sowie neuestens, mit Berücksichtigung des psychoanalytischen Standpunktes,
Lauer. Kenntnis der arabischen Traumdeutung vermitteln Drexl, F. Schwarz
und der Missionär Tfinkdji, der japanischen Miura und Iwaya, der chine-
sischen Secker, der indischen Negelein.1*
S.
4
I. Literatur der Traumprobleme.
stellern abgesehen – die ja recht daran tun, die Reste des ehemals
ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange
sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind –,
trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen
abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und
an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Un-
erklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haff-
ner). Die Wertschätzung des Traumlebens von Seite mancher Philo-
sophenschulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach-
klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und
auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des
Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho-
logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten
Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines
jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur
Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der
Traumprobleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser
Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag,
ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es
ist nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten ge-
kommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut
hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von
neuem und wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an
die Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug
berichten, welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert,
so müßte ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom
gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe
es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die
Autoren anzuknüpfen und werde bei jedem der Traumprobleme an-
führen, was an Material zur Lösung desselben in der Literatur nieder-
gelegt ist.Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr ver-
streute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu
bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn
nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt
in meiner Darstellung verloren gegangen ist.Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt ge-
sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzu-
handeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche
in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse
(wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt
sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt
zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiete des Traum-
lebens zum Gegenstand zu nehmen. In dieser Veränderung möchte
ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunklen Din-S.
5
Beziehung zum Wachleben.
gen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe von
Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als
eine solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer
Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem
Problem des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich phy-
siologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlaf-
zustandes die Veränderung der Funktionsbedingungen für den seeli-
schen Apparat mitenthalten sein muß. Es bleibt also auch die Lite-
ratur des Schlafes hier außer Betracht.Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an
sich führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Frage-
stellungen:a) Beziehung des Traumes zum Wachleben. Das naive
Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum – wenn er schon
nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eine
andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach, dem
wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno-
mene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem vielbemerkten
Satze Ausdruck gegeben (p. 474): „... nie wiederholt sich die Leben
des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden
und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu
befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstand er-
füllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen oder eine Auf-
gabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns
der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges oder er nimmt aus
der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen
oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert
die Wirklichkeit.“ – J. H. Fichte (I, 541) spricht im selben Sinne
direkt von Ergänzungsträumen und nennt diese eine von den
geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. In ähnlichem
Sinne äußert sich noch L. Strümpell in der mit Recht von allen
Seiten hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der
Träume (p. 16): „Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußt-
seins abgekehrt“ ... (p. 17): „Im Traume geht das Gedächtnis
für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und dessen nor-
males Verhalten so gut wie ganz verloren“ ... (p. 19): „Die fast
erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traume von dem
regelmäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens“ ...Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be-
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung
vertreten. So Haffner (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das
Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zu-
vor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Beob-
achtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der
Traum an die Erlebnisse der vorhergehenden Tages anknüpfte.“ Wey-
gandt (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten BehauptungS.
6
I. Literatur der Traumprobleme.
Burdachs „denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegenden
Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins ge
wöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien.“ Maury
(p. 56) sagt in seiner knappen Formel: „Nous rêvons de ce que nous
avons vu, dit, desiré ou fait“; Jessen in seiner 1855 erschienenen
Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder weniger wird
der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Per
sönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe,
gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen
des ganzen bisherigen Lebens.“
Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph
I. G. E. Maaß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung: „Die Er
fahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von den
Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leidenschaften gerichtet
sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leidenschaften auf die Erzeugung
unserer Träume Einfluß haben müssen. Der Ehrgeizige träumt von
den (vielleicht nur in seiner Einbildung) errungenen oder noch zu er
ringenden Lorbeeren, indes der Verliebte sich in seinen Träumen mit
dem Gegenstand seiner süßen Hoffnungen beschäftigt, . . . Alle sinn
lichen Begierden und Verabscheuungen, die im Herzen schlummern,
können, wenn sie durch irgend einen Grund angeregt werden, be
wirken, daß aus den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen ein
Traum entsteht oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits vor
handenen Traum einmischen.“ (Mitgeteilt von Winterstein im Zbl.
f. Ps. A. . . .)
Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des
Trauminhaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (p. 139):
Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem
Entschluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber immer
wieder dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traum
deuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß die Traumbilder
meist das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke.
Im Lehrgedichte des Lucretius, De rerum natura, findet sich
(IV, v. 959) die Stelle:
„Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret,
aut quibus in rebus multum sumus ante morati
atque in ea ratione fuit contenta magis mens,
in somnis eadem plerumque videmur obire;
causidici causas agere et componere leges,
induoperatores pugnare ac proelia obire,“ etc. etc.Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel
später Maury: „Maximeque reliquiae earum rerum moventur in
animis et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut
egimus.“
Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung
von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. EsS.
7
ist darum am Platz, der Darstellung von F. W. Hildebrandt (1875)
zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes
ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine „Reihe
von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen sich zu
spitzen“ (p. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits die
strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit des Trau-
mes von dem wirklichen und wahren Leben und anderseits das stete
Hinübergreifen des einen in das andere, die stete Abhängigkeit
des einen von dem anderen. – Der Traum ist etwas von der wachend
erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte sagen, ein
in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem wirklichen
Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von
der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in
uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz andere
Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu schaffen
hat . . .“ Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Einschlafen
unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter einer un-
sichtbaren Falltür“ verschwindet. Man macht dann etwa im Traume
eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Napoleon
etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man wird von dem
Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die
interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun aber
vergleicht man die Traumsituation mit der Wirklichkeit. Man war
nie Weinhändler und hat’s auch nie werden wollen. Man hat nie eine
Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum Ziele einer
solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus keine sympa-
thische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und
zu alledem war der Träumer überhaupt noch nicht unter den Leben-
den, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung
zu ihm zu knüpfen lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So
erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes zwi-
schen zwei vollkommen zueinander passenden und einander fort-
setzenden Lebensabschnitten.
„Und dennoch,“ setzt Hildebrandt fort, „ebenso wahr und
richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab-
geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Be-
ziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen:
Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus
der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirk-
lichkeit sich abwickelt . . . Wie wunderlich er’s damit treibe, er
kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los und seine sub-
limsten wie possenhaften Gebilde müssen immer ihren Grundstoff
entlehnen von dem, was entweder in der Sinnwelt uns vor Augen ge-
treten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie bereits
Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußerlich
oder innerlich bereits erlebt haben.“S.
8
b) Das Traummaterial. – Das Gedächtnis im Traume.
Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend
eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert,
erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis
gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zu-
sammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als
augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben müsse.
Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich
in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der
Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche
die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein
bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird
der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen.Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auf-
tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und
Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Be-
treffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt
hat. Man bleibt dann im unklaren darüber, aus welcher Quelle der
Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selbständig pro-
duzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft nach langer
Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung an das
frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle aufdeckt.Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas gewußt und er-
innert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war*).Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Del-
boeuf aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume den
Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen
halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund
aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine Höhle im
Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige Blätter
von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs und das
sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume kannte er den Namen der
Pflanze: Asplenium ruta muralis. – Der Traum ging dann weiter,
kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück und zeigte
Delboeuf zu seinen Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich über
die Reste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick
aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu
dem Loche in der Mauer nehmen und endlich war die ganze Straße
bedeckt von einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben
Richtung wanderten.Delboeufs Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische
Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein.
Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß ein Farn
*)Vaschide behauptet auch, es sei oft bemerkt worden, daß man im
Traum fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche als im Wachen.S.
9
dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine
richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An ein
zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken; es blieb
aber für Delboeuf rätselhaft, woher er im Traume die Kenntnis
des Namens Asplenium genommen hatte.Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre
später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er be-
sucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Er-
innerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden
verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das
Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und
erkennt seine eigene Handschrift in dem beigefügten lateinischen
Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen. Eine Schwester
dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei Jahre vor dem Eidechsen-
traume – auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht. Sie hatte damals
dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich und Delboeuf
unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines Botanikers zu jedem
der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen hinzuzu-
schreiben.Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens-
wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem
Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen.
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten
Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab-
gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die
Jahreszahl 1861 und Delboeuf wußte sich zu erinnern, daß er
von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten gehört
hatte.Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut-
same Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer „hyper-
mnestischer“ Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte.
Maury erzählt, daß ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei Tag
in den Sinn zu kommen pflegte. Er wußte, daß es der Name einer
französischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte ihm
von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte, sie
käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege, zur
Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement de la
Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen
Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte ihn
aber, daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das Mehr-
wissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses Wissens
aber nicht aufgespürt worden.Jessen erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis
aus älteren Zeiten: „Dahin gehört unter anderen der Traum des
älteren Scaliger (Hennings l. c., p. 300), welcher ein Gedicht zumS.
10
I. Literatur der Traumprobleme.
Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann,
welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich be-
klagte, daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte,
je etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn
und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß ehemals ein solcher
Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei.“Einen hypermnestischen Traum, welchen sich durch die besondere
Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauffolgenden Traum
die Agnoszierung der zuerst nicht erkannten Erinnerung vollzieht,
erzählt der Marquis d’Hervey de St. Denis (nach Vaschide,
p. 232): „Ich träumte einmal von einer jungen Frau mit goldblondem
Haar, die ich mit meiner Schwester plaudern sah, während sie ihr
eine Stickerei-arbeit zeigte. Im Traum kam sie mir sehr bekannt vor,
ich meinte sogar, sie zu wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach
dem Erwachen habe ich dieses Gesicht noch lebhaft vor mir, kann
es aber absolut nicht erkennen. Ich schlafe nun wieder ein; das
Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen Traum spreche ich nun
die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht schon das Vergnügen
gehabt, sie irgendwo zu treffen. Gewiß, antwortet die Dame, er-
innern Sie sich nur an das Seebad von Pornic. Sofort wache ich
wieder auf und weiß mich nun mit aller Sicherheit an die Einzel-
heiten zu besinnen, mit denen dieses anmutige Traumgesicht ver-
knüpft war.“Derselbe Autor (bei Vaschide, p. 233) berichtet:
Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine Melodie,
die ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später fand er die
selbe in einer alten Sammlung von Musikstücken aufgezeichnet, die
vorher in der Hand gehabt zu haben er sich noch immer nicht er-
innert.An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of
the Society for psychical research) soll Myers eine ganze Sammlung
solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine,
jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhn-
liches Phänomen anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für
Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu
besitzen vermeint. In den psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen,
von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehr-
mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen,
daß sie Zitate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen,
und daß sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im wachen
Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie
will ich hier noch mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus welcher
die nur dem Traume zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht auf-
finden ließ.Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß
er sich in einem Kaffeehause eine „Kontuszówka“ geben lasse, fragteS.
11
Hypermnesie des Traumes.
aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen
nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszówka sei ein polnischer
Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben könne, da mir der
Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte
mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem
er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur Wirklichkeit werden lassen,
bemerkte er den Namen auf einem Plakat und zwar an einer Straßen-
ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte
passieren müssen.Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man
mit der Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom
Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Ab-
fassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteten Kirch-
turmes, den gesehen zu haben ich mich nicht erinnern konnte. Ich
erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit voller Sicherheit, auf einer
kleinen Station zwischen Salzburg und Reichenhall. Es war in der
zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, und ich hatte die Strecke im
Jahre 1886 zum erstenmal befahren. In späteren Jahren, als ich
mich bereits intensiv mit dem Studium der Träume beschäftigte,
wurde das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merk-
würdigen Lokalität mir geradezu lästig. Ich sah in bestimmter ört-
licher Beziehung zu meiner Person, zu meiner Linken, einen dunklen
Raum, aus dem mehrere groteske Sandsteinfiguren hervorleuchteten.
Ein Schimmer von Erinnerung, dem ich nicht recht glauben wollte,
sagte mir, es sei ein Eingang in einen Bierkeller; es gelang mir aber
weder aufzuklären, was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher
es stamme. Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ich zu
meinem Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte besuchen können.
Mein erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war unbefrie-
digend geblieben; ich hatte die Fresken Giottos in der Madonna
dell' Arena nicht besichtigen können und machte mitten auf der
dahin führenden Straße kehrt, als man mir mitteilte, das Kirchlein
sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten Besuche, zwölf
Jahre später, gedachte ich mich zu entschädigen und suchte vor allem
den Weg zur Madonna dell' Arena auf. An der zu ihr führenden
Straße, linkerhand von meiner Wegrichtung, wahrscheinlich an der
Stelle, wo ich 1895 umgekehrt war, entdeckte ich die Lokalität, die
ich so oft im Traume gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sand-
steinfiguren. Es war in der Tat der Eingang in einen Restaurations-
garten.Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Re-
produktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des
Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kind-
heitsleben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies
bemerkt und betont haben:S.
12
Hildebrandt (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben
worden, daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktions-
kraft uns ganz abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fern-
ster Zeit treu vor die Seele zurückführt.“Strümpell (p. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten
und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die
frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokali-
täten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher
Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf
solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein
gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten verbunden haben,
und nun später im Traume als eigentliche Erinnerungen wiederkehren,
an denen das erwachte Bewußtsein sich erfreut. Die Tiefe des Traum-
gedächtnisses umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen,
Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder
nur ein geringes Bewußtsein oder keinen psychischen Wert besaßen
oder längst das eine wie das andere verloren hatten und deshalb auch
sowohl im Traume wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und
unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.“Volkelt (p. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit
verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich.“Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches
bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten Erinne-
rungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten
hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele
mitteilen will.Maury erzählt (p. 92), daß er von seiner Vaterstadt Meaux
als Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war,
wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt
ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn wieder in den Straßen
der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform
trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er
heiße C… und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt
der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury
eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Ant-
wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals ge-
baut hat.Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem
Herrn F…, der als Kind in Montbrison aufgewachsen war. Die-
ser Mann beschloß, 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat
und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu be-
suchen.S.
13
suchen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele
ist und in der Nähe von Montbrison einen ihm vom Ansehen
unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein
Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Herrn
dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen
nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in
Montbrison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lo-
kalität des Traumes wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort
als den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur
stärker gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte.Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in
einem Traume eine Person, von der ich im Traume wußte, es sei der
Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie
vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasial-
lehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die
beiden Personen verknüpfe, konnte ich dann im Wachen nicht aus-
findig machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzt dieser
meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig ge-
wesen war, und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person
die des Arztes im Traume gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, daß
ich den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im
wachen Leben niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe
am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können.Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße
Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden,
wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen
sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert
(p. 46) äußert sogar: „Im allgemeinen beschäftigt sich der normale
Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage.“ Wir
werden allerdings erfahren, daß die von Robert aufgebaute Theorie
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vorschie-
bung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Tatsache aber,
der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter-
suchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor
Nelson meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke
vom Tage vor dem Traumtage oder vom dritten Tage vorher verwertet,
als ob die Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorhergehenden
Tages nicht abgeschwächt – nicht abgelegen – genug wären.Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des
Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, auf-
gefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäf-
tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages-
gedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind. So
träumt man in der Regel von einem lieben Toten nicht die erste
Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt (Delage).S.
14
Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hallam, auch Bei-
spiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen
Punkt das Recht der psychologischen Individualität.Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich-
keit des Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des re-
produzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeut-
samste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste
der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren
zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräftigsten
Ausdruck gegeben haben.Hildebrand (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, daß
der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und
tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden
Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen
Zugaben, sozusagen aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten
oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschüt-
ternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken wir
spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, bis
ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in die
selbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines
Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick
mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die
spielt eine Rolle in unserem Traume“...Strümpell (p. 39): „... solche Fälle, wo die Zerlegung eines
Traumes Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb-
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so
unbedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß sie
kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen
Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder oberflächlich
bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorübergegangene Wahr-
nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus
einer Lektüre u. dgl.“Havelock Ellis (1899, p. 727): „The profound emotions of waking
life, the questions and problems on which we spread our chief volun-
tary mental energy, are not those which usually present themselves
at once to dreamconsciousness. It is so far as the immediate past is
concerned, mostly the trifling, the incidental, the ‚forgotten‘ impres-
sions of daily life which reappear in our dreams. The psychic acti-
vities that are awake most intensely are those that sleep most pro-
foundly.“Binz (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentümlich-
keiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefriedigung
mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes aus-
zusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen.
Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der letzt-
verlebten Tage, sondern tauchen oft ein ohne irgend erkennbaresS.
15
Erinnerung an nebensächliche Eindrücke.
Motiv in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit?
Warum empfängt im Traume das Bewußtsein so oft den Eindruck
gleichgültiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, wo
sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, meist
stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine akute Auffrischung
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?“Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum-
gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des
Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann weni-
stens den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren.
So war es möglich, daß Miß Whiton Calkins bei der statistischen
Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11% der An-
zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht
ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung
recht, daß sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würden,
wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten,
ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst
mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens
darauf hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den abge-
legensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig
indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung,
die ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu
Tage zu fördern.“ Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige
Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges
abhalten ließ; er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traum-
erklärung geleitet.Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be-
deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt,
daß „nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren
gehen kann“ (Scholz, p. 34). Oder, wie Delboeuf es ausdrückt,
„que toute impression même la plus insignifiante, laisse une trace
inaltérable, indéfiniment susceptible de reparaître au jour“, ein Schluß,
zu welchem so viele andere pathologische Erscheinungen des Seelen-
lebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese außerordentliche
Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traume vor Augen, um
den Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu er-
wähnende Traumtheorien aufstellen müssen, wenn sie die Absurdität
und Inkohärenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns am Tage Bekannten erklären wollen.Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des
Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume
die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden Reproduktionstätig-
keit sehen, die sich Selbstzweck ist. Mitteilungen wie die von
Pilcz würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwi-
schen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der Träume nachweis-S.
16
I. Literatur der Traumprobleme.
bar sind in der Weise, daß im tiefen Schlafe Eindrücke aus den
ältesten Zeiten gegen Morgen aber rezente Eindrücke vom Traume
reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorn
herein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu
erinnernden Material verfährt. Strümpell macht mit Recht darauf
aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht
vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das
folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle
erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von
Reproduktionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine
theoretische Verwertung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor,
in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie
unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von
einem seiner Universitätskollegen, daß er im Traume eine gefährliche
Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfalle nur wie durch ein Wunder
entging, mit all ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miß
Calkins erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduktion
eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten und ich selbst
werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekanntgewordenes Beispiel
von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzu-
teilen*).c) Traumreize und Traumquellen. Was man unter Traum-
reizen oder Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine Be-
rufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen“ verdeut-
licht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich
eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes
erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes
im Schlafe sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaktion auf diese
Störung.Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der Träume
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein.
Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein
Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstver-
ständlich. Den Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt,
brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem
Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloß der Traum, aus
deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob
sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm-
liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung,
ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder
vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen*)Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten harm-
lose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume wiederholt werden,
etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen zubereiten u. dgl. Bei solchen Träumen
betont der Träumer selbst aber nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den
der „Wirklichkeit“. „Ich habe das alles am Tage wirklich getan.“S.
17
Traumreize und Traumquellen.
anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen
des Träumens, mannigfaltiger Art sein können und daß Leibreize
ebenso wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern ge-
langen. In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den
Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je
nach ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die
Ansichten weit auseinander.Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er-
geben sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung
der Träume verwendet worden sind.1. Äußere (objektive) Sinneserregung.
2. Innere (subjektive) Sinneserregung.
3. Innerer (organischer) Leibreiz.
4. Rein psychische Reizquellen.ad 1. Die äußeren Sinnesreize. Der jüngere Strümpell,
der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits
mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat bekannt-
lich die Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner
Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der höheren
Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne die we-
nigen noch offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel
er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle eine
Situation anzustreben, die jener im Strümpellschen Experiment
ähnlich ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die
Augen, und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede
Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen
dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können
weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten, noch
die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir
durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen,
„daß die Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der
außerleiblichen Welt“ geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während
des Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden.Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe von den un-
vermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur
gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher ge-
eignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es
kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich ver-
nehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimhaut erregen.
Wir können im Schlafe durch ungewollte Bewegungen einzelne
Körperteile entblößen und so der Abkühlungsempfindung aussetzen
oder durch Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungs-
empfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein
kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen.
Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von Träu-
men gesammelt, in welchen der beim Erwachen konstatierte ReizS.
18
und ein Stück des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, daß der
Reiz als Traumquelle erkannt werden konnte.
Eine Sammlung solcher auf objektive – mehr oder minder
akzidentelle – Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier
nach Jessen (p. 527) an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch
erweckt entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt
uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in
das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer
Tür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir
des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, daß
wir nackt umhergehen oder daß wir ins Wasser gefallen sind. Wenn
wir schräg im Bette liegen und die Füße über den Rand desselben
herauskommen, so träumt uns vielleicht, daß wir am Rande eines
schrecklichen Abgrundes stehen oder daß wir von einer steilen Höhe
hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so
hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns unter
seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol-
lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen,
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen.
„Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle
1758, p. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen
würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde
hinlegten und ihm zwischen die große und die nächste Zehe einen
Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traume vorstellte,
erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen
stecke. Demselben soll nach Hennings (1784, p. 258) ein anderes
Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte,
geträumt haben, daß er gehängt würde. Hoffbauer träumte in seiner
Jugend, von einer hohen Mauer hinabzu-
fallen und bemerkte beim Er-
wachen, daß die Bettstelle auseinanderge-
gangen und daß er wirklich
gefallen war. … Gregory berichtet, er habe einmal beim Zu-
bettegehen eine Flasche mit heißem Wasser an die Füße gelegt und
darauf im Traum eine Reise auf die Spitze des Ätna gemacht, wo er
die Hitze des Erdbodens fast unerträg-
lich gefunden. Ein anderer
träumte nach einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er von
einem Haufen von Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in
einem feuchten Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu
werden. Ein im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ einen
Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde
die Qualen der Folter (Macnish).“
Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge-
gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei
einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen
dem Reize entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat
nach Macnish schon Giron de Buzareingues ange-
stellt. „Er
ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der Nacht auf einemS.
19
Postwagen-
reise. Er bemerkt dabei, daß Reisende wohl wissen wür-
den, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. Ein
anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und träumte, daß er
einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war nämlich
in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt
zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie die eben
genannte.“Maury teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten
Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.)1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge-
kitzelt. – Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve
wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut
mitgeht.2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. – Er hört Glocken
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848
versetzt.3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. – Er ist in Kairo im
Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben-
teuer, die er nicht reproduzieren kann.4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. – Er träumt, daß
man ihm ein Blasenpflaster auflegt und denkt an einen Arzt, der
ihn als Kind behandelt hat.5. Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. – Er träumt
von den „Chauffeurs“*), die sich ins Haus eingeschlichen haben und
die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die
Füße ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von Abran-
tés auf, deren Sekretär er im Traume ist.8. Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirn. – Er
ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von
Orvieto.9. Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer
Kerze auf ihn fallen. – Er träumt vom Wetter, von Hitze und be-
findet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal
La Manche mitgemacht.Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, führen
von d’Hervey, Weygandt u. a. her.Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt
in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine allmählich schon
vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden“ (Hildebrandt).
„In jüngeren Jahren,“ erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu
Zeiten, um regelmäßig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des
bekannten, meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu*)„Chauffeurs“ hießen Banden von Räubern in der Vendée, die sich dieser
Tortur bedienten.S.
20
hundert Malen ist mir’s begegnet, daß der Ton dieses Instrumentes in
einen vermeintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum der
gestalt hineinpaßte, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn an-
gelegt sei und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe,
sein natürlich gewiesenes Endziel fände.“
Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht
zitieren.Volkelt (p. 68) erzählt: „Einem Komponisten träumte einmal,
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen.
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit
der Frage: „Hast du mich verstanden?“ Dieser schreit wie ein
Besessener: „O ja!“ Ungehalten hierüber verweist er ihm das
Schreien. Doch schon schreit die ganze Klasse: „Orja!“ Hierauf:
„Eurjo!“ Und endlich: „Feuerjo!“ Und nun erwacht er von
wirklichem Feuerjogeschrei auf der Straße.Garnier (Traité des facultés de l’âme, 1865) bei Radestock
berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine
aus einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte
und der ihm den Übergang über den Tagliamento und die Kano-
nade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf
aufschreckte: „Wir sind unterminiert.“Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat
(p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine
Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der Schreckensherr-
schaft zur Zeit der Revolution, machte greuliche Mordszenen mit und
wurde dann endlich selbst vor den Gerichtshof zitiert. Dort sah er
Robespierre, Marat, Fouquier-Tinville und alle die traurigen
Helden jener gräßlichen Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei
Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung nicht fixierten, ver-
urteilt und dann von einer unübersehbaren Menge begleitet auf den
Richtplatz geführt. Er steigt aufs Schafott, der Scharfrichter bindet
ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fällt herab;
er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe getrennt wird, wacht in der
entsetzlichsten Angst auf – und findet, daß der Bettaufsatz herab-
gefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer
einer Guillotine, getroffen hatte.An diesen Traum knüpft sich eine interessante von Le Lorrain
und Egger in der „Revue philosophique“ eingeleitete Diskussion, ob
und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum, der
zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen ver-
streicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt
zusammenzudrängen.Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen wäh-
rend des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traum-
quellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien
einzig und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, derS.
21
Träume auf den Weckreiz.
sonst der Traumliteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu
stande kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen
ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch
einen nach dem Erwachen erkannten objektiven Sinnesreiz aufgeklärt
wurde. Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht halt
machen; sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus der Beob-
achtung, daß der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende
Reiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern
durch irgend eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend
welcher Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traum-
reiz und den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys
„une affinité quelconque, mais qui n'est pas unique et exclusive“
(p. 72.) Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts; man
wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so
verschiedene und warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief:
(p. 37.) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren
und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be-
nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das
Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuzuwandern. Rich-
tig! es ist ja Sonntag und der Frühgottesdienst wird bald beginnen.
Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas
echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich
abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre
ich den Glöckner den Turm hinansteigen und sehe nun in der Höhe
des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der
Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos
da, dann fängt sie an zu schwingen – und plötzlich ertönen ihre
Schläge hell und durchdringend – so hell und durchdringend, daß sie
meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen
von dem Wecker.“
„Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer
Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung er-
folgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbe-
reitungen zum Einsteigen – der Pelz wird angelegt, der Fußsack her-
vorgeholt – und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch ver-
zögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das fühl-
bare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttelten
Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit einer
Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes zer-
reißt. Wieder ist's nichts anderes als der schrille Ton der Wecker-
glocke.“
„Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit
einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speise-
zimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in
Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. ‚Nimm dich in acht,‘ warneS.
22
I. Literatur der Traumprobleme.
ich ‚die ganze Ladung wird zur Erde fallen.‘ Natürlich bleibt der
obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt
usw., währenddessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis
die Wandelnde begleite. Richtig, an der Türschwelle erfolgt ein
Straucheln – das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt
in hundert Scherben auf dem Fußboden umher. Aber – das endlose
sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigent-
liches Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; – und mit diesem
Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker
seine Schuldigkeit getan.“Die Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objek-
tiven Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell – und fast ebenso
von Wundt – dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche
im Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusions-
bildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, rich-
tig gedeutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die
er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Ein-
druck stark, deutlich, dauerhaft genug ist und wenn uns die für diese
Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen
nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von dem der Eindruck
herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn je-
mand auf freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegenstand
undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben zuerst
für ein Pferd hält.“ Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer
ruhenden Kuh sich aufdrängen und endlich kann sich die Vor-
stellung mit Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen
auflösen. Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche
die Seele im Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf
Grund derselben Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere
oder kleinere Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch
welche der Eindruck seinen psychischen Wert bekommt. Aus wel-
chem der vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zu-
gehörigen Bilder geweckt werden und welche der möglichen Asso-
ziationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach
Strümpell unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelen-
lebens überlassen.Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß
die Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu
verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der
durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch an-
deren Bedingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung
geraten, daß die im Schlafe eingreifende objektive Sinnesreizung als
Traumquelle nur eine bescheidene Rolle spielt und daß andere Mo-
mente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder deter-
minieren. In der Tat, wenn man die experimentell erzeugten Träume
Maurys prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgeteiltS.
23
habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt
eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft und
der übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im
einzelnen bestimmt, als daß er durch die eine Anforderung, er müsse
sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen, aufge-
klärt werden könnte. Ja man beginnt selbst an der Illusionstheorie
und an der Macht des objektiven Eindruckes, den Traum zu gestalten,
zu zweifeln, wenn man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die
allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traum erfährt. So er-
zählt z. B. M. Simon einen Traum, in dem er riesenhafte Personen
bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper hörte,
das ihre aufeinandergeschlagen Kiefer beim Kauen erzeugten. Als
er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbei-
galoppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehuse gerade
Vorstellungen wie aus dem Erinnerungskreis von Gullivers Reisen,
Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag, wachgerufen hat, sollte
die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungs-
kreises nicht außerdem durch andere Motive erleichtert gewesen
sein?*)ad 2. Innere (subjektive) Sinneserregung.
Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen,
daß die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als
Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Na-
tur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle
Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach an-
deren, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich
weiß nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den
äußeren Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Erregungen in den
Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Tatsache, daß
dies in allen neueren Darstellungen der Traumätiologie mehr oder
minder nachdrücklich geschieht. „Eine wesentliche Rolle spielen
ferner, wie ich glaube,“ sagt Wundt (p. 363), „bei den Traum-
illusionen jene subjektiven Gesichts- und Gehörempfindungen, die
uns aus dem wachen Zustand als Lichtchaos des dunklen Gesichts-
feldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw., bekannt sind, unter ihnen
namentlich die subjektiven Netzhauterregungen. So erklärt sich die
merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz überein-
stimmende Objekte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern. Zahllose
Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen
wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des dunklen Ge-
sichtsfeldes phantastische Gestalt angenommen und die zahlreichen
Lichtpunkte, aus denen derselbe besteht, werden von dem Traume
in ebenso vielen Einzelbildern verkörpert, die wegen der Beweglich-
*)Riesenhafte Personen im Traum lassen annehmen, daß es sich um eine
Szene aus der Kindheit des Träumers handelt.S.
24
keit des Lichtchaos als bewegte Gegenstände angeschaut werden.
Hierin wurzelt wohl auch die große Neigung des Traumes zu den
mannigfachsten Tiergestalten, deren Formenreichtum sich der be-
sonderen Form der subjektiven Lichtbilder leicht anschmiegt.“Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum-
bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom
äußeren Zufalle abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den
objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer
Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei
den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind.
Den Haupterweis für die traumerregende Macht subjektiver Sinnes-
erregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen Halluzinatio-
nen, die von Joh. Müller als „phantastische Gesichtserscheinungen“
beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechselvolle
Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei vielen Menschen
ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem Öffnen der
Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury, der ihnen im
hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung
zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität
mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh. Müller) behauptet.
Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische Passivität,
ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich (p. 59 u. f.).
Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche Lethargie ver-
falle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogische Halluzination
zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis daß sich das
mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. Erwacht
man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt es nach Maury häufig,
im Traume dieselben Bilder nachzuweisen, die einem als hypnagogi-
sche Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben
(p. 134). So erging es Maury einmal mit einer Reihe von grotesken
Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn
mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens
belästigten und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte, ge-
träumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl litt,
weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagogisch eine
Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die sich etwas
von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand er sich an
einer reichgedeckten Tafel und hörte das Geräusch, das die Speisen-
den mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er mit gereizten
und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die hypnagogische
Halluzination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die er mit großer
Anstrengung einzeln entziffern mußte; nach einer Stunde aus dem
Schlafe geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem ein auf-
geschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkam, welches
er mühselig hatte durchlesen müssen.S.
25
Hypnagogische Halluzinationen. – Innerer, organischer Leibreiz.
Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzina-
tionen von Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und dann im
Traum sich wiederholen als Ouverture gleichsam, welche die Leit-
motive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt.Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury wan-
delt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen,
G. Trumbull Ladd. Er brachte es durch Übung dahin, daß er sich
2 bis 5 Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem
Schlafe reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann die
Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen mit
den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen.
Er versichert, daß sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen bei-
den erkennen ließ in der Weise, daß die leuchtenden Punkte und
Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung,
das Schema für die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brach-
ten. Einem Traume z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen
vor sich sah, die er las und studierte, entsprach eine Anordnung der
leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit
seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er im Traume
gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen Wahrnehmung
erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das man aus
allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein
Löchelchen in einem Stücke Papier ansieht. Ladd meint, ohne
übrigens den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß
kaum ein visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das
Material der inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Be-
sonders gilt dies für die Träume kurz nach dem Einschlafen im dunk-
len Zimmer, während für die Träume am Morgen nahe dem Erwachen
das objektive, im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht die
Reizquelle abgebe. Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige
Charakter der Eigenlichterregung entspricht genau der unruhigen
Bilderflucht, die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den
Beobachtungen von Ladd Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebig-
keit dieser subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering an-
schlagen können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den Haupt-
bestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnes-
gebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und inkonstant.ad 3. Innerer, organischer Leibreiz. Wenn wir auf dem
Wege sind, die Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des
Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, daß fast
alle unsere inneren Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum
Kunde von ihrem Bestand geben, in Zuständen von Reizung – die
wir so heißen – oder in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen
Empfindungen für uns werden, welche den Erregern der von außen
anlangenden Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden
muß. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell zu derS.
26
Aussage veranlassen (p. 107): „Die Seele gelangt im Schlafe zu einem
viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von ihrer Leiblich-
keit als im Wachen und ist genötigt, gewisse Reizeindrücke zu emp-
fangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Teilen und Verände-
rungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen nichts
wußte.“ Schon Aristoteles erklärt es für sehr wohl möglich, daß
man im Traume auf beginnende Krankheitszustände aufmerksam ge-
macht würde, von denen man im Wachen noch nichts merkt (kraft
der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken angedeihen läßt,
siehe p. 2) und ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich
fern lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben
wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Trau-
mes gelten lassen. (Vgl. M. Simon, p. 31, und viele ältere Autoren*)).Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische
Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So
z. B. berichtet Tissié nach Artigues (Essai sur la valeur séméio-
logique des rêves) die Geschichte einer 43 jährigen Frau, die durch
einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim-
gesucht wurde und bei der die ärztliche Untersuchung dann eine be-
ginnende Herzaktion aufwies, welcher sie alsbald erlag.Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei
einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird
auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken
hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen
Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit
der bloßen Verweisung auf die Literatur (Radestock, Spitta,
Maury, M. Simon, Tissié) begnügen kann. Tissié meint sogar,
daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische
Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich
sehr kurz und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt
im Inhalt derselben die Situation des Todes unter gräßlichen Um-
ständen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Ge-
dränge, Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraume
unterworfen.
*)Außer dieser diagnostischen Verwertung der Träume (z. B. bei Hippo-
krates) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung im Altertum gedenken.Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich Genesung
suchende Kranke aufzusuchen pflegten. Der Kranke ging in den Tempel des
Apollo oder des Äskulap, dort wurde er verschiedenen Zeremonien unterworfen,
gebadet, gerieben, geräuchert, und so in Exaltation versetzt, legte man ihn im
Tempel auf das Fell eines geopferten Widders. Er schlief ein und träumte von
Heilmitteln, die ihm in natürlicher Gestalt oder in Symbolen und Bildern gezeigt
wurden, welche dann die Priester deuteten.Weiteres über die Heilträume der Griechen bei Lehmann I, 74, Bouché-
Leclercq, Hermans, Gottesd. Altert. d. Gr. § 41, Privataltert., § 38, 16,
Böttiger in Sprengels Beitr. z. Gesch. d. Med. II, p. 163 ff., W. Lloyd,
Magnetism and Mesmerism in antiquity, London, 1877, Döllinger, Heidentum
und Judentum p. 139.S.
27
unterworfen, den übrigens Börner durch Lagerung aufs Gesicht,
durch Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat her-
vorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vor-
stellungen aus dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß
sexueller Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die
Erfahrung eines jeden einzeln greifbar genug und leiht der ganzen
Lehre von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durch-
arbeitet, ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury, Wey-
gandt) durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf
den Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen
geführt worden sind.Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest-
gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen
möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden –
vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich – einstellt und das Organ-
erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen
zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere
Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler
Menschen die Reizquelle sein mag.Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine
Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere und
eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher-
gestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im Schlaf-
zustand von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern des Leibes größere
Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe, anzunehmen, daß
die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, die
irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele gelangen
zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl nur seiner
Qualität nach wahrnehmen und wozu nach der Meinung der Ärzte
alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde nachts, zur kräf-
tigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten
tätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für die
Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann noch
die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize in Traum-
vorstellungen umsetzen.Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt,
welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das
Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „moi splanchnique“,
wie Tissié es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist und das Dunkel
der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Be-
ziehung zueinander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher die
vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies
für den Arzt den anderen Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung,
die soviel Übereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auchS.
28
ätiologisch vereinigt, denn Alterationen des Gemeingefühles
und Reize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer
weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen be-
zichtigt. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leibreiz
theorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben,
zurückführen läßt.Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maß-
gebend, den der Philosoph Schopenhauer im Jahre 1851 ent-
wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser In-
tellekt die ihn von außen treffenden Eindrücke in die Formen der
Zeit, des Raumes und der Kausalität umgießt. Die Reize aus dem
Innern des Organismus, vom sympathischen Nervensystem her, äußern
bei Tag höchstens einen unbewußten Einfluß auf unsere Stimmung.
Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung der Tageseindrücke
aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern heraufdringenden Ein-
drücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen – ähnlich wie wir bei
Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehm-
bar machte. Wie anders aber soll der Intellekt auf diese Reize re-
agieren, als indem er seine ihm eigentümliche Funktion vollzieht?
Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden Gestalten, die
sich am Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen und so ent-
steht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und
Traumbildern versuchten dann Scherner und nach ihm Volkelt
einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die
Traumtheorien aufsparen.In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat
der Psychiater Krauss die Entstehung des Traumes wie der Delirien
und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be-
dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle
des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Trau-
mes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte Emp-
findung „läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der Total-
stimmungen (Gemeingefühle), 2. in die spezifischen, den Hauptsyste-
men des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon wir
fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Muskelempfindungen, b) die
pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die peri-
pherischen“ (p. 33 des zweiten Artikels).Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib-
reize nimmt Krauss folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung
ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vor-
stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Ge-
bilde, gegen welches sich aber das Bewußtsein anders verhält als
normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerk-
samkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen
zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt solange
verkannt werden konnte (p. 11 u. f.). Krauss findet für den Vor-S.
29
gang auch den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der
Empfindungen in Traumbilder (p. 24).Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Ge-
setze der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals
mit dunklen Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem
Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung,
den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen
Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scherner aufge-
fundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der mißlichen
Tatsache, daß die organische Reizquelle sich eben durch nichts anderes
als durch den Inhalt des Traumes verrät.Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschie-
dener Traumformen gestaltet, die man als „typische“ bezeichnet hat,
weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wieder-
kehren. Es sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer
Höhe, vom Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit,
daß man nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll ein-
fach von der im Schlafe gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man
die Bettdecke abgeworfen hat und nun entblößt daliegt. Der Traum
vom Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz“ zurückgeführt, womit aber
nicht ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein
braucht. Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell, der hierin
Scherner folgt, das von der Seele gebrauchte adäquate Bild, womit
sie das von den auf- und niedersteigenden Lungenflügeln ausgehende
Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax
schon bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken ist. Durch den letzteren
Umstand wird die an die Vorstellungsform des Schwebens gebundene
Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll darin
seinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Haut-
druckgefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein
eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des
Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußtwerden
aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert (Strüm-
pell, p. 118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche
liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene
Gruppe von Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung
verschwinden oder sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Er-
klärung günstige Konstellation hergestellt ist. Ich werde übrigens
später Gelegenheit haben auf die typischen Träume und ihre Ent-
stehung zurückzukommen.M. Simon hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der Organreize
auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34):
Wenn im Schlafe irgend ein Organapparat, der normaler Weise am
Ausdruck eines Affektes beteiligt ist, durch irgend einen anderenS.
30
I. Literatur der Traumprobleme.
Anlaß sich in dem Erregungszustand befindet, in den er sonst bei
jenem Affekt versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum
Vorstellungen enthalten, die dem Affekt angepaßt sind.
Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich
im Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird
der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung
der organischen Funktion beziehen, die jener Apparat versieht.
Mourly Vold (1896) hat es unternommen, den von der Leibniz-
theorie supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein ein-
zelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht,
die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern und die
Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgende
Sätze als Ergebnis mit:
1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefähr
der in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zu-
stand des Gliedes, welcher dem realen entspricht.
2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist
diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden
Stellungen der wirklichen entspricht.
3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch
einer fremden Person zuschieben.
4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung ge-
hindert ist.
5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als
Tier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider
hergestellt wird.
6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken an-
regen, die zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B.
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die
Leibniztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu
erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag*).
ad 4. Psychische Reizquellen. Als wir die Beziehungen des
Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials be-
handelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der neu-
sten Traumforscher, daß die Menschen von dem Träumen, was sie
bei Tag treiben und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem
Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur
ein psychisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern
ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben
dem im Schlafe interessant Gewordenen – den während des Schla-
fes einwirkenden Reizen – ausreichen sollte, die Herkunft aller
Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch
*) Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten Traumproto-
kolle dieses Forschers siehe unten.S.
31
Die psychischen Traumquellen.
gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den Schläfer
von den Interessen des Tages abzieht und daß wir – meistens – von
den Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst
dann träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Aktualität
verloren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei
jedem Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Re-
geln aufzustellen, ohne durch ein „oft“, „in der Regel“, „meistens“
Einschränkungen vorzusehen und auf die Gültigkeit der Ausnahmen
vorzubereiten.Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlaf-
reizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir
im Stande sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be-
friedigende Rechenschaft zu geben; das Rätsel der Traumquellen wäre
gelöst und es bliebe noch die Aufgabe, den Anteil der psychischen
und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen abzu-
grenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines
Traumes noch in keinem Falle gelungen und jedem, der dies versucht
hat, sind – meist sehr reichlich – Traumbestandteile übrig ge-
blieben, über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das
Tagesinteresse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so
weit, als man nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im
Traume sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen
also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen – mit Aus-
nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner – eine
große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für den Traum
am meisten charakteristischen Materials an Vorstellungsbildern han-
delt. In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung
entwickelt, den psychischen Anteil an der Traumerregung, dem so
schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden
zwar als Haupteinteilung den Nervenreiz und den Assoziations-
traum, welch letzterer ausschließlich in der Reproduktion seine
Quelle findet (Wundt, p. 365), aber sie können den Zweifel nicht los-
werden, „ob sie sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen“ (Vol-
kelt, p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Assoziations-
traumes versagt: „In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von
einem solchen festen Kerne nicht mehr die Rede sein. Hier dringt
die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das
ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben
ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregungen
nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben
und Treiben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln über-
lassen“ (Volkelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen An-
teiles an der Traumerregung versteht dann Wundt, indem er aus-
führt, daß man die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als
reine Halluzinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traum-S.
32
I. Literatur der Traumprobleme.
vorstellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen
Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen“ (p. 359
u. f.). Weygandt hat sich diese Ansicht angeeignet und sie ver-
allgemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, daß ihre
nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen sich reproduk-
tive Assoziationen“ (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der
psychischen Reizquellen geht Tissié (p. 183): Les rêves d’origine
absolument psychique n’existent pas, und anderswo (p. 6): les pen-
sées de nos rêves nous viennent du dehors. . .Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph
Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken,
daß in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten
oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes
zusammenwirken.Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung
durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle
gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung
der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung
nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht aufzufinden und
selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die
somatische Auffassung der Traumentstehung durchweg der heute in
der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Ge-
hirns über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber
alles, was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren
organischen Veränderungen oder eine Spontanität in dessen Äuße-
rungen erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob
dessen Anerkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des meta-
physischen Seelenwesens wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des
Psychiaters hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und for-
dert nun, daß keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate.
Doch zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem ge-
ringen Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich
zwischen Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psy-
chische sich bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phä-
nomens erkennen läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung
des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu
finden wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Er-
kenntnis die Endstation bedeuten müßte, da braucht es darum nicht
geleugnet zu werden.d) Warum man den Traum nach dem Erwachen vergißt?
Daß der Traum am Morgen „zerrinnt“ ist sprichwörtlich. Frei-
lich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja
nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir
glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollständig erinnern, während in
der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine
des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bisS.
33
Das Vergessen der Träume.
auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt
haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die
Erfahrung, daß der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so ge-
wöhnt, daß wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, daß auch
der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom In-
halt noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits
kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im
Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analy-
siert, die sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten und
kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindestens
37 Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch an seiner Ge-
dächtnisfrische nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig
und zunächst nicht verständlich.Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten
Strümpell. Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen,
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf eine
ganze Reihe von Gründen zurück.Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen
als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen
alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie ge-
knüpfte Seelenregung einen zu geringen Grad hatte. Dasselbe ist
rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen,
weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe
erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität für sich
allein sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder.
Strümpell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins) zu, daß man
häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie sehr
lebhaft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr
viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt
man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet
hat, und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte.
Die meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse*); diese
Eigentümlichkeit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume bei-
tragen. Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens.
Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse
Erinnerungsgröße erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht vereinzelt
bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender
Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und
schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken.
„Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge hilft ein Wort dem anderen
und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest.
Widersinniges behalten wir im allgemeinen ebenso schwer und ebenso
*)Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden;
vgl. die Sammlung von Chabaneix.
Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.S.
34
selten wie das Verworrene und Ordnunglose.“ Nun fehlt den Träu-
men in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traum-
kompositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Ge-
dächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den
nächsten Zeitmomenten auseinanderfallen. – Zu diesen Ausführun-
gen stimmt allerdings nicht ganz, was Radestock (p. 168) bemerkt
haben will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten be-
halten.Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum
und Wachleben ableiten. Die Vergeblichkeit der Träume für das
wache Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der
früher erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) nie geordnete Er-
innerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus dem
selben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen Verbin-
dungen reißt, in denen sie im Wachen erinnert werden. Die Traum-
komposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der psychischen
Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungs-
hilfen. „Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von
dem Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen
Raume wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch
verweht“ (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß
mit dem Erwachen sofort die herandringende Sinnenwelt die Auf-
merksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die we-
nigsten Traumbilder standhalten können. Diese weichen vor den
Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem
Lichte der Sonne.An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume
der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen
überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als For-
scher eine Zeitlang für den Traum interessiert, träumt währenddes-
sen auch mehr als sonst, das heißt wohl: er erinnert seine Träume leichter
und häufiger.Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli
bei Benini zu dem Strümpellschen hinzugefügt, sind wohl bereits
in diesen enthalten, nämlich 1. daß die Veränderung des Gemein-
gefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Repro-
duktion ungünstig ist und 2. daß die andere Anordnung des Vor-
stellungsmaterials im Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs
Wachbewußtsein macht.Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strüm-
pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den
Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten
Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu
fassen, kommen einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas
rätselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigen-
schaftenS.
35
Psychologische Charaktere des Traumes.
tümlichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders be
merkt worden, z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen
für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahr-
nehmung erinnern kann, die zufällig an den – doch vergessenen –
Inhalt des Traumes anrührt (Radestock, Tissié). Die gesamte Er-
innerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die ge-
eignet ist, ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herab-
zusetzen. Man kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom
Traume wegläßt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht.Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes
spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, daß das
wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des
Traumes einfügt: man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben,
was der gewesene Traum nicht enthielt.“Besonders entschieden äußert sich Jessen (p. 547):
„Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu-
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis
her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es
dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen
gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu be- merken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und er-
gänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender
Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung
erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum
möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und
ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des mensch-
lichen Geistes, alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß,
daß er bei der Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden
Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.“Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die doch
gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. Egger (1895):
„1)
1)L'observation des rêves a ses difficultés spéciales et le seul
moyen d'éviter toute erreur en pareille matière est de confier au
papier sans le moindre retard ce que l'on vient d'éprouver et de
remarquer; sinon, l'oubli vient vite ou total ou partiel. L'oubli total est
sans gravité; mais l'oubli partiel est perfide; car si l'on se met ensuite
à raconter ce que l'on n'a pas oublié, on est exposé à compléter par
imagination les fragments incohérents et disjoints fourni par la
mémoire. . . . ; on devient artiste à son insu, et le récit periodi-
quement répété s'impose à la créance de son auteur, qui, de bonne-
foi, le présente comme un fait authentique, dûment établi selon les
bonnes méthodes . . .“Ganz ähnlich Spitta (p. 338), der anzunehmen scheint, daß
wir überhaupt erst bei dem Versuche, den Traum zu reproduzieren,
die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente ein-
führen – „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander, Aus-
3*S.
36
einander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung, der im
Traume fehlt, hinzufügen“.Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume,
der unser eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung
als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Wert bleibt da unserer
Erinnerung an den Traum noch übrig?e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes.
Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes
von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen
Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas
Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt,
daß wir ebenso gern sagen: „Mir hat geträumt“ wie: „Ich habe ge-
träumt.“ Woher rührt diese „Seelenfremdheit“ des Traumes? Nach
unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie
sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt;
dies ist ja zum größten Teil dem Traumleben wie dem Wachleben
gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der
psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck her-
vorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des Traumes
versuchen.Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wach-
leben stärker betont und zu weitergehenden Schlüssen verwendet als
G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psy-
chophysik (p. 520, II. T.). Er meint, „weder die einfache Herab-
drückung des bewußten Seelenlebens unter die Hauptschwelle“, noch
die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außen-
welt genüge, um die Eigentümlichkeiten des Traumlebens dem wachen
Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch der
Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des wachen
Vorstellungslebens. Sollte der Schauplatz der psychophysischen
Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens derselbe sein, so
könnte der Traum meines Erachtens bloß eine auf einem niederen
Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen Vor-
stellungslebens sein und müßte übrigens dessen Stoff und dessen
Form teilen. Aber es verhält sich ganz anders.“Was Fechner mit einer solchen Umsiedelung der Seelentätig-
keit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein anderer, so
viel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener
Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der phy-
siologischen Gehirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histo-
logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen
haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinnreich
und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht,
der aus mehreren hintereinander eingeschalteten Instanzen aufge-
baut ist.S.
37
Warum wir an die Realität der Traumbilder glauben?
Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die
anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traum-
lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiterreichen-
der Erklärungsversuche zu machen.Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigen-
tümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens
auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist.
Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleier-
macher (p. 351), daß die Denktätigkeit in Begriffen und nicht in
Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich in
Bildern, und man kann beobachten, daß mit der Annäherung an den
Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten Tätigkeiten sich er-
schwert zeigen, ungewollte Vorstellungen hervortreten, die alle
in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähigkeit zu solcher Vor-
stellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und das
mit dieser Zerstreuung regelmäßig verknüpfte Hervortreten von
Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem Traume verbleiben und
die wir bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche
Charaktere des Traumlebens anerkennen müssen. Von den Bildern –
den hypnagogischen Halluzinationen – haben wir erfahren, daß sie
selbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind*).Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber
doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörbildern und in
geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles
wird auch im Traume einfach gedacht oder vorgestellt (wahrschein-
lich also durch Vorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im
Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene
Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahr-
nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit
Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Dis-
kussionen über das Wesen der Halluzination können wir mit allen
sachkundigen Autoren aussagen, daß der Traum halluziniert, daß
er Gedanken durch Halluzinationen ersetzt. In dieser Hinsicht be-
steht kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen Vorstel-
lungen; es ist bemerkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge,
mit der man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die
Halluzination derselben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen,
das mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren
und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu
machen.Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die
einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechen-
den.*)H. Silberer hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbst ab-
strakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in anschaulich-plastische Bilder
umsetzen, die das nämliche ausdrücken wollen. (Jahrbuch von Bleuler-Freud,
Band I, 1909.)S.
38
den Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine
Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine
Idee, wie Spitta (p. 145) es ausdrückt. Die Charakteristik dieser
Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzu-
nimmt, daß man beim Träumen – in der Regel; die Ausnahmen
fordern eine besondere Aufklärung – nicht zu denken, sondern zu
erleben vermeint, die Halluzination also mit vollem Glauben aufnimmt.
Die Kritik, man habe nichts erlebt, sondern nur in eigentümlicher
Form gedacht – geträumt, regt sich erst beim Erwachen. Dieser
Charakter scheidet den echten Schlaftraum von der Tagträumerei,
die niemals mit der Realität verwechselt wird.Burdach hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum-
lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476): „Zu den wesent-
lichen Merkmalen des Traumes gehört: a) daß die subjektive Tätig-
keit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungs-
vermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche
Rührungen wären; ... b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen-
mächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen ...
Die Schlummerbilder werden durch den Nachlaß der Eigenmächtig-
keit bedingt.“Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele
gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer ge-
wissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären.
Strümpell führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem
Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs
bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Erleb-
nisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne
auftreten (p. 34). Während die Seele wachend in Wortbildern und
in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im Traume
in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Überdies kommt im Traume
ein Raumbewußtsein hinzu, indem wie im Wachen Empfindungen
und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden (p. 36). Man muß
also zugestehen, daß sich die Seele im Traume ihren Bildern und
Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet wie im Wachen
(p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies daher, daß
ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein zwischen
von außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen unter-
scheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterziehen,
welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt
außerdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren
Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil sie
das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes an-
wenden kann (p. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der Außenwelt ent-
hält auch den Grund für ihren Glauben an die subjektive Traumwelt.
Zum selben Schlusse gelangt nach teilweise abweichenden psy-
chologischen Entwicklungen Delboeuf. Wir schenken den Traum-S.
39
Ablösung der Vorstellungen von ihren psychischen Werten.
bildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Ein-
drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer
Halluzinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist,
Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vor-
spiegeln, uns etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose berühren und
wir träumen dabei doch. Es gibt nach Delboeuf kein stichhaltiges
Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit,
außer – und dies nur in praktischer Allgemeinheit – der Tatsache
des Erwachens. Ich erkläre alles für Täuschung, was zwischen Ein-
schlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das Er-
wachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (p. 84).
Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten
infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine Außen-
welt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe*).Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmen-
den Moment für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des
Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Be-
merkungen des alten Burdach anzuführen, welche auf die Beziehung
der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und dazu angetan
*)Einen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu er-
klären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der
sonst korrekten Funktion des intakten seelischen Apparates zur Folge haben
muß, hat Haffner unternommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten
beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeit-
losigkeit, d. i. die Emanzipation der Vorstellung von der dem Individuum zukom-
menden Stelle in der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich
der zweite Grundcharakter des Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen,
Imaginationen und Phantasiekombinationen mit äußeren Wahrnehmungen. „Da
die Gesamtheit der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffs-bildung, Urteil
und Schlußfolgerung einerseits und die freie Selbstbestimmung anderseits an die
sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen und diese jederzeit zur Unterlage
haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit der Traumvor-
stellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an und für sich ist unsere
Urteilskraft wie unsere Willenskraft im Schlafe in keiner Weise alteriert. Wir
sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zu-
stande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich
verstoßen, d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende identisch
setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein Gutes
sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des
Denkens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch
die Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir
im Traume die größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits
die scharfsinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen
vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können.
Mangel an Orientierung ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit welchem
unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Re-
flexion sowie an Verständigung mit anderen ist die Hauptquelle der maßlosen
Extravaganzen unserer Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traume“
(p. 18).S.
40
sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ableitungen zurück-
zuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung,“ sagt Bur-
dach, „daß die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt wird, . . . aber
es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Bedingung des
Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür*); mancher
sinnliche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er zur Beruhigung
der Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft, wenn er das
Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nacht-
licht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann
(p. 457).„Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und
zieht sich von der Peripherie . . . zurück . . . Indes ist der Zu-
sammenhang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe
selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte
man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fort-
dauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht immer durch die
bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psychische
Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgültiges Wort weckt
den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so erwacht
er, . . . die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sen-
sationen . . . Daher kann man denn auch durch den Mangel eines
Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige
Sache bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen
eines Nachtlichtes und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also
vom Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese
perzipiert worden ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriedigend
die Seele nicht aufgestört hat“ (p. 460 u. ff.).Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein-
wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß
die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt
abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit des
selben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte
es möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in Vorstellungen,
die Situationen des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln und
damit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir
nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der
Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz
oder nur teilweise gelingt, der Traum behält seine Rätselhaftigkeit
unverringert bei.Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume
noch andere und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstellungs-
material des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht Strüm-
pell in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17): „Die Seele
*)Man vergleiche hiezu das „Désintérêt“, in dem Claparède (1905) den
Mechanismus des Einschlafens findet.S.
41
Die Absurdität des Traumes.
verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen Anschauung und
des normalen Lebensbewußtseins auch den Grund, in welchem ihre
Gefühle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln. Auch
diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Wertschätzungen,
welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, unterliegen
einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich ihre Verbindung
mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von Dingen, Per-
sonen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen Le-
bens werden einzeln sehr zahlreich reproduziert, aber keines der
selben bringt seinen psychischen Wert mit. Dieser ist von ihnen
abgelöst und sie schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln
umher. . . .“Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Werte, die
selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurück-
geführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem Ein-
druck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer
Erinnerung dem Leben gegenüberstellt.Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf
eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung
des Vorstellungsablaufes mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies
naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich
auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine
oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die
übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um-
ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der
Gesichtspunkt taucht auf, daß man die Eigentümlichkeiten des Trau-
mes erklären könne durch die psychische Minderleistung im Schlaf-
zustand, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem
wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum
ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Wider-
sprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches
Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer
sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen
Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer im
Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im
Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines ver-
worrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir
nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Tätig-
keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die
höheren intellektuellen Leistungen als im Traume aufgehoben oder
wenigstens schwer geschädigt erklären.Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit – von den Ausnahmen wird
an anderer Stelle die Rede sein – haben die Autoren solche Urteile
über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer bestimmten
Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der
Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Resumé durch eine Samm-
S.
42
lung von Aussprüchen verschiedener Autoren – Philosophen und
Ärzte – über die psychologischen Charaktere des Traumes ersetze:
Nach Lemoine ist die Inkohärenz der Traumbilder der ein-
zig wesentliche Charakter des Traumes.
Maury pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): „il n’y a pas des
rêves absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque inco-
hérence, quelque anachronisme, quelque absurdité.“
Nach Hegel bei Spitta fehlt dem Traume aller objektive ver-
ständige Zusammenhang.Dugas sagt: „Le rêve, c’est l’anarchie psychique, affective et
mentale, c’est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s’exerçant
sans contrôle et sans but; dans le rêve l’esprit est un automate
spirituel.“„Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des
im Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zusammen-
gehaltenen Vorstellungslebens“ räumt selbst Volkelt ein (p. 14), nach
dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keines-
wegs zwecklos erscheint.Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs-
verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon
Cicero (De divin. II) tat: „Nihil tam praepostere, tam incondite,
tam monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.“Fechner sagt (p. 522): „Es ist, als ob die psychologische Tätig-
keit aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren übersiedelte.“
Radestock (p. 145): „In der Tat scheint es unmöglich, in
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen Po-
lizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens
und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in
tollem Spiele alles kaleidoskopartig durcheinander.“Hildebrandt (p. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit wel-
cher Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze
geradezu auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche
kann er in den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen,
bevor ihm, wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Über-
spannung des Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir multiplizieren
gelegentlich ganz harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert
uns gar nicht, daß ein Hund uns einen Vers hersagt, daß ein Toter
auf eigenen Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein Felsstück auf
dem Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auf-
trage nach dem Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum Liechten-
stein, um die Kriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen
uns von Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als
Freiwillige anwerben.“Binz (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken
sich ergebende Traumtheorie: „Unter zehn Träumen sind mindestensS.
43
neun absurden Inhalte-
zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander
haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop,
ist die Gruppierung eine andere geworden, womöglich noch un-
sinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das
wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis
wir erwachen, mit der Hand nach der Stirn greifen und uns fragen,
ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens
und Denkens besitzen.“Maury (p. 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu
den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen
Vergleich: „La production de ces images que chez l’homme éveillé
fait le plus souvent naître la volonté, correspond, pour l’intelligence,
à ce que sont pour la motilité certains mouvements que nous offrent
la chorée et les affections paralytiques“…. Im übrigen ist ihm
der Traum „toute une série de dégradations de la faculté pensante et
raisonnante“ (p. 27).Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen,
welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen-
leistungen wiederholen.Nach Strümpell treten im Traume – selbstverständlich auch
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist – sämtliche logische, auf
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele zu-
rück (p. 26). Nach Spitta (p. 148) scheinen im Traume die Vor-
stellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock
und andere betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteiles
und des Schlusses. Nach Jodl (p. 123) gibt es im Traume keine
Kritik, keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt
des Gesamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle Arten der Be-
wußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig, ge-
hemmt, gegeneinander isoliert.“ Die Widersprüche, in welche sich
der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker (mit
vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume vergessen oder
logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen sind
(p. 98) usw. usw.Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die
psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben,
daß ein gewisser Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume ver-
bleibt. Wundt, dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der
Traumprobleme maßgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich
zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume
sich äußernden Restes von normaler Seelentätigkeit fragen. Es wird
nun ziemlich allgemein zugegeben, daß die Reproduktionsfähigkeit,
das Gedächtnis im Traume am wenigsten gelitten zu haben scheint,
ja eine gewisse Überlegenheit gegen die gleiche Funktion des Wa-
chens (vgl. oben p. 8 ff.) aufweisen kann, obwohl ein Teil der Ab-S.
44
surditäten des Traumes durch die Vergeblichkeit eben dieses Traum-
lebens erklärt werden soll. Nach Spitta ist es das Gemütsleben der
Seele, was vom Schlafe nicht befallen wird und dann den Traum
dirigiert. Als „Gemüt“ bezeichnet er „die konstante Zusammenfassung
der Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen“
(p. 84).Scholz (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden
Seelentätigkeiten in der „allegorisierenden Umdeutung“, wel-
cher das Traummateríal unterzogen wird. Siebeck konstatiert auch
im Traume die „ergänzende Deutungstätigkeit“ der Seele (p. 11),
welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen geübt wird.
Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum mit der Be-
urteilung der angeblich höchsten psychischen Funktion, der des Be-
wußtseins. Da wir vom Traume nur durchs Bewußtsein etwas wissen,
kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch meint Spitta, es
sei im Traume nur das Bewußtsein erhalten, nicht auch das Selbst-
bewußtsein. Delboeuf gesteht ein, daß er diese Unterscheidung nicht
zu begreifen vermag.Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver-
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt
im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell (p. 70):
„Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es scheint, nach
den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Reize mit sol-
chen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Reflexion und Verstand,
ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas dabei vermögen.
Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere, stellen sich die
Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im
Schlafe einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen an an-
derer Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele zunächst
eine Anzahl von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach
Wundt richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äußeren
und inneren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander
nach den bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach
denselben Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach.
Das ganze Material wird dann vom noch tätigen Reste der ordnenden
und denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, ver-
arbeitet (vgl. etwa Wundt und Weygandt). Es ist bloß noch nicht
gelungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß
die Erweckung der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem
oder nach jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe.Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen,
welche die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von ganz
besonderer Art und verschieden von den im wachen Denken tätigen
sind. So sagt Volkelt (p. 15): „Im Traume jagen und haschen sich
die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten und kaum wahr-
nehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen nach-S.
45
lässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen.“ Maury legt auf
diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das
Traumleben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu
bringen, den größten Wert. Er anerkennt zwei Hauptcharaktere des
„délire“: 1. une action spontanée et comme automatique de l’esprit;
2. une association vicieuse et irregulière des idées (p. 126). Von
Maury selbst rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her, in
denen der bloße Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traum-
vorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt
(pélerinage) nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand
er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser
gab ihm nach einem Gespräche eine Schaufel (Pelle) von Zink
und diese wurde in einem darauffolgenden Traumstück sein großes
Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal ging er im Traume auf der
Landstraße und las auf den Meilensteinen die Kilometer ab, darauf
befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der eine große Wage hatte,
und ein Mann legte Kilogewichte auf die Wagschale, um Maury ab-
zuwägen; dann sagte ihm der Gewürzkrämer: „Sie sind nicht in
Paris, sondern auf der Insel Gilolo.“ Es folgten darauf mehrere
Bilder, in welchen er die Blume Lobelia sah, dann den General
Lopez, von dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte; endlich er-
wachte er, eine Partie Lotto spielend*).Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch
von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier
schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab-
setzer des Traumlebens versichert (Spitta, p. 118), daß dieselben
psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum
regieren, oder wenn ein anderer (Dugas) ausspricht: Le rêve n’est
pas déraison ni même irraison pure, solange beide sich nicht die
Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen
psychischen Anarchie und Auflösung aller Funktionen im Traume in
Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit gedämmert
zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne
Methode sei, vielleicht nur Vorstellung, wie der des Dänenprinzen,
auf dessen Wahnsinn sich das hier zitierte, einsichtsvolle Urteil be-
zieht. Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein
zu urteilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein
anderer.So würdigt Havelock Ellis (1899) den Traum, ohne bei seiner
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaïc world of
vast emotions and imperfect thoughts“, deren Studium uns primitive
*)An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von Worten
mit gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute erfüllt sind, zugäng-
lich werden.S.
46
I. Literatur der Traumprobleme.
Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen könnte.
J. Sully (p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes in einer
noch weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden Weise. Seine
Aussprüche verdienen um so mehr Beachtung, wenn wir hinzunehmen,
daß er wie vielleicht kein anderer Psychologe von der verhüllten
Sinnigkeit des Traumes überzeugt war. „Now our dreams are a means
of conserving these successive personnalities. When asleep we
go back to the old ways of looking at things and of feeling
about them, to impulses and activities which long ago do
minated us.“ Ein Denker wie Delboeuf behauptet – freilich ohne
den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum
eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, hormis la perception,
toutes les facultés de l'esprit, intelligence, imagination, mémoire,
volonté, moralité, restent intactes dans leur essence; seulement elles
s'appliquent à des objets imaginaires et mobiles. Le songeur est un
acteur qui joue à volonté les fous et les sages, les bourreaux et les
victimes, les nains et les géants, les démons et les anges“ (p. 222). Am
energischesten scheint die Herabsetzung der psychischen Leistung im
Traume der Marquis d'Hervey bestritten zu haben, gegen den
Maury lebhaft polemisiert und dessen Schrift ich mir trotz aller
Bemühung nicht verschaffen konnte. Maury sagt über ihn (p. 19):
„M. le Marquis d'Hervey prête à l'intelligence, durant le sommeil,
toute sa liberté d'action et d'attention et il ne semble faire consister
le sommeil que dans l'occlusion des sens, dans leur fermeture au
Monde extérieur; en sorte que l'homme qui dort ne se distingue
guère, selon sa manière de voir, de l'homme qui laisse vaguer sa
pensée en se bouchant les sens; toute la différence qui sépare alors
la pensée ordinaire du celle du dormeur c'est que, chez celui, l'idée
prend une forme visible, objective et ressemble, à s'y méprendre,
à la sensation déterminée par les objets extérieurs; le souvenir revêt
l'apparence du fait présent.“
Maury fügt aber hinzu: „qu'il y a une différence de plus et
capitale à savoir que les facultés intellectuelles de l'homme endormi
n'offrent pas l'équilibre qu'elles gardent chez l'homme l'éveillé.“
Bei Vaschide, der uns eine bessere Kenntnis des Buches von
d'Hervey vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in folgender
Art über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. „L'image
du rêve est la copie de l'idée. Le principal est l'idée; la vision n'est
qu'accessoire. Ceci établi, il faut savoir suivre la marche des idées,
il faut savoir analyser le tissu des rêves; l'incohérence devient alors
compréhensible, les conceptions les plus fantasques deviennent des
faits simples et parfaitement logiques“ (p. 146.) Und (p. 147): „Les
rêves les plus bizarres trouvent même une explication des plus logiques
quond on sait les analyser.“
J. Stärcke hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähnliche
Auflösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor, Wolf Da-
S.
47
vidson, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt worden ist (p. 136):
„Die sonderbaren Sprünge unserer Vorstellungen im Traume haben
alle ihren Grund in dem Gesetze der Assoziation, nur daß diese Ver-
bindung manchmal sehr dunkel in der Seele vorgeht, so daß wir
oft einen Sprung der Vorstellung zu beobachten glauben, wo doch
keiner ist.“Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt
hat in der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der tiefsten
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch
die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Über-
schätzung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens
stellt. Hildebrandt, der, wie wir wissen, in drei Antinomien die
psychologische Charakteristik des Traumlebens entwirft, faßt im drit-
ten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19):
„Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur
Virtuosität sich erhebenden Potenzierung und anderseits einer
entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden
Herabminderung und Schwächung des Seelenlebens.“„Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Er-
fahrung bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius
bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der
Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beob-
achtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir solches
alles als konstantes Eigentum während des wachen Lebens zu be-
sitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat
eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleich-
lichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem
eigentümlichen idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer
Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde
liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wahrhaft
himmlischem Glanze, das Erhabene in höchster Majestät, das er-
fahrungsgemäß Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächer-
liche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen; und bis-
weilen sind wir nach dem Erwachen froh eines dieser Eindrücke
noch so voll, daß es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirk-
liche Welt uns noch nie und niemals geboten.“Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung
gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tief-
sinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt,
Träume, die solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es
da nicht müßig, nach einer psychologischen Charakteristik des Trau-
mes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei alles möglich,
von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im
Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese Lösung
wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen aller Traum-S.
48
forscher die Voraussetzung zu grunde zu liegen scheint, es gäbe eine
solche in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakteristik
des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müßte.
Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener
jetzt hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie
und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte.
Aussprüche wie die von Schubert, daß der Traum eine Befreiung
des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung
der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von
dem jüngeren Fichte*) u. a., welche sämtlich den Traum als einen
Aufschwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, er-
scheinen uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart
auch nur bei Mystikern und Frömmlern wiederholt**). Mit dem
Eindringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der
Würdigung des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen
Autoren sind am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume
für geringfügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und
nicht zünftige Beobachter – Amateurpsychologen –, deren Beiträge
gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren
Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychi-
schen Werte der Träume festgehalten haben. Wer zur Gering-
schätzung der psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt
begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen Reizquellen
für den, welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähig-
keiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr
nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen.
Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben,
ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be-
weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt.
Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traum-
lebens, daß es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernungen hinweg-
zusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen.
Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt bemerkt, eben ein illusorischer
Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum nicht anders
hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine Form des
Denkens ist. Der Traum sollte sich in Bezug auf die Zeitlichkeit
noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom
Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume wie der oben p. 20 mit-
geteilte Maurys von seiner Hinrichtung durch die Guillotine scheinen*)Vgl. Haffner und Spitta.
**)Der geistreiche Mystiker Du Prel, einer der wenigen Autoren, denen
ich die Vernachlässigung in früheren Auflagen dieses Buches abbitte
möchte, äußert, nicht das Wachen, sondern der Traum sei die Pforte zur
Metaphysik, soweit sie den Menschen betrifft (Philosophie der Mystik, p. 59).S.
49
Die ethischen Gefühle im Traume.
zu beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit
mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere psychische
Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung
ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den
Aufsätzen von Le Lorrain und Egger „über die scheinbare Dauer
der Träume“ hat sich hierüber eine interessante Diskussion ange-
sponnen, welche in dieser heiklen und tiefreichenden Frage wahr-
scheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat*).Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzu-
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen
vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Kom-
ponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach
vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix angestellten
Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Tat-
sache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen, ans Prinzipielle
streifenden Zweifeln**).Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes
ein Streito-bjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit
hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver-
meidet es – und wohl mit Recht – , alles Tatsächliche an diesem
Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit
einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe be-
vorsteht.f) Die ethischen Gefühle im Traume.
Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe
ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblem
abgesondert, ob und inwieweit die moralischen Dispositionen und
Empfindungen des Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der
nämliche Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für
alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mußten,
macht uns auch hier betroffen. Die einen versichern mit ebensolcher
Entschiedenheit, daß der Traum von den sittlichen Anforderungen
nichts weiß, wie die anderen, daß die moralische Natur des Menschen
auch fürs Traumleben erhalten bleibt.Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben.
Jessen sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man nicht
im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schwei-
gen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Ver-
brechen, Diebstahl, Mord und Totschlag mit völliger Gleichgültigkeit
und ohne nachfolgende Reue verüben kann.“
*)Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme in der
Pariser Dissertation der Tobowolska (1900).**)Vgl. die Kritik bei H. Ellis, World of Dreams, p. 268.
Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.S.
50
Radestock (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die Asso-
ziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden,
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sitt-
liches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach
und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor.“
Volkelt (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder
weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träu-
mende selbst aufs Äußerste schamlos und jedes sittlichen Gefühles
und Urteiles verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst die
verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen auch
nur in Gedanken mit ihnen zusammenzubringen sich scheuen würde.“
Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die
von Schopenhauer, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit
seines Charakters handle und rede. R. Ph. Fischer*) behauptet,
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und
Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß
die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen
sich spiegeln.
Haffner (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, . . . . .
wird ein tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein; er
wird den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn
und allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird
auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im
Wachen vor sich hatte.“
Scholz (p. 36): „Im Traume ist Wahrheit, trotz aller Mas-
kierung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes
Selbst wieder . . . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein
entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so
entsetzt er sich darüber als über etwas seiner Natur Fremdes. Der
römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hinrichten ließ, weil
diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen
lassen, hatte darum so unrecht nicht, wenn er dies damit rechtfertigte,
daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen haben
müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum haben kann,
sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise: „Es fällt mir auch im
Traume nicht ein.“
Im Gegensatz hiezu meint Plato, diejenigen seien die besten,
denen das, was andere wachend tun, nur im Traum einfalle.
Pfaff sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich-
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich will dir
sagen, wie es um dein Inneres steht.“
Die kleine Schrift von Hildebrandt, der ich bereits so zahl-
reiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedanken-
*)Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach
Spitta.)S.
51
Unsittliche Träume.
reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der
Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im
Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch für Hildebrandt
steht es als Regel fest: Je reiner das Leben, desto reiner der Traum;
je unreiner jenes, desto unreiner dieser.Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be-
stehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler,
keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so
scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur ver-
dächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und
Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie
verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in
den Schlummerstunden weichen mag, – Kants kategorischer Impe-
rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen geheftet,
daß wir ihn auch schlafend nicht los werden. . . . Erklären aber
läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das Fundamentale der
Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an der
Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung teilzunehmen, wel-
cher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten gleichen
Ranges im Traume unterliegen“ (p. 45 u. ff.).In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk-
würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen
von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die-
jenigen, welche meinen, im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit
des Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit die-
ser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer für
seine Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit seiner
Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schließen, mit der-
selben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwertigen Versuch,
aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit seiner intellek-
tuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für die sich
„der kategorische Imperativ“ auch in den Traum erstreckt, hätten
die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung
anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume
von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen
Wertschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten.Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht
sicher weiß, inwieweit er gut oder böse ist und daß niemand die Er-
innerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn
über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traummoralität hinweg
zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Her-
kunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich
ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Funktionen
des psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchti-
gungen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Tat-
sächlichkeit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Un-S.
52
I. Literatur der Traumprobleme.
verantwortlichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer be-
sonderen psychischen Quelle für die Unmoralität der Träume zu-
sammentreffen.Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen,
hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume
zu übernehmen. Haffner sagt (p. 24): „Wir sind für Träume nicht
verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt
ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat.
Es kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandeln Tugend
oder Sünde sein.“ Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum
verantwortlich, sofern er ihn indirekt verursacht. Es erwächst für
ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafen-
gehen seine Seele sittlich zu reinigen.Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung
und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen In-
halt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, daß die
dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung
der kompliziertesten Überlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträum-
chen und die auch von ihm zugestandene Entwertung und Ver-
mengung der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen
Anschein der Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß
es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für
Traumsünden un-schulden schlechthin zu leugnen.(p. 49): „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich
eine solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht,
recht entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die
Redensart: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen
wir allerdings einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste
und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen
hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur
so lose und locker zusammenhängen, daß sie kaum noch als die
unsrigen betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf
diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich
zu leugnen uns veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit
zugleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde,
wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden
hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit.“(p. 52): „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren
erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher
durch die Seele des Wachenden gezogen wäre.“ Von dieser ersten
Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht, – er bildete
es nur nach und spann’s nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein
historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer
Form; er setzte das Wort des Apostels in Szene: Wer seinen Bruder
haßt, der ist ein Totschläger. Und während man das ganze breit
ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen,S.
53
seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will jener ursprüng-
liche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen las-
sen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Traumenden verantwort-
lich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen Prozent-
satz. „Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechten-
den Sinne
das Wort Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, – dann
können wir auch kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede im
Traume begangene Sünde ein dunkles Minimum wenigstens von
Schuld mit sich führe.“In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Ver-
suchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also
Hildebrandt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er
steht nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Wert-
schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Ge-
danken und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen,
die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge
Sünder*).An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastieren-
den
Vorstellungen – bei den meisten Menschen und auch auf anderem
als ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung
derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta
findet sich folgende hieher gehörige Äußerung von A. Zeller (Artikel
„Irre“ in der allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften von Ersch
und Gruber) zitiert (p. 144): „So glücklich ist selten ein Geist
organisiert, daß er zu allen Zeiten volle Macht besäße und nicht immer
wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte
und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Ge-
danken unterbrächen, ja die größten Denker haben sich über dieses
traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu
beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste
und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.“Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt,
daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres
Wesens blicken lasse, die uns im Zustand des Wachens meist ver-
schlossen bleiben (p. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an einer
Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu
da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen-
baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können,
wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock (p. 84)*)Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, wie sich die heilige Inquisi-
tion
zu unserem Problem gestellt. Im Tractatus de Officio sanctissimae Inquisitionis
des Thomas Careña, Lyoner Ausgabe, 1659, ist folgende Stelle: „Spricht
jemand im Traum Ketzereien aus, so sollen die Inquisitoren daraus Anlaß neh-
men,
seine Lebensführung zu untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzu-
kommen,
was unter Tags jemand beschäftigt hat.“ (Dr. Ehniger, S. Urban, Schweiz.)S.
54
mit den Worten, daß der Traum uns oft nur offenbart, was wir uns
nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht einen
Lügner und Betrüger schelten. J. E. Erdmann äußert: „Mir hat
nie ein Traum offenbart, was von einem Menschen zu halten sei, allein
was ich von ihm halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt bin,
das habe ich bereits einige Male aus einem Traume gelernt zu meiner
eigenen großen Überraschung.“ Und ähnlich meint J. H. Fichte:
„Der Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel
unserer Gesammtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeob-
achtung des Wachens erfahren.“ Wir werden aufmerksam gemacht,
daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen Bewußtsein fremden
Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des
Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen
fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen
wie die von Benini: „Certe nostre inclinazioni che si credevano
soffocate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e
sepolte rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono
dinanzi“ (p. 149) und von Volkelt: „Auch Vorstellungen, die in
das wache Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm
vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen
sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kundzutun“
(p. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, daß nach
Schleiermacher schon das Einschlafen vom Hervortreten unge-
wollter Vorstellungen (Bilder) begleitet war.Als „ungewollte Vorstellungen“ dürfen wir nun dies ganze
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un-
moralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt.
Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vor-
stellungen auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen
Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremd-
artig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns er-
möglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis auf-
zuheben.Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor-
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der
wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt-
lichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier
ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene
Gruppierung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von
Hildebrandt und anderen Vertretern seiner Grundansicht kann man
wohl nicht anderswohin fortsetzen, als daß den unmoralischen Re-
gungen auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar
gehemmt ist, bis zur Tat vorzudringen, und daß im Schlafe etwas weg-
falle, was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert
habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so
das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, undS.
55
Das Unterdrückte.
gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kennt-
nis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her
kann Hildebrandt dem Traume die Rolle eines Warners zuweisen,
der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerksam
macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher unbe-
merkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und
auch Spitta kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn
er auf die Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B.
der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan,
was in seinen Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugend-
haften Lebenswandel geführt und sich bemüht hat, die sündigen
Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken, sie nicht reifen und
zur Tat werden zu lassen. Nach dieser Auffassung könnten wir die
„ungewollten“ Vorstellungen als die während des Tages „unter-
drückten“ bezeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes
psychisches Phänomen erblicken.Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Fol-
gerung. Für Jessen stellen die ungewollten Vorstellungen im Traume
wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den Charakter
einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkeit und eines gewissermaßen
mechanischen Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch
innere Bewegungen dar“ (p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise
weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als daß dieser von
dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis ge-
wonnen habe, gewiß nicht eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem
anderen Autor, Maury, könnte man in Zweifel geraten, ob nicht auch
er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische Tätig-
keit nach ihren Komponenten zu zerlegen, anstatt sie planlos zu zer-
stören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich über die Schran-
ken der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants qui parlent
et qui nous font agir, sans que la conscience nous retienne, bien que
parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants vicieux;
à l’état de veille, je tâche de lutter contre eux, et il m’arrive assez
souvent de n’y pas succomber. Mais dans mes songes j’y succombe
toujours ou pour mieux dire j’agis par leur impulsion, sans crainte
et sans remords. . . . Évidemment les visions qui se déroulent devant
ma pensée et qui constituent le rêve, me sont suggérées par les
incitations que je ressens et que ma volonté absente ne cherche pas
à refouler“ (p. 113).Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich
vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Dispo-
sition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung
schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maurys (p. 115):
„En rêve l’homme se révèle donc tout entier à soi-même dans sa
nudité et sa misère natives. Dès qu’il suspend l’exercice de sa volonté,
il devient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, à l’état deS.
56
veille la conscience, le sentiment d’honneur, la crainte nous défendent.“
An anderer Stelle findet er das treffende Wort (p. 462): „Dans le
rêve, c’est surtout l’homme instinctif que se révèle . . . L’homme
revient pour ainsi dire à l’état de nature quand il rêve; mais moins
les idées acquises ont pénétré dans son esprit, plus les penchants
en désaccord avec elles conservent encore sur lui d’influence dans
le rêve.“ Er führt dann als Beispiel an, daß seine Träume ihn nicht
selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen
Schriften am heftigsten bekämpft hat.Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psy-
chologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da-
durch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beobachteten
Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatismus psychologique“
sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Auto-
matismus faßt er als vollen Gegensatz zur psychischen Tätigkeit.
Eine Stelle in den Studien über das Bewußtsein von Stricker
lautet: „Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen;
wenn man sich im Traume z. B. vor Räubern fürchtet, so sind die
Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man auf-
merksam darauf gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume die
Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Trauminhalt
schenkt und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy-
chischen Vorgängen im Traume real sein mag, das heißt einen An-
spruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des Wachens
beanspruchen darf?“g) Traumtheorien und Funktion des Traumes.
Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der
beobachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu
erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem
umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum-
theorie heißen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich
darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter des Traumes
zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn an-
knüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige
Leistung des Traumes wird nicht notwendig aus der Theorie ableitbar
sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäß ge-
richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die
mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes verbunden sind.Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen
gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr
oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eine
Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken,
war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles am Traum
Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem der „Traum ein Gegenstand
der biologischen Forschung geworden ist, kennen wir eine größere An-
zahl von Traumtheorien, aber darunter auch manche recht unvollständige.S.
57
Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende
lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu
grunde gelegten Annahme über Maß und Art der psychischen Tätig-
keit im Traume:
1. Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des
Wachens sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von Delboeuf.
Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber unter die
vom Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes gebracht,
muß sie bei normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern als im
Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stande sind,
die Unterschiede des Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus
den Bedingungen des Schlafzustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen
ein möglicher Zugang zu einer Funktion des Traumes; man sieht
nicht ein, wozu man träumt, warum der komplizierte Mechanismus
des seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verhält-
nisse versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos
schlafen, oder wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben
die einzig zweckmäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des
Träumens.
2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der Zu-
sammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material an-
nehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere psycho-
logische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach
Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht
nicht bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt, er
dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig
unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material
heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien kon-
struieren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen
ihn zum Vorbilde des Schwachsinnes oder einer Amentia.
Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch
den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, ist
die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt
überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für
Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr-
schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben,
mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder
Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch den
Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum das
Ergebnis eines partiellen Wachens ist (,,ein allmähliches, partielles
und zugleich sehr anomalisches Wachen“ sagt Herbarts Psychologie
über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen von
immer weitergehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die ganze
Reihe von der Minderleistung des Traumes die sich durch Absurdität
verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken.S.
58
I. Literatur der Traumprobleme.
Wem die physiologische Darstellung-
weise unentbehrlich geworden ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie
des Traumes in der Schilderung von Binz ausgedrückt finden
(p. 43):„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen
Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer
werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe und
immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden
Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellen-
haufen wach geworden hervor, während ringsumher noch alles in Er-
starrung ruht. Es tritt nun die isolierte Arbeit der Einzel-
gruppen vor unser unnebeltes Bewußtsein und zu ihr fehlt die
Kontrolle anderer, der Assoziation vorstehender Gehirnteile. Darum
fügen die geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Ein-
drücken naheliegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und
regellos aneinander. Immer größer wird die Zahl der freiwerdenden
Gehirnzellen, immer geringer die Unvernunft des Traumes.“Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollstän-
digen, partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflusse sicherlich
bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am aus-
führlichsten ist sie bei Maury dargestellt. Dort hat es oft den An-
schein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein
nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm allerdings
eine anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Funktion
aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten,
daß, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, über
den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre.Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des
Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil
über die Stellung und Bedeutung des Traumes konsequenterweise
durch die Äußerung von Binz gegeben (p. 357): „Alle Tatsachen,
wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen körperlichen,
in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vor-
gang zu kennzeichnen.“Der Ausdruck „körperlich“ mit Beziehung auf den Traum, der
seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach
mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traum-
ätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die experimentelle
Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studierte. Es
liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die
Anregung zum Träumen womöglich ausschließlich von somatischer
Seite ausgehen zu lassen. In extremster Form dargestellt, lautete
es so: „Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in Schlaf ver-
setzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein Anlaß bis
zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu anlangen-
den Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln könnte. NunS.
59
Theorie des partiellen Schlafes der Seele.
gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es kommen, ähn-
lich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her
Reize an den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den
Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie gekümmert
hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenem
Zipfelchen wachgerüttelt und funktioniert dann ein Weilchen mit
dem geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen. Der Traum ist die
Reaktion auf die durch den Reiz verursachte Schlaf-
störung, übrigens
eine rein überflüssige Reaktion.Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans
bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch
noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines psychischen Vor-
ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in
seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von
den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die
über die Tasten des Instrumentes hinlaufen“, veranschaulicht vielleicht
am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Vertretern
der exakten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum wird in
dieser Auffassung etwas ganz und gar Undeutbares; denn wie sollten
die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik pro-
duzieren können?Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig
nicht an Einwänden gefehlt. Burdach meint 1830: „Wenn man
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich
weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes
gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig sind, während
andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während des ganzen
Lebens statt ...“ (p. 483).An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen
„körperlichen“ Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auf-
fassung des Traumes an, die erst 1866 von Robert ausgesprochen
wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine
Funktion, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiß. Robert nimmt
zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen der Beobachtung, bei
denen wir bereits in der Würdigung des Traum-
materials verweilt
haben (vgl. p. 14), nämlich daß man so häufig von den nebensächlich-
sten Eindrücken des Tages träumt und daß man so selten die großen
Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als aus-
schließlich richtig: „Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht
hat, zu Traum-
erregern, immer nur solche, die einem unfertig im
Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen“ (p. 10). – „Darum kann
man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen des-
selben eben die nicht zum genügenden Erkennen des Träu-
menden gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen
Tages sind.“ Die Bedingung, daß ein Eindruck in den Traum ge-
lange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner VerarbeitungS.
60
I. Literatur der Traumprobleme.
gestört wurde oder daß er als allzu unbedeutend auf solche Ver-
arbeitung keinen Anspruch hatte.Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung
zum Erkennen gelangt“. Träume sind Ausscheidungen von
im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit
geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse un-
fertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln
würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Ge-
dächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.“ Der Traum
leistet dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils.
Die Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32).Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu richten,
wie denn durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele
herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen
beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des
Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken irgend-
wie als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist
kein besonderer psychischer Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir
von jener Aussonderung erhalten. Übrigens ist eine Ausscheidung nicht
das einzige, was nachts in der Seele vorgeht. Robert fügt selbst hinzu,
daß überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden, und
„was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedankenstoff nicht
ausscheiden läßt, wird durch der Phantasie entlehnte Gedanken-
fäden zu einem abgerundeten Ganzen verbunden und so dem
Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht“ (p. 23).In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die
Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während dort
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb
zum Träumen nach der Theorie Roberts in der Seele selbst, in ihrer
Überladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urteilt voll-
kommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen
und einen Geist, in dem kein dem wachen Bewußtsein entnommener
Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen
könnten. Zugegeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen
der Seele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nerven-
reize beeinflußt werden können (p. 48). So ist der Traum nach
Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar
kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen
Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vor-
gang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine Funktion zu er-
füllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten oder wenn man
das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.S.
61
Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus-
wahl des Traummaterials deutlich werden, stützt ein anderer Autor,
Yves Delage, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beob-
achten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben
Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird.Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person
durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von dem
nicht träumt, was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder
erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt.
Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die
Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser
Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage
über das Träumen junger Eheleute: „S’ils ont été fortement épris,
presque jamais ils n’ont rêvé l’un de l’autre avant le mariage ou
pendant la lune de miel; et s’ils ont rêvé d’amour c’est pour être
infidèles avec quelque personne indifférente ou odieuse.“ Wovon
träumt man nun aber? Delage erkennt das in unseren Träumen vor-
kommende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von
Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in
unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als
Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer
Prüfung als unerkannte Reproduktion, als „souvenir inconscient“.
Aber dieses Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter,
es rührt von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker
betroffen haben als unseren Geist oder von denen die Aufmerksamkeit
sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger
bewußt und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr
Aussicht hat er, im nächsten Traume eine Rolle zu spielen.Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein-
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert
hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem
er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind,
traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächli-
chen Eindrücke sind gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch
sie sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts
tendus“, die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr
Anrecht auf eine Rolle im Traume als der schwache und fast unbeach-
tete Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in seiner
Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückgedrängt wor-
den ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung aufge-
speicherte psychische Energie wird nachts die Triebfeder des Traumes.
Im Traume kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein*).*)Ganz ähnlich äußert sich der Dichter Anatole France (Lys rouge):
Ce que nous voyons la nuit, ce sont les restes malheureux de ce que nous avons
négligé dans la veille. Le rêve est souvent la revanche des choses qu’on méprise
ou le reproche des êtres abandonnés.S.
62
I. Literatur der Traumprobleme.
Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle
ab; er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume
nur die geringste Rolle einräumen und so schließt er sich mit seiner
Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom
partiellen Schlafen des Gehirns an: „En somme le rêve est le produit
de la pensée errante, sans but et sans direction, se fixant successive-
ment sur les souvenirs, qui ont gardé assez d’intensité pour se placer
sur sa route et l’arrêter au passage, établissant entre eux un lien
tantôt faible et indécis, tantôt plus fort et plus serré selon que
l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeil.“3. Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung
zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen
entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen
kann. Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist
eine nützliche Funktion des Traumes. Die Wertschätzungen, welche
der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören
meist in diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren
Statt die Äußerung von Burdach anzuführen, derzufolge der Traum
„die Naturtätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die Macht
der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört,
nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem
Spiele sich ergebende Lebendigkeit der sensiblen Zentralpunkte ist“
(p. 486).Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen
sich Burdach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die
Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, also
etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach zitiert und akzeptiert
darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter Novalis
das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine Schutzwehr
gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie
Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens
durcheinander wirft und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachse-
nen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht; ohne die
Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann man den Traum,
wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine
köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt
zum Grabe betrachten.“Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert
noch eindringlicher Purkinje (p. 456): „Besonders würden die pro-
duktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte Spiele
der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammen-
hang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen Lebens nicht
fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt
zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände. Sie heilt
Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und heitereS.
63
zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und Freundlichkeit, Furcht
durch Mut und Zuversicht; den Zweifel beschwichtigt sie durch
Überzeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch Er-
füllung. Viele wunde Stellen des Gemütes, die der Tag immer-
während offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt
und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die
schmerzenheilende Wirkung der Zeit.“ Wir empfinden es alle, daß
der Schlaf eine Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle
Ahnung des Volksbewußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht
rauben, daß der Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf
seine Wohltaten spendet.Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus
einer besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustand
frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner 1861 unter-
nommene. Das Buch Scherners, in einem schwülen und schwül-
stigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für
den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß, wenn sie nicht
mit sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierig-
keiten entgegen, daß wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren
Darstellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt die Lehren
Scherners uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den
mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge
ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie-
durch des Philosophen Pfade nicht.“ Solche Beurteilung findet die
Darstellung Scherners selbst bei seinen Anhängern.Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele ge-
statten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen.
Er führt selbst aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie
des Ich entnervt wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen,
Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden und wie den Über-
bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur
noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt
sich im Traume die als Phantasie zu benennende Tätigkeit der
Seele frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen
Maße ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar
die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt
aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmel-
weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv,
sondern auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem
Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe
für das Ungemessene, Übertriebene, Ungeheuerliche. Zu
gleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen
Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wen-
dungslust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten Stimmungs-
reize des Gemütes, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort das
innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. DerS.
64
I. Literatur der Traumprobleme.
Traumphantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen will,
muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwä-
chend einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der An-
schauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist,
weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die
Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein
Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein
fremdes Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des
Objektes, an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken
im stande ist. Das ist die symbolisierende Tätigkeit der Phan-
tasie... Sehr wichtig ist ferner, daß die Traumphantasie die Gegen-
stände nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem Umriß und diesen in
freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie
genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der
bloßen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich
genötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln
und so eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B.
malt Goldstücke auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich,
trägt sie davon.Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische
Tätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das der bei
Tag so dunklen organischen Leibreize (vgl. p. 25), so daß in der
Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische
Theorie Scherners und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundts
und anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander
verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physio-
logischen Theorie die seelische Reaktion auf die inneren Leibreize
mit der Erweckung von irgend zu ihnen passenden Vorstellungen
erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen auf dem Wege
der Assoziation sich zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die
Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint,
geben die Leibreize nach Scherner der Seele nur ein Material, das
sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die
Traumbildung fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den
Blick der anderen versiegt.Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein necken-
des Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im
betreffenden Traume stammen, in irgend einer plastischen Symbolik
vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt und andere ihm nicht
folgen, daß die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung
für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint
sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu
binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern be-
nutzen, um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange
Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelneS.
65
Teile des Hauses wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im
Kopfschmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer
mit ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.
Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Kör-
perteile verwendet. „So findet die atmende Lunge in dem flammen-
erfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz
in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden beutelförmigen
oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der männliche Ge-
schlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen Teil einer Klarinette,
daneben den gleichen Teil einer Tabakspfeife, daneben wieder einen
Pelz auf der Straße finden. Klarinette und Tabakspfeife stellen die
annähernde Form des männlichen Gliedes, der Pelz das Schamhaar
dar. Im weiblichen Geschlechtstraume kann sich die Schrittenge der
zusammenſchließenden Schenkel durch einen schmalen, von Häusern
umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen mitten durch
den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad
symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen
Brief zu einem Herrn zu tragen“ (Volkelt p. 39). Besonders wichtig
ist es, daß am Schlusse eines solchen Leibreiztraumes die Traum-
phantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ
oder dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der „Zahn-
reiztraum“ gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus
dem Munde nimmt.Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl
die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung neh-
men. So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kotige Straßen,
der Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als sol-
cher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er begehrt, werden
symbolisch dargestellt oder das Traum-Ich tritt in konkrete Ver-
bindung mit den Symbolisierungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn
wir bei Schmerzreizen uns mit beißenden Hunden oder tobenden
Stieren verzweifelt balgen oder die Träumerin sich im Geschlechts-
traume von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem mög-
lichen Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symboli-
sierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes
bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen,
der so erkannten psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System
philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt in
seinem schön und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer
verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für
das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbe-
reitet ist.Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli-
sierenden Phantasie Scherners in den Träumen nicht verbunden.
Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.S.
66
I. Literatur der Traumprobleme.
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man
könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt. Man
könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende
Beschäftigung mit Scherners Theorie des Traumes zu irgend etwas
Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losgebunden
heit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig scheint.
Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der Lehre Scher-
ners vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto einzulegen.
Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von seinen
Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksamkeit schenkte, und der
persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunklen seelischen Dingen
nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der den
Menschen durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber zugleich inhalts-
und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die
gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes
beigetragen hat, als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Emp-
findung dem Objekt Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen ver-
suchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den Anschein
hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der
Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellen-Phan-
tastik; die p. 58 zitierte Stelle eines nüchternen und exakten For-
schers wie Binz, welche schildert, wie die Aurora des Erwachens
über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht
an Phantastik und an – Unwahrscheinlichkeit hinter den Scherner-
schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe, zeigen zu können,
daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur ver- schwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der All-
gemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch er-
heben kann. Vorläufig kann uns die Schernersche Theorie des
Traumes in ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen
führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens
heute noch unsicher schwankt.h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrank-
heiten.Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen
spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Be-
ziehungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand ver-
tritt, einleitet oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das
Traumleben im Falle der Geisteskrankheiten erleidet. 3. Innere Be-
ziehungen zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesens-
verwandtschaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen
den beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der
Medizin – und in der Gegenwart von neuem wieder – ein Lieb-
lingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta, Rade-
stock, Maury und Tissié gesammelte Literatur des Gegenstandes
lehrt. Jüngst hat Sante de Sanctis diesem Zusammenhange seineS.
67
Aufmerksamkeit zugewendet*). Dem Interesse unserer Darstellung
wird es genügen, den bedeutsamen Gegenstand bloß zu streifen.Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen
Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradig-
mata mitteilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauss), daß der erste
Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreck-
haften Traume herschrieb und daß die vorherrschende Idee mit
diesem Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt
ähnliche Beobachtungen von Paranoischen und erklärt den Traum in
einzelnen derselben für die „vraie cause déterminante de la folie“.
Die Psychose kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Erklärung
enthaltenden Traum mit einem Schlage ins Leben treten oder sich
durch weitere Träume, die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben,
langsam entwickeln. In einem Falle von de Sanctis schlossen sich
an den ergreifenden Traum leichte hysterische Anfälle, dann in
weiterer Folge ein ängstlich-melancholischer Zustand. Féré (bei
Tissiè) berichtet von einem Traume, der eine hysterische Lähmung
zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Ätiologie der Geistes-
störung vorgeführt, obwohl wir dem Tatbestand ebenso Rechnung
tragen, wenn wir aussagen, die geistige Störung habe ihre erste
Äußerung am Traumleben gezeigt, sei im Traume zuerst durchge-
brochen. In anderen Beispielen enthält das Traumleben die krank-
haften Symptome oder die Psychose bleibt aufs Traumleben einge-
schränkt. So macht Thomayer auf Angstträume aufmerksam,
die als Äquivalente von epileptischen Anfällen aufgefaßt werden
müssen. Allison hat nächtliche Geisteskrankheit (nocturnal insanity)
beschrieben (nach Radestock), bei der die Individuen tagsüber an-
scheinend vollkommen gesund sind, während bei Nacht regelmäßig
Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten. Ähnliche Beob-
achtungen bei de Sanctis (paranoisches Traumäquivalent bei einem
Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue beschuldigen);
bei Tissiè. Tissiè bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl von
Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen Charakters (aus
Wahnvoraussetzungen, Zwangimpulse) sich aus Träumen ableiten.
Guislain beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch ein inter-
mittierendes Irresein ersetzt war.Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psycho-
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte be-
schäftigen wird.Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach
Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traum-
leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses
*)Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind: Féré, Ideler,
Lasègne, Pichon, Régis, Vespa; Giessler, Kazodowsky, Pachan-
toni u. a.S.
68
Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss). Ma
cario (bei Tissié) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach
seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die
leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte.
Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen
Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Überein-
stimmung der Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung ge-
funden. Nach Maury hat zuerst Cabanis in seinen „Rapports du
physique et du moral“ auf sie hingewiesen, nach ihm Lélut, J. Mo-
reau und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicherlich
ist die Vergleichung noch älter. Radestock leitet das Kapitel, in
dem er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein,
welche Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an
einer Stelle: „Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen.“ Krauss: „
Der Wahnsinn ist ein Traum innerhalb des Sinnenwachseins.“
Schopenhauer nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den
Wahnsinn einen langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als
Traumleben, welches nicht durch Schlaf, sondern durch Krankheiten
herbeigeführt ist. Wundt äußert in der „Physiologischen Psycho-
logie“: „In der Tat können wir im Traume fast alle Erscheinungen,
die uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.“Die einzelnen Übereinstimmungen auf Grund deren eine solche
Gleichstellung nach dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta (übrigens
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung
oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkennt-
nis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens,
Mangel des moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der
Sinnesorgane, und zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im
allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen unter
einander lediglich nach den Gesetzen der Assoziation und Reproduk-
tion, also automatische Reihenbildung, daher Unproportionalität der
Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Übertreibungen, Phantas-
men) und aus alle dem resultierend 4. Veränderung beziehungsweise
Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten
des Charakters (Perversitäten).“Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma-
terial: „Im Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein-
gefühles findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen.
Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traume der Geruchs- und
Geschmackssinn. – Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie
dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was
der Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen er-
innert sich der Schlafende und Kranke.“ – Die Analogie von Traum
und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sichS.
69
wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf ein-
zelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt.„Dem von körperlichen und geistigen Leiden gewährt
der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so
heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück,
Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von
Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Ver-
weigerung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund des
Irreseins abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus.
Die Frau, die ein teures Kind verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer
Vermögensverluste erlitten, hält sich für außerordentlich reich, das
betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt.“(Diese Stelle Radestocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen
Ausführung von Griesinger [p. 111], die mit aller Klarheit die
Wunscherfüllung als einen dem Traume und der Psychose ge-
meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter-
suchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer
psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu fin-
den ist.)„Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteiles
sind es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charak-
terisieren.“ Die Überschätzung der eigenen geistigen Leistungen,
die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier
wie dort; dem rapiden Vorstellungsverlauf des Traumes ent-
spricht die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Zeit-
maß. Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B.
das eigene Wissen auf zwei Personen verteilt, von denen die fremde
das eigene Ich im Traume korrigiert, ist völlig gleichwertig der be-
kannten Persönlichkeitsteilung bei halluzinatorischer Paranoia; auch
der Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen vor-
gebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen findet sich eine
Analogie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen
(rêve obsédant). – Nach der Genesung von einem Delirium sagen
die Kranken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit
wie ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie teilen uns
mit, daß sie gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben,
sie seien nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaf-
traume vorkommt.Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock
seine wie vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, daß
„der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine
Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes
zu betrachten ist“ (p. 228).Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich
äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauss die Verwandtschaft
von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Er-
¿S.
70
I. Literatur der Traumprobleme.
regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche
Grundelement ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch
bedingte Empfindung, die Leibreizsens-
von allen Organen her zu stande gekommene Gemeingefühl (vgl.
Peisse bei Maury [p. 52]).Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten
reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu
den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens,
nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vor-
gang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt.
Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung
über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es
allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere
Einsicht in den Hergang der letzteren sich befindet. Wohl aber ist
es wahrscheinlich, daß eine vertiefte Auffassung des Traumes unsere
Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen mit-
beeinflussen muß, und so dürfen wir sagen, daß wir auch an der Auf-
klärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Ge-
heimnis des Traumes aufzuhellen.
Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der
Traumprobleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Er-
scheinen bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe.
Dieselbe mag dem Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin
nichtsdestoweniger durch sie bestimmt worden. Die Motive, die mich
überhaupt zu einer Darstellung der Behandlung des Traumes in der
Literatur veranlaßt hatten, waren mit der vorstehenden Einleitung
erschöpft, eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte mich außerordentliche
Bemühung gekostet und – sehr wenig Nutzen oder Belehrung ge-
bracht. Denn der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren hat
weder an tatsächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die
Auffassung des Traumes Neues oder Wertvolles gebracht. Meine
Arbeit ist in den meisten seither veröffentlichten Publikationen un-
erwähnt und unberücksichtigt geblieben; am wenigsten Beachtung
hat sie natürlich bei den sogenannten „Traumforschern“ gefunden,
die von der dem wissenschaftlichen Menschen eigenen Abneigung,
etwas Neues zu erlernen, hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben
haben. „Les savants ne sont pas curieux“, meint der Spötter Anatole
France. Wenn es in der Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt,
so wäre ich wohl berechtigt, auch meinerseits die Literatur seit dem
Erscheinen dieses Buches zu vernachlässigen. Die wenigen Bericht-
erstattungen, die sich in wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben,
sind so voll von Unverstand und Mißverständnissen, daß ich den
Kritikern mit nichts anderem als mit der Aufforderung, dieses BuchS.
71
noch einmal zu lesen, antworten könnte. Vielleicht dürfte die Auf-
forderung auch lauten: es überhaupt zu lesen.
In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des
psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer
sind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen
gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner
Aufstellungen hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zu-
sammenhang meiner Darstellung eingetragen. Ein zweites Literatur-
verzeichnis am Ende stellt die wichtigsten Veröffentlichungen seit
dem ersten Erscheinen dieses Buches zusammen. Das reichhaltige Buch
von Sante de Sanctis über die Träume, dem bald nach seinem
Erscheinen eine Übersetzung ins Deutsche zu teil geworden ist, hat
sich mit meiner „Traumdeutung“ zeitlich gekreuzt, so daß ich von
ihm ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der italienische Autor
von mir. Ich müßte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit
überaus arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die
Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte.
Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an
meine Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philo-
soph, H. Swoboda, der es unternommen hat, die Entdeckung der
biologischen Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tagen), die von
Wilh. Fliess herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen,
hat in einer phantasievollen Schrift*) mit diesem Schlüssel unter
anderm auch das Rätsel der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der
Träume wäre dabei zu kurz gekommen; das Inhaltsmaterial derselben
würde sich durch das Zusammentreffen all jener Erinnerungen er-
klären, die in jener Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum
ersten- oder n-tenmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des
Autors ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht
mehr ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem
Schluß geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige Beobachtungen
zu der Aufstellung Swobodas mitteilen, die mir aber ein über-
zeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher
war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes
zu finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die
Zeitverhältnisse schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung
durch die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich muß
also in ihr die einzige in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung
eines unabhängigen Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre
begrüßen. Das Buch, in dem sich die von mir ins Auge gefaßte
Stelle über das Träumen findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter
dem Titel „Phantasien eines Realisten“ von Lynkeus veröffentlicht
worden**).
*)H. Swoboda, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904.
**)Siehe später p. 229, Anmerkung.
S.
72
Zusatz (1914).
Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 niederge-
schrieben worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings geändert;
mein Beitrag zur „Traumdeutung“ wird in der Literatur nicht mehr
übersehen. Allein die neue Situation macht mir die Fortsetzung
des vorstehenden Berichtes erst recht unmöglich. Die „Traum-
deutung“ hat eine ganze Reihe neuer Behauptungen und Probleme
gebracht, die nun von den Autoren in verschiedenster Weise er-
örtert worden sind. Ich kann diese Arbeiten doch nicht darstellen,
ohne ich meine eigenen Ansichten entwickelt habe, auf welche die
Autoren sich beziehen. Was mir an dieser neuesten Literatur wert-
voll erschien, habe ich darum im Zusammenhange meiner nun fol-
genden Ausführungen gewürdigt.
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Die Traumdeutung1900-001/1914