Die Traumdeutung1900-001/1914
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    I.

    Die wissenschaftliche Literatur der Traum-
    probleme*).

    Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen,
    daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu
    deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich
    als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angeb-
    barer Stelle in das seelische Treiben des Wachseins einzureihen ist.
    Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von denen die
    Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus
    ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte ziehen,
    aus deren Zusammen- oder Gegeneinanderwirken der Traum hervor-
    geht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn sie
    wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des Traumes in um-
    fassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Material
    in Angriff genommen werden muß.

    Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie
    über den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissen-
    schaft stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht
    häufig Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissen-
    schaftliche Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend-
    jähriger Bemühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den
    Autoren so allgemein zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne
    Stimmen anzuführen. In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum
    Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemer-
    kungen und reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber
    nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner
    Rätsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das Wissen der
    gebildeten Laien übergegangen.

    Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit
    bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf die
    Bildung ihrer Anschauungen von der Welt und von der Seele ge-
    nommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, daß
    ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange aus-
    gegangen.


    *)Bis zur ersten Veröffentlichung dieses Buches 1900.
    Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.

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    schließe. Ich verweise auf die bekannten Werke von Sir J. Lubbock,
    H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß uns die Trag-
    weite dieser Probleme und Spekulationen erst begreiflich werden kann,
    nachdem wir die uns vorschwebende Aufgabe der „Traumdeutung“
    erledigt haben.

    Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt
    offenbar der Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Alter-
    tums zu Grunde*). Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume
    mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Be-
    ziehung stünden und Offenbarungen von Seite der Götter und Dämonen
    brächten. Ferner drängte sich ihnen auf, daß die Träume eine für den
    Träumer bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zukunft
    zu verkünden. Die außerordentliche Verschiedenheit in dem Inhalt
    und dem Eindruck der Träume machte es allerdings schwierig, eine
    einheitliche Auffassung derselben durchzuführen und nötigte zu man-
    nigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume, je
    nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philo-
    sophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natürlich nicht
    unabhängig von der Stellung, die sie der Mantik überhaupt einzu-
    räumen bereit waren.

    In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristote-
    les ist der Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir
    hören, der Traum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl
    aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h.
    der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern
    folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit verwandten
    menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die Seelentätig-
    keit des Schlafenden, insofern er schläft.

    Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B.
    daß der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins
    Große umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu
    werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder
    jenes Gliedes stattfindet“), und zieht aus diesem Verhalten den Schluß,
    daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerkten An-
    zeichen einer beginnenden Veränderung im Körper dem Arzte ver-
    raten können**).

    Die Alten vor Aristoteles hatten den Traum wie erwähnt nicht
    für ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine
    Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strö-
    mungen, die wir in der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vor-
    handen auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen geltend.
    Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem Schläfer ge-
     

    *)Das Folgende nach Büchsenschütz' sorgfältiger Darstellung.

    **)Über die Beziehungen des Traumes zu den Krankheiten handelt der
    griechische Arzt Hippokrates in einem Kapitel seines berühmten Werkes.

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    Die Traumlehre der Alten. – Artemidoros.

    sandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von
    eitlen, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die
    Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen.

    Gruppe (Griechische Mythologie und Religionsgeschichte,
    p. 390) gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makrobius und
    Artemidoros wieder: „Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die
    eine sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt,
    für die Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die ἐνύπνια,
    insomnia, die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegen-
    teil wiedergeben, z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die φαντάσ-
    ματα, welche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie
    z. B. der Alpdruck, Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als be-
    stimmend für die Zukunft; zu ihr gehören: 1. die direkte Weissagung,
    die man im Traume empfängt (χρηματισμός, oraculum), 2. das Voraus-
    sagen eines bevorstehenden Ereignisses (ὅραμα, visio), 3. der symbo-
    lische, der Auslegung bedürftige Traum (ὄνειρος, somnium). Diese
    Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten.“

    Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Auf-
    gabe einer „Traumdeutung“ im Zusammenhange. Da man von den
    Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht
    alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht
    ein bestimmter unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte,
    war der Anstoß zu einer Bemühung gegeben, welche den unverständ-
    lichen Inhalt des Traumes durch einen einsichtlichen und dabei be- deutungsvollen ersetzen konnte. Als die größte Autorität in der
    Traumdeutung galt im späteren Altertum Artemidoros aus Dal-
    dis, dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen
    Schriften des nämlichen Inhaltes entschädigen muß*).

    Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand
    sicherlich im vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung,
    welche als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur
    innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem
    Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die am
    Morgen übrigbleibende Erinnerung von dem Traume empfängt, denn
    in dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das
    gleichsam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen
    Inhalt entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre
    von der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der
    Anhänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schrift-


    *)Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelalter siehe bei
    Diepgen und in den Spezialuntersuchungen von M. Förster, Gotthard u. a.
    Über die Traumdeutung bei den Juden handeln Almoli, Aram und Löwinger,
    sowie neuestens, mit Berücksichtigung des psychoanalytischen Standpunktes,
    Lauer. Kenntnis der arabischen Traumdeutung vermitteln Drexl, F. Schwarz
    und der Missionär Tfinkdji, der japanischen Miura und Iwaya, der chine-
    sischen Secker, der indischen Negelein.

    1*

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    I. Literatur der Traumprobleme.

    stellern abgesehen – die ja recht daran tun, die Reste des ehemals
    ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange
    sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind –,
    trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen
    abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und
    an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Un-
    erklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haff-
    ner). Die Wertschätzung des Traumlebens von Seite mancher Philo-
    sophenschulen, z. B. der Schellingianer, ist ein deutlicher Nach-
    klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und
    auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des
    Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho-
    logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten
    Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines
    jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur
    Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen.

    Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der
    Traumprobleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser
    Erkenntnis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag,
    ein Fortschritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es
    ist nicht zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten ge-
    kommen, auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut
    hätte, sondern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von
    neuem und wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an
    die Zeitfolge der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug
    berichten, welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert,
    so müßte ich darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom
    gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen; ich habe
    es darum vorgezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die
    Autoren anzuknüpfen und werde bei jedem der Traumprobleme an-
    führen, was an Material zur Lösung desselben in der Literatur nieder-
    gelegt ist.

    Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr ver-
    streute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu
    bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn
    nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt
    in meiner Darstellung verloren gegangen ist.

    Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt ge-
    sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzu-
    handeln, in der Regel auch die Würdigung analoger Zustände, welche
    in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse
    (wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt
    sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt
    zu halten und etwa eine einzelne Frage aus dem Gebiete des Traum-
    lebens zum Gegenstand zu nehmen. In dieser Veränderung möchte
    ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunklen Din-

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    Beziehung zum Wachleben.

    gen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe von
    Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als
    eine solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer
    Natur, kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem
    Problem des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich phy-
    siologisches Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlaf-
    zustandes die Veränderung der Funktionsbedingungen für den seeli-
    schen Apparat mitenthalten sein muß. Es bleibt also auch die Lite-
    ratur des Schlafes hier außer Betracht.

    Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an
    sich führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Frage-
    stellungen:

    a) Beziehung des Traumes zum Wachleben. Das naive
    Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum – wenn er schon
    nicht aus einer anderen Welt stammt – doch den Schläfer in eine
    andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach, dem
    wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphäno-
    mene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem vielbemerkten
    Satze Ausdruck gegeben (p. 474): „... nie wiederholt sich die Leben
    des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden
    und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu
    befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstand er-
    füllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen oder eine Auf-
    gabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt uns
    der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges oder er nimmt aus
    der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen
    oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert
    die Wirklichkeit.“ – J. H. Fichte (I, 541) spricht im selben Sinne
    direkt von Ergänzungsträumen und nennt diese eine von den
    geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. In ähnlichem
    Sinne äußert sich noch L. Strümpell in der mit Recht von allen
    Seiten hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der
    Träume (p. 16): „Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußt-
    seins abgekehrt“ ... (p. 17): „Im Traume geht das Gedächtnis
    für den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und dessen nor-
    males Verhalten so gut wie ganz verloren“ ... (p. 19): „Die fast
    erinnerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traume von dem
    regelmäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens“ ...

    Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be-
    ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung
    vertreten. So Haffner (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das
    Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz zu-
    vor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Beob-
    achtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der
    Traum an die Erlebnisse der vorhergehenden Tages anknüpfte.“ Wey-
    gandt (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten Behauptung

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    I. Literatur der Traumprobleme.

    Burdachs „denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegenden
    Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins ge
    wöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien.“ Maury
    (p. 56) sagt in seiner knappen Formel: „Nous rêvons de ce que nous
    avons vu, dit, desiré ou fait“; Jessen in seiner 1855 erschienenen
    Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder weniger wird
    der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Per
    sönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe,
    gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen
    des ganzen bisherigen Lebens.“
    Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph
    I. G. E. Maaß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung: „Die Er
    fahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von den
    Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leidenschaften gerichtet
    sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leidenschaften auf die Erzeugung
    unserer Träume Einfluß haben müssen. Der Ehrgeizige träumt von
    den (vielleicht nur in seiner Einbildung) errungenen oder noch zu er
    ringenden Lorbeeren, indes der Verliebte sich in seinen Träumen mit
    dem Gegenstand seiner süßen Hoffnungen beschäftigt, . . . Alle sinn
    lichen Begierden und Verabscheuungen, die im Herzen schlummern,
    können, wenn sie durch irgend einen Grund angeregt werden, be
    wirken, daß aus den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen ein
    Traum entsteht oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits vor
    handenen Traum einmischen.“ (Mitgeteilt von Winterstein im Zbl.
    f. Ps. A. . . .)
    Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des
    Trauminhaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (p. 139):
    Als Xerxes vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem
    Entschluß durch guten Rat abgelenkt, durch Träume aber immer
    wieder dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traum
    deuter der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß die Traumbilder
    meist das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke.
    Im Lehrgedichte des Lucretius, De rerum natura, findet sich
    (IV, v. 959) die Stelle:
     

    „Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret,
    aut quibus in rebus multum sumus ante morati
    atque in ea ratione fuit contenta magis mens,
    in somnis eadem plerumque videmur obire;
    causidici causas agere et componere leges,
    induoperatores pugnare ac proelia obire,“ etc. etc.

    Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel
    später Maury: „Maximeque reliquiae earum rerum moventur in
    animis et agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut
    egimus.“
    Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung
    von Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es

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    ist darum am Platz, der Darstellung von F. W. Hildebrandt (1875)
    zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes
    ließen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine „Reihe
    von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen sich zu
    spitzen“ (p. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits die
    strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit des Trau-
    mes von dem wirklichen und wahren Leben und anderseits das stete
    Hinübergreifen des einen in das andere, die stete Abhängigkeit
    des einen von dem anderen. – Der Traum ist etwas von der wachend
    erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte sagen, ein
    in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem wirklichen
    Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von
    der Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in
    uns aus und stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz andere
    Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu schaffen
    hat . . .“ Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Einschlafen
    unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter einer un-
    sichtbaren Falltür“ verschwindet. Man macht dann etwa im Traume
    eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Napoleon
    etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. Man wird von dem
    Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die
    interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen. Nun aber
    vergleicht man die Traumsituation mit der Wirklichkeit. Man war
    nie Weinhändler und hat’s auch nie werden wollen. Man hat nie eine
    Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum Ziele einer
    solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus keine sympa-
    thische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und
    zu alledem war der Träumer überhaupt noch nicht unter den Leben-
    den, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung
    zu ihm zu knüpfen lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So
    erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes zwi-
    schen zwei vollkommen zueinander passenden und einander fort-
    setzenden Lebensabschnitten.
    „Und dennoch,“ setzt Hildebrandt fort, „ebenso wahr und
    richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab-
    geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Be-
    ziehung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen:
    Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus
    der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirk-
    lichkeit sich abwickelt . . . Wie wunderlich er’s damit treibe, er
    kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los und seine sub-
    limsten wie possenhaften Gebilde müssen immer ihren Grundstoff
    entlehnen von dem, was entweder in der Sinnwelt uns vor Augen ge-
    treten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie bereits
    Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußerlich
    oder innerlich bereits erlebt haben.“

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    b) Das Traummaterial. – Das Gedächtnis im Traume.

    Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend
    eine Weise vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert,
    erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis
    gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zu-
    sammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als
    augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben müsse.
    Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich
    in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der
    Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche
    die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein
    bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird
    der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen.

    Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auf-
    tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und
    Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Be-
    treffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt
    hat. Man bleibt dann im unklaren darüber, aus welcher Quelle der
    Traum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selbständig pro-
    duzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft nach langer
    Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung an das
    frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle aufdeckt.

    Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas gewußt und er-
    innert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war*).

    Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Del-
    boeuf aus seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume den
    Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen
    halb erstarrt und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund
    aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte kleine Höhle im
    Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige Blätter
    von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs und das
    sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume kannte er den Namen der
    Pflanze: Asplenium ruta muralis. – Der Traum ging dann weiter,
    kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück und zeigte
    Delboeuf zu seinen Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich über
    die Reste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick
    aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu
    dem Loche in der Mauer nehmen und endlich war die ganze Straße
    bedeckt von einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben
    Richtung wanderten.

    Delboeufs Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische
    Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein.
    Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß ein Farn


    *)Vaschide behauptet auch, es sei oft bemerkt worden, daß man im
    Traum fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche als im Wachen.

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    dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine
    richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An ein
    zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken; es blieb
    aber für Delboeuf rätselhaft, woher er im Traume die Kenntnis
    des Namens Asplenium genommen hatte.

    Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre
    später erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er be-
    sucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Er-
    innerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden
    verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das
    Herbarium, findet in demselben das Asplenium seines Traumes und
    erkennt seine eigene Handschrift in dem beigefügten lateinischen
    Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen. Eine Schwester
    dieses Freundes hatte im Jahre 1860 – zwei Jahre vor dem Eidechsen-
    traume – auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht. Sie hatte damals
    dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich und Delboeuf
    unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines Botanikers zu jedem
    der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen hinzuzu-
    schreiben.

    Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens-
    wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem
    Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen.
    Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten
    Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug ab-
    gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die
    Jahreszahl 1861 und Delboeuf wußte sich zu erinnern, daß er
    von dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten gehört
    hatte.

    Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen
    unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut-
    same Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer „hyper-
    mnestischer“ Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte.
    Maury erzählt, daß ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei Tag
    in den Sinn zu kommen pflegte. Er wußte, daß es der Name einer
    französischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte ihm
    von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte, sie
    käme aus Mussidan, und auf seine Frage, wo die Stadt liege, zur
    Antwort gab: Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement de la
    Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im Traume erhaltenen
    Auskunft keinen Glauben; das geographische Lexikon belehrte ihn
    aber, daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist das Mehr-
    wissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses Wissens
    aber nicht aufgespürt worden.

    Jessen erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis
    aus älteren Zeiten: „Dahin gehört unter anderen der Traum des
    älteren Scaliger (Hennings l. c., p. 300), welcher ein Gedicht zum

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    I. Literatur der Traumprobleme.

    Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann,
    welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich be-
    klagte, daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte,
    je etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn
    und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß ehemals ein solcher
    Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei.“

    Einen hypermnestischen Traum, welchen sich durch die besondere
    Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauffolgenden Traum
    die Agnoszierung der zuerst nicht erkannten Erinnerung vollzieht,
    erzählt der Marquis d’Hervey de St. Denis (nach Vaschide,
    p. 232): „Ich träumte einmal von einer jungen Frau mit goldblondem
    Haar, die ich mit meiner Schwester plaudern sah, während sie ihr
    eine Stickerei-arbeit zeigte. Im Traum kam sie mir sehr bekannt vor,
    ich meinte sogar, sie zu wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach
    dem Erwachen habe ich dieses Gesicht noch lebhaft vor mir, kann
    es aber absolut nicht erkennen. Ich schlafe nun wieder ein; das
    Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen Traum spreche ich nun
    die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht schon das Vergnügen
    gehabt, sie irgendwo zu treffen. Gewiß, antwortet die Dame, er-
    innern Sie sich nur an das Seebad von Pornic. Sofort wache ich
    wieder auf und weiß mich nun mit aller Sicherheit an die Einzel-
    heiten zu besinnen, mit denen dieses anmutige Traumgesicht ver-
    knüpft war.“

    Derselbe Autor (bei Vaschide, p. 233) berichtet:

    Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine Melodie,
    die ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später fand er die
    selbe in einer alten Sammlung von Musikstücken aufgezeichnet, die
    vorher in der Hand gehabt zu haben er sich noch immer nicht er-
    innert.

    An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of
    the Society for psychical research) soll Myers eine ganze Sammlung
    solcher hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine,
    jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhn-
    liches Phänomen anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für
    Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der Wachende nicht zu
    besitzen vermeint. In den psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen,
    von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehr-
    mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen,
    daß sie Zitate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen,
    und daß sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im wachen
    Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie
    will ich hier noch mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus welcher
    die nur dem Traume zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht auf-
    finden ließ.

    Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß
    er sich in einem Kaffeehause eine „Kontuszówka“ geben lasse, fragte

  • S.

    11

    Hypermnesie des Traumes.

    aber nach der Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen
    nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszówka sei ein polnischer
    Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben könne, da mir der
    Name von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte
    mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem
    er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur Wirklichkeit werden lassen,
    bemerkte er den Namen auf einem Plakat und zwar an einer Straßen-
    ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte
    passieren müssen.

    Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man
    mit der Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom
    Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Ab-
    fassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteten Kirch-
    turmes, den gesehen zu haben ich mich nicht erinnern konnte. Ich
    erkannte ihn dann plötzlich, und zwar mit voller Sicherheit, auf einer
    kleinen Station zwischen Salzburg und Reichenhall. Es war in der
    zweiten Hälfte der Neunzigerjahre, und ich hatte die Strecke im
    Jahre 1886 zum erstenmal befahren. In späteren Jahren, als ich
    mich bereits intensiv mit dem Studium der Träume beschäftigte,
    wurde das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merk-
    würdigen Lokalität mir geradezu lästig. Ich sah in bestimmter ört-
    licher Beziehung zu meiner Person, zu meiner Linken, einen dunklen
    Raum, aus dem mehrere groteske Sandsteinfiguren hervorleuchteten.
    Ein Schimmer von Erinnerung, dem ich nicht recht glauben wollte,
    sagte mir, es sei ein Eingang in einen Bierkeller; es gelang mir aber
    weder aufzuklären, was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher
    es stamme. Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ich zu
    meinem Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte besuchen können.
    Mein erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war unbefrie-
    digend geblieben; ich hatte die Fresken Giottos in der Madonna
    dell' Arena nicht besichtigen können und machte mitten auf der
    dahin führenden Straße kehrt, als man mir mitteilte, das Kirchlein
    sei an diesem Tage gesperrt. Bei meinem zweiten Besuche, zwölf
    Jahre später, gedachte ich mich zu entschädigen und suchte vor allem
    den Weg zur Madonna dell' Arena auf. An der zu ihr führenden
    Straße, linkerhand von meiner Wegrichtung, wahrscheinlich an der
    Stelle, wo ich 1895 umgekehrt war, entdeckte ich die Lokalität, die
    ich so oft im Traume gesehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sand-
    steinfiguren. Es war in der Tat der Eingang in einen Restaurations-
    garten.

    Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Re-
    produktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des
    Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kind-
    heitsleben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies
    bemerkt und betont haben:

  • S.

    12

    Hildebrandt (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben
    worden, daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktions-
    kraft uns ganz abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fern-
    ster Zeit treu vor die Seele zurückführt.“

    Strümpell (p. 40): „Die Sache steigert sich noch mehr, wenn
    man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten
    und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die
    frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokali-
    täten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher
    Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf
    solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein
    gewonnen oder sich mit starken psychischen Werten verbunden haben,
    und nun später im Traume als eigentliche Erinnerungen wiederkehren,
    an denen das erwachte Bewußtsein sich erfreut. Die Tiefe des Traum-
    gedächtnisses umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen,
    Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder
    nur ein geringes Bewußtsein oder keinen psychischen Wert besaßen
    oder längst das eine wie das andere verloren hatten und deshalb auch
    sowohl im Traume wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und
    unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird.“

    Volkelt (p. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern
    Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran
    wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit
    verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich.“

    Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches
    bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten Erinne-
    rungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten
    hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele
    mitteilen will.

    Maury erzählt (p. 92), daß er von seiner Vaterstadt Meaux
    als Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war,
    wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt
    ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn wieder in den Straßen
    der Stadt spielen. Ein Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform
    trägt. Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er
    heiße C… und sei Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt
    der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde Maury
    eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an
    einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Ant-
    wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals ge-
    baut hat.

    Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im
    Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem
    Herrn F…, der als Kind in Montbrison aufgewachsen war. Die-
    ser Mann beschloß, 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat
    und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu be-
    suchen.

  • S.

    13

    suchen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele
    ist und in der Nähe von Montbrison einen ihm vom Ansehen
    unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein
    Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Herrn
    dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen
    nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in
    Montbrison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lo-
    kalität des Traumes wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort
    als den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur
    stärker gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte.

    Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu
    erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in
    einem Traume eine Person, von der ich im Traume wußte, es sei der
    Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie
    vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasial-
    lehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die
    beiden Personen verknüpfe, konnte ich dann im Wachen nicht aus-
    findig machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzt dieser
    meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig ge-
    wesen war, und einäugig ist auch der Gymnasiallehrer, dessen Person
    die des Arztes im Traume gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, daß
    ich den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im
    wachen Leben niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe
    am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können.

    Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße
    Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden,
    wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen
    sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert
    (p. 46) äußert sogar: „Im allgemeinen beschäftigt sich der normale
    Traum nur mit den Eindrücken der letztvergangenen Tage.“ Wir
    werden allerdings erfahren, daß die von Robert aufgebaute Theorie
    des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Vorschie-
    bung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Tatsache aber,
    der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter-
    suchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor
    Nelson meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke
    vom Tage vor dem Traumtage oder vom dritten Tage vorher verwertet,
    als ob die Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorhergehenden
    Tages nicht abgeschwächt – nicht abgelegen – genug wären.

    Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des
    Trauminhaltes mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, auf-
    gefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäf-
    tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages-
    gedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind. So
    träumt man in der Regel von einem lieben Toten nicht die erste
    Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt (Delage).

  • S.

    14

    Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hallam, auch Bei-
    spiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen
    Punkt das Recht der psychologischen Individualität.

    Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich-
    keit des Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des re-
    produzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeut-
    samste, sondern im Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste
    der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren
    zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräftigsten
    Ausdruck gegeben haben.

    Hildebrand (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdige, daß
    der Traum seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und
    tiefgreifenden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden
    Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen
    Zugaben, sozusagen aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten
    oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschüt-
    ternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken wir
    spät einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, bis
    ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in die
    selbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines
    Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick
    mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die
    spielt eine Rolle in unserem Traume“...

    Strümpell (p. 39): „... solche Fälle, wo die Zerlegung eines
    Traumes Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erleb-
    nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so
    unbedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß sie
    kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen
    Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder oberflächlich
    bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorübergegangene Wahr-
    nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus
    einer Lektüre u. dgl.“

    Havelock Ellis (1899, p. 727): „The profound emotions of waking
    life, the questions and problems on which we spread our chief volun-
    tary mental energy, are not those which usually present themselves
    at once to dreamconsciousness. It is so far as the immediate past is
    concerned, mostly the trifling, the incidental, the ‚forgotten‘ impres-
    sions of daily life which reappear in our dreams. The psychic acti-
    vities that are awake most intensely are those that sleep most pro-
    foundly.“

    Binz (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentümlich-
    keiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefriedigung
    mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes aus-
    zusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen.
    Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der letzt-
    verlebten Tage, sondern tauchen oft ein ohne irgend erkennbares

  • S.

    15

    Erinnerung an nebensächliche Eindrücke.

    Motiv in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit?
    Warum empfängt im Traume das Bewußtsein so oft den Eindruck
    gleichgültiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, wo
    sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, meist
    stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine akute Auffrischung
    während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?“

    Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum-
    gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den
    Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des
    Traumes vom Tagesleben überhaupt zu verkennen und dann weni-
    stens den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren.
    So war es möglich, daß Miß Whiton Calkins bei der statistischen
    Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch 11% der An-
    zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tagesleben nicht
    ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung
    recht, daß sich alle Traumbilder uns genetisch erklären würden,
    wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten,
    ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst
    mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens
    darauf hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den abge-
    legensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig
    indifferente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung,
    die ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu
    Tage zu fördern.“ Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige
    Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges
    abhalten ließ; er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traum-
    erklärung geleitet.

    Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be-
    deutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt,
    daß „nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren
    gehen kann“ (Scholz, p. 34). Oder, wie Delboeuf es ausdrückt,
    „que toute impression même la plus insignifiante, laisse une trace
    inaltérable, indéfiniment susceptible de reparaître au jour“, ein Schluß,
    zu welchem so viele andere pathologische Erscheinungen des Seelen-
    lebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese außerordentliche
    Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses im Traume vor Augen, um
    den Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu er-
    wähnende Traumtheorien aufstellen müssen, wenn sie die Absurdität
    und Inkohärenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns am Tage Bekannten erklären wollen.

    Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des
    Träumens überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume
    die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden Reproduktionstätig-
    keit sehen, die sich Selbstzweck ist. Mitteilungen wie die von
    Pilcz würden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwi-
    schen der Zeit des Träumens und dem Inhalt der Träume nachweis-

  • S.

    16

    I. Literatur der Traumprobleme.

    bar sind in der Weise, daß im tiefen Schlafe Eindrücke aus den
    ältesten Zeiten gegen Morgen aber rezente Eindrücke vom Traume
    reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorn
    herein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu
    erinnernden Material verfährt. Strümpell macht mit Recht darauf
    aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht
    vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das
    folgende Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle
    erscheint ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von
    Reproduktionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine
    theoretische Verwertung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor,
    in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie
    unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von
    einem seiner Universitätskollegen, daß er im Traume eine gefährliche
    Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfalle nur wie durch ein Wunder
    entging, mit all ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miß
    Calkins erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduktion
    eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten und ich selbst
    werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekanntgewordenes Beispiel
    von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzu-
    teilen*).

    c) Traumreize und Traumquellen. Was man unter Traum-
    reizen oder Traumquellen verstehen soll, das kann durch eine Be-
    rufung auf die Volksrede „Träume kommen vom Magen“ verdeut-
    licht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich
    eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes
    erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes
    im Schlafe sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaktion auf diese
    Störung.

    Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der Träume
    nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein.
    Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein
    Gegenstand der biologischen Forschung geworden war, ist selbstver-
    ständlich. Den Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt,
    brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem
    Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloß der Traum, aus
    deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für die Wissenschaft erhob
    sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm-
    liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung,
    ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder
    vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen

    *)Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten harm-
    lose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume wiederholt werden,
    etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen zubereiten u. dgl. Bei solchen Träumen
    betont der Träumer selbst aber nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den
    der „Wirklichkeit“. „Ich habe das alles am Tage wirklich getan.“

  • S.

    17

    Traumreize und Traumquellen.

    anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen
    des Träumens, mannigfaltiger Art sein können und daß Leibreize
    ebenso wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern ge-
    langen. In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den
    Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je
    nach ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die
    Ansichten weit auseinander.

    Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er-
    geben sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung
    der Träume verwendet worden sind.

    1. Äußere (objektive) Sinneserregung.
    2. Innere (subjektive) Sinneserregung.
    3. Innerer (organischer) Leibreiz.
    4. Rein psychische Reizquellen.

    ad 1. Die äußeren Sinnesreize. Der jüngere Strümpell,
    der Sohn des Philosophen, dessen Werk über den Traum uns bereits
    mehrmals als Wegweiser in die Traumprobleme diente, hat bekannt-
    lich die Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner
    Anästhesie der Körperdecken und Lähmung mehrerer der höheren
    Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne die we-
    nigen noch offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel
    er in Schlaf. Wenn wir einschlafen wollen, pflegen wir alle eine
    Situation anzustreben, die jener im Strümpellschen Experiment
    ähnlich ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die
    Augen, und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede
    Veränderung der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen
    dann ein, obwohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können
    weder die Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten, noch
    die Erregbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir
    durch stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen,
    „daß die Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der
    außerleiblichen Welt“ geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während
    des Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden.

    Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe von den un-
    vermeidlichen an, die der Schlafzustand mit sich bringt oder nur
    gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher ge-
    eignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es
    kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich ver-
    nehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimhaut erregen.
    Wir können im Schlafe durch ungewollte Bewegungen einzelne
    Körperteile entblößen und so der Abkühlungsempfindung aussetzen
    oder durch Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungs-
    empfindungen erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein
    kleiner nächtlicher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen.
    Die Aufmerksamkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von Träu-
    men gesammelt, in welchen der beim Erwachen konstatierte Reiz

  • S.

    18

    und ein Stück des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, daß der
    Reiz als Traumquelle erkannt werden konnte.
    Eine Sammlung solcher auf objektive – mehr oder minder
    akzidentelle – Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier
    nach Jessen (p. 527) an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch
    erweckt entsprechende Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt
    uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in
    das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer
    Tür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir
    des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, daß
    wir nackt umhergehen oder daß wir ins Wasser gefallen sind. Wenn
    wir schräg im Bette liegen und die Füße über den Rand desselben
    herauskommen, so träumt uns vielleicht, daß wir am Rande eines
    schrecklichen Abgrundes stehen oder daß wir von einer steilen Höhe
    hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so
    hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns unter
    seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol-
    lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen,
    feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen.
    „Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandelns. Halle
    1758, p. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen
    würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde
    hinlegten und ihm zwischen die große und die nächste Zehe einen
    Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traume vorstellte,
    erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen
    stecke. Demselben soll nach Hennings (1784, p. 258) ein anderes
    Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte,
    geträumt haben, daß er gehängt würde. Hoffbauer träumte in seiner
    Jugend, von einer hohen Mauer hinabzu-
    fallen und bemerkte beim Er-
    wachen, daß die Bettstelle auseinanderge-
    gangen und daß er wirklich
    gefallen war. … Gregory berichtet, er habe einmal beim Zu-
    bettegehen eine Flasche mit heißem Wasser an die Füße gelegt und
    darauf im Traum eine Reise auf die Spitze des Ätna gemacht, wo er
    die Hitze des Erdbodens fast unerträg-
    lich gefunden. Ein anderer
    träumte nach einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er von
    einem Haufen von Indianern skalpiert werde; ein dritter, der in
    einem feuchten Hemde schlief, glaubte durch einen Strom gezogen zu
    werden. Ein im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ einen
    Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde
    die Qualen der Folter (Macnish).“
    Das auf die Ähnlichkeit zwischen Reiz und Trauminhalt ge-
    gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei
    einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen
    dem Reize entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat
    nach Macnish schon Giron de Buzareingues ange-
    stellt. „Er
    ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der Nacht auf einem

  • S.

    19

    Postwagen-
    reise. Er bemerkt dabei, daß Reisende wohl wissen wür-
    den, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. Ein
    anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und träumte, daß er
    einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war nämlich
    in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt
    zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie die eben
    genannte.“

    Maury teilt neue Beobachtungen von an ihm selbst erzeugten
    Träumen mit. (Eine Reihe anderer Versuche brachte keinen Erfolg.)

    1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge-
    kitzelt. – Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine Pechlarve
    wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut
    mitgeht.

    2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. – Er hört Glocken
    läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitage des Jahres 1848
    versetzt.

    3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. – Er ist in Kairo im
    Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben-
    teuer, die er nicht reproduzieren kann.

    4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. – Er träumt, daß
    man ihm ein Blasenpflaster auflegt und denkt an einen Arzt, der
    ihn als Kind behandelt hat.

    5. Man nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. – Er träumt
    von den „Chauffeurs“*), die sich ins Haus eingeschlichen haben und
    die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die
    Füße ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von Abran-
    tés auf, deren Sekretär er im Traume ist.

    8. Man gießt ihm einen Tropfen Wasser auf die Stirn. – Er
    ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von
    Orvieto.

    9. Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer
    Kerze auf ihn fallen. – Er träumt vom Wetter, von Hitze und be-
    findet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal
    La Manche mitgemacht.

    Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, führen
    von d’Hervey, Weygandt u. a. her.

    Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes
    bemerkt worden, plötzliche Eindrücke aus der Sinneswelt dergestalt
    in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine allmählich schon
    vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden“ (Hildebrandt).
    „In jüngeren Jahren,“ erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu
    Zeiten, um regelmäßig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des
    bekannten, meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu

    *)„Chauffeurs“ hießen Banden von Räubern in der Vendée, die sich dieser
    Tortur bedienten.

  • S.

    20

    hundert Malen ist mir’s begegnet, daß der Ton dieses Instrumentes in
    einen vermeintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum der
    gestalt hineinpaßte, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn an-
    gelegt sei und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe,
    sein natürlich gewiesenes Endziel fände.“
    Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht
    zitieren.

    Volkelt (p. 68) erzählt: „Einem Komponisten träumte einmal,
    er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen.
    Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit
    der Frage: „Hast du mich verstanden?“ Dieser schreit wie ein
    Besessener: „O ja!“ Ungehalten hierüber verweist er ihm das
    Schreien. Doch schon schreit die ganze Klasse: „Orja!“ Hierauf:
    „Eurjo!“ Und endlich: „Feuerjo!“ Und nun erwacht er von
    wirklichem Feuerjogeschrei auf der Straße.

    Garnier (Traité des facultés de l’âme, 1865) bei Radestock
    berichtet, daß Napoleon I. durch die Explosion der Höllenmaschine
    aus einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte
    und der ihm den Übergang über den Tagliamento und die Kano-
    nade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf
    aufschreckte: „Wir sind unterminiert.“

    Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat
    (p. 161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine
    Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der Schreckensherr-
    schaft zur Zeit der Revolution, machte greuliche Mordszenen mit und
    wurde dann endlich selbst vor den Gerichtshof zitiert. Dort sah er
    Robespierre, Marat, Fouquier-Tinville und alle die traurigen
    Helden jener gräßlichen Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei
    Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung nicht fixierten, ver-
    urteilt und dann von einer unübersehbaren Menge begleitet auf den
    Richtplatz geführt. Er steigt aufs Schafott, der Scharfrichter bindet
    ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fällt herab;
    er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe getrennt wird, wacht in der
    entsetzlichsten Angst auf – und findet, daß der Bettaufsatz herab-
    gefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer
    einer Guillotine, getroffen hatte.

    An diesen Traum knüpft sich eine interessante von Le Lorrain
    und Egger in der „Revue philosophique“ eingeleitete Diskussion, ob
    und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitraum, der
    zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen ver-
    streicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt
    zusammenzudrängen.

    Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungen wäh-
    rend des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traum-
    quellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien
    einzig und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der

  • S.

    21

    Träume auf den Weckreiz.

    sonst der Traumliteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu
    stande kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen
    ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch
    einen nach dem Erwachen erkannten objektiven Sinnesreiz aufgeklärt
    wurde. Die wissenschaftliche Betrachtung kann dabei nicht halt
    machen; sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus der Beob-
    achtung, daß der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende
    Reiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern
    durch irgend eine andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend
    welcher Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traum-
    reiz und den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys
    „une affinité quelconque, mais qui n'est pas unique et exclusive“
    (p. 72.) Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts; man
    wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe Reiz so
    verschiedene und warum er gerade diese Traumerfolge hervorrief:
    (p. 37.) „Also ich gehe an einem Frühlingsmorgen spazieren
    und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be-
    nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in Feierkleidern, das
    Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuzuwandern. Rich-
    tig! es ist ja Sonntag und der Frühgottesdienst wird bald beginnen.
    Ich beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas
    echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich
    abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre
    ich den Glöckner den Turm hinansteigen und sehe nun in der Höhe
    des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginn der
    Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos
    da, dann fängt sie an zu schwingen – und plötzlich ertönen ihre
    Schläge hell und durchdringend – so hell und durchdringend, daß sie
    meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen
    von dem Wecker.“
    „Eine zweite Kombination. Es ist heller Wintertag; die Straßen
    sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine Teilnahme an einer
    Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis die Meldung er-
    folgt, der Schlitten stehe vor der Tür. Jetzt erfolgen die Vorbe-
    reitungen zum Einsteigen – der Pelz wird angelegt, der Fußsack her-
    vorgeholt – und endlich sitze ich auf meinem Platze. Aber noch ver-
    zögert sich die Abfahrt, bis die Zügel den harrenden Rossen das fühl-
    bare Zeichen geben. Nun ziehen diese an; die kräftig geschüttelten
    Schellen beginnen ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit einer
    Mächtigkeit, die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes zer-
    reißt. Wieder ist's nichts anderes als der schrille Ton der Wecker-
    glocke.“
    „Noch das dritte Beispiel! Ich sehe ein Küchenmädchen mit
    einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speise-
    zimmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen scheint mir in
    Gefahr, das Gleichgewicht zu verlieren. ‚Nimm dich in acht,‘ warne

  • S.

    22

    I. Literatur der Traumprobleme.

    ich ‚die ganze Ladung wird zur Erde fallen.‘ Natürlich bleibt der
    obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt
    usw., währenddessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis
    die Wandelnde begleite. Richtig, an der Türschwelle erfolgt ein
    Straucheln – das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt
    in hundert Scherben auf dem Fußboden umher. Aber – das endlose
    sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald merke, kein eigent-
    liches Rasseln, sondern ein richtiges Klingeln; – und mit diesem
    Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker
    seine Schuldigkeit getan.“

    Die Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objek-
    tiven Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell – und fast ebenso
    von Wundt – dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche
    im Schlaf angreifende Reize unter den Bedingungen der Illusions-
    bildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, rich-
    tig gedeutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, in die
    er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Ein-
    druck stark, deutlich, dauerhaft genug ist und wenn uns die für diese
    Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen
    nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von dem der Eindruck
    herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn je-
    mand auf freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegenstand
    undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben zuerst
    für ein Pferd hält.“ Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer
    ruhenden Kuh sich aufdrängen und endlich kann sich die Vor-
    stellung mit Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen
    auflösen. Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrücke, welche
    die Seele im Schlafe durch äußere Reize empfängt; sie bildet auf
    Grund derselben Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere
    oder kleinere Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch
    welche der Eindruck seinen psychischen Wert bekommt. Aus wel-
    chem der vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zu-
    gehörigen Bilder geweckt werden und welche der möglichen Asso-
    ziationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach
    Strümpell unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelen-
    lebens überlassen.

    Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß
    die Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu
    verfolgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung der
    durch den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch an-
    deren Bedingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung
    geraten, daß die im Schlafe eingreifende objektive Sinnesreizung als
    Traumquelle nur eine bescheidene Rolle spielt und daß andere Mo-
    mente die Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder deter-
    minieren. In der Tat, wenn man die experimentell erzeugten Träume
    Maurys prüft, die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgeteilt

  • S.

    23

    habe, so ist man versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt
    eigentlich nur eines der Traumelemente nach seiner Herkunft und
    der übrige Trauminhalt erscheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im
    einzelnen bestimmt, als daß er durch die eine Anforderung, er müsse
    sich mit dem experimentell eingeführten Element vertragen, aufge-
    klärt werden könnte. Ja man beginnt selbst an der Illusionstheorie
    und an der Macht des objektiven Eindruckes, den Traum zu gestalten,
    zu zweifeln, wenn man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die
    allersonderbarste und entlegenste Deutung im Traum erfährt. So er-
    zählt z. B. M. Simon einen Traum, in dem er riesenhafte Personen
    bei Tische sitzen sah und deutlich das furchtbare Geklapper hörte,
    das ihre aufeinandergeschlagen Kiefer beim Kauen erzeugten. Als
    er erwachte, hörte er den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbei-
    galoppierenden Pferdes. Wenn hier der Lärm der Pferdehuse gerade
    Vorstellungen wie aus dem Erinnerungskreis von Gullivers Reisen,
    Aufenthalt bei den Riesen von Brobdingnag, wachgerufen hat, sollte
    die Auswahl dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungs-
    kreises nicht außerdem durch andere Motive erleichtert gewesen
    sein?*)

    ad 2. Innere (subjektive) Sinneserregung.

    Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen,
    daß die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als
    Traumerreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Na-
    tur und Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle
    Traumbilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach an-
    deren, aber ihnen analog wirkenden Traumquellen zu suchen. Ich
    weiß nun nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den
    äußeren Sinnesreizen die inneren (subjektiven) Erregungen in den
    Sinnesorganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Tatsache, daß
    dies in allen neueren Darstellungen der Traumätiologie mehr oder
    minder nachdrücklich geschieht. „Eine wesentliche Rolle spielen
    ferner, wie ich glaube,“ sagt Wundt (p. 363), „bei den Traum-
    illusionen jene subjektiven Gesichts- und Gehörempfindungen, die
    uns aus dem wachen Zustand als Lichtchaos des dunklen Gesichts-
    feldes, als Ohrenklingen, Ohrensausen usw., bekannt sind, unter ihnen
    namentlich die subjektiven Netzhauterregungen. So erklärt sich die
    merkwürdige Neigung des Traumes, ähnliche oder ganz überein-
    stimmende Objekte in der Mehrzahl dem Auge vorzuzaubern. Zahllose
    Vögel, Schmetterlinge, Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen
    wir vor uns ausgebreitet. Hier hat der Lichtstaub des dunklen Ge-
    sichtsfeldes phantastische Gestalt angenommen und die zahlreichen
    Lichtpunkte, aus denen derselbe besteht, werden von dem Traume
    in ebenso vielen Einzelbildern verkörpert, die wegen der Beweglich-


    *)Riesenhafte Personen im Traum lassen annehmen, daß es sich um eine
    Szene aus der Kindheit des Träumers handelt.

  • S.

    24

    keit des Lichtchaos als bewegte Gegenstände angeschaut werden.
    Hierin wurzelt wohl auch die große Neigung des Traumes zu den
    mannigfachsten Tiergestalten, deren Formenreichtum sich der be-
    sonderen Form der subjektiven Lichtbilder leicht anschmiegt.“

    Die subjektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum-
    bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom
    äußeren Zufalle abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung
    zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den
    objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer
    Rolle als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei
    den letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind.
    Den Haupterweis für die traumerregende Macht subjektiver Sinnes-
    erregungen erbringen die sogenannten hypnagogischen Halluzinatio-
    nen, die von Joh. Müller als „phantastische Gesichtserscheinungen“
    beschrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, wechselvolle
    Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei vielen Menschen
    ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem Öffnen der
    Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury, der ihnen im
    hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung
    zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität
    mit den Traumbildern (wie übrigens schon Joh. Müller) behauptet.
    Für ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische Passivität,
    ein Nachlaß der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich (p. 59 u. f.).
    Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche Lethargie ver-
    falle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogische Halluzination
    zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis daß sich das
    mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. Erwacht
    man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt es nach Maury häufig,
    im Traume dieselben Bilder nachzuweisen, die einem als hypnagogi-
    sche Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben
    (p. 134). So erging es Maury einmal mit einer Reihe von grotesken
    Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn
    mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens
    belästigten und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte, ge-
    träumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl litt,
    weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hypnagogisch eine
    Schüssel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die sich etwas
    von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand er sich an
    einer reichgedeckten Tafel und hörte das Geräusch, das die Speisen-
    den mit ihren Gabeln machten. Ein andermal, als er mit gereizten
    und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die hypnagogische
    Halluzination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die er mit großer
    Anstrengung einzeln entziffern mußte; nach einer Stunde aus dem
    Schlafe geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem ein auf-
    geschlagenes Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkam, welches
    er mühselig hatte durchlesen müssen.

  • S.

    25

    Hypnagogische Halluzinationen. – Innerer, organischer Leibreiz.

    Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzina-
    tionen von Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und dann im
    Traum sich wiederholen als Ouverture gleichsam, welche die Leit-
    motive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt.

    Auf den nämlichen Wegen wie Joh. Müller und Maury wan-
    delt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen,
    G. Trumbull Ladd. Er brachte es durch Übung dahin, daß er sich
    2 bis 5 Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh aus dem
    Schlafe reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte dann die
    Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen mit
    den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen.
    Er versichert, daß sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen bei-
    den erkennen ließ in der Weise, daß die leuchtenden Punkte und
    Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung,
    das Schema für die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brach-
    ten. Einem Traume z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen
    vor sich sah, die er las und studierte, entsprach eine Anordnung der
    leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit
    seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er im Traume
    gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen Wahrnehmung
    erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das man aus
    allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein
    Löchelchen in einem Stücke Papier ansieht. Ladd meint, ohne
    übrigens den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß
    kaum ein visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht an das
    Material der inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Be-
    sonders gilt dies für die Träume kurz nach dem Einschlafen im dunk-
    len Zimmer, während für die Träume am Morgen nahe dem Erwachen
    das objektive, im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht die
    Reizquelle abgebe. Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige
    Charakter der Eigenlichterregung entspricht genau der unruhigen
    Bilderflucht, die unsere Träume uns vorführen. Wenn man den
    Beobachtungen von Ladd Bedeutung beimißt, wird man die Ergiebig-
    keit dieser subjektiven Reizquelle für den Traum nicht gering an-
    schlagen können, denn Gesichtsbilder machen bekanntlich den Haupt-
    bestandteil unserer Träume aus. Der Beitrag von anderen Sinnes-
    gebieten bis auf den des Gehörs ist geringfügiger und inkonstant.

    ad 3. Innerer, organischer Leibreiz. Wenn wir auf dem
    Wege sind, die Traumquellen nicht außerhalb, sondern innerhalb des
    Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, daß fast
    alle unsere inneren Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum
    Kunde von ihrem Bestand geben, in Zuständen von Reizung – die
    wir so heißen – oder in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen
    Empfindungen für uns werden, welche den Erregern der von außen
    anlangenden Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden
    muß. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell zu der

  • S.

    26

    Aussage veranlassen (p. 107): „Die Seele gelangt im Schlafe zu einem
    viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von ihrer Leiblich-
    keit als im Wachen und ist genötigt, gewisse Reizeindrücke zu emp-
    fangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Teilen und Verände-
    rungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen nichts
    wußte.“ Schon Aristoteles erklärt es für sehr wohl möglich, daß
    man im Traume auf beginnende Krankheitszustände aufmerksam ge-
    macht würde, von denen man im Wachen noch nichts merkt (kraft
    der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken angedeihen läßt,
    siehe p. 2) und ärztliche Autoren, deren Anschauung es sicherlich
    fern lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zu glauben, haben
    wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Bedeutung des Trau-
    mes gelten lassen. (Vgl. M. Simon, p. 31, und viele ältere Autoren*)).

    Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische
    Leistungen des Traumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So
    z. B. berichtet Tissié nach Artigues (Essai sur la valeur séméio-
    logique des rêves) die Geschichte einer 43 jährigen Frau, die durch
    einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim-
    gesucht wurde und bei der die ärztliche Untersuchung dann eine be-
    ginnende Herzaktion aufwies, welcher sie alsbald erlag.

    Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei
    einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird
    auf die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken
    hingewiesen, ja diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen
    Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit
    der bloßen Verweisung auf die Literatur (Radestock, Spitta,
    Maury, M. Simon, Tissié) begnügen kann. Tissié meint sogar,
    daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische
    Gepräge aufdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich
    sehr kurz und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt
    im Inhalt derselben die Situation des Todes unter gräßlichen Um-
    ständen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken, Ge-
    dränge, Flucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraume
    unterworfen.


    *)Außer dieser diagnostischen Verwertung der Träume (z. B. bei Hippo-
    krates) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung im Altertum gedenken.

    Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich Genesung
    suchende Kranke aufzusuchen pflegten. Der Kranke ging in den Tempel des
    Apollo oder des Äskulap, dort wurde er verschiedenen Zeremonien unterworfen,
    gebadet, gerieben, geräuchert, und so in Exaltation versetzt, legte man ihn im
    Tempel auf das Fell eines geopferten Widders. Er schlief ein und träumte von
    Heilmitteln, die ihm in natürlicher Gestalt oder in Symbolen und Bildern gezeigt
    wurden, welche dann die Priester deuteten.

    Weiteres über die Heilträume der Griechen bei Lehmann I, 74, Bouché-
    Leclercq, Hermans, Gottesd. Altert. d. Gr. § 41, Privataltert., § 38, 16,
    Böttiger in Sprengels Beitr. z. Gesch. d. Med. II, p. 163 ff., W. Lloyd,
    Magnetism and Mesmerism in antiquity, London, 1877, Döllinger, Heidentum
    und Judentum p. 139.

  • S.

    27

    unterworfen, den übrigens Börner durch Lagerung aufs Gesicht,
    durch Verdeckung der Respirationsöffnungen experimentell hat her-
    vorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vor-
    stellungen aus dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß
    sexueller Erregung endlich auf den Inhalt der Träume ist für die
    Erfahrung eines jeden einzeln greifbar genug und leiht der ganzen
    Lehre von der Traumerregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze.

    Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durch-
    arbeitet, ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury, Wey-
    gandt) durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf
    den Inhalt ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen
    geführt worden sind.

    Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest-
    gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen
    möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden –
    vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich – einstellt und das Organ-
    erkrankung offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen
    zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere
    Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler
    Menschen die Reizquelle sein mag.

    Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine
    Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere und
    eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher-
    gestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle
    der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele im Schlaf-
    zustand von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern des Leibes größere
    Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe, anzunehmen, daß
    die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, die
    irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele gelangen
    zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl nur seiner
    Qualität nach wahrnehmen und wozu nach der Meinung der Ärzte
    alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde nachts, zur kräf-
    tigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten
    tätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für die
    Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann noch
    die Untersuchung, nach welchen Regeln sich die Organreize in Traum-
    vorstellungen umsetzen.

    Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt,
    welche die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das
    Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das „moi splanchnique“,
    wie Tissié es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist und das Dunkel
    der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Be-
    ziehung zueinander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher die
    vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies
    für den Arzt den anderen Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung,
    die soviel Übereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch

  • S.

    28

    ätiologisch vereinigt, denn Alterationen des Gemeingefühles
    und Reize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer
    weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen be-
    zichtigt. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Leibreiz
    theorie sich auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben,
    zurückführen läßt.

    Für eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maß-
    gebend, den der Philosoph Schopenhauer im Jahre 1851 ent-
    wickelt hat. Das Weltbild entsteht in uns dadurch, daß unser In-
    tellekt die ihn von außen treffenden Eindrücke in die Formen der
    Zeit, des Raumes und der Kausalität umgießt. Die Reize aus dem
    Innern des Organismus, vom sympathischen Nervensystem her, äußern
    bei Tag höchstens einen unbewußten Einfluß auf unsere Stimmung.
    Bei Nacht aber, wenn die übertäubende Wirkung der Tageseindrücke
    aufgehört hat, vermögen jene aus dem Innern heraufdringenden Ein-
    drücke sich Aufmerksamkeit zu verschaffen – ähnlich wie wir bei
    Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehm-
    bar machte. Wie anders aber soll der Intellekt auf diese Reize re-
    agieren, als indem er seine ihm eigentümliche Funktion vollzieht?
    Er wird also die Reize zu raum- und zeiterfüllenden Gestalten, die
    sich am Leitfaden der Kausalität bewegen, umformen und so ent-
    steht der Traum. In die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und
    Traumbildern versuchten dann Scherner und nach ihm Volkelt
    einzudringen, deren Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die
    Traumtheorien aufsparen.

    In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat
    der Psychiater Krauss die Entstehung des Traumes wie der Delirien
    und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be-
    dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle
    des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Trau-
    mes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte Emp-
    findung „läßt sich aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der Total-
    stimmungen (Gemeingefühle), 2. in die spezifischen, den Hauptsyste-
    men des vegetativen Organismus immanenten Sensationen, wovon wir
    fünf Gruppen unterschieden haben, a) die Muskelempfindungen, b) die
    pneumatischen, c) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die peri-
    pherischen“ (p. 33 des zweiten Artikels).

    Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib-
    reize nimmt Krauss folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung
    ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vor-
    stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Ge-
    bilde, gegen welches sich aber das Bewußtsein anders verhält als
    normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerk-
    samkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen
    zu, was zugleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt solange
    verkannt werden konnte (p. 11 u. f.). Krauss findet für den Vor-

  • S.

    29

    gang auch den besonderen Ausdruck der Transsubstantiation der
    Empfindungen in Traumbilder (p. 24).

    Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung
    wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Ge-
    setze der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals
    mit dunklen Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem
    Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung,
    den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen
    Reize zurückzuführen, und wenn man nicht die von Scherner aufge-
    fundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der mißlichen
    Tatsache, daß die organische Reizquelle sich eben durch nichts anderes
    als durch den Inhalt des Traumes verrät.

    Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschie-
    dener Traumformen gestaltet, die man als „typische“ bezeichnet hat,
    weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wieder-
    kehren. Es sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von einer
    Höhe, vom Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit,
    daß man nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll ein-
    fach von der im Schlafe gemachten Wahrnehmung herrühren, daß man
    die Bettdecke abgeworfen hat und nun entblößt daliegt. Der Traum
    vom Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz“ zurückgeführt, womit aber
    nicht ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein
    braucht. Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell, der hierin
    Scherner folgt, das von der Seele gebrauchte adäquate Bild, womit
    sie das von den auf- und niedersteigenden Lungenflügeln ausgehende
    Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax
    schon bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken ist. Durch den letzteren
    Umstand wird die an die Vorstellungsform des Schwebens gebundene
    Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll darin
    seinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Haut-
    druckgefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein
    eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des
    Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußtwerden
    aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert (Strüm-
    pell, p. 118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche
    liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene
    Gruppe von Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung
    verschwinden oder sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Er-
    klärung günstige Konstellation hergestellt ist. Ich werde übrigens
    später Gelegenheit haben auf die typischen Träume und ihre Ent-
    stehung zurückzukommen.

    M. Simon hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von
    ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der Organreize
    auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt (p. 34):
    Wenn im Schlafe irgend ein Organapparat, der normaler Weise am
    Ausdruck eines Affektes beteiligt ist, durch irgend einen anderen

  • S.

    30

    I. Literatur der Traumprobleme.

    Anlaß sich in dem Erregungszustand befindet, in den er sonst bei
    jenem Affekt versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum
    Vorstellungen enthalten, die dem Affekt angepaßt sind.
    Eine andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Organapparat sich
    im Schlafe in Tätigkeit, Erregung oder Störung befindet, so wird
    der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung
    der organischen Funktion beziehen, die jener Apparat versieht.
    Mourly Vold (1896) hat es unternommen, den von der Leibniz-
    theorie supponierten Einfluß auf die Traumerzeugung für ein ein-
    zelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht,
    die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern und die
    Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgende
    Sätze als Ergebnis mit:
    1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefähr
    der in der Wirklichkeit, d. h. man träumt von einem statischen Zu-
    stand des Gliedes, welcher dem realen entspricht.
    2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist
    diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden
    Stellungen der wirklichen entspricht.
    3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch
    einer fremden Person zuschieben.
    4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung ge-
    hindert ist.
    5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als
    Tier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider
    hergestellt wird.
    6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken an-
    regen, die zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B.
    träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen.
    Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die
    Leibniztheorie die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu
    erweckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag*).
    ad 4. Psychische Reizquellen. Als wir die Beziehungen des
    Traumes zum Wachleben und die Herkunft des Traummaterials be-
    handelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der neu-
    sten Traumforscher, daß die Menschen von dem Träumen, was sie
    bei Tag treiben und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem
    Wachleben in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur
    ein psychisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern
    ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben
    dem im Schlafe interessant Gewordenen – den während des Schla-
    fes einwirkenden Reizen – ausreichen sollte, die Herkunft aller
    Traumbilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch
     


    *) Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten Traumproto-
    kolle dieses Forschers siehe unten.

  • S.

    31

    Die psychischen Traumquellen.

    gegen obige Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den Schläfer
    von den Interessen des Tages abzieht und daß wir – meistens – von
    den Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst
    dann träumen, wenn sie für das Wachleben den Reiz der Aktualität
    verloren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei
    jedem Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Re-
    geln aufzustellen, ohne durch ein „oft“, „in der Regel“, „meistens“
    Einschränkungen vorzusehen und auf die Gültigkeit der Ausnahmen
    vorzubereiten.

    Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlaf-
    reizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir
    im Stande sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be-
    friedigende Rechenschaft zu geben; das Rätsel der Traumquellen wäre
    gelöst und es bliebe noch die Aufgabe, den Anteil der psychischen
    und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen abzu-
    grenzen. In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines
    Traumes noch in keinem Falle gelungen und jedem, der dies versucht
    hat, sind – meist sehr reichlich – Traumbestandteile übrig ge-
    blieben, über deren Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das
    Tagesinteresse als psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so
    weit, als man nach den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im
    Traume sein Geschäft weiter betreibe, erwarten sollte.

    Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen
    also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen – mit Aus-
    nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherner – eine
    große Lücke offen, wo es sich um die Ableitung des für den Traum
    am meisten charakteristischen Materials an Vorstellungsbildern han-
    delt. In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung
    entwickelt, den psychischen Anteil an der Traumerregung, dem so
    schwer beizukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden
    zwar als Haupteinteilung den Nervenreiz und den Assoziations-
    traum, welch letzterer ausschließlich in der Reproduktion seine
    Quelle findet (Wundt, p. 365), aber sie können den Zweifel nicht los-
    werden, „ob sie sich ohne anstoßgebenden Leibreiz einstellen“ (Vol-
    kelt, p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Assoziations-
    traumes versagt: „In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von
    einem solchen festen Kerne nicht mehr die Rede sein. Hier dringt
    die lose Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das
    ohnedies von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben
    ist hier auch von jenen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregungen
    nicht mehr zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben
    und Treiben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln über-
    lassen“ (Volkelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen An-
    teiles an der Traumerregung versteht dann Wundt, indem er aus-
    führt, daß man die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als
    reine Halluzinationen ansehe. Wahrscheinlich sind die meisten Traum-

  • S.

    32

    I. Literatur der Traumprobleme.

    vorstellungen in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen
    Sinneseindrücken ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen“ (p. 359
    u. f.). Weygandt hat sich diese Ansicht angeeignet und sie ver-
    allgemeinert. Er behauptet für alle Traumvorstellungen, daß ihre
    nächste Ursache Sinnesreize sind, daran erst schließen sich reproduk-
    tive Assoziationen“ (p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der
    psychischen Reizquellen geht Tissié (p. 183): Les rêves d’origine
    absolument psychique n’existent pas, und anderswo (p. 6): les pen-
    sées de nos rêves nous viennent du dehors. . .

    Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph
    Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken,
    daß in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten
    oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes
    zusammenwirken.

    Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung
    durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle
    gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Überschätzung
    der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung
    nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht aufzufinden und
    selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die
    somatische Auffassung der Traumentstehung durchweg der heute in
    der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Ge-
    hirns über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber
    alles, was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren
    organischen Veränderungen oder eine Spontanität in dessen Äuße-
    rungen erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob
    dessen Anerkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des meta-
    physischen Seelenwesens wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des
    Psychiaters hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und for-
    dert nun, daß keine ihrer Regungen ein ihr eigenes Vermögen verrate.
    Doch zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem ge-
    ringen Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich
    zwischen Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psy-
    chische sich bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phä-
    nomens erkennen läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung
    des Weges bis zur organischen Begründung des Seelischen einmal zu
    finden wissen. Wo aber das Psychische für unsere derzeitige Er-
    kenntnis die Endstation bedeuten müßte, da braucht es darum nicht
    geleugnet zu werden.

    d) Warum man den Traum nach dem Erwachen vergißt?
    Daß der Traum am Morgen „zerrinnt“ ist sprichwörtlich. Frei-
    lich ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja
    nur aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir
    glauben sehr oft, daß wir ihn nur unvollständig erinnern, während in
    der Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine
    des Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bis

  • S.

    33

    Das Vergessen der Träume.

    auf kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt
    haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die
    Erfahrung, daß der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so ge-
    wöhnt, daß wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, daß auch
    der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom In-
    halt noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits
    kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im
    Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analy-
    siert, die sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten und
    kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindestens
    37 Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch an seiner Ge-
    dächtnisfrische nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig
    und zunächst nicht verständlich.

    Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten
    Strümpell. Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen,
    denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf eine
    ganze Reihe von Gründen zurück.

    Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle jene Gründe
    wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen
    als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen
    alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie ge-
    knüpfte Seelenregung einen zu geringen Grad hatte. Dasselbe ist
    rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen,
    weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe
    erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität für sich
    allein sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder.
    Strümpell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins) zu, daß man
    häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie sehr
    lebhaft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr
    viele schattenhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt
    man im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet
    hat, und besser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte.
    Die meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse*); diese
    Eigentümlichkeit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume bei-
    tragen. Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens.
    Damit Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse
    Erinnerungsgröße erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht vereinzelt
    bleiben, sondern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender
    Art eingehen. Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und
    schüttelt diese durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken.
    „Wohlgeordnet und in sachgemäßer Folge hilft ein Wort dem anderen
    und das Ganze steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest.
    Widersinniges behalten wir im allgemeinen ebenso schwer und ebenso


    *)Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden;
    vgl. die Sammlung von Chabaneix.
    Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.

  • S.

    34

    selten wie das Verworrene und Ordnunglose.“ Nun fehlt den Träu-
    men in den meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traum-
    kompositionen entbehren an sich der Möglichkeit ihres eigenen Ge-
    dächtnisses und werden vergessen, weil sie meistens schon in den
    nächsten Zeitmomenten auseinanderfallen. – Zu diesen Ausführun-
    gen stimmt allerdings nicht ganz, was Radestock (p. 168) bemerkt
    haben will, daß wir gerade die sonderbarsten Träume am besten be-
    halten.

    Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen
    Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum
    und Wachleben ableiten. Die Vergeblichkeit der Träume für das
    wache Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der
    früher erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) nie geordnete Er-
    innerungen aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus dem
    selben übernimmt, die er aus ihren gewohnten psychischen Verbin-
    dungen reißt, in denen sie im Wachen erinnert werden. Die Traum-
    komposition hat somit keinen Platz in der Gesellschaft der psychischen
    Reihen, mit denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungs-
    hilfen. „Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von
    dem Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen
    Raume wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch
    verweht“ (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß
    mit dem Erwachen sofort die herandringende Sinnenwelt die Auf-
    merksamkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die we-
    nigsten Traumbilder standhalten können. Diese weichen vor den
    Eindrücken des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem
    Lichte der Sonne.

    An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume
    der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen
    überhaupt wenig Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als For-
    scher eine Zeitlang für den Traum interessiert, träumt währenddes-
    sen auch mehr als sonst, das heißt wohl: er erinnert seine Träume leichter
    und häufiger.

    Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bonatelli
    bei Benini zu dem Strümpellschen hinzugefügt, sind wohl bereits
    in diesen enthalten, nämlich 1. daß die Veränderung des Gemein-
    gefühles zwischen Schlafen und Wachen der wechselseitigen Repro-
    duktion ungünstig ist und 2. daß die andere Anordnung des Vor-
    stellungsmaterials im Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs
    Wachbewußtsein macht.

    Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strüm-
    pell selbst hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den
    Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten
    Bemühungen der Autoren, das Erinnern der Träume in Regeln zu
    fassen, kommen einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas
    rätselhaft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigen-
    schaften

  • S.

    35

    Psychologische Charaktere des Traumes.

    tümlichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders be
    merkt worden, z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen
    für vergessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahr-
    nehmung erinnern kann, die zufällig an den – doch vergessenen –
    Inhalt des Traumes anrührt (Radestock, Tissié). Die gesamte Er-
    innerung an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die ge-
    eignet ist, ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herab-
    zusetzen. Man kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom
    Traume wegläßt, das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht.

    Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes
    spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, daß das
    wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des
    Traumes einfügt: man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben,
    was der gewesene Traum nicht enthielt.“

    Besonders entschieden äußert sich Jessen (p. 547):
    „Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu-
    sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis
    her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es
    dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen
    gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu be- merken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und er-
    gänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender
    Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung
    erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum
    möglich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz und
    ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des mensch-
    lichen Geistes, alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß,
    daß er bei der Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden
    Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt.“

    Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die doch
    gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. Egger (1895):
    „1)
     

    1)L'observation des rêves a ses difficultés spéciales et le seul
    moyen d'éviter toute erreur en pareille matière est de confier au
    papier sans le moindre retard ce que l'on vient d'éprouver et de
    remarquer; sinon, l'oubli vient vite ou total ou partiel. L'oubli total est
    sans gravité; mais l'oubli partiel est perfide; car si l'on se met ensuite
    à raconter ce que l'on n'a pas oublié, on est exposé à compléter par
    imagination les fragments incohérents et disjoints fourni par la
    mémoire. . . . ; on devient artiste à son insu, et le récit periodi-
    quement répété s'impose à la créance de son auteur, qui, de bonne-
    foi, le présente comme un fait authentique, dûment établi selon les
    bonnes méthodes . . .“

    Ganz ähnlich Spitta (p. 338), der anzunehmen scheint, daß
    wir überhaupt erst bei dem Versuche, den Traum zu reproduzieren,
    die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente ein-
    führen – „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander, Aus-
    3*

  • S.

    36

    einander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung, der im
    Traume fehlt, hinzufügen“.

    Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die
    Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume,
    der unser eigenes Erlebnis ist und für den wir nur die Erinnerung
    als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Wert bleibt da unserer
    Erinnerung an den Traum noch übrig?

    e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes.

    Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes
    von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen
    Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas
    Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt,
    daß wir ebenso gern sagen: „Mir hat geträumt“ wie: „Ich habe ge-
    träumt.“ Woher rührt diese „Seelenfremdheit“ des Traumes? Nach
    unseren Erörterungen über die Traumquellen sollten wir meinen, sie
    sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt;
    dies ist ja zum größten Teil dem Traumleben wie dem Wachleben
    gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der
    psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck her-
    vorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des Traumes
    versuchen.

    Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wach-
    leben stärker betont und zu weitergehenden Schlüssen verwendet als
    G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psy-
    chophysik (p. 520, II. T.). Er meint, „weder die einfache Herab-
    drückung des bewußten Seelenlebens unter die Hauptschwelle“, noch
    die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außen-
    welt genüge, um die Eigentümlichkeiten des Traumlebens dem wachen
    Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch der
    Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des wachen
    Vorstellungslebens. Sollte der Schauplatz der psychophysischen
    Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens derselbe sein, so
    könnte der Traum meines Erachtens bloß eine auf einem niederen
    Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen Vor-
    stellungslebens sein und müßte übrigens dessen Stoff und dessen
    Form teilen. Aber es verhält sich ganz anders.“

    Was Fechner mit einer solchen Umsiedelung der Seelentätig-
    keit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein anderer, so
    viel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener
    Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der phy-
    siologischen Gehirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histo-
    logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen
    haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinnreich
    und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht,
    der aus mehreren hintereinander eingeschalteten Instanzen aufge-
    baut ist.

  • S.

    37

    Warum wir an die Realität der Traumbilder glauben?

    Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die
    anderen der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traum-
    lebens hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiterreichen-
    der Erklärungsversuche zu machen.

    Es ist mit Recht bemerkt worden, daß eine der Haupteigen-
    tümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens
    auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist.
    Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleier-
    macher (p. 351), daß die Denktätigkeit in Begriffen und nicht in
    Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich in
    Bildern, und man kann beobachten, daß mit der Annäherung an den
    Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten Tätigkeiten sich er-
    schwert zeigen, ungewollte Vorstellungen hervortreten, die alle
    in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähigkeit zu solcher Vor-
    stellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und das
    mit dieser Zerstreuung regelmäßig verknüpfte Hervortreten von
    Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem Traume verbleiben und
    die wir bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche
    Charaktere des Traumlebens anerkennen müssen. Von den Bildern –
    den hypnagogischen Halluzinationen – haben wir erfahren, daß sie
    selbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern identisch sind*).

    Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber
    doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörbildern und in
    geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles
    wird auch im Traume einfach gedacht oder vorgestellt (wahrschein-
    lich also durch Vorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im
    Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene
    Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahr-
    nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit
    Hinwegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Dis-
    kussionen über das Wesen der Halluzination können wir mit allen
    sachkundigen Autoren aussagen, daß der Traum halluziniert, daß
    er Gedanken durch Halluzinationen ersetzt. In dieser Hinsicht be-
    steht kein Unterschied zwischen visuellen und akustischen Vorstel-
    lungen; es ist bemerkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge,
    mit der man einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die
    Halluzination derselben Melodie verwandelt, um beim Zusichkommen,
    das mit dem Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren
    und qualitativ anders gearteten Erinnerungsvorstellung Platz zu
    machen.

    Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die
    einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechen-
    den.

    *)H. Silberer hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbst ab-
    strakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in anschaulich-plastische Bilder
    umsetzen, die das nämliche ausdrücken wollen. (Jahrbuch von Bleuler-Freud,
    Band I, 1909.)

  • S.

    38

    den Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine
    Situation, er stellt etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine
    Idee, wie Spitta (p. 145) es ausdrückt. Die Charakteristik dieser
    Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzu-
    nimmt, daß man beim Träumen – in der Regel; die Ausnahmen
    fordern eine besondere Aufklärung – nicht zu denken, sondern zu
    erleben vermeint, die Halluzination also mit vollem Glauben aufnimmt.
    Die Kritik, man habe nichts erlebt, sondern nur in eigentümlicher
    Form gedacht – geträumt, regt sich erst beim Erwachen. Dieser
    Charakter scheidet den echten Schlaftraum von der Tagträumerei,
    die niemals mit der Realität verwechselt wird.

    Burdach hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum-
    lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476): „Zu den wesent-
    lichen Merkmalen des Traumes gehört: a) daß die subjektive Tätig-
    keit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das Wahrnehmungs-
    vermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche
    Rührungen wären; ... b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen-
    mächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen ...
    Die Schlummerbilder werden durch den Nachlaß der Eigenmächtig-
    keit bedingt.“

    Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele
    gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer ge-
    wissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären.
    Strümpell führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem
    Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumelemente sind keineswegs
    bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche Erleb-
    nisse der Seele, wie sie im Wachen durch Vermittlung der Sinne
    auftreten (p. 34). Während die Seele wachend in Wortbildern und
    in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im Traume
    in wirklichen Empfindungsbildern (p. 35). Überdies kommt im Traume
    ein Raumbewußtsein hinzu, indem wie im Wachen Empfindungen
    und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden (p. 36). Man muß
    also zugestehen, daß sich die Seele im Traume ihren Bildern und
    Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet wie im Wachen
    (p. 43). Wenn sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies daher, daß
    ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein zwischen
    von außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen unter-
    scheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterziehen,
    welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt
    außerdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren
    Bildern und anderen, wo diese Willkür wegfällt. Sie irrt, weil sie
    das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes an-
    wenden kann (p. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der Außenwelt ent-
    hält auch den Grund für ihren Glauben an die subjektive Traumwelt.
    Zum selben Schlusse gelangt nach teilweise abweichenden psy-
    chologischen Entwicklungen Delboeuf. Wir schenken den Traum-

  • S.

    39

    Ablösung der Vorstellungen von ihren psychischen Werten.

    bildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Ein-
    drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst
    sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer
    Halluzinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist,
    Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vor-
    spiegeln, uns etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose berühren und
    wir träumen dabei doch. Es gibt nach Delboeuf kein stichhaltiges
    Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit,
    außer – und dies nur in praktischer Allgemeinheit – der Tatsache
    des Erwachens. Ich erkläre alles für Täuschung, was zwischen Ein-
    schlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das Er-
    wachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (p. 84).
    Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten
    infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine Außen-
    welt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe*).

    Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmen-
    den Moment für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des
    Traumlebens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Be-
    merkungen des alten Burdach anzuführen, welche auf die Beziehung
    der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und dazu angetan


    *)Einen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu er-
    klären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der
    sonst korrekten Funktion des intakten seelischen Apparates zur Folge haben
    muß, hat Haffner unternommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten
    beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zeit-
    losigkeit, d. i. die Emanzipation der Vorstellung von der dem Individuum zukom-
    menden Stelle in der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sich
    der zweite Grundcharakter des Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen,
    Imaginationen und Phantasiekombinationen mit äußeren Wahrnehmungen. „Da
    die Gesamtheit der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffs-bildung, Urteil
    und Schlußfolgerung einerseits und die freie Selbstbestimmung anderseits an die
    sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen und diese jederzeit zur Unterlage
    haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit der Traumvor-
    stellungen teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an und für sich ist unsere
    Urteilskraft wie unsere Willenskraft im Schlafe in keiner Weise alteriert. Wir
    sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zu-
    stande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich
    verstoßen, d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende identisch
    setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein Gutes
    sich vorstellt (sub ratione boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des
    Denkens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch
    die Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir
    im Traume die größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits
    die scharfsinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen
    vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können.
    Mangel an Orientierung ist das ganze Geheimnis des Fluges, mit welchem
    unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Re-
    flexion sowie an Verständigung mit anderen ist die Hauptquelle der maßlosen
    Extravaganzen unserer Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traume“
    (p. 18).

  • S.

    40

    sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ableitungen zurück-
    zuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung,“ sagt Bur-
    dach, „daß die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt wird, . . . aber
    es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Bedingung des
    Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür*); mancher
    sinnliche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er zur Beruhigung
    der Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft, wenn er das
    Klappern seiner Mühle hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nacht-
    licht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann
    (p. 457).

    „Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und
    zieht sich von der Peripherie . . . zurück . . . Indes ist der Zu-
    sammenhang nicht ganz unterbrochen: wenn man nicht im Schlafe
    selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte
    man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fort-
    dauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht immer durch die
    bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psychische
    Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgültiges Wort weckt
    den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so erwacht
    er, . . . die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen den Sen-
    sationen . . . Daher kann man denn auch durch den Mangel eines
    Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wichtige
    Sache bezieht, geweckt werden; so erwacht man vom Auslöschen
    eines Nachtlichtes und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also
    vom Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese
    perzipiert worden ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriedigend
    die Seele nicht aufgestört hat“ (p. 460 u. ff.).

    Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein-
    wendungen absehen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß
    die bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt
    abgeleiteten Eigenschaften des Traumlebens die Fremdartigkeit des
    selben nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte
    es möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in Vorstellungen,
    die Situationen des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln und
    damit die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir
    nicht anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der
    Erinnerung reproduzieren, und ob uns diese Rückübersetzung ganz
    oder nur teilweise gelingt, der Traum behält seine Rätselhaftigkeit
    unverringert bei.

    Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume
    noch andere und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstellungs-
    material des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht Strüm-
    pell in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17): „Die Seele


    *)Man vergleiche hiezu das „Désintérêt“, in dem Claparède (1905) den
    Mechanismus des Einschlafens findet.

  • S.

    41

    Die Absurdität des Traumes.

    verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen Anschauung und
    des normalen Lebensbewußtseins auch den Grund, in welchem ihre
    Gefühle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln. Auch
    diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Wertschätzungen,
    welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, unterliegen
    einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich ihre Verbindung
    mit den Bildern auflöst, die Wahrnehmungsbilder von Dingen, Per-
    sonen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen Le-
    bens werden einzeln sehr zahlreich reproduziert, aber keines der
    selben bringt seinen psychischen Wert mit. Dieser ist von ihnen
    abgelöst und sie schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mitteln
    umher. . . .“

    Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen Werte, die
    selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurück-
    geführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem Ein-
    druck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer
    Erinnerung dem Leben gegenüberstellt.

    Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf
    eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung
    des Vorstellungsablaufes mit sich bringt. Es wird uns so die ohnedies
    naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich
    auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine
    oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die
    übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um-
    ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der
    Gesichtspunkt taucht auf, daß man die Eigentümlichkeiten des Trau-
    mes erklären könne durch die psychische Minderleistung im Schlaf-
    zustand, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem
    wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum
    ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Wider-
    sprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches
    Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer
    sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen
    Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer im
    Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im
    Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines ver-
    worrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir
    nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Tätig-
    keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die
    höheren intellektuellen Leistungen als im Traume aufgehoben oder
    wenigstens schwer geschädigt erklären.

    Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit – von den Ausnahmen wird
    an anderer Stelle die Rede sein – haben die Autoren solche Urteile
    über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer bestimmten
    Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der
    Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Resumé durch eine Samm-
     

  • S.

    42

    lung von Aussprüchen verschiedener Autoren – Philosophen und
    Ärzte – über die psychologischen Charaktere des Traumes ersetze:
    Nach Lemoine ist die Inkohärenz der Traumbilder der ein-
    zig wesentliche Charakter des Traumes.
    Maury pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): „il n’y a pas des
    rêves absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque inco-
    hérence, quelque anachronisme, quelque absurdité.“
    Nach Hegel bei Spitta fehlt dem Traume aller objektive ver-
    ständige Zusammenhang.

    Dugas sagt: „Le rêve, c’est l’anarchie psychique, affective et
    mentale, c’est le jeu des fonctions livrées à elles-mêmes et s’exerçant
    sans contrôle et sans but; dans le rêve l’esprit est un automate
    spirituel.“

    „Die Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des
    im Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zusammen-
    gehaltenen Vorstellungslebens“ räumt selbst Volkelt ein (p. 14), nach
    dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keines-
    wegs zwecklos erscheint.

    Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs-
    verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon
    Cicero (De divin. II) tat: „Nihil tam praepostere, tam incondite,
    tam monstruose cogitari potest, quod non possimus somniare.“

    Fechner sagt (p. 522): „Es ist, als ob die psychologische Tätig-
    keit aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren übersiedelte.“
    Radestock (p. 145): „In der Tat scheint es unmöglich, in
    diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen Po-
    lizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens
    und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum in
    tollem Spiele alles kaleidoskopartig durcheinander.“

    Hildebrandt (p. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt
    sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit wel-
    cher Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze
    geradezu auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche
    kann er in den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen,
    bevor ihm, wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Über-
    spannung des Unsinnes das Erwachen herbeiführt! Wir multiplizieren
    gelegentlich ganz harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert
    uns gar nicht, daß ein Hund uns einen Vers hersagt, daß ein Toter
    auf eigenen Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein Felsstück auf
    dem Wasser schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auf-
    trage nach dem Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum Liechten-
    stein, um die Kriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen
    uns von Karl dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als
    Freiwillige anwerben.“

    Binz (p. 33) mit dem Hinweise auf die aus diesen Eindrücken
    sich ergebende Traumtheorie: „Unter zehn Träumen sind mindestens

  • S.

    43

    neun absurden Inhalte-
    zusammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander
    haben. Schon im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop,
    ist die Gruppierung eine andere geworden, womöglich noch un-
    sinniger und toller, als sie es schon vorher war; und so geht das
    wechselnde Spiel des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis
    wir erwachen, mit der Hand nach der Stirn greifen und uns fragen,
    ob wir in der Tat noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens
    und Denkens besitzen.“

    Maury (p. 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu
    den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen
    Vergleich: „La production de ces images que chez l’homme éveillé
    fait le plus souvent naître la volonté, correspond, pour l’intelligence,
    à ce que sont pour la motilité certains mouvements que nous offrent
    la chorée et les affections paralytiques“…. Im übrigen ist ihm
    der Traum „toute une série de dégradations de la faculté pensante et
    raisonnante“ (p. 27).

    Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen,
    welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen-
    leistungen wiederholen.

    Nach Strümpell treten im Traume – selbstverständlich auch
    dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist – sämtliche logische, auf
    Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele zu-
    rück (p. 26). Nach Spitta (p. 148) scheinen im Traume die Vor-
    stellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock
    und andere betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteiles
    und des Schlusses. Nach Jodl (p. 123) gibt es im Traume keine
    Kritik, keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt
    des Gesamtbewußtseins. Derselbe Autor äußert: „Alle Arten der Be-
    wußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig, ge-
    hemmt, gegeneinander isoliert.“ Die Widersprüche, in welche sich
    der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker (mit
    vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume vergessen oder
    logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegangen sind
    (p. 98) usw. usw.

    Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die
    psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben,
    daß ein gewisser Rest von seelischer Tätigkeit dem Traume ver-
    bleibt. Wundt, dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der
    Traumprobleme maßgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich
    zu. Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume
    sich äußernden Restes von normaler Seelentätigkeit fragen. Es wird
    nun ziemlich allgemein zugegeben, daß die Reproduktionsfähigkeit,
    das Gedächtnis im Traume am wenigsten gelitten zu haben scheint,
    ja eine gewisse Überlegenheit gegen die gleiche Funktion des Wa-
    chens (vgl. oben p. 8 ff.) aufweisen kann, obwohl ein Teil der Ab-

  • S.

    44

    surditäten des Traumes durch die Vergeblichkeit eben dieses Traum-
    lebens erklärt werden soll. Nach Spitta ist es das Gemütsleben der
    Seele, was vom Schlafe nicht befallen wird und dann den Traum
    dirigiert. Als „Gemüt“ bezeichnet er „die konstante Zusammenfassung
    der Gefühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen“
    (p. 84).

    Scholz (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden
    Seelentätigkeiten in der „allegorisierenden Umdeutung“, wel-
    cher das Traummateríal unterzogen wird. Siebeck konstatiert auch
    im Traume die „ergänzende Deutungstätigkeit“ der Seele (p. 11),
    welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen geübt wird.
    Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum mit der Be-
    urteilung der angeblich höchsten psychischen Funktion, der des Be-
    wußtseins. Da wir vom Traume nur durchs Bewußtsein etwas wissen,
    kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch meint Spitta, es
    sei im Traume nur das Bewußtsein erhalten, nicht auch das Selbst-
    bewußtsein. Delboeuf gesteht ein, daß er diese Unterscheidung nicht
    zu begreifen vermag.

    Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver-
    knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt
    im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell (p. 70):
    „Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es scheint, nach
    den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Reize mit sol-
    chen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Reflexion und Verstand,
    ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas dabei vermögen.
    Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere, stellen sich die
    Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im
    Schlafe einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen an an-
    derer Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele zunächst
    eine Anzahl von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach
    Wundt richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äußeren
    und inneren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander
    nach den bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach
    denselben Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach.
    Das ganze Material wird dann vom noch tätigen Reste der ordnenden
    und denkenden Seelenvermögen, so gut es eben gehen will, ver-
    arbeitet (vgl. etwa Wundt und Weygandt). Es ist bloß noch nicht
    gelungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß
    die Erweckung der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem
    oder nach jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe.

    Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen,
    welche die Traumvorstellungen untereinander verbinden, von ganz
    besonderer Art und verschieden von den im wachen Denken tätigen
    sind. So sagt Volkelt (p. 15): „Im Traume jagen und haschen sich
    die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten und kaum wahr-
    nehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen nach-

  • S.

    45

    lässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen.“ Maury legt auf
    diesen Charakter der Vorstellungsbindung, der ihm gestattet, das
    Traumleben in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu
    bringen, den größten Wert. Er anerkennt zwei Hauptcharaktere des
    „délire“: 1. une action spontanée et comme automatique de l’esprit;
    2. une association vicieuse et irregulière des idées (p. 126). Von
    Maury selbst rühren zwei ausgezeichnete Traumbeispiele her, in
    denen der bloße Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traum-
    vorstellungen vermittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt
    (pélerinage) nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand
    er sich nach vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser
    gab ihm nach einem Gespräche eine Schaufel (Pelle) von Zink
    und diese wurde in einem darauffolgenden Traumstück sein großes
    Schlachtschwert (p. 137). Ein andermal ging er im Traume auf der
    Landstraße und las auf den Meilensteinen die Kilometer ab, darauf
    befand er sich bei einem Gewürzkrämer, der eine große Wage hatte,
    und ein Mann legte Kilogewichte auf die Wagschale, um Maury ab-
    zuwägen; dann sagte ihm der Gewürzkrämer: „Sie sind nicht in
    Paris, sondern auf der Insel Gilolo.“ Es folgten darauf mehrere
    Bilder, in welchen er die Blume Lobelia sah, dann den General
    Lopez, von dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte; endlich er-
    wachte er, eine Partie Lotto spielend*).

    Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung
    der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch
    von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier
    schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab-
    setzer des Traumlebens versichert (Spitta, p. 118), daß dieselben
    psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum
    regieren, oder wenn ein anderer (Dugas) ausspricht: Le rêve n’est
    pas déraison ni même irraison pure, solange beide sich nicht die
    Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen
    psychischen Anarchie und Auflösung aller Funktionen im Traume in
    Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit gedämmert
    zu haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne
    Methode sei, vielleicht nur Vorstellung, wie der des Dänenprinzen,
    auf dessen Wahnsinn sich das hier zitierte, einsichtsvolle Urteil be-
    zieht. Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein
    zu urteilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein
    anderer.

    So würdigt Havelock Ellis (1899) den Traum, ohne bei seiner
    scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaïc world of
    vast emotions and imperfect thoughts“, deren Studium uns primitive


    *)An späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von Worten
    mit gleichen Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute erfüllt sind, zugäng-
    lich werden.

  • S.

    46

    I. Literatur der Traumprobleme.

    Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen könnte.
    J. Sully (p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes in einer
    noch weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden Weise. Seine
    Aussprüche verdienen um so mehr Beachtung, wenn wir hinzunehmen,
    daß er wie vielleicht kein anderer Psychologe von der verhüllten
    Sinnigkeit des Traumes überzeugt war. „Now our dreams are a means
    of conserving these successive personnalities. When asleep we
    go back to the old ways of looking at things and of feeling
    about them, to impulses and activities which long ago do
    minated us.“ Ein Denker wie Delboeuf behauptet – freilich ohne
    den Beweis gegen das widersprechende Material zu führen und darum
    eigentlich mit Unrecht: „Dans le sommeil, hormis la perception,
    toutes les facultés de l'esprit, intelligence, imagination, mémoire,
    volonté, moralité, restent intactes dans leur essence; seulement elles
    s'appliquent à des objets imaginaires et mobiles. Le songeur est un
    acteur qui joue à volonté les fous et les sages, les bourreaux et les
    victimes, les nains et les géants, les démons et les anges“ (p. 222). Am
    energischesten scheint die Herabsetzung der psychischen Leistung im
    Traume der Marquis d'Hervey bestritten zu haben, gegen den
    Maury lebhaft polemisiert und dessen Schrift ich mir trotz aller
    Bemühung nicht verschaffen konnte. Maury sagt über ihn (p. 19):
    „M. le Marquis d'Hervey prête à l'intelligence, durant le sommeil,
    toute sa liberté d'action et d'attention et il ne semble faire consister
    le sommeil que dans l'occlusion des sens, dans leur fermeture au
    Monde extérieur; en sorte que l'homme qui dort ne se distingue
    guère, selon sa manière de voir, de l'homme qui laisse vaguer sa
    pensée en se bouchant les sens; toute la différence qui sépare alors
    la pensée ordinaire du celle du dormeur c'est que, chez celui, l'idée
    prend une forme visible, objective et ressemble, à s'y méprendre,
    à la sensation déterminée par les objets extérieurs; le souvenir revêt
    l'apparence du fait présent.“
    Maury fügt aber hinzu: „qu'il y a une différence de plus et
    capitale à savoir que les facultés intellectuelles de l'homme endormi
    n'offrent pas l'équilibre qu'elles gardent chez l'homme l'éveillé.“
    Bei Vaschide, der uns eine bessere Kenntnis des Buches von
    d'Hervey vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in folgender
    Art über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. „L'image
    du rêve est la copie de l'idée. Le principal est l'idée; la vision n'est
    qu'accessoire. Ceci établi, il faut savoir suivre la marche des idées,
    il faut savoir analyser le tissu des rêves; l'incohérence devient alors
    compréhensible, les conceptions les plus fantasques deviennent des
    faits simples et parfaitement logiques“ (p. 146.) Und (p. 147): „Les
    rêves les plus bizarres trouvent même une explication des plus logiques
    quond on sait les analyser.“
    J. Stärcke hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähnliche
    Auflösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor, Wolf Da-
     

  • S.

    47

    vidson, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt worden ist (p. 136):
    „Die sonderbaren Sprünge unserer Vorstellungen im Traume haben
    alle ihren Grund in dem Gesetze der Assoziation, nur daß diese Ver-
    bindung manchmal sehr dunkel in der Seele vorgeht, so daß wir
    oft einen Sprung der Vorstellung zu beobachten glauben, wo doch
    keiner ist.“

    Die Skala der Würdigung des Traumes als psychisches Produkt
    hat in der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der tiefsten
    Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben, durch
    die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Über-
    schätzung, die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens
    stellt. Hildebrandt, der, wie wir wissen, in drei Antinomien die
    psychologische Charakteristik des Traumlebens entwirft, faßt im drit-
    ten dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19):
    „Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur
    Virtuosität sich erhebenden Potenzierung und anderseits einer
    entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden
    Herabminderung und Schwächung des Seelenlebens.“

    „Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Er-
    fahrung bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius
    bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der
    Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beob-
    achtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir solches
    alles als konstantes Eigentum während des wachen Lebens zu be-
    sitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat
    eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleich-
    lichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem
    eigentümlichen idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer
    Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde
    liegenden Wesens. Er stellt uns das irdisch Schöne in wahrhaft
    himmlischem Glanze, das Erhabene in höchster Majestät, das er-
    fahrungsgemäß Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächer-
    liche mit unbeschreiblich drastischer Komik vor Augen; und bis-
    weilen sind wir nach dem Erwachen froh eines dieser Eindrücke
    noch so voll, daß es uns vorkommen will, dergleichen habe die wirk-
    liche Welt uns noch nie und niemals geboten.“

    Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem
    jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung
    gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tief-
    sinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt,
    Träume, die solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es
    da nicht müßig, nach einer psychologischen Charakteristik des Trau-
    mes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei alles möglich,
    von der tiefsten Herabsetzung des Seelenlebens bis zu einer im
    Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese Lösung
    wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen aller Traum-

  • S.

    48

    forscher die Voraussetzung zu grunde zu liegen scheint, es gäbe eine
    solche in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakteristik
    des Traumes, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müßte.
    Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes
    bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener
    jetzt hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie
    und nicht die exakten Naturwissenschaften die Geister beherrschte.
    Aussprüche wie die von Schubert, daß der Traum eine Befreiung
    des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung
    der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von
    dem jüngeren Fichte*) u. a., welche sämtlich den Traum als einen
    Aufschwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, er-
    scheinen uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart
    auch nur bei Mystikern und Frömmlern wiederholt**). Mit dem
    Eindringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der
    Würdigung des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen
    Autoren sind am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume
    für geringfügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und
    nicht zünftige Beobachter – Amateurpsychologen –, deren Beiträge
    gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren
    Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychi-
    schen Werte der Träume festgehalten haben. Wer zur Gering-
    schätzung der psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt
    begreiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen Reizquellen
    für den, welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähig-
    keiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr
    nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen.
    Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner
    Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben,
    ist die des Gedächtnisses die auffälligste; wir haben die sie be-
    weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt.
    Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traum-
    lebens, daß es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernungen hinweg-
    zusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen.
    Dieser Vorzug ist, wie Hildebrandt bemerkt, eben ein illusorischer
    Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum nicht anders
    hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine Form des
    Denkens ist. Der Traum sollte sich in Bezug auf die Zeitlichkeit
    noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom
    Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume wie der oben p. 20 mit-
    geteilte Maurys von seiner Hinrichtung durch die Guillotine scheinen

    *)Vgl. Haffner und Spitta.

    **)Der geistreiche Mystiker Du Prel, einer der wenigen Autoren, denen
    ich die Vernachlässigung in früheren Auflagen dieses Buches abbitte
    möchte, äußert, nicht das Wachen, sondern der Traum sei die Pforte zur
    Metaphysik, soweit sie den Menschen betrifft (Philosophie der Mystik, p. 59).

  • S.

    49

    Die ethischen Gefühle im Traume.

    zu beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit
    mehr Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere psychische
    Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung
    ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den
    Aufsätzen von Le Lorrain und Egger „über die scheinbare Dauer
    der Träume“ hat sich hierüber eine interessante Diskussion ange-
    sponnen, welche in dieser heiklen und tiefreichenden Frage wahr-
    scheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat*).

    Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzu-
    nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen
    vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Kom-
    ponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kann, scheint nach
    vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix angestellten
    Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Tat-
    sache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen, ans Prinzipielle
    streifenden Zweifeln**).

    Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes
    ein Streito-bjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit
    hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver-
    meidet es – und wohl mit Recht – , alles Tatsächliche an diesem
    Thema abzuleugnen, weil für eine Reihe von Fällen die Möglichkeit
    einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe be-
    vorsteht.

    f) Die ethischen Gefühle im Traume.

    Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen
    Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, habe
    ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblem
    abgesondert, ob und inwieweit die moralischen Dispositionen und
    Empfindungen des Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der
    nämliche Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für
    alle anderen seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mußten,
    macht uns auch hier betroffen. Die einen versichern mit ebensolcher
    Entschiedenheit, daß der Traum von den sittlichen Anforderungen
    nichts weiß, wie die anderen, daß die moralische Natur des Menschen
    auch fürs Traumleben erhalten bleibt.

    Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die
    Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben.
    Jessen sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man nicht
    im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schwei-
    gen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Ver-
    brechen, Diebstahl, Mord und Totschlag mit völliger Gleichgültigkeit
    und ohne nachfolgende Reue verüben kann.“


    *)Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme in der
    Pariser Dissertation der Tobowolska (1900).

    **)Vgl. die Kritik bei H. Ellis, World of Dreams, p. 268.
    Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.

  • S.

    50

    Radestock (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die Asso-
    ziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden,
    ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sitt-
    liches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach
    und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor.“
    Volkelt (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie jeder
    weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der Träu-
    mende selbst aufs Äußerste schamlos und jedes sittlichen Gefühles
    und Urteiles verlustig ist, so sieht er auch alle anderen und selbst die
    verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im Wachen auch
    nur in Gedanken mit ihnen zusammenzubringen sich scheuen würde.“
    Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die
    von Schopenhauer, daß jeder im Traume in vollster Gemäßheit
    seines Charakters handle und rede. R. Ph. Fischer*) behauptet,
    daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und
    Leidenschaften in der Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß
    die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren Träumen
    sich spiegeln.
    Haffner (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet, . . . . .
    wird ein tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein; er
    wird den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn
    und allen Lastern sich verschließen; der Mann der Sünde aber wird
    auch in seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im
    Wachen vor sich hatte.“
    Scholz (p. 36): „Im Traume ist Wahrheit, trotz aller Mas-
    kierung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes
    Selbst wieder . . . . . Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein
    entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so
    entsetzt er sich darüber als über etwas seiner Natur Fremdes. Der
    römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hinrichten ließ, weil
    diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen
    lassen, hatte darum so unrecht nicht, wenn er dies damit rechtfertigte,
    daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen haben
    müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum haben kann,
    sagen wir deshalb auch bezeichnender Weise: „Es fällt mir auch im
    Traume nicht ein.“
    Im Gegensatz hiezu meint Plato, diejenigen seien die besten,
    denen das, was andere wachend tun, nur im Traum einfalle.
    Pfaff sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich-
    wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich will dir
    sagen, wie es um dein Inneres steht.“
    Die kleine Schrift von Hildebrandt, der ich bereits so zahl-
    reiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedanken-
     


    *)Grundzüge des Systems der Anthropologie. Erlangen 1850. (Nach
    Spitta.)

  • S.

    51

    Unsittliche Träume.

    reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der
    Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im
    Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch für Hildebrandt
    steht es als Regel fest: Je reiner das Leben, desto reiner der Traum;
    je unreiner jenes, desto unreiner dieser.

    Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be-
    stehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler,
    keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so
    scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur ver-
    dächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und
    Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie
    verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in
    den Schlummerstunden weichen mag, – Kants kategorischer Impe-
    rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen geheftet,
    daß wir ihn auch schlafend nicht los werden. . . . Erklären aber
    läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das Fundamentale der
    Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um an der
    Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung teilzunehmen, wel-
    cher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakultäten gleichen
    Ranges im Traume unterliegen“ (p. 45 u. ff.).

    In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk-
    würdige Verschiebungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen
    von Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle die-
    jenigen, welche meinen, im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit
    des Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit die-
    ser Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer für
    seine Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit seiner
    Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schließen, mit der-
    selben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwertigen Versuch,
    aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit seiner intellek-
    tuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für die sich
    „der kategorische Imperativ“ auch in den Traum erstreckt, hätten
    die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung
    anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume
    von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen
    Wertschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten.

    Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht
    sicher weiß, inwieweit er gut oder böse ist und daß niemand die Er-
    innerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn
    über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traummoralität hinweg
    zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Her-
    kunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich
    ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Funktionen
    des psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchti-
    gungen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Tat-
    sächlichkeit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Un-

  • S.

    52

    I. Literatur der Traumprobleme.

    verantwortlichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer be-
    sonderen psychischen Quelle für die Unmoralität der Träume zu-
    sammentreffen.

    Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen,
    hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume
    zu übernehmen. Haffner sagt (p. 24): „Wir sind für Träume nicht
    verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt
    ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat.
    Es kann eben darum kein Traumwollen und Traumhandeln Tugend
    oder Sünde sein.“ Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum
    verantwortlich, sofern er ihn indirekt verursacht. Es erwächst für
    ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafen-
    gehen seine Seele sittlich zu reinigen.

    Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung
    und von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen In-
    halt der Träume bei Hildebrandt. Nachdem er ausgeführt, daß die
    dramatische Darstellungsweise des Traumes, die Zusammendrängung
    der kompliziertesten Überlegungsvorgänge in das kleinste Zeiträum-
    chen und die auch von ihm zugestandene Entwertung und Ver-
    mengung der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen
    Anschein der Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß
    es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für
    Traumsünden un-schulden schlechthin zu leugnen.

    (p. 49): „Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich
    eine solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht,
    recht entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die
    Redensart: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen
    wir allerdings einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste
    und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen
    hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur
    so lose und locker zusammenhängen, daß sie kaum noch als die
    unsrigen betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf
    diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich
    zu leugnen uns veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit
    zugleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde,
    wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden
    hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit.“

    (p. 52): „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren
    erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher
    durch die Seele des Wachenden gezogen wäre.“ Von dieser ersten
    Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht, – er bildete
    es nur nach und spann’s nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein
    historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer
    Form; er setzte das Wort des Apostels in Szene: Wer seinen Bruder
    haßt, der ist ein Totschläger. Und während man das ganze breit
    ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen,

  • S.

    53

    seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will jener ursprüng-
    liche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewinnen las-
    sen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Traumenden verantwort-
    lich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen gewissen Prozent-
    satz. „Kurz verstehen wir in diesem schwer anzufechten-
    den Sinne
    das Wort Christi: Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, – dann
    können wir auch kaum der Überzeugung uns erwehren, daß jede im
    Traume begangene Sünde ein dunkles Minimum wenigstens von
    Schuld mit sich führe.“

    In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Ver-
    suchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also
    Hildebrandt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er
    steht nicht an, diese unmoralischen Elemente bei der sittlichen Wert-
    schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Ge-
    danken und die nämliche Schätzung derselben, welche, wie wir wissen,
    die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien arge
    Sünder*).

    An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastieren-
    den
    Vorstellungen – bei den meisten Menschen und auch auf anderem
    als ethischem Gebiete – besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung
    derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta
    findet sich folgende hieher gehörige Äußerung von A. Zeller (Artikel
    „Irre“ in der allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften von Ersch
    und Gruber) zitiert (p. 144): „So glücklich ist selten ein Geist
    organisiert, daß er zu allen Zeiten volle Macht besäße und nicht immer
    wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte
    und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Ge-
    danken unterbrächen, ja die größten Denker haben sich über dieses
    traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu
    beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste
    und ernsthafteste Gedankenarbeit stört.“

    Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser
    Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt,
    daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres
    Wesens blicken lasse, die uns im Zustand des Wachens meist ver-
    schlossen bleiben (p. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an einer
    Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu
    da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen-
    baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können,
    wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock (p. 84)

    *)Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, wie sich die heilige Inquisi-
    tion
    zu unserem Problem gestellt. Im Tractatus de Officio sanctissimae Inquisitionis
    des Thomas Careña, Lyoner Ausgabe, 1659, ist folgende Stelle: „Spricht
    jemand im Traum Ketzereien aus, so sollen die Inquisitoren daraus Anlaß neh-
    men,
    seine Lebensführung zu untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzu-
    kommen,
    was unter Tags jemand beschäftigt hat.“ (Dr. Ehniger, S. Urban, Schweiz.)

  • S.

    54

    mit den Worten, daß der Traum uns oft nur offenbart, was wir uns
    nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht einen
    Lügner und Betrüger schelten. J. E. Erdmann äußert: „Mir hat
    nie ein Traum offenbart, was von einem Menschen zu halten sei, allein
    was ich von ihm halte und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt bin,
    das habe ich bereits einige Male aus einem Traume gelernt zu meiner
    eigenen großen Überraschung.“ Und ähnlich meint J. H. Fichte:
    „Der Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel
    unserer Gesammtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeob-
    achtung des Wachens erfahren.“ Wir werden aufmerksam gemacht,
    daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen Bewußtsein fremden
    Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des
    Traumes über anderes Vorstellungsmaterial, welches dem Wachen
    fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen
    wie die von Benini: „Certe nostre inclinazioni che si credevano
    soffocate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e
    sepolte rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono
    dinanzi“ (p. 149) und von Volkelt: „Auch Vorstellungen, die in
    das wache Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm
    vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen
    sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kundzutun“
    (p. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, daß nach
    Schleiermacher schon das Einschlafen vom Hervortreten unge-
    wollter Vorstellungen (Bilder) begleitet war.

    Als „ungewollte Vorstellungen“ dürfen wir nun dies ganze
    Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un-
    moralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt.
    Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vor-
    stellungen auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen
    Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremd-
    artig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns er-
    möglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis auf-
    zuheben.

    Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor-
    stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der
    wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt-
    lichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier
    ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene
    Gruppierung der Autoren zu verzeichnen. Den Gedankengang von
    Hildebrandt und anderen Vertretern seiner Grundansicht kann man
    wohl nicht anderswohin fortsetzen, als daß den unmoralischen Re-
    gungen auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar
    gehemmt ist, bis zur Tat vorzudringen, und daß im Schlafe etwas weg-
    falle, was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert
    habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so
    das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und

  • S.

    55

    Das Unterdrückte.

    gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kennt-
    nis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her
    kann Hildebrandt dem Traume die Rolle eines Warners zuweisen,
    der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerksam
    macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher unbe-
    merkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und
    auch Spitta kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn
    er auf die Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B.
    der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan,
    was in seinen Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugend-
    haften Lebenswandel geführt und sich bemüht hat, die sündigen
    Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken, sie nicht reifen und
    zur Tat werden zu lassen. Nach dieser Auffassung könnten wir die
    „ungewollten“ Vorstellungen als die während des Tages „unter-
    drückten“ bezeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes
    psychisches Phänomen erblicken.

    Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Fol-
    gerung. Für Jessen stellen die ungewollten Vorstellungen im Traume
    wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den Charakter
    einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkeit und eines gewissermaßen
    mechanischen Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch
    innere Bewegungen dar“ (p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise
    weiter nichts für das Seelenleben des Träumers, als daß dieser von
    dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis ge-
    wonnen habe, gewiß nicht eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem
    anderen Autor, Maury, könnte man in Zweifel geraten, ob nicht auch
    er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische Tätig-
    keit nach ihren Komponenten zu zerlegen, anstatt sie planlos zu zer-
    stören. Er sagt von den Träumen, in denen man sich über die Schran-
    ken der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants qui parlent
    et qui nous font agir, sans que la conscience nous retienne, bien que
    parfois elle nous avertisse. J’ai mes défauts et mes penchants vicieux;
    à l’état de veille, je tâche de lutter contre eux, et il m’arrive assez
    souvent de n’y pas succomber. Mais dans mes songes j’y succombe
    toujours ou pour mieux dire j’agis par leur impulsion, sans crainte
    et sans remords. . . . Évidemment les visions qui se déroulent devant
    ma pensée et qui constituent le rêve, me sont suggérées par les
    incitations que je ressens et que ma volonté absente ne cherche pas
    à refouler“ (p. 113).

    Wenn man an die Fähigkeit des Traumes glaubte, eine wirklich
    vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Dispo-
    sition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung
    schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maurys (p. 115):
    „En rêve l’homme se révèle donc tout entier à soi-même dans sa
    nudité et sa misère natives. Dès qu’il suspend l’exercice de sa volonté,
    il devient le jouet de toutes les passions contre lesquelles, à l’état de

  • S.

    56

    veille la conscience, le sentiment d’honneur, la crainte nous défendent.“
    An anderer Stelle findet er das treffende Wort (p. 462): „Dans le
    rêve, c’est surtout l’homme instinctif que se révèle . . . L’homme
    revient pour ainsi dire à l’état de nature quand il rêve; mais moins
    les idées acquises ont pénétré dans son esprit, plus les penchants
    en désaccord avec elles conservent encore sur lui d’influence dans
    le rêve.“ Er führt dann als Beispiel an, daß seine Träume ihn nicht
    selten als Opfer gerade jenes Aberglaubens zeigen, den er in seinen
    Schriften am heftigsten bekämpft hat.

    Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psy-
    chologische Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da-
    durch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beobachteten
    Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatismus psychologique“
    sehen will, der nach ihm das Traumleben beherrscht. Diesen Auto-
    matismus faßt er als vollen Gegensatz zur psychischen Tätigkeit.
    Eine Stelle in den Studien über das Bewußtsein von Stricker
    lautet: „Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen;
    wenn man sich im Traume z. B. vor Räubern fürchtet, so sind die
    Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real. So wird man auf-
    merksam darauf gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume die
    Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Trauminhalt
    schenkt und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy-
    chischen Vorgängen im Traume real sein mag, das heißt einen An-
    spruch auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des Wachens
    beanspruchen darf?“

    g) Traumtheorien und Funktion des Traumes.
    Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der
    beobachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu
    erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem
    umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum-
    theorie heißen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich
    darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter des Traumes
    zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn an-
    knüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige
    Leistung des Traumes wird nicht notwendig aus der Theorie ableitbar
    sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäß ge-
    richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die
    mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes verbunden sind.

    Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen
    gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr
    oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Traum eine
    Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken,
    war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles am Traum
    Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem der „Traum ein Gegenstand
    der biologischen Forschung geworden ist, kennen wir eine größere An-
    zahl von Traumtheorien, aber darunter auch manche recht unvollständige.

  • S.

    57

    Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende
    lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu
    grunde gelegten Annahme über Maß und Art der psychischen Tätig-
    keit im Traume:
    1. Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des
    Wachens sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von Delboeuf.
    Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber unter die
    vom Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes gebracht,
    muß sie bei normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern als im
    Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stande sind,
    die Unterschiede des Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus
    den Bedingungen des Schlafzustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen
    ein möglicher Zugang zu einer Funktion des Traumes; man sieht
    nicht ein, wozu man träumt, warum der komplizierte Mechanismus
    des seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verhält-
    nisse versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos
    schlafen, oder wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben
    die einzig zweckmäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des
    Träumens.
    2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine
    Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der Zu-
    sammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material an-
    nehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere psycho-
    logische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach
    Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht
    nicht bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt, er
    dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig
    unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material
    heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien kon-
    struieren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen
    ihn zum Vorbilde des Schwachsinnes oder einer Amentia.
    Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch
    den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkeit zum Ausdruck komme, ist
    die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt
    überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für
    Traumerklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr-
    schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben,
    mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder
    Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch den
    Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum das
    Ergebnis eines partiellen Wachens ist (,,ein allmähliches, partielles
    und zugleich sehr anomalisches Wachen“ sagt Herbarts Psychologie
    über den Traum), so kann sie durch eine Reihe von Zuständen von
    immer weitergehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die ganze
    Reihe von der Minderleistung des Traumes die sich durch Absurdität
    verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken.

  • S.

    58

    I. Literatur der Traumprobleme.

    Wem die physiologische Darstellung-
    weise unentbehrlich geworden ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie
    des Traumes in der Schilderung von Binz ausgedrückt finden
    (p. 43):

    „Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen
    Morgenstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer
    werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe und
    immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden
    Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellen-
    haufen wach geworden hervor, während ringsumher noch alles in Er-
    starrung ruht. Es tritt nun die isolierte Arbeit der Einzel-
    gruppen vor unser unnebeltes Bewußtsein und zu ihr fehlt die
    Kontrolle anderer, der Assoziation vorstehender Gehirnteile. Darum
    fügen die geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Ein-
    drücken naheliegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und
    regellos aneinander. Immer größer wird die Zahl der freiwerdenden
    Gehirnzellen, immer geringer die Unvernunft des Traumes.“

    Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollstän-
    digen, partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflusse sicherlich
    bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am aus-
    führlichsten ist sie bei Maury dargestellt. Dort hat es oft den An-
    schein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafensein
    nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm allerdings
    eine anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Funktion
    aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur andeuten,
    daß, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, über
    den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre.

    Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des
    Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil
    über die Stellung und Bedeutung des Traumes konsequenterweise
    durch die Äußerung von Binz gegeben (p. 357): „Alle Tatsachen,
    wie wir sehen, drängen dahin, den Traum als einen körperlichen,
    in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vor-
    gang zu kennzeichnen.“

    Der Ausdruck „körperlich“ mit Beziehung auf den Traum, der
    seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach
    mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traum-
    ätiologie, die ja Binz besonders nahe lag, wenn er die experimentelle
    Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studierte. Es
    liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die
    Anregung zum Träumen womöglich ausschließlich von somatischer
    Seite ausgehen zu lassen. In extremster Form dargestellt, lautete
    es so: „Nachdem wir durch Entfernung der Reize uns in Schlaf ver-
    setzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein Anlaß bis
    zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu anlangen-
    den Reize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun

  • S.

    59

    Theorie des partiellen Schlafes der Seele.

    gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu halten; es kommen, ähn-
    lich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her
    Reize an den Schlafenden heran, von außen, von innen, von all den
    Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie gekümmert
    hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenem
    Zipfelchen wachgerüttelt und funktioniert dann ein Weilchen mit
    dem geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen. Der Traum ist die
    Reaktion auf die durch den Reiz verursachte Schlaf-
    störung, übrigens
    eine rein überflüssige Reaktion.

    Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans
    bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch
    noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines psychischen Vor-
    ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in
    seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von
    den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die
    über die Tasten des Instrumentes hinlaufen“, veranschaulicht vielleicht
    am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Vertretern
    der exakten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum wird in
    dieser Auffassung etwas ganz und gar Undeutbares; denn wie sollten
    die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik pro-
    duzieren können?

    Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig
    nicht an Einwänden gefehlt. Burdach meint 1830: „Wenn man
    sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich
    weder das Wachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes
    gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig sind, während
    andere ruhen. Aber solche Ungleichheit findet während des ganzen
    Lebens statt ...“ (p. 483).

    An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen
    „körperlichen“ Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auf-
    fassung des Traumes an, die erst 1866 von Robert ausgesprochen
    wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine
    Funktion, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiß. Robert nimmt
    zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen der Beobachtung, bei
    denen wir bereits in der Würdigung des Traum-
    materials verweilt
    haben (vgl. p. 14), nämlich daß man so häufig von den nebensächlich-
    sten Eindrücken des Tages träumt und daß man so selten die großen
    Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als aus-
    schließlich richtig: „Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht
    hat, zu Traum-
    erregern, immer nur solche, die einem unfertig im
    Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen“ (p. 10). – „Darum kann
    man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen des-
    selben eben die nicht zum genügenden Erkennen des Träu-
    menden gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen
    Tages sind.“ Die Bedingung, daß ein Eindruck in den Traum ge-
    lange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner Verarbeitung

  • S.

    60

    I. Literatur der Traumprobleme.

    gestört wurde oder daß er als allzu unbedeutend auf solche Ver-
    arbeitung keinen Anspruch hatte.

    Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher
    Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung
    zum Erkennen gelangt“. Träume sind Ausscheidungen von
    im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die
    Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit
    geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse un-
    fertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln
    würde, unter deren Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Ge-
    dächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre.“ Der Traum
    leistet dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils.
    Die Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32).

    Es wäre mißverständlich, an Robert die Frage zu richten,
    wie denn durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele
    herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen
    beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des
    Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken irgend-
    wie als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist
    kein besonderer psychischer Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir
    von jener Aussonderung erhalten. Übrigens ist eine Ausscheidung nicht
    das einzige, was nachts in der Seele vorgeht. Robert fügt selbst hinzu,
    daß überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden, und
    „was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedankenstoff nicht
    ausscheiden läßt, wird durch der Phantasie entlehnte Gedanken-
    fäden zu einem abgerundeten Ganzen verbunden und so dem
    Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemälde eingereiht“ (p. 23).

    In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die
    Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. Während dort
    überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren
    Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb
    zum Träumen nach der Theorie Roberts in der Seele selbst, in ihrer
    Überladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urteilt voll-
    kommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden
    traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen
    und einen Geist, in dem kein dem wachen Bewußtsein entnommener
    Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen
    könnten. Zugegeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen
    der Seele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Nerven-
    reize beeinflußt werden können (p. 48). So ist der Traum nach
    Robert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar
    kein psychischer Vorgang, hat keine Stelle unter den psychischen
    Vorgängen des Wachens, er ist ein allnächtlicher somatischer Vor-
    gang am Apparat der Seelentätigkeit und hat eine Funktion zu er-
    füllen, diesen Apparat vor Überspannung zu behüten oder wenn man
    das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten.

  • S.

    61

    Auf die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der Aus-
    wahl des Traummaterials deutlich werden, stützt ein anderer Autor,
    Yves Delage, seine eigene Theorie, und es ist lehrreich zu beob-
    achten, wie durch eine leise Wendung in der Auffassung derselben
    Dinge ein Endergebnis von ganz anderer Tragweite gewonnen wird.

    Delage hatte an sich selbst, nachdem er eine ihm teure Person
    durch den Tod verloren, die Erfahrung gemacht, daß man von dem
    nicht träumt, was einen tagsüber ausgiebig beschäftigt hat, oder
    erst dann, wenn es anderen Interessen tagsüber zu weichen beginnt.
    Seine Nachforschungen bei anderen Personen bestätigten ihm die
    Allgemeinheit dieses Sachverhaltes. Eine schöne Bemerkung dieser
    Art, wenn sie sich als allgemein richtig herausstellte, macht Delage
    über das Träumen junger Eheleute: „S’ils ont été fortement épris,
    presque jamais ils n’ont rêvé l’un de l’autre avant le mariage ou
    pendant la lune de miel; et s’ils ont rêvé d’amour c’est pour être
    infidèles avec quelque personne indifférente ou odieuse.“ Wovon
    träumt man nun aber? Delage erkennt das in unseren Träumen vor-
    kommende Material als bestehend aus Bruchstücken und Resten von
    Eindrücken der letzten Tage und früherer Zeiten. Alles was in
    unseren Träumen auftritt, was wir zuerst geneigt sein mögen, als
    Schöpfung des Traumlebens anzusehen, erweist sich bei genauerer
    Prüfung als unerkannte Reproduktion, als „souvenir inconscient“.
    Aber dieses Vorstellungsmaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter,
    es rührt von Eindrücken her, die unsere Sinne wahrscheinlich stärker
    betroffen haben als unseren Geist oder von denen die Aufmerksamkeit
    sehr bald nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger
    bewußt und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr
    Aussicht hat er, im nächsten Traume eine Rolle zu spielen.

    Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Ein-
    drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert
    hervorhebt, aber Delage wendet den Zusammenhang anders, indem
    er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleichgültig sind,
    traumfähig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächli-
    chen Eindrücke sind gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch
    sie sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts
    tendus“, die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr
    Anrecht auf eine Rolle im Traume als der schwache und fast unbeach-
    tete Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in seiner
    Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückgedrängt wor-
    den ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung aufge-
    speicherte psychische Energie wird nachts die Triebfeder des Traumes.
    Im Traume kommt das psychisch Unterdrückte zum Vorschein*).

    *)Ganz ähnlich äußert sich der Dichter Anatole France (Lys rouge):
    Ce que nous voyons la nuit, ce sont les restes malheureux de ce que nous avons
    négligé dans la veille. Le rêve est souvent la revanche des choses qu’on méprise
    ou le reproche des êtres abandonnés.

  • S.

    62

    I. Literatur der Traumprobleme.

    Leider bricht der Gedankengang von Delage an dieser Stelle
    ab; er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume
    nur die geringste Rolle einräumen und so schließt er sich mit seiner
    Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom
    partiellen Schlafen des Gehirns an: „En somme le rêve est le produit
    de la pensée errante, sans but et sans direction, se fixant successive-
    ment sur les souvenirs, qui ont gardé assez d’intensité pour se placer
    sur sa route et l’arrêter au passage, établissant entre eux un lien
    tantôt faible et indécis, tantôt plus fort et plus serré selon que
    l’activité actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommeil.“

    3. Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes
    vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung
    zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie im Wachen
    entweder gar nicht oder nur in unvollkommener Weise ausführen
    kann. Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist
    eine nützliche Funktion des Traumes. Die Wertschätzungen, welche
    der Traum bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören
    meist in diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren
    Statt die Äußerung von Burdach anzuführen, derzufolge der Traum
    „die Naturtätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die Macht
    der Individualität beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört,
    nicht durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem
    Spiele sich ergebende Lebendigkeit der sensiblen Zentralpunkte ist“
    (p. 486).

    Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen
    sich Burdach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die
    Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, also
    etwa nach Art eines Ferienurlaubes. Burdach zitiert und akzeptiert
    darum auch die liebenswürdigen Worte, in denen der Dichter Novalis
    das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine Schutzwehr
    gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine freie
    Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des Lebens
    durcheinander wirft und die beständige Ernsthaftigkeit des erwachse-
    nen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht; ohne die
    Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann man den Traum,
    wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch als eine
    köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf der Wallfahrt
    zum Grabe betrachten.“

    Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert
    noch eindringlicher Purkinje (p. 456): „Besonders würden die pro-
    duktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte Spiele
    der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammen-
    hang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen Lebens nicht
    fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt
    zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände. Sie heilt
    Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und heitere

  • S.

    63

    zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und Freundlichkeit, Furcht
    durch Mut und Zuversicht; den Zweifel beschwichtigt sie durch
    Überzeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch Er-
    füllung. Viele wunde Stellen des Gemütes, die der Tag immer-
    während offen erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt
    und vor neuer Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die
    schmerzenheilende Wirkung der Zeit.“ Wir empfinden es alle, daß
    der Schlaf eine Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle
    Ahnung des Volksbewußtseins läßt sich offenbar das Vorurteil nicht
    rauben, daß der Traum einer der Wege ist, auf denen der Schlaf
    seine Wohltaten spendet.

    Der originellste und weitgehendste Versuch, den Traum aus
    einer besonderen Tätigkeit der Seele, die sich erst im Schlafzustand
    frei entfalten kann, zu erklären, ist der von Scherner 1861 unter-
    nommene. Das Buch Scherners, in einem schwülen und schwül-
    stigen Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für
    den Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß, wenn sie nicht
    mit sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwierig-
    keiten entgegen, daß wir bereitwillig nach der klareren und kürzeren
    Darstellung greifen, in welcher der Philosoph Volkelt die Lehren
    Scherners uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus den
    mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht- und Glanzgewoge
    ein ahnungsvoller Schein von Sinn heraus, allein hell werden hie-
    durch des Philosophen Pfade nicht.“ Solche Beurteilung findet die
    Darstellung Scherners selbst bei seinen Anhängern.

    Scherner gehört nicht zu den Autoren, welche der Seele ge-
    statten, ihre Fähigkeiten unverringert ins Traumleben mitzunehmen.
    Er führt selbst aus, wie im Traume die Zentralität, die Spontanenergie
    des Ich entnervt wird, wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen,
    Fühlen, Wollen und Vorstellen verändert werden und wie den Über-
    bleibseln dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur
    noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt
    sich im Traume die als Phantasie zu benennende Tätigkeit der
    Seele frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen
    Maße ledig, zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar
    die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des Wachens, aber führt
    aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des Wachens himmel-
    weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv,
    sondern auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem
    Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe
    für das Ungemessene, Übertriebene, Ungeheuerliche. Zu
    gleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen
    Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wen-
    dungslust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten Stimmungs-
    reize des Gemütes, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort das
    innere Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der

  • S.

    64

    I. Literatur der Traumprobleme.

    Traumphantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen will,
    muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwä-
    chend einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der An-
    schauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist,
    weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die
    Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein
    Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein
    fremdes Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des
    Objektes, an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken
    im stande ist. Das ist die symbolisierende Tätigkeit der Phan-
    tasie... Sehr wichtig ist ferner, daß die Traumphantasie die Gegen-
    stände nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem Umriß und diesen in
    freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie
    genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der
    bloßen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich
    genötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln
    und so eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B.
    malt Goldstücke auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich,
    trägt sie davon.

    Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische
    Tätigkeit vollzieht, ist nach Scherner vorwiegend das der bei
    Tag so dunklen organischen Leibreize (vgl. p. 25), so daß in der
    Annahme der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische
    Theorie Scherners und die vielleicht übernüchterne Lehre Wundts
    und anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander
    verhalten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physio-
    logischen Theorie die seelische Reaktion auf die inneren Leibreize
    mit der Erweckung von irgend zu ihnen passenden Vorstellungen
    erschöpft ist, die dann einige andere Vorstellungen auf dem Wege
    der Assoziation sich zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die
    Verfolgung der psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint,
    geben die Leibreize nach Scherner der Seele nur ein Material, das
    sie ihren phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die
    Traumbildung fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den
    Blick der anderen versiegt.

    Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die
    Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein necken-
    des Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im
    betreffenden Traume stammen, in irgend einer plastischen Symbolik
    vor. Ja Scherner meint, worin Volkelt und andere ihm nicht
    folgen, daß die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung
    für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint
    sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff zu
    binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern be-
    nutzen, um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange
    Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne

  • S.

    65

    Teile des Hauses wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B. im
    Kopfschmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer
    mit ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf.
    Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere
    Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Kör-
    perteile verwendet. „So findet die atmende Lunge in dem flammen-
    erfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz
    in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden beutelförmigen
    oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der männliche Ge-
    schlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen Teil einer Klarinette,
    daneben den gleichen Teil einer Tabakspfeife, daneben wieder einen
    Pelz auf der Straße finden. Klarinette und Tabakspfeife stellen die
    annähernde Form des männlichen Gliedes, der Pelz das Schamhaar
    dar. Im weiblichen Geschlechtstraume kann sich die Schrittenge der
    zusammenſchließenden Schenkel durch einen schmalen, von Häusern
    umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen mitten durch
    den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad
    symbolisieren, den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen
    Brief zu einem Herrn zu tragen“ (Volkelt p. 39). Besonders wichtig
    ist es, daß am Schlusse eines solchen Leibreiztraumes die Traum-
    phantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ
    oder dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der „Zahn-
    reiztraum“ gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus
    dem Munde nimmt.

    Die Traumphantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß
    der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl
    die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung neh-
    men. So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kotige Straßen,
    der Harnreiztraum an schäumendes Wasser. Oder der Reiz als sol-
    cher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er begehrt, werden
    symbolisch dargestellt oder das Traum-Ich tritt in konkrete Ver-
    bindung mit den Symbolisierungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn
    wir bei Schmerzreizen uns mit beißenden Hunden oder tobenden
    Stieren verzweifelt balgen oder die Träumerin sich im Geschlechts-
    traume von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem mög-
    lichen Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symboli-
    sierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes
    bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen,
    der so erkannten psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System
    philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt in
    seinem schön und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer
    verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für
    das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbe-
    reitet ist.

    Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli-
    sierenden Phantasie Scherners in den Träumen nicht verbunden.
    Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.

  • S.

    66

    I. Literatur der Traumprobleme.

    Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man
    könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spielt. Man
    könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende
    Beschäftigung mit Scherners Theorie des Traumes zu irgend etwas
    Nützlichem führen kann, deren Willkürlichkeit und Losgebunden
    heit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig scheint.
    Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der Lehre Scher-
    ners vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto einzulegen.
    Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von seinen
    Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksamkeit schenkte, und der
    persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunklen seelischen Dingen
    nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der den
    Menschen durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber zugleich inhalts-
    und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung die
    gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes
    beigetragen hat, als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Emp-
    findung dem Objekt Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen ver-
    suchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den Anschein
    hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der
    Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellen-Phan-
    tastik; die p. 58 zitierte Stelle eines nüchternen und exakten For-
    schers wie Binz, welche schildert, wie die Aurora des Erwachens
    über die eingeschlafenen Zellhaufen der Hirnrinde hinzieht, steht
    an Phantastik und an – Unwahrscheinlichkeit hinter den Scherner-
    schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe, zeigen zu können,
    daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur ver- schwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der All-
    gemeinheit besitzt, auf den eine Theorie des Traumes Anspruch er-
    heben kann. Vorläufig kann uns die Schernersche Theorie des
    Traumes in ihrem Gegensatz zur medizinischen etwa vor Augen
    führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens
    heute noch unsicher schwankt.

    h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrank-
    heiten.

    Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen
    spricht, kann dreierlei meinen: 1. ätiologische und klinische Be-
    ziehungen, etwa wenn ein Traum einen psychotischen Zustand ver-
    tritt, einleitet oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das
    Traumleben im Falle der Geisteskrankheiten erleidet. 3. Innere Be-
    ziehungen zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf Wesens-
    verwandtschaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen
    den beiden Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der
    Medizin – und in der Gegenwart von neuem wieder – ein Lieb-
    lingsthema ärztlicher Autoren gewesen, wie die bei Spitta, Rade-
    stock, Maury und Tissié gesammelte Literatur des Gegenstandes
    lehrt. Jüngst hat Sante de Sanctis diesem Zusammenhange seine

  • S.

    67

    Aufmerksamkeit zugewendet*). Dem Interesse unserer Darstellung
    wird es genügen, den bedeutsamen Gegenstand bloß zu streifen.

    Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen
    Traum und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradig-
    mata mitteilen. Hohnbaum berichtet (bei Krauss), daß der erste
    Ausbruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreck-
    haften Traume herschrieb und daß die vorherrschende Idee mit
    diesem Traume in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt
    ähnliche Beobachtungen von Paranoischen und erklärt den Traum in
    einzelnen derselben für die „vraie cause déterminante de la folie“.
    Die Psychose kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Erklärung
    enthaltenden Traum mit einem Schlage ins Leben treten oder sich
    durch weitere Träume, die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben,
    langsam entwickeln. In einem Falle von de Sanctis schlossen sich
    an den ergreifenden Traum leichte hysterische Anfälle, dann in
    weiterer Folge ein ängstlich-melancholischer Zustand. Féré (bei
    Tissiè) berichtet von einem Traume, der eine hysterische Lähmung
    zur Folge hatte. Hier wird uns der Traum als Ätiologie der Geistes-
    störung vorgeführt, obwohl wir dem Tatbestand ebenso Rechnung
    tragen, wenn wir aussagen, die geistige Störung habe ihre erste
    Äußerung am Traumleben gezeigt, sei im Traume zuerst durchge-
    brochen. In anderen Beispielen enthält das Traumleben die krank-
    haften Symptome oder die Psychose bleibt aufs Traumleben einge-
    schränkt. So macht Thomayer auf Angstträume aufmerksam,
    die als Äquivalente von epileptischen Anfällen aufgefaßt werden
    müssen. Allison hat nächtliche Geisteskrankheit (nocturnal insanity)
    beschrieben (nach Radestock), bei der die Individuen tagsüber an-
    scheinend vollkommen gesund sind, während bei Nacht regelmäßig
    Halluzinationen, Tobsuchtsanfälle u. dgl. auftreten. Ähnliche Beob-
    achtungen bei de Sanctis (paranoisches Traumäquivalent bei einem
    Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau der Untreue beschuldigen);
    bei Tissiè. Tissiè bringt aus neuerer Zeit eine reiche Anzahl von
    Beobachtungen, in denen Handlungen pathologischen Charakters (aus
    Wahnvoraussetzungen, Zwangimpulse) sich aus Träumen ableiten.
    Guislain beschreibt einen Fall, in dem der Schlaf durch ein inter-
    mittierendes Irresein ersetzt war.

    Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der Psycho-
    logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte be-
    schäftigen wird.

    Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach
    Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traum-
    leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses


    *)Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind: Féré, Ideler,
    Lasègne, Pichon, Régis, Vespa; Giessler, Kazodowsky, Pachan-
    toni u. a.

  • S.

    68

    Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss). Ma
    cario (bei Tissié) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach
    seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die
    leidenschaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte.
    Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd
    Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen
    angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen
    Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Überein-
    stimmung der Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung ge-
    funden. Nach Maury hat zuerst Cabanis in seinen „Rapports du
    physique et du moral“ auf sie hingewiesen, nach ihm Lélut, J. Mo-
    reau und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicherlich
    ist die Vergleichung noch älter. Radestock leitet das Kapitel, in
    dem er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein,
    welche Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an
    einer Stelle: „Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen.“ Krauss: „
    Der Wahnsinn ist ein Traum innerhalb des Sinnenwachseins.“
    Schopenhauer nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den
    Wahnsinn einen langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als
    Traumleben, welches nicht durch Schlaf, sondern durch Krankheiten
    herbeigeführt ist. Wundt äußert in der „Physiologischen Psycho-
    logie“: „In der Tat können wir im Traume fast alle Erscheinungen,
    die uns in den Irrenhäusern begegnen, selber durchleben.“

    Die einzelnen Übereinstimmungen auf Grund deren eine solche
    Gleichstellung nach dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta (übrigens
    sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung
    oder doch Retardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkennt-
    nis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens,
    Mangel des moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der
    Sinnesorgane, und zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im
    allgemeinen sehr gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen unter
    einander lediglich nach den Gesetzen der Assoziation und Reproduk-
    tion, also automatische Reihenbildung, daher Unproportionalität der
    Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Übertreibungen, Phantas-
    men) und aus alle dem resultierend 4. Veränderung beziehungsweise
    Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten
    des Charakters (Perversitäten).“

    Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma-
    terial: „Im Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein-
    gefühles findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen.
    Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traume der Geruchs- und
    Geschmackssinn. – Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie
    dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was
    der Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen er-
    innert sich der Schlafende und Kranke.“ – Die Analogie von Traum
    und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sich

  • S.

    69

    wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf ein-
    zelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt.

    „Dem von körperlichen und geistigen Leiden gewährt
    der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so
    heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück,
    Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von
    Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Ver-
    weigerung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund des
    Irreseins abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus.
    Die Frau, die ein teures Kind verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer
    Vermögensverluste erlitten, hält sich für außerordentlich reich, das
    betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt.“

    (Diese Stelle Radestocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen
    Ausführung von Griesinger [p. 111], die mit aller Klarheit die
    Wunscherfüllung als einen dem Traume und der Psychose ge-
    meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter-
    suchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer
    psychologischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu fin-
    den ist.)

    „Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteiles
    sind es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charak-
    terisieren.“ Die Überschätzung der eigenen geistigen Leistungen,
    die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier
    wie dort; dem rapiden Vorstellungsverlauf des Traumes ent-
    spricht die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Zeit-
    maß. Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B.
    das eigene Wissen auf zwei Personen verteilt, von denen die fremde
    das eigene Ich im Traume korrigiert, ist völlig gleichwertig der be-
    kannten Persönlichkeitsteilung bei halluzinatorischer Paranoia; auch
    der Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen vor-
    gebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen findet sich eine
    Analogie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen
    (rêve obsédant). – Nach der Genesung von einem Delirium sagen
    die Kranken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit
    wie ein oft nicht unbehaglicher Traum erscheint, ja sie teilen uns
    mit, daß sie gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben,
    sie seien nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaf-
    traume vorkommt.

    Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock
    seine wie vieler anderer Meinung in den Worten zusammenfaßt, daß
    „der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine
    Steigerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes
    zu betrachten ist“ (p. 228).

    Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich
    äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauss die Verwandtschaft
    von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Er-
    ¿

  • S.

    70

    I. Literatur der Traumprobleme.

    regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche
    Grundelement ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch
    bedingte Empfindung, die Leibreizsens-
    von allen Organen her zu stande gekommene Gemeingefühl (vgl.
    Peisse bei Maury [p. 52]).

    Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten
    reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu
    den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens,
    nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vor-
    gang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt.
    Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung
    über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es
    allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere
    Einsicht in den Hergang der letzteren sich befindet. Wohl aber ist
    es wahrscheinlich, daß eine vertiefte Auffassung des Traumes unsere
    Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen mit-
    beeinflussen muß, und so dürfen wir sagen, daß wir auch an der Auf-
    klärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Ge-
    heimnis des Traumes aufzuhellen.


    Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der
    Traumprobleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Er-
    scheinen bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe.
    Dieselbe mag dem Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin
    nichtsdestoweniger durch sie bestimmt worden. Die Motive, die mich
    überhaupt zu einer Darstellung der Behandlung des Traumes in der
    Literatur veranlaßt hatten, waren mit der vorstehenden Einleitung
    erschöpft, eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte mich außerordentliche
    Bemühung gekostet und – sehr wenig Nutzen oder Belehrung ge-
    bracht. Denn der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren hat
    weder an tatsächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die
    Auffassung des Traumes Neues oder Wertvolles gebracht. Meine
    Arbeit ist in den meisten seither veröffentlichten Publikationen un-
    erwähnt und unberücksichtigt geblieben; am wenigsten Beachtung
    hat sie natürlich bei den sogenannten „Traumforschern“ gefunden,
    die von der dem wissenschaftlichen Menschen eigenen Abneigung,
    etwas Neues zu erlernen, hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben
    haben. „Les savants ne sont pas curieux“, meint der Spötter Anatole
    France. Wenn es in der Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt,
    so wäre ich wohl berechtigt, auch meinerseits die Literatur seit dem
    Erscheinen dieses Buches zu vernachlässigen. Die wenigen Bericht-
    erstattungen, die sich in wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben,
    sind so voll von Unverstand und Mißverständnissen, daß ich den
    Kritikern mit nichts anderem als mit der Aufforderung, dieses Buch

  • S.

    71

    noch einmal zu lesen, antworten könnte. Vielleicht dürfte die Auf-
    forderung auch lauten: es überhaupt zu lesen.
    In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des
    psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer
    sind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen
    gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner
    Aufstellungen hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zu-
    sammenhang meiner Darstellung eingetragen. Ein zweites Literatur-
    verzeichnis am Ende stellt die wichtigsten Veröffentlichungen seit
    dem ersten Erscheinen dieses Buches zusammen. Das reichhaltige Buch
    von Sante de Sanctis über die Träume, dem bald nach seinem
    Erscheinen eine Übersetzung ins Deutsche zu teil geworden ist, hat
    sich mit meiner „Traumdeutung“ zeitlich gekreuzt, so daß ich von
    ihm ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der italienische Autor
    von mir. Ich müßte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit
    überaus arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die
    Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte.
    Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an
    meine Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philo-
    soph, H. Swoboda, der es unternommen hat, die Entdeckung der
    biologischen Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tagen), die von
    Wilh. Fliess herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen,
    hat in einer phantasievollen Schrift*) mit diesem Schlüssel unter
    anderm auch das Rätsel der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der
    Träume wäre dabei zu kurz gekommen; das Inhaltsmaterial derselben
    würde sich durch das Zusammentreffen all jener Erinnerungen er-
    klären, die in jener Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum
    ersten- oder n-tenmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des
    Autors ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht
    mehr ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem
    Schluß geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige Beobachtungen
    zu der Aufstellung Swobodas mitteilen, die mir aber ein über-
    zeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher
    war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes
    zu finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die
    Zeitverhältnisse schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung
    durch die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich muß
    also in ihr die einzige in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung
    eines unabhängigen Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre
    begrüßen. Das Buch, in dem sich die von mir ins Auge gefaßte
    Stelle über das Träumen findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter
    dem Titel „Phantasien eines Realisten“ von Lynkeus veröffentlicht
    worden**).


    *)H. Swoboda, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904.

    **)Siehe später p. 229, Anmerkung.

  • S.

    72

    Zusatz (1914).

    Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 niederge-
    schrieben worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings geändert;
    mein Beitrag zur „Traumdeutung“ wird in der Literatur nicht mehr
    übersehen. Allein die neue Situation macht mir die Fortsetzung
    des vorstehenden Berichtes erst recht unmöglich. Die „Traum-
    deutung“ hat eine ganze Reihe neuer Behauptungen und Probleme
    gebracht, die nun von den Autoren in verschiedenster Weise er-
    örtert worden sind. Ich kann diese Arbeiten doch nicht darstellen,
    ohne ich meine eigenen Ansichten entwickelt habe, auf welche die
    Autoren sich beziehen. Was mir an dieser neuesten Literatur wert-
    voll erschien, habe ich darum im Zusammenhange meiner nun fol-
    genden Ausführungen gewürdigt.