S.
[1]
(Psycholog)
Über die Genese eines Falles von
weiblicher Homosexualität
von
Sigm. FreudDie weibliche Homosexualität, gewiß nicht weniger
häufig als die männliche, aber doch weit weniger
lärmend als diese, ist nicht nur vom Strafgesetz
übergangen sondern auch von der psychoanalyt--
ischen Forschung vernachlässigt worden. Die Mit--
teilung eines einzelnen nicht allzu grellen
Falles, in dem es möglich wurde, deren psychische
Entstehungsgeschichte lückenlos und mit voller
Sicherheit zu erkennen, mag daher einen gewissen
Anspruch auf Beachtung erheben. Wenn die
Darstellung nur die allgemeinsten Umrisse
der Geschehnisse und die aus dem Fall ge--
wonnenen Ergebnisse bringt und alle charak--
teristischen Einzelheiten unterschlägt, auf
denen die Deutung ruht, so ist diese Ein--
schränkung durch die von einem frischen
Fall geforderte ärztliche Diskretion leicht
erklärlich.
Ein 18 jähriges schönes und kluges Mädchen aus
sozial hochstehender Familie hat das Mißfallen
und die Sorge seiner Eltern durch die Zärtlich--
keit erweckt, mit der sie eine etwa zehn Jahre
ältere Dame „aus der Gesellschaft“ verfolgt. Die
Eltern behaupten, daß diese Dame trotz ihres
vornehmen Namens nichts anderes sei als eine
Kokotte. Es sei von ihr bekannt, daß sie bei einer
verheirateten Freundin lebt, mit der sie intime
Beziehungen unterhält, während sie gleichzeitig
in lockeren Liebesverhältnissen zu einer
Anzahl von Männern steht. Das Mädchen
bestreitet diese üble Nachrede nicht, läßt sich
aber durch sie in der Verehrung der Dame
nicht beirren, obwohl es ihr an Sinn für das
Schickliche und Reinliche keineswegs gebricht.
Kein Verbot und keine Überwachung hält sie
ab, jede der spärlichen Gelegenheiten zum
Beisammensein mit der Geliebten auszunützen,
alle ihre Lebensgewohnheiten auszukund--
schaften, stundenlang vor ihrem Haustor
oder an Trambahnhaltestellen auf sie zu
warten, ihr Blumen zu schicken u. dgl.
Es ist offenkundig, daß dies eine Interesse
bei dem Mädchen alle anderen verschlungen
hat. Sie kümmert sich nicht um ihre weitere
S.
2
Ausbildung, legt keinen Wert auf gesellschaftlichen
Verkehr und mädchenhafte Vergnügungen und
hält nur den Umgang mit einigen Freundinnen
aufrecht, die ihr als Vertraute oder als Helfer--
innen dienen können. Wie weit es zwischen
ihrer Tochter und jener zweifelhaften Dame
gekommen ist, ob die Grenzen einer zärtlichen
Schwärmerei bereits überschritten worden
sind, wissen die Eltern nicht. Ein Interesse
für junge Männer und Wohlgefallen an
deren Huldigungen haben sie an dem
Mädchen nie bemerkt; dagegen sind
sie sich klar darüber, daß diese gegen--
wärtige Neigung für eine Frau nur in
erhöhtem Maß fortsetzt, was sich in den letzten
Jahren für andere weibliche Personen
angezeigt und den Argwohn sowie die
Strenge des Vaters wachgerufen hatte.
Zwei Stücke ihres Benehmens, scheinbar einan--
der gegensätzlich, wurden dem Mädchen von
den Eltern am stärksten verübelt. Daß sie
keine Bedenken trug, sich öffentlich in belebten
Straßen mit der anrüchigen Geliebten
zu zeigen und also die Rücksicht auf ihren
eigenen Ruf vernachlässigte, und daß sie
kein Mittel der Täuschung, keine Ausrede
und keine Lüge verschmähte, um die Zusammen--
künfte mit ihr zu ermöglichen und zu decken.
Also zuviel Offenheit in dem einen, vollste
Verstellung im anderen Falle. Eines Tages
traf es sich, was ja unter diesen Umständen
einmal geschehen mußte, daß der Vater
seine Tochter in Begleitung jener ihm bekannt
gewordenen Dame auf der Straße begeg--
nete. Er ging mit einem zornigen Blick,
der nichts Gutes ankündigte, an den beiden
vorüber. Unmittelbar darauf riß sich das
Mädchen los und stürzte sich über die Mauer
in den dort nahen Einschnitt der Stadtbahn.
Sie büßte diesen unzweifelhaft ernst gemeinten
Selbstmordversuch mit einem langen Kranken--
lager, aber zum Glück mit nur geringer
dauernder Schädigung. Nach ihrer Herstellung
fand sie die Situation für ihre Wünsche
günstiger als zuvor. Die Eltern wagten
es nicht mehr, ihr ebenso entschieden
entgegen zu treten, und die Dame, die
sich bis dahin gegen ihre Werbung spröde
ablehnend verhalten hatte, war durch
einen so unzweideutigen Beweis ernster
Leidenschaft gerührt und begann sie freund--
licher zu behandeln.
S.
3
Etwa ein halbes Jahr nach diesem Unfall wendeten
sich die Eltern an den Arzt und stellten ihm
die Aufgabe, ihre Tochter zur Norm zurückzu--
bringen. Der Selbstmordversuch des Mädchens hatte
ihnen wohl gezeigt, daß die Machtmittel der
häuslichen Disziplin nicht im Stande waren,
die vorliegende Störung zu bewältigen.
Es ist aber gut, hier die Stellung des Vaters und
die der Mutter gesondert zu behandeln. Der
Vater war ein ernsthafter, respektabler Mann,
im Grunde sehr zärtlich, durch seine angenommene
Strenge den Kindern etwas entfremdet.
Sein Benehmen gegen die einzige Tochter wurde
allzusehr durch Rücksichten auf seine Frau, ihre
Mutter, bestimmt. Als er zuerst von den homosexuellen
Neigungen der Tochter Kenntnis bekam, wallte
er zornig auf und wollte sie durch Drohungen
unterdrücken; er mag damals zwischen verschiedenen,
gleich peinlichen Auffassungen geschwankt haben,
ob er ein lasterhaftes, ein entartetes oder geisteskrankes
Wesen in ihr sehen sollte. Auch nach dem Unfall
brachte er es nicht zur Höhe jener überlegenen
Resignation, welcher einer unserer ärztlichen
Kollegen bei einer irgendwie ähnlichen Ent--
gleisung in seiner Familie durch die Rede
Ausdruck gab: Es ist eben ein Malheur
wie ein anderes. Die Homosexualität seiner
Tochter hatte etwas, was seine vollste Erbitter--
ung weckte. Er war entschlossen, sie mit allen
Mitteln zu bekämpfen; die in Wien so
allgemein verbreitete Geringschätzung der
Psychoanalyse hielt ihn nicht ab, sich an sie
um Hilfe zu wenden. Wenn dieser Weg
versagte, hatte er noch immer das stärkste
Gegenmittel im Rückhalt; eine rasche
Verheiratung sollte die natürlichen In--
stinkte des Mädchens wachrufen und
dessen unnatürliche Neigungen ersticken.
Die Einstellung der Mutter des Mädchens
war nicht so leicht zu durchschauen. Sie war
eine noch jugendliche Frau, die dem Anspruch
selbst durch Schönheit zu gefallen, offenbar nicht
entsagen wollte. Es war nur klar, daß sie
die Schwärmerei ihrer Tochter nicht so tragisch
nahm und sich keineswegs so sehr darüber
entrüstete wie der Vater. Sie hatte sogar
durch längere Zeit das Vertrauen des Mädchens
in betreff ihrer Verliebtheit in jene Dame
genossen; ihre Parteinahme dagegen schien
wesentlich durch die schädliche Offenheit be--
stimmt, mit der die Tochter ihre Gefühle
S.
4
vor aller Welt kundgab. Sie war selbst durch
mehrere Jahre neurotisch gewesen, erfreute
sich großer Schonung von Seiten ihres Mannes,
behandelte ihre Kinder recht ungleichmäßig, war
eigentlich hart gegen die Tochter und über--
zärtlich mit ihren drei Knaben, von denen
der jüngste ein Spätling war, gegenwärtig
noch nicht drei Jahre alt. Bestimmteres über
ihren Charakter zu erfahren, war nicht
leicht, denn in Folge von Motiven, die erst
später verstanden werden können, hielten
die Angaben der Patientin über ihre Mutter
stets eine Reserve ein, von der im Falle
des Vaters keine Rede war.
Der Arzt, der die analytische Behandlung des Mädchens überneh--
men sollte, hatte mehrere Gründe sich unbehaglich zu fühlen.
Er fand nicht die Situation vor, welche die Analyse
anfordert, und in der sie allein ihre Wirksam--
keit erproben kann. Diese Situationhat bekannt-lich zum Inhaltsieht in ihrer idealen Ausprägung bekanntlich so aus, daß jemand, der sonst sein eigener
Herr ist, an einem inneren Konflikt leidet,
den er allein nicht zu Ende bringen kann, daß er
dann zum Analytiker kommt, es ihm klagt und ihn
um seine Hilfeleistung bittet. Der Arzt arbeitet
dann Hand in Hand mit dem einen Anteil der
krankhaft entzweiten Persönlichkeit gegen
den anderen Partner des Konflikts. Andere
Situationen als diese sind für die Analyse
mehr oder minder ungünstig, fügen zu den
inneren Schwierigkeiten des Falles neue
hinzu. Situationen wie die des Bauherrn,
der beim Architekten eine Villa nach seinem
Geschmack und Bedürfnis bestellt, oder
des frommen Stifters, der sich vom Künstler
ein Heiligenbild malen läßt, in dessen
Ecke dann sein eigenes Portrait als Anbet--
ender Platz findet, sind mit den Bedingun--
gen der Psychoanalyse im Grunde nicht
vereinbar. Es kommt zwar alle Tage vor,
daß sich ein Ehemann an den Arzt mit der
Information wendet: Meine Frau ist nervös,
sie verträgt sich darum schlecht mit mir;
machen Sie sie gesund, so daß wir wieder
eine glückliche Ehe führen können. Aber
es stellt sich oft genug heraus, daß ein solcher
Auftrag unausführbar ist, d. h. daß der Arzt
nicht das Ergebnis herstellen kann, wegen
S.
5
dessen der Mann die Behandlung wünschte. Sowie
die Frau von ihren neurotischen Hemmungen
befreit ist setzt sie die Trennung der Ehe durch,
deren Erhaltung nur unter der Voraussetzung
der Neurose möglich war. Oder Eltern ver-
langen, daß man ihr Kindwiedergesund mache,
welches nervös und unfügsam ist. Sie verstehen
unter einem gesunden Kind ein solches, das
den Eltern keine Schwierigkeiten bereitet,
an dem sie ihre Freude haben können. Die
Herstellung des Kindes mag dem Arzt gelingen,
aber es geht nach der Genesung umso entschiedener-
seine eigenen Wege, und die Eltern sind
jetzt weit mehr unzufrieden als früher. Kurz,
es ist nicht gleichgiltig ob ein Mensch aus eigenem
Streben in die Analyse kommt, oder darum
weil andere ihn dahin bringen, ob er selbst
seine Veränderung wünscht oder nur seine
Angehörigen, die ihn lieben, oder von denen
man solche Liebe erwarten sollte.
Als weitere ungünstige Momente waren die Tat-
sachen zu bewerten, daß das Mädchen ja keine
Kranke war – sie litt nicht aus inneren Gründen,
beklagte sich nicht über ihren Zustand – und daß
die gestellte Aufgabe nicht darin bestand, einen
neurotischen Konflikt zu lösen, sonderndaßdie
eine Variante der genitalen Sexualorgan-
isation in die andere überzuführen. Diese
Leistung, die Beseitigung der genitalen
Inversion oder Homosexualität, ist meiner
Erfahrung niemals leicht erschienen. Ich habe
vielmehr gefunden, daß sie nur unter be-
sonders günstigen Umständen gelingt, und
auch dann bestand der Erfolg wesentlich
darin, daß man der homosexuell eingeengten
Person den bis dahin versperrten Weg zum
anderenPersonGeschlecht frei machen
konnte, also ihre volle bisexuelle Funktion
wiederherstellte. Es lag dann in ihrem Belieben,
ob sie den anderen, von der Gesellschaft
geächteten Weg veröden lassen wollte,
und in einzelnen Fällen hat sie es auch so
getan. Man muß sich sagen, daß auch die
normale Sexualität auf einer Einschränkung
der Objektwahl beruht, und im Allgemeinen
ist das Unternehmen, einen vollentwickel-
ten Homosexuellen in einen Heterosexuellen
zu verwandeln, nicht viel aussichtsreicher als
das umgekehrte, nur daß man dies letztere
aus guten praktischen Gründen niemals
versucht.
S.
6
Die Erfolge der psychoanalytischen Therapie in
der Behandlung der allerdings sehr vielgestalt--
igen Homosexualität sind der Zahl nach wirklich
nicht bedeutsam. In der Regel vermag der
Homosexuelle sein Lustobjekt nicht aufzugeben;
es gelingt nicht, ihn zu überzeugen, daß er
die Lust, auf die er hier verzichtet, im Falle
der Umwandlung am anderen Objekt
wiederfinden würde. Wenn er sich überhaupt
in Behandlung begibt, so haben ihn zumeist
äußere Motive dazu gedrängt, die sozialen
Nachteile und Gefahren seiner Objektwahl,
und solche Komponenten des Selbsterhaltungs--
triebes erweisen sich als zu schwach im
Kampfe gegen die Sexualstrebungen. Man
kann dann bald seinen geheimen Plan auf--
decken, sich durch den eklatanten Mißerfolg
dieses Versuches die Beruhigung zu schaffen,
daß er das Möglichste gegen seine Sonder--
artung getan habe und sich ihr nun mit
gutem Gewissenihrüberlassen könne. Wo
die Rücksicht auf geliebte Eltern und Ange--
hörige den Versuch zur Heilung motiviert
hat, da liegt der Fall etwas anders. Es
sind dann wirklich libidinöse Strebungen
vorhanden, die zur homosexuellen Objektwahl
gegensätzliche Energien entwickeln können,
aber deren Kraft reicht selten aus. Nur wo
die Fixierung an das gleichgeschlechtliche Ob--
jekt noch nicht stark genug ist, oder wo sich
erhebliche Ansätze und Reste der heterosexuellen
ObjektwahlOrganisationvorfinden, also bei noch schwan--
kender oder bei deutlich bisexueller Organ--
isation darf die Prognose der psychoanalyt--
ischen Therapie günstiger gestellt werden.
Aus diesen Gründen vermied ich es
durchaus, den Eltern die Erfüllung ihres Wunsches
in Aussicht zu stellen. Ich erklärte mich bloß
bereit dazu, das Mädchen durch einige Wochen
oder Monate sorgfältig zu studieren, um
mich danach über die Aussichten einer Beein--
flussung durch Fortsetzung der Analyse
äußern zu können. In einer ganzen Anzahl
von Fällen zerlegt sich ja die Analyse in
zwei deutlich gesonderte Phasen; in einer
ersten verschafft sich der Arzt die notwendigen
Kenntnisse vom Patienten, macht ihn mit
den Voraussetzungen und Postulaten der
Analyse bekannt und entwickelt vor ihm
die Konstruktion der Entstehung seines
S.
7
Leidens, zu welcher er sich auf Grund des von der
Analyse gelieferten Materials berechtigt glaubt.
In einer zweiten Phase bemächtigt sich der Patient
selbst des ihm vorgelegten Stoffes, arbeitet
an ihm, erinnert von dem bei ihm
angeblich Verdrängten, was er erinnern kann,
und trachtet, das Andere in einer Art von Neube--
lebung zu wiederholen. Dabei kann er die
Aufstellungen des Arztes bestätigen, ergänzen
und richtig stellen. Erst während dieser Arbeit
erfährt er durch die Überwindung von Wider--
ständen die innere Veränderung, die man
erzielen will, und gewinnt die Überzeugungen,
die ihn von der ärztlichen Autorität unab--
hängig machen. Nicht immer sind diese beiden
Phasen im Ablauf der analytischen Kur
scharf von einander geschieden; es kann dies
nur geschehen, wenn der Widerstand
bestimmte Bedingungen einhält. Aber wo es
der Fall ist, kann man den Vergleich mit
zwei entsprechenden Abschnitten einer Reise
heranziehen. Der erste umfaßt alle notwend--
igen, heute so komplizierten und schwer zu er--
füllenden Vorbereitungen, bis man endlich
die Fahrkarte gelöst, den Perron betreten
und seinen Platz im Wagen erobert hat.
Man hat jetzt das Recht und die Möglich--
keit, in das ferne Land zu reisen, aber
man ist nach all diesen Vorarbeiten noch
nicht dort, eigentlich dem Ziel um keinen
Kilometer näher gerückt. Es gehört noch
dazu, daß man die Reise selbst von einer
Station zur anderen zurücklege, und dieses
Stück der Reise ist mit der zweiten Phase gut
vergleichbar.
Die Analyse bei meiner nunmehrigen Patientin
verlief nach diesem Zweiphasen-Schema, wurde
aber nicht über den Beginn der zweiten Phase
hinaus fortgeführt. Eine besondere Konstellation
des Widerstandes ermöglichte es trotzdem,
die volle Bestätigung meiner Konstruktionen
und eine im Großen und Ganzenvollständige
zureichende Einsicht in den Entwicklungsgang ihrer Inversion
zu gewinnen. Ehe ich aber die Ergebnisse der Analyse
bei ihr darlege, muß ich einige Punkte erledigen,
die ich entweder schon selbst gestreift oder
die sich dem Leser als die ersten Gegenstände
seines Interesses aufgedrängt haben.
S.
8
Ich hatte die Prognose zum Teil davon abhängig gemacht,
wie weit das Mädchen in der Befriedigung seiner
Leidenschaft gekommen war. Die Auskunft, die ich
während der Analyse erhielt, schien in dieser
Hinsicht günstig. Bei keinem der Objekte ihrer
Schwärmerei hatte sie mehr als einzelne Küsse
und Umarmungen genossen, ihre Genital--
keuschheit, wenn man so sagen darf, war unver--
sehrt geblieben. Die Halbweltdame gar,
die die jüngsten und weitaus stärksten Gefühle
bei ihr erweckt hatte, war spröde gegen sie
geblieben, hatte ihr nie eine höhere Gunst
gegönnt als die, ihr die Hand küssen zu
dürfen. Das Mädchen machte wahrscheinlich
eine Tugend aus ihrer Not, wenn sie immer
wieder die Reinheit ihrer Liebe und ihre
physische Abneigung gegen einen Sexualverkehr be--
tonte. Vielleicht hatte sie aber nicht ganz un--
recht, wenn sie von ihrer hehren Geliebten
rühmte, daß sie, von vornehmer Herkunft,
und nur durch widrige Familienverhältnisse
in ihre gegenwärtige Position gedrängt,
sich auch hier noch ein ganzes Stück Würde
bewahrt habe. Denn diese Dame pflegte ihr
bei jedem Zusammentreffen zuzureden, ihre
Neigung von ihr und von den Frauen über--
haupt abzuwenden, und hatte sich bis zum
Selbstmordversuch immer nur streng abweisend
gegen sie benommen.
Ein zweiter Punkt, den ich alsbald aufzu--
klären versuchte, betraf die eigenen
Motive des Mädchens, auf welche die
analytische Behandlung sich etwa stützen
konnte. Sie versuchte mich nicht durch die
Behauptung zu täuschen, daß es ihr ein
dringendes Bedürfnis sei, von ihrer
Homosexualität befreit zu werden. Sie
könne sich im Gegenteil gar keine
andere Verliebtheit vorstellen, aber,
setzte sie hinzu, der Eltern wegen wolle
sie den therapeutischen Versuch ehrlich
unterstützen, denn sie empfinde es
sehr schwer, den Eltern solchen Kummer
zu bereiten. Auch diese Äußerung
mußte ich zunächst als günstig auffassen;
ich konnte nicht ahnen, welche unbewußte
Affekteinstellung sich hinter ihr verbarg.
S.
9
Was hier dann später zum Vorschein kam, hat
die Gestaltung der Kur und deren vorzeitigen
Abbruch entscheidend beeinflußt.
Nichtanalytische Leser werden längst die Beant--
wortung zweier anderer Fragen ungeduldig
erwarten. Zeigte dieses homosexuelle Mädchen
deutliche somatische Charaktere des anderen
Geschlechts und erwies sie sich als ein Fall von
angeborener oder von erworbener (später
entwickelter) Homosexualität?
Ich verkenne die Bedeutung nicht, welche
der ersteren Frage zukommt. Nur möge
man diese Bedeutung nicht übertreiben
und zu ihren Gunsten die Tatsachen ver--
dunkeln, daß vereinzelte sekundäre Merk--
male des anderen Geschlechts bei normalen
menschlichen Individuen überhaupt sehr häufig
vorkommen, und daß sehr gut ausgeprägte
somatische Charaktere des anderen Geschlechts
sich an Personen finden können, deren
Objektwahl keine Abänderung im Sinne
einer Inversion erfahren hat. Daß also,
anders ausgedrückt, bei beiden Geschlechtern
das Maß des physischen Hermaphroditismus
von dem des psychischen in hohem Grade unab--
hängig ist. Als Einschränkung der beiden
Sätze ist hinzuzufügen, daß diese Unabhängig--
keit beim Manne deutlicher ist als beim
Weibe, wo die körperliche und seelische Aus--
prägung des entgegengesetzten Geschlechts--
charakters eher regelmäßig zusammentreffen.
Ich bin aber doch nicht in der Lage, die erste
der hier gestellten Fragen für meinen Fall
befriedigend zu beantworten. Der Psychoanalyt--
iker pflegt sich ja eine eingehende körperliche
Untersuchung seiner Patienten in bestimmten
Fällen zu versagen. Eine auffällige Ab--
weichung vom körperlichen Typus des Weibes
bestand jedenfalls nicht, auch keine menstruale
Störung. Wenn das schöne und wohlgebildete
Mädchen den hohen Wuchs des Vaters
und eher scharfe als mädchenhaft weiche
Gesichtszüge zeigte, so mag man darin
Andeutungen einer somatischen Männlichkeit
erblicken. Auf männliches Wesen konnte man
auch einige ihrer intellektuellen Eigenschaften
beziehen, so die Schärfe ihres Verständnisses
und die kühle Klarheit ihres Denkens, insoweit
S.
10
sie nicht unter der Herrschaft ihrer Leidenschaft
stand. Doch sind diese Unterscheidungen eher
konventionell als wissenschaftlich berechtigt.
Bedeutsamer ist gewiß, daß sie in ihrem Verhalten zu
ihrem Liebesobjekt durchaus den männlichen
Typus angenommen hatte, also die Demut und großartige Sexual--
überschätzung des liebenden Mannes zeigte,
den Verzicht auf jede narzißtische Befriedigung,
die Bevorzugung des Liebens vor dem Geliebt--
werden. Sie hatte also nicht nur ein weibliches Ob--
jekt gewählt, sondern auch eine männliche
Einstellung zu ihm gewonnen.
Die andere Frage, ob ihr Fall einer angeborenen
oder einer erworbenen Homosexualität ent--
sprach, überlasse ich der Krankengeschichte selbst
zur Beantwortung. Soll durch die ganze
Entwicklungsgeschichte ihrer Störung beantwortet
werden. Dabei wird sich ergeben, inwieweit
diese Fragestellung selbst unangemessen
und unfruchtbar ist.
II.
Auf eine so weitschweifige Einleitung kann
ich nur eine ganz knappe und übersichtliche
Darstellung der Libidogeschichte dieses Falles
folgen lassen. Das Mädchen hatte in den
Kinderjahren die normale Einstellung des
weiblichen Ödipuskomplexesx) in wenig auf--
fälliger Weise durchgemacht, später auch
___________________________________
x) Ich sehe in der Einführung des Terminus
Elektrakomplex keinen Fortschritt oder
Vorteil und möchte denselben nicht befür--
worten.
___________________________________
begonnen, den Vater durch den um wenig
älteren Bruder zu ersetzen. Sexuelle Traumen
in früher Jugend wurden weder erinnert
noch durch die Analyse aufgedeckt. Die
Vergleichung der Genitalien des Bruders
mit den eigenen, die etwa zu Beginn
der Latenzzeit (zu 5 Jahren oder etwas
früher) vorfiel, hinterließ ihr einen
starken Eindruck und war in ihren Folgen
weit zu verfolgen. Auf
frühinfantile Onanie deutete sehr wenig,
oder die Analyse kam nicht so weit, um
diesen Punkt aufzuklären. Die Geburt
eines zweiten Bruders, als sie zwischen 5 und
6 Jahren alt war, äußerte keinen besonderen
Einfluß auf ihre Entwicklung. In den Schul--
You are here
Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität1920-001/1920.01
1920-001/1920.01/1