• S.

    [1]

    (Psycholog)
    Über die Genese eines Falles von
    weiblicher Homosexualität
    von
    Sigm. Freud

    Die weibliche Homosexualität, gewiß nicht weniger
    häufig als die männliche, aber doch weit weniger
    lärmend als diese, ist nicht nur vom Strafgesetz
    übergangen sondern auch von der psychoanalyt--
    ischen Forschung vernachlässigt worden. Die Mit--
    teilung eines einzelnen nicht allzu grellen
    Falles, in dem es möglich wurde, deren psychische
    Entstehungsgeschichte lückenlos und mit voller
    Sicherheit zu erkennen, mag daher einen gewissen
    Anspruch auf Beachtung erheben. Wenn die
    Darstellung nur die allgemeinsten Umrisse
    der Geschehnisse und die aus dem Fall ge--
    wonnenen Ergebnisse bringt und alle charak--
    teristischen Einzelheiten unterschlägt, auf
    denen die Deutung ruht, so ist diese Ein--
    schränkung durch die von einem frischen
    Fall geforderte ärztliche Diskretion leicht
    erklärlich.
     

       Ein 18 jähriges schönes und kluges Mädchen aus
    sozial hochstehender Familie hat das Mißfallen
    und die Sorge seiner Eltern durch die Zärtlich--
    keit erweckt, mit der sie eine etwa zehn Jahre
    ältere Dame „aus der Gesellschaft“ verfolgt. Die
    Eltern behaupten, daß diese Dame trotz ihres
    vornehmen Namens nichts anderes sei als eine
    Kokotte. Es sei von ihr bekannt, daß sie bei einer
    verheirateten Freundin lebt, mit der sie intime
    Beziehungen unterhält, während sie gleichzeitig
    in lockeren Liebesverhältnissen zu einer
    Anzahl von Männern steht. Das Mädchen
    bestreitet diese üble Nachrede nicht, läßt sich
    aber durch sie in der Verehrung der Dame
    nicht beirren, obwohl es ihr an Sinn für das
    Schickliche und Reinliche keineswegs gebricht.
    Kein Verbot und keine Überwachung hält sie
    ab, jede der spärlichen Gelegenheiten zum
    Beisammensein mit der Geliebten auszunützen,
    alle ihre Lebensgewohnheiten auszukund--
    schaften, stundenlang vor ihrem Haustor
    oder an Trambahnhaltestellen auf sie zu
    warten, ihr Blumen zu schicken u. dgl.
    Es ist offenkundig, daß dies eine Interesse
    bei dem Mädchen alle anderen verschlungen
    hat. Sie kümmert sich nicht um ihre weitere
     

  • S.

    2

    Ausbildung, legt keinen Wert auf gesellschaftlichen
    Verkehr und mädchenhafte Vergnügungen und
    hält nur den Umgang mit einigen Freundinnen
    aufrecht, die ihr als Vertraute oder als Helfer--
    innen dienen können. Wie weit es zwischen
    ihrer Tochter und jener zweifelhaften Dame
    gekommen ist, ob die Grenzen einer zärtlichen
    Schwärmerei bereits überschritten worden
    sind, wissen die Eltern nicht. Ein Interesse
    für junge Männer und Wohlgefallen an
    deren Huldigungen haben sie an dem
    Mädchen nie bemerkt; dagegen sind
    sie sich klar darüber, daß diese gegen--
    wärtige Neigung für eine Frau nur in
    erhöhtem Maß fortsetzt, was sich in den letzten
    Jahren für andere weibliche Personen
    angezeigt und den Argwohn sowie die
    Strenge des Vaters wachgerufen hatte.
     

       Zwei Stücke ihres Benehmens, scheinbar einan--
    der gegensätzlich, wurden dem Mädchen von
    den Eltern am stärksten verübelt. Daß sie
    keine Bedenken trug, sich öffentlich in belebten
    Straßen mit der anrüchigen Geliebten
    zu zeigen und also die Rücksicht auf ihren
    eigenen Ruf vernachlässigte, und daß sie
    kein Mittel der Täuschung, keine Ausrede
    und keine Lüge verschmähte, um die Zusammen--
    künfte mit ihr zu ermöglichen und zu decken.
    Also zuviel Offenheit in dem einen, vollste
    Verstellung im anderen Falle. Eines Tages
    traf es sich, was ja unter diesen Umständen
    einmal geschehen mußte, daß der Vater
    seine Tochter in Begleitung jener ihm bekannt
    gewordenen Dame auf der Straße begeg--
    nete. Er ging mit einem zornigen Blick,
    der nichts Gutes ankündigte, an den beiden
    vorüber. Unmittelbar darauf riß sich das
    Mädchen los und stürzte sich über die Mauer
    in den dort nahen Einschnitt der Stadtbahn.
    Sie büßte diesen unzweifelhaft ernst gemeinten
    Selbstmordversuch mit einem langen Kranken--
    lager, aber zum Glück mit nur geringer
    dauernder Schädigung. Nach ihrer Herstellung
    fand sie die Situation für ihre Wünsche
    günstiger als zuvor. Die Eltern wagten
    es nicht mehr, ihr ebenso entschieden
    entgegen zu treten, und die Dame, die
    sich bis dahin gegen ihre Werbung spröde
    ablehnend verhalten hatte, war durch
    einen so unzweideutigen Beweis ernster
    Leidenschaft gerührt und begann sie freund--
    licher zu behandeln.
     

  • S.

    3

    Etwa ein halbes Jahr nach diesem Unfall wendeten
    sich die Eltern an den Arzt und stellten ihm
    die Aufgabe, ihre Tochter zur Norm zurückzu--
    bringen. Der Selbstmordversuch des Mädchens hatte
    ihnen wohl gezeigt, daß die Machtmittel der
    häuslichen Disziplin nicht im Stande waren,
    die vorliegende Störung zu bewältigen.
    Es ist aber gut, hier die Stellung des Vaters und
    die der Mutter gesondert zu behandeln. Der
    Vater war ein ernsthafter, respektabler Mann,
    im Grunde sehr zärtlich, durch seine angenommene
    Strenge den Kindern etwas entfremdet.
    Sein Benehmen gegen die einzige Tochter wurde
    allzusehr durch Rücksichten auf seine Frau, ihre
    Mutter, bestimmt. Als er zuerst von den homosexuellen
    Neigungen der Tochter Kenntnis bekam, wallte
    er zornig auf und wollte sie durch Drohungen
    unterdrücken; er mag damals zwischen verschiedenen,
    gleich peinlichen Auffassungen geschwankt haben,
    ob er ein lasterhaftes, ein entartetes oder geisteskrankes
    Wesen in ihr sehen sollte. Auch nach dem Unfall
    brachte er es nicht zur Höhe jener überlegenen
    Resignation, welcher einer unserer ärztlichen
    Kollegen bei einer irgendwie ähnlichen Ent--
    gleisung in seiner Familie durch die Rede
    Ausdruck gab: Es ist eben ein Malheur
    wie ein anderes. Die Homosexualität seiner
    Tochter hatte etwas, was seine vollste Erbitter--
    ung weckte. Er war entschlossen, sie mit allen
    Mitteln zu bekämpfen; die in Wien so
    allgemein verbreitete Geringschätzung der
    Psychoanalyse hielt ihn nicht ab, sich an sie
    um Hilfe zu wenden. Wenn dieser Weg
    versagte, hatte er noch immer das stärkste
    Gegenmittel im Rückhalt; eine rasche
    Verheiratung sollte die natürlichen In--
    stinkte des Mädchens wachrufen und
    dessen unnatürliche Neigungen ersticken.
     

       Die Einstellung der Mutter des Mädchens
    war nicht so leicht zu durchschauen. Sie war
    eine noch jugendliche Frau, die dem Anspruch
    selbst durch Schönheit zu gefallen, offenbar nicht
    entsagen wollte. Es war nur klar, daß sie
    die Schwärmerei ihrer Tochter nicht so tragisch
    nahm und sich keineswegs so sehr darüber
    entrüstete wie der Vater. Sie hatte sogar
    durch längere Zeit das Vertrauen des Mädchens
    in betreff ihrer Verliebtheit in jene Dame
    genossen; ihre Parteinahme dagegen schien
    wesentlich durch die schädliche Offenheit be--
    stimmt, mit der die Tochter ihre Gefühle
     

  • S.

    4

    vor aller Welt kundgab. Sie war selbst durch
    mehrere Jahre neurotisch gewesen, erfreute
    sich großer Schonung von Seiten ihres Mannes,
    behandelte ihre Kinder recht ungleichmäßig, war
    eigentlich hart gegen die Tochter und über--
    zärtlich mit ihren drei Knaben, von denen
    der jüngste ein Spätling war, gegenwärtig
    noch nicht drei Jahre alt. Bestimmteres über
    ihren Charakter zu erfahren, war nicht
    leicht, denn in Folge von Motiven, die erst
    später verstanden werden können, hielten
    die Angaben der Patientin über ihre Mutter
    stets eine Reserve ein, von der im Falle
    des Vaters keine Rede war.
     

      Der Arzt, der die analytische Behandlung des Mädchens überneh--
    men sollte, hatte mehrere Gründe sich unbehaglich zu fühlen.
    Er fand nicht die Situation vor, welche die Analyse
    anfordert, und in der sie allein ihre Wirksam--
    keit erproben kann. Diese Situation hat bekannt-
    lich zum Inhalt sieht in ihrer idealen Ausprägung bekanntlich so aus, daß jemand, der sonst sein eigener
    Herr ist, an einem inneren Konflikt leidet,
    den er allein nicht zu Ende bringen kann, daß er
    dann zum Analytiker kommt, es ihm klagt und ihn
    um seine Hilfeleistung bittet. Der Arzt arbeitet
    dann Hand in Hand mit dem einen Anteil der
    krankhaft entzweiten Persönlichkeit gegen
    den anderen Partner des Konflikts. Andere
    Situationen als diese sind für die Analyse
    mehr oder minder ungünstig, fügen zu den
    inneren Schwierigkeiten des Falles neue
    hinzu. Situationen wie die des Bauherrn,
    der beim Architekten eine Villa nach seinem
    Geschmack und Bedürfnis bestellt, oder
    des frommen Stifters, der sich vom Künstler
    ein Heiligenbild malen läßt, in dessen
    Ecke dann sein eigenes Portrait als Anbet--
    ender Platz findet, sind mit den Bedingun--
    gen der Psychoanalyse im Grunde nicht
    vereinbar. Es kommt zwar alle Tage vor,
    daß sich ein Ehemann an den Arzt mit der
    Information wendet: Meine Frau ist nervös,
    sie verträgt sich darum schlecht mit mir;
    machen Sie sie gesund, so daß wir wieder
    eine glückliche Ehe führen können. Aber
    es stellt sich oft genug heraus, daß ein solcher
    Auftrag unausführbar ist, d. h. daß der Arzt
    nicht das Ergebnis herstellen kann, wegen
     

  • S.

    5

    dessen der Mann die Behandlung wünschte. Sowie
    die Frau von ihren neurotischen Hemmungen
    befreit ist setzt sie die Trennung der Ehe durch,
    deren Erhaltung nur unter der Voraussetzung
    der Neurose möglich war. Oder Eltern ver-
    langen, daß man ihr Kind wieder gesund mache,
    welches nervös und unfügsam ist. Sie verstehen
    unter einem gesunden Kind ein solches, das
    den Eltern keine Schwierigkeiten bereitet,
    an dem sie ihre Freude haben können. Die
    Herstellung des Kindes mag dem Arzt gelingen,
    aber es geht nach der Genesung umso entschiedener-
    seine eigenen Wege, und die Eltern sind
    jetzt weit mehr unzufrieden als früher. Kurz,
    es ist nicht gleichgiltig ob ein Mensch aus eigenem
    Streben in die Analyse kommt, oder darum
    weil andere ihn dahin bringen, ob er selbst
    seine Veränderung wünscht oder nur seine
    Angehörigen, die ihn lieben, oder von denen
    man solche Liebe erwarten sollte.
     

       Als weitere ungünstige Momente waren die Tat-
    sachen zu bewerten, daß das Mädchen ja keine
    Kranke war – sie litt nicht aus inneren Gründen,
    beklagte sich nicht über ihren Zustand – und daß
    die gestellte Aufgabe nicht darin bestand, einen
    neurotischen Konflikt zu lösen, sondern daß die
    eine Variante der genitalen Sexualorgan-
    isation in die andere überzuführen. Diese
    Leistung, die Beseitigung der genitalen
    Inversion oder Homosexualität, ist meiner
    Erfahrung niemals leicht erschienen. Ich habe
    vielmehr gefunden, daß sie nur unter be-
    sonders günstigen Umständen gelingt, und
    auch dann bestand der Erfolg wesentlich
    darin, daß man der homosexuell eingeengten
    Person den bis dahin versperrten Weg zum
    anderen Person Geschlecht frei machen
    konnte, also ihre volle bisexuelle Funktion
    wiederherstellte. Es lag dann in ihrem Belieben,
    ob sie den anderen, von der Gesellschaft
    geächteten Weg veröden lassen wollte,
    und in einzelnen Fällen hat sie es auch so
    getan. Man muß sich sagen, daß auch die
    normale Sexualität auf einer Einschränkung
    der Objektwahl beruht, und im Allgemeinen
    ist das Unternehmen, einen vollentwickel-
    ten Homosexuellen in einen Heterosexuellen
    zu verwandeln, nicht viel aussichtsreicher als
    das umgekehrte, nur daß man dies letztere
    aus guten praktischen Gründen niemals
    versucht.
     

  • S.

    6

    Die Erfolge der psychoanalytischen Therapie in
    der Behandlung der allerdings sehr vielgestalt--
    igen Homosexualität sind der Zahl nach wirklich
    nicht bedeutsam. In der Regel vermag der 
    Homosexuelle sein Lustobjekt nicht aufzugeben;
    es gelingt nicht, ihn zu überzeugen, daß er
    die Lust, auf die er hier verzichtet, im Falle
    der Umwandlung am anderen Objekt
    wiederfinden würde. Wenn er sich überhaupt
    in Behandlung begibt, so haben ihn zumeist
    äußere Motive dazu gedrängt, die sozialen
    Nachteile und Gefahren seiner Objektwahl,
    und solche Komponenten des Selbsterhaltungs--
    triebes erweisen sich als zu schwach im
    Kampfe gegen die Sexualstrebungen. Man
    kann dann bald seinen geheimen Plan auf--
    decken, sich durch den eklatanten Mißerfolg
    dieses Versuches die Beruhigung zu schaffen,
    daß er das Möglichste gegen seine Sonder--
    artung getan habe und sich ihr nun mit
    gutem Gewissen ihr überlassen könne. Wo
    die Rücksicht auf geliebte Eltern und Ange--
    hörige den Versuch zur Heilung motiviert
    hat, da liegt der Fall etwas anders. Es
    sind dann wirklich libidinöse Strebungen
    vorhanden, die zur homosexuellen Objektwahl
    gegensätzliche Energien entwickeln können,
    aber deren Kraft reicht selten aus. Nur wo
    die Fixierung an das gleichgeschlechtliche Ob--
    jekt noch nicht stark genug ist, oder wo sich
    erhebliche Ansätze und Reste der heterosexuellen
    Objektwahl Organisation vorfinden, also bei noch schwan--
    kender oder bei deutlich bisexueller Organ--
    isation darf die Prognose der psychoanalyt--
    ischen Therapie günstiger gestellt werden.
     

       Aus diesen Gründen vermied ich es
    durchaus, den Eltern die Erfüllung ihres Wunsches
    in Aussicht zu stellen. Ich erklärte mich bloß
    bereit dazu, das Mädchen durch einige Wochen
    oder Monate sorgfältig zu studieren, um
    mich danach über die Aussichten einer Beein--
    flussung durch Fortsetzung der Analyse
    äußern zu können. In einer ganzen Anzahl
    von Fällen zerlegt sich ja die Analyse in
    zwei deutlich gesonderte Phasen; in einer
    ersten verschafft sich der Arzt die notwendigen
    Kenntnisse vom Patienten, macht ihn mit
    den Voraussetzungen und Postulaten der
    Analyse bekannt und entwickelt vor ihm
    die Konstruktion der Entstehung seines
     

  • S.

    7

    Leidens, zu welcher er sich auf Grund des von der
    Analyse gelieferten Materials berechtigt glaubt.
    In einer zweiten Phase bemächtigt sich der Patient
    selbst des ihm vorgelegten Stoffes, arbeitet
    an ihm, erinnert von dem bei ihm
    angeblich Verdrängten, was er erinnern kann,
    und trachtet, das Andere in einer Art von Neube--
    lebung zu wiederholen. Dabei kann er die
    Aufstellungen des Arztes bestätigen, ergänzen
    und richtig stellen. Erst während dieser Arbeit
    erfährt er durch die Überwindung von Wider--
    ständen die innere Veränderung, die man
    erzielen will, und gewinnt die Überzeugungen,
    die ihn von der ärztlichen Autorität unab--
    hängig machen. Nicht immer sind diese beiden
    Phasen im Ablauf der analytischen Kur
    scharf von einander geschieden; es kann dies
    nur geschehen, wenn der Widerstand
    bestimmte Bedingungen einhält. Aber wo es
    der Fall ist, kann man den Vergleich mit
    zwei entsprechenden Abschnitten einer Reise
    heranziehen. Der erste umfaßt alle notwend--
    igen, heute so komplizierten und schwer zu er--
    füllenden Vorbereitungen, bis man endlich
    die Fahrkarte gelöst, den Perron betreten
    und seinen Platz im Wagen erobert hat.
    Man hat jetzt das Recht und die Möglich--
    keit, in das ferne Land zu reisen, aber
    man ist nach all diesen Vorarbeiten noch
    nicht dort, eigentlich dem Ziel um keinen
    Kilometer näher gerückt. Es gehört noch
    dazu, daß man die Reise selbst von einer
    Station zur anderen zurücklege, und dieses
    Stück der Reise ist mit der zweiten Phase gut
    vergleichbar.
     

       Die Analyse bei meiner nunmehrigen Patientin
    verlief nach diesem Zweiphasen-Schema, wurde
    aber nicht über den Beginn der zweiten Phase
    hinaus fortgeführt. Eine besondere Konstellation
    des Widerstandes ermöglichte es trotzdem,
    die volle Bestätigung meiner Konstruktionen
    und eine im Großen und Ganzen vollständige
    zureichende Einsicht in den Entwicklungsgang ihrer Inversion
    zu gewinnen. Ehe ich aber die Ergebnisse der Analyse
    bei ihr darlege, muß ich einige Punkte erledigen,
    die ich entweder schon selbst gestreift oder
    die sich dem Leser als die ersten Gegenstände
    seines Interesses aufgedrängt haben.
     

  • S.

    8

    Ich hatte die Prognose zum Teil davon abhängig gemacht,
    wie weit das Mädchen in der Befriedigung seiner
    Leidenschaft gekommen war. Die Auskunft, die ich
    während der Analyse erhielt, schien in dieser
    Hinsicht günstig. Bei keinem der Objekte ihrer
    Schwärmerei hatte sie mehr als einzelne Küsse
    und Umarmungen genossen, ihre Genital--
    keuschheit, wenn man so sagen darf, war unver--
    sehrt geblieben. Die Halbweltdame gar,
    die die jüngsten und weitaus stärksten Gefühle
    bei ihr erweckt hatte, war spröde gegen sie
    geblieben, hatte ihr nie eine höhere Gunst
    gegönnt als die, ihr die Hand küssen zu
    dürfen. Das Mädchen machte wahrscheinlich
    eine Tugend aus ihrer Not, wenn sie immer
    wieder die Reinheit ihrer Liebe und ihre
    physische Abneigung gegen einen Sexualverkehr be--
    tonte. Vielleicht hatte sie aber nicht ganz un--
    recht, wenn sie von ihrer hehren Geliebten
    rühmte, daß sie, von vornehmer Herkunft,
    und nur durch widrige Familienverhältnisse
    in ihre gegenwärtige Position gedrängt,
    sich auch hier noch ein ganzes Stück Würde
    bewahrt habe. Denn diese Dame pflegte ihr
    bei jedem Zusammentreffen zuzureden, ihre
    Neigung von ihr und von den Frauen über--
    haupt abzuwenden, und hatte sich bis zum
    Selbstmordversuch immer nur streng abweisend
    gegen sie benommen.
     

       Ein zweiter Punkt, den ich alsbald aufzu--
    klären versuchte, betraf die eigenen
    Motive des Mädchens, auf welche die
    analytische Behandlung sich etwa stützen
    konnte. Sie versuchte mich nicht durch die
    Behauptung zu täuschen, daß es ihr ein
    dringendes Bedürfnis sei, von ihrer
    Homosexualität befreit zu werden. Sie
    könne sich im Gegenteil gar keine
    andere Verliebtheit vorstellen, aber,
    setzte sie hinzu, der Eltern wegen wolle
    sie den therapeutischen Versuch ehrlich
    unterstützen, denn sie empfinde es
    sehr schwer, den Eltern solchen Kummer
    zu bereiten. Auch diese Äußerung
    mußte ich zunächst als günstig auffassen;
    ich konnte nicht ahnen, welche unbewußte
    Affekteinstellung sich hinter ihr verbarg.
     

  • S.

    9

    Was hier dann später zum Vorschein kam, hat
    die Gestaltung der Kur und deren vorzeitigen
    Abbruch entscheidend beeinflußt. 
     

       Nichtanalytische Leser werden längst die Beant--
    wortung zweier anderer Fragen ungeduldig
    erwarten. Zeigte dieses homosexuelle Mädchen
    deutliche somatische Charaktere des anderen
    Geschlechts und erwies sie sich als ein Fall von
    angeborener oder von erworbener (später
    entwickelter) Homosexualität?
     

       Ich verkenne die Bedeutung nicht, welche
    der ersteren Frage zukommt. Nur möge
    man diese Bedeutung nicht übertreiben
    und zu ihren Gunsten die Tatsachen ver--
    dunkeln, daß vereinzelte sekundäre Merk--
    male des anderen Geschlechts bei normalen
    menschlichen Individuen überhaupt sehr häufig
    vorkommen, und daß sehr gut ausgeprägte
    somatische Charaktere des anderen Geschlechts
    sich an Personen finden können, deren
    Objektwahl keine Abänderung im Sinne
    einer Inversion erfahren hat. Daß also,
    anders ausgedrückt, bei beiden Geschlechtern
    das Maß des physischen Hermaphroditismus
    von dem des psychischen in hohem Grade unab--
    hängig ist. Als Einschränkung der beiden
    Sätze ist hinzuzufügen, daß diese Unabhängig--
    keit beim Manne deutlicher ist als beim
    Weibe, wo die körperliche und seelische Aus--
    prägung des entgegengesetzten Geschlechts--
    charakters eher regelmäßig zusammentreffen.
    Ich bin aber doch nicht in der Lage, die erste
    der hier gestellten Fragen für meinen Fall
    befriedigend zu beantworten. Der Psychoanalyt--
    iker pflegt sich ja eine eingehende körperliche
    Untersuchung seiner Patienten in bestimmten
    Fällen zu versagen. Eine auffällige Ab--
    weichung vom körperlichen Typus des Weibes
    bestand jedenfalls nicht, auch keine menstruale
    Störung. Wenn das schöne und wohlgebildete
    Mädchen den hohen Wuchs des Vaters
    und eher scharfe als mädchenhaft weiche
    Gesichtszüge zeigte, so mag man darin
    Andeutungen einer somatischen Männlichkeit
    erblicken. Auf männliches Wesen konnte man
    auch einige ihrer intellektuellen Eigenschaften
    beziehen, so die Schärfe ihres Verständnisses
    und die kühle Klarheit ihres Denkens, insoweit
     

  • S.

    10

    sie nicht unter der Herrschaft ihrer Leidenschaft
    stand. Doch sind diese Unterscheidungen eher
    konventionell als wissenschaftlich berechtigt.
    Bedeutsamer ist gewiß, daß sie in ihrem Verhalten zu
    ihrem Liebesobjekt durchaus den männlichen
    Typus angenommen hatte, also die Demut und großartige Sexual--
    überschätzung des liebenden Mannes zeigte,
    den Verzicht auf jede narzißtische Befriedigung,
    die Bevorzugung des Liebens vor dem Geliebt--
    werden. Sie hatte also nicht nur ein weibliches Ob--
    jekt gewählt, sondern auch eine männliche
    Einstellung zu ihm gewonnen.  
     

       Die andere Frage, ob ihr Fall einer angeborenen
    oder einer erworbenen Homosexualität ent--
    sprach, überlasse ich der Krankengeschichte selbst
    zur Beantwortung. Soll durch die ganze
    Entwicklungsgeschichte ihrer Störung beantwortet
    werden. Dabei wird sich ergeben, inwieweit
    diese Fragestellung selbst unangemessen
    und unfruchtbar ist.
     

    II.

       Auf eine so weitschweifige Einleitung kann
    ich nur eine ganz knappe und übersichtliche
    Darstellung der Libidogeschichte dieses Falles
    folgen lassen. Das Mädchen hatte in den
    Kinderjahren die normale Einstellung des
    weiblichen Ödipuskomplexesx) in wenig auf--
    fälliger Weise durchgemacht, später auch
    ___________________________________
    x) Ich sehe in der Einführung des Terminus 
    Elektrakomplex keinen Fortschritt oder
    Vorteil und möchte denselben nicht befür--
    worten.
    ___________________________________
    begonnen, den Vater durch den um wenig
    älteren Bruder zu ersetzen. Sexuelle Traumen
    in früher Jugend wurden weder erinnert
    noch durch die Analyse aufgedeckt. Die
    Vergleichung der Genitalien des Bruders
    mit den eigenen, die etwa zu Beginn
    der Latenzzeit (zu 5 Jahren oder etwas
    früher) vorfiel, hinterließ ihr einen
    starken Eindruck und war in ihren Folgen
    weit zu verfolgen. Auf
    frühinfantile Onanie deutete sehr wenig,
    oder die Analyse kam nicht so weit, um
    diesen Punkt aufzuklären. Die Geburt
    eines zweiten Bruders, als sie zwischen 5 und
    6 Jahren alt war, äußerte keinen besonderen
    Einfluß auf ihre Entwicklung. In den Schul--