• S.

    10

    sie nicht unter der Herrschaft ihrer Leidenschaft
    stand. Doch sind diese Unterscheidungen eher
    konventionell als wissenschaftlich berechtigt.
    Bedeutsamer ist gewiß, daß sie in ihrem Verhalten zu
    ihrem Liebesobjekt durchaus den männlichen
    Typus angenommen hatte, also die Demut und großartige Sexual--
    überschätzung des liebenden Mannes zeigte,
    den Verzicht auf jede narzißtische Befriedigung,
    die Bevorzugung des Liebens vor dem Geliebt--
    werden. Sie hatte also nicht nur ein weibliches Ob--
    jekt gewählt, sondern auch eine männliche
    Einstellung zu ihm gewonnen.  
     

       Die andere Frage, ob ihr Fall einer angeborenen
    oder einer erworbenen Homosexualität ent--
    sprach, überlasse ich der Krankengeschichte selbst
    zur Beantwortung. Soll durch die ganze
    Entwicklungsgeschichte ihrer Störung beantwortet
    werden. Dabei wird sich ergeben, inwieweit
    diese Fragestellung selbst unangemessen
    und unfruchtbar ist.
     

    II.

       Auf eine so weitschweifige Einleitung kann
    ich nur eine ganz knappe und übersichtliche
    Darstellung der Libidogeschichte dieses Falles
    folgen lassen. Das Mädchen hatte in den
    Kinderjahren die normale Einstellung des
    weiblichen Ödipuskomplexesx) in wenig auf--
    fälliger Weise durchgemacht, später auch
    ___________________________________
    x) Ich sehe in der Einführung des Terminus 
    Elektrakomplex keinen Fortschritt oder
    Vorteil und möchte denselben nicht befür--
    worten.
    ___________________________________
    begonnen, den Vater durch den um wenig
    älteren Bruder zu ersetzen. Sexuelle Traumen
    in früher Jugend wurden weder erinnert
    noch durch die Analyse aufgedeckt. Die
    Vergleichung der Genitalien des Bruders
    mit den eigenen, die etwa zu Beginn
    der Latenzzeit (zu 5 Jahren oder etwas
    früher) vorfiel, hinterließ ihr einen
    starken Eindruck und war in ihren Folgen
    weit zu verfolgen. Auf
    frühinfantile Onanie deutete sehr wenig,
    oder die Analyse kam nicht so weit, um
    diesen Punkt aufzuklären. Die Geburt
    eines zweiten Bruders, als sie zwischen 5 und
    6 Jahren alt war, äußerte keinen besonderen
    Einfluß auf ihre Entwicklung. In den Schul--
     

  • S.

    11

    und Vorpubertätsjahren wurde sie allmälig mit
    den Tatsachen des Sexuallebens bekannt, empfing
    dieselben mit dem normal zu nennenden, auch
    im Ausmaß nicht übertriebenen Gemenge
    von Lüsternheit und erschreckter Ablehnung.
    Alle diese Auskünfte erscheinen recht mager,
    ich kann auch nicht dafür einstehen daß sie
    vollständig sind. Vielleicht war die Jugendge-
    schichte doch weit reichhaltiger, ich weiß es
    nicht. Die Analyse brach, wie gesagt, nach
    kurzer Zeit ab und lieferte darum eine
    Anamnese die nicht viel verläßlicher ist
    als die anderen mit gutem Recht beanstandeten
    Anamnesen von Homosexuellen. Das Mäd-
    chen war auch niemals neurotisch gewesen
    brachte nicht ein hysterisches Symptom in
    die Analyse mit, so daß sich die Anlässe
    zur Durchforschung ihrer Kindergeschichte
    sich nicht so bald ergeben konnten.
     

       Mit 13 und 14 Jahren zeigte sie eine,
    nach dem Urteil aller übertrieben starke,
    zärtliche Vorliebe für einen kleinen
    noch nicht 3 jährigen Jungen, den sie in einem
    Kinderpark regelmäßig sehen konnte. Sie nahm
    sich des Kindes so herzlich an, daß daraus
    eine langdauernde freundschaftliche Beziehung
    zu den Eltern des Kleinen entstand. Man
    darf aus diesem Vorfall schließen, daß sie
    in diesem Jahre damals von einem
    starken Wunsche, selbst Mutter zu sein und
    ein Kind zu haben, beherrscht war. Aber
    kurze Zeit spätestens bald nachher wurde ihr der Knabe gleichgiltig
    und sie begann ein Interesse für reife, doch
    noch jugendliche Frauen zu zeigen, dessen welcher
    Äußerungen ihr bald eine empfindliche Züchtigung
    von Seiten des Vaters zuzogen.
     

       Es wurde über jeden Zweifel sichergestellt, daß
    diese Wandlung zeitlich mit einem Ereignis
    in der Familie zusammenfällt, von dem wir
    demnach die Aufklärung der Wandlung er-
    warten dürfen. Vorher war ihre Libido auf
    Mütterlichkeit eingestellt gewesen, nachher
    war sie eine in reifere Frauen verliebte
    Homosexuelle, was sie seither geblieben ist.
    Dies für unser Verständnis so bedeutsame
    Ereignis war eine neue Gravidität der
    Mutter und die Geburt eines dritten
    Bruders, als sie etwa 16 Jahre alt war.
     

  • S.

    12

    Der Zusammenhang, den ich nun im folgenden
    aufdecken werde, ist kein Produkt meiner Kombinations-
    gabe; er ist mir durch so vertrauenswürdiges analytisches
    Material nahe gelegt worden, daß ich objektive
    Sicherheit für ihn beanspruchen kann. Insbesondere
    hat eine Reihe von ineinander greifenden, leicht
    deutbaren Träumen für ihn entschieden.
     

       Die Analyse ließ unzweideutig erkennen,
    daß die geliebte Dame ein Ersatz für die
    — Mutter war. Nun war diese selbst aller-
    dings keine Mutter, aber sie war auch
    nicht die erste Liebe des Mädchens gewesen.
    Die ersten Objekte ihrer Neigung seit der
    Geburt des letzten Bruders waren wirklich
    Mütter, junge Frauen zwischen 30 und 35 Jahren
    die sie mit ihren Kindern in der Sommerfrische
    oder im Familienverkehr der Großstadt kennen
    lernte. Die Bedingung der Mütterlichkeit
    wurde später fallen gelassen, weil sie sich
    mit einer anderen, die immer gewichtiger
    wurde, in der Realität nicht gut vertrug.
    Die besonders intensive Bindung an die letzte
    Geliebte, die „Dame“, hatte noch einen an-
    deren Grund, den das Mädchen eines Tages
    ohne Mühe auffand. Sie wurde durch die
    schlanke Erscheinung, die harte strenge Schönheit und
    das rauhe Wesen der Dame an ihren
    eigenen, etwas älteren Bruder gemahnt. Das
    endlich gewählte Objekt entsprach also nicht
    nur ihrem Frauen-, sondern auch ihrem
    Männerideal, es vereinigte die Befriedigung
    der homosexuellen Wunschrichtung mit
    jener der heterosexuellen. Bekanntlich
    hat die Analyse männlicher Homosexueller
    in zahlreichen Fällen das nämliche Zusammen-
    treffen gezeigt, ein Wink, sich Wesen
    und Entstehung der Inversion nicht allzu
    einfach vorzustellen und die durchgängige
    Bisexualität des Menschen nicht aus dem
    Auge zu verlieren.
     

       Wie soll man es aber verstehen, daß das
    Mädchen gerade durch die Geburt eines späten
    Kindes, als sie selbst schon reif geworden
    war und eigene starke Wünsche hatte,
    bewogen wurde, ihre leidenschaftliche Zärt-
    lichkeit der Gebärerin dieses Kindes, ihrer
    eigenen Mutter zuzuwenden und an
    einer Vertreterin der Mutter zum
    Ausdruck zu bringen? Nach allem,
    was man sonst weiß, hätte man das
     

  • S.

    13

    Gegenteil erwarten sollen. Die Mütter pflegen sich
    unter solchen Umständen vor ihren beinahe
    heiratsfähigen Töchtern zu genieren, die Töchter
    haben für die Mutter ein aus Mitleid, Verachtung
    und Neid gemischtes Gefühl bereit, das nichts
    dazu beiträgt, die Zärtlichkeit für die Mutter
    zu steigern. Das Mädchen unserer Beobachtung
    hatte überhaupt wenig Grund, für ihre Mutter
    zärtlich zu empfinden. Der selbst noch jugendlichen
    Frau war diese rasch erblühte Tochter offen-
    bar als unbequeme Konkurrentin, sie setzte sie
    hinter den Knaben zurück, schränkte ihre
    Selbständigkeit möglichst ein und wachte beson-
    ders eifrig darüber, daß sie dem Vater
    ferne blieb. Ein Bedürfnis nach einer liebens-
    würdigeren Mutter mag also bei dem Mädchen
    von jeher gerechtfertigt gewesen sein; warum
    es aber damals und in Gestalt einer verzeh-
    renden Leidenschaft aufflackerte, ist nicht be-
    greiflich.
     

       Die Erklärung ist die folgende: Das Mädchen befand
    sich in der Phase der Pubertätsauffrischung des
    infantilen Ödipuskomplexes, als die
    Enttäuschung über sie kam. Hell bewußt wurde
    ihr der Wunsch, ein Kind zu haben, und zwar
    ein männliches; daß es ein Kind vom Vater
    und dessen Ebenbild sein sollte, durfte ihr
    Bewußtes nicht erfahren. Aber da geschah es,
    daß nicht sie das Kind bekam, sondern die
    im Unbewußten gehaßte Konkurrentin,
    die Mutter. Empört und erbittert wendete
    sie sich vom Vater, ja vom Manne überhaupt
    ab. Nach diesem ersten großen Mißerfolg ver-
    warf sie ihre Weiblichkeit und strebte nach
    einer anderen Unterbringung ihrer Libido.
     

       Sie benahm sich dabei ganz ähnlich wie
    viele Männer, die sich nach einer ersten
    peinlichen Erfahrung dauernd mit dem treu-
    losen Geschlecht der Frauen zerfallen und
    Weiberfeinde werden. Von einer der anziehend-
    sten und unglücklichsten fürstlichen Persönlich-
    keiten unserer Lebenszeit wird erzählt, daß
    er darum homosexuell geworden, weil ihn
    die verlobte Braut mit einem fremden
    Gesellen hintergangen hatte. Ich weiß nicht,
    ob dies historische Wahrheit ist, aber ein
    Stück psychologischer Wahrheit steckt hinter
    diesem Gerücht. Unser aller Libido schwankt
    normalerweise lebenslang zwischen dem
    männlichen und dem weiblichen Objekt;
    der Junggeselle gibt seine Freundschaften auf,
     

  • S.

    14

    wenn er heiratet und kehrt zum Stammtisch zurück
    wenn seine Ehe schaal geworden ist. Freilich wo
    die Schwankung so gründlich und so endgiltig
    ist, da richtet sich unsere Vermutung auf
    ein besonderes Moment, welches die eine
    oder die andere Seite entscheidend be-
    günstigt, vielleicht nur auf den geeigneten
    Zeitpunkt gewartet hat, um die Objektwahl
    nach seinem Sinne durchzusetzen.
     

      Unser Mädchen hatte also nach jener Enttäuschung
    den Wunsch nach dem Kinde, die Liebe zum
    Manne und die weibliche Rolle überhaupt
    von sich gewiesen. Und nun hätte offenbar
    sehr Verschiedenartiges geschehen können;
    was wirklich geschah, war das Extremste. Sie
    wandelte sich zum Manne um und nahm die
    Mutter an Stelle des Vaters zum Liebesobjekt.x)
     

    x) Es ist gar nicht so selten, daß man eine Liebes-
    beziehung abbricht, indem man sich selbst
    mit dem Objekt derselben identifiziert,
    was einer Art von Regression zum Nar-
    zißmus entspricht. Nachdem dies erfolgt ist,
    kann man bei neuerlicher Objektwahl
    leicht das dem früheren entgegengesetzte
    Geschlecht mit seiner Libido besetzen.
     

    Ihre Beziehung zur Mutter war sicherlich
    von Anfang an ambivalent gewesen, es
    gelang leicht die frühere Liebe zur Mutter
    wiederzubeleben und die gegenwärtige
    Feindseligkeit gegen die Mutter zur Überkompensation zu
    bringen. Da mit der realen Mutter wenig
    anzufangen war, ergab sich aus der ge-
    schilderten Gefühlsumsetzung das Suchen
    nach einem Mutterersatz, an dem man
    mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit hängen
    konnte.x)
     

    Ein praktisches Motiv aus ihren realen
    Beziehungen zur Mutter kam als „Krank-
    heitsgewinn“ noch hinzu. Die Mutter
    legte selbst noch Wert darauf, von Männern
    hofiert und gefeiert zu werden. Wenn sie also
    homosexuell wurde, der Mutter die
    Männer überließ, ihr sozusagen „aus-
    wich“, räumte sie etwas aus dem Wege,
    was bisher an der Mißgunst der Mutter
    Schuld getragen hatte.xx)
     

    xx) Da ein solches Ausweichen unter den Ursachen
    der Homosexualität wie im Mechanismus
    der Libidofixierung überhaupt bisher keine
     

  • S.


    √14

    x) Die hier beschriebenen Verschiebungen der Libido
    sind gewiß jedem Analytiker aus der Erforschung
    der Anamnesen von Neurotikern bekannt. Nur
    fallen sie bei diesen letzteren im zarten Kin-
    desalter, zur Zeit der Frühblüte des Liebes-
    lebens vor, bei unserem ganz und gar nicht
    neurotischen Mädchen vollziehen sie sich in
    den ersten Jahren nach der Pubertät, übrigens
    gleichfalls völlig unbewußt. Ob dieses zeitliche
    Moment sich nicht einstmals als sehr bedeutsam
    herausstellen wird?
     

  • S.

    15

    Erwähnung gefunden hat, will ich eine ähnliche
    analytische Beobachtung hier anschließen, die
    durch einen besonderen Umstand interessant
    ist. Ich habe zwei einst Zwillingsbrüder kennen
    gelernt, die beide mit starken libidinösen
    Impulsen begabt waren. Der eine von ihnen
    hatte viel Glück bei Frauen und ließ sich in
    ungezählte Verhältnisse mit Frauen und Mädchen
    ein. Der andere war zuerst auf demselben
    Wege, aber dann wurde es ihm unangenehm
    dem Bruder ins Gehege zu kommen, infolge
    seiner Ähnlichkeit bei intimen Anlässen
    mit ihm verwechselt zu werden, und er
    half sich dadurch, daß er homosexuell
    wurde. Er überließ dem Bruder die
    Frauen und war ihm so ausgewichen. √
    Bei Geschwistern, die nicht Zwillinge sind,
    spielt solches Ausweichen auch auf anderen
    Gebieten als dem der Liebeswahl oft eine
    große Rolle. Der ältere Bruder pflegt
    z.B. Musik und findet dafür Anerkennung,
    der jüngere, musikalisch weit begabter,
    bricht trotz seiner Sehnsucht danach das Musik-
    studium bald ab und ist nicht mehr zu bewegen
    ein Instrument zu berühren. Es ist dies ein
    einzelnes Beispiel für ein sehr häufiges
    Vorkommen, und die Untersuchung der
    Motive, die zum Ausweichen anstatt
    zur Aufnahme der Konkurrenz führen
    deckt sehr komplizierte psychische Beding-
    ungen auf.
     

    Die so gewonnene Libidoeinstellung wurde nun
    gefestigt, als das Mädchen merkte, wie unan-
    genehm sie dem Vater war. Seit jener ersten
    Züchtigung wegen einer allzu zärtlichen An-
    näherung an eine Frau wußte sie, womit sie
    den Vater kränken und wie sie sich an ihm
    rächen konnte. Sie blieb jetzt homosexuell
    aus Trotz gegen den Vater. Sie machte sich
    auch kein Gewissen daraus, ihn auf jede
    Weise zu hintergehen und zu belügen.
    Gegen die Mutter war sie ja nur soweit
    unaufrichtig, war als es nötig war, damit der
    Vater nichts erfahre. Ich hatte den Eindruck,
    daß sie nach dem Grundsatz der Talion
    handelte: Hast du mich betrogen, so mußt
    du es dir gefallen lassen, daß ich dich
    auch betrüge. Auch die auffälligen Un-
    vorsichtigkeiten des sonst raffiniert klugen

  • S.

    √15

    Ein andermal behandelte ich einen jüngeren Mann,
    Künstler und unverkennbar bisexuell angelegt
    bei dem sich die Homosexualität gleichzeitig mit
    einer Arbeitsstörung durchgesetzt hatte. Er
    floh in einem die Frauen und sein Werk.
    Die Analyse, die ihn zu beiden zurückführen
    konnte wies die Scheu vor dem Vater als das
    mächtigste psychische Motiv für beide Störungen
    eigentlich Entsagungen nach. In seiner Vorstellung
    gehörten alle Frauen dem Vater und er
    flüchtete zu den Männern aus Ergebenheit,
    um dem Konflikt mit dem Vater auszuweichen.
    Solche Motivierung der homosexuellen Objektwahl
    muß sich häufiger finden lassen; in den Urzeiten
    des Menschengeschlechts war es wohl so, daß
    alle Frauen dem Vater und Oberhaupt
    der Urhorde gehörten. —
     
     

  • S.

    16

    Mädchens kann ich nicht anders beurteilen.
    Der Vater mußte doch gelegentlich von
    ihrem Umgang mit der Dame erfahren,
    sonst wäre ihr die Rachebefriedigung, die
    ihr die dringendste war, entgangen. So
    sorgte sie dafür, indem sie sich mit der
    Angebeteten öffentlich zeigte, in den Straßen
    nahe dem Geschäftslokal des Vaters mit
    ihr spazieren ging u dgl. Auch diese Unge-
    schicklichkeiten waren geschahen nicht absichtslos.
    Es ist übrigens merkwürdig, daß beide
    Eltern sich so benahmen als ob sie die
    geheime Psychologie ihrer Tochter verstünden.
    Die Mutter zeigte sich tolerant, als ob sie das Aus-
    weichen der Tochter als Gefälligkeit würdigte,
    der Vater raste, als fühlte er die gegen seine
    Person gerichtete Racheabsicht.
     

       Die letzte Kräftigung erfuhr aber die Inversion
    des Mädchens, als sie in der „Dame“ auf ein
    Objekt stieß, welches gleichzeitig dem noch
    am Bruder haftenden Anteil ihrer heterosexuellen Libido
    Befriedigung bot.
     

    III.
     

    Die lineare Darstellung eignet sich wenig zur
    Beschreibung der verschlungenen und in verschiedenen
    seelischen Schichten ablaufenden seelischen Vorgänge.
    Ich bin genötigt in der Diskussion des Falles inne zu
    halten und einiges von dem Mitgeteilten
    zu erweitern und zu vertiefen.
     

       Ich habe erwähnt, daß das Mädchen in ihrem
    Verhältnis zur verehrten Dame den männlichen
    Typus der Liebe annahm. Ihre Demut und zärtliche
    Anspruchslosigkeit, „che poco spera e nulla chiede“,
    die Seligkeit, wenn ihr gestattet wurde, die Dame
    ein Stück weit zu begleiten und ihr beim
    Abschied die Hand zu küssen, die Freude,
    wenn sie sie als schön rühmen hörte, während
    die Anerkennung ihrer eigenen Schönheit von
    fremder Seite ihr gar nichts bedeutete, ihre
    Pilgerbesuche nach Örtlichkeiten, wo die Geliebte
    sich vorher einmal aufgehalten hatte, das Verstummen
    aller weiter reichenden sinnlichen Wünsche:
    alle diese kleinen Züge entwarfen etwa
    das rechte Bild Bild einer schwärmerischen Leidenschaft
    eines Jünglings für eine gefeierte Künstlerin,
    zu welcher er seinen Blick nur schüchtern
    zu erheben wagt, die er hoch über sich erhaben
    glaubt, und die Notiznehmung mit einem