S.
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Mädchens kann ich nicht anders beurteilen.
Der Vater mußte doch gelegentlich von
ihrem Umgang mit der Dame erfahren,
sonst wäre ihr die Rachebefriedigung, die
ihr die dringendste war, entgangen. So
sorgte sie dafür, indem sie sich mit der
Angebeteten öffentlich zeigte, in den Straßen
nahe dem Geschäftslokal des Vaters mit
ihr spazieren ging u dgl. Auch diese Unge-
schicklichkeitenwarengeschahen nicht absichtslos.
Es ist übrigens merkwürdig, daß beide
Eltern sich so benahmen als ob sie die
geheime Psychologie ihrer Tochter verstünden.
Die Mutter zeigte sich tolerant, als ob sie das Aus-
weichen der Tochter als Gefälligkeit würdigte,
der Vater raste, als fühlte er die gegen seine
Person gerichtete Racheabsicht.
Die letzte Kräftigung erfuhr aber die Inversion
des Mädchens, als sie in der „Dame“ auf ein
Objekt stieß, welches gleichzeitig dem noch
am Bruder haftenden Anteil ihrer heterosexuellen Libido
Befriedigung bot.
III.
Die lineare Darstellung eignet sich wenig zur
Beschreibung der verschlungenen und in verschiedenen
seelischen Schichten ablaufenden seelischen Vorgänge.
Ich bin genötigt in der Diskussion des Falles inne zu
halten und einiges von dem Mitgeteilten
zu erweitern und zu vertiefen.
Ich habe erwähnt, daß das Mädchen in ihrem
Verhältnis zur verehrten Dame den männlichen
Typus der Liebe annahm. Ihre Demut und zärtliche
Anspruchslosigkeit, „che poco spera e nulla chiede“,
die Seligkeit, wenn ihr gestattet wurde, die Dame
ein Stück weit zu begleiten und ihr beim
Abschied die Hand zu küssen, die Freude,
wenn sie sie als schön rühmen hörte, während
die Anerkennung ihrer eigenen Schönheit von
fremder Seite ihr gar nichts bedeutete, ihre
Pilgerbesuche nach Örtlichkeiten, wo die Geliebte
sich vorher einmal aufgehalten hatte, das Verstummen
aller weiter reichenden sinnlichen Wünsche:
alle diese kleinen Züge entwarfen etwa
das rechteBildBild einer schwärmerischen Leidenschaft
eines Jünglings für eine gefeierte Künstlerin,
zu welcher er seinen Blick nur schüchtern
zu erheben wagt, die er hoch über sich erhaben
glaubt, und die Notiznehmung mit einem
S.
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von mir beschriebenen Typus der männlichen Objektwahl
dessen Besonderheiten ich auf die Bindung an die
Mutter zurückgeführt habe, x) ging bis in die Einzel-
x) Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre, vierte
Folge 1914.
heiten. Es konnte auffällig erscheinen, daß sie durch
den schlechten Leumund der Geliebten nicht
im Mindesten abgeschreckt wurde, obwohl ihre
eigenen Beobachtungen sie von der Berechtigung
dieser Nachrede genügend überzeugten. Sie
war doch eigentlich ein wohlerzogenes und
keusches Mädchen, das für ihre eigene Person
sexuellen Abenteuern aus dem Weg gegangen
war und grobsinnliche Befriedigungen als
unästhetisch empfand. Aber bereits ihre
ersten Schwärmereien hatten Frauen ge-
golten, denen man keine Neigung zu beson-
ders strenger Sittlichkeit nachrühmte. Den
ersten Protest des Vaters gegen ihre Liebes-
wahl hatte sie durch die Hartnäckigkeit hervor-
gerufen, mit der sie sich um den Verkehr mit
einer Kinoschauspielerin an
jenem Sommerorte bemühte. Dabei hatte es sich
keineswegs um
Frauen gehandelt, die etwa im Rufe der
Homosexualität standen und ihr somit Aus-
sicht auf solche Befriedigung geboten hätten; viel-
mehr warb sie unlogischer Weise um kokette Frauen
im gewöhnlichen Sinne des Wortes; eine homo-
sexuelle, ihr gleichaltrige Freundin die sich
ihr bereitwilligst zur Verfügung stellte, wies
sie ohne Bedenken ab. Der schlechte Ruf
der „Dame“ aber war geradezu eine Liebesbe-
dingung für sie, und alles Rätselhafte dieses
Verhaltens verschwindet, wenn wir uns
erinnern, daß auch für jenen von der
Mutter abgeleiteten männlichen Typus
der Objektwahl die Bedingung besteht, daß
die Geliebte irgendwie „sexuell anrüchig“,
sie eigentlich eine Kokotte genannt werden
dürfe. Als sie später erfuhr, in welchem
Ausmaß diese Kennzeichnung für ihre ver-
ehrte Dame zutraf, und daß diese einfach
von der Preisgabe ihres Körpers lebte, be-
stand ihre Reaktion in einem großen Mit-
leid und in der Entwicklung von Phantasien
und Vorsätzen, wie sie die Geliebte aus diesen
S.
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unwürdigen Verhältnissen „retten“ könne. Dieselben
„Rettungsbestrebungen“ sind uns bei den Männern
jenes von mir beschriebenen Typus aufgefallen
und ich habe an der erwähnten Stelle die ana-
lytische Ableitung dieses Strebens zu geben
versucht.
In ganz andere Regionen der Erklärung führt
die Analyse des Selbstmordversuchs, den ich
als einen ernstgemeinten gelten lassen muß,
der übrigens ihre Position sowohl bei den
Eltern als auch bei der geliebten Dame
beträchtlich verbesserte. Sie ging eines Tages
mit ihr in einer Gegend und zu einer
Stunde spazieren, wo eine Begegnung mit
dem vom Bureau kommenden Vater nicht
unwahrscheinlich war. Der Vater ging auch
an ihnen vorüber und warf einen wütenden
Blick auf sie und die ihm bereits bekannte
Begleiterin. Kurz darauf stürzte sie sich in
den Stadtbahngraben. Ihre Rechenschaft von
der näheren Verursachung ihres Entschlusses
klingt nun ganz plausibel. Sie hatte der
Dame eingestanden, daß der Herr, der sie
beide so böse angeschaut hatte, ihr Vater
sei, der von diesem Verkehr absolut nichts
wissen wolle. Die Dame war nun aufgebraust,
hatte ihr befohlen, sie sofort zu verlassen
und nie mehr zu erwarten oder anzureden,
diese Geschichte müsse nun ein Ende haben.
In der Verzweiflung darüber, daß sie so
die Geliebte für immer verloren habe,
wollte sie sich den Tod geben. Die Analyse
gestattete aber eine andere und tiefer
greifende Deutung hinter der ihrigen
aufzudecken und durch ihre eigenen Träume
zu stützen. Der Selbstmordversuch war, wie
man erwarten durfte, außerdem noch zwei-
erlei: eine Straferfüllung (Selbstbestrafung)
und eine Wunscherfüllung. Als letztere
bedeutete er die Durchsetzung jenes Wunsches,
dessen Enttäuschung sie in die Homosexualität
getrieben hatte, nämlich vom Vater ein
Kind zu bekommen, denn nun kam sie
durch die Schuld des Vaters nieder. x)
x) Diese Deutungen der Wege des Selbstmordes durch
sexuelle Wunscherfüllungen sind längst allen
S.
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Analytikern vertraut. (Vergiften = schwanger werden,
ertränken = gebären. Von einer Höhe herabstürzen =
niederkommen.) Ich weiß nicht ob sie in diesen Blat-
ter zuerst publiziert worden sind.
Es stellt die Verbindung dieser Tiefendeutung mit
der dem Mädchen bewußten oberflächlichen her,
daß in diesem Moment die Dame genau so gesprochen
hatte wie der Vater und das nämliche Verbot
hatte ergehen lassen. Als Selbstbestrafung bürgt
uns die Handlung des Mädchens dafür, daß sie
starke Todeswünsche gegen den einen oder den
anderen Elternteil in ihrem Unbewußten ent-
wickelt hatte. Vielleicht aus Rachsucht gegen den
ihre Liebe störenden Vater, noch wahrschein-
licher aber auch gegen die Mutter, als sie mit dem
kleinen Bruder schwanger ging. Denn die
Analyse hat uns zum Rätsel des Selbstmordes
die Aufklärung gebracht, daßeinvielleicht niemand
die psychische Energie sich zu töten findet, der
nichtdabeierstens dabei ein Objekt mittötet mit
dem er sich identifiziert hat und der nicht zweitens
dadurch einen Todeswunsch gegen sich selbst wendet,
welcherdortgegen eine andere Person gerichtet war.
Die regelmäßige Aufdeckung solcher unbewußter
Todeswünsche beim Selbstmörder braucht übrigens
weder zu befremden noch als Bestätigung
unserer Ableitungen zu imponieren, denn
das Unbewußte aller Lebenden ist von solchen
Todeswünschen, selbst gegen sonst geliebte Personen,
übervoll. x) In der Identifizierung mit der Mutter,
x) Vgl. Zeitgemäßes
Bemerkungenüber Krieg und Tod. Imago
die an der Niederkunft mit diesem, ihr (der Tochter)
vorenthaltenen Kinde, hätte sterben sollen, ist aber
diese Straferfüllung selbst wieder eine Wunsch-
erfüllung. Endlich, daß die verschiedensten starken
Motive zusammenwirken mußten, um eine
Tat wie die unseres Mädchens zu ermög-
lichen, wird unserer Erwartung nicht wider-
sprechen.
In der Motivierung des Mädchens kommt der Vater
nicht vor, nicht einmal die Angst vor seinem Zorn
wird erwähnt. In der von der Analyse erratenen
Motivierung fällt ihm die Hauptrolle zu. Diese
selbe entscheidende Bedeutung hatte das Ver-
S.
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hältnis zum Vater auch für den Verlauf und den
Ausgang der analytischen Behandlung oder
vielmehr Exploration. Hinter der vorgeschützten
Rücksicht auf die Eltern, denen zu Liebe sie den
Versuch einer Umwandlung unterstützen wollte,
verbarg sich die Trotz- und Racheeinstellung
gegen den Vater, welche sie in der Homosexual-
ität festhielt. Durch solche Deckung gesichert, gab
der Widerstand ein großes Gebiet der analytischen
Erforschung frei. Die Analyse vollzog sich fast
ohne Anzeichen von Widerstand, unter reger
intellektueller Beteiligung der Analysierten,
aber auch bei völliger Gemütsruhe derselben.
Als ich ihr einmal ein besonders wichtiges und
sie nahe betreffendes Stück der Theorie
auseinandersetzte, äußerte sie mit unnachahmlicher
Betonung: Ach, das ist ja sehr interessant, wie
eine Weltdame, die durch ein Museum ge-
führt wird und Gegenstände, die ihr vollkommen
gleichgiltig sind durch ein Lorgnon in Augen-
schein nimmt. Der Eindruck von ihrer Analyse
näherte sich dem einer hypnotischen Behand-
lung, in welcher sich der Widerstand gleichfalls
bis zu einer bestimmten Grenze zurückgezogen
hat, an der er sich dann als unbesiegbar
erweist. Dieselbe – russische – Taktik, könnte man
sie nennen, befolgt der Widerstand sehr oft
in Fällen von Zwangsneurose, die darum
eine Zeit lang die klarsten Ergebnisse liefern
und einentiefentiefen Einblick in die Verur-
sachung der Symptome gestatten. Man beginnt
dann sich zu wundern, warum so große Fort-
schritte im analytischen Verständnis auch nicht
die leiseste Änderung in den Zwängen und
Hemmungen des Kranken mit sich bringen,
bis man endlich bemerkt, daß alles, was
man zu Stande gebracht hat, mit dem Vorbe-
halt des Zweifels behaftet war, hinter
welchem Schutzwall sich die Neurose sicher
fühlen durfte. „Es wäre ja alles recht schön, heißt
es im Kranken, oft auch bewußter Weise, wenn
ich dem Manne Glauben schenken müßte,
aber davon ist ja keine Rede, und so lange
das nicht der Fall ist, brauche ich auch nichts
zu ändern.“ Nähert man sich dann der Motivierung
dieses Zweifels, so bricht der Kampf mit
den Widerständen ernsthaft los.
S.
21
Bei unserem Mädchen war es nicht der Zweifel,
sondern das affektive Moment der Rache am
Vater, das ihre kühle Reserve ermöglichte,
und die Analyse deutlich in zwei Phasen zerlegte,
und die Ergebnisse der ersten Phase so vollständig
und übersichtlich werden ließ. Es hatte auch den
Anschein als ob bei dem Mädchen nichts einer
Übertragung auf den Arzt Ähnliches zu Stande
zu Stande gekommen sei. Aber ist das natür-
lich ein Widersinn oder eine ungenaue
Ausdrucksweise; irgend ein Verhältnis zum
Arzt mußte sich doch herstellen und dies wird
zu allermeist aus einer infantilen Relation
übertragen sein. In Wirklichkeit übertrug
sie auf mich die gründliche Ablehnung des
Mannes, von der sie seit ihrer Enttäuschung
durch den Vater beherrscht war. Die Erbitter-
ung gegen den Mann hat es in der Regel
leicht, sich am Arzt zu befriedigen, sie braucht
keine stürmischen Gefühlsäußerungen hervor-
zurufen, sie äußert sich einfach in der Ver-
eitelung all seiner Bemühungen und im Fest-
halten am Kranksein. Ich weiß aus Erfahrung
wie schwierig es ist, den Analysierten zum
Verständnis gerade dieser stummen Symptomatik
zu bringen und solche latente oft exzessiv große
Feindseligkeit ohne Gefährdung der Kur be-
wußt zu machen. Ich brach also ab, sobald ich die
Einstellung des Mädchens zum Vater erkannt
hatte, und gab den Rat, den therapeutischen
Versuch, wenn man Wert auf ihn legte bei
einer Ärztin fortführen zu lassen. Das Mäd-
chen hatte unterdes dem Vater das Ver-
sprechen abgegeben, wenigstens den Ver-
kehr mit der „Dame“ zu unterlassen, und
ich weiß nicht, ob mein Rat, dessen Motiv-
ierung ja durchsichtig ist, befolgt werden wird.
Ein einziges Mal kam auch in dieser Analyse
etwas vor, was ich als positive Übertragung,
als außerordentlich abgeschwächte Erneuerung
der ursprünglichen leidenschaftlichen Verliebt-
heit in den Vater auffassen konnte. Auch
diese Äußerung war vom Zusatz eines anderen
Motivs nicht frei, ich erwähne sie aber, weil
sie nach anderer Richtung ein interessantes
Problem der analytischen Technik zur Frage bringt.
S.
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Zu einer bestimmten gewissen Zeit, nicht lange nach dem
Beginne der Kur brachte das Mädchen eine Reihe
von Träumen vor, die, gebührend entstellt und
in korrekter Traumsprache abgefaßt, doch
leicht und sicher zu übersetzen waren. Ihr
gedeuteter Inhalt war aber auffällig. Sie anti-
zipierten die Heilung der Inversion durch die
Behandlung drückten ihre Freude über die ihr
nun eröffneten Lebensaussichten aus, gestanden
die Sehnsucht nach der Liebe eines Mannes
und nach Kindern ein und konnten somit
als erfreuliche Vorbereitung zur erwünschten
Wandlung begrüßt werden. Der Widerspruch
gegen ihre gleichzeitigen Äußerungen im Wachen
war sehr groß. Sie machte mir kein Hehl daraus,
daß sie zwar zu heiraten gedenke, aber
nur um sich der Tyrannei des Vaters zu
entziehen und ungestört ihren wirklichen
Neigungen zu leben. Mit dem Manne meinte
sie etwas verächtlich, würde sie schon fertig
werden, und endlich könne man ja, wie das
Beispiel der verehrten Dame zeige auch
gleichzeitig sexuelle Beziehungen mit einem Mann
und mit einer Frau haben. Durch irgend
einen leisen Eindruck gewarnt erklärte
ich ihr eines Tages, ich glaube diesen Träumen
nicht, sie seien lügnerisch oder heuchlerisch,
und ihre Absicht sei, mich zu betrügen, wie
sie den Vater zu betrügen pflegte. Ich
hatte Recht, diese Art von Träumen blieben
von dieser Aufklärung an aus. Ich glaube
aber doch, neben der Absicht der Irreführung lag
auch ein Stück Werbung in diesen Träumen;
es war auch ein Versuch, mein Interesse
und meine gute Meinung zu gewinnen,
vielleicht um mich später desto gründ-
licher zu enttäuschen.
Ich kann mir vorstellen, daß der Hinweis auf die
Existenz solch lügnerischer Gefälligkeitsträume
bei manchen, die sich Analytiker nennen, einen
wahren Sturm von hilfloser Entrüstung entfesseln
wird. „Also kann auch das Unbewußte lügen,
der wirkliche Kern unseres Seelenlebens, dasjenige
in uns, was dem Göttlichen so viel näher ist, als
unser armseliges Bewußtsein! Wie kann man
dann noch auf die Deutungen der Analyse und
S.
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die Sicherheit unserer Erkenntnisse bauen? Dagegen
muß gesagt werden, daß die Anerkennung solch
lügenhafter Träume eine erschütternde Neuheit
nicht bedeutet. Ich weiß zwar, daß das Bedürfnis
der Menschen nach Mystik unausrottbar ist,
und daß es unablässige Versuche macht, das durch
die „Traumdeutung“ der Mystik entrissene
Gebiet für sie wiederzugewinnen, aber
in dem Falle, der uns beschäftigt, liegt doch
alles einfach genug. Der Traum ist nicht das
„Unbewußte“, er ist die Form, in welche ein
aus dem Vorbewußten oder selbst aus
dem Bewußten des Wachlebens erübrigter
Gedanke dank der Begünstigungen des Schlaf-
zustandes umgegossen werden konnte. Im
Schlafzustande hat er die Unterstützung un-
bewußter Wunschregungen gewonnen
und dabei die Entstellung durch die Traum-
arbeit erfahren, welche durch die fürs
Unbewußte geltenden Mechanismen be-
stimmt wird. Bei unserer Träumerin stammte
die Absicht, mich irrezuführen wie sie es
beim Vater zu tun pflegte, gewiß aus
dem Vorbewußten, wenn sie nicht etwa
gar bewußt war; sie konnte sich nun
durchsetzen, indem sie mit der unbewußten
Wunschregung, dem Vater (oder Vaterersatz)
zu gefallen, in Verbindung trat, und schuf
so einen lügnerischen Traum. Die beiden
Absichten, den Vater zu betrügen und
dem Vater zu gefallen stammen aus dem-
selben Komplex, die erstere ist aus der
Verdrängung der letzteren erwachsen, sie
die spätere wird durch die Traumarbeit auf die
frühere zurückgeführt. Von einer Entwürdig-
ung des Unbewußten, von einer Erschütter-
ung des Zutrauens in die Ergebnisse
unserer Analyse kann also nicht die Rede
sein.
Ich will die Gelegenheit nicht versäumen,
auch einmal das Erstaunen darüber zu
Worte kommen zu lassen, daß die Men-
schen so große und bedeutungsvolle Stücke
ihres Liebeslebens durchmachen können,
ohne viel davon zu bemerken, ja mitunter
ohne das Mindeste davon zu ahnen, oder
daß sie, wenn es zu ihrem Bewußtsein kommt,
sich mit dem Urteil so gründlich dar-
über täuschen. Das geschieht nicht nur
unter den Bedingungen der Neurose, wo
wir mit dem Phänomen vertraut sind,
S.
24
sondern scheint auch sonst recht gewöhnlich zu sein.
In unserem Falle entwickelt ein Mädchen eine
Schwärmerei für Frauen, die von den Eltern
zuerst nur als ärgerlich empfunden, aber
kaum ernst genommen wird; sie selbst weiß
wohl wie sehr sie davon in Anspruch genommen
wird, fühlt aber doch nur wenig von den Sensationen
einer intensiven Verliebtheit, bis sich bei einer
bestimmten Versagung eine ganz exzessive
Reaktion ergibt, die allen Teilen zeigt,
daß man es mit einer verzehrenden Leiden-
schaft von elementarer Stärke zu tun
hat. Von den Voraussetzungen, die für das Her-
vorbrechen eines solchen seelischen Sturmes
erforderlich sind, hat das Mädchen niemals
etwas bemerkt. Andere Male trifft man
auf Mädchen oder Frauen in schweren
Depressionen, die, nach der möglichen Ver-
ursachung ihres Zustandes befragt,wo
die Auskunft geben, sie haben wohl ein
gewisses Interesse für eine bestimmte
Person verspürt, aber es sei ihnen
nicht tief gegangen und sie seien sehr
bald damit fertig geworden, nachdem es
aufgegeben werden mußte. Und doch ist
dieser anscheinend so leicht ertragene Ver-
zicht die Ursache der schweren Störung
geworden. Oder man hat es mit Männern
zu tun, die oberflächliche Liebesbeziehungen
zu Frauen erledigt haben und erst aus
den Folgeerscheinungen erfahren müssen,
daß sie in das angeblich geringgeschätzte Ob-
jekt leidenschaftlich verliebt waren.
Man erstaunt auch über die ungeahnten
Wirkungen, die von einem künstlichen Ab-
ortus der Tötung einer Leibesfrucht, aus-
gehen können, zu der man sich ohne Reue
und Bedenken entschlossen hatte. Man
sieht sich so genötigt, den Dichtern Recht
zu geben, die uns mit Vorliebe Personen
schildern, welche lieben ohne es zu wissen,
oder die es nicht wissen, ob sie lieben,
oder die zu hassen glauben, während sie
lieben. Es scheint, daß gerade die Nach-
richt welche unser Bewußtsein von
unserem Liebesleben erhält, besonders leicht
unvollständig, lückenhaft oder gefälscht sein
kann. In diesen Erörterungen habe ich es natür-
lich nicht versäumt, den Anteil eines nach-
träglichen Vergessens in Abzug zu bringen.
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Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität1920-001/1920.01
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