• S.

    16

    Mädchens kann ich nicht anders beurteilen.
    Der Vater mußte doch gelegentlich von
    ihrem Umgang mit der Dame erfahren,
    sonst wäre ihr die Rachebefriedigung, die
    ihr die dringendste war, entgangen. So
    sorgte sie dafür, indem sie sich mit der
    Angebeteten öffentlich zeigte, in den Straßen
    nahe dem Geschäftslokal des Vaters mit
    ihr spazieren ging u dgl. Auch diese Unge-
    schicklichkeiten waren geschahen nicht absichtslos.
    Es ist übrigens merkwürdig, daß beide
    Eltern sich so benahmen als ob sie die
    geheime Psychologie ihrer Tochter verstünden.
    Die Mutter zeigte sich tolerant, als ob sie das Aus-
    weichen der Tochter als Gefälligkeit würdigte,
    der Vater raste, als fühlte er die gegen seine
    Person gerichtete Racheabsicht.
     

       Die letzte Kräftigung erfuhr aber die Inversion
    des Mädchens, als sie in der „Dame“ auf ein
    Objekt stieß, welches gleichzeitig dem noch
    am Bruder haftenden Anteil ihrer heterosexuellen Libido
    Befriedigung bot.
     

    III.
     

    Die lineare Darstellung eignet sich wenig zur
    Beschreibung der verschlungenen und in verschiedenen
    seelischen Schichten ablaufenden seelischen Vorgänge.
    Ich bin genötigt in der Diskussion des Falles inne zu
    halten und einiges von dem Mitgeteilten
    zu erweitern und zu vertiefen.
     

       Ich habe erwähnt, daß das Mädchen in ihrem
    Verhältnis zur verehrten Dame den männlichen
    Typus der Liebe annahm. Ihre Demut und zärtliche
    Anspruchslosigkeit, „che poco spera e nulla chiede“,
    die Seligkeit, wenn ihr gestattet wurde, die Dame
    ein Stück weit zu begleiten und ihr beim
    Abschied die Hand zu küssen, die Freude,
    wenn sie sie als schön rühmen hörte, während
    die Anerkennung ihrer eigenen Schönheit von
    fremder Seite ihr gar nichts bedeutete, ihre
    Pilgerbesuche nach Örtlichkeiten, wo die Geliebte
    sich vorher einmal aufgehalten hatte, das Verstummen
    aller weiter reichenden sinnlichen Wünsche:
    alle diese kleinen Züge entwarfen etwa
    das rechte Bild Bild einer schwärmerischen Leidenschaft
    eines Jünglings für eine gefeierte Künstlerin,
    zu welcher er seinen Blick nur schüchtern
    zu erheben wagt, die er hoch über sich erhaben
    glaubt, und die Notiznehmung mit einem
     

  • S.

    17

    von mir beschriebenen Typus der männlichen Objektwahl
    dessen Besonderheiten ich auf die Bindung an die
    Mutter zurückgeführt habe, x) ging bis in die Einzel-
     

    x) Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre, vierte
    Folge 1914.
     

    heiten. Es konnte auffällig erscheinen, daß sie durch
    den schlechten Leumund der Geliebten nicht
    im Mindesten abgeschreckt wurde, obwohl ihre
    eigenen Beobachtungen sie von der Berechtigung
    dieser Nachrede genügend überzeugten. Sie
    war doch eigentlich ein wohlerzogenes und
    keusches Mädchen, das für ihre eigene Person
    sexuellen Abenteuern aus dem Weg gegangen
    war und grobsinnliche Befriedigungen als
    unästhetisch empfand. Aber bereits ihre
    ersten Schwärmereien hatten Frauen ge-
    golten, denen man keine Neigung zu beson-
    ders strenger Sittlichkeit nachrühmte. Den
    ersten Protest des Vaters gegen ihre Liebes-
    wahl hatte sie durch die Hartnäckigkeit hervor-
    gerufen, mit der sie sich um den Verkehr mit
    einer Kinoschauspielerin an
    jenem Sommerorte bemühte. Dabei hatte es sich
    keineswegs um
    Frauen gehandelt, die etwa im Rufe der
    Homosexualität standen und ihr somit Aus-
    sicht auf solche Befriedigung geboten hätten; viel-
    mehr warb sie unlogischer Weise um kokette Frauen
    im gewöhnlichen Sinne des Wortes; eine homo-
    sexuelle, ihr gleichaltrige Freundin die sich
    ihr bereitwilligst zur Verfügung stellte, wies
    sie ohne Bedenken ab. Der schlechte Ruf
    der „Dame“ aber war geradezu eine Liebesbe-
    dingung für sie, und alles Rätselhafte dieses
    Verhaltens verschwindet, wenn wir uns
    erinnern, daß auch für jenen von der
    Mutter abgeleiteten männlichen Typus
    der Objektwahl die Bedingung besteht, daß
    die Geliebte irgendwie „sexuell anrüchig“,
    sie eigentlich eine Kokotte genannt werden
    dürfe. Als sie später erfuhr, in welchem
    Ausmaß diese Kennzeichnung für ihre ver-
    ehrte Dame zutraf, und daß diese einfach
    von der Preisgabe ihres Körpers lebte, be-
    stand ihre Reaktion in einem großen Mit-
    leid und in der Entwicklung von Phantasien
    und Vorsätzen, wie sie die Geliebte aus diesen
     

  • S.

    18

    unwürdigen Verhältnissen „retten“ könne. Dieselben
    „Rettungsbestrebungen“ sind uns bei den Männern
    jenes von mir beschriebenen Typus aufgefallen
    und ich habe an der erwähnten Stelle die ana-
    lytische Ableitung dieses Strebens zu geben
    versucht.
     

       In ganz andere Regionen der Erklärung führt
    die Analyse des Selbstmordversuchs, den ich
    als einen ernstgemeinten gelten lassen muß,
    der übrigens ihre Position sowohl bei den
    Eltern als auch bei der geliebten Dame
    beträchtlich verbesserte. Sie ging eines Tages
    mit ihr in einer Gegend und zu einer
    Stunde spazieren, wo eine Begegnung mit
    dem vom Bureau kommenden Vater nicht
    unwahrscheinlich war. Der Vater ging auch
    an ihnen vorüber und warf einen wütenden
    Blick auf sie und die ihm bereits bekannte
    Begleiterin. Kurz darauf stürzte sie sich in
    den Stadtbahngraben. Ihre Rechenschaft von
    der näheren Verursachung ihres Entschlusses
    klingt nun ganz plausibel. Sie hatte der
    Dame eingestanden, daß der Herr, der sie
    beide so böse angeschaut hatte, ihr Vater
    sei, der von diesem Verkehr absolut nichts
    wissen wolle. Die Dame war nun aufgebraust,
    hatte ihr befohlen, sie sofort zu verlassen
    und nie mehr zu erwarten oder anzureden,
    diese Geschichte müsse nun ein Ende haben.
    In der Verzweiflung darüber, daß sie so
    die Geliebte für immer verloren habe,
    wollte sie sich den Tod geben. Die Analyse
    gestattete aber eine andere und tiefer
    greifende Deutung hinter der ihrigen
    aufzudecken und durch ihre eigenen Träume
    zu stützen. Der Selbstmordversuch war, wie
    man erwarten durfte, außerdem noch zwei-
    erlei: eine Straferfüllung (Selbstbestrafung)
    und eine Wunscherfüllung. Als letztere
    bedeutete er die Durchsetzung jenes Wunsches,
    dessen Enttäuschung sie in die Homosexualität
    getrieben hatte, nämlich vom Vater ein
    Kind zu bekommen, denn nun kam sie
    durch die Schuld des Vaters nieder. x)
     

    x) Diese Deutungen der Wege des Selbstmordes durch
    sexuelle Wunscherfüllungen sind längst allen
     

  • S.

    19

    Analytikern vertraut. (Vergiften = schwanger werden,
    ertränken = gebären. Von einer Höhe herabstürzen =
    niederkommen.) Ich weiß nicht ob sie in diesen Blat-
    ter zuerst publiziert worden sind.
     

    Es stellt die Verbindung dieser Tiefendeutung mit
    der dem Mädchen bewußten oberflächlichen her,
    daß in diesem Moment die Dame genau so gesprochen
    hatte wie der Vater und das nämliche Verbot
    hatte ergehen lassen. Als Selbstbestrafung bürgt
    uns die Handlung des Mädchens dafür, daß sie
    starke Todeswünsche gegen den einen oder den
    anderen Elternteil in ihrem Unbewußten ent-
    wickelt hatte. Vielleicht aus Rachsucht gegen den
    ihre Liebe störenden Vater, noch wahrschein-
    licher aber auch gegen die Mutter, als sie mit dem
    kleinen Bruder schwanger ging. Denn die
    Analyse hat uns zum Rätsel des Selbstmordes
    die Aufklärung gebracht, daß ein vielleicht niemand
    die psychische Energie sich zu töten findet, der
    nicht dabei erstens dabei ein Objekt mittötet mit
    dem er sich identifiziert hat und der nicht zweitens
    dadurch einen Todeswunsch gegen sich selbst wendet,
    welcher dort gegen eine andere Person gerichtet war.
    Die regelmäßige Aufdeckung solcher unbewußter
    Todeswünsche beim Selbstmörder braucht übrigens
    weder zu befremden noch als Bestätigung
    unserer Ableitungen zu imponieren, denn
    das Unbewußte aller Lebenden ist von solchen
    Todeswünschen, selbst gegen sonst geliebte Personen,
    übervoll. x) In der Identifizierung mit der Mutter,
     

    x) Vgl. Zeitgemäßes Bemerkungen über Krieg und Tod. Imago
     

    die an der Niederkunft mit diesem, ihr (der Tochter)
    vorenthaltenen Kinde, hätte sterben sollen, ist aber
    diese Straferfüllung selbst wieder eine Wunsch-
    erfüllung. Endlich, daß die verschiedensten starken
    Motive zusammenwirken mußten, um eine
    Tat wie die unseres Mädchens zu ermög-
    lichen, wird unserer Erwartung nicht wider-
    sprechen.
     

       In der Motivierung des Mädchens kommt der Vater
    nicht vor, nicht einmal die Angst vor seinem Zorn
    wird erwähnt. In der von der Analyse erratenen
    Motivierung fällt ihm die Hauptrolle zu. Diese
    selbe entscheidende Bedeutung hatte das Ver-
     

  • S.

    20

    hältnis zum Vater auch für den Verlauf und den
    Ausgang der analytischen Behandlung oder
    vielmehr Exploration. Hinter der vorgeschützten
    Rücksicht auf die Eltern, denen zu Liebe sie den
    Versuch einer Umwandlung unterstützen wollte,
    verbarg sich die Trotz- und Racheeinstellung
    gegen den Vater, welche sie in der Homosexual-
    ität festhielt. Durch solche Deckung gesichert, gab
    der Widerstand ein großes Gebiet der analytischen
    Erforschung frei. Die Analyse vollzog sich fast
    ohne Anzeichen von Widerstand, unter reger
    intellektueller Beteiligung der Analysierten,
    aber auch bei völliger Gemütsruhe derselben.
    Als ich ihr einmal ein besonders wichtiges und
    sie nahe betreffendes Stück der Theorie
    auseinandersetzte, äußerte sie mit unnachahmlicher
    Betonung: Ach, das ist ja sehr interessant, wie
    eine Weltdame, die durch ein Museum ge-
    führt wird und Gegenstände, die ihr vollkommen
    gleichgiltig sind durch ein Lorgnon in Augen-
    schein nimmt. Der Eindruck von ihrer Analyse
    näherte sich dem einer hypnotischen Behand-
    lung, in welcher sich der Widerstand gleichfalls
    bis zu einer bestimmten Grenze zurückgezogen
    hat, an der er sich dann als unbesiegbar
    erweist. Dieselbe – russische – Taktik, könnte man
    sie nennen, befolgt der Widerstand sehr oft
    in Fällen von Zwangsneurose, die darum
    eine Zeit lang die klarsten Ergebnisse liefern
    und einen tiefen tiefen Einblick in die Verur-
    sachung der Symptome gestatten. Man beginnt
    dann sich zu wundern, warum so große Fort-
    schritte im analytischen Verständnis auch nicht
    die leiseste Änderung in den Zwängen und
    Hemmungen des Kranken mit sich bringen,
    bis man endlich bemerkt, daß alles, was
    man zu Stande gebracht hat, mit dem Vorbe-
    halt des Zweifels behaftet war, hinter
    welchem Schutzwall sich die Neurose sicher
    fühlen durfte. „Es wäre ja alles recht schön, heißt
    es im Kranken, oft auch bewußter Weise, wenn
    ich dem Manne Glauben schenken müßte,
    aber davon ist ja keine Rede, und so lange
    das nicht der Fall ist, brauche ich auch nichts
    zu ändern.“ Nähert man sich dann der Motivierung
    dieses Zweifels, so bricht der Kampf mit
    den Widerständen ernsthaft los.
     

  • S.

    21

    Bei unserem Mädchen war es nicht der Zweifel,
    sondern das affektive Moment der Rache am
    Vater, das ihre kühle Reserve ermöglichte,
    und die Analyse deutlich in zwei Phasen zerlegte,
    und die Ergebnisse der ersten Phase so vollständig
    und übersichtlich werden ließ. Es hatte auch den
    Anschein als ob bei dem Mädchen nichts einer
    Übertragung auf den Arzt Ähnliches zu Stande
    zu Stande gekommen sei. Aber ist das natür-
    lich ein Widersinn oder eine ungenaue
    Ausdrucksweise; irgend ein Verhältnis zum
    Arzt mußte sich doch herstellen und dies wird
    zu allermeist aus einer infantilen Relation
    übertragen sein. In Wirklichkeit übertrug
    sie auf mich die gründliche Ablehnung des
    Mannes, von der sie seit ihrer Enttäuschung
    durch den Vater beherrscht war. Die Erbitter-
    ung gegen den Mann hat es in der Regel
    leicht, sich am Arzt zu befriedigen, sie braucht
    keine stürmischen Gefühlsäußerungen hervor-
    zurufen, sie äußert sich einfach in der Ver-
    eitelung all seiner Bemühungen und im Fest-
    halten am Kranksein. Ich weiß aus Erfahrung
    wie schwierig es ist, den Analysierten zum
    Verständnis gerade dieser stummen Symptomatik
    zu bringen und solche latente oft exzessiv große
    Feindseligkeit ohne Gefährdung der Kur be-
    wußt zu machen. Ich brach also ab, sobald ich die
    Einstellung des Mädchens zum Vater erkannt
    hatte, und gab den Rat, den therapeutischen
    Versuch, wenn man Wert auf ihn legte bei
    einer Ärztin fortführen zu lassen. Das Mäd-
    chen hatte unterdes dem Vater das Ver-
    sprechen abgegeben, wenigstens den Ver-
    kehr mit der „Dame“ zu unterlassen, und
    ich weiß nicht, ob mein Rat, dessen Motiv-
    ierung ja durchsichtig ist, befolgt werden wird.
     

       Ein einziges Mal kam auch in dieser Analyse
    etwas vor, was ich als positive Übertragung,
    als außerordentlich abgeschwächte Erneuerung
    der ursprünglichen leidenschaftlichen Verliebt-
    heit in den Vater auffassen konnte. Auch
    diese Äußerung war vom Zusatz eines anderen
    Motivs nicht frei, ich erwähne sie aber, weil
    sie nach anderer Richtung ein interessantes
    Problem der analytischen Technik zur Frage bringt.
     

  • S.

    22

    Zu einer bestimmten gewissen Zeit, nicht lange nach dem
    Beginne der Kur brachte das Mädchen eine Reihe
    von Träumen vor, die, gebührend entstellt und
    in korrekter Traumsprache abgefaßt, doch
    leicht und sicher zu übersetzen waren. Ihr
    gedeuteter Inhalt war aber auffällig. Sie anti-
    zipierten die Heilung der Inversion durch die
    Behandlung drückten ihre Freude über die ihr
    nun eröffneten Lebensaussichten aus, gestanden
    die Sehnsucht nach der Liebe eines Mannes
    und nach Kindern ein und konnten somit
    als erfreuliche Vorbereitung zur erwünschten
    Wandlung begrüßt werden. Der Widerspruch
    gegen ihre gleichzeitigen Äußerungen im Wachen
    war sehr groß. Sie machte mir kein Hehl daraus,
    daß sie zwar zu heiraten gedenke, aber
    nur um sich der Tyrannei des Vaters zu
    entziehen und ungestört ihren wirklichen
    Neigungen zu leben. Mit dem Manne meinte
    sie etwas verächtlich, würde sie schon fertig
    werden, und endlich könne man ja, wie das
    Beispiel der verehrten Dame zeige auch
    gleichzeitig sexuelle Beziehungen mit einem Mann
    und mit einer Frau haben. Durch irgend
    einen leisen Eindruck gewarnt erklärte
    ich ihr eines Tages, ich glaube diesen Träumen
    nicht, sie seien lügnerisch oder heuchlerisch,
    und ihre Absicht sei, mich zu betrügen, wie
    sie den Vater zu betrügen pflegte. Ich
    hatte Recht, diese Art von Träumen blieben
    von dieser Aufklärung an aus. Ich glaube
    aber doch, neben der Absicht der Irreführung lag
    auch ein Stück Werbung in diesen Träumen;
    es war auch ein Versuch, mein Interesse
    und meine gute Meinung zu gewinnen,
    vielleicht um mich später desto gründ-
    licher zu enttäuschen.
     

    Ich kann mir vorstellen, daß der Hinweis auf die
    Existenz solch lügnerischer Gefälligkeitsträume
    bei manchen, die sich Analytiker nennen, einen
    wahren Sturm von hilfloser Entrüstung entfesseln
    wird. „Also kann auch das Unbewußte lügen,
    der wirkliche Kern unseres Seelenlebens, dasjenige
    in uns, was dem Göttlichen so viel näher ist, als
    unser armseliges Bewußtsein! Wie kann man
    dann noch auf die Deutungen der Analyse und
     

  • S.

    23

    die Sicherheit unserer Erkenntnisse bauen? Dagegen
    muß gesagt werden, daß die Anerkennung solch
    lügenhafter Träume eine erschütternde Neuheit
    nicht bedeutet. Ich weiß zwar, daß das Bedürfnis
    der Menschen nach Mystik unausrottbar ist,
    und daß es unablässige Versuche macht, das durch
    die „Traumdeutung“ der Mystik entrissene
    Gebiet für sie wiederzugewinnen, aber
    in dem Falle, der uns beschäftigt, liegt doch
    alles einfach genug. Der Traum ist nicht das
    „Unbewußte“, er ist die Form, in welche ein
    aus dem Vorbewußten oder selbst aus
    dem Bewußten des Wachlebens erübrigter
    Gedanke dank der Begünstigungen des Schlaf-
    zustandes umgegossen werden konnte. Im
    Schlafzustande hat er die Unterstützung un-
    bewußter Wunschregungen gewonnen
    und dabei die Entstellung durch die Traum-
    arbeit erfahren, welche durch die fürs
    Unbewußte geltenden Mechanismen be-
    stimmt wird. Bei unserer Träumerin stammte
    die Absicht, mich irrezuführen wie sie es
    beim Vater zu tun pflegte, gewiß aus
    dem Vorbewußten, wenn sie nicht etwa
    gar bewußt war; sie konnte sich nun
    durchsetzen, indem sie mit der unbewußten
    Wunschregung, dem Vater (oder Vaterersatz)
    zu gefallen, in Verbindung trat, und schuf
    so einen lügnerischen Traum. Die beiden
    Absichten, den Vater zu betrügen und
    dem Vater zu gefallen stammen aus dem-
    selben Komplex, die erstere ist aus der
    Verdrängung der letzteren erwachsen, sie
    die spätere wird durch die Traumarbeit auf die
    frühere zurückgeführt. Von einer Entwürdig-
    ung des Unbewußten, von einer Erschütter-
    ung des Zutrauens in die Ergebnisse
    unserer Analyse kann also nicht die Rede
    sein.
     

       Ich will die Gelegenheit nicht versäumen,
    auch einmal das Erstaunen darüber zu
    Worte kommen zu lassen, daß die Men-
    schen so große und bedeutungsvolle Stücke
    ihres Liebeslebens durchmachen können,
    ohne viel davon zu bemerken, ja mitunter
    ohne das Mindeste davon zu ahnen, oder
    daß sie, wenn es zu ihrem Bewußtsein kommt,
    sich mit dem Urteil so gründlich dar-
    über täuschen. Das geschieht nicht nur
    unter den Bedingungen der Neurose, wo
    wir mit dem Phänomen vertraut sind,
     

  • S.

    24

    sondern scheint auch sonst recht gewöhnlich zu sein.
    In unserem Falle entwickelt ein Mädchen eine
    Schwärmerei für Frauen, die von den Eltern
    zuerst nur als ärgerlich empfunden, aber
    kaum ernst genommen wird; sie selbst weiß
    wohl wie sehr sie davon in Anspruch genommen
    wird, fühlt aber doch nur wenig von den Sensationen
    einer intensiven Verliebtheit, bis sich bei einer
    bestimmten Versagung eine ganz exzessive
    Reaktion ergibt, die allen Teilen zeigt,
    daß man es mit einer verzehrenden Leiden-
    schaft von elementarer Stärke zu tun
    hat. Von den Voraussetzungen, die für das Her-
    vorbrechen eines solchen seelischen Sturmes
    erforderlich sind, hat das Mädchen niemals
    etwas bemerkt. Andere Male trifft man
    auf Mädchen oder Frauen in schweren
    Depressionen, die, nach der möglichen Ver-
    ursachung ihres Zustandes befragt, wo
    die Auskunft geben, sie haben wohl ein
    gewisses Interesse für eine bestimmte
    Person verspürt, aber es sei ihnen
    nicht tief gegangen und sie seien sehr
    bald damit fertig geworden, nachdem es
    aufgegeben werden mußte. Und doch ist
    dieser anscheinend so leicht ertragene Ver-
    zicht die Ursache der schweren Störung
    geworden. Oder man hat es mit Männern
    zu tun, die oberflächliche Liebesbeziehungen
    zu Frauen erledigt haben und erst aus
    den Folgeerscheinungen erfahren müssen,
    daß sie in das angeblich geringgeschätzte Ob-
    jekt leidenschaftlich verliebt waren.
    Man erstaunt auch über die ungeahnten
    Wirkungen, die von einem künstlichen Ab-
    ortus der Tötung einer Leibesfrucht, aus-
    gehen können, zu der man sich ohne Reue
    und Bedenken entschlossen hatte. Man
    sieht sich so genötigt, den Dichtern Recht
    zu geben, die uns mit Vorliebe Personen
    schildern, welche lieben ohne es zu wissen,
    oder die es nicht wissen, ob sie lieben,
    oder die zu hassen glauben, während sie
    lieben. Es scheint, daß gerade die Nach-
    richt welche unser Bewußtsein von
    unserem Liebesleben erhält, besonders leicht
    unvollständig, lückenhaft oder gefälscht sein
    kann. In diesen Erörterungen habe ich es natür-
    lich nicht versäumt, den Anteil eines nach-
    träglichen Vergessens in Abzug zu bringen.