• S.

    25

        IV.

    Ich kehre nun zu der vorhin abgebrochenen Dis-
    kussion des Falles zurück. Wir haben uns einen
    Überblick über die Kräfte verschafft, welche
    die Libido des Mädchens aus der normalen
    Oedipuseinstellung in die der Homosexualität
    überführt haben und über die psychischen Wege,
    die dabei beschritten worden sind. Obenan
    unter diesen bewegenden Kräften stand
    der Eindruck der Geburt ihres kleinen Bruders
    und somit ist uns nahe gelegt den Fall als einen
    von spät erworbener Inversion zu klassi-
    fizieren.
     

       Allein hier werden wir auf ein Verhältnis auf-
    merksam welches uns auch bei vielen anderen
    Beispielen von psychoanalytischer Aufklärung
    eines seelischen Vorganges entgegentritt. Solange
    wir die Entwicklung von ihrem Endergebnis
    aus nach rückwärts verfolgen, stellt sich uns
    ein lückenloser Zusammenhang her und wir
    halten unsere Einsicht für vollkommen befried-
    igend, vielleicht für erschöpfend. Nehmen
    wir aber den umgekehrten Weg, gehen wir
    von den durch die Analyse gefundenen Voraus-
    setzungen aus und suchen diese bis zum Resul-
    tat zu verfolgen, so kommt uns der Eindruck
    einer notwendigen und auf keine andere Weise
    zu bestimmenden Verkettung ganz abhanden.
    Wir merken sofort, es hätte sich auch etwas an-
    deres ergeben können und dies andere Ergebnis
    hätten wir ebensogut verstanden und aufklären
    können. Die Synthese ist also nicht so befried-
    igend wie die Analyse; mit anderen Worten
    wir wären nicht im Stande aus der Kenntnis
    der Voraussetzungen die Natur des Ergeb-
    nisses vorherzusagen.
     

       Es ist sehr leicht, diese betrübliche Erkenntnis
    auf ihre Ursachen zurückzuführen. Mögen
    uns auch die aetiologischen Faktoren, welche
    für einen bestimmten Erfolg maßgebend sind,
    vollständig bekannt sein, wir kennen sie
    doch nur qualitativ und nicht nach ihrer
    relativen nach ihrer Eigenart, Stärke. Einige
    von ihnen werden als zu schwach von anderen
    unterdrückt werden und für das Endergebnis
    nicht in Betracht kommen. Wir wissen aber
    niemals vorher, welche der bestimmenden Momente
     

  • S.

    26

    sich als die schwächeren oder stärkeren erweisen
    werden. Wir sagen nur am Ende, die sich durch-
    gesetzt haben, das waren die stärkeren. Somit
    ist die Verursachung in der Richtung der Analyse
    jedesmal sicher zu erkennen, deren Vorhersage
    in der Richtung der Synthese aber unmöglich.
     

       Wir wollen also nicht behaupten, daß jedes
    Mädchen, dessen aus der Ödipuseinstellung
    der Pubertätsjahre herrührende Liebes-
    sehnsucht eine solche Enttäuschung erfährt,
    darum notwendiger Weise der Homosexualität
    verfallen wird. Andersartige Reaktionen
    auf dieses Trauma werden im Gegenteil
    von dem Mädchen häufiger sein. Dann müssen aber bei diesem besondere
    Momente den Ausschlag gegeben haben,
    solche außerhalb des Traumas wahrscheinlich innerer
    Natur. Es hat auch keine Schwierigkeit sie aufzu-
    zeigen.
     

       Bekanntlich braucht es auch beim Normalen eine gewisse Zeit bis sich die
    Entscheidung über das Geschlecht des Liebesobjekts
    endgiltig durchgesetzt hat. Homosexuelle Schwärmereien
    übermäßig starke, sinnlich betonte Freundschaften
    sind bei beiden Geschlechtern in den ersten
    Jahren nach der Pubertät recht gewöhnlich.
    So war es auch bei unserem Mädchen, aber diese
    Neigungen zeigten sich bei ihr unzweifelhaft
    stärker und hielten länger an als bei anderen.
    Dazu kommt, daß diese Vorboten der späteren
    Homosexualität immer ihr bewußtes Leben
    eingenommen hatten, während die dem Oedipus-
    komplex entspringende Einstellung unbewußt
    geblieben war und nur in solchen Anzeichen
    wie jene Verzärtelung des kleinen Knaben
    zum Vorschein kam. Als Schulmädchen war sie
    lange Zeit verliebt in eine unnahbar
    strenge Lehrerin, einen offenkundigen Mutter-
    ersatz. Ein besonders lebhaftes Interesse
    für manche jungmütterliche Frauen hatte sie
    lange vor der Geburt des Bruders und
    umso sicherer lange Zeit vor jener ersten
    Zurechtweisung durch den Vater gezeigt. Ihre
    Libido lief also von sehr früher Zeit in
    zwei Strömungen, von denen die ober-
    flächlichere unbedenklich eine homosexuelle
    genannt werden darf. Diese war wahrscheinlich
    die direkte unverwandelte Fortsetzung
    einer infantilen Fixierung an die Mutter.
    Möglicher Weise haben wir durch unsere Analyse
     

  • S.

    27

    auch nichts anderes aufgedeckt als den Prozeß der
    bei einem geeigneten Anlaß auch die tiefere
    heterosexuelle Libidoströmung in die manifeste
    homosexuelle überführte.
     

       Ferner lehrte die Analyse, daß das Mädchen aus
    ihren Kinderjahren einen stark betonten
    „Männlichkeitskomplex“ mitgebracht hatte. Lebhaft,
    rauflustig, durchaus nicht gewillt, hinter dem
    wenig älteren Bruder zurückzustehen, hatte
    sie seit jener Inspektion der Genitalien einen
    mächtigen Penisneid entwickelt, dessen Abkömm-
    linge immer noch ihr Denken erfüllten. Sie
    war eigentlich eine Frauenrechtlerin, fand es unge-
    recht, daß die Mädchen nicht dieselben Freiheiten
    genießen sollten wie die Burschen, und sträubte
    sich überhaupt gegen das Loos der Frau. Zur
    Zeit der Analyse waren ihr Schwangerschaft
    und Kindergebären unliebsame Vorstellungen,
    wie ich vermute auch wegen der damit verbundenen
    körperlichen Entstellung. Auf diese Abwehr
    hatte sich ihr mädchenhafter Narzißmus zurück-
    gezogen, der sich nicht mehr als Stolz auf ihre
    Schönheit äußerte. x)
    _______________________________________
    x) Vgl. Kriemhild's Bekenntnis im Nibelungenlied.
    _______________________________________
     

    Verschiedene Anzeichen wiesen
    auf eine ehemals sehr starke Schau- und Exhibit-
    ionslust hin. Wer das Recht der Erwerbung in
    der Aetiologie nicht verkürzt sehen will wird
    aufmerksam machen, daß das geschilderte Verhalten
    des Mädchens gerade so war, wie es durch die
    vereinte Wirkung der mütterlichen Zurücksetzung
    und der Vergleichung ihrer Genitalien mit
    denen des Bruders bei starker Mutter-
    fixierung bestimmt werden mußte. Auch hier
    besteht keine Möglichkeit etwas auf Präg-
    ung durch frühzeitig wirksamen äußeren
    Einfluß zurückzuführen, was man gern
    als konstitutionelle Eigenart aufgefaßt hätte.
    Und auch von dieser Erwerbung – wenn sie wirk-
    lich stattgefunden hat – wird ein Anteil auf
    Rechnung der mitgebrachten Konstitution
    zu setzen sein. So vermengt und vereinigt
    sich in der Beobachtung beständig, was
    wir in der Theorie zu einem Paar von
    Gegensätzen – Vererbung und Erwerbung –
    auseinanderlegen möchten.
     

  • S.

    28

    Hatte ein früherer, vorläufiger Abschluß der Analyse
    zum Ausspruch geführt, es handle sich um einen
    Fall von später Erwerbung der Homosexualität
    so drängt die jetzt vorgenommene Überprüfung
    des Materials vielmehr zum Schluß, es liege
    angeborene Homosexualität vor, die sich wie
    gewöhnlich erst in der Zeit nach der Pubertät
    fixiert und unverkennbar gezeigt habe. Jede
    dieser Klassifizierungen wird nur einem Anteil
    des durch Beobachtung festzustellenden Sachver-
    halts gerecht, vernachlässigt den anderen.
    Wir treffen das Richtige, wenn wir den Wert
    dieser Fragestellung überhaupt gering veran-
    schlagen.
     

       Die Literatur der Homosexualität pflegt die Fragen
    der Objektwahl einerseits und des Geschlechtscharakters
    und der geschlechtlichen Einstellung andererseits nicht scharf
    genug zu trennen, als ob die Entscheidung über
    den einen Punkt notwendiger Weise mit
    der des anderen verknüpft wäre. Die Erfahrung
    zeigt jedoch das Gegenteil: Ein Mann mit
    überwiegend männlichen Eigenschaften, der
    auch den männlichen Typus des Liebeslebens
    zeigt, kann doch in Bezug aufs Objekt invertiert
    sein, nur Männer anstatt Frauen lieben.
    Ein Mann, in dessen Charakter die
    weiblichen Eigenschaften augenfällig vor-
    wiegen, ja der sich in der Liebe wie ein
    Weib benimmt, sollte durch diese weibliche
    Einstellung auf den Mann als Liebes-
    objekt hingewiesen werden; er kann
    aber trotzdem heterosexuell sein, nicht
    mehr Inversion in Bezug aufs Objekt
    zeigen als durchschnittlich ein Normaler.
    Dasselbe gilt für Frauen, auch bei ihnen
    treffen psychischer Geschlechtscharakter und
    Objektwahl nicht zu fester Relation zusammen.
    Das Geheimnis der Homosexualität ist also
    keineswegs so einfach, wie man es zum popu-
    lären Gebrauch gern darstellt: Eine
    weibliche Seele, die darum den Mann
    lieben muß, zum Unglück in einen männlichen
    Körper geraten, oder eine männliche
    Seele, die unwiderstehlich vom Weib
    angezogen wird, leider in einen weiblichen
    Leib gebannt. Vielmehr handelt es sich
     

  • S.

    29

    um drei Reihen von Charakteren
    Somatische Geschlechtscharaktere - Psychischer Geschlechtschar. - Art der
    (Physischer Hermaphroditismus) - (männl. Einstellung) - (weibl. " Objektwahl)
    die bis zu einem gewissen Grade von einander unab-
    hängig variieren und sich bei den einzelnen Indi-
    viduen in mannigfachen Permutationen vorfinden.
    Die tendenziöse Literatur hat die Einsicht in diese
    Verhältnisse erschwert, indem sie aus praktischen
    Motiven das dem Laien allein auffällige
    Verhalten im dritten Punkt, dem der Objekt-
    wahl, in den Vordergrund rückt und außer-
    dem die Festigkeit der Beziehung zwischen diesem
    und dem ersten Punkt übertreibt. Sie versperrt
    sich auch den Weg, der zur tieferen Einsicht
    in all das führt, was man uniform als Homo-
    sexualität bezeichnet, indem sie sich gegen die
    zwei Grundtatsachen sträubt, welche die
    psychoanalytische Forschung aufgedeckt hat. Die
    erste, daß die homosexuellen Männer eine
    besonders starke Fixierung an die Mutter
    erfahren haben; die zweite, daß alle Normalen
    neben ihrer manifesten Heterosexualität ein
    sehr erhebliches Ausmaß von latenter oder
    unbewußter Homosexualität erkennen lassen.
    Trägt man diesen Funden Rechnung, so ist es aller-
    dings um die Annahme eines von der Natur
    in besonderer Laune geschaffenen „dritten
    Geschlechts“ geschehen.
     

       Die Psychoanalyse ist nicht dazu berufen, das
    Problem der Homosexualität zu lösen. Sie muß
    sich damit begnügen, die psychischen Mechanismen
    zu enthüllen, die zur Entscheidung in der
    Objektwahl geführt haben und die Wege von
    ihnen zu den Triebanlagen zu verfolgen. Dann
    bricht sie ab und überläßt das Übrige der
    biologischen Forschung, die gerade jetzt in den
    Arbeiten von Steinach so bedeutungsvolle
    Aufschlüsse über die Beeinflussung der
    obigen zweiten und dritten Reihe durch die erste
    zu Tage fördert. Sie steht auf gemeinsamem Boden
    mit der Biologie, indem sie eine ursprüngliche
    Bisexualität des menschlichen (wie des tierischen)
    Individuums zur Voraussetzung nimmt. Aber
    das Wesen dessen, was man im konventionellen oder
    im biologischen Sinne „männlich“ und „weiblich“ nennt,
     

  • S.

    30

    kann die Psychoanalyse nicht aufklären, sie übernimmt
    die beiden Begriffe und legt sie ihren Arbeiten zu
    Grunde. Beim Versuch einer weiteren Zurück-
    führung verflüchtigt sich ihr die Männlichkeit
    zur Aktivität, die Weiblichkeit zur Passivität
    und das ist zu wenig. In wie weit sich die Erwartung
    daß auch aus dem Stück Aufklärungsarbeit,
    welches in den Bereich der Analyse fällt, eine Handhabe
    zur Abänderung der Inversion ergeben habe
    ich vorhin auszuführen versucht. Vergleicht
    man dieses Ausmaß von Beeinflussung mit
    den großartigen Umwälzungen, die Steinach
    in einzelnen Fällen durch operative Ein-
    griffe erzielt hat, so macht es wol keinen
    imposanten Eindruck. Indessen wäre es Voreilig-
    keit oder schädliche Übertreibung, wenn wir
    uns jetzt schon Hoffnung auf eine allgemein
    brauchbare Therapie der Inversion machten.
    Die Fälle von männlicher Homosexualität in denen
    Steinach Erfolg gehabt hat, erfüllten die nicht
    immer vorhandene Bedingung eines über-
    deutlichen somatischen „Hermaphroditismus“. Die
    Therapie einer weiblichen Homosexualität
    auf analogem Wege ist zunächst ganz unklar.
    Sollte sie in der Entfernung der wahrschein-
    lich hermaphroditischen Ovarien und Ein-
    pflanzung anderer hoffentlich eingeschlechtiger
    bestehen, so würde sie praktisch wenig Aussicht
    auf Anwendung haben. Ein weibliches Indi-
    viduum, das sich männlich gefühlt und auf
    männliche Weise geliebt hat, wird sich kaum
    in die weibliche Rolle drängen lassen, wenn
    es diese nicht durchaus vorteilhafte Um-
    wandlung mit dem Verzicht auf die Mutter-
    schaft bezahlen muß.