• S.

    5

    II

    DER ERSTE TRAUM

    Als wir gerade Aussicht hatten, einen dunkeln Punkt in dem
    Kinderleben Doras durch das Material, welches sich zur Analyse
    drängte, aufzuhellen, berichtete Dora, sie habe einen Traum, den
    sie in genau der nämlichen Weise schon wiederholt geträumt, in
    einer der letzten Nächte neuerlich gehabt. Ein periodisch wieder-
    kehrender Traum war schon dieses Charakters wegen besonders
    geeignet, meine Neugierde zu wecken; im Interesse der Behandlung
    durfte man ja die Einflechtung dieses Traumes in den Zusammen-
    hang der Analyse ins Auge fassen. Ich beschloß also, diesen Traum
    besonders sorgfältig zu erforschen.

    I. Traum: „In einem Haus brennt es‘, erzählte Dora, der Vater
    steht vor meinem Bett und weckt mich auf. Ich kleide mich schnell
    an. Die Mama will noch ihr Schmuckkästchen retten, der Papa
    sagt aber: Ich will nicht, daß ich und meine beiden Kinder wegen
    deines Schmuckkästchens verbrennen. Wir eilen herunter, und so-
    wie ich draußen bin, wache ich auf.“

    Da es ein wiederkehrender Traum ist, frage ich natürlich,
    wann sie ihn zuerst geträumt. — Das weiß sie nicht. Sie erinnert
    sich aber, daß sie den Traum in L. (dem Orte am See, wo die
    Szene mit Herrn K. vorfiel) in drei Nächten hintereinander gehabt,

    1)Es hat nie bei uns einen wirklichen Brand gegeben, antwortete sie dann auf
    meine Erkundigung.

  • S.

    66

    dann kam er vor einigen Tagen hier wieder1). – Die so her-
    gestellte Verknüpfung des Traumes mit den Ereignissen in L.
    erhöht natürlich meine Erwartungen in betreff der Traumlosung.
    Ich möchte aber zunächst den Anlaß für seine letzte Wiederkehr
    erfahren und fordere darum Dora, die bereits durch einige kleine,
    vorher analysierte Beispiele für die Traumdeutung geschult ist,
    auf, sich den Traum zu zerlegen und mir mitzuteilen, was ihr
    zu ihm einfällt.

    Sie sagt: „Etwas, was aber nicht dazu gehören kann, denn es ist
    ganz frisch, während ich den Traum gewiß schon früher gehabt habe.“

    Das macht nichts, nur zu; es wird eben das letzte dazu
    Passende sein,

    „Also der Papa hat in diesen Tagen mit der Mama einen Streit
    gehabt, weil sie nachts das Speisezimmer absperrt. Das Zimmer
    meines Bruders hat nämlich keinen eigenen Ausgang, sondern ist
    nur durchs Speisezimmer zugänglich. Der Papa will nicht, daß
    der Bruder bei Nacht so abgesperrt sein soll. Er hat gesagt, das
    ginge nicht; es könnte doch bei Nacht etwas passieren, daß man
    hinaus muß.“

    Das haben sie nun auf Feuersgefahr bezogen?

    „Ja.“

    Ich bitte Sie, merken Sie sich ihre eigenen Ausdrücke wohl.
    Wir werden sie vielleicht brauchen. Sie haben gesagt: Daß bei
    Nacht etwas passieren kann, daß man hinaus muß2).

    Dora hat nun aber die Verbindung zwischen dem rezenten
    und den damaligen Anlässen für den Traum gefunden, denn sie
    fährt fort:

    1)Es läßt sich aus dem Inhalt nachweisen, daß der Traum in L. zuerst geträumt
    worden ist.

    2)Ich greife diese Worte heraus, weil sie mich stutzig machen. Sie klingen mir
    zweideutig. Spricht man nicht mit denselben Worten von gewissen körperlichen
    Bedürfnissen? Zweideutige Worte sind aber wie „Wechsel“ für den Assoziations-
    verlauf. Stellt man den Wechsel anders, als er im Trauminhalt eingestellt erscheint,
    so kommt man wohl auf das Geleise, auf dem sich die gesuchten und noch ver-
    borgenen Gedanken hinter dem Traum bewegen.

  • S.

    67

    „Als wir damals in L. ankamen, der Papa und ich, hat er die
    Angst vor einem Brand direkt geäußert. Wir kamen in einem
    heftigen Gewitter an, sahen das kleine Holzhäuschen, das keinen
    Blitzableiter hatte. Da war diese Angst ganz natürlich.“

    Es liegt mir nun daran, die Beziehung zwischen den Ereignissen
    in L. und den damaligen gleichlautenden Träumen zu ergründen.
    Ich frage also: Haben Sie den Traum in den ersten Nächten in
    L. gehabt oder in den letzten vor Ihrer Abreise, also vor oder
    nach der bekannten Szene im Walde? (Ich weiß nämlich, daß
    die Szene nicht gleich am ersten Tage vorfiel, und daß sie nach
    derselben noch einige Tage in L. verblieb, ohne etwas von dem
    Vorfalle merken zu lassen.)

    Sie antwortet zuerst: Ich weiß nicht. Nach einer Weile: Ich
    glaube doch, nachher.

    Nun wußte ich also, daß der Traum eine Reaktion auf jenes
    Erlebnis war. Warum kehrte er aber dort dreimal wieder? Ich
    fragte weiter: Wie lange sind Sie noch nach der Szene in L.
    geblieben?

    „Noch vier Tage, am fünften bin ich mit dem Papa abgereist.“
    Jetzt bin ich sicher, daß der Traum die unmittelbare Wirkung
    des Erlebnisses mit Herrn K. war. Sie haben ihn dort zuerst ge-
    träumt, nicht früher. Sie haben die Unsicherheit im Erinnern nur
    hinzugefügt, um sich den Zusammenhang zu verwischen1). Es
    stimmt mir aber noch nicht ganz mit den Zahlen. Wenn Sie
    noch vier Nächte in L. blieben, können Sie den Traum viermal
    wiederholt haben. Vielleicht war es so?

    Sie widerspricht nicht mehr meiner Behauptung, setzt aber,
    anstatt auf meine Frage zu antworten, fort2): „Am Nachmittag
    nach unserer Seefahrt, von der wir, Herr K. und ich, mittags
    zurückkamen, hatte ich mich wie gewöhnlich auf das Sofa im

    1)Vgl. das eingangs Seite 15 über den Zweifel beim Erinnern Gesagte.

    2)Es muß nämlich erst neues Erinnerungsmaterial kommen, ehe die von mir
    gestellte Frage beantwortet werden kann.

  • S.

    68

    Schlafzimmer gelegt, um kurz zu schlafen. Ich erwachte plötzlich
    und sah Herrn K. vor mir stehen …“

    „Also wie Sie im Traume den Papa vor Ihrem Bette stehen
    sehen?“

    „Ja. Ich stellte ihn zur Rede, was er hier zu suchen habe. Er
    gab zur Antwort, er lasse sich nicht abhalten, in sein Schlaf-
    zimmer zu gehen, wann er wolle; übrigens habe er etwas holen
    wollen. Dadurch vorsichtig gemacht, habe ich Frau K. gefragt,
    ob denn kein Schlüssel zum Schlafzimmer existiert, und habe
    mich am nächsten Morgen (am zweiten Tag) zur Toilette ein-
    geschlossen. Als ich mich dann nachmittags einschließen wollte,
    um mich wieder aufs Sofa zu legen, fehlte der Schlüssel. Ich bin
    überzeugt, Herr K. hatte ihn beseitigt.“

    Das ist also das Thema vom Verschließen oder Nichtverschließen
    des Zimmers, das im ersten Einfall zum Traume vorkommt und
    das zufällig auch im frischen Anlaß zum Traum eine Rolle ge-
    spielt hat1). Sollte der Satz: ich kleide mich schnell an, auch
    in diesen Zusammenhang gehören?

    „Damals nahm ich mir vor, nicht ohne den Papa bei K. zu
    bleiben. An den nächsten Morgen mußte ich fürchten, daß mich
    Herr K. bei der Toilette überrasche, und kleidete mich darum
    immer sehr schnell an. Der Papa wohnte ja im Hotel, und Frau
    K. war immer schon früh weggegangen, um mit dem Papa eine
    Partie zu machen. Herr K. belästigte mich aber nicht wieder.“

    Ich verstehe, Sie faßten am Nachmittag des zweiten Tages
    den Vorsatz, sich diesen Nachstellungen zu entziehen und hatten
    nun in der zweiten, dritten und vierten Nacht nach der Szene
    im Walde Zeit, sich diesen Vorsatz im Schlafe zu wiederholen.

    Daß Sie am nächsten — dritten — Morgen den Schlüssel nicht

    1)Ich vermute, ohne es noch Dora zu sagen, daß dies Element wegen seiner
    symbolischen Bedeutung von ihr ergriffen wurde. „Zimmer“ im Traum wollen recht
    häufig „Frauenzimmer“ vertreten, und ob ein Frauenzimmer „offen“ oder „ver-
    schlossen“ ist, kann natürlich nicht gleichgültig sein. Auch welcher „Schlüssel“ in
    diesem Falle öffnet, ist wohlbekannt.

  • S.

    69

    haben würden, um sich beim Ankleiden einzuschließen, wußten
    Sie ja schon am zweiten Nachmittag, also vor dem Traum, und
    konnten sich vornehmen, die Toilette möglichst zu beeilen. Ihr
    Traum kam aber jede Nacht wieder, weil er eben einem Vorsatz
    entsprach. Ein Vorsatz bleibt so lange bestehen, bis er ausgeführt
    ist. Sie sagten sich gleichsam: ich habe keine Ruhe, ich kann
    keinen ruhigen Schlaf finden, bis ich nicht aus diesem Hause
    heraus bin. Umgekehrt sagen Sie im Traume: Sowie ich draußen
    bin, wache ich auf.

    Ich unterbreche hier die Mitteilung der Analyse, um dieses
    Stückchen einer Traumdeutung an meinen allgemeinen Sätzen
    über den Mechanismus der Traumbildung zu messen. Ich habe
    in meinem Buche1) ausgeführt, jeder Traum sei ein als erfüllt
    dargestellter Wunsch, die Darstellung sei eine verhüllende, wenn
    der Wunsch ein verdrängter, dem Unbewußten angehöriger sei,
    und außer bei den Kinderträumen habe nur der unbewußte oder
    bis ins Unbewußte reichende Wunsch die Kraft, einen Traum
    zu bilden. Ich glaube, die allgemeine Zustimmung wäre mir
    sicherer gewesen, wenn ich mich begnügt hätte, zu behaupten,
    daß jeder Traum einen Sinn habe, der durch eine gewisse
    Deutungsarbeit aufzudecken sei. Nach vollzogener Deutung könne
    man den Traum durch Gedanken ersetzen, die sich an leicht
    kenntlicher Stelle in das Seelenleben des Wachens einfügen. Ich
    hätte dann fortfahren können, dieser Sinn des Traumes erwiese
    sich als ebenso mannigfaltig wie eben die Gedankengänge des
    Wachens. Es sei das einemal ein erfüllter Wunsch, das andere
    Mal eine verwirklichte Befürchtung, dann etwa eine im Schlafe
    fortgesetzte Überlegung, ein Vorsatz, (wie bei Doras Traum) ein
    Stück geistigen Produzierens im Schlafe usw. Diese Darstellung
    hätte gewiß durch ihre Faßlichkeit bestochen und hätte sich auf

    1)Die Traumdeutung. 1900. (7. Aufl. 1922).

  • S.

    70

    eine große Anzahl gut gedeuteter Beispiele, wie z. B. auf den
    hier analysierten Traum, stützen können.

    Anstatt dessen habe ich eine allgemeine Behauptung aufgestellt,
    die den Sinn der Träume auf eine einzige Gedankenform, auf
    die Darstellung von Wünschen einschränkt, und habe die all-
    gemeinste Neigung zum Widerspruche wachgerufen. Ich muß
    aber sagen, daß ich weder das Recht noch die Pflicht zu besitzen
    glaubte, einen Vorgang der Psychologie zur größeren Annehm-
    lichkeit der Leser zu vereinfachen, wenn er meiner Untersuchung
    eine Komplikation bot, deren Lösung zur Einheitlichkeit erst an
    anderer Stelle gefunden werden konnte. Es wird mir darum von
    besonderem Werte sein zu zeigen, daß die scheinbaren Aus-
    nahmen, wie Doras Traum hier, der sich zunächst als ein in
    den Schlaf fortgesetzter Tagesvorsatz enthüllt, doch die bestrittene
    Regel neuerdings bekräftigen.

    Wir haben ja noch ein großes Stück des Traumes zu deuten.
    Ich fragte weiter: Was ist es mit dem Schmuckkästchen, das die
    Mama retten will?

    „Die Mama liebt Schmuck sehr und hat viel vom Papa be-
    kommen.“

    Und Sie?
    „Ich habe Schmuck früher auch sehr geliebt; seit der Krank-
    heit trage ich keinen mehr. – Da gab es damals vor vier
    Jahren (ein Jahr vor dem Traum) einen großen Streit zwischen
    Papa und Mama wegen eines Schmuckes. Die Mama wünschte
    sich etwas Bestimmtes, Tropfen von Perlen im Ohre zu tragen.
    Der Papa liebt aber dergleichen nicht und brachte ihr anstatt
    der Tropfen ein Armband. Sie war wütend und sagte ihm,
    wenn er schon soviel Geld ausgegeben habe, um etwas zu
    schenken, was sie nicht möge, so solle er es nur einer anderen
    schenken.“

    Da werden Sie sich gedacht haben, Sie nähmen es gerne?

  • S.

    71

    „Ich weiß nicht,1) weiß überhaupt nicht, wie die Mama in
    den Traum kommt; sie war doch damals nicht mit in L.2)“

    Ich werde es Ihnen später erklären. Fällt Ihnen denn nichts
    anderes zum Schmuckkästchen ein? Bis jetzt haben Sie nur von
    Schmuck und nichts von einem Kästchen gesprochen.

    „Ja, Herr K. hatte mir einige Zeit vorher ein kostbares Schmuck-
    kästchen zum Geschenke gemacht.“

    Da war das Gegengeschenk also wohl am Platze. Sie wissen
    vielleicht nicht, daß „Schmuckkästchen“4) eine beliebte Bezeich-
    nung für dasselbe ist, was sie unlängst mit dem angehängten
    Täschchen angedeutet haben,5) für das weibliche Genitale.

    „Ich wußte, daß Sie das sagen würden.“4)

    Das heißt, Sie wußten es. — Der Sinn des Traumes wird
    nun noch deutlicher. Sie sagten sich: Der Mann stellt mir nach,
    er will in mein Zimmer dringen, meinem „Schmuckkästchen“
    droht Gefahr, und wenn da ein Malheur passiert, wird es die
    Schuld des Papa sein. Darum haben Sie in den Traum eine
    Situation genommen, die das Gegenteil ausdrückt, eine Gefahr,
    aus welcher der Papa Sie rettet. In dieser Region des Traumes
    ist überhaupt alles ins Gegenteil verwandelt; Sie werden bald
    hören, warum. Das Geheimnis liegt allerdings bei der Mama.
    Wie die Mama dazu kommt? Sie ist, wie Sie wissen, ihre frühere
    Konkurrentin in der Gunst des Papas. Bei der Begebenheit mit
    dem Armbande wollten Sie gerne annehmen, was die Mama
    zurückgewiesen hat. Nun lassen Sie uns einmal „annehmen“
    durch „geben“, „zurückweisen“ durch „verweigern“ ersetzen.

    1)Ihre damals gewöhnliche Redensart, etwas Verdrängtes anzuerkennen.

    2)Diese Bemerkung, die von gänzlichem Mißverständnisse der ihr sonst wohl-
    bekannten Regeln der Traumerklärung zeugt, sowie die zögernde Art und die spär-
    liche Ausbeute ihrer Einfälle zum Schmuckkästchen bewiesen mir, daß es sich hier
    um Material handle, das mit großem Nachdrucke verdrängt worden sei.

    3)Über dieses Täschchen siehe weiter unten.

    4)Eine sehr häufige Art, eine aus dem Verdrängten auftauchende Kenntnis von
    sich wegzuschieben.

  • S.

    72

    Das heißt dann, Sie waren bereit, dem Papa zu geben, was die
    Mama ihm verweigert, und das, um was es sich handelt, hätte
    mit Schmuck zu tun1). Nun erinnern Sie sich an das Schmuck-
    kästchen, das Herr K. Ihnen geschenkt hat. Sie haben da den
    Anfang einer parallelen Gedankenreihe, in der wie in der
    Situation des vor Ihrem Bette Stehens Herr K. anstatt des Papas
    einzusetzen ist. Er hat Ihnen ein Schmuckkästchen geschenkt, Sie
    sollen ihm also Ihr Schmuckkästchen schenken; darum sprach
    ich vorhin vom „Gegengeschenke“. In dieser Gedankenreihe
    wird Ihre Mama durch Frau K. zu ersetzen sein, die doch wohl
    damals anwesend war. Sie sind also bereit, Herrn K. das zu
    schenken, was ihm seine Frau verweigert. Hier haben Sie den
    Gedanken, der mit soviel Anstrengung verdrängt werden muß,
    der die Verwandlung aller Elemente in ihr Gegenteil notwendig
    macht. Wie ich’s Ihnen schon vor diesem Traume gesagt habe,
    der Traum bestätigt wieder, daß Sie die alte Liebe zum Papa
    wachrufen, um sich gegen die Liebe zu K. zu schützen. Was
    beweisen aber alle diese Bemühungen? Nicht nur, daß Sie sich
    vor Herrn K. fürchten, noch mehr fürchten Sie sich vor sich
    selber, vor Ihrer Versuchung, ihm nachzugeben. Sie bestätigen
    also dadurch, wie intensiv die Liebe zu ihm war2).

    Dieses Stück der Deutung wollte sie natürlich nicht mitmachen.

    Mir hatte sich aber auch eine Fortsetzung der Traumdeutung
    ergeben, die ebensowohl für die Anamnese des Falles wie für
    die Theorie des Traumes unentbehrlich schien. Ich versprach,
    dieselbe Dora in der nächsten Sitzung mitzuteilen.


    1)Auch für die Tropfen werden wir später eine vom Zusammenhange geforderte
    Deutung anführen können.

    2)Ich füge noch hinzu: Übrigens muß ich aus dem Wiederauftauchen des
    Traumes in den letzten Tagen schließen, daß Sie dieselbe Situation für wieder-
    gekommen erachten, und daß Sie beschlossen haben, aus der Kur, zu der ja nur der
    Papa Sie bringt, wegzubleiben. — Die Folge zeigte, wie richtig ich geraten hatte.
    Meine Deutung streift hier das praktisch wie theoretisch höchst bedeutsame Thema
    der „Übertragung“, auf welches einzugehen ich in dieser Abhandlung wenig Gelegen-
    heit mehr finden werde.

  • S.

    73

    Ich konnte nämlich den Hinweis nicht vergessen, der sich aus
    den angemerkten zweideutigen Worten zu ergeben schien (daß
    man hinaus muß, daß bei Nacht ein Malheur passieren
    kann). Dem reihte sich an, daß mir die Aufklärung des Traumes
    unvollständig schien, solange nicht eine gewisse Forderung erfüllt
    war, die ich zwar nicht allgemein aufstellen will, nach deren
    Erfüllung ich aber mit Vorliebe suche. Ein ordentlicher Traum
    steht gleichsam auf zwei Beinen, von denen das eine den wesent-
    lichen aktuellen Anlaß, das andere eine folgenschwere Begeben-
    heit der Kinderjahre berührt. Zwischen diesen beiden, dem
    Kindererlebnisse und dem gegenwärtigen, stellt der Traum eine
    Verbindung her, er sucht die Gegenwart nach dem Vorbilde der
    frühesten Vergangenheit umzugestalten. Der Wunsch, der den
    Traum schafft, kommt ja immer aus der Kindheit, er will die
    Kindheit immer wieder von neuem zur Realität erwecken, die
    Gegenwart nach der Kindheit korrigieren. Die Stücke, die sich
    zu einer Anspielung auf ein Kinderereignis zusammensetzen lassen,
    glaubte ich in dem Trauminhalte bereits deutlich zu erkennen.

    Ich begann die Erörterung hierüber mit einem kleinen Ex-
    perimente, das wie gewöhnlich gelang. Auf dem Tische stand
    zufällig ein großer Zündhölzchenbehälter. Ich bat Dora, sich
    doch umzusehen, ob sie auf dem Tische etwas Besonderes sehen
    könne, das gewöhnlich nicht darauf stände. Sie sah nichts. Dann
    fragte ich, ob sie wisse, warum man den Kindern verbiete, mit
    Zündhölzchen zu spielen.

    „Ja, wegen der Feuersgefahr. Die Kinder meines Onkels
    spielen so gerne mit Zündhölzchen.“

    Nicht allein deswegen. Man warnt sie: „Nicht zündeln“ und
    knüpft daran einen gewissen Glauben.

    Sie wußte nichts darüber. – Also man fürchtet, daß sie dann
    das Bett naß machen werden. Dem liegt wohl der Gegensatz von
    Wasser und Feuer zugrunde. Etwa, daß sie vom Feuer träumen
    und dann versuchen werden, mit Wasser zu löschen. Das weiß

  • S.

    74

    ich nicht genau zu sagen. Aber ich sehe, daß Ihnen der Gegen-
    satz von Wasser und Feuer im Traume ausgezeichnete Dienste
    leistet. Die Mama will das Schmuckkästchen retten, damit es
    nicht verbrennt, in den Traumgedanken kommt es darauf an,
    daß das „Schmuckkästchen“ nicht naß wird. Feuer ist aber nicht
    nur als Gegensatz zu Wasser verwendet, es dient auch zur direkten
    Vertretung von Liebe, Verliebt-
    , Verbranntsein. Von Feuer geht
    also das eine Geleise über diese symbolische Bedeutung zu den
    Liebesgedanken, das andere führt über den Gegensatz Wasser,
    nachdem noch die eine Beziehung zur Liebe, die auch naß
    macht, abgezweigt hat, anderswohin. Wohin nun? Denken Sie
    an Ihre Ausdrücke: daß bei Nacht ein Malheur passiert, daß
    man hinaus muß. Bedeutet das nicht ein körperliches Bedürfnis,
    und wenn Sie das Malheur in die Kindheit versetzen, kann es
    ein anderes sein, als daß das Bett naß wird? Was tut man aber,
    um die Kinder vor dem Bettnässen zu hüten? Nicht wahr, man
    weckt sie in der Nacht aus dem Schlafe, ganz so, wie es im
    Traume der Papa mit Ihnen tut? Dieses wäre also die wirk-
    liche Begebenheit, aus welcher Sie sich das Recht nehmen,
    Herrn K., der Sie aus dem Schlafe weckt, durch den Papa zu
    ersetzen. Ich muß also schließen, daß Sie an Bettnässen länger,
    als es sich sonst bei Kindern erhält, gelitten haben. Dasselbe
    muß bei Ihrem Bruder der Fall gewesen sein. Der Papa sagt ja:
    Ich will nicht, daß meine beiden Kinder-
    ... zugrunde
    gehen. Der Bruder hat mit der aktuellen Situation bei K. sonst
    nichts zu tun, er war auch nicht nach L. mitgekommen. Was
    sagen nun Ihre Erinnerungen dazu?

    „Von mir weiß ich nichts,“ antwortete sie, „aber der Bruder
    hat bis zum sechsten oder siebenten Jahre das Bett naß gemacht,
    es ist ihm auch manchmal am Tage passiert.“

    Ich wollte sie eben aufmerksam machen, wieviel leichter man
    sich an derartiges von seinem Bruder als von sich erinnert, als
    sie mit der wiedergewonnenen Erinnerung fortsetzte: „Ja, ich

  • S.

    75

    habe es auch gehabt, aber erst im siebenten oder
    achten Jahre eine Zeitlang. Es muß arg gewesen sein, denn ich weiß jetzt,
    daß der Doktor um Rat gefragt wurde. Es war bis kurz vor
    dem nervösen Asthma.“

    Was sagte der Doktor dazu?

    „Er erklärte es für eine nervöse Schwäche: es werde sich
    schon verlieren, meinte er, und verschrieb stärkende Mittel1).“

    Die Traumdeutung schien mir nun vollendet2). Einen Nach-
    trag zum Traume brachte sie noch tags darauf. Sie habe ver-
    gessen zu erzählen, daß sie nach dem Erwachen jedesmal Rauch
    gerochen. Der Rauch paßte ja wohl zum Feuer, er wies auch
    darauf hin, daß der Traum eine besondere Beziehung zu meiner
    Person habe, denn ich pflegte ihr, wenn sie behauptet hatte, da
    oder dort stecke nichts dahinter, oft entgegenzuhalten: „Wo
    Rauch ist, ist auch Feuer.“ Sie wandte aber gegen diese aus-
    schließlich persönliche Deutung ein, daß Herr K. und der Papa
    leidenschaftliche Raucher seien, wie übrigens auch ich. Sie
    rauchte selbst am See, und Herr K. hatte ihr, ehe er damals
    mit seiner unglücklichen Werbung begann, eine Zigarette gedreht.
    Sie glaubte sich auch sicher zu erinnern, daß der Geruch nach
    Rauch nicht erst im letzten, sondern schon in dem dreimaligen
    Träumen in L. aufgetreten war. Da sie weitere Auskünfte ver-
    weigerte, blieb es mir überlassen, wie ich mir diesen Nachtrag
    in das Gefüge der Traumgedanken eintragen wolle. Als Anhalts-
    punkt konnte mir dienen, daß die Sensation des Rauches als
    Nachtrag kam, also eine besondere Anstrengung der Verdrängung
    hatte überwinden müssen. Demnach gehörte sie wahrscheinlich

    1)Dieser Arzt war der einzige, zu dem sie Zutrauen zeigte, weil sie an dieser
    Erfahrung gemerkt, er wäre nicht hinter ihr Geheimnis gekommen. Vor jedem
    andern, den sie noch nicht einzuschätzen wußte, empfand sie Angst, die sich jetzt
    also motiviert, er könne ihr Geheimnis erraten.

    2)Der Kern des Traumes würde übersetzt etwa so lauten: Die Versuchung ist so
    stark. Lieber Papa, schütze Du mich wieder wie in den Kinderzeiten, daß mein Bett
    nicht naß wird!

  • S.

    76

    zu dem im Traume am dunkelsten dargestellt und bestver-
    drängten Gedanken, also dem der Versuchung, sich dem Manne
    willig zu erweisen. Sie konnte dann kaum etwas anderes be-
    deuten als die Sehnsucht nach einem Kusse, der beim Raucher
    notwendigerweise nach Rauch schmeckt; ein Kuß war aber etwa
    zwei Jahre vorher zwischen den beiden vorgefallen und hätte
    sich sicherlich mehr als einmal wiederholt, wenn das Mädchen
    nun der Werbung nachgegeben hätte. Die Versuchungsgedanken
    scheinen so auf die frühere Szene zurückgegriffen und die Er-
    innerung an den Kuß aufgeweckt zu haben, gegen dessen Ver-
    lockung sich die Lutscherin seinerzeit durch den Ekel schützte.
    Nehme ich endlich die Anzeichen zusammen, die eine Über-
    tragung auf mich, weil ich auch Raucher bin, wahrscheinlich
    machen, so komme ich zur Ansicht, daß ihr eines Tages wahr-
    scheinlich während der Sitzung eingefallen, sich einen Kuß von
    mir zu wünschen. Dies war für sie der Anlaß, sich den War-
    nungstraum zu wiederholen und den Vorsatz zu fassen, aus der
    Kur zu gehen. So stimmt es sehr gut zusammen, aber vermöge
    der Eigentümlichkeiten der „Übertragung“ entzieht es sich dem
    Beweise.

    Ich könnte nun schwanken, ob ich zuerst die Ausbeute dieses
    Traumes für die Krankengeschichte des Falles in Angriff nehmen
    oder lieber den aus ihm gegen die Traumtheorie gewonnenen
    Einwand erledigen soll. Ich wähle das erstere.

    Es verlohnt sich, auf die Bedeutung des Bettnässens in der
    Vorgeschichte der Neurotiker ausführlich einzugehen. Der Über-
    sichtlichkeit zu Liebe beschränke ich mich darauf zu betonen,
    daß Doras Fall von Bettnässen nicht der gewöhnliche war. Die
    Störung hatte sich nicht einfach über die fürs Normale zuge-
    standene Zeit fortgesetzt, sondern war nach ihrer bestimmten
    Angabe zunächst geschwunden und dann verhältnismäßig spät,
    nach dem sechsten Lebensjahre, wieder aufgetreten. Ein solches
    Bettnässen hat meines Wissens keine wahrscheinlichere Ursache

  • S.

    77

    als Masturbation, die in der Ätiologie des Bettnässens überhaupt
    eine noch zu gering geschätzte Rolle spielt. Den Kindern selbst
    ist nach meiner Erfahrung dieser Zusammenhang sehr wohl be-
    kannt gewesen, und alle psychischen Folgen leiten sich so davon
    ab, als ob sie ihn niemals vergessen hätten. Nun befanden wir
    uns zur Zeit, als der Traum erzählt wurde, auf einer Linie der
    Forschung, welche direkt auf ein solches Eingeständnis der
    Kindermasturbation zulief. Sie hatte eine Weile vorher die Frage
    aufgeworfen, warum denn gerade sie krank geworden sei, und
    hatte, ehe ich eine Antwort gab, die Schuld auf den Vater ge-
    wälzt. Es waren nicht unbewußte Gedanken, sondern bewußte
    Kenntnis, welche die Begründung übernahm. Das Mädchen wußte
    zu meinem Erstaunen, welcher Natur die Krankheit des Vaters
    gewesen war. Sie hatte nach der Rückkehr des Vaters von meiner
    Ordination ein Gespräch erlauscht, in dem der Name der Krank-
    heit genannt wurde. In noch früheren Jahren, zur Zeit der
    Netzhautablösung, muß ein zu Rate gezogener Augenarzt auf die
    luetische Ätiologie hingewiesen haben, denn das neugierige und
    besorgte Mädchen hörte damals eine alte Tante zur Mutter sagen:
    „Er war ja schon vor der Ehe krank“ und etwas ihr Unver-
    ständliches hinzufügen, was sie sich später auf unanständige
    Dinge deutete.

    Der Vater war also durch leichtsinnigen Lebenswandel krank
    geworden, und sie nahm an, daß er ihr das Kranksein erblich
    übertragen habe. Ich hütete mich, ihr zu sagen, daß ich, wie
    erwähnt (Seite 18), gleichfalls die Ansicht vertrete, die Nach-
    kommenschaft Luetischer sei zu schweren Neuropsychosen ganz
    besonders prädisponiert. Die Fortsetzung dieses den Vater an-
    klagenden Gedankenganges ging durch unbewußtes Material. Sie
    identifizierte sich einige Tage lang in kleinen Symptomen und
    Eigentümlichkeiten mit der Mutter, was ihr Gelegenheit gab,
    Hervorragendes in Unausstehlichkeit zu leisten, und ließ mich
    dann erraten, daß sie an einen Aufenthalt in Franzensbad denke,

  • S.

    78

    das sie in Begleitung der Mutter — ich weiß nicht mehr, in
    welchem Jahre — besucht hatte. Die Mutter litt an Schmerzen
    im Unterleibe und an einem Ausflusse — Katarrh —, der eine
    Franzensbader Kur notwendig machte. Es war ihre — wahr-
    scheinlich wieder berechtigte — Meinung, daß diese Krankheit
    vom Papa herrühre, der also seine Geschlechtsaffektion auf die
    Mutter übertragen hatte. Es war ganz begreiflich, daß sie bei
    diesem Schlusse, wie ein großer Teil der Laien überhaupt,
    Gonorrhöe und Syphilis, erbliche und Übertragung durch den
    Verkehr zusammenwarf. Ihr Verharren in der Identifizierung
    nötigte mir fast die Frage auf, ob sie denn auch eine Geschlechts-
    krankheit habe, und nun erfuhr ich, daß sie mit einem Katarrh
    (Fluor albus) behaftet sei, an dessen Beginn sie sich nicht erinnern
    könne.

    Ich verstand nun, daß hinter dem Gedankengange, der laut
    den Vater anklagte, wie gewöhnlich eine Selbstbeschuldigung ver-
    borgen sei, und kam ihr entgegen, indem ich ihr versicherte,
    daß der Fluor der jungen Mädchen in meinen Augen voraus-
    weise auf Masturbation deute, und daß ich alle anderen Ur-
    sachen, die gewöhnlich für solch ein Leiden angeführt werden,
    neben der Masturbation in den Hinter-
    grund treten lasse1). Sie
    sei also auf dem Wege, ihre Frage, warum gerade sie erkrankt
    sei, durch das Eingeständnis der Masturba-
    tion, wahrscheinlich in
    den Kinderjahren, zu beantworten. Sie leugnete entschie-
    denst,
    sich an etwas Derartiges erinnern zu können. Aber einige Tage
    später führte sie etwas auf, was ich als weitere Annähe-
    rung an
    das Geständnis betrachten mußte. Sie hatte an diesem Tage
    nämlich, was weder früher noch später je der Fall war, ein
    Portemonnaie-
    täschchen von der Form, die eben modern wurde,
    umgehängt und spielte damit, während sie im Liegen sprach,
    indem sie es öffnete, einen Finger hinein-
    steckte, es wieder schloß,

    1)[Zusatz 1923:] Eine extreme Auffassung, die ich heute nicht mehr vertreten würde.

  • S.

    79

    usw. Ich sah ihr eine Weile zu und erklärte ihr dann, was eine
    Symptomhandlung1) sei. Symptomhandlungen nenne ich jene
    Verrichtungen, die der Mensch, wie man sagt, automatisch, un-
    bewußt, ohne darauf zu achten, wie spielend, vollzieht, denen er
    jede Bedeutung absprechen möchte, und die er für gleichgültig
    und zufällig erklärt, wenn er nach ihnen gefragt wird. Sorg-
    fältigere Beobachtung zeigt dann, daß solche Handlungen, von
    denen das Bewußtsein nichts weiß oder nichts wissen will, un-
    bewußten Gedanken und Impulsen Ausdruck geben, somit als
    zugelassene Äußerungen des Unbewußten wertvoll und lehrreich
    sind. Es gibt zwei Arten des bewußten Verhaltens gegen die
    Symptomhandlungen. Kann man sie unauffällig motivieren, so
    nimmt man auch Kenntnis von ihnen; fehlt ein solcher Vorwand
    vor dem Bewußten, so merkt man in der Regel gar nicht, daß
    man sie ausführt. Im Falle Doras war die Motivierung leicht:
    „Warum soll ich nicht ein solches Täschchen tragen, wie es jetzt
    modern ist?“ Aber eine solche Rechtfertigung hebt die Möglich-
    keit der unbewußten Herkunft der betreffenden Handlung nicht
    auf. Anderseits läßt sich diese Herkunft und der Sinn, den man
    der Handlung beilegt, nicht zwingend erweisen. Man muß sich
    begnügen zu konstatieren, daß ein solcher Sinn in dem Zusam-
    menhang der vorliegenden Situation, in die Tagesordnung des Un-
    bewußten ganz ausgezeichnet hineinpaßt.

    Ich werde ein anderes Mal eine Sammlung solcher Symptom-
    handlungen vorlegen, wie man sie bei Gesunden und Nervösen
    beobachten kann. Die Deutungen sind manchmal sehr leicht.
    Das zweiblättrige Täschchen Doras ist nichts anderes als eine
    Darstellung des Genitales, und ihr Spielen damit, ihr Öffnen und
    Fingerhineinstecken eine recht ungenierte, aber unverkennbare
    pantomimische Mitteilung dessen, was sie damit tun möchte, die


    1)Vgl. meine Abhandlung über die Psychopathologie des Alltagslebens in der
    Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie. 1901. (Als Buch 1904. 10. Aufl. 1924.
    — Enthalten im Bd. IV. dieser Gesamtausgabe).

  • S.

    80

    der Masturbation. Vor kurzem ist mir ein ähnlicher Fall vorge-
    kommen, der sehr erheiternd wirkte. Eine ältere Dame zieht
    mitten in der Sitzung, angeblich um sich durch ein Bonbon an-
    zufeuchten, eine kleine beinerne Dose hervor, bemüht sich sie
    zu öffnen, und reicht sie dann mir, damit ich mich überzeuge,
    wie schwer sie aufgeht. Ich äußere mein Mißtrauen, daß diese
    Dose etwas Besonderes bedeuten müsse, ich sehe sie heute doch
    zum ersten Male, obwohl die Eigentümerin mich schon länger
    als ein Jahr besucht. Darauf die Dame im Eifer: „Diese Dose
    trage ich immer bei mir, ich nehme sie überall mit, wohin ich
    gehe!“ Sie beruhigt sich erst, nachdem ich sie lachend aufmerk-
    sam gemacht, wie gut ihre Worte auch zu einer anderen Be-
    deutung passen. Die Dose — box, πύξις — ist wie das Täschchen,
    wie das Schmuckkästchen wieder nur eine Vertreterin der Venus-
    muschel, des weiblichen Genitales!

    Es gibt viel solcher Symbolik im Leben, an der wir gewöhn-
    lich achtlos vorübergehen. Als ich mir die Aufgabe stellte, das,
    was die Menschen verstecken, nicht durch den Zwang der Hyp-
    nose, sondern aus dem, was sie sagen und zeigen, ans Licht zu
    bringen, hielt ich die Aufgabe für schwerer, als sie wirklich ist.
    Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, überzeugt sich,
    daß die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können. Wessen
    Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen; aus allen
    Poren dringt ihm der Verrat. Und darum ist die Aufgabe, das
    verborgenste Seelische bewußt zu machen, sehr wohl lösbar.

    Doras Symptomhandlung mit dem Täschchen war nicht
    der nächste Vorläufer des Traumes. Die Sitzung, die uns die
    Traumerzählung brachte, leitete sie durch eine andere Symptom-
    handlung ein. Als ich in das Zimmer trat, in dem sie wartete,
    versteckte sie rasch einen Brief, in dem sie las. Ich fragte natür-
    lich, von wem der Brief sei, und sie weigerte sich erst es anzu-
    geben. Dann kam etwas heraus, was höchst gleichgültig und
    ohne Beziehung zu unserer Kur war. Es war ein Brief der

  • S.

    81

    Bruchstück einer Hysterie-Analyse

    Großmutter, in dem sie aufgefordert wurde, ihr öfter zu schreiben.
    Ich meine, sie wollte mir nur „Geheimnis“ vorspielen und an-
    deuten, daß sie sich jetzt ihr Geheimnis vom Arzt entreißen
    lasse. Ihre Abneigung gegen jeden neuen Arzt erkläre ich mir
    nun durch die Angst, er würde bei der Untersuchung (durch
    den Katarrh) oder beim Examen (durch die Mitteilung des Bett-
    nässens) auf den Grund ihres Leidens kommen, die Masturbation
    bei ihr erraten. Sie sprach dann immer sehr geringschätzig von
    den Ärzten, die sie vorher offenbar überschätzt hatte.

    Anklagen gegen den Vater, daß er sie krank gemacht, mit
    der Selbstanklage dahinter — Fluor albus — Spielen mit dem
    Täschchen — Bettnässen nach dem sechsten Jahre — Geheimnis,
    das sie sich von den Ärzten nicht entreißen lassen will: ich
    halte den Indizienbeweis für die kindliche Masturbation für lücken-
    los hergestellt. Ich hatte in diesem Falle die Masturbation zu
    ahnen begonnen, als sie mir von den Magenkrämpfen der Cousine
    erzählte (siehe Seite 37) und sich dann mit dieser identifizierte,
    indem sie tagelang über die nämlichen schmerzhaften Sensationen
    klagte. Es ist bekannt, wie häufig Magenkrämpfe gerade bei
    Masturbanten auftreten. Nach einer persönlichen Mitteilung von
    W. Fließ sind es gerade solche Gastralgien, die durch Kokaini-
    sierung der von ihm gefundenen „Magenstelle“ in der Nase
    unterbrochen und durch deren Ätzung geheilt werden können.
    Dora bestätigte mir bewußterweise zweierlei, daß sie selbst häufig
    an Magenkrämpfen gelitten, und daß sie die Cousine mit guten
    Gründen für eine Masturbantin gehalten habe. Es ist bei den
    Kranken sehr gewöhnlich, daß sie einen Zusammenhang bei
    anderen erkennen, dessen Erkenntnis ihnen bei der eigenen
    Person durch Gefühlswiderstände unmöglich wird. Sie leugnete
    auch nicht mehr, obwohl sie noch nichts erinnerte. Auch die
    Zeitbestimmung des Bettnässens „bis kurz vor dem Auftreten des
    nervösen Asthmas“ halte ich für klinisch verwertbar. Die hysterischen
    Symptome treten fast niemals auf, solange die Kinder mastur-
     

  • S.

    82

    bieren, sondern erst in der Abstinenz1); sie drücken einen Ersatz
    für die masturbatorische Befriedigung aus, nach der das Ver-
    langen im Unbewußten erhalten bleibt, solange nicht andersartige
    normalere Befriedigung eintritt, wo diese noch möglich geblieben
    ist. Letztere Bedingung ist die Wende für mögliche Heilung der
    Hysterie durch Ehe und normalen Geschlechtsverkehr. Wird die
    Befriedigung in der Ehe wieder aufgehoben, etwa durch Coitus
    interruptus, psychische Entfremdung u. dgl., so sucht die Libido
    ihr altes Strombett wieder auf und äußert sich wiederum in
    hysterischen Symptomen.

    Ich möchte gerne noch die sichere Auskunft anfügen, wann und
    durch welchen besonderen Einfluß die Masturbation bei Dora
    unterdrückt wurde, aber die Unvollständigkeit der Analyse nötigt
    mich, hier lückenhaftes Material vorzubringen. Wir haben gehört,
    daß das Bettnässen bis nahe an die erste Erkrankung an Dyspnoe
    heranreichte. Nun war das einzige, was sie zur Aufklärung dieses
    ersten Zustandes anzugeben wußte, daß der Papa damals das
    erstmal nach seiner Besserung verreist gewesen sei. In diesem
    erhaltenen Stückchen Erinnerung mußte eine Beziehung zur
    Ätiologie der Dyspnoe angedeutet sein. Ich bekam nun durch
    Symptomhandlungen und andere Anzeichen guten Grund zur
    Annahme, daß das Kind, dessen Schlafzimmer sich neben dem
    der Eltern befand, einen nächtlichen Besuch des Vaters bei seiner
    Ehefrau belauscht und das Keuchen des ohnedies kurzatmigem
    Mannes beim Koitus gehört habe. Die Kinder ahnen in solchen
    Fällen das Sexuelle in dem unheimlichen Geräusche. Die Aus-
    drucksbewegungen für die sexuelle Erregung liegen ja als mit-
    geborene Mechanismen in ihnen bereit. Daß die Dyspnoe und
    das Herzklopfen der Hysterie und Angstneurose nur losgelöste
    Stücke aus der Koitusaktion sind, habe ich vor Jahren bereits


    1)Bei Erwachsenen gilt prinzipiell dasselbe, doch reicht hier auch relative
    Abstinenz, Einschränkung der Masturbation aus, so daß bei heftiger Libido Hysterie
    und Masturbation mitsammen vorkommen können.

  • S.

    83

    ausgeführt, und in vielen Fällen, wie dem Doras, konnte ich
    das Symptom der Dyspnoe, des nervösen Asthmas, auf die gleiche
    Veranlassung, auf das Belauschen des sexuellen Verkehres Er-
    wachsener, zurückführen. Unter dem Einflusse der damals gesetzten
    Miterregung konnte sehr wohl der Umschwung in der Sexualität
    der Kleinen eintreten, welcher die Masturbationsneigung durch
    die Neigung zur Angst ersetzte. Eine Weile später, als der Vater
    abwesend war und das verliebte Kind seiner sehnsüchtig gedachte,
    wiederholte sie dann den Eindruck als Asthmaanfall. Aus dem in
    der Erinnerung bewahrten Anlasse zu dieser Erkrankung läßt sich
    noch der angstvolle Gedankengang erraten, der den Anfall be-
    gleitete. Sie bekam ihn zuerst, nachdem sie sich auf einer Berg-
    partie überangestrengt, wahrscheinlich etwas reale Atemnot verspürt
    hatte. Zu dieser trat die Idee, daß dem Vater Bergsteigen verboten
    sei, daß er sich nicht überanstrengen dürfe, weil er kurzen Atem
    habe, dann die Erinnerung, wie sehr er sich in der Nacht bei
    der Mama angestrengt, ob ihm das nicht geschadet habe, dann
    die Sorge, ob sie sich nicht überangestrengt habe bei der gleich-
    falls zum sexuellen Orgasmus mit etwas Dyspnoe führenden
    Masturbation, und dann die verstärkte Wiederkehr dieser Dyspnoe
    als Symptom. Einen Teil dieses Materials konnte ich noch der
    Analyse entnehmen, den andern mußte ich ergänzen. Aus der
    Konstatierung der Masturbation haben wir ja gesehen, daß das
    Material für ein Thema erst stückweise zu verschiedenen Zeiten
    und in verschiedenen Zusammenhängen zusammengebracht wird1).

    1)In ganz ähnlicher Weise wird der Beweis der infantilen Masturbation auch in
    anderen Fällen hergestellt. Das Material dafür ist meist ähnlicher Natur: Hinweise
    auf fluor albus, Bettnässen, Handzeremoniell (Waschzwang) u. dgl. Ob die Gewöhnung
    von einer Warteperson entdeckt worden ist oder nicht, ob ein Abgewöhnungskampf
    oder ein plötzlicher Umschwung diese Sexualbetätigung zum Ende geführt hat, läßt
    sich aus der Symptomatik des Falles jedesmal mit Sicherheit erraten. Bei Dora war
    die Masturbation unentdeckt geblieben und hatte mit einem Schlage ein Ende ge-
    funden (Geheimnis, Angst vor Ärzten — Ersatz durch Dyspnoe). Die Kranken be-
    streiten zwar regelmäßig die Beweiskraft dieser Indizien und dies selbst dann, wenn
    die Erinnerung an den Katarrh oder an die Verwarnung der Mutter („das mache
    dumm; es sei giftig“) in bewußter Erinnerung geblieben ist. Aber einige Zeit nachher

  • S.

    84

    Es erheben sich nun eine Reihe der gewichtigsten Fragen zur
    Ätiologie der Hysterie, ob man den Fall Doras als typisch für
    die Ätiologie ansehen darf, ob er den einzigen Typus der Ver-
    ursachung darstellt usw. Allein ich tue gewiß recht daran, die
    Beantwortung dieser Fragen erst auf die Mitteilung einer größeren
    Reihe von ähnlich analysierten Fällen warten zu lassen. Ich müßte
    überdies damit beginnen, die Fragestellung zurechtzurücken. An-
    statt mich mit Ja oder Nein darüber zu äußern, ob die Ätiologie
    dieses Krankheitsfalles in der kindlichen Masturbation zu suchen
    ist, würde ich zunächst den Begriff der Ätiologie bei den Psycho-
    neurosen zu erörtern haben. Der Standpunkt, von dem aus ich
    antworten könnte, würde sich als wesentlich verschoben gegen
    den Standpunkt erweisen, von dem aus die Frage an mich gestellt
    wird. Genug, wenn wir für diesen Fall zur Überzeugung gelangen,
    daß hier Kindermasturbation nachweisbar ist, daß sie nichts Zu-
    fälliges und nichts für die Gestaltung des Krankheitsbildes Gleich-
    gültiges sein kann1). Uns winkt ein weiteres Verständnis der
    Symptome bei Dora, wenn wir die Bedeutung des von ihr
    stellt sich auch die so lange verdrängte Erinnerung an dieses Stück des kindlichen
    Sexuallebens mit Sicherheit, und zwar bei allen Fällen, ein. – Bei einer Patientin
    mit Zwangsvorstellungen, welche direkte Abkömmlinge der infantilen Masturbation
    waren, erwiesen sich die Züge des sich Verbietens, Bestrafens, wenn sie dies eine getan
    habe, dürfe sie das andere nicht, das Nicht-gestört-werden-dürfen, das Pausen-Ein-
    schieben zwischen einer Verrichtung (mit den Händen) und einer nächsten, das
    Händewaschen usw. als unverändert erhaltene Stücke der Abgewöhnungsarbeit ihrer
    Pflegeperson. Die Warnung: „Pfui, das ist giftig!“ war das einzige, was dem Ge-
    dächtnisse immer erhalten geblieben war. Vgl. hierzu noch meine „Drei Abhandlungen
    zur Sexualtheorie“, 1905; 5. Aufl. 1922 (in Bd. V dieser Gesamtausgabe).

    1)Mit der Angewöhnung der Masturbation muß der Bruder in irgend welcher
    Verbindung sein, denn in diesem Zusammenhang erzählte sie mit dem Nachdrucke,
    der eine „Deckerinnerung“ verrät, daß der Bruder ihr regelmäßig alle Ansteckungen
    zugetragen, die er selbst leicht, sie aber schwer durchgemacht. Der Bruder wird auch
    im Traume vor dem „Zugrundegehen“ behütet; er hat selbst an Bettnässen gelitten,
    aber noch vor der Schwester damit aufgehört. In gewissem Sinne war es auch eine
    „Deckerinnerung“, wenn sie aussprach, bis zu der ersten Krankheit habe sie mit dem
    Bruder Schritt halten können, von da an sei sie im Lernen gegen ihn zurückgeblieben.
    Als wäre sie bis dahin ein Bub gewesen, dann erst Mädchenhaft geworden. Sie war
    wirklich ein wildes Ding, vom „Asthma“ an wurde sie still und sittig. Diese Er-
    krankung bildete bei ihr die Grenze zwischen zwei Phasen des Geschlechtslebens,
    von denen die erste männlichen, die spätere weiblichen Charakter hatte.

  • S.

    85

    eingestandenen Fluor albus ins Auge fassen. Das Wort „Katarh“,
    mit dem sie ihre Affektion bezeichnen lernte, als ein ähnliches
    Leiden der Mutter Franzensbad nötig machte, ist wiederum ein
    „Wechsel“, welcher der ganzen Reihe von Gedanken über die
    Krankheitsverschuldung des Papas den Zugang zur Äußerung in
    dem Symptom des Hustens öffneten. Dieser Husten, der gewiß
    ursprünglich von einem geringfügigen realen Katarh herstammte,
    war ohnedies Nachahmung des auch mit einem Lungenleiden
    behafteten Vaters und konnte ihrem Mitleid und ihrer Sorge für
    ihn Ausdruck geben. Außerdem aber rief er gleichsam in die
    Welt hinaus, was ihr damals vielleicht noch nicht bewußt ge-
    worden war: „Ich bin die Tochter von Papa. Ich habe einen
    Katarh wie er. Er hat mich krank gemacht, wie die Mama
    krank gemacht hat. Von ihm habe ich die bösen Leidenschaften,
    die sich durch Krankheit strafen.“1)

    Wir können nun den Versuch machen, die verschiedenen
    Determinierungen, die wir für die Anfälle von Husten und
    Heiserkeit gefunden haben, zusammenzustellen. Zu unterst in der
    Schichtung ist ein realer, organisch bedingter Hustenreiz anzu-
    nehmen, das Sandkorn also, um welches das Muscheltier die Perle
    bildet. Dieser Reiz ist fixierbar, weil er eine Körperregion betrifft,
    welche die Bedeutung einer erogenen Zone bei dem Mädchen in
    hohem Grade bewahrt hat. Er ist also geeignet dazu, der erregten
    Libido Ausdruck zu geben. Er wird fixiert durch die wahrschein-
    lich erste psychische Umkleidung, die Mitleidsimitation für den


    1)Die nämliche Rolle spielte das Wort bei dem 14jährigen Mädchen, dessen
    Krankengeschichte ich auf Seite 25 in einige Zeilen zusammengedrängt habe. Ich
    hatte das Kind mit einer intelligenten Dame, die mir die Dienste einer Wärterin
    leistete, in einer Pension installiert. Die Dame berichtete mir, daß die kleine Patientin
    ihre Gegenwart beim Zubettgehen nicht dulde, und daß sie im Bette auffällig huste,
    wovon tagsüber nichts zu hören war. Der Kleinen fiel, als sie über diese Symptome
    befragt wurde, nur ein, daß ihre Großmutter so huste, von der man sage, sie habe
    einen Katarh. Es war dann aber klar, daß auch sie einen Katarh habe, und daß sie bei
    der abends vorgenommenen Reinigung nicht bemerkt werden wolle. Der Katarh,
    der mittels dieses Wortes von unten nach oben geschoben worden war, zeigte
    sogar eine nicht gewöhnliche Intensität.

  • S.

    86

    kranken Vater und dann durch die Selbstvorwürfe wegen des
    „Katarrhs“. Dieselbe Symptomgruppe zeigt sich ferner fähig, die
    Beziehungen zu Herrn K. darzustellen, seine Abwesenheit zu be-
    dauern und den Wunsch auszudrücken, ihm eine bessere Frau
    zu sein. Nachdem ein Teil der Libido sich wieder dem Vater
    zugewendet, gewinnt das Symptom seine vielleicht letzte Bedeutung
    zur Darstellung des sexuellen Verkehres mit dem Vater in der
    Identifizierung mit Frau K. Ich möchte dafür bürgen, daß diese
    Reihe keineswegs vollständig ist. Leider ist die unvollständige
    Analyse nicht imstande, dem Wechsel der Bedeutung zeitlich zu
    folgen, die Reihenfolge und die Koexistenz verschiedener Be-
    deutungen klarzulegen. An eine vollständige darf man diese Forde-
    rungen stellen.

    Ich darf nun nicht versäumen, auf weitere Beziehungen des
    Genitalkatarrhs zu den hysterischen Symptomen Doras einzugehen.
    Zu Zeiten, als eine psychische Aufklärung der Hysterie noch in
    weiter Ferne lag, hörte ich ältere, erfahrene Kollegen behaupten,
    daß bei den hysterischen Patientinnen mit Fluor eine Ver-
    schlimmerung des Katarrhs regelmäßig eine Verschärfung der
    hysterischen Leiden, besonders der Eßunlust und des Erbrechens
    nach sich ziehe. Über den Zusammenhang war niemand recht
    klar, aber ich glaube, man neigte zur Anschauung der Gynäko-
    logen hin, die bekanntlich einen direkten und organisch störenden
    Einfluß von Genitalaffektionen auf die nervösen Funktionen im
    breitesten Ausmaße annehmen, wobei uns die therapeutische Probe
    auf die Rechnung zu allermeist im Stich läßt. Bei dem heutigen
    Stande unserer Einsicht kann man einen solchen direkten und
    organischen Einfluß auch nicht für ausgeschlossen erklären, aber
    leichter nachweisbar ist jedenfalls dessen psychische Umkleidung.
    Der Stolz auf die Gestaltung der Genitalien ist bei unseren Frauen
    ein ganz besonderes Stück ihrer Eitelkeit; Affektionen derselben,
    welche für geeignet gehalten werden, Abneigung oder selbst Ekel
    einzuflößen, wirken in ganz unglaublicher Weise kränkend, das

  • S.

    87

    Selbstgefühl herabsetzend, machen reizbar, empfindlich und miß-
    trauisch. Die abnorme Sekretion der Scheidenschleimhaut wird als
    ekelerregend angesehen.

    Erinnern wir uns, daß bei Dora nach dem Kusse des Herrn K.
    eine lebhafte Ekelempfindung eintrat, und daß wir Grund fanden,
    uns ihre Erzählung dieser Kußszene dahin zu vervollständigen, daß
    sie den Druck des erigierten Gliedes gegen ihren Leib in der
    Umarmung verspürte. Wir erfahren nun ferner, daß dieselbe
    Gouvernante, welche sie wegen ihrer Untreue von sich gestoßen
    hatte, ihr aus eigener Lebenserfahrung vorgetragen hatte, alle
    Männer seien leichtsinnig und unverläßlich. Für Dora mußte
    das heißen, alle Männer seien wie der Papa. Ihren Vater hielt sie
    aber für geschlechtskrank, hatte er doch diese Krankheit auf sie
    und auf die Mutter übertragen. Sie konnte sich also vorstellen, alle
    Männer seien geschlechtskrank, und ihr Begriff von Geschlechts-
    krankheit war natürlich nach ihrer einzigen und dazu persönlichen
    Erfahrung gebildet. Geschlechtskrank hieß ihr also mit einem
    ekelhaften Ausflusse behaftet – ob dies nicht eine weitere Moti-
    vierung des Ekels war, den sie im Moment der Umarmung
    empfand? Dieser auf die Berührung des Mannes übertragene Ekel
    wäre dann ein nach dem erwähnten primitiven Mechanismus
    (siehe Seite 54) projizierter, der sich in letzter Linie auf ihren
    eigenen Fluor bezog.

    Ich vermute, daß es sich hiebei um unbewußte Gedankengänge
    handelt, welche über vorgebildete organische Zusammenhänge ge-
    zogen sind, etwa wie Blumenfestons über Drahtgewinde, so daß
    man ein andermal andere Gedankenwege zwischen den nämlichen
    Ausgangs- und Endpunkten eingeschaltet finden kann. Doch ist
    die Kenntnis der im einzelnen wirksam gewesenen Gedanken-
    verbindungen für die Lösung der Symptome von unersetz-
    lichem Werte. Daß wir im Falle Doras zu Vermutungen und
    Ergänzungen greifen müssen, ist nur durch den vorzeitigen Ab-
    bruch der Analyse begründet. Was ich zur Ausfüllung der Lücken

  • S.

    88

    vorbringe, lehnt sich durchweg an andere, gründlich analysierte
    Fälle an.

    *

    Der Traum, durch dessen Analyse wir die vorstehenden Auf-
    schlüsse gewonnen haben, entspricht, wie wir fanden, einem Vor-
    satze, den Dora in den Schlaf mitnimmt. Er wird darum jede
    Nacht wiederholt, bis der Vorsatz erfüllt ist, und er tritt Jahre
    später wieder auf, sowie sich ein Anlaß ergibt, einen analogen
    Vorsatz zu fassen. Der Vorsatz läßt sich bewußt etwa folgender-
    maßen aussprechen: Fort aus diesem Hause, in dem, wie ich
    gesehen habe, meiner Jungfräulichkeit Gefahr droht; ich reise
    mit dem Papa ab und morgens bei der Toilette will ich meine
    Vorsichten treffen, nicht überrascht zu werden. Diese Gedanken
    finden ihren deutlichen Ausdruck im Traume; sie gehören einer
    Strömung an, die im Wachleben zum Bewußtsein und zur Herr-
    schaft gelangt ist. Hinter ihnen läßt sich ein dunkler vertretener
    Gedankenzug erraten, welcher der gegenteiligen Strömung ent-
    spricht und darum der Unterdrückung verfallen ist. Er gipfelt in
    der Versuchung, sich dem Manne zum Danke für die ihr in
    den letzten Jahren bewiesene Liebe und Zärtlichkeit hinzugeben,
    und ruft vielleicht die Erinnerung an den einzigen Kuß auf, den
    sie bisher von ihm empfangen hat. Aber nach der in meiner
    Traumdeutung entwickelten Theorie reichen solche Elemente
    nicht hin, um einen Traum zu bilden. Ein Traum sei kein
    Vorsatz, der als ausgeführt, sondern ein Wunsch, der als erfüllt
    dargestellt wird, und zwar womöglich ein Wunsch aus dem
    Kinderleben. Wir haben die Verpflichtung zu prüfen, ob dieser
    Satz nicht durch unseren Traum widerlegt wird.

    Der Traum enthält in der Tat infantiles Material, welches in
    keiner auf den ersten Blick ergründbaren Beziehung zum Vorsatze
    steht, das Haus des Herrn K. und die von ihm ausgehende Ver-
    suchung zu fliehen. Wozu taucht wohl die Erinnerung an das
    Bettnässen als Kind und an die Mühe auf, die sich der Vater

  • S.

    89

    damals gab, das Kind rein zu gewöhnen? Man kann darauf die
    Antwort geben, weil es nur mit Hilfe dieses Gedankenzuges
    möglich ist, die intensiven Versuchungsgedanken zu unterdrücken
    und den gegen sie gefaßten Vorsatz zur Herrschaft zu bringen.
    Das Kind beschließt, mit seinem Vater zu flüchten; in Wirklich-
    keit flüchtet es sich in der Angst vor dem ihm nachstellenden
    Manne zu seinem Vater; es ruft eine infantile Neigung zum
    Vater wach, die es gegen die rezente zu dem Fremden schützen
    soll. An der gegenwärtigen Gefahr ist der Vater selbst mitschuldig,
    der sie wegen eigener Liebesinteressen dem fremden Manne aus-
    geliefert hat. Wie viel schöner war es doch, als derselbe Vater
    niemanden anderen lieber hatte als sie und sich bemühte, sie
    vor den Gefahren, die sie damals bedrohten, zu retten. Der
    infantile und heute unbewußte Wunsch, den Vater an die Stelle
    des fremden Mannes zu setzen, ist eine traumbildende Potenz.
    Wenn es eine Situation gegeben hat, die ähnlich einer der gegen-
    wärtigen sich doch durch diese Personvertretung von ihr unter-
    schied, so wird diese zur Hauptsituation des Trauminhaltes. Es
    gibt eine solche; gerade so wie am Vortage Herr K., stand einst
    der Vater vor ihrem Bette und weckte sie etwa mit einem Kusse,
    wie vielleicht Herr K. beabsichtigt hatte. Der Vorsatz, das Haus
    zu fliehen, ist also nicht an und für sich traumfähig, er wird
    es dadurch, daß sich ihm ein anderer, auf infantile Wünsche
    gestützter Vorsatz beigesellt. Der Wunsch, Herrn K. durch den
    Vater zu ersetzen, gibt die Triebkraft zum Traume ab. Ich er-
    innere an die Deutung, zu der mich der verstärkte, auf das
    Verhältnis des Vaters zu Frau K. bezügliche Gedankenzug nötigte,
    es sei hier eine infantile Neigung zum Vater wachgerufen worden,
    um die verdrängte Liebe zu Herrn K. in der Verdrängung er-
    halten zu können; diesen Umschwung im Seelenleben der Patientin
    spiegelt der Traum wieder.

    Über das Verhältnis zwischen den in den Schlaf sich fort-
    setzenden Wachgedanken — den Tagesresten — und dem

  • S.

    90

    unbewußten traumbildenden Wunsche habe ich in der „Traum-
    deutung“ (p. 529, 7. Aufl. p. 416) einige Bemerkungen nieder-
    gelegt, die ich hier unverändert zitieren werde, denn ich habe
    ihnen nichts hinzuzufügen, und die Analyse dieses Traumes von
    Dora beweist von neuem, daß es sich nicht anders verhält.

    „Ich will zugeben, daß es eine ganze Klasse von Träumen gibt,
    zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst ausschließlich
    aus den Resten des Tageslebens stammt und ich meine, selbst
    mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu werden‘,
    hätte mich diese Nacht ruhig schlafen lassen können, wäre nicht
    die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom Tage her
    noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum
    gemacht; die Triebkraft, die der Traum bedurfte, mußte von
    einem Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der Besorgnis,
    sich einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu ver-
    schaffen. Um es in einem Gleichnisse zu sagen: Es ist sehr wohl
    möglich, daß ein Tagesgedanke die Rolle des Unternehmers
    für den Traum spielt; aber der Unternehmer, der, wie man sagt,
    die Idee hat und den Drang, sie in Tat umzusetzen, kann doch
    ohne Kapital nichts machen; er braucht einen Kapitalisten, der
    den Aufwand bestreitet, und dieser Kapitalist, der den psychischen
    Aufwand für den Traum beistellt, ist allemal und unweigerlich,
    was immer auch der Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus
    dem Unbewußten.“

    Wer die Feinheit in der Struktur solcher Gebilde wie der
    Träume kennen gelernt hat, wird nicht überrascht sein, zu finden,
    daß der Wunsch, der Vater möge die Stelle des versuchenden
    Mannes einnehmen, nicht etwa beliebiges Kindheitsmaterial zur
    Erinnerung bringt, sondern gerade solches, das auch die intimsten
    Beziehungen zur Unterdrückung dieser Versuchung unterhält.
    Denn wenn Dora sich unfähig fühlt, der Liebe zu diesem Manne1)

    1)Dies bezieht sich auf die Analyse des dort zum Muster genommenen Traumes.

  • S.

    91

    nachzugeben, wenn es zur Verdrängung dieser Liebe anstatt zur
    Hingebung kommt, so hängt diese Entscheidung mit keinem
    anderen Moment inniger zusammen als mit ihrem vorzeitigen
    Sexualgenusse und mit dessen Folgen, dem Bettnässen, dem
    Katarrh und dem Ekel. Eine solche Vorgeschichte kann je nach
    der Summation der konstitutionellen Bedingungen zweierlei Ver-
    halten gegen die Liebesanforderung in reifer Zeit begründen,
    entweder die volle widerstandslose, ins Perverse greifende Hin-
    gebung an die Sexualität oder in der Reaktion die Ablehnung
    derselben unter neurotischer Erkrankung. Konstitution und die
    Höhe der intellektuellen und moralischen Erziehung hatten bei
    unserer Patientin für das letztere den Ausschlag gegeben.

    Ich will noch besonders darauf aufmerksam machen, daß wir
    von der Analyse dieses Traumes aus den Zugang zu Einzelheiten
    der pathogen wirksamen Erlebnisse gefunden haben, die der Er-
    innerung oder wenigstens der Reproduktion sonst nicht zugänglich
    gewesen waren. Die Erinnerung an das Bettnässen der Kindheit
    war, wie sich ergab, bereits verdrängt. Die Einzelheiten der
    Nachstellung von seiten des Herrn K. hatte Dora niemals er-
    wähnt, sie waren ihr nicht eingefallen.

    *

    Noch einige Bemerkungen zur Synthese dieses Traumes. Die Traum-
    arbeit nimmt ihren Anfang am Nachmittage des zweiten Tages nach der
    Szene im Walde, nachdem sie bemerkt, daß sie ihr Zimmer nicht mehr
    verschließen kann. Da sagt sie sich: Hier droht mir ernste Gefahr, und
    bildet den Vorsatz, nicht allein im Hause zu bleiben, sondern mit dem
    Papa abzureisen. Dieser Vorsatz wird traumbildungsfähig, weil er sich ins
    Unbewußte fortzusetzen vermag. Dort entspricht ihm, daß sie die infantile
    Liebe zum Vater als Schutz gegen die aktuelle Versuchung aufruft. Die
    Wendung, die sich dabei in ihr vollzieht, fixiert sich und führt sie auf
    den Standpunkt, den ihr überwertiger Gedankengang vertritt (Eifersucht
    gegen Frau K. wegen des Vaters, als ob sie in ihn verliebt wäre). Es
    kämpfen in ihr die Versuchung, dem werbenden Manne nachzugeben, und
    das zusammengesetzte Sträuben dagegen. Letzteres ist zusammengesetzt aus
    Motiven der Wohlanständigkeit und Besonnenheit, aus feindseligen Regungen

  • S.

    92

    infolge der Eröffnung der Gouvernante (Eifersucht, gekränkter Stolz, siehe
    unten) und aus einem neurotischen Elemente, dem in ihr vorbereiteten
    Stücke Sexualabneigung, welches auf ihrer Kindergeschichte fußt. Die zum
    Schutze gegen die Versuchung wachgerufene Liebe zum Vater stammt aus
    dieser Kindergeschichte.

    Der Traum verwandelt den im Unbewußten vertieften Vorsatz, sich
    zum Vater zu flüchten, in eine Situation, die den Wunsch, der Vater möge
    sie aus der Gefahr retten, erfüllt zeigt. Dabei ist ein im Wege stehender
    Gedanke beiseite zu schieben, der Vater ist es ja, der sie in diese Gefahr
    gebracht hat. Die hier unterdrückte feindselige Regung (Rachenneigung)
    gegen den Vater werden wir als einen der Motoren des zweiten Traumes
    kennen lernen.

    Nach den Bedingungen der Traumbildung wird die phantasierte Situation
    so gewählt, daß sie eine infantile Situation wiederholt. Ein besonderer
    Triumph ist es, wenn es gelingt, eine rezente, etwa gerade die Situation des
    Traumanlasses, in eine infantile zu verwandeln. Das gelingt hier durch reine
    Zufälligkeit des Materials. So wie Herr K. vor ihrem Lager gestanden und
    sie geweckt, so tat es oft in Kinderjahren der Vater. Ihre ganze Wendung
    läßt sich treffend symbolisieren, indem sie in dieser Situation Herrn K.
    durch den Vater ersetzt.

    Der Vater weckte sie aber seinerzeit, damit sie das Bett nicht naß mache.
    Dieses „Naß“ wird bestimmend für den weiteren Trauminhalt, in
    welchem es aber nur durch eine entfernte Anspielung und durch seinen
    Gegensatz vertreten ist.

    Der Gegensatz von „Naß“, „Wasser“ kann leicht „Feuer“, „Brennen“
    sein. Die Zufälligkeit, daß der Vater bei der Ankunft an dem Orte Angst
    vor Feuersgefahr geäußert hatte, hilft mit, um zu entscheiden, daß die
    Gefahr, aus welcher der Vater sie rettet, eine Brandgefahr sei. Auf diesen
    Zufall und auf den Gegensatz zu „Naß“ stützt sich die gewählte Situation
    des Traumbildes: Es brennt, der Vater steht vor ihrem Bette, um sie zu
    wecken. Die zufällige Äußerung des Vaters gelangte wohl nicht zu dieser
    Bedeutung im Trauminhalte, wenn sie nicht so vortrefflich zu der sieg-
    reichen Gefühlsströmung stimmen würde, die in dem Vater durchaus den
    Helfer und Retter finden will. Er hat die Gefahr gleich bei der Ankunft
    geahnt, er hat recht gehabt! (In Wirklichkeit hatte er das Mädchen in
    diese Gefahr gebracht.)

    In den Traumgedanken fällt dem „Naß“ infolge leicht herstellbarer
    Beziehungen die Rolle eines Knotenpunktes für mehrere Vorstellungskreise

  • S.

    93

    zu. „Naß“ gehört nicht allein dem Bettnässen an, sondern auch dem
    Kreise der sexuellen Versuchsgedanken, die unterdrückt hinter diesem
    Trauminhalte stehen. Sie weiß, daß es auch ein Naßwerden beim sexuellen
    Verkehre gibt, daß der Mann dem Weib etwas Flüssiges in Tropfenform
    bei der Begattung schenkt. Sie weiß, daß gerade darin die Gefahr besteht,
    daß ihr die Aufgabe gestellt wird, das Genitale vor dem Benetztwerden
    zu hüten.

    Mit „Naß“ und „Tropfen“ erschließt sich gleichzeitig der andere
    Assoziationskreis, der des ekelhaften Katarrhs, der in ihren reiferen Jahren
    wohl die nämliche beschämende Bedeutung hat wie in der Kinderzeit das
    Bettnässen. „Naß“ wird hier gleichbedeutend mit „Verunreinigt“. Das
    Genitale, das reingehalten werden soll, ist ja schon durch den Katarrh
    verunreinigt, übrigens bei der Mama gerade so wie bei ihr (Seite 78). Sie
    scheint zu verstehen, daß die Reinlichkeitssucht der Mama die Reaktion
    gegen diese Verunreinigung ist.

    Beide Kreise treffen in dem einen zusammen: Die Mama hat beides
    vom Papa bekommen, das sexuelle Naß und den verunreinigenden Fluor.
    Die Eifersucht gegen die Mama ist untrennbar von dem Gedankenkreise
    der hier zum Schutze aufgerufenen infantilen Liebe zum Vater. Aber
    darstellungsfähig ist dieses Material noch nicht. Läßt sich aber eine Er-
    innerung finden, die mit beiden Kreisen des „Naß“ in ähnlich guter
    Beziehung steht, aber das Anstößige vermeidet, so wird diese die Vertretung
    im Trauminhalte übernehmen können.

    Eine solche findet sich in der Begebenheit von den „Tropfen“, die sich
    die Mama als Schmuck gewünscht. Anscheinend ist die Verknüpfung dieser
    Reminiszenz mit den beiden Kreisen des sexuellen Naß und der Ver-
    unreinigung eine äußerliche, oberflächliche, durch die Worte vermittelt,
    denn „Tropfen“ ist als „Wechsel“, als zweideutiges Wort verwendet, und
    „Schmuck“ ist so viel als „rein“, ein etwas gezwungener Gegensatz zu
    „verunreinigt“. In Wirklichkeit sind die festesten inhaltlichen Verknüpfungen
    nachweisbar. Die Erinnerung stammt aus dem Material der infantil
    wurzelnden, aber weit fortgesetzten Eifersucht gegen die Mama. Über die
    beiden Wortbrücken kann alle Bedeutung, die an den Vorstellungen vom
    sexuellen Verkehre zwischen den Eltern, von der Fluorerkrankung und von
    der quälenden Reinmacherei der Mama haftet, auf die eine Reminiszenz
    von den „Schmucktropfen“ übergeführt werden.

    Doch muß noch eine weitere Verschiebung für den Trauminhalt Platz
    greifen. Nicht das dem ursprünglichen „Naß“ nähere „Tropfen“, sondern

  • S.

    94

    das entfernte „Schmuck“ gelangt zur Aufnahme in den Traum. Es hätte
    also heißen können, wenn dieses Element in die vorher fixierte Traum-
    situation eingefügt wird: Die Mama will noch ihren Schmuck retten. In
    der neuen Abänderung „Schmuckkästchen“ macht sich nun nachträglich
    der Einfluß von Elementen aus dem unterliegenden Kreise der Versuchung
    durch Herrn K. geltend. Schmuck hat ihr Herr K. nicht geschenkt, wohl
    aber ein „Kästchen“ dafür, die Vertretung all der Auszeichnungen und
    Zärtlichkeiten, für die sie jetzt dankbar sein sollte. Und das jetzt ent-
    standene Kompositum „Schmuckkästchen“ hat noch einen besonderen ver-
    tretenden Wert. Ist „Schmuckkästchen“ nicht ein gebräuchliches Bild für
    das unbefleckte, unversehrte, weibliche Genitale? Und anderseits ein harm-
    loses Wort, also vortrefflich geeignet, die sexuellen Gedanken hinter dem
    Traum ebensosehr anzudeuten wie zu verstecken?

    So heißt es also im Trauminhalte an zwei Stellen: „Schmuckkästchen
    der Mama“, und dies Element ersetzt die Erwähnung der infantilen Eifer-
    sucht, der Tropfen, also des sexuellen Nassen, der Verunreinigung durch
    den Fluor und anderseits der jetzt aktuellen Versuchungsgedanken, die auf
    Gegenliebe dringen und die bevorstehende — ersehnte und drohende —
    sexuelle Situation ausmalen. Das Element „Schmuckkästchen“ ist wie kein
    anderes ein Verdichtungs- und Verschiebungsergebnis und ein Kompromiß
    gegensätzlicher Strömungen. Auf seine mehrfache Herkunft — aus infan-
    tiler wie aus aktueller Quelle — deutet wohl sein zweimaliges Auftreten
    im Trauminhalte.

    Der Traum ist die Reaktion auf ein frisches, erregend wirkendes Er-
    lebnis, welches notwendigerweise die Erinnerung an das einzige analoge
    Erlebnis früherer Jahre wecken muß. Dies ist die Szene mit dem Kusse
    im Laden, bei dem der Ekel auftrat. Dieselbe Szene ist aber assoziativ von
    anderwoher zugänglich, von dem Gedankenkreise des Katarrhs (vgl. S. 86)
    und von dem der aktuellen Versuchung aus. Sie liefert also einen eigenen
    Beitrag zum Trauminhalte, der sich der vorgebildeten Situation anpassen
    muß. Es brennt … der Kuß hat wohl nach Rauch geschmeckt, sie riecht
    also Rauch im Trauminhalte, der sich hier über das Erwachen fortsetzt.

    In der Analyse dieses Traumes habe ich leider aus Unachtsamkeit eine
    Lücke gelassen. Dem Vater ist die Rede in den Mund gelegt: Ich will
    nicht, daß meine beiden Kinder usw. (hier ist wohl aus den Traum-
    gedanken einzufügen: an den Folgen der Masturbation) zugrunde gehen.
    Solche Traumrede ist regelmäßig aus Stücken realer, gehaltener oder ge-
    hörter Rede zusammengesetzt. Ich hätte mich nach der realen Herkunft

  • S.

    95

    dieser Rede erkundigen sollen. Das Ergebnis dieser Nachfrage hätte den
    Aufbau des Traumes zwar verwickelter ergeben, aber dabei gewiß auch
    durchsichtiger erkennen lassen.

    Soll man annehmen, daß dieser Traum damals in L. genau den näm-
    lichen Inhalt gehabt hat wie bei seiner Wiederholung während der Kur?
    Es scheint nicht notwendig. Die Erfahrung zeigt, daß die Menschen häufig
    behaupten, sie hätten denselben Traum gehabt, während sie die einzelnen
    Erscheinungen des wiederkehrenden Traumes durch zahlreiche Details und
    sonst weitgehende Abänderungen unterscheiden. So berichtet eine meiner
    Patientinnen, sie habe heute wieder ihren stets in gleicher Weise wieder-
    kehrenden Lieblingstraum gehabt, daß sie im blauen Meere schwimme,
    mit Genuß die Wogen teile usw. Nähere Nachforschung ergibt, daß auf
    dem gemeinsamen Untergrunde das eine Mal dies, das andere Mal jenes
    Detail aufgetragen ist; ja, einmal schwamm sie im Meere, während es
    gefroren war, mitten zwischen Eisbergen. Andere Träume, die sie selbst
    nicht mehr für die nämlichen auszugeben versucht, zeigen sich mit diesen
    wiederkehrenden innig verknüpft. Sie sieht z. B. nach einer Photographie
    gleichzeitig das Ober- und das Unterland von Helgoland in realen Dimen-
    sionen, auf dem Meere ein Schiff, in dem sich zwei Jugendbekannte von
    ihr befinden usw.

    Sicher ist, daß der während der Kur vorfallende Traum Doras —
    vielleicht ohne seinen manifesten Inhalt zu ändern — eine neue aktuelle
    Bedeutung gewonnen hatte. Er schloß unter seinen Traumgedanken eine
    Beziehung zu meiner Behandlung ein und entsprach einer Erneuerung des
    damaligen Vorsatzes, sich einer Gefahr zu entziehen. Wenn keine Er-
    innerungstäuschung von ihrer Seite im Spiele war, als sie behauptete, den
    Rauch nach dem Erwachen schon in L. verspürt zu haben, so ist anzu-
    erkennen, daß sie meinen Ausspruch: „Wo Rauch ist, da ist Feuer“ sehr
    geschickt unter die fertige Traumform gebracht, wo er zur Überdetermi-
    nierung des letzten Elementes verwendet erscheint. Ein unleugbarer Zufall
    war es, daß ihr der letzte aktuelle Anlaß, das Verschließen des Speise-
    zimmers von seiten der Mutter, wodurch der Bruder in seinem Schlaf-
    raume eingeschlossen blieb, eine Anknüpfung an die Nachstellung des
    Herrn K. in L. brachte, wo ihr Entschluß zur Reife kam, als sie ihr
    Schlafzimmer nicht verschließen konnte. Vielleicht kam der Bruder in den
    damaligen Träumen nicht vor, so daß die Rede „meine beiden Kinder“
    erst nach dem letzten Anlasse in den Trauminhalt gelangte.